Mein Hemd überwacht mich

17.01.2014 at 11:54

nsa

Vor kurzem kaufte ich mir Sportkleidung bei Decatlon und wurde zum ersten Mal mit diesem, in der Kleidung angebrachten, RFID-Chip (radio-frequency identification) konfrontiert. Warum machen die das, fragte ich. Angeblich steuern sie damit ihre Logistik. In den Paketen wird mittels RFID-Technologie der Inhalt abgefragt und an den richtigen Empfänger gebracht.

Nun ist bei dem Chip ein Scherenzeichen angebracht. Man kann, soll, es abschneiden. Damit ist die Sache erledigt. Aber es stellt sich doch die Frage, wie werden wir überwacht, welche Methoden gibt es? Der RFID-Chip ist nur eine Form. Dieser befindet sich übrigens mittlerweile in einem Großteil der Ersatzteile der Automobilindustrie, damit sie nach verfolgen können, ob Originalteile ersetzt wurden.

Die Enthüllungen von Edward Snowden zeigen nur die Spitze des Überwachungseisberges. Darunter liegen all die Dinge, die wir tagtäglich mit uns machen lassen oder selber machen. Das Smartphone, das ständig Daten von uns ins Netz stellt. Das erlauben wir ihm! Die internetfähigen Fernsehgeräte, die unsere Sehgewohnheiten übertragen. Der E-Book-Reader, der zurück meldet, welches Buch wir lesen, wie lange wir es gelesen haben und wann wir voraussichtlich mit der Lektüre fertig sind. Grundsätzlich kann gesagt werden: Alle Geräte, die mit dem Internet verbunden sind, geben etwas von unserer Privatsphäre frei. Weiterhin geben wir immerzu Auskunft über unser Einkaufsverhalten, wenn wir bei den Händlern unsere Kundenkarten oder Payback-Karten über die Scanner an den Kassen ziehen lassen. Ganz zu schweigen von den Bestellungen, die wir im Internet tätigen.

Ein Mensch, der keine Geheimnisse hat, hat keine Grenzen, ist nicht integer, sagt Juli Zeh, die Initiatorin der Petition „Writers Against Mass Surveillance“.

Ich kann ihr nur zustimmen. Warum verhindern wir dann nicht, dass unsere Intimsphäre tausendfach missachtet wird? Dort, wo wir es können? Ich habe diese Petition unterschrieben. Ich nutze kein Smartphone, keinen intelligenten Stromzähler und schneide RFID-Chips ab, sobald ich sie entdecke. Aber ich gebe mich keiner Illusion hin: Für mich ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich in der „Datenwolke“, wenn auch nur als Leerstelle, identifiziert bin. Weil die modernen Staatsbürger diese Technologien so lieben und ihnen ein einfaches Einkaufs-„Leben“ vorgegaukelt wird, gibt es gegen die Totalüberwachung keinen massenhaften Aufschrei.

Die 562 international anerkannte Autorinnen und Autoren, die sich zu einer öffentlichen Intervention gegen die Gefahren der systematischen Massenüberwachung zusammengeschlossen haben, sind nur eine verschwindende Minderheit. Exoten, die sich mit guten Büchern beschäftigen. Ihr Protestschreiben wird, so ist zu befürchten, im Rauschen der digitalen Kommunikation unter gehen. Das wird mich allerdings nicht vom eigenen Denken abhalten.

Schlechte Filme hauen einen aus der Hose

08.01.2014 at 9:49

Aus der Hose gehauenWirklich schlechte Filme haben auf den Zuschauer eine extreme Wirkung. Mir ging es gestern so, als mich meine Arbeitskollegen überredeten,  „Machete Kills“ anzuschauen. Mit einer heftigen, körperlichen Reaktion, die mich aus der Hose haute, hatte ich nicht gerechnet.

Ein wundersamer Ort – Hall of Fame

02.01.2014 at 13:30

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Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich an den Graffitiflächen der „Hall of Fame“ vorbei und was ich da an Kunstwerken sah und immer wieder neu sehe (regelmäßig grundieren die Sprayer die Flächen für neue Bilder), drängte mich, das zu dokumentieren. Dabei ist der Name für den Blog entstanden: Elsternest. Gleich der diebischen Elster lege ich die hier und da gefundenen Schätze ins (Blog)-Nest. Alle Bilder nun in groß:
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Ein gutes neues Jahr…

01.01.2014 at 19:02

Neujahr in Stuttgart

… wünsche ich allen Leserinnen und Lesern meines Blogs. Ich bin zusammen mit meiner Frau und zwei guten Freunden ins neue Jahr gerutscht, mit einem herrlichen Blick über das illuminierte Stuttgart. Aus allen Fenstern konnten wir das prächtige Feuerwerk sehen. In diesem Sinne:

L a s s e n   w i r   e s   k r a c h e n  !

krachen

Wessen Stadt? – Unsere Stadt!

