Elsternest

Fabian Neidhardt: Immer noch wach – ein ungewöhnlicher Roman

Immer noch wach Roman von Fabian Neidhardt

 

Fabian Neidhardt hat einen berührenden Roman über das Sterben und den Umgang damit geschrieben. Das ist aufgrund seines Alters ungewöhnlich, denn wer beschäftigt sich schon im Alter von fünfunddreißig mit diesem Thema?

Alex erstellt eine Löffelliste

Alex, der Protagonist in Fabian Neidhardts Roman, ist gerade dreißig geworden. Doch so hat er sich sein neues Lebensjahrzehnt nicht vorgestellt: Gerade hat er mit seinem besten Freund Bene ein Café in Stuttgart eröffnet. Er hat Zukunftspläne mit seiner Freundin Lisa geschmiedet. Doch dann erhält er die Diagnose Magenkrebs im Endstadium. Alex stellt eine Liste mit Dingen zusammen, die er noch erledigen möchte, bevor er für die letzten Wochen in ein Hospiz geht. Er nennt sie seine “Löffelliste“, die er konsequent abarbeitet, bis er seinen Löffel abgibt. Am Ende dieser Liste angekommen, zieht er sich von allen Freunden zurück. Im einem Hospiz will er seinem Ende entgegen sehen.
Das alles erzählt der Autor in einer Sprache, die die eines jungen Erwachsen ist. Beim Lesen des Romans habe ich oft den Eindruck gehabt, Fabian spräche selbst. Ich kenne Fabian Neidhardt aus dem Schriftstellerhaus, wir haben einige Jahre dort gemeinsam im Vorstand gearbeitet.

Ein unkonventionell erzählter Roman

Der Roman ist unkonventionell aufgebaut. Anstatt die Geschichte chronologisch zu erzählen, springt Fabian Neidhardt ständig in der erzählten Zeit hin und her, teils mit zeitlich großen, teils mit zeitlich kleinen Sprüngen. Das erschwert den Einstieg in den Roman.

Die Erzählung beginnt mit der Rückfahrt von Alex aus dem Norden der Republik in seine Heimatstadt Stuttgart. Diese Eingangsszene steht in der Chronologie der Erzählung am Ende der Odyssee des Protagonisten, die ihn immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Warum das Buch dieses Ende nimmt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Im Leben durchschreitet man Türen

Wir erfahren von den Träumen und den Sehnsüchten von Alex, von der innigen Beziehung zu seinem langjährigen Freund aus Kindertagen, Bene, mit dem er sich seinen Traum von einem eigenen Café in einer ehemaligen Metzgerei erfüllt. Dieses Café nennen sie Türrahmen. Der Name passt zur Geschichte, denn mit Alex durchschreitet der Leser immer neue Lebens-Türen. Man kommt in Räume, die eigentlich einem Dreißigjährigen noch verschlossen sind, wie der des Hospizes, in das Alex sich zum Sterben zurückzieht. Es sei denn, man engagiert sich in der Hospizbewegung oder, wie Fabian Neidhardt es für die Recherche zu seinem Roman gemacht hat, arbeitet eine Zeitlang im Hospiz.

Freundschaften knüpfen im Angesicht des Todes

Im Hospiz bezieht Alex sein letztes Zimmer. Er knüpft Kontakte, lernt Menschen kennen, die den zeitlich überschaubaren Rest ihres Lebens hier verbringen. Die Schilderungen dieser Beziehungen ist Fabian Neidhardt – sicher auch aufgrund seines Praktikums – sehr eindrücklich gelungen. Als Leser ist man angerührt, dass die Menschen, die hier auf ihren Tod warten, immer noch Erwartungen ans Leben haben und von ihren Träumen erzählen: einmal die Welt umsegeln, einen Fünftausender-Gipfel erklimmen oder eine Schachmeisterschaft gewinnen. Er beschreibt, wie das Leben den Menschen aus der Hand gleitet und die Mitbewohner vom Tod ihres Gefährten durch eine Kerze vor dessen Zimmer erfahren.

Fabian Neidhardt erzählt auch eine Dreiecksgeschichte

In den Abschnitten vor dem Weggang von Alex ins Hospiz (wie schon geschrieben in ganz unterschiedlichen Kapiteln des Romans erzählt) beschreibt Fabian Neidhardt die Sehnsüchte und Träume der drei Freunde Alex, Bene und Lisa. Hier erzählt der Autor eine klassische Dreiecksgeschichte. Sie nimmt ein sentimentales Ende, was für mich der einzige Wermutstropfen an diesem ungewöhnlich erzählten Roman ist. Er schrammt am Ende scharf am Kitsch vorbei.

Eine Leseempfehlung für Immer noch wach

Trotzdem ist das Buch vor allem jungen Lesern zu empfehlen, die sich auf eine sehr ungewöhnliche Art mit dem Sterben und der Zäsur beschäftigen wollen. Eine Zäsur, die im Leben eines jeden Menschen eintrifft, egal wie alt man ist. Dass Menschen im Alter des Autors durch die Verknüpfung von Aufbruch ins Leben (Freundschaft, Beruf, Liebe) mit dem unabwendlichen Ende des Lebens an das Thema herangeführt werden, ist ein großes Verdienst des Romans.

Über das Werkstattgespräch zum Roman berichtete ich hier

Immer noch wach Roman von Fabian NeidhardtImmer noch wach
Roman
268 Seiten, gebunden
Haymon Verlag, Preis: 22,90 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

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