PENG! – Und aus!

09.12.2019 at 0:54
Tanja Roth, Sivija Hinzmann, Martina Friess und Rudolf Georg (v. l. n. r.)

Tanja Roth, Sivija Hinzmann, Martina Friess und Rudolf Georg (v. l. n. r.)

 

Die Stadtteilbücherei Bad Cannstatt ließ am 4. Dezember 2019 zehn Autorinnen und Autoren der Krimivereinigung „Syndikat e. V.“ in ihren Räumen Ausschnitte aus ihren aktuellen Krimis lesen.  Alle Autorinnen und Autoren lasen an diesem Abend unentgeldlich.

Das Publikum fungiert an diesem Abend als „Schiedsrichter“, hat die Hoheit über die Länge der einzelnen Lesungen. Nach 6 Minuten hält der Moderator eine Karte mit dem Wort „PENG!“ hoch, das Publikum unterbricht mit lautem Rufen die Lesung. So hat jeder die gleichen Bedingungen, das Publikum mit einem Ausschnitt aus seinem Krimi in den Bann zu schlagen.

Musikalisch wird der Abend von der Gruppe Tristan Vox umrahmt. Chansonhaft-folkig kommt ihre Musik daher. Sie hat einen melancholisch verträumten Charme und erinnert an das Songwriting von Gisbert zu Knyphausen mit ihren feingewobenen deutschsprachigen Texten. Sie spielen an diesem Abend mit Gitarre (Frank Wild, auch Gesang und Komposition), Keybord (Andrea Klauke) und Bass (Franco Vuono).

Tristan Vox

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Julia Hofelich

Julia Hofelich

Julia Hofelich, im Hauptberuf Rechtsanwältin, eröffnet den Reigen. Ihre Protagonistin, Linn Geller, ist ebenfalls Rechtsanwältin.
Grace Riccardi ist wild entschlossen, den Mord an ihrem Ehemann zu gestehen – ein gefundenes Fressen für den Staatsanwalt. Linn findet jedoch bei genauerem Hinsehen Hinweise auf die Unschuld ihrer Mandantin. Aber warum sollte eine Unschuldige freiwillig ins Gefängnis gehen? Oder ist Grace Riccardi doch die Mörderin? Linn beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, nicht ahnend, wie nahe sie dem Bösen kommen wird und dass sie selber von der Jägerin zur Gejagten wird.
Ein konventionell erzählter Krimi, der in Cornwall spielt, erschienen im Bastei Lübbe Verlag.

Dorothea Böhme

Dorothea Böhme

Dorothea Böhme, geboren 1980, zieht es immer wieder in die weite Welt hinaus: Italien, Ungarn und Ecuador waren Stationen in ihrem Leben. Sie lebt inzwischen in Stuttgart. Hier schreibt sie Lokalkrimis, ist Mitglied der Mörderischen Schwestern und ist seit zwei Jahren auch regelmäßig bei der Lesebühne Get Shorties dabei.

An diesem Abend liest sie eine Krimalerzählung, die sie in der Anthologie „Wortreich“ veröffentlicht hat. Paula Schmidt, eine Privatdetektivin, steht im Mittelpunkt der Geschichte. Leider folgt sie nicht dem Imperativ „Show, don’t tell“ in ihrer Story, die trotz eines lakonischen und gewollt witzigen Stils in der Beschreibung von Stereotypen verhaftet bleibt.

Kai Bliesener

Kai Bliesener

Der Weinstädter Autor Kai Bliesinger liest eine Passage aus seinem dritte Politkrimi Das Brandt Attentat, der erst in den nächsten Tagen erscheinen wird. Ein Thema, dass durch den Aufstieg der AfD und dem zunehmenden Rechtsterrorismus wieder aktuell wird:

Willi Brandt will mit einem Wandel durch Annäherung für eine Entspannung im Kalten Krieg und eine Annäherung der Systeme den Boden bereiten. Doch insbesondere die alten Kader, die sich in Politik und Wirtschaft nach dem Krieg schnell wieder etabliert haben, sehen diese Politik als falsch an. Vor diesem Hintergrund wird der ehemalige Geheimagent Carl Janson von der Organisation beauftragt, ein angeblich von rechten Gruppierungen geplantes Attentat auf Willy Brandt zu verhindern, die die noch junge Republik deutlich nach rechts rücken wollen.

