Michael Wildenhain setzt dem Schriftstellerhaus ein Denkmal

25.09.2020 at 7:00
Michael Wildenhain

.

 

In seinem 60. Lebensjahr weilte der Berliner Autor Michael Wildenhain als Stipendiat im Schriftstellerhaus. In seinem Bewerbungstext schrieb er: er wolle in Stuttgart für seinen neuen Roman recherchieren, in das es seinen Protagonisten getrieben hat. Nun hat vor ein paar Tagen dieser Held den Buchmarkt betreten und Michael Wildenhain stellte am 24. September in der Stadtbibliothek Stuttgart ihn in seinem Roman Die Erfindung der Null vor. Astrid Braun, GF des Schriftstellerhauses, gratulierte dem ehemaligen Stipendiaten zu seinem neuen Roman und freute sich außerordentlich, dass die Premierenlesung in Stuttgart stattfindet, wo Michael Wildenhain intensiv in den drei Monaten seines Aufenthaltes recherchiert hatte.

Michael Wildenheinhat ein umfangreiches Œuvre geschaffen

Moderator Stefan Kister, Kulturredakteur der Stuttgarter Zeitung, nimmt das umfangreiche Œuvre Wildenhains in den Blick: Neben dem Prosawerk entstanden zahlreiche Theatertexte, Gedichte, Kinder- und Jugendbücher, bis hin zu Kriminalromanen und Science Fiction. Den Schwerpunkt aber bilden die Romane. Wildenhains Romanfiguren sind oft durch eine charakteristische Zerrissenheit gekennzeichnet: Sie agieren aus persönlichem Begehren und zugleich als Akteure innerhalb eines gesellschaftlichen Geschehens. Sein Image als hausbesetzender Schriftsteller hat er längst abgelegt.

Das „Häusle“ in der Kanalstraße 4 wird zum Nachhilfe-Institut

In seinem neuen Roman „Die Erfindung der Null“ wird das schmale Schriftstellerhaus am Eingang zum mathematischen Nachhilfeinstitut. In das hat sich der Protagonist, Martin Gödeler, zurückgezogen. Wie es dazu kam, ist einer der Erzählstränge des Romans. Wem bei dem Namen Gödeler an den großen österreichischen Mathematikers Kurt Gödel wegen des gleich klingenden Namens denkt, hat in Mathematik aufgepasst. Man muss zur Mathematik kein besonders intimes Verhältnis pflegen, um ein Lesevergnügen empfinden zu können, das wird durch die Lesungen an diesem Abend klar. Man sollte sich auch von den mathematischen Überschriften: Induktionsannahme, Induktionsschritt, Zwischenergebnis, Gegenprobe, Lemma nicht ins Bockshorn jagen lassen. In weiten Teilen folgt der Roman den Strukturen des klassischen Kriminalromans und in der Tat beginnt der Roman mit einem Verbrechen. Aber auch Gattungen von Ehe-, Wissenschafts-, Gesellschaftsroman werden eingewoben, immer entlang einer mathematischen Beweisführung. Michael Wildenhain kann über mathematische Themen schreiben. Er ist durch sein Studium der Mathematik, Informatik und Philosophie bestens dafür gerüstet.

„Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“ *1)

In Südfrankreich ist ein junge Frau verschollen. Die französische Polizei gibt den Fall an die deutschen Behörden ab. Die Frau hatte mit Martin Gödeler ein Hotelzimmer bewohnt. Schnell gerät Martin Gödeler in den Verdacht, während des Urlaubs in Südfrankreich seine verschollene Geliebte umgebracht zu haben. Ein junge Staatsanwalt macht sich auf die Suche nach der Wahrheit und versucht durch die penible Rekonstruktion des Geschehens Martin Gödeler zu überführen.

