Corona – Gedanken eines Freundes

11.04.2020 at 17:10
Corona

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Mein Freund Henry schickte mir vor einer Woche folgenden Brief. Er beginnt mit einem Zitat aus einem Schriftwechsels mit ihm:

Ich empfinde … großes Unbehagen. Ich fühle mich überschüttet mit Zahlen und Aussagen mit denen ich nichts anfangen kann und die auch keinen Referenzrahmen haben. Die Nachrichtenflut, die vielen Sondersendungen erscheinen mir wie eine Gehirnwäsche.
Demokratische Rechte werden massiv ausgehebelt (!) und es gibt kaum Protest dagegen. An der Legitimation der Überwachung der Bevölkerung wird gebastelt, als scheinbar vernünftige Unausweichlichkeit, um Tote zu vermeiden. Ebenso wie die Digitalisierung (mit den Folgen: Vereinzelung von Menschen, Einsparmöglichkeiten von menschlicher Arbeitskraft und gleichzeitige gute Kontrollmöglichkeit der Kommunikation und des Verhaltens von Menschen, Abschaffung von Bargeld wird auch akzeptabler…) voran getrieben wird. Das Coronavirus bietet also ganz wunderbare Möglichkeiten, um die Bevölkerung zu manipulieren und sie noch kompatibler für eine digitalisierte kapitalistische Wirtschaft zu machen.

Dann schreibt er weiter:

„Dies schrieb mir eine Freundin. Ja, auch ich finde es schwierig, meine Gefühle von Unsicherheit und Angst zu integrieren, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Ja, auch ich halte die kapitalistische Wirtschaftsordnung für destruktiv, ungerecht und nicht zukunftsfähig. Ich bin gegen die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Ja, auch ich fürchte mich vor staatlicher Überwachung und Kontrolle.

Die Dauerberichterstattung in allen Medien wird mir auch immer wieder zu viel. Trotzdem versuche ich, auf dem Laufenden zu bleiben und die Informationen zu gewichten und zu durchdenken. Dabei suche in seriöse Medien (NDR, SZ) und schaue, was kluge Menschen wie Harald Welzer auf Youtube dazu meinen.

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Auf wen sich verlassen? Wem zuhören?

Da ich kein Experte bin,  verlasse ich mich auf Menschen wie Christian Drosten. Für mich ist er glaubwürdig, weil er seine Meinung ändert, sobald er auf neue, gegenteilige Erkenntnisse stößt (ganz im Sinne der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie von Karl Popper) und die Politiker nicht aus ihrer Verantwortung entlässt, indem er sagt: „Ich bin nur ein Wissenschaftler, Entscheidungen müssen Politiker fällen.“ Ich fühle mich ausgezeichnet informiert und nicht gehirngewaschen. Ich empfinde es auch oft so, dass die Medien banale Themen hochjazzen und damit von wirklichen Problemen ablenken. Aber Corona ist ein sehr wirkliches Problem.

Zur Zeit (alles ändert sich täglich) habe ich allerdings am meisten Angst davor, dass einflussreiche Intellektuelle, die mediale Aufmerksamkeit haben, mit ihren Thesen eine Menge verunsicherter Bürger dazu bringen könnten, die von der Regierung verordneten Maßnahmen nicht mehr konsequent zu befolgen. Zusätzlich zu den Menschen, die sofort immer allem und allen misstrauen, und die man nicht mit vernünftigen Argumenten überzeugen kann.

Ich glaube nicht, dass unsere Regierung versucht, in einer Art Staatsstreich von oben dieses Land zu verändern. Ich bin der Meinung, dass sie bisher ziemlich gut damit umgeht. Was wäre denn eine realistische Alternative? Unsere Kanzlerin ist zwar eine Felsin in der Brandung, aber leider hat sie kein Charisma und ist es ihr nicht gegeben, die Menschen wirklich anzusprechen, zu ermutigen und zu überzeugen. Sie redet zu gestelzt-salbungsvoll.

Verantwortungsbewusstes Handeln angesichts der Herausforderung

Ich sehe mit Entsetzen, Bedauern und Wut, wie einige Regierungschefs in der Welt die Corona Krise nutzen, um ihre Macht auszubauen und zu festigen. In Deutschland ist das nicht so. Man kann Söder (nur als Beispiel) natürlich vorwerfen, er nutze mit seinem Aktionismus die Lage aus. Sturmfluten und Gummistiefel bei Hochwasser der Elbe haben schon manchem Politiker die Karriere beschleunigt. Aber was soll er denn tun? Es ist seine Aufgabe, für die Menschen zu entscheiden und zu handeln. Das beinhaltet auch Irrtum oder Scheitern, diesem Dilemma entgeht niemand. Dass sich die Regierung jetzt eng mit Naturwissenschaftlern abstimmt, ist eine (in der Klimafrage nicht eingelöste) Forderung von FFF.

Die Angst vor dem Überwachungsstaat ist begründet (Staatstrojaner, China, Gesichtserkennung, Tracking). Aber gerade in der Diskussion, inwieweit man die sehr weit verbreiteten Smartphones nutzen könnte, hat ja gerade die kritische Öffentlichkeit sofort alles, was man für Tracking nutzen kann, ausgeschlossen und eine Alternative präsentiert, die die Datenschützer und der Chaos-Computer-Club gutheißen. (Details über freiwilligen bluetooth – Infektionsalarm mit freiwilliger Quarantäne, der die Ansteckungsraten deutlich senken würde und ermöglicht, Beschränkungen zu vermindern, siehe NDR Podcast Corona, # 27, 3.04.2020).
Harald Welzer weigert sich standhaft, irgendwelche Prognosen abzugeben. Er sagt (Popper!): wir wissen einfach noch viel zu wenig und sind erst ganz am Anfang.

Ein Virus kennt keine Moral

Eine Pandemie schert sich nicht um unserer Belange und Wünsche. Die ganze Menschheit ist in einer Ausnahmesituation. Was passiert, wenn Regierungen zu lange zögern (vor allem Autokratien), kann man an der Entwicklung der letzten zwei Wochen sehen. Und das kostet sehr viele Menschenleben. Ich bin allerdings auch entschieden der Meinung, dass alle Maßnahmen immer wieder überprüft und zurückgenommen werden müssen, sobald das vertretbar ist.

Ich wende mich überhaupt nicht gegen Diskurse über unsere gesellschaftlichen Fragen, aber wenn man diese Pandemie als wirkliche Krise versteht, ist man gezwungen zu handeln, lange bevor ein Konsens erreicht ist. (Etwas unhöflicher formuliert: Die Intellektuellen würden sich noch jahrelang in Talkshows beharken, ohne dass etwas geändert wird, siehe: Umweltzerstörung oder Kapitalismus).
Gerade jetzt haben wir Bürger doch durch unser überlegtes, verantwortungsvolles Handeln die Möglichkeit, dass jeder Einzelne etwas Gutes für die Allgemeinheit tut. Wir folgen doch nicht den Aufforderungen der Regierung, weil wir dumme Lämmer sind, sondern weil wir Einsicht in die Notwendigkeit haben.

Die Corona Krise deckt gesellschaftliche Schwachstellen auf

Dass viele Menschen auf ihrer hergebrachten Argumentationsschiene bleiben wollen, scheint mir psychologisch gesehen als ein Akt der Verdrängung der Corona-Angst . Die Folgen des Virus sehen sie als narzisstische Kränkung: wie kann diese Naturgewalt es wagen, meine Ansprüche an das Leben, meine Pläne und Wünsche in Frage zu stellen? Die Rückseite der uneinsichtigen Anspruchshaltung ist eine nagende Erfahrung von Mangel an Sinn und Religiosität/ Spiritualität. Sowie ein Mangel an Einfühlungsvermögen und Mitgefühl.

Die Corona-Krise zeigt uns plötzlich viele Schwachstellen in unserer Gesellschaft auf. Und ich hoffe, dass wir hinterher nicht völlig zum Bisherigen zurückkehren, sondern neue Lösungen suchen. Zum Beispiel das überlastete Gesundheitswesen: Ich kann es mir nicht vorstellen, ich will es mir nicht vorstellen, ich muss es mir aber vorstellen. Wenn ich mich daran erinnere, wie die Situation schon vor 22 Jahren in der Geburtsklinik war, oder vor 5 Jahren in der Notaufnahme nach meinem Unfall. Es wurde ja nichts besser.
Diese Krise stellt uns existenzielle Fragen. Wir suchen nach Halt und Orientierung. Wir werden gezwungen zu üben, unsere Vorstellungen, wie etwas zu sein hat, aufzugeben und weniger egoistisch zu sein. Und mit Phantasie und Mut neue Wege zu gehen.“

Henry

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