Wolfgang Haenle mit neuen Texten

15.05.2016 at 17:35
Wolfgang Haenle im Schriftstellerhaus

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Wolfgang Haenle stellte am 12. Mai im Schriftstellerhaus Stuttgart neue Texte in der Reihe „Forum der Autoren“ vor. Es sind unveröffentlichte Texte, die er dem Publikum präsentierte. Dankenswerter Weise hatte er für die ZuhörerInnen einen großen Teil der Gedichte kopiert, so dass sich eine rege Diskussion über die Texte entwickeln konnte.

Wolfgang Haenle ist ein „spätberufener Lyriker“. 1945 in Altötting geboren, aufgewachsen in Göppingen, studierte er Maschinenbau und Technische Fotografie in Stuttgart. Auf seiner Homepage gewährt er Einblick in sein fotografisches Schaffen. Aber erst gegen Ende seines aktiven Berufslebens begann er sich intensiv mit der Lyrik auseinander zu setzen. 2011 veröffentlichte er seinen ersten Lyrikband mit Liebesgedichten: „eine hand voll du“. Regelmäßig veröffentlichte er in Gedichtanthologien. Die achtzehn Gedichte, die er an diesem Abend mit ins Schriftstellerhaus brachte, sind noch nirgendwo erschienen.  Seine Geburtsstadt Altötting, eine berühmte Pilgerstadt fand Eingang in eines seiner Gedichte. Wir wissen, welche bekannte Persönlichkeit aus der Gegend kam: Papst Benedikt VI., der „Joseph Aloisius“.

Wolfgang Haenle hat sich konsequent der Kleinschreibung in seinen Gedichten verschrieben. Aber auch sonst ist er formal streng, mal verwendet er die Form des Sonetts, dann wieder die der Sestine. Wobei er dem Reim und dem Jambus elegant ausweicht. Er kennt die Formen, folgt ihnen aber nicht streng. Wie viele moderne Lyriker lässt er den Reim links liegen. Und doch ist seine Lyrik von formaler Eleganz. Seine Themen findet er überall: die „Schnapp“-Schildkröte Lotti, die in der Bild-Zeitung Überschrift wurde:  „Ente in die Tiefe gezogen: Alligator-Schildkröte Lotti wieder da“. Oder bei Edgar Degas, dem impressionistischen Maler, dem er ein Gedicht unter dem Namen „leidenschaft“ widmet.

Für Wolfgang Haenle ist die Natur eine Fundgrube

Betrachtungen der Natur wurden bereits von dem von ihm hochgeschätzten Dichterkollegen Jan Wagner zu Lyrik verdichtet. Auch Wolfgang Haenle schreibt Gedichte, die sich diesem Genre verpflichtet fühlt. Ob er den in den in den offenen Savannenlandschaften und bewaldete Flussgebiete des Tief- und Hochlands des südlichen Afrikas beheimateten Kaffernbüffel oder den Kormoran beschreibt, immer findet er eindrucksvolle Bilder. Im Gedicht Kormoran blitzt eine andere Leidenschaft des Autors auf: die Fotografie. Darin heißt es:
... schlaff hängt die sony
ein griff. dann ist sie ganz oben. der gurt zurrt an der schulter

Aber auch eine Wanderung ist es ihm wert, zu Lyrik verdichtet zu werden. Wieder erwähnt er darin die Kamera, die ihm ein ständiger Begleiter scheint. Humorvoll blickt er auf die Esoterikszene, wenn er über „gruppentherapie“ schreibt, und sie dort verortet, wo Bachblüten dreizehn Feen treffen, der Meister ein biegsamer ist.

Immer wieder unterbrach Wolfgang Haenle seinen Vortrag und gab Raum für die Diskussion mit dem Publikum. So entstand fast schon so etwas wie schriftstellerische Arbeitsatmosphäre im Schriftstellerhaus, das mit diesem Format „Forum der Autoren“ genau das beabsichtigt.

Wolfgang Haneles beiden Lyrikbände sind beim Stuttgarter Schweikert-Bonn-Verlag erschienen:

eine hand voll du
Broschiert, 140 Seiten, Preis: 11,50 €

b.antwortet
Gebunden, 136 Seiten, Preis: 17,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

 

Kontext feiert fünfjährigen Geburtstag

05.05.2016 at 13:54
Ines Pohl und Georg Löwisch zu Kontext

Ines Pohl und Georg Löwisch

 

Kontext wird dieses Jahr schon 5 Jahre alt und feierte dies mit einem großen Fest im Theaterhaus. Seit 5 Jahren mischt sich eine Gruppe engagierter Journalistinnen und Journalisten in die Meinungsbildung in Baden-Württemberg ein. Ein einmaliges, regionales Zeitungsprojekt. Woche für Woche erscheint Kontext jeden Mittwoch in elektronischer Form in ansprechendem Gewand. In der Samstagsausgabe der linken Tageszeitung taz liegt Kontext bundesweit in gedruckter Form als Sonderveröffentlichung bei. Eine breite Unterstützung der Leserschaft ist der Zeitung sicher und die Kooperation mit der taz verschafft dem Projekt zusätzlichen finanziellen Spielraum.

Ines Pohl kam extra aus den Vereinigten Staaten zum Geburtstag von Kontext

Die Macher von Kontext freut es, dass die ehemalige Chefredakteurin der taz extra aus Washington eingeflogen war, und die Moderation der Geburtstagsfeier übernahm. Heute arbeitet Ines Pohl als Korrespondentin für die Deutsche Welle und berichtet aus der amerikanischen Hauptstadt. Für die gebürtige Baden-Württembergerin war es ein Heimspiel. Maßgeblich hat sie die Zusammenarbeit der taz mit Kontext gestaltet. Oft war sie, wie sie humorvoll berichtete, zum Brezelessen in der Stuttgarter Redaktion. Sie lobte die professionelle Arbeit des Teams.

Nicht Kontext kommentierte an diesem Abend die politische Lage, es war Max Uthoff, der Dauerbrenner aus der ZDF-„Anstalt“ nahm scharfzüngig die großen Themen der deutschen Politik unter die Lupe aber er ging auch auf die Lokalpolitik ein. Immerhin schicken sich die Grünen gerade an, mit der CDU ein Regierungsbündnis zusammen zu zimmern. Nicht unumstritten und die Kommentare von Max Uthoff zu der Politik der Grünen hier im Land bissig und schonungslos.

Die Laudatio auf das Geburtstagskind vom Chefredakteur der taz

Werbehund

Nicht auf den Hund gekommen

Georg Löwisch, Chefredakteur der taz, hielt die Laudatio auf das Geburtstagskind. Er selber aus Freiburg stammend, sprach respektvoll von der Arbeit seiner Kollegen in Stuttgart. Für ihn ist das Überleben der Zeitung rekordverdächtig in einer Zeitungslandschaft, in der gerade die lokalen Blätter der Konzentration zum Opfer fallen. Aber auch, dass Kontext immer wieder über die 4. Gewalt berichtet, also den eigenen Medienjournalismus reflektiert, lobte Georg Löwisch. Dass Provinz und Leidenschaft zusammengehen können, dafür sei Kontext der Beweis.

Zwischendurch lief der Hund der Redakteurin Anna Hunger über die Bühne und machte Werbung für ein Buch, das die wichtigsten Artikel aus 5 Jahren Kontext versammelt. Es ist gerade im Klöpfer und Meyer Verlag erschienen.

Susanne Stiefel

Susanne Stiefel spricht im Namen des Redaktionsteams von Kontext

Ein hartes Stück Arbeit, wie Redakteurin Susanne Stiefel berichtete, die die Auswahl der Texte mit getroffen hat. Sie hielt die Festrede im Namen der Redaktion. Es sind nicht nur die fünf Festangestellten, die den Erfolg der Zeitung ausmachen, sondern eine große Anzahl der Zeitung verbundener Journalisten. Ohne die wäre die thematische Breite der Zeitung gar nicht zu gewährleisten.