Wie so häufig in seinen Romanen arbeitet sich Wildenhain auch in diesem Roman an der Absolutheit der Figuren ab. In diesem Roman ist es die Obsession an die Mathematik. Wie fühlt es sich an, sein Leben in den Dienst einer Sache zu stellen? Der Eros der Zahlen kann nicht lange von Frau und Kind gebändigt werden. Die Affäre mit einer genialen Kollegin eröffnet ihm nicht nur infiniten Lustgewinn, sondern auch Einsichten in den Zusammenhang von Politik und Mathematik. Sie ist Mitglied einer antifaschistischen Widerstandsgruppe gegen die drohende völkische Revolte.

Darüber zerbricht Martin Gödeler und zieht sich in eine schäbige Souterrainwohnung in der Hohenheimer Straße in Stuttgart zurück und gibt in besagtem Haus in der Kanalstraße 4 Nachhilfeunterricht in Mathematik. Dass einige Szenen, die Wildenhain an diesem Abend liest, auch im Klara-Zetkin-Heim spielen, freut mich besonders, vor 25 Jahren feierte ich hier meine Hochzeit.

Ich freue mich auf die Lektüre diese Romans, dessen erste Schritte ich im Schriftstellerhaus begleiten durfte.

Die Erfindung der Null
303 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Klett-Cotta, Preis: 22 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

*1) Zitat von Buffalo Bill, als Motto dem Buch vorangestellt

Heinrich Steinfest kommt nicht mit dem Chauffeur

23.09.2020 at 23:00
Lesen und signieren in Corona-Zeiten: Heinrich Steinfest

Lesen und signieren in Corona-Zeiten

 

Es scheint, als sei alles wie immer, als Heinrich Steinfest am 23. September im Literaturhaus Stuttgart liest: Die Begrüßung spricht Stephanie Stegmann, die Moderation hat wieder der Bewunderer seines Werkes, Denis Scheck, übernommen und der Lesesound des in Wien aufgewachsenen Autors, Heinrich Steinfest, verzaubert die Zuhörerschaft. Aber es ist keine Lesung in gewöhnlichen Zeiten, es herrscht die Corona-Pandemie, die auch das Literaturhaus dazu zwingt, die Zuschauer auf Abstand zueinander zu halten. So ist der sonst bis auf den letzten Platz besetze Raum an diesem Abend nur lückenhaft besetzt. Die Welt ist nicht in Ordnung, ganz im Gegensatz zu der des steinfesten Helden im seinem neuen Roman Der Chauffeur.

Ein Chauffeur wird zum Hotelier

Dort herrscht Übersicht und Präzision. Aber das Leben hält keine Garantie für unendliche Ordnung bereit, genau wie an diesem Abend im Literaturhaus: Nach einem schweren Autounfall und einer nicht minder schweren Fehlentscheidung beschließt Paul Klee, ein kleines Hotel ganz nach seinen Vorstellungen zu führen. Und das Glück will es, dass er sich in die Maklerin Inoue verliebt. Also planen sie das Haus gemeinsam, von den Zimmern bis zur Bar, von den Sesseln bis zum Frühstück. Aber Klees ideale Welt zerbricht ein zweites Mal – und er entschließt sich zu einem für ihn sehr überraschenden Schritt. Das jedenfalls verspricht der Klappentext. Und wer mit den Romanen des Stuttgarter Schriftstellers Heinrich Steinfest vertraut ist, der ahnt, was auf ihn zukommt und ist entzückt, den Autor wieder einmal lesen zu hören.

 

