Elsternest

Christoph Lippelt und „Ein halb versunkener Hund“

Christop Lippelt und Rainer Wochele
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Ein halb versunkener Hund ist der letzte Roman des Stuttgarter Literaturpreisträgers Christoph Lippelt, den er in einer eindrücklichen Lesung am 11. Dezember im überfüllten Schriftstellerhaus vorstellte. Begleitet wurde er dabei von seinen beiden langjährigen Weggefährten Carmen Kotarski und Rainer Wochele. Sie lasen gemeinsam mit dem Autor das erste Kapitel dieses ungewöhnlichen Künstlerromans. Eindringlich schildert Lippelt das Schicksal des hochbegabten Malers Ludger von Freyenfeld, genannt Lude Frey, der als schizophrener Patient in der „Heilanstalt“ Schloss Fürstenau einsitzt. Der Autor stellt im ersten Kapitel die Schlüsselfiguren der Anstalt vor und es drängt sich der Eindruck auf, wie bei vielen anderen Romanen, die in solchen Einrichtungen angesiedelt sind, ob die Grenze zwischen Patienten und Personal nicht längst zur Unkenntlichkeit verwischt ist.

Christoph Lippelt kennt sich in der Medizinwelt gut aus, in seinem Brotberuf war er Arzt, ebenso wie seine berühmten Kollegen Alfred Döblin, Anton Tschechow und Gottfried Benn. Als Hautarzt erkennt Lippelt hinter der Oberfläche das krankmachende System dem der Maler Lude Frey ausgeliefert ist und beschreibt dieses in metaphernreicher, bildmächtiger Sprache. Obwohl alle in der Anstalt Beschäftigten, einschließlich des Direktors Strähle und der Hausmutter Kolumschik, in der Zeit nach der Euthanasie geboren, gibt es den Zusammenhang mit den fürchterlichen Tötungen im Faschismus, den Christoph Lippelt in seinem Roman durch die Verknüpfung zweier Künstlerschicksale herstellt. Das Grauen dringt in die Lebenden ein, doch die Pflegerinnen vom evangelischen Bund der Barmherzigen Schwestern halten eisern ihr Mitleid durch. Da bringt Ludmilla, eine polnische Hilfskraft, mit ihrer praktischen Fröhlichkeit Menschlichkeit in die Anstalt. Sie geht mit Lude Frey natürlich um, frei von Vorurteilen und gibt ihm dadurch seine Würde zurück.

Christoph Lippelt: Würdigung durch Carmen KotarskiCarmen Kotarski lobte in ihrer Rede am Ende der Lesung Christoph Lippelts umfangreiches lyrisches Werk. Als Lyriker hat er sich immer wieder in den literarischen Diskurs eingebracht, hat mit Rat und Tat jungen Kolleginnen und Kollegen zur Seite gestanden. Auch sie hatte er kollegial unterstützt, als sie als junge Lyrikerin nach Stuttgart kam. Dabei kam es oft vor, wie Carmen berichtete, dass er in seinen Anmerkungen zu den ihm vorgelegten Texten nicht nur auf den Text selber einging, sondern poetologische Bemerkungen anfügte. Einmal schrieb er ihr zu einem ihrer Gedichte:
„Die Realität ist die Kette, Poesie der Schuss und aus beidem entsteht etwas Neues, das Gedicht.“

Christoph Lippelt bedankte und verabschiedete sich bei den Zuhörerinnen und Zuhöreren an diesem Abend mit einigen Zeilen aus dem Gedicht „An die Nachgeborenen“ des Lyrikers Bertold Brecht:

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

 

Ein halb versunkener Hund
192 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen
INFO Verlag, Preis 16,80 €
in der Reihe: Lindemanns Bibliothek, Band 226
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens