Elsternest

Ein Netzwerker für die Literatur

v. l. n. r.: Peter Conradi, Imre Török, Rainer Wochele, Matthias Kehle, Martin Theuer
v. l. n. r.: Peter Conradi, Imre Török, Rainer Wochele, Matthias Kehle, Martin Theuer

Der hundertjährige Geburtstag von Thaddäus Troll gibt Anlass, mannigfaltig dem Schriftsteller Troll zu gedenken. Im Verdi-Haus lud Rainer Wochele zu einem Gespräch über diesen großartigen Schriftsteller und Netzwerker ein. Sein gesellschaftliches und politisches Engagement standen am 20. März 2014 Abend im Mittelpunkt. Prominent vertreten durch das SPD-Urgestein Peter Conradi. Er berichtete, wie Thaddäus Troll sich zusammen mit Günter Grass, Heinrich Böll und anderen Intellektuellen im neunundsechziger Bundeswahlkampf für eine neue Politik in die Bresche warf, mit aller ihm gegebenen Sprachgewalt. Denn Troll verstand sich stets auch ohne Parteibuch als (berufs-)politisch aktiver Autor. Als der Sieg errungen, lud die SPD die Wahlhelfer in „Die Kiste“ ein, Thaddäus Troll kochte dort für sie alle. Im Wahlkampf 1972 unterstützte er Conradi väterlich, öffnete ihm, dem „Reingeschmeckten“, die Türen der Altenheime und Vereine indem er Cornadis’ westfälischen Sprachduktus mit seiner urschwäbischen Sprachfertigkeit verwischte.

Thaddäus Troll litt aber auch an „seiner SPD“. Legendär sein Auftritt vor der SPD-Bundestagsfraktion, als er ihr die Leviten las. Wie aktuell ist heute sein Postulat: „Ausgewogenheit ist Langeweile!“, angesichts des Zustandes auch und vor allem in der SPD? Das führte in den letzten Jahrzehnten zur Abkehr einer großen Mehrheit der Bevölkerung von politischen Parteien und zu einer diffusen Politikerschelte, die Conradi in dieser Pauschalität kritisierte. Für wen würden sich heute die Schriftsteller engagieren?

Menschen haben Thaddäus Troll immer interessiert, deswegen hat er sich immer für Menschen engagiert, namentlich die Schriftsteller. Er war Vorsitzender des Schriftstellerverbandes, saß im PEN und für die Gewerkschaft im Rundfunkrat. Troll war ein Bewunderer von Gustav Heinemann. Wenn man heute auf die Gesetze schaut, die Heinemann als Justizminister im Kabinett von Kiesinger (Große Koalition) als Bundesminister der Justiz auf den Weg brachte, reibt man sich verwundert die Augen. Als Heinemann das Gesetz zur bürgerlichen Ehe änderte und aus „uneheliche Kinder“ „nichteheliche Kinder“ machte, tobte die CDU.

Thaddäus Troll gründete den FdS (Förderkreis deutscher Schriftsteller) als Verein. Er wusste, schlauer Fuchs, der er war, dass ein Verband der Gewerkschaft keine öffentlichen Gelder bekommen kann. So konnte 1975 zum ersten Mal 20.000 DM für die Schriftstellerförderung beantragt und bewilligt werden. Rainer Wochele hofft, dass die kulturelle Eiszeit mit dem Literaturliebhaber Kuhn als neuer Oberbürgermeister weicht. Ein erstes Signal gab die Stadtverwaltung mit dem Festakt zum hundertsten Geburtstag im Rathaus. Schmerzlich vermisste Wochele in der Vergangenheit eine Würdigung der in den letzten Jahren verstorbenen großen Schriftsteller Peter O. Chotjewitz und Helmut Pfisterer.

Als der Schriftsteller Jürgen Lodemann, Weggefährte von Thaddäus Troll, in seinem Festvortrag im Rathaus am Montag den Wirkkreis von Thaddäus Troll auf die Gegenwart fiktional beschrieb und ihm unterstellte, er hätte sich in der Frage von Stuttgart 21 wieder gegen die SPD positioniert und sie zur Haltung in dem Projekt als Kritiker skizzierte, erntete Lodemann im Publikum nicht nur Zustimmung. Ja, Troll war ein Bußprediger, der den Schwaben die Leviten gelesen hat wobei er deren Dialekt nicht als Abgrenzung sondern aufklärend einsetzte. Von Troll ist das Zitat überliefert: „Die Lage ist ernst, deswegen müssen die Forderungen kühn sein.“
Schöne Beispiele dazu las an diesem Abend der Schauspieler Martin Theuer.

Troll/Bayer verstand sich stets auch ohne Parteibuch als (berufs-)politisch aktiver Autor. 1959 wurde Troll/Bayer vom Süddeutschen Schriftstellerverband in den Rundfunkrat des Süddeutschen Rundfunks delegiert und wirkte von 1970 bis 1979 als stellvertretender Rundfunkratsvorsitzender, im Anschluss daran als Vorsitzender des Fernsehausschusses und Mitglied des Programmbeirats der ARD, um zum einen die Berücksichtigung von Programmen in Dialekt zu unterstützen und zum anderen die Auftragsvergabe für Hör- und Fernsehspiele an junge Autoren zu initiieren. Von 1968 bis 1977 war Troll auch erster Vorsitzender des baden-württembergischen Schriftstellerverbands, den er in den 1970 in den neu gegründeten Gesamtverband deutscher Schriftsteller (VS) führte. Ab 1970 stellvertretender Vorsitzender im VS-Bundesvorstand wurde auf seine Initiative hin im gleichen Jahr der Schriftstellerkongress unter dem Böllschen Motto „Einigkeit der Einzelgänger” in Stuttgart abgehalten. Auf internationaler Ebene war Troll/Bayer seit 1971 Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. 1975 wurde er ins Präsidium gewählt und war von 1978 an PEN-Vizepräsident.

Imre Török, der aktuelle Bundesvorsitzender des VS sprach von dem großen Engagement seines Vorgängers für die Schriftsteller auf diesem Posten. Er half, die Künstler-Sozialkasse zu gründen, entwickelte einen Normvertrag für die Schriftsteller und vieles andere mehr. Matthias Kehle ist seit Mai 2012 Mitglied im deutschen PEN-Zentrum des Internationalen PEN-Clubs. Wieweit Schriftsteller sich in ihren Werken explizit politisch äußern sollen, da gingen an diesem Abend die Meinungen weit auseinander. Ein Thaddäus Troll hätte sich eingemischt.tt_verdi2