Trotz eines berühmten Namens künstlerisch ein Niete

Schon der Name, Paul Klee, ist eines von Steinfest so hintersinnig ausgedachten Details. Seine Eltern, Klee, nannten ihren Sohn Paul, weil sie es chic fanden, dem Familiennamen aus vier Buchstaben, einen Vornamen, ebenso mit vier Buchstaben, voran zu stellen. Keine gute Entscheidung, wie Paul Klee in der Schule erfährt: der Bub muss aufgrund seines Namens viel Spott aushalten, da er trotz dieses berühmten Namens keinerlei künstlerische Begabung besitzt. Als Erwachsener ergreift er den Beruf eines Chauffeurs und fährt einen hohen Politiker. Unschwer ist Friedrich Merz als Vorlage für die Romanfigur Rehberg zu erkennen. Als Paul Klee in einen Unfall verwickelt wird, bei dem ein kleines Kind stirbt, muss er den Posten aufgeben. Von der hohen Abfindung kauft er sich mit seiner Frau namens Inoue Sander (Mathematikerin und evangelische Theologin!) ein Hotel und baut es zu einem Gesamtkunstwerk in Perfektion aus. Über einen Gast, einen ehemaligen Kommissar, schleicht sich so etwas wie ein Fall in die Geschichte. Aber wer die Kriminalromane von Heinrich Steinfest kennt, (Cheng-Reihe) weiß, dass es alles andere als ein klassischer Kriminalroman ist, den der Leser in Händen hält. Er mischt in seine Geschichte die Landung der Weltraumhündin Laika auf einer Wiese in Süddeutschland ebenso leichthändig, wie ein frühreifes Zwillingspaar oder der irrwitzige Umstand, dass Paul Klee sich standhaft weigert, in der Hotelbar Cocktails zu mischen.

Heinrich Steinfest stoßen die Geschichten zu

Lesung 2. Teil

Lesung 2. Teil

Wie er denn immer wieder zu diesen irrwitzigen Romanideen komme, will Denis Scheck wissen. „Die Geschichten stoßen mir zu“, antwortet Heinrich Steinfest in seiner lockeren Art ohne Hintergedanken. Da möchte man mit ihm doch öfters durch Stuttgart streifen, um ähnlich skurrile Geschichten zu erleben. Natürlich fehlt – wie in vielen Romanen – auch hier nicht ein kleiner Seitenhieb auf den neuen Bahnhofsbau, der schon im Mittelpunkt eines eigenen Romans gestanden hat und von dem man meinen könnte, er sei dem irrwitzigen Kosmos des Werkes von Steinfest entsprungen. Da viele Dinge immer wieder in den Romanen von Heinrich Steinfest verstrickt sind, hat er diesen Roman gleich in vier Teile gegliedert, die er Fäden nennt.
Eine, nur eine, Fußnote darf nicht fehlen

 

Nur eine Fußnote

Noch eine Besonderheit deckt Denis Scheck im Romanwerk Heinrich Steinfests auf: In jedem seiner Werke gibt es genau eine Fußnote. Und wie unter einem Brennglas findet sich in dieser Fußnote der Stil und die Fabulierkunst des Heinrich Steinfest:

„Es gehört zu den Unklarheiten in dieser Geschichte, welche Biersorte genau Felix Pointner bestellt, aber es dürfte sich um ein sogenanntes Schnaitl Original, ein untergäriges, strohgelbes Märzenbier gehandelt haben. Das ist natürlich unwichtig, anderseits weiß niemand genau, wie bedeutungsvoll oder bedeutungslos diverse Details einer Geschichte sind, wie sehr ein solches Detail gleich einem winzigen Tropfen Blut, der in eine Flüssigkeit gerät, eine Verunreinigung, vielleicht aber auch eine Veredelung bewirkt.“

Ich bin wohl der einzige, der einen Roman mit zwei Fußnoten von ihm sein eigen nennen darf, denn Heinrich hat als Fußnote vor „Lerche“ in der Widmung noch ein „die“ gesetzt.

Der Chauffeur
368 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Piper, Preis 22 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Hölderlin zum 250. Geburtstag – Das Schriftstellerhaus gratuliert mit einer Anthologie

20.09.2020 at 22:17
Stolz präsentiert Moritz Heger die druckfrische Anthologie

Stolz präsentiert Moritz Heger die druckfrische Anthologie

„An die Schwäne“ ist ein Zitat von Hölderlin und der Titel der neuen Anthologie 2020 des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Moritz Heger, der erste Vorsitzende des Vereins, stellte es am18. September im großen Saal des Hospitalhofes vor.

