Elsternest

Wieder ein erfolgreicher Stipendiat des Schriftstellerhauses im Literaturhaus

geltinger

Am 14. September las der Schriftsteller Gunther Geltinger im Literaturhaus aus seinem gerade im Suhrkamp-Verlag erschienenen Roman „Moor“. Moderiert wurde der Abend von dem ehemaligen Leiter des Literaturhauses Köln, Thomas Böhm. Beide kennen sich gut, Geltinger wohnt heute in Köln. Dieses gegenseitige Kennen und Respektieren war die Basis für ein gelungenes Gespräch, in dem beide brillante Punkte setzten.

Der Roman „Moor“ erzählt die Geschichte des dreizehnjährigen Dion am Ende der Kindheit. Dion stottert und wächst ohne Vater auf. Er ist voller Sehnsucht nach einer intakten Sprache. Das Moor ist sein Revier. Geltinger lässt keinen allwissenden Erzähler auftreten, dafür gibt er dem Moor eine Stimme. Das Moor erzählt die Geschichte des Verhältnis des Sohnes zu seiner Mutter, einer erfolglosen Malerin, die ihr Scheitern in der Kunst und im Leben mit ihrer grenzüberschreitenden Liebe zum Sohn kompensiert.

Dion ist ein Kenner des Moores und sammelt Libellen. So verwundert es nicht, dass eine Libelle zentrales Motiv der Gestaltung des Buchumschlages ist. Im Gespräch mit Thomas Böhm erklärte Gunter Geltinger die Lebenswelt der Libelle. Der Schlüpfen der Libelle ist für ihn Metapher für die Phase zwischen Jugend und dem Erwachsensein.

Gunter Geltinger sprach an diesem Abend ganz offen über das Stottern. Als Kind stotterte er selber. Ganze Synonymwörterbücher entstanden in seinem Kopf, um die sprachlichen Klippen umschiffen zu können. Diese aus der Kindheit herrührende Sprachaneignung schlägt sich in seinen Texten nieder.

In der freien Rede spürt man nichts von diesem Handicap. Aber wenn Geltinger liest, kommt es zu Stockungen. Seine zartgliedrigen Hände unterstreichen seine Lesung in weit ausholenden Gesten. Der Text kommt dadurch in Fluss. Für einen Stotterer, so erklärt Geltinger, ist der Nachname des Jungen ein Verhängnis: Katthusen. Mit diesem harten Konsonant am Anfang ist er gestraft und mit dem „t“ in der Mitte doppelt. Am Ende seiner Kindheit erzählt Dion seine Geschichte: von der Sehnsucht nach einer intakten Sprache, die nicht voller Löcher und Spalten ist wie der morastige Boden am Rand des norddeutschen Dorfes, in dem er aufwächst.

Die Mutter braucht sein Stottern, um mit ihrem eigenen Leben klar zu kommen (sie ist nicht nur Malerin sondern arbeitet auch als Prostituierte). Würde Dion nicht stottern, müsste sie ihn in die Welt entlassen. So aber bindet sie ihren Sohn an sich und wird übergriffig. Das alles hat Geltinger in vier große Kapitel gegossen, die nach den vier Jahreszeiten benannt sind.

Was Menschen tun, um der Einsamkeit zu entkommen, wie sie andere verletzen, um die eigene Versehrtheit an Körper und Seele auszuhalten und was sie dabei der Liebe zumuten und abverlangen, davon erzählt dieser Roman in einer Sprache voller lyrischer Bilder. Als ich Gunther Geltinger zum ersten Mal Entwürfe zu diesem Roman lesen hörte, war er Stipendiat des Schriftstellerhauses. Nun liegt das fertige Werk vor und wartet auf seine Leser.