Ulrike Blatter

Ulrike Blatter

Ulrike Platter nimmt ihre Situation als Krimiautorin in den Blick und liest einen Text, der sich um das Schreibens eines Krimis dreht. Dabei lässt sie dem Leser / Zuhörer Raum für seine eigenen Bilder und Gedanken. Sie ist quasi vom Fach, denn sie ist promovierte Rechtsmedizinerin.

Jochen Bender

Jochen Bender

Eine gut erzählte Wolfsgeschichte liest Jochen Bender. Sie ist im September bei Oertel u. Spörer in der Reihe „Schwabenkrimi“ erschienen: Auf der Alb wird die blutig zerfetzte Leiche eines Wanderers gefunden. Handelt es sich um das erste menschliche Wolfsopfer seit über hundertfünfzig Jahren? Wegen der politischen Brisanz werden die Kommissare Jens Hurlebaus und Bianca Walter aus Stuttgart angefordert. Ein Fall, der sich an die aktuellen Diskussionen zwischen Naturschützern und Schäfern in Baden Württemberg anlehnt.

Die in Kroatien geborene Silvija Hinzmann hat jahrelang für die Justizbehörden als Dolmetscherin gearbeitet und hat sich ein profundes Wissen über den Strafvollzug erworben, das sie in ihre Krimis einfließen lässt. Leider ist ihr Kurzkrimi Der dritte Mann aus der Anthologie Gesiebte Luft sehr konventionell erzählt. Sie lässt dem Leser wenig Raum für eigenen Vorstellungen, indem sie alles minutiös erzählt. Erschienen ist die Anthologie im Tübinger Silberburgverlag

Der Moderator des Abends, Rudolf Georg, ist selber Krimiautor. In seinem Brotberuf als Rechtsanwalt kommt er immer wieder mit dem Gesetz in Berührung. Er hat eine ganze Reihe rechtswissenschaftlicher Bücher und Aufsätzen veröffentlicht. Heute Abend liest er aus seinem ersten Kriminalroman, im Gemeiner Verlag erschienen, Sünde des Schweigens.
Während eines abenteuerlichen Urlaubs in Mali geraten Margarete Schönfelder, Tochter eines schwäbischen Unternehmers, und ihr Ehemann Erich in Geiselhaft. Er kommt frei, sie stirbt. Als der junge Anwalt Dr. Jean-Jacques „Joja“ Seltenreich den Ehemann in einer Verwaltungsrechtssache vertritt, keimt in ihm ein ungeheuerlicher Verdacht auf. Wie aber soll sich ein Anwalt nun zwischen der ihm vom Gesetz auferlegten Schweigepflicht und seinem Gewissen entscheiden? Die Lösung ist gefährlich, denn sein Gegenspieler ist nicht zimperlich. Leider ist auch bei diesem Autor die Zeit von sechs Minuten zu kurz, um den ganzen Krimi zu erfassen.

Martina Fiess studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Politikwissenschaften in Würzburg und Stuttgart, promovierte 1997 über Wassily Kandinsky. Heute ist sie als Autorin und Buch-Coach tätig. Sie hat zahlreiche Krimi-Erzählungen und sechs Romane veröffentlicht. Als Co-Herausgeberin veröffentlichte Martina Fiess zwei Anthologien mit Weinkrimis. Einen Krimi aus diesen Anthologien liest sie an diesem Abend.

Jürgen Frech

Jürgen Frech

Jochen Frech liest aus seinem packenden Kriminalroman, der im winterlichen Stauferland spielt. Ein unbekannte Mann wurde im Göppinger Stauferbrunnen ertränkt. Es gibt keine Zeugen, und die wenigen Spuren führen in eine Sackgasse. Dann wird ein zweiter Toter gefunden …
SEK Ermittler Moritz Kepplinger nimmt den Fall auf. Spannend erzählt von einem, der die Polizeiarbeit aus eigener Anschauung kennt. Fünf Jahre lang war er beim SEK der Polizei des Landes Baden-Württemberg. Nach einem anschließenden Studium an der Hochschule der Polizei und seiner Tätigkeit als Fachlehrer bei der Bereitschaftspolizei leitet Frech seit 2009 die Sportbildungsstätte der Polizei des Landes Baden-Württemberg.

Als letzte Autorin dieses Abends liest Tanja Roth aus ihrem in diesem Jahr im Silberburgverlag erschienenen Kriminalroman Die geschenkte Sau.
Der Gastronom und Großgrundbesitzer Gerhard Beitle macht als Leiche kein schönes Bild. Der Fundort und der Zustand des Toten lassen zuerst an einen Ritualmord denken, aber die Esslinger Kriminalkommissarin Katharina Bundschuh und ihr Kollege Samuel Schroth merken bald, dass der Filz aus Politik, Wirtschaft und lokaler Polizei auf den Fildern etwas ganz anderes versteckt..

Das Umfeld kennt Tanja Roth, hat sie doch eine Ausbildung in der Gastronomie gemacht, bevor sie in Schwäbisch Gmünd Kommunikationsdesign studierte.

Als der letzte Schuss gefallen und die letzte Leiche weggeräumt ist, können die Zuhörer am üppigen Büchertisch die Bücher erwerben, deren Auszüge sie eben gehört haben und bei einem Glas Wein mit den Autorinnen und Autoren über ihre Geschichten plaudern.

Terminankündigung: 10. Oktober Lesung band2

26.09.2019 at 14:12
Einige Mitglieder der Autorengruppe

Einige Mitglieder der Autorengruppe

 

band2 ist eine offene Autoren-Gemeinschaft für alle Genres – ob Kurzgeschichten, Essays, Romane oder Lyrik. Die Faszination fürs Schreiben steht im Mittelpunkt. Die Gruppe ist im Schriftstellerhaus beheimatet.

Für die diesjährige Lesung hat die Gruppe das Motto Nur euer Bestes ausgewählt, um die Bandbreite der literarischen Möglichkeiten auszuloten. Das geht von heiter über nachdenklich, skurril bis fantastisch.

Musikalisch begleitet wird die Lesung von Michael Reisser auf der Gitarre.

Termin: Donnerstag, 10. Oktober 2019, 19:30 Uhr, freier Eintritt
Ort: Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt, Überkinger Straße 15

Schreibwettbewerb: 3 Gewinner – Sechs Textlesungen

01.06.2019 at 10:16
v.l.r.: Christian Reimann, Moritz Heger, Hannah Schraven, Simon Sailer

v.l.r.: Christian Reimann, Moritz Heger, Hannah Schraven, Simon Sailer

 

Am 27.05.2019 begrüßte Meike Jung von der Stadtbibliothek Stuttgart die drei Preisträger des Drei-Länder-Schreibwettbewerbs im hauseigenen Café LesBar. Dieser Preis wurde erstmals vom Literaturmagazin Narr, der Literaare, vom Stuttgarter Schriftstellerhaus und Literatur Vorarlberg für Nachwuchsautorinnen und Autoren ausgeschrieben. Moritz Heger, Vorstandsvorsitzende des Schriftstellerhauses, moderierte den Abend. Er saß selber in der Auswahljury.

Zu Beginn der Lesung erläutert Moritz Heger, dass die Jury die drei Gewinner aus 305 Texten ausgewählt hat. Voraussetzung zur Teilnahme an dem Schreibwettbewerb für den literarischen Nachwuchs war, dass noch keine Buchveröffentlichung vorlag. Eine Altersbeschränkung gab es ebenso wenig wie die Vorgabe eines Genres. Es setzten sich Hannah Schraven (Lyrik), Simon Sailer (Prosa) und Christian Reimann (Prosa) bei diesem Wettbewerb durch.

Hannah Schraven, geboren 1992, studierte am Institut für Literarisches Schreiben in Hildesheim und arbeitet vor allem mit Klang-Text-Collagen. Das klang auch deutlich in ihrem Gedicht über Tiere und Menschen an.

Der Wiener Simon Sailer, geboren 1984, studierte Philosophie und Kunst. Seit 2017 veröffentlicht er in literarischen Zeitschriften und Anthologien. Sein im März erschienener Debütroman Menschenfisch lag zum Zeitpunkt des Wettbewerbs noch nicht vor, somit erfüllte er die Kriterien. Simon Sailer entfaltet in Origamien fantasievolle Gedankengeschichten, die sein Protagonist beim Falten von Papierfiguren entwickelt.

Der in der Nähe von Berlin lebende Christian Reimann liest seine Geschichte Einzelzimmer. Er zieht darin den Leser in ein Altersheim und beschreibt die Tristesse, die dort eben herrscht. Er hatte mit seinem Text auch den Publikumspreis beim Literaare-Festival gewonnen.

Unterschiedliche Arbeitsweisen

Im Gespräch mit Moritz Heger erzählen die drei, wie sie arbeiten: Hannah Schraven eher „Old School“: morgens im Bett schreibt sie von Hand, sortiert ihre ersten Einfälle. Doch daraus entwickelt sich bei ihr ein architektonischer Schreibprozess.

Christian Reimann „schreibt so vor sich hin“. Den größten Teil des Tages beschäftigt er sich mit dem Lesen von Romanen. Dabei geht es ihm nicht um die Quantität sondern um die Qualität. Bis zu acht Stunden jeden Tag liest er immer die gleichen Romane, um das Handwerk großer Autoren zu studieren. James Joyces Ulysses muss man einfach dutzendmal lesen, um ihn ganz zu durchdringen. Kafkas Schloss hat er mindestens zwanzig Mal gelesen, Camus viele Male, den Roman Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann zehnmal und er würde diese wenigen Werke auch immer wieder lesen. „Unterhaltungsliteratur“ würde ihn nicht interessieren. Der Frage, wann er seinen Lebensunterhalt verdient, weicht er aus. Er hätte keine großen Bedürfnisse.

Simon Sailer hat es geschafft, mit kontinuierlichem Arbeiten seinen ersten Roman zu schreiben.

Es bleibt abzuwarten, ob diese drei jungen Menschen weiter die literarische Bühne bespielen. Christian Reimann hatte ja schon beim Erhalt der Nachricht, dass er ausgewählt worden sei, skeptisch reagiert und eine Fälschung vermutet. Mit je einem zweiten Text verabschiedeten sich alle drei an diesem Abend vom Publikum. (Hannah Schraven siehe hier)

Katharina Nocun auf ihrer Datenspur

31.03.2019 at 12:05
Katharina Nocun: Amazon, ein besonders datenhungriges Unternehmen

Amazon, ein besonders datenhungriges Unternehmen

 

Die Autorin Katharina Nocun referierte am 28. März 2019 in der StaBi Stuttgart auf Einladung des Chaos-Computer-Clubs über „Datenspuren“. Jeder Internetnutzer hinterlässt Spuren, sobald er Leistungen in Anspruch nimmt. Die Idee zu ihrem Buch kam ihr bei einem Saunabesuch. Dort wurde sie darauf hingewiesen, dass die Umkleidekabinen Videoüberwacht sind. Das war für sie ein Schlüsselerlebnis.

Für die Recherche zu ihrem Buch, Die Daten, die ich rief, forderte Katharina Nocun ihre Daten bei zahlreichen Unternehmen an und ließ diese auswerten. Dabei erfuhr sie mehr über sich selbst, als ihr lieb war. Im Vortrag zeigt sie, wie Banken, Firmen und Behörden Algorithmen nutzen, um unsere Zukunft vorherzusagen und wie Geheimdienste darum wetteifern, wer uns am effektivsten überwacht und durchleuchtet. Weiter…

Wir trauern um Christine Brunner

20.12.2018 at 11:29
Christine Brunner bei der diesjährigen Thaddäus-Troll-Preisverleihung.

Christine Brunner bei der diesjährigen Thaddäus-Troll-Preisverleihung

Unerwartet und plötzlich ist Christine Brunner im Alter von 63 Jahren gestorben. Sie wurde 1955 in der Oberpfalz geboren, studierte an der Stuttgarter Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen und leitete die Stadtbibliothek Stuttgart ab 2013.

Schon seit 2001 arbeitete sie als stellvertretende Leiterin der Bibliothek unter der damaligen Direktorin Ingrid Bussmann und hat in der Zeit entscheidend bei der Planung der neuen Bibliothek am Mailänder Platz mitgewirkt.

Sie hielt die Türen nicht nur für alle Neugierigen weit offen, die nach der Eröffnung des Einkaufszentrums Milaneo oft mit schweren Einkaufstüten vorbeischauten. Sie bot den Autoren aus den Herkunftsländer der Stuttgarter Migranten ein Podium und begrüßte bei unzähligen Veranstaltungen persönlich die Gäste. Wie auch am 11. Dezember, als sie die Gäste in „ihrer Bibliothek“ zur Verleihung des Thaddäus-Troll-Preises begrüßte. Es war wahrscheinlich ihr letzter öffentlicher Auftritt in ihrer stets freundlichen, zurückhaltenden Art, der gut im Gedächtnis bleiben wird.

Thaddäus-Troll-Preis 2018 an Kai Wieland vergeben

13.12.2018 at 10:16
Auf dem Podium diskutieren (v.l.n.r): Werner Witt, Kai Wieland, Tom Kraushaar

Auf dem Podium diskutieren (v.l.n.r): Werner Witt, Kai Wieland, Tom Kraushaar

 

Der Jungautor Kai Wieland (29) erhielt vom Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg am 11. Dezember 2018 in der Stadtbibliothek Stuttgart den mit 10.000 € dotierten Thaddäus-Troll-Preis für seine Erstlingswerk Amerika. Der Vorsitzende des Fördervereins, Werner Witt, überreichte an diesem Abend den Preis an Kai Wieland.

Kai Wieland erhält die Urkunde

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Kai Wieland sinniert in seiner Dankesrede, was er mit dem Preisgeld alles machen könnte: Z. B. in eine Buchhandlung gehen, 500 Bücher kaufen und mit ihnen auf eine einsame Insel fliegen. Für ihn wäre das Traumziel Island. Er hat vorsorglich schon recherchiert, wieviel Kilo Übergepäck und wieviel Gepäckstücke er bei Islandair aufgeben kann, um alle Bücher mitzunehmen. Mit dieser humorvollen Rede zeigt sich Kai Wieland als das, was er ist: ein Geschichtenerzähler.

