Elsternest

Nesenbach – Portrait eines Stuttgarter Flusses

Der Nesenbach ein Straßenoratorium

Stuttgart liegt am Neckar. Aber von der verströmt keine Atmosphäre so wie der Rhein in Düsseldorf oder Köln. Noch ein Fluss wird in Stuttgart ausgeblendet oder besser gesagt unter dem Deckel gehalten. Es ist der Nesenbach, der auf einer Länge von 13 km quer durch Stuttgart fließt. Seinen Quelle hat er in Vaihingen, in Bad Cannstatt fließt er in den Neckar. Aber nicht als Bach sondern als „Kanalsammler“. Lediglich zwischen den Stadtteilen Kaltental und Heslach ist er renaturiert worden.

Straßenoratorium vor beeindrückender Kulisse

Mit einem musikalischen Werk wollte die Junge Oper Stuttgart den Nesenbach würdigen: Als Straßenoratorium mit Chor und Klavier sollte dem Wasserlauf ein musikalisches Denkmal gesetzt werden. Ich hatte das Glück, dieses Chorwerk vor der Staatsoper am letzten Freitag zu erleben. Vor einer beeindruckend bizarren Kulisse:

Die Oper im Rücken, die Aufführung zwischen Operngebäude und Eckensee. Im Hintergrund eine meterhohe Wand, geschichtet aus gefällten Bäume. Die erinnerte an den fürchterlichen Sturm Ende Juni, der große Äste abriss, selbst Bäume entwurzelte. Die Innenstadt stand komplett unter Wasser. Früher hätte der Nesenbach die Wassermassen abgeführt. Aber die Abwasserplanung ist bei der Dimensionierung der Kanalquerschnitte, durch den der Nesenbach fließt, nicht von solchen Wassermassen ausgegangen.

Die Inszenierung folgt in groben Zügen dem Lauf des Nesenbachs. Gespielt und erzählt wird dabei von den kleinen Tragödien, von Kloaken und vom Frischwasser. Aber auch von der Natur, den Betondeckeln und Wasserspeichern. In der Aufführung „Nesenbach“ werden ganz unterschiedliche Musikstile kräftig durcheinander gemixt. Neben der Form des Oratorium wird auch Rap und Walzerklänge eingewoben.

Susanne Hinkelbein schaut aus verschiedenen Perspektiven auf den Nesenbach

Der Nesenbach ein Straßenoratorium -Der Rattenchor

Komponiert hat das Singspiel die in Stuttgart geborene Komponistin Susanne Hinkelbein. Sie lässt den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel als Stuttgarter Bub auferstehen, sie gibt dem „Terzett der drei Damen“ eine Bühne und lässt sogar einen Kanalratten-Chor auftreten. Durch ihr phantasievoll gekleidetes Ensemble erzählt sie vom Gestank des Bachs. Erzählt von seinem Lauf durch die Stadt und von der am Bach betriebenen Färberei. Selbst der Geist vom Nesenbach tritt auf.

Einen musikalischen Einblick vermittelt dieses Video (Weiterleitung auf meinen YouTube Kanal)

Für mich war diese vierzigminütige Aufführung ein Genuss nach der langen Zeit der Abstinenz während der Coronazeit mit all ihren Beschränkungen. Und wie ich diese Woche schon einen Kinoabend genossen habe, genoss ich im lauen Sommerwetter diese Singspielaufführung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.