Peter Grohmann, Anstifter der ersten Stunde und einer der ersten Kriegsdienstverweigerer im Ländle, wetterte in bekannter Manier, nahm die Unterdrückung und die Ausbeutung aufs Korn. Er hat in der Kontext wöchentlich eine Videokolumne. Seine Omi Glimbzsch aus Zittau geistert durch viele seiner Folgen und so wunderte es nicht, dass er sie in seiner Rede ebenfalls erwähnte.

Wettern in der Kontext

Wettern in der Kontext

Er, der sich über all die Jahre nicht verhärten ließ, haute der Regierung die Verfassung des Landes Baden-Württemberg um die Ohren, zitiert Marx und die Bibel. Seine Rede wurde dankenswerter Weise von den Nachdenkseiten hier dokumentiert.

Musikalisch umrahmt wurde der Veranstaltung durch das Jazz Ensemble Spoken Word Impro Orchestra um die Sängerin Lisa Tuyala. Begleitet von einem Trio aus Schlagzeug, Kontrabass und Saxophon bzw. Bassklarinette erfüllte sie mit ihren Melodien und ihrer Sprachrhythmik den Saal.

Doch erst der spontane Auftritt der Combo „Lokomotive Stuttgart“, bekannt von unzähligen Demos gegen das Stuttgart 21 Projekt, brachte die Emotionalität zum Publikum, das in großen Teilen jahrelang im Kampf gegen dieses Projekt engagiert war. Das Engagement der Bürgerinnen und Bürger in Stuttgart gegen dieses Projekt gehört zum Gründungsmythos dieser Zeitung. Gegenöffentlichkeit herzustellen in einer erstarrten Presselandschaft, mit dieser Vision startete das Team der Kontext vor fünf Jahren. Eindrucksvoll hat das Redaktionsteam der Zeitung diese Vision umgesetzt.

Lokomotive Stuttgart

Lokomotive Stuttgart

Josef-Otto Freudenreich, Anna Hunger, Susanne Stiefel (Hg.)
Kontext!
Fünf Jahre couragierter Journalismus
366 Seiten und 45 s/w Abbildungen, Hardcover
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Nachdenkzeilen – ER ist wieder da

28.04.2016 at 15:16
nachdenkzeilen

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Was treibt den deutschen Leser an, sich im Jahre 2016 Mein Kampf von Adolf Hitler zu kaufen, zu lesen und dann ins Bücherregal zu stellen? Ein mit menschenverachtenden Thesen durchsetztes Werk?

M. hörte an diesem Morgen im Deutschlandradio Kultur, das neu herausgegebene Werk stehe mit 55.000 Exemplaren in dieser Woche auf Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste Sachbuch. M. weiß von seinen Landsleuten, sie lieben blutige Thriller, in denen Serienmörder ihr Unwesen treiben. Kaum erschienen, stehen sie ganz oben auf den Bestsellerlisten. Nun kommt die kritische Edition von Mein Kampf für 59 € (knapp 2.000 Seiten!) auf den Markt und die Leser greifen zu, als handele es sich um schaurige Bettlektüre.

Mein Kampf wird sich mit dem neuen Buch von Thilo Sarrazin ein Kopf-anKopf-Rennen liefern. Diese Woche ist es erscheinen: Wunschdenken: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert. Kann es sein, fragt sich M., dass sich zunehmend ein Klima der Ausgrenzung in diesem Lande ausbreitet? Was M. sich wünscht: Mögen alle Versuche scheitern, auf dem Rücken von hilfesuchenden Menschen Politik zu betreiben.

