Elsternest

Nach der Parade und im Notizbuch keine Zeile

Moritz Hildt und sein Erstling Nach der Parade

Unter dem Titel Nach der Parade veröffentlichte Moritz Hildt seinen Debütroman im Duotincta Verlag. Dort erschien auch sein zweiter Roman, Alles, über den ich hier berichtet hatte.

Präziese Beschreibungen sind die Stärken von Moritz Hildt

Wieder gelingt es Moritz Hildt, die Situation seines Protagonisten präzise zu beschreiben. Sein Protagonist nimmt eine Auszeit von seiner beruflichen Tätigkeit. Er hofft, damit endlich die Zeit zu gewinnen, um einen Roman schreiben zu können. Frank Baumann, so der Name des Protagonisten, ist 42 Jahre alt und arbeitet an der Uni. Dort ist es einfach, ein Sabbatical zu nehmen. Seine Frau hat ein Angebot bekommen, für ein Jahr in einem Forschungsprojekt in New Orleans zu arbeiten. Sie hat in Philosophie habilitiert und hat sich bereits im Wissenschaftsbetrieb etabliert. Ohne allerdings eine der heiß begehrten Professorenstellen ergattert zu haben. Die Gelegenheit für Frank Baumann, als „mitreisender Ehemann“ sich ganz seinem Romanprojekt zu widmen. Den hat er schon im Studium begonnen.

Alles beginnt mit dem Versuch, sich ein Notizbuch zu kaufen

Baumann – im Roman immer ohne Vornamen angesprochen – glaubt das große Los gezogen zu haben. Endlich kann er sich ganz seinem Romanprojekt widmen. Und so beginnt der Roman auch damit, dass Baumann sich ein Notizbuch kaufen will. Sechs Monate sind die beiden bereits in New Orleans und sein Roman hat keine Fortschritte gemacht. Er will darin seine Gedanken festhalten, während er durch die Straßen von New Orleans läuft. Was er darin notiert und ob er überhaupt etwas darin notiert, erfährt der Leser nicht. Kommt es etwa gar nicht zum Kauf dieses für den angehenden Romanschriftsteller so notwendigen Notizbuches? Die ganze Tragödie von Baumann beschreibt Moritz Hildt mit der Beobachtung, wie sein Protagonist schon an diesem Notizbuch scheitert, das er über die ersten Monate seines Aufenthaltes nicht zu kaufen im Stande war:

Die Idee mit dem Notizbuch war Baumann heute Morgen im Kopf gewesen, noch ehe der durch die Jalousien verdunkelte Raum des Schlafzimmers wieder seine feste Form angenommen hatte. Wie ein Beschluss, den irgendein Teil in ihm gefällt hatte, der nachts nicht zu schlafen brauchte. Alles was er noch tun musste, war, den Plan in die Tat umzusetzen.

Das ganze Dilemma von Baumann anhand von drei Tagen geschildert

Der Roman umfasst drei Tage, an deren Ende Mardi Gras steht, die Megafete und Höhepunkt des Karnevals in New Orleans. Den Roman hat Moritz Hildt ebenfalls in drei Abschnitte unterteilt: Sonntag, Montag (Lundi Grass), Dienstag (Mardi Grass). Am Ende des dritten Teil, nach 148 Seiten, wird die ganze Tragödie des Helden deutlich:

Baumann hatte keine Ahnung, worum es in seinem Roman, der ihm seit so vielen Jahren viel bedeutsamer als alles andere vorgekommen war, überhaupt gehne sollte.

Der 1985 in Schorndorf geborene Autor Hildt hat in dem Online-Magazin Sounds & Books zehn Platten gewürdigt, die einen besonderen Bezug zu New Orleans haben. Damit hat er quasi den Soundtrack zu seinem Roman definiert.

Im Gegensatz zu Alles, Moritz Hildts zweiter Roman, besitzt dieser Roman keinen wirklichen Plot und das ist seine größte Schwäche. Moritz Hildt beschreibt sehr einfühlsam die Selbstbespiegelung des Möchtegernschriftstellers Frank Baumann. Genau wird seine Situation geschildert, die keinerlei Dynamik und keinerlei Wendepunkte aufweist. Es scheint, als hätte sich Moritz Hildt hier warm geschrieben für seinen zweiten Roman Alles. Der weist dann auch alles auf, was in seinem Erstling Nach der Parade nur angedeutet wird. Vergleiche, die in Alles sitzen, verrutschen hier schon mal zu schiefen Bildern:

Mit der Hand, die aussah, als könnte sie eine Melone zum Bersten bringen, streckte ihm der Mann ein Brötchen entgegen. (S. 182)

Wie groß soll sich der Leser diese Hand vorstellen? In meinem McFit Fitness-Studio trainieren baumlange Kerle. Sie haben beeindruckende Muskeln. Keiner von ihnen hat Hände, die das, was Moritz Hild hier beschreibt, aufgrund ihrer Physiognomie zustande bringen könnten.

Werbung versus Werk

In der Verlagsbeschreibung wird davon geredet, Baumanns Leben würde in Frage gestellt. Die Welt von Baumann erlebte eine Erschütterung bis auf ihre Grundfesten. Diese Versprechen löst der Roman nicht ein. Die Beziehungen werde nicht ausbuchstabiert, so dass man diese Behauptung in dem Roman nicht nachvollziehen kann. Es bleibt auf der Ebene einer Versuchsanordnung.

Ich warte sehnsüchtig auf den nächsten Roman, den er nach Alles veröffentlichen wird. In Nach der Parade hat Moritz Hildt gezeigt, dass er Situationen präzise beschreiben kann. In Alles hat er diese Fähigkeit mit einem spannenden Plot verbunden. Wenn er diese Zutaten in seinem nächsten Roman wieder zum Erblühen bringt, will ich ihn lesen!

Nach der Parade
Roman 191 Seiten kartoniert
Duotincta Verlag, Preis: 17,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

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