Elsternest

S-21 Ist der Käs‘ wirklich schon gegessen?

S-21 Käs'

Konrad Nestle engagiert sich seit vielen Jahren gegen das Bauprojekt Stuttgart 21 (S-21). Nun hat er ein Positionspapier erstellt. Darin befasst er sich mit einer Studie, die untersucht, wie die Tunnel für S-21 für den Transport für Güter umgenutzt werden können. Mit seiner Erlaubnis lege ich sein Papier ins Elsternest:

Was tun mit den S-21-Tunneln und dem Bahnhofsgraben?

Nicht ohne Grund gilt S-21 als Murksprojekt. Noch immer ist der Erhalt des Kopfbahnhofs die bes­sere Alternative. Doch der Murks ist da und die Frage unausweichlich: Was tun damit? Etwas Bes­seres als Ewigkeitskosten (z.B. zur statischen Sicherung der Tunnel) muss es doch geben. Das war vor einigen Jahren der Ansatz von „Umstieg 21“. Dieses Konzept hätte für die damaligen und jetzi­gen Befürworter und Betreiber die Chance geboten, S-21 gesichtswahrend zu beenden und trotz massiver Zerstörungen das Beste draus zu machen. Man ließ das Angebot ungenutzt.

S-21 steckt auch durch den ungelösten Brandschutz in der Krise

Jetzt, in einer neuen Krise des Projekts (Stichwort: Brandschutz), legen die ursprünglichen und weitere Verfasser von „Umstieg 21“ nach, machen Teile der Idee konkreter. Sie präsentieren – z.B. auf der Montagsdemo vom 19.4.21 – eine Plausibilitäts-Studie Güterlogistik von zwei Professoren der Universität Coburg. Diese zeigen, wie Tunnel und Bahnhofsgraben für eine unterirdische Güter­logistik auf der vorletzten Meile des Gütertransports genutzt werden könnten. Sie schlagen vor, die Tunnel für automatisierten elektrischen Gütertransport von den Enden der Tunnel, zunächst in Un­tertürkheim und auf den Fildern, zu nutzen. Die vollautomatisierten Transportlinien laufen in dem „HUB“ (auf Deutsch sagt man „Nabe“) des Systems im S-21-Graben zusammen. Für solche Systeme gibt es historische Beispiele aus Chicago und London, aktuelle Pläne in Hamburg (Smart City Loop) und der Schweiz („Cargo Sous Terrain“). Den Transport von Gütern besser zu gestalten als durch maßlosen LKW-Verkehr ist ein extrem wichtiges Projekt.

Neue Ideen sollten geprüft und diskutiert werden

Die Gegner des Projekts S-21 verstanden sich schon immer als eine Art Volkshochschule. Das Pro­jekt wurde wegen seiner verkehrlichen, demokratischen (hastige Scheinlegitimierung) und ökologi­schen Mängel zu Recht heftig kritisiert. Es wurde zunehmend deutlich, dass die Gegner am konkre­ten Objekt S-21 auch für allgemeine Ziele der Klima- und Demokratiebewegung kämpften. So sprachen auch Vertreterinnen von Fridays for Future oder Mehr Demokratie auf Montagsdemos.

Kern dieser Gemeinsamkeit ist der Gedanke, dass alle Aspekte der zukünftigen Gesellschaft, eben auch z.B. Bahnhöfe, zukunftsfähig sein müssen, nachhaltig in dem Sinn, dass sie Teil eines Systems sein können, das den folgenden Generationen den Planeten so hinterlässt, dass er noch genauso gut bewohnbar ist, wie er es mindestens bis vor einigen Jahrzehnten war.

Hier beginnen die Schwierigkeiten. Der Versuch, aus dem Murks S-21 auf den letzten Metern noch „das Beste“ herauszuholen, ist eben, „das Schlimmste“ zu verhindern. Doch wenn wir beanspru­chen, etwas Zukunftsfähiges im obigen Sinn zu fordern, müssen wir anders ansetzen.

Ist der Vorschlag der Studie mit einem Umsteuern in Sachen Klimaschutz vereinbar?

Die Studie (i) kann nicht anders als von gegenwärtigen Voraussetzungen ausgehen, also von ca. 200.000 Bewohnern des Stadtkerns von Stuttgart und den von ihnen direkt oder indirekt (über Ge­schäfte) bezogenen Güter. Erwähnt wird auch z.B. die Zunahme von online-Bestellungen. Die Stu­die geht somit von einer Verlängerung der jetzigen Entwicklung in die Zukunft aus. Die Autoren von „Umstieg 21“ werden aber wohl zustimmen, dass die Fortschreibung der jetzigen ökonomi­schen Entwicklung in ziemlich naher Zukunft auf mehreren Ebenen in die Katastrophe führt. Sonst wären die Solidaritätsbekundungen mit der Klimabewegung geheuchelt.

Der Güterverkehr für die nächsten 50 Jahre muss also für zukunftsfähige Verbrauchsmengen (und nur diese) berechnet werden. Gutes Leben (oder: Lebenszufriedenheit oder – philosophisch: Glück) steigt nicht proportional zum Konsum. Vielleicht im Gegenteil. Ich persönlich wäre unglücklicher, wenn ich soviel Auto fahren, Kleider kaufen oder solche Urlaube verbringen müsste wie manche meiner Nachbarn. Natürlich tauge ich nicht als Maßstab, doch klar ist, die Menschheit braucht einen sehr stark gebremsten Temperaturanstieg und dazu weniger Verkehr, v.a. viel weniger motorisierten Individualverkehr und geringeren Verbrauch von Ressourcen, v.a. extrahierter wie Öl und Metalle.

Der Zwang zu ewigem Wachstum

Der Zufall bringt es mit sich, dass die taz ebenfalls am 19.4.21 über eine Studie über notwendige gesellschaftliche Veränderungen berichtet, die bei der Heinrich-Böll-Stiftung erschienen ist (ii). Dort wird argumentiert (S.9), eine sozial-ökologische Transformation sei nötig, „bei der es in erster Li­nie darum geht, weniger zu produzieren und zu konsumieren, aber sehr wohl auch darum, konkrete menschliche Bedürfnisse zu befriedigen und dem Gemeinwohl zu dienen, indem man Kooperation, Fürsorge, Solidarität und Nachhaltigkeit fördert, um ein gutes Leben für alle zu erreichen.“  Mensch­liches Wohlbefinden könne durch (nicht trotz) geringeren Verbrauch steigen. So könnten Menschen nicht nur akzeptieren, weniger zu verbrauchen, sondern auch zu einem System zu wechseln, das nicht auf dem Zwang zu ewigem Wachstum basiert.

Die fünf Autorinnen und Autoren befürchten, dass auch die fortschrittlichsten bestehenden Programme zu Begren­zung des Temperaturanstiegs „keinen nachhaltigen, sicheren und auf Teilnahme beruhenden Weg bieten, eine unkontrollierte Klimakrise zu verhindern“ (S. 13). Technologische Lösungen (gemeint sind wohl z. B. E-Autos oder Wasserstofftechnologie) sind nicht aussichtsreich und ihrerseits mit ökologischen Risiken verbunden. Der Globale Norden sei verantwortlich für die Klimakrise und müsse daher handeln, indem Verbrauch und Produktion reduziert werde.

Der Güterverkehr nahm zwischen 1990 und 2014 weltweit um 60% zu (S.43). Ursache ist v.a. die Produktion in Billiglohnländern für den Globalen Norden. Die Handelsmenge lässt sich ohne Ver­lust an Lebensqualität reduzieren. Die Studie bietet eine lange Liste von Maßnahmen dazu, z.B. Regionalisierung von Produktion und Verbrauch oder längere Nutzungsdauer der Produkte.

Was hat die Studie der Böll-Stiftung mit S-21 zu tun?

Zurück zu S-21. Für die Umnutzung der Tunnel und des Grabens für lokalen, LKW-freien Güter­transport müssten wir mehr wissen:

1. Wie weit müsste das Transportaufkommen in einem nachhaltig lebenden Stuttgart sinken? Die Coburger Studie geht vom gegenwärtigen Stand aus und berechnet danach die Wirtschaftlich­keit automatisierten elektrischen Gütertransports durch die S-21-Tunnel.

2. Wo und wie würden die in der Stadt zu verteilenden Güter des Fernverkehrs den Raum Stuttgart erreichen?

In Untertürkheim gab es mal einen Güterbahnhof, der zum Abstellbahnhof von S-21 umgebaut werden soll. Zu dem Vorschlag „Umstieg 21“ würde die Forderung passen, diesen in einen (Stückgut)- Güterbahnhof umzubauen. Ferner gibt es einen Hafen, in dem Massengüter wie früher Kohle und heute v.a. Baustoffe und Metalle (per Bahn und Schiff z. Zt. ca. 900.000 t) günstig umgeschlagen werden können, aber auch Container (ca. 40.000 Stück) (iii). Viel davon dürfte wieder in den Fernverkehr gehen. Von Stückgutverkehr auf Europaletten (wie in der Coburg-Studie für den Güterverkehr im Tunnel zugrunde gelegt) kann dort erst nach sehr grundlegenden Änderungen im Güterfernverkehr gesprochen werden. Schlechter noch ist die Lage am Tunnelende auf den Fildern. Dort gibt es – die Autobahn; in diesem Jahrhundert mit Sicherheit keinen Güterbahnhof. Ein Güter­verteilungssystem von dort durch den Tunnel setzt LKW-Fernverkehr voraus. Das passt nicht zu der Forderung „Güter auf die Schiene!“

Wie entwickelt sich der Güterverkehr in der Zukunft?

Natürlich liegen die Zahlen für zukünftigen innerstädtischen Güterverkehr nicht vor, natürlich ist es sehr schwierig, sie zu bestimmen. Und natürlich ist es sinnvoll, Zwischenlösungen zu suchen. Doch wenn, wie ich vermute, die Mehrheit der S-21-KritikerIinnen sich mit gutem Grund solidarisch mit der Klimabewegung sehen, sollten aus unsrer Mitte möglichst Vorschläge kommen, in denen diese langfristige Perspektive mitgedacht ist.

„Umstieg 21“ hat einen guten Ansatz und ist – im besten Sinn – diskussionswürdig. Diese Diskussi­on sollte in unserer „Volkshochschule“ geführt werden.

Konrad Nestle (April 2021)

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(i) Die Studie ist unter dem Artikel in KONTEXT: Alternativ zum Käs‘ abrufbar.

(ii) Bernhard Pötter „Ein Flug alle drei Jahre“, in: taz vom 19.4.2021, S. 9. A Societal Transformation Scenario for Staying Below 1.5°C Eine Studie von Kai Kuhnhenn, Luis Costa, Eva Mahnke, Linda Schneider, Steffen Lange (https://www.boell.de/de/2020/12/09/societal-transformation-scenario-staying-below-15degc). Alle Übersetzungen aus dem Engl. vom Verf.

(iii) https://www.hafenstuttgart.de/gueterumschlag.php

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