Hoffnungsfroh kann M. nicht auf das kommende Wochenende blicken. Beim Parteitag der AfD werden über 2.000 Mitglieder ihr künftiges Programm diskutieren. Die „Alternative für Deutschland“ betreibt die Ausgrenzung und Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen in unserem Land. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, steht im Parteiprogrammentwurf der AfD. So wird kurzerhand eine der fünf Weltreligionen unter Generalverdacht gestellt und man will sie aus dem öffentlichen Leben verbannen. Religiöse Zeichen wie Minarette und den Muezzin-Ruf sollen verboten werden. Burka und Kopftuch werden in den Blick genommen. In Mein Kampf hatte Adolf Hitler das Judentum pauschal verurteilt und er ging den Weg der Ausgrenzung bis zum Ende. 6 Millionen Menschen wurden ermordet. Warum? Nur weil sie dieser Religion angehörten oder die Nachfahren derer waren, die dieser Religion angehörten.

Walle Sayer steckt viel in die Streichholzschachtel

07.04.2016 at 1:26
Walle Sayer in der Stadtbibliothek

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Die LesBar der Stadtbibliothek ist keine Streichholzschachtel, trotzdem erstaunlich, wie viele Zuhörer in diesem Kleinod hoch oben in der Stadtbibliothek bei der Lesung von Walle Sayer am 5. April darin Platz fanden. Viel literarische Prominenz aus Stuttgart war vertreten, um dem Autor des Klöpfer & Meyer Verlages zuzuhören. Man kennt sich in der Szene und der Verlag Klöpfer & Meyer ist für einige der im Publikum sitzenden Autoren ebenfalls ein sicherer Hafen, wie er es für Walle Sayer seit nunmehr acht Büchern ist.

Ingrid Gerlach begrüßt Walle Sayer

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Seinen neuen Band untertitelte Walle Sayer mit „Feinarbeiten“. Ein treffender Titel, denn Walle Sayer ist bekannt für seinen genauen Blick auf die kleinen Dinge des Lebens, die er immer wieder zum Ausgangspunkt seiner fein gearbeiteten Texte macht. Der Autor ist seit vielen Jahren dem Schriftstellerhaus verbunden und so verwundert es nicht, dass dessen Geschäftsführerin Astrid Braun diesen Abend moderierte. Die gegenseitige Wertschätzung und Empathie durchzog den Abend von Anfang an, das fing schon mit der herzlichen Begrüßung durch Ingrid Gerlach als Vertreterin der Stadtbibliothek an.

Walle Sayer brennt für das Schreiben

Walle Sayer ist einer, der schon früh für sich entschied, die Schriftstellerei zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Er absolvierte zwar eine Banklehre, aber die Ausbildung konnte seine Liebe zur Literatur nicht verdrängen. Für Astrid Braun ist Walle Sayer ein lebendes Beispiel, wie Literatur ein Leben im wortwörtlichen Sinne verändern kann, wenn man sich ihr ganz und gar hingibt. Aber vom Schreiben allein kann er nicht leben. Und da er Verantwortung für eine Familie hat, musste er sich zwei berufliche „Flügel“ zulegen: er arbeitet als Nachtportier in einem Hotel und als Kellner in einer Kulturgaststätte in Horb. Die Gedichte des Lyrikers und Essayisten Walter Helmut Fritz seien für ihn die Initialzündung gewesen, selber mit dem Schreiben anzufangen, verrät er zu Anfang des Gesprächs. Und er beginnt seine Lesung mit dem Text „Leseausweis“. Darin beschreibt er einen Jungen, der sich lesend neue Welten erschließt.

Walle Sayer Mikrofon

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Walle Sayer hat seinen Band in neun Kapitel aufgeteilt, die lediglich mit römischen Ziffern tragen. Doch er legt Wert auf Überschriften zu seinen Texten. Der erste Text eines Bandes hat für ihn immer etwas Programmatisches, erläutert Walle Sayer. Der erste Text in diesem Band trägt die Überschrift „Photographisch“ und er hat ein Zitat von Fernando Pessoa dem Text voran gestellt: „Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind.“ Und schon in diesem Text tauchen die wunderbaren poetischen Bilder des Autors auf, wenn er von „müden Straßenlampen“ schreibt, von den „Neun Zwergen in einem Vorgarten, die keinerlei Putschplan haben“ und von der „Fellfarbe der Scheunenwand“.

Stetiges Arbeiten am Text verleiht ihm Tiefe

Walle Sayer ist ein Wortesammler. Was er notiert, kann zu einem Text werden, ein Klang als Ausgangspunkt einer nächsten Betrachtung dienen. Die tägliche Zeitungslektüre ist für ihn eine unermessliche Fundgrube. Ein ganzes Kapitel hat er seiner Zeitungsausschnittsammlung gewidmet. Er arbeite lange an seinen Texten, überarbeitet sie ein ums andere Mal. Selbst wenn Texte in Zeitschriften veröffentlicht sind, nimmt er manchmal noch Änderungen vor. Sind sie allerdings als Buch erschienen, dann ist der Prozess auch für ihn endgültig abgeschlossen.

Walle Sayer Detail

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Immer wieder sind es die Kleinigkeiten, die sonst nicht erwähnten Dinge, die Walle Sayer in seinen Texten in ungewöhnliche Worte kleidet, die er an diesem Abend dem Publikum nahe bringt. Diese Liebe zum Detail seine Verbundenheit mit dem Strom des Lebens werden in der Lesung deutlich. In der ihm eigenen Bescheidenheit nimmt er sich die Zeit, die Zuhörer quer durch sein ganzes Buch zu führen und einen Einblick in sein poetisches Schaffen zu geben. Wer ihm an diesem Abend zugehört hat, hat eine Ahnung davon bekommen können, dass es ist nicht immer der ausufernde Roman ist, der dem Leser eine Welt eröffnet, es sind auch die kurzen Texte dieses in der schwäbischen Landschaft fest verankerten Schriftstellers Walle Sayer.

Was in die Steichholzschachtel passte - Walle Sayer

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Was in die Streichholzschachtel paßte
Feinarbeiten
124 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Eine Rezension gibt es hier.

Nachdenkzeilen – Das staatliche Töten

06.04.2016 at 12:42
Nachdenkzeilen 1

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Die neuesten Zahlen über die im letzten Jahr vollstreckten Hinrichtungen weltweit lassen M. das Blut in den Adern gefrieren: Der sogenannten „Todesurteil-Report“ von Amnesty International spricht von 1.600 Hinrichtungen. Das ist die höchste Zahl von Hinrichtungen seit 25 Jahren. Dabei sind die vollstreckten Todesurteile aus der VR China noch gar nicht enthalten, sie sind ein Staatsgeheimnis. Weit über die Hälfte aller Todesurteile wurden in den drei Staaten Pakistan (326), Iran (977) und Saudi Arabien (158) vollstreckt. Mitleid kennen die Henker nicht. Im Iran wurden auch Jugendliche hingerichtet.

Lust auf Kunst?

05.04.2016 at 16:37
Lust auf Kunst in der GEDOK

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Dies fragten 5 Künstlerinnen der GEDOK am 2. April während der „Langen Nacht der Museen“ ihre Besucher in der Galerie der GEDOK. Dort hatten die Textilkünstlerin Tiina Kirsi Kern, Monika Kurz-Werner (Fotografie und Druck), die Gestalterin für Schmuck und Alltagsobjekte Nicole Eitel, Bettina Kohlen (Bildhauerei und Kunstkeramik) und die Filzkünstlerin Tatjana Seehoff ihre Schätze aufgebaut. In langen Diskusionen hatten sie überlegt: Wie präsentieren wir unsere Werke? Welche Präsentation macht Lust auf den Inhalt? Wie wichtig darf sich die Präsentation nehmen ohne den Inhalt zu verdrängen? Gibt die Wertigkeit der Verpackung Aufschluss über den Wert des Inhalts? Müssen die Werke zum Betrachter kommen? Wie viele Betrachter dürfen ein Werk sehen? Ihre Antwort auf all diese Fragen packten sie in Weinkisten. Ein ganzes Raumobjekt aus diversen Holzkisten, die normalerweise edle Tropfen beherbergen, hatten die fünf Künstlerinnen zu einem Gesamt-Kunstobjekte arrangiert. Staunend näherten sich die BesucherInnen und entdeckten Schätze aus den Schaffensprozessen der Künstlerinnen.