Unter dem Titel „Hälfte des Lebens“ hatte das Schriftstellerhaus Mitglieder des Hauses, ehemalige Stipendiaten und Schreibende, die mit dem Haus seit Jahren verbunden sind, aufgefordert, Texte für die Anthologie einzureichen.

 

Eine Anthologie mit 51 Beiträgen und Zeichnungen

51 Beiträge wählte die Jury (Moritz Heger und Astrid Braun) aus den zahlreichen Einsendungen aus, die Eingang in diesen sehr schön gestalteten Band fanden. Christian Lang illustrierte den Band. Für das Schrifstellerhaus ist diese Anthologie eine adäquate Form, in diesem Jahr an die Öffentlichkeit zu gehen. Herausgekommen ist eine lesenswerte Sammlung lyrischer Texte und Prosatexte.

An diesem Abend lasen acht Autorinnen und Autoren. Es waren darunter Mitglieder des Schriftstellerhauses (Rainer Wochele, Hans M. Thill, Gilbert Fels, Wolfgang Tischer) eine ehemalige Stipendiatin (Agnes Gestenberger), eine Teilnehmerin aus der Schreibwerkstatt „Das Junge Schriftstellerhaus“ (Selina Wagner), die Autorin und Lektorin Barbara Imgrund und eine Studienfreundin von Astrid Braun, die emeritierte Hochschulprofessorin an der Sorbonne Paris, Dr. Colette Laplace. Frau Laplace ist eine ausgewiesene Kennerin des Werkes von Hölderlin. Sie hat sein Gedicht Hälfte des Lebens ins Französische übersetzt. Aus ihrem Text stammt der Titel der Anthologie.

Den musikalischen Rahmen gestaltete das Duo „Basssax“: Tom Martin (Voices, Saxophon) und Bernd Gruenen (Bass).

Das Duo "Basssax": Tom Martin und Bernd Gruenen

Das Duo „Basssax“: Tom Martin und Bernd Gruenen

 

An die Schwäne
51 Beiträge zum 250. Geburtstag Friedrich Hölderlins
264 Seiten, Klappenbroschur
Edition Kanalstraße 4,

Bestellungen unter info@stuttgarter-schriftstellerhaus.de zum Preis von 14 Euro zzgl. Versandkosten

Jutta Weber-Bock stellt ihren historischen Roman vor

17.09.2020 at 20:31
Jutta Weber-Bock stellt ihr neues Buch vor

.

 

Jutta Weber-Bock stellte am 8. September 2020 ihren im Gmeiner-Verlag erschienen historischen Roman Das Mündel des Hofmedicus im Hospitalhof vor. Viele Weggefährten von Jutta Weber-Bock waren gekommen.

In den 90ziger Jahren lernte ich Jutta im Rahmen des Studium Generale kennen. Ich besuchte ihre Lyrik- und Prosawerkstatt an der Universität. Als Werkstättenleiterin habe ich sie damals schätzen gelernt. Mit Liebesprobe bei Book on Demand hatte sie ihren ersten Roman veröffentlicht. Danach war lange kein Roman von ihr erschienen.

Das Geld für die Brötchen muss verdient werden

Seit vielen Jahren sprach sie immer wieder von einem historischen Roman, an dem sie arbeite. Nun endlich kann die Leserschaft den neuen Roman in Händen halten. Warum hat sich das Projekt weit über zehn Jahre hingezogen? Nun, die Antwort ist – wie es für viele Schriftsteller gilt – der Notwendigkeit geschuldet, die Brötchen mit einer anderen Tätigkeit als dem Schreiben zu verdienen. Bei Jutta Weber-Bock ist es ihre Dozententätigkeit. In der langen Zeit hat sie aufwändige Recherchen zu ihrem Roman gemacht, das wird an diesem Abend im Gespräch mit der Leiterin des Hospitlhofes, Frau Renninger, deutlich. Auch im Hospitalhof gibt Jutta Schreibkurse, daher bot sich der Ort an, zumal aufgrund der Coronaverordnungen eine Präsentation im Schriftstellerhaus, bei dem sie Mitglied ist, nicht in Frage kam.

Jutta Weber-Bock recherchierte intensiv für den Roman

Im Mittelpunkt des Gespräches steht an diesem Abend die Frage: Wie entsteht ein historischer Roman? Jutta verbrachte viele Wochen im Staatsarchiv und im Stadtarchiv Stuttgart, las sich durch Gerichtsakten. Man gewährte ihr Einblicke in Kirchenbücher, die für sie eine eine wichtige Quelle wurden. Lange vor den säkularen Büchern waren sie die einzigen Zeugnisse, in denen Familienereignisse und Personenstandsdaten festgehalten wurden.

Viele im Roman vorkommenden Personen sind historisch verbürgt, ebenso natürlich die Schauplätze, an denen der Roman angesiedelt ist: das Stuttgart des beginnnenden 19. Jahrhunderts, Kirchberg an der Murr, Metzingen und die Erziehungsanstalt der Herrnhuter Brüdergemeine Königsfeld im Schwarzwald.

Das Mädchen Nanette steht im Mittelpunkt des Romans

Der Roman beginnt in Stuttgart im Jahre 1804. In einem Stuttgarter Gasthof bringt eine adelige Dame heimlich das Mädchen Christiane zur Welt. Es wird der Frau des Hofconditors unter geschoben, die zum gleichen Zeitpunkt entbindet. Der Hofmedicus erklärt ihr leibliches Kind für tot. So wird Gottliebing Rumetsch zur Amme für Christiane, genannt Nanette. Der Hofmedicus hat weitgehende Pläne mit dem kleinen Mädchen, er will Fragen der Erziehung an ihr klären.

Von historischen Details zum Roman – ein langer Weg für Jutta Weber-Bock

Lesepassagen wechseln sich ab mit Fragen von Frau Renninger zur Entstehung und zum Hintergrund des Buches, zu den umfangreichen Recherchen. Dabei stellt sie mehrfach eine zentrale Frage: Wie kann aus den vielen recherchierten Fakten ein Roman werden, der die Fakten als Folie nimmt, aber eine eigene Handlung darauf ausbreitet, mit Personen, die zwar (teilweise) verbürgt sind, aber doch im Roman ein Eigenleben haben? In den Lesepassagen wimmelte es nur so von historischen Details. Wie sich die Entwicklung der Protagonisten und ihrer Antagonisten vollzieht, wie die Personen ihre Konflikte bewätigen und dabei im Roman ein Eigenleben entfalten, wird der Leser dieses 440-Seiten- Romans selber entdecken.

Das Mündel des Hofmedicus
Historischer Roman
448 Seiten, Klappenbroschur Premium
Gmeiner, Preis: 15 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Luftgitarre spielen

23.07.2020 at 19:07
Luftgitarre

.

Luftgitarre spielen ist keine Luftnummer. Es gibt sogar Wettbewerb dazu, wie der Krimiautor Friedrich Ani in seinem 10. Roman um den melancholischen Ermittler Tabor Süden beschreibt (Süden und der Luftgitarrist).

Der Band wurde sogar verfilmt, mit dem wunderbaren Ulrich Noethen in der Hauptrolle

6. Mai 2020 – Kabarettist Hanns Dieter Hüsch geboren

06.05.2020 at 15:36
Hans Dieter Hüsch

Von Wittkowsky, CC BY-SA 3.0

Heute vor 95 Jahren wurde Hanns Dieter Hüsch in Moers geboren und es lohnt, sich dieses Menschenfreundes zu erinnern. Er kam mit verkrüppelten Füßen zur Welt. Von seiner Mutter wurde er mit Liebe überschüttet. Seine Kindheit waren Jahre der Krankheit und der Sorge. Wegen einer vererbbaren Veranlagung zum Klumpfuß wurden seine verdrehten Füße mehrmals schmerzhaften Operationen unterzogen, was ihm den Kriegsdienst ersparte. „Mein Leben verdanke ich meinen Füßen“, kommentierte Hüsch in seinen 1990 veröffentlichten Erinnerungen.

Diese Mischung aus Schmerz und Liebe prägten seine kabarettistischen Texte: ein liebevoller und zärtlicher Blick auf das Leben der kleinen Leute. Zeit seines Lebens stand er auf ihrer Seite, auf der Seite der Ausgegrenzten. Einer meiner Lieblingstexte drückt das in vortrefflicher Art und Weise aus:

Ich sing für die Verrückten
Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen

An ihrem Tisch in Küchen sitzen
Und keiner Weltanschauung nützen
Die tagelang durch Städte streifen
Und die Geschichte nicht begreifen

Die sich vom Kirchturm stürzen
Die Welt noch mit Gelächter würzen
Und für den Tod beizeiten
Sich selbst die Glocken läuten

Die an den Imbißtheken hängen,
sich weder vor- noch rückwärtsdrängen
Und still die Tagessuppe essen,
dann alles wieder schnell vergessen

Die mit den Zügen sich beeilen,
um nirgendwo zu lang zu weilen
Die jeden Abschied aus der Nähe kennen,
weil sie das Leben Abschied nennen

Die auf den Schiffen sich verdingen
und mit den Kindern Lieder singen
Die suchen und die niemals finden
und nachts vom Erdboden verschwinden

Die Wärter stehen schon bereit mit Jacken,
um werkgerecht die Irrenden zu packen
Die freundlich auf den Dächern springen
für diese Leute will ich singen

Die in den großen Wüsten sterben,
den Schädel schon in tausend Scherben
Der Sand verwischt bald alle Spuren,
das Nichts läuft schon auf vollen Touren

Die sich durchs rohe Dickicht schieben,
vom Wahnsinn wund und krank gerieben
Die durch den Urwald aller Seelen blicken,
den ganzen Schwindel auf dem Rücken

Ich sing für die Verrückten,
die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
und unbemerkt von allen

Sich aus der Schöpfung schleichen,
weil Trost und Kraft nicht reichen
Und einfach die Geschichte überspringen
für diese Leute will ich singen

Nicht anschlussfähig an den linken Mainstream

Beim Festival auf der Burg Waldeck wurde er ausgebuht, weil er dem Publikum nicht radikal genug war. An die linke Kabarett und Liedermacherszene fand er danach keinen Anschluss mehr. Die Menschlichkeit und Wärme seiner Texte ist bis heute berührend. Nie wieder habe ich in der Kleinkunstszene jemanden mit dieser Zugewandtheit und Empathie erlebt.

Er sah seine Aufgabe darin, „die Ohren der Menschen zu schulen für Lügen, für falsche Töne und falsche Typen.“ Wie nötig hätten wir heute einen wie ihn.

Humorvoll und von tiefem Glauben geprägt

Sein tiefer Glaube hat ihm in schweren Zeit seiner Krebserkrankung geholfen. Er blieb optimistisch und humorvoll – auch im Umgang mit dem „lieben Gott“. „Ich habe mit ihm eine Verabredung“, sagte Hanns Dieter Hüsch im März 2000. „Und weil wir beide so wenig Zeit haben, haben wir gesagt, lass uns mal nichts fest machen. Wer kommt, der kommt.“ Am Nikolaustag 2005 ist er dann zu ihm gegangen.

Lesen in Zeiten von Corona

12.04.2020 at 16:37
Ausgestorbene Plätze - geschlossene Bibliotheken

Ausgestorbene Plätze – geschlossene Bibliotheken

 

M. fährt manchmal zur geschlossenen Stadtbibliothek. Dort – in der „Bibliothek der Schlaflosen“ – kann er noch einige Bücher ausleihen. Das ist immer ein Vabanquespiel. In 30 Fächern liegen je zwei Bücher oder andere Medien. Gut, dass es noch lokale Buchhandlungen gibt, die durch eine Buchklappe verkaufen. So z.B. die Buchhandlung Steinkopf. Ihr Besitzer, Reiner Steegmüller, hat auch schon Privatdetektiv Dengeler geholfen.