Vor hundert Jahren …

25.03.2014 at 10:34

tardi… begriffen die Kinder auch nicht, was Krieg bedeutet.
Aus der Jugend des Comic-Zeichners Tardi.

Wer wird schon 100?

22.03.2014 at 19:27
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Um es vorweg zu nehmen: Thaddäus Troll nicht. Er hat im Alter von 66 Jahren seinem Leben ein Ende gesetzt. Einem Leben im Dienst des geschriebenen Wortes, im Dienst an vielen Schriftstellern, denen er unter die Arme gegriffen und deren literarischen Weg er geebnet hat. Ob in gewerkschaftlichen Organisationen oder schriftstellerischen Vereinigungen wie dem „Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V.“, den er 1973 mit gründete. Am 14. März wäre dieser großartige Schriftsteller und „Netzwerker“ 100 Jahre alt geworden, Anlass zu feiern.

Der Förderkreis vergibt seit 1981 einen zu seinen Ehren genannten Preis, beschlossen im Juli 1980, auf der ersten Sitzung nach dem Tod von Thaddäus Troll. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst alimentiert das Preisgeld. Jedes Jahr werden Autoren mit diesem Preis ausgezeichnet, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Vierzehn Preisträger lasen am Tag des hundertsten Geburtstag im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek.

Thaddäus Troll 100. Geburtstag: Eröffnung durch Frau Eleonore Lindenberg

Eröffnung durch Frau Eleonore Lindenberg

Ich hadere mit diesem Saal, er liegt unter der Erde, bar jeden Tageslichts, funktional aber nicht gemütlich. Was das Team der Leiterin der Bibliothek, Christine Brunner, aus dem Saal an diesem Abend gemacht hat, ließen meine Vorbehalte wie Schnee in der Frühlingssonne schmelzen: locker aufgestellte Tische, darauf Blumen, ein frühjahrsgemäßer, blühender Forsitienzweig in der Vase neben dem Rednerpult, Essen und Getränke zur Stärkung in den Pausen des Lesemarathons.

Die langjährige Sekretärin von Thaddäus Troll, Eleonore Lindenberg, sprach die einführenden Worte zur Veranstaltung, die den sprechenden Titel „Schriftstellen“ trug, bevor die erste Staffel des Lesemarathons begann.

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Der Preisträger von 2013, Martin Gülich, machte den Anfang mit einer Lesung aus seinem 2003 erschienen Werk Bagatellen. Es ist, wie er sagte, ein altes Werk und durchbrach mit diesen Worten die erste Regel an diesem Abend. Es sind kurze, humorvolle Texte, über die ein Thaddäus Troll sicher geschmunzelt hätte.

Thommie Bayer trat als nächster ans Rednerpult, ihm wurde der Preis 1992 zugesprochen. Bevor er mit dem Schreiben von Romanen begann, zog er als Liedermacher mit seiner 12seitigen Gitarre und Bernhard Lassahn durch die Lande. Ich liebte ihren Song vom letzten Cowboy, der aus Gütersloh kommt und Thommie Bayer fasste im Roman zusammen, was ich damals häufig empfand: Das Herz ist eine miese Gegend. An diesem Abend las er aus seinem gerade erschienen neuen Roman Die kurzen und die langen Jahre. Zum Cowboy passt das Zitat aus dem neuen Roman: „Kennedy starb vor Winnetou. In einem Blaupunkt Radio der eine und im Scala beim Bahnhof der andere“.

Mit einem humorvollen Text erwies Joachim Zelter Thaddäus Troll seine Reverenz. 2000 bekam er den Preis für sein Werk Die Würde des Lügens. Die Textpassage aus Briefe aus Amerika hatte mich schon bei seiner letzten Lesung in Stuttgart beeindruckt. Ich konnte ein Exemplar bei ihm erwerben, leider ist es im Handel nicht mehr erhältlich. Was ist Lüge, was ist Wahrheit? Eine Frage, um die Joachim Zelter in seinen Werken kreist. Zelter gehört zu den Autoren, die sich erfolgreich dagegen sträuben, Romane ausufern zu lassen. 300, 400 oder gar 900 Seiten überlässt er anderen, wie jüngst wieder Schätzing. Ich bezweifle allerdings, ob Schätzing mit seinem neuen Buch ähnlich bered ist wie Joachim Zelter mit seinen kurzen, dichten Romanen auf sprachlich hohem Niveau.

Zum Schluss des ersten Teils las Anna Breitenbach Lyrik. Sie hatte den Preis ein Jahr später als Joachim Zelter erhalten, so passt die Reihenfolge an dieser Stelle. Trotz der strengen lyrischen Form bestach ihr Vortrag durch Humor und Leichtigkeit.

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Die Pause gab Raum nicht nur für Snacks und ein Glas Wein sondern auch für anregende Gespräche und Stöbern auf dem langen Tisch mit Werken der Preisträger. Alte und neue Werke der Preisträger präsentierte die Stadtbibliothek. Sowohl die alte Bücherei am Charlottenplatz zeigte, als auch die neue Bibliothek zeigt in ihrer Präsenzabteilung die Schriftsteller aus Baden-Württemberg im Besonderen die Thaddäus-Troll-Preisträger. Eine Etage, auf der ich mich gerne lesend und stöbernd aufhalte.

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Eva Christiana Zeller eröffnete den zweiten Leseteil mit ihren Gedichten, für die sie als 9. Preisträgerin den Preis 1989 erhielt. Sie veröffentlicht im Tübinger Klöpfer & Meyer Verlag, der sich noch eine Lyriksparte leistet. Viele Verlage haben mittlerweile die Lyrik wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Leider finden sich auch nur wenige Lyrikbände im Buchhandel trotz des Umstands, dass die lyrische Szene in den letzten Jahren sehr starke Impulse durch Festivals, Leseabende und Performances erhalten hat.

Michael Buselmeier las aus seinem Dantezyklus, den er, inspiriert von Dante-Lesungen seiner schauspielernden Schwester, entwickelt hat. In den Gedichten durchschreitet er Dantes Hölle, den Holocaust, den Gulag, kommt in den letzten Gedichten im Paradies an, ein erleichterndes Ende.
Rainer Wochele setzt sich – ähnlich wie Thaddäus Troll – für die Belange der Schriftsteller ein, ist Mitglied im P.E.N und Schriftstellerverband, deren Vorsitzender er lange war. Und: er schreibt wunderbare Romane in einer ihm eigenen, rhythmisierten Sprache. Sein letzter Roman, Sand und Seide, ist noch nicht versandet, da zieht er schon wieder aus seinem karierten Jackett ein neues Manuskript hervor, Arbeitstitel Der Katzenkönig. Passend die von ihm gelesene Szene im Klösterle, das schwäbische Lokal im ältesten Haus in Bad Cannstatt, direkt neben dem nach Thaddäus Troll benannten Platz. Hans Bayer, alias Thaddäus Troll, wuchs in Bad Cannstatt auf, sein Vater hatte ein Seifensiedergeschäft in der Marktstraße.
Matthias Kehle ist der letzte Preisträger, er bekam den Preis 2013 für sein lyrisches Werk aus den Händen von Frau Bussmann. Ingrid Bussmann hat 12 Jahre die Stadtbibliothek geleitet. Heute ist sie Vorsitzende des Förderkreises deutscher Schriftsteller. Matthias Kehle las aus seinem 2012 bei Klöpfer & Meyer erschienen Gedichtband Scherbenballett. Beeindruckend, wie er in wenigen Zeilen ein Bild seines Großvaters entwirft. Dessen ganze Tragödie als Soldat einer faschistischen Armee kommt darin zum Ausdruck und die Unfähigkeit, mit der Vergangenheit abzuschließen.
Markus R. Weber veröffentlichte 1998 seinen Prosaband Extremisten, für den er den Preis im gleichen Jahr zugesprochen bekam. Es scheint ein Thema zu sein, das ihn immer noch beschäftigt, das kommt in den Texten, die er an diesem Abend las, zum Ausdruck.

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Er zitierte auf seiner Projektion einen Satz aus den Tagebüchern von Musil: „Solange man in Sätzen mit Endpunkten denkt, lassen sich gewisse Dinge nicht sagen, höchstens vage fühlen.“

Carmen Kotarski brachte einen Text mit, den sie für Thaddäus zum 100. Geburtstag geschrieben hat: Von Sprache, von Worten, ein Abschied. Kein Jubeltext, das hätte ich ihr auch nicht unterstellt. Nachdenklich, ins Wortholz der Lyrik geschnitten. Ihre an diesem Abend präsentierten Haiku, hatte sie mir vorab geschickt. Es war schön, sie nun von ihr gelesen zu hören. Sie trat im gleichen Kostüm auf wie damals, als sie den Preis erhalten hat: Lederjacke und Baskenmütze. Eine Wortperformerin:
„Was sich auch um sich selbst dreht
im Inneren erwarten sie momentan lebende Akteure

Martin von Arndt hat den Preis 2010 für seinen Roman Der Tod ist ein Postmann mit Hut bekommen (auch bei Klöpfer & Meyer). Ich erinnere mich an die Diskussion beim Bachmann-Wettbewerb, heftig wurde er für den gelesenen Ausschnitt kritisiert. Die Endfassung war preiswürdig. In seinem Roman Oktoberplatz, der im weißrussischen Minsk und in Budapest spielt, erzählte er von der schwierigen Suche seiner Protagonisten nach einer neuen Sicht vom Leben in Osteuropa nach dem Zerfall der Sowjetunion. Sein neuer Textauszug nimmt dieses Thema wieder auf. Diesmal angesiedelt auf dem südlichen Balkan.

Vor sechs Jahren bekam Annette Pehnt den Preis für ihren Roman Mobbing.
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Dass sie auch die kurze Form beherrscht, zeigte sie mit Ausschnitten aus ihrem Lexikon der Angst. Sie berichtet gekonnt von einem Gefühl das jeder kennt, aber auf völlig unterschiedliche Art und Weise. Es nimmt jede nur erdenkliche Gestalt an, lauert uns auf oder schlägt uns in die Magengrube. Mit schriftstellerischer Leidenschaft nimmt sie im Lexikon alles auf, was das Leben zu bieten hat: von der Existenzangst bis zur Todesangst. Sie las einige dieser kurzen Geschichten.
Zwei der lyrischen Form Verbundene bildeten den Abschluss des Abends. Es ist immer schwierig, zum Schluss eines solchen Marathons zu lesen, lässt doch die Konzentration bei dem ein oder anderen Zuhörer nach oder es wirkt schon der Trollinger, in der Pause getrunken.

Susanne Stephan und Walle Sayer schafften es noch einmal, die Gedanken auf diese kurze literarische Form zu fokussieren. Beide haben im Klöpfer und Meyer Verlag eine beträchtliche Anzahl von Lyrik-Bänden vorgelegt. Als passionierter Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs habe ich mich vor Jahren gefragt, wie man einen ganzen Band mit Gedichten zum Thema Tankstellen füllen kann. Susanne Stephan hat es mühelos geschafft, führte mich mit ihrer Lyrik auf eine völlig andere Art und Weise an die Tränken der modernen Karawanen. Sie hatte den Preis 2007 auf Grund eines noch nicht veröffentlichten Manuskriptes erhalten, das sie ein Jahr später unter dem Titel Gegenzauber veröffentlichte.

Walle Sayer schreibt, ja was denn? Kurzprosa? Gedichte? Er hat eine ganz eigene Form entwickelt, mischt beide in eins. Dabei entstehen hoch verdichtet Sprachstücke. Mal nennt er sie Gedichte, dann wieder Miniaturen oder bescheiden Notate aber auch Panoptikum. Sein letztes Buch trägt diese Bandbreite schon im Titel: Strohhalm, Stützbalken.

Vier Stunden Lesungen und Gespräche neigten sich nach den Texten von Walle Sayer dem Ende zu. Dem Dank der Vorsitzenden des Fördervereins der Schriftsteller in Baden-Württemberg, Ingrid Bussmann, an das Team der Bibliothek und die vielen Helfer kann ich mich nur anschließen. Ich bin sicher, wir müssen nicht 100 Jahre warten, um in Stuttgart wieder mit einer so hochkarätigen Literaturveranstaltung beglückt zu werden.

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Ergänzung: Die im Text nicht mit Jahreszahl des Preises erwähnten Autoren
Michael Buselmeier, Preisträger 1995
Eva Christiana Zeller, Preisträgerin 1989
Carmen Kotarski, Preisträgerin 1988
Rainer Wochele, Preisträger 1984
Walle Sayer, Preisträger 1994

Odile Kennel mit Lyrik im Stuttgarter Schriftstellerhaus

16.03.2014 at 11:20

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Lyrik las die derzeitige Stipendiatin im Schriftstellerhaus, Odile Kennel, am 13. März 2014. Ich hatte sie schon bei ihrer Antrittslesung mit ihrer Prosa kennen gelernt. Odile Kennel hatte den Mut, einige ihrer in Stuttgart entstandenen Texte zu lesen. Mutig deshalb, weil sie als Lyrikerin Texte immer und immer wieder überarbeitet und bis zur Veröffentlichung eine lange Zeit verstreicht. So sind es gewissermaßen Rohdiamanten, die sie uns vortrug.

Das titelgebenden Gedicht „oder wie heißt diese interplanetare Luft“ aus ihrem bei dtv erschienen Band und einige andere mehr, las sie an diesem Abend.

Odile Kennel hat sich einen Namen als Lyrikübersetzerin aus dem Französischen, dem Portugiesischen und Spanischen gemacht. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, Französisch und Deutsch als Mutter- und Vatersprache. Deutsch sei ihre Kopfsprache, erklärte sie, Französische ihre Körpersprache, Portugiesisch die Sprache ihres Herzens. Sie brachte unter anderem die Brasilianerin Angélica Freitas und deren Landsmann Ricardo Domeneck auf eindrucksvolle Weise ins Deutsche.

Aus dem wunderschön gestalteten Lyrikband des Brasilianers Ricardo Domeneck las sie einige Gedichte, eines in ihrer Übersetzung und im Original. Um von der portugiesischen Fassung zur deutschen zu gelangen, muss man das Buch einmal kippen. Eine reizvolle Art der Zweisprachigkeit. Ricardo Domeneck ist 1977 in São Paulo geboren, lebt seit 2002 in Berlin. Er ist Repräsentant einer neuen brasilianischen Lyrik, die Lesung und Performance verbindet. Odile hat ihn auf einem Poesiefestival kennen gelernt auf dem sie als Übersetzerin gearbeitet hat.

Ende März packt Odile Kennel ihre Koffer und räumt das Schriftstellerhaus für Paul Jeute aus Leipzig, der von April bis Juni im Schriftstellerhaus „schaffen“ wird. Wir können gespannt auf das Ergebnis ihrer Arbeit in Stuttgart sein.

oder wie heißt diese interplanetare Luft
120 Seiten, Preis: 14,90 €
dtv premium
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Der Allesforscher

15.03.2014 at 11:35
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Da ist er wieder, der Steinfest-Sound. Diesmal höre ich ihn im Literaturhaus anlässlich der Buchpremiere seines neuen Romans Der Allesforscher. Am Tag der Lesung kam es in den Buchhandel. Steinfest, dieser lyrisch-philosophische Wortdrechsler, beginnt seine Lesereise in Stuttgart. Hier ist er seit Jahren verwurzelt. Oft hat er uns auf Demonstrationen gegen das Wahnsinnsprojekt „Stuttgart 21“ mit seinen Texten die Seele gewärmt, hat sich nicht in Polemiken ergangen, hat seinen Sprachsound über die Lautsprecher geschickt. In seinem neuen Werk philosophiert er ebenfalls über den tiefen Riss, der durch seine (Wahl-) Heimatstadt geht, wenn er die Station von Sixten Braun als Bademeister im Mineralbad Berg beschreibt (als Vorabdruck in der Wochenzeitung Kontext zu lesen).

In einer von Situationskomik durchtränkten Szene lässt Steinfest Sixten Braun im „Berg“ einen Erpel wiederbeleben, der einen Schwächeanfall erleidet. Ins Rollen kommt die Geschichte in Taiwan, als der Ich-Erzähler, von einem explodierenden Pottwal schwer verletzt, sich im Krankenhaus wieder findet. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, stürzt er mit dem nächstbesten Flugzeug ab und überlebt abermals. Nicht ohne zwischendurch die große Liebe erlebt zu haben.

Begleitet wird Heinrich Steinfest auf seiner Lesereise von Denis Scheck. Auch für ihn ein Heimspiel, vor 50 Jahren in Stuttgart geboren und hier aufgewachsen. Der Deutschlandfunk-Redakteur der Sendung „Büchermarkt“ und „Druckfrisch“-Macher kann Heinrich Steinfest nicht erdrücken. Beide diskutieren sprachgewandt die Motive und Entstehungsgeschichte des Romans. Denis Scheck mit seinem Faible für Science Fiction, phantastische Literatur und Krimis befragt humorvoll Heinrich Steinfest, der seine Texte auf den Grenzen dieser Gattungen ansiedelt. Ganz nebenbei entwickeln die beiden an diesem Abend eine Poetologie des Steinfest’schen Krimis:

Auf die Frage, warum er diesmal keinen Krimi geschrieben hat, antwortet Steinfest kurz und knapp, „weil diese Geschichte keinen Krimi erfordert“.

Für Steinfest, der von der Malerei kommend zur Schriftstellerei gefunden hat, ist Eskapismus durch Literatur eine absolute Notwendigkeit. Er hat die Literatur entdeckt, nachdem er feststellte, als Maler immer die gleichen Bilder zu malen und um einen direkteren Weg zur Realität zu finden. Sein Buch enthält Zeichnungen von ihm. D. Scheck vermisst diesmal die legendären Fußnoten, die die Texte von Steinfest unter anderem auszeichnen. Heinrich Steinfest verspricht ihm, in die zweite Auflage eine hinein zu schmuggeln. Ich bin davon überzeugt, schon bald wird es diese geben.

Nachdem Steinfest mit dem Schreiben angefangen hat, hörte er auf zu lesen. Das ginge für ihn nicht: Schreiben und gleichzeitig lesen. Er wollte seine Sprache nicht durch die Sprache anderer Autoren überlagert wissen. Ideen holt er sich eher aus Filmen als aus anderen Büchern, wobei ihn die französischen Filme der 30er – 60er Jahre mit ihrer ganz eigenen Bildästhetik besonders beeinflusst haben.

Er schreibt über Dinge, die die Leser schon kennen, aber will sie so beschreiben, dass der Leser einen „Wow-Effekt“ erfährt. Das gelingt ihm im neuen Buch fulminant. Dem Allesforscher ist alles wichtig, selbst die kleinsten Dinge. Mit dem „Allesforscher“ ist ein Kind gemeint. Den Titel übernahm der Autor von seinem Sohn, der als kleines Kind das Wort „Allesforscher“ als Alternative zum Ausdruck „Universalgelehrter“ verwendete. Kinder sind die große Liebe des Erzählers Heinrich Steinfest, vor allem eigensinnige wie einsichtige Jungen und Mädchen. Sie taugen zu untadeligen, zutiefst makellosen Gegenbildern der oft von schweren Makeln und Macken behafteten Erwachsenen seiner Romane. In seinem letzten Buch nannte er eines dieser Kinder „Das himmlische Kind“. In der GEDOK-Gallerie las er daraus, ich berichtete darüber.

Das Kind im Mittelpunkt des neuen Romans, ist der erstaunliche Simon. Der Ich-Erzähler Sixten Braun lernt ihn im Vorschulalter kennen. Er ist ihm verbunden, hätte er doch aus der kurzen, heftigen Liaison mit der deutschen Ärztin Lana Senft entstammen können, die ihn nach seinem Schädel-Hirn-Trauma im taiwanesischen Krankenhaus behandelte. Der Junge ist nicht sein Kind, jedenfalls nicht biologisch. Dennoch nimmt Sixten die Vaterrolle, genötigt von einem Mitarbeiterin der taiwanesischen Vertretung in München, mit geradezu leidenschaftlicher Begeisterung an.

Mit Simon setzt der Autor seine außerirdischen Unwahrscheinlichkeiten fort: Das Kind spricht eine Sprache, die niemand versteht. Es erweist sich allenthalben als kleiner Überflieger. Beim Klettern an künstlichen Felsen, beim Zeichnen, beim Go-Spiel. Die Vermutung wird laut, Simon sei ein Alien. Das wäre bei Steinfest keine ungewöhnliche Wendung, wie auch im letzten Teil dieses Buches, als Sixten Braun in den Tiroler Alpen Hebammenfunktion übernehmen muss.

Schönheit im Spiegelkabinett der literarischen Einfälle tritt in Heinrich Steinfests Roman hervor. Wer philosophische Diskurse und unvorhersehbare Wendungen liebt, kommt bei der Lektüre auf seine Kosten. Denis Scheck hat die Lesung sichtlich amüsiert. Er wird diesen Zustand erhalten können, auf den nächsten Stationen ihrer Lesereise.

Der Allesforscher
400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Zeichnung des Autors
Piper Verlag, Preis: 19,99 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach Fukushima?

14.03.2014 at 17:31

sonderzugHerrlicher Sonnenschein herrschte bei der Abfahrt des Sonderzuges der Anstifter zur Fukushima Demonstration. Nein, nicht nach Fukushima: Der Zug mit historischen Wagen, gezogen von dem legendären „Deutschen Krokodil“ (E-Lok der Baureihe E 94), brachte ca. 300 Menschen aus Stuttgart und Umgebung nach Kirchheim. Von dort startete der Demonstrationszug zum AKW Neckarwestheim.
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Fukushima. Vor drei Jahren bangten wir, ob der Reaktor hochgehen würde. Angst breitete sich hier nicht panikartig aus, zu weit ist der japanische Reaktor entfernt, als dass er als Bedrohung empfunden werden konnte. Aber das Thema hatte so viel Sprengkraft, dass die CDU nach 58 Jahren Regierungsverantwortung in Baden-Württemberg von Grün-Rot abgelöst wurde. Der Atomausstieg ist danach von den Konservativen in Berlin beschlossen worden. Schaut man sich die Landkarte der Bundesrepublik an, gibt es noch viele Atomkraftwerke, die Strom produzieren. Und das Müllproblem ist völlig ungelöst! An vielen hundert Stellen wird heute atomares Material gelagert, eine Endlagerstelle ist immer noch nicht in Sicht. Dieses Problem nahmen Aktivisten mit einer Installation in den Blick:


Vor den Toren des ENBW-Kraftwerkes empfing uns Stefan Charisius mit seiner wundervollen Kora-Musik. Seine Sphärenklänge wurden unterstützt von Djembe und Gitarre.

Auf der Abschusskundgebung wurden Gäste aus Fukushima begrüßt, die uns die Situation rund um den havarierten Reaktor schilderten. Mittlerweile sollen wieder ganz in die Nähe der Atomruine Menschen zurückgesiedelt werden, trotz hoher Strahlenbelastung. Der Zynismus der Betreiberfirma Tepco ist unbeschreiblich.
Aber auch die Tricks der deutschen AKW-Betreiber in Bezug auf die Klassifizierung von Atommüll übersteigt jegliche Vorstellungskraft. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass demnächst sehr schwach kontaminiertes Material in dem Wertstoffrückgewinnungsprozess zu finden ist! „Atomkraft Nein Danke“ bleibt auch 40 Jahre nach den ersten großen Anti-AKW-Demonstrationen ein aktueller Slogan.

Von Musik der Gruppe Capella Rebella begleitet, verließen wir den Sonderzug im Stuttgart Kopf-Bahnhof.

Von der Küste gestürzt – Auf der Suche nach dem Verstehen

11.03.2014 at 9:50

andreas_neeserAndreas Neeser hat im letzten Jahr als Stipendiat des Schriftstellerhauses an seinem nun erschienen Roman: „Zwischen zwei Wassern“ geschrieben. Am 6. März las er auf Einladung des Schriftstellerhauses in der LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart daraus Auszüge.

Der heute 50-jährige Autor studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Dreizehn Jahren unterrichtete er an einem Gymnasium, bevor er den Dienst quittierte und sich ganz der Schriftstellerei widmete.

Immer wieder hat ihn die Bretagne zu Gedichten inspiriert, erzählte er seiner Gesprächspartnerin Astrid Braun. Lange sei ihm keine Idee für eine längere Geschichte während seiner Aufenthalte gekommen. Und dann ist es doch passiert. Das Ergebnis liegt nun mit dem 184 Seiten umfassenden Roman vor.

Wasser und die Küste sind Sehnsuchtsorte, wie Astrid Braun in ihrer Einführung erläuterte. Wir fahren als Urlauber dorthin. Immer wieder, so wie auch der namenlose Ich-Erzähler. Über Jahre hält er Kontakt mit dem dort lebenden Deutschen Max, einer Künstlerseele, der mit den Fischern lebt und Steinbrocken behaut. Dann passiert ein Unglück: Der Erzähler und seine Freundin Véro stürzen ins Meer. Sie ertrinkt, er wird gerettet. Ein Jahr nach dem tragischen Unfall kommt der Zurückgebliebene wieder nach Feunteun Aod, ein kleines Fischerdorf in der Bretagne, will endlich einen Neuanfang machen und das Geschehen hinter sich lassen. Er, Lehrer wie ehedem sein Autor, ist ein Kläger ohne einen Angeklagten, denn das Meer nimmt, ohne dafür verurteilt werden zu können. Bild um Bild zerreißt der Ich-Erzähler auf der „Kanzel“, einem Felsvorsprung, die Bilder der Erinnerung, stopft sie in die Köpfe von Seetieren und wirft sie über die Klippe. Véro strahlt auf den Bildern wie eine, der das Glück alle Glieder lang zieht. Und er hat sie nie gefragt weshalb. Und nun ist er mit seiner Trauer allein, die er erst nach einem Jahr hier am Ort des Geschehens zulassen kann. „Portionenweise gebe ich etwas von ihr her, alles, weil es anders nicht geht. Weil es irgendwie gehen muss. Krabbenfutter. Was für ein Wort.“, heißt es im Roman. Um das Meer zu verstehen braucht es nur zwei Aussagen, erklärt ihm der Fischer John le Bars:
Das Meer nimmt. Das Meer macht keine Fehler.

So einfach ist das für die Leute hier, die gelernt haben, mit den Gefahren des Meeres zu leben und von ihm. Véro hatte diese Lektion nicht gelernt, bevor sie von der Welle erfasst wurde, die sich fünf Kilometer vor der Küste auftürmte und dann mit voller Wucht aufprallte. Wie kann Trauer gelingen, wenn es keine Leiche, kein Grab gibt, auf das man Blumen legen kann? Wie kann ein Neuanfang aussehen? Das verrät Andreas Neeser an diesem Abend nicht aber er gibt Antworten auf diese Frage und auf die von Schicksal, Zufall und Schuld in seinem neuen Buch, geschrieben in einer dichten, lyrischen Sprache.

Zwischen zwei Wassern
184 Seiten, gebunden. Erschienen im Haymon Verlag, Preis: 17,90 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Platz da für alle!

09.03.2014 at 21:55

gubenFaschingsdienstag – Der Anstifter Günter Guben lud wieder ein, las aus seinen humoristisch-ironischen Texten. Letztes Jahr war es im Hegelhaus so voll, dass der „Hausherr“ Frank Ackermann viele Besucher abweisen musste. Mehr als 35 Personen lässt die Feuerwehr nicht in den gemütlichen Denkerkeller hinein, in dem die Anstifter regelmäßig über Philosophie nachdenken. Diese Jahr konnte Günter Guben im Haus der Humanisten Baden-Württembergs lesen, eine gute Adresse für die geistigen Regungen jeder Art.

Günter Guben ist Autor, Maler, Zeichner und Photograph, arbeitete bis 2003 hauptberuflich als Regisseur im Kulturbereich des Südwestrundfunks in Stuttgart, von 2004-2010 leitete er das  Stuttgarter Schriftstellerhaus. Günter Guben ist ein Meister der kurzen, pointierten Form, oft kommen seine Texte in reiner Dialogform daher. An diesem Abend las er neben vielen Situationstexten wieder von Kippstein, seinem Alter Ego.  Schreibanlässe findet er selbst auf Langspielplatten, so z. B.  der von Langspielplatte von Joseph Beuys, deren A-Seite nur aus dem Wort „Ja“, die Rückseite nur aus dem Wort „Nein“ besteht. Wie er dieses Gegensatzpaar auflöst, lässt einen unwillkürlich schmunzeln.

Begleitet wurde er von dem bekannten Jazz-Pianisten Patrick Babelaar. Dem stand ein Flügel in dem herrschaftlichen Saal zur Verfügung und das war auch gut so. Auf dem konnte er im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Vollen schöpfen:

Aus den Tiefen seiner Bassläufe ließ er die Melodien heraufsprudeln, dass mir die Ohren klingelten und mein Atem stockte. Auch er heiter-verspielt in seiner Darbietung, die gut zum Datum, Faschingsdienstag passte.

Zum Ausklang des Abends lud der Hausherr, Andreas Henschel, Geschäftsführer des Württemberger Verbandes, zu einem Glas Wein und Faschingsküchle ein, bot Raum für persönliche Gespräche mit dem Autor und den vielen Gästen.