Einblicke und Ausblicke in der GEDOK

Lose in der GEDOK

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Um einen anderen Blick auf die Kunst zu werfen, gab es für die BesucherInnen diverse „Sehhilfen“: Vom Opernglas über Prismenröhren bis hin zu Gitterblenden, die je nach Anwendung neue Einsichten und Aussichten ermöglichten. Eine besondere Annäherung an die Kunst bot die große Los-Installation. Dort konnte sich jeder eine Losrolle abschneiden und eine Skizze, einen Druck, ein Gedicht oder ein Stück Stoff mit nach Hause nehmen. Erstaunte Gesichter immer wieder bei dem Hinweis, die Lose seien kostenlos. Ein kleiner Hinweis darauf, dass sich der Wert von Kunst oft nicht in Geld ausdrücken lässt, wiewohl die Künstlerinnen mit dem Verkauf ihrer Werke ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen.

Einblicke in die Werke der Künstlerinnen finden sich auf diesen Webseiten:
Bettina Kohlen
Monika Kurz-Werner
Nicole Eitel
Tatjana Seehoff
Tiina Kirsi Kern

Was machte die AfD so stark?

26.03.2016 at 10:13
Die AfD wird von der Rosa Luxemburg Stiftung untersucht

Sebastian Friedrich und Erhard Korn

 

Eine Einschätzung der Politik und des Phänomens des Zuwachses der AfD versuchte am 23. März Sebastian Friedrich. Der Journalist kam auf Einladung der Rosa- Luxemburg-Stiftung nach Stuttgart und fand einen bis auf den letzten Platz gefüllten Saal im Bildungszentrum der Stiftung vor.

Erhard Korn vom Vorstand des Forums für politische Bildung und Kultur e.V. legte zu Beginn der Veranstaltung dar, dass in Baden-Württemberg eine klerikale, konservativer Bewegung die AfD unterstützt. Evangelikale Kirchkreisen sind teils völlig abgekoppelt von der Gesellschaft. Sie lehnen z. B. Kasperletheater an den Schulen ab, weil dort der Teufel in Form einer Handpuppe auftritt und sprechen sich gegen die Fastnacht aus, weil Hexen positiv dargestellt würden.

Sebastian Friedrich legte zu Beginn dar, wie die AfD rechtskonservatives Potential abgreift: in Baden-Württemberg die Kritiker des neuen Bildungsplans. Ihnen geling es mit Unterstützung der CDU 4.000 – 5.000 Teilnehmer zu mobilisieren. Die AfD scheut auch den Schulterschluss mit ultrarechten Bewegungen wie der Ludendorff-Bewegung nicht. Diese Bewegung spricht von den göttlichnahen Licht- und den unvollkommenen und sündhaften Schachtrassen.

Auf dem Parteitag im Juni 2015 setzten sich der rechte Flügel der AfD gegen Bernd Lucke durch. Wie konnte sich eine rechtskonservative Partei in so kurzer Zeit etablieren? Das hängt mit verschiedenen gesellschaftlichen Krisen zusammen.

Die Krise des Rechtskonservatismus

Die Modernisierung der Gesellschaft wurde getragen vom Bürgertum und wurde von ihm vorangetrieben. So wurde z. B. der Paragraf 175 (Homosexualität) 1994 entgültig abgeschafft. Die Vergewaltigung in der Ehe ist seit 1997 strafbar. Seit 10 – 15 Jahren hat auch die konservative CDU die Modernisierung mitgemacht und getragen. Das, obwohl 25% der Bevölkerung dem rechtskonservativen Milieu zugerechnet werden kann, die früher die CDU gewählt haben.