Anstelle von langen Reden fordert Werner Witt den Autor auf, aus seinem Werk zu lesen, über das die Jury wie folgt geurteilt hat:
„In diesem Kaleidoskop eines verlorenen schwäbischen Dorfes namens Rillingsbach verknüpft der Autor eine Handvoll Schicksale zu einer Chronik, die sich nicht damit brüstet, die einzig wahrhaftige Darstellung der Ereignisse zu sein. Der „Chronist“, der allein mit dieser sperrigen Bezeichnung im Buch auskommen muss, begibt sich aus unbekannten Gründen auf die Jagd nach Typen und Geschichten in dieser gottverlassenen Gegend zwischen Murrhardt und Backnang, und er begibt sich mitten hinein die Brutstätte jeder Legendenbildung, in die Dorfwirtschaft. Hier trifft er auf die oft schon aufgewärmten Erinnerungen an Kriegs- und Nachkriegszeiten, er begegnet Kopfschlächtern, Nazis, Sängern, Dichtern, wilder Dorfschönheit, Rebellen, verpassten Gelegenheiten und unausgelebten Träumen. Kai Wieland gelingt in Amerika eine fein austarierte Melange aus sachlich bilanzierendem Ton, sensiblen Beobachtungen und trockenem Witz und gibt so einer viel erzählten Zeit ein anderes Gesicht.“

In den Textpassagen, die Kai Wieland an diesem Abend liest, wird sehr gut der Sound seines Romans hörbar. Er schreibt in einer ruhigen, etwas antiquierten Sprache aus der Sicht einer namenlosen Person, die „der Chronist“ genannt wird. Über die Entstehung des Romans und wie er zu Klett-Cotta kam, diskutiert er an diesem Abend mit seinem Verleger Tom Kraushaar und Kai Wieland. Interessant, dass sein Versuch, den Roman über den herkömmlichen Weg in einem Verlag unter zu bringen (Versenden des Manuskriptes an die Verlage) gescheitert ist. Aufmerksamkeit hat er bekommen, weil es sein Roman auf die Longlist des Blogbuster-Preises geschafft hat. Das Konzept des Wettbewerbs hatte ihn überzeugt, denn die Marktgängigkeit der Manuskripte für die erste Instanz (die Blogger) spielt eine geringere Rolle als bei der klassischen Verlagssuche. Dass er sein Erstlingswerk bei Klett-Cotta unterbringen konnte, ist ein Glückfall für ihn. Seinen Brotberuf als Redakteur im Verlagsbüro Wais & Partner wird er sicher noch nicht aufgeben.

Passend zum Titel des Romans rahmt die Band Michael & The Hoes mit ihrem akustisch geprägten „Folk’n’Roll“ den Abend ein.

Amerika
Roman
240 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klett-Cotta, Preis 20,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Drogen per Drohnen – der neue Krimi von Zoë Beck

10.03.2018 at 12:07

Zoë BeckSchon achtmal kooperierte die Stadtbibliothek Bad Cannstatt mit dem Verein Stuttgarter Kriminächte, um Kriminalautoren einem breiten Publikum vorzustellen. Am 7. März 2018 las Zoë Beck hier aus ihrem neuen Roman. Sichtlich stolz präsentierte Alexandra Kirchner, die Leiterin der Bibliothek, mit ihrem reinen Frauenteam diese Ausnahmeschriftstellerin. Immer wieder eroberte Zoë Beck die Krimibestenliste mit ihren spannenden Romanen, die häufig in Großbritannien spielen. Für ihrer Kurzgeschichte Draußen erhielt sie 2010 den renommierten Friedrich-Glauser-Preis, 2014 gewann sie den Radio-Bremen-Krimipreis, der Autorinnen und Autoren für qualitativ herausragende Werke der Kriminalliteratur auszeichnet und zwei Jahre später den 3. Platz beim Deutschen Krimi Preis in der Kategorie „National“.