30.12.2013 at 12:54

Rote Flora Hamburg

Ich bin am 22. Dezember in Hamburg angekommen, einen Tag nach den gewalttätigen Demonstrationen auf der Reeperbahn und vor der „Roten Flora“. An drei Themen entzündeten sich die Auseinandersetzungen mit der Polizei:

  • Der Wohnraummangel rund um die Esso-Häuser, die von der Stadt aufgrund akuter Einsturzgefahr geräumt wurden
  • die Forderungen nach Bleiberecht für alle Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsgebieten (Lampedusa ist überall) und
  • der drohenden Räumung der Roten Flora, das selbstverwaltete Kulturzentrum, das der Musicalbranche in den achtziger Jahren abgetrotzt wurde.

7.000 bis 10.000 Demonstranten sollen am 21. Dezember auf den Straßen gewesen sein und tausende vom autonomen Block, die die Auseinandersetzung mit der Polizei nicht scheuten. Seit drei Jahren demonstrieren die Stuttgarter Bürger friedlich gegen den unterirdischen Bahnhof. Hier in Hamburg kommt es seit Jahren zu gewalttätigen Demonstrationen: Pflastersteine und Gehwegplatten werden auf Polizisten geschleudert, Farbbeutel fliegen hinterher und verspotten so die getroffenen Polizisten. Wo kommt dieser Hass her, der auch vor Schaufensterscheiben und Polizeiautos nicht Halt macht? Welches Ziel verfolgen die Demonstranten, die so etwas machen? Fühlen sie sich als Kämpfer für eine Sache, die es erlaubt, alle Grenzen zu durchbrechen, Verletzte in Kauf nehmen zu können? Welche Illusionen haben sich in ihren Köpfen festgesetzt? Wollen sie mit diesen Aktionen das „repressive System“ herauszufordern und dadurch ein Zeichen setzten? Die berechtigten Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum in der Innenstadt, nach Aufnahme der unter Krieg leidenden Flüchtlinge in einer reichen Stadt und nach selbstbestimmter Kultur werden unter dem Hagel der Steine und dem Hass begraben. Das kann die Bewegung nur durch langfristig angelegte Aktionen voran bringen, mit dem Aufbau von Netzwerken, die in die Mitte der Bürgergesellschaft vordringen und sich dort festsetzten. Die Steine werfenden Demonstranten katapultieren sich aus den Herzen derjenigen, die sich solidarisch mit den Flüchtlingen gezeigt haben, die eine andere Stadtpolitik diskursiv voran bringen, die aufdecken und anprangern. Gewalt war noch nie eine Lösung. Alle gewaltsam herbei geführten Veränderungen haben schlussendlich die Bewegungen kannibalisiert und brutalisiert. Ein Blick in die Geschichtsbücher würde genügen, das zu erfahren und die Möglichkeit geben, über die eigene Aktionsform nachzudenken.
Andere mit nehmen, zu Aktionen der Zivilgesellschaft anzustiften, das ist große Stärke der Protestbewegung rund um den Stuttgarter Bahnhof, die viele zum Nachdenken über diese Fragen gebracht haben, auch wenn sie mit ihrer Kernforderung „Oben bleiben – Erhalt des Kopfbahnhofes“ nicht erfolgreich war. Wir werden auch im nächsten Jahr an den Themen dran bleiben und Fragen stellen: Wessen Stadt? Wofür und wie wollen wir leben? Was soll eine solidarische Gesellschaft aussehen. Das werden wir bunt, kreativ und mit viel Humor tun.Hamburg - Selbstbestimmtes Leben

 

Ringelnatz – Eine Annäherung

20.12.2013 at 13:25

Lesung Ringelnatz_Buch und Plakat

Am 13. Dezember 2013 las ich Gedichte aus dem Werk von Ringelnatz im Antiquariat
„Buch & Plakat“. Dabei schlug ich einen weiten Bogen von den Anfängen bis hin zu den politisch-anarchistischen Gesängen des Franz Josef Degenhardt. Hintergründe zum Leben von Ringelnatz, seine Verfolgung und Bücherverbrennung durch die Faschisten kamen ebenso zur Sprache wie seine Leidenschaft für die Seefahrt, der er mit seinen Gedichten um den Seefahrer Kuddel Daddeldu ein Denkmal gesetzt hat.

mikrofonSabine Gärttling vom Freien Radio Stuttgart hat einen Mitschnitt der Lesung gemacht. Ausschnitte daraus sind am Samstag, 21.12.2013, ab 15 Uhr in der Sendung Kulturpalast zu hören. Über Antenne ist FRS  auf der Frequenz 99,2 MHz zu empfangen, über Kabel auf der Frequenz 102,1 Mhz. Im Internet wird die Sendung ebenfalls verfügbar sein, über den Lifestream (rechts auf der FRS-Seite).

 

Ausschnitte mit Sprachdateien aus dem Programm gibt es auf meiner Seite Lerchenflug.de unter der Rubrik Prosa.

Die ganze Wahrheit – rein subjektiv

14.12.2013 at 18:19

Peter Grohmann Alles Lüge außer ich

Der Anstifter und Kabarettist Peter Grohmann hat seine Autobiografie vorgelegt: „Alles Lüge außer ich“. Im Theaterhaus hat er sie an seinem Geburtstag vorgestellt, ich hatte mir gleich ein Exemplar gesichert.

Vorweg: es passt kein Blatt zwischen Peter Grohmann und seinen Text. Das Buch hat einen Sound, den man von Peter im realen Leben kennt. Mich hat dieser sofort in die Lektüre hinein gezogen.

Peter Grohmann blättert in acht großen Kapiteln sein Leben auf. Um diese großen Kapitel besser lesbar zu machen, unterteilt er sie in „Denkzettel“. Im ersten Kapitel geht er weit in seine Familiengeschichte zurück, die wichtig ist, sein engagiertes Leben zu verstehen. Großvater und Vater waren in der Arbeiterbewegung engagiert und Peter folgt der faustischen Weisung: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Die Wurzeln der Familie liegen in Meißen, Dresden und Breslau, wo er 1937 geboren wurde ebenso wie sein Vater, 30 Jahre vorher. Breslau und Dresden prägten und prägen den Grohmannschen Sprachsound.

Manchmal fragte ich mich bei der Lektüre, wie hat Peter seinen Humor über all die schlimmen Erlebnisse seiner Kindheit gerettet. Oder ist ihm gar daraus ein Galgenhumor erwachsen? Die Bombennächte in Dresden. Vertreibung – mehrfach: Von Breslau im Krieg nach Dresden vertrieben, bei Kriegsende aus Dresden wieder zurück nach Breslau, entgegen den Flüchtlingstrecks. Seine Mutter allein mit ihm und seinem Bruder, von Russen missbraucht. Nicht mit Eisenbahnen gespielt sondern mit Munition und altem Kriegsgelump. Er findet für die verletzte Kinderseele ein wunderbares Bild: Sein Teddi, den er als Kind überall mit hin nimmt, verliert mehr und mehr seine Gliedmaßen. Diese Kindheitsbeschreibungen berührten mich am stärksten.

Als sozialdemokratische Familie glaubten die Grohmanns, in der DDR die richtige Heimat gefunden zu haben. Aber der Sozialismus, der da gebaut wurde, hatte wenig mit Freiheit zu tun, die für die Familie unabdingbar mit dem Begriff verbunden war. Der Vater hatte die stalinistischen Auswüchse seiner Träume in russischer Gefangenschaft erlebt und türmte 1951 nach Westdeutschland, die Mutter mit den beiden Söhnen kurze Zeit später hinterher. Wieder auf der Flucht, aus dem dunklen Thüringer Wald in eine schwäbische Kleinstadt, in die Enge der christlichen Provinz. Nicht gerade die Freiheit, die sich die Grohmanns vorgestellt hatten.

Schule? Die hat Peter Grohmann in seinem Leben nur wenige Jahre besucht. Um so mehr las er später alles, was ihm in die Finger kam, linke Literatur bei den sozialistischen Falken, denen er sich im Westen angeschlossen hatte. Drucker ist er geworden. Er, der so wenig von den Bildungsanstalten verbogen wurde. Aufrecht arbeitete er in der Gewerkschaft. Immer wieder springt er von den biografischen Aufzeichnungen in die politische Aktion. Wie z. B. von der zeit in Zwiefalten (hier waren die Grohmanns nach der Flucht gestrandet)  zur Aktion der 70 km langen Farbspur. Eine Spur der Erinnerung an die Kranken und Behinderten, die in Grafeneck, 30 km von seinen damaligen Heimatort entfernt, im Faschismus ermordet wurden, gezogen bis nach Stuttgart. Das war im Jahr 2009.

Bei den Falken holte er sich das politische Rüstzeug. Er diskutierte über den Aufstand der Arbeiter 1953, interessierte sich für den Kampf der Schwarzen und knüpfte Kontakte in die DDR, seine alte Heimat. Das war im anderen deutschen Staat nicht ganz ungefährlich, selbst wenn man Linker war (und in der SPD). An diesen Stellen kristallisierte sich seine Unabhängigkeit heraus, sein Weg, abseits jeglichen Dogmatismus. Das wird an vielen kleinen Kristallisationspunkten in der Biografie deutlich. Es ist nur konsequent, wie er dabei seinen antimilitaristischen Standpunkt findet. Er ist einer der ersten Kriegsdienstverweigerer in Baden-Württemberg. Respektvoll beschreibt er seinen Mentor und Lehrer Fritz Lamm, einer, an den er sich halten konnte, abseits der parteipolitischen Ausrichtung.

Ganz nebenbei heiratete er auch noch und wurde zweifacher Vater. Mitte der sechziger Jahre, das beschreibt er sehr einfühlsam, hieß das, mit den herkömmlichen Erziehungsidealen zu brechen. Den ersten Kinderladen in Stuttgart hat er mit gegründet. Und den Club Voltaire. Prägend für sein politisch-kulturelles Engagement bis heute. Hier trifft er auf Willi Hoos, Bindeglied zur Arbeiterschaft bei Mercedes Benz, bekommt Kontakt mit der APO und Künstlern aus Stuttgart. Sie organisieren einen Apfelverkauf, um die Bauern im Umland zu unterstützen. So lange gibt es also schon den Gedanken, den wir heute als Fair Trade groß in Szene setzen.

All das beschreibt er in einem lebendigen Stil, die Jahre fließen im Buch nur so dahin. Er springt in den Kapiteln vom historischen Erzählen zu aktuellen Ereignissen, zieht Linien, durch die klar wird, wie alles zusammen gehört und wie sich das eine und das andere aus dem Historischen entwickelt hat. Dabei findet er immer wieder eine Sprache, die zwischen dem Dialekt seiner Mutter und lyrischen Formen changiert. Wunderbar, wie er seine neue Lebenspartnerin charakterisiert, die er über den Aufbau des Theaterhauses in Stuttgart kennen lernte: „Marlis…, die Architektin meines Lebens.“ Wer solche Sätze schreibt, hat das Herz auf dem richtigen (linken) Fleck.

Peter Grohmann breitet uns sein Leben aus, gewährt uns Einblicke in seine Entwicklung auch in sein Scheitern. Sein Versuch nach der Wende in Dresden Fuß zu fassen, einen anderen Weg als den von der herrschenden Klasse dort zu gehen, scheiterte. Ohne Groll gewährt er Einblick in dieses Kapitel seiner Biografie. Die Idee der „Anstifter“ hat er aus Dresden mitgebracht. Ich habe ihn kennen gelernt als Anstifter im Kampf gegen den wahnsinnigen Plan, den Stuttgarter Hauptbahnhof unter die Erde zu legen. Leider ist für mich gerade dieses letzte Kapitel das schwächste in dem Buch. An den Aktionen beteiligte ich mich seit Anfang 2010, kenne sie aus eigenen Erfahrungen. Vielleicht verwebe ich meine Erfahrungen zu sehr mit der Lektüre dieses wunderbaren Buches. Von wegen: „Alles Lüge – außer ich“. Wieder ein Kampf (politisch) verloren. Aber Peter Grohmann macht Mut mit seiner Biografie, hinzustehen, nicht aufzugeben, humorvoll die Dinge anzupacken, immer wieder, Tag für Tag.
Lasst uns gemeinsam ANSTIFTEN!

Peter Grohmann:
Alles Lüge außer ich – Eine politische Biografie
Silberburg-Verlag
320 Seiten, 121 Abbildungen, Format 14,5 x 21,5 cm, gebunden, 24,90 €
ISBN 978-3-8425-1267-2