Die Krise der Demokratie

Die Wahlbeteiligung ist in den letzten 10 – 15 Jahren kontinuierlich gesunken. Wirtschaftslobbyisten nehmen immer stärkeren Einfluss auf den Politikbetrieb. Zudem gibt es ein Demokratiedefizit in Europa, das sich in der Abkopplung des Wahlvolkes von „denen da oben (Politikerkaste)“ ausdrückt. Es ist ein reaktionäres, postdemokratisches Unbehagen in weiten Teilen der Nichtwähler festzustellen.

Kapitalinterne Krise

Die Eurokrise hat die internen Widersprüche der „Kapitalfraktion“ zutage treten lassen. Die exportorientierte Kapitalfraktion versprach sich Vorteile von der Eurorettung und dem Europäischen Projekt, die eher kleinen Familienunternehmen sahen darin eine Bedrohung ihrer Existienz. Die AfD konnte gerade bei Vertretern dieser zweiten Fraktion Fuß fassen.

In der sozialen Krise wachsen soziale Spannungen

Die Vermögensungleichheit ist in den letzten 15 Jahren massiv gestiegen. Die Mittelschicht schrumpft zunehmend, prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu. Auch in Bereichen der Mittelschicht, z. B. im Hochschulbereich werden diese unsicheren Beschäftigungsverhältnisse ausgeweitet. Modelle reaktionärer Krisenbewältigung nehmen zu.

AfD: Ein rechtes Projekt wird etabliert

Rechte Medien unterstützten von Anfang an die AfD, zunehmend aber nachdem der wirtschaftsliberale Flügel um Bernd Lucke aus der Partei gedrängt wurde. Die „Junge Freiheit“ hat in den letzten Jahren eine Auflagensteigerung erlebt, aber auch ein Magazin wie Compact gewinnt zunehmend an Einfluss. Auf Facebook werden rechte Postings von vielen Leuten geteilt. Ehemals konservative Sozialdemokraten rücken weit ins rechte Gedankengut ab. Tilo Sarazin hat eine Debatte um Einwanderer losgetreten, Peter Sloterdijk entpuppt sich als Reaktionär und Ressentimentlieferant. „Denkfabriken“ der neuen Rechten wie das Institut für Staatspolitik von Götz Kubitschek sind Organisations- und Aktionsplattform für neurechte Bildungsarbeit.

Die AfD als rechtes Element ist Ausdruck und Motor des rechten Projektes und dient als „Versuchslabor“. Die Gründung erfolgte 2013. In der ersten Zeit (Januar bis September 2013) überwiegten euroskeptische Themen. Danach setzte eine Rechtsentwicklung ein, die mit der Ablösung von Bernd Lucke auf dem Parteitag in Essen im Juli 2015 endgültig für die rechten Flügel entschieden wurde: dem von Frauke Petri vertretenen eher rechtpopulistischen Flügel und einem Flügel, vertreten von Björn Höcke, der offen völkische Ideen vertritt.

Aus den letzten drei Landtagswahlen im März geht die AfD gestärkt hervor und es wird deutlich, woher ihre Wähler kommen: Sie sind überwiegend männliche, über 45jährige, die die AfD wählen, der Anteil der Wähler verteilt sich auf 60% Männer und 40% Frauen und die AfD konnte viele Nichtwähler für sich mobilisieren. 30% der Wähler sind Arbeiter und Arbeitslose. Das Ergebnis der Wahlen zeigt, dass sich das Projekt rechts von der Union etabliert hat. Ende April 2016 wird es in den Messehallen Stuttgart den Bundesparteitag geben, bei dem das Parteiprogramm diskutiert und verabschiedet werden soll. Ein breites Bündnis aus der Zivilgesellschaft mobilisiert bereits heute zu Gegenveranstaltungen dazu.

Freundlicherweise wurde der Vortrag von Sebastian Friedrich aus einer anderen Veranstaltung zur AfD auf Soundcloud veröffentlicht und kann hier nachgehört werden.