Nach dem Brexit kommt der Druxit

Zoë Becks neuer Kriminalroman spielt in London in nicht ferner Zukunft. Nach dem Brexit steht der Druxit auf der Agenda der regierenden Partei der „Rotweißblauen“. Sie hat einen Gesetzesentwurf vorbereitet, der einen Ausstieg aus den Drogen zum Ziel hat. Mit ihrer populistischen Kampagne unter dem Slogan „Großbritannien wird drogenfrei“ macht sie sich nicht nur die Abhängigen zu Feinden sondern vor allem die, die an den Drogen verdienen. Mächtige englische Verbrechersyndikate. Ellie Johnson hat ein besonderes Geschäftsmodel entwickelt, abseits von den Distributionswegen der Kartelle: Über einen von ihr entwickelten App bestellt man Drogen in höchster Qualität, die von Drohnen ausgeliefert werden. Anonym, sicher, perfekt organisiert. Die Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will „Die Lieferantin“ aus dem Weg räumen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen doch ihre Gegner sind mächtig und lauern an jeder Straßenecke. In ihrem Kampf arbeitet sie mit der Rechtsanwältin Catherine Wiltshire zusammen, die sich für eine Legalisierung der Drogen einsetzt. Um an Geld für die Antikampagne zu kommen, schrecken sie auch vor Erpressung eines hochrangigen, drogenabhängigen Ministers nicht zurück.

Zu Beginn des Buches und der Lesung stellt Zoë Beck einen netten jungen Restaurantbesitzer vor, der sich einer Schutzgelderpressung ausgesetzt sieht. Als ihm das zu viel wird, bringt er den Schutzgelderpresser um und betoniert ihn in seinem Haus unter seinem Fußboden ein. Dumm nur, dass er sich fortan einbildet, der Typ klopfe von dort unten und dumm für ihn, dass er damit nie wird sein Haus verkaufen können.

Ein Marktplatz der Abscheulichkeiten

Sehr ausführlich spricht sie über ihre Recherche im Darknet, dort gibt es alles zu kaufen: Von Sex bis zu Drogen. Im Darknet gibt es einen Marktplatz für alle denkbaren Abscheulichkeiten. Auch ihre Protagonistin findet ihre Kunden über das Darknet. Bezahlt wird mit Bitcoins, geliefert wird der Stoff mit Drohnen, die die Übergabe auch noch filmen. Damit sichert sie ihr „Geschäftsmodel“ ab, denn sie hat was gegen ihre Kunden in der Hand. Sollte ein Drohne abstürzen oder eingefangen werden, zerstört sie augenblicklich alle gespeicherten Daten, eine Spur zur Lieferantin ist nicht mehr vorhanden.

Zoë Beck erzählt und schreibt in einem hintergründig-lakonischen Erzählstil, springt bei der Lesung durch das Buch ohne die Gesamtkonstruktion und das Ende der Geschichte zu verraten. Damit ragt sie wie ihre Kollegen Friedrich Ani und Oliver Bottini weit aus der großen Genre-Masse heraus.

Zoë Beck zeigt Kante

Inhaltlich setzt die Autorin mit ihrem halbfuturistischen Drogenthriller Akzente, der mit seinen Anspielungen auf populistische Strömungen als Diskussionsgrundlage durchaus relevant sein könnte für unsere heutige Gesellschaft. Mit Populisten hat die Autorin auch als Verlegerin zu tun: Sie ist eine der Mitinitiatorinnen der Kampagne gegen rechte Verlage, der sich mittlerweile 45 unabhängige Verlage unter dem Hashtag #verlagegegenrechts zusammengeschlossen haben. Damit positioniert sich die Autorin eindeutig für Weltoffenheit und Vielfalt und gegen Ausgrenzung und Hass. Die Kampagne hat es mittlerweile geschafft, dass die rechtspopulistische Zeitung „Junge Freiheit“ sich nicht auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Darauf ist Zoë Beck sichtlich stolz. Bericht siehe hier. Damit zeigt die Autorin, dass sie nicht nur literarisch heiße Eisen anpackt sondern auch bereit ist, sich die Finger im richtigen Leben zu verbrennen.

Die Lieferantin
324 Seiten, Klappenbroschur
Suhrkamp, Preis 14,95 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte