Hölderlin zum 250. Geburtstag – Das Schriftstellerhaus gratuliert mit einer Anthologie

20.09.2020 at 22:17
Stolz präsentiert Moritz Heger die druckfrische Anthologie

Stolz präsentiert Moritz Heger die druckfrische Anthologie

„An die Schwäne“ ist ein Zitat von Hölderlin und der Titel der neuen Anthologie 2020 des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Moritz Heger, der erste Vorsitzende des Vereins, stellte es am18. September im großen Saal des Hospitalhofes vor.

Unter dem Titel „Hälfte des Lebens“ hatte das Schriftstellerhaus Mitglieder des Hauses, ehemalige Stipendiaten und Schreibende, die mit dem Haus seit Jahren verbunden sind, aufgefordert, Texte für die Anthologie einzureichen.

 

Eine Anthologie mit 51 Beiträgen und Zeichnungen

51 Beiträge wählte die Jury (Moritz Heger und Astrid Braun) aus den zahlreichen Einsendungen aus, die Eingang in diesen sehr schön gestalteten Band fanden. Christian Lang illustrierte den Band. Für das Schrifstellerhaus ist diese Anthologie eine adäquate Form, in diesem Jahr an die Öffentlichkeit zu gehen. Herausgekommen ist eine lesenswerte Sammlung lyrischer Texte und Prosatexte.

An diesem Abend lasen acht Autorinnen und Autoren. Es waren darunter Mitglieder des Schriftstellerhauses (Rainer Wochele, Hans M. Thill, Gilbert Fels, Wolfgang Tischer) eine ehemalige Stipendiatin (Agnes Gestenberger), eine Teilnehmerin aus der Schreibwerkstatt „Das Junge Schriftstellerhaus“ (Selina Wagner), die Autorin und Lektorin Barbara Imgrund und eine Studienfreundin von Astrid Braun, die emeritierte Hochschulprofessorin an der Sorbonne Paris, Dr. Colette Laplace. Frau Laplace ist eine ausgewiesene Kennerin des Werkes von Hölderlin. Sie hat sein Gedicht Hälfte des Lebens ins Französische übersetzt. Aus ihrem Text stammt der Titel der Anthologie.

Den musikalischen Rahmen gestaltete das Duo „Basssax“: Tom Martin (Voices, Saxophon) und Bernd Gruenen (Bass).

Das Duo "Basssax": Tom Martin und Bernd Gruenen

Das Duo „Basssax“: Tom Martin und Bernd Gruenen

 

An die Schwäne
51 Beiträge zum 250. Geburtstag Friedrich Hölderlins
264 Seiten, Klappenbroschur
Edition Kanalstraße 4,

Bestellungen unter info@stuttgarter-schriftstellerhaus.de zum Preis von 14 Euro zzgl. Versandkosten

Angela Lehner stellt sich und ihre Arbeit vor

10.03.2020 at 12:52
Angela Lehner im Schriftstellerhaus

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Seit Anfang des Jahres arbeitet Angela Lehner als Stipendiatin im Schriftstellerhaus und stellte sich am 9. März den Mitgliedern und Freunden des Hauses mit einer Lesung vor. Der Roman, aus dem sie an diesem Abend liest, Vater unser, ist kurz nach Erscheinen (2019) mit mehren Preisen ausgezeichnet worden: Dem Franz-Tumler-Literaturpreis, dem Literaturpreis Alpha, dem Österreichischer Buchpreis für das beste Debüt und dem Rauriser Literaturpreis. Außerdem schaffte es der Roman auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Ihr lebhafter Vortragstiel fesselt die Zuhörer

Angela Lehner liest mehrere Passagen und aufgrund ihres lebhaften Vortragstils macht es großen Spaß, ihr zuzuhören. Im Mittelpunkt des Romans steht Eva Gruber, eine junge Frau, die von der Polizei in die psychiatrische Abteilung eines Wiener Spitals gebracht wird. Angeblich hat sie mit einer Pistole auf eine Kindergartengruppe geschossen. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Dabei ist sie immer wieder hochkomisch, besserwisserisch und auch zutiefst manipulativ. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will und der ebenfalls im Otto-Wagner-Spital hospitalisiert ist. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet sie zumindest. Denn manchmal ist die Frage nach Wahrheit oder Lüge selbst für den Leser nicht zu unterscheiden. Manchmal, so Angela Lehner, hätte sie sich vor ihrer Protagonistin, Eva Gruber, selber gefürchtet

Am Anfang war die Wut der Angela Lehner

Wie es dazu gekommen ist, dass sie sich für so eine ungewöhnliche Geschichte entschieden hat, erzählt sie ausführlich an diesem Abend und wie es zu dem Buch überhaupt gekommen ist. Zuerst wäre da Wut gewesen:
Sie saß im Zug, den Laptop aufgeklappt, und wollte „etwas Schönes, etwas Künstlerisches“ schreiben, da kam eine Schulklasse in den Waggon und randalierte. Sie schlug Krach. Und zwar richtig. So konnte Angela Lehner nicht arbeiten, so konnte sie sich nicht konzentrieren, also hat sie in ihrem Ärger eine Mordfantasie niedergeschrieben. Sie schrieb über jemanden, der von einer Schulklasse genervt ist und am Ende alle erschießt. Mit diesem und einem schönen, literarischen Text hatte sie sich an der Bayerischen Akademie des Schreibens eingereicht und wurde genommen. Später hatte sie ein Stipendium am Literarischen Colloquium Berlin.

Die Zeit des Stipendiums nutzt Angela Lehner für die Arbeit an ihrem zweiten Roman, einer Jugendgeschichte, die wieder in Österreich spielen soll. Mit einem Textauszug davon hatte sie sich 2019 im Schriftstellerhaus beworben.

Vater unser
Gebunden mit Schutzumschlag, 284 Seiten
Hanser Berlin, Preis 22 Euro

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Der Peter-Huchel-Preis-Träger Henning Ziebritzki im Schriftstellerhaus

17.02.2020 at 20:02
Hennig Ziebritzki

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Wir hatten Henning Ziebritzki schon eingeladen, bevor er den diesjährigen Peter-Huchel-Preis zugesprochen bekam. Am 6. Februar 2020 las er im Schriftstellerhaus aus seinem prämierten Band Vogelwerk. Die Geschäftsführerin Astrid Braun kennt den Autor aus gemeinsamer Juryarbeit und er war auch schon Gast im Haus in der Kanalstraße 4.

Der 1961 in Wunstorf/Niedersachsen geborene Autor wollte als Jugendlicher Biologie studieren. Aber er entschied sich für die Evangelische Theologie. Nach Stationen in Tübingen, München und Mainz, promovierte er 1992 mit einer Dissertation über den Mittel- und Neuplatonismus. Anschließend arbeitete er sechs Jahre als Pfarrer im Harz. Heute leitet er den Wissenschaftsverlag Mohr Siebeck. Ein Schwerpunkt des Verlags: Theologie, (einschließlich Judaistik & Religionswissenschaft).

Henning Ziebritzki ist ein sorgfältiger, langsam arbeitender Lyriker, wie er selbst betont. Vor Vogelwerk sind in unterschiedlichen Verlagen drei Gedichtbände erschienen. Vogelwerk erschien im Wallstein-Verlag und Henning Ziebritzki lobt die Zusammenarbeit mit diesem Verlag.

Vogelwerk umfasst 52 Gedichte. Das Gedicht Amsel eröffnet den Gedichtband und den ersten Lesezyklus an diesem Abend. Die Amsel war auch der erste Vogel, mit dem der Autor die Arbeit für diesen Gedichtband begann. Die Gedichte sind, bis auf eines (Singdrossel), in elf Zeilen aufgeteilt, „pendeln quasi um eine Mittelzeile“.

Zu jedem Vogel gibt Henning Ziebritzki einige Informationen, wo er sie beobachtet habe, warum er über sie geschrieb. Wiewohl die meisten, überwiegend einheimischen Vögel, den Zuhörern bekannt sind, hilft es, sich das beschriebene Tier vom Autor vor Augen führen zu lassen. Andere Vögel sind eher unbekannt, wie der Hadeda Ibis aus Südafrika oder der Sanderling, der an der Nordsee rastlos an der Wasserkante entlang läuft und nach Futter sucht.

Die Gedichte beschreiben sehr komplexe Situationen und manche können in ihrer Beschaffenheit als sprachliche Miniaturen gelesen werden. Es gibt Gedichte in dem Band, die nur vom Gegenstand des Vogels ausgehen, andere wieder haben ein lyrisches Ich, das zum Leser spricht. Warum er zum Gegenstand seiner Betrachtung gerade die Vögel genommen habe, wird Henning Ziebritzki gefragt. Er hätte auch über Insekten schreiben können aber die Vögel sind allgegenwärtig. Immer und überall sind sie im Alltag in ihren unterschiedlichen Gattungen zu beobachten. Die Natur böte uns Schönheit und Form, mehr als jedes Kunstwerk und die Schönheit der Tiere habe ihn besonders gereizt. Man könne von einer Feier der Schöpfung sprechen, wenn man sich in die Beobachtung der Vögel vertiefe.

Persönlich freut mich, dass er seine Gedichte über die Lerche und über Elster an diesem Abend vorträgt. Über die Feldlerche schreibt er:
… Quer schraubt ihr Liedpropeller / himmelwärts, Gesang, der bleibt, als sie im Rüttelflug / kaum mehr zu sehen ist, ein Punkt in klarer Höhe,

Und über die Elster:
Elsterwippe. Drück ich den Schnabel auf das Papier nieder, dass es / klackt, steht sie wieder auf und nickt. Steck ich ihr die Spitze / meines Bleistifts ins Gefieder, verschlingt sie ihn. Die Mechanik / ihres Knöchelchen, zerbrech ich sie, das Fleisch, das passt / …

Vogelwerk – Gedichte
Wallstein-Verlag, Göttingen 2019
64 Seiten, 18 Euro

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

In vier Richtungen die Worte streuen

09.11.2019 at 22:58
Die Gruppe Wortrose

Rudolf Häfele, Manfred Bartsch, Irma Rommel, Uwe Rapp (v. l. n. r.)

 

Am 7. November 2019 lasen die vier Mitglieder der Lyrikgruppe Wortrose im Schriftstellerhaus aus ihrem umfangreichen Werk. 1982, nach einem Schreibkurs von Bruno Schollenbruch in der VHS Stuttgart, beschlossen Irma Rommel, Rudolf Häfele, Uwe Rapp und Manfred Bartsch gemeinsam weiter Lyrik zu schreiben. Das machen sie seither jeden Monat.

Sie geben sich Aufgaben, ein Wort, einen Begriff, aus dem sie kleine, geschliffene Gedichte formen. In der „Kleinen Reihe“ des Scriboverlags haben sie mittlerweile gemeinsam einige Bände veröffentlicht. Daraus lesen sie an diesem Abend vor. Auch das Schriftstellerhaus kennt die Gruppe: Vor siebzehn Jahren stellten sie ihren ersten Lyrikband hier vor.

Die funkelnden Gedichtzeilen stehen an diesem Abend in merkwürdigen Kontrast zu einem eher unaufgeregten Lesestil, den alle vier Mitglieder pflegen. Erst nach einer kurzen Pause, in der sich die vier Lyriker einen Rotwein einschenkten, wurden sie etwas lockerer, zogen ihre Hemden aus und präsentierten Gedichte auf ihren T-Shirts.

 

Svenja Gräfen – Noch einmal eine Stipendiatin!

09.11.2019 at 22:57
Svenja Gräfen

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Svenja Gräfen hat Anfang Oktober das dritte Stipendium im Schriftstellerhaus angetreten, nach Katharina J. Ferner im ersten und Kathrin Schmidt im zweiten Qurtal. Svenja Gräfen stellte sich am 6. November 2019 im Schriftstellerhaus vor. Sie hatte sich mit einem Prosatext im letzten Jahr für dieses Stipendium beworben. Svenja Gräfen stellte uns im Schriftstellerhaus diesen Text vor. Ihr Verlag, Ullstein, hat ihn bereit in diesem Herbst als Hardcover herausgebracht.

Svenja Gräfen wurde 1990 in Rheinland-Pfalz geboren und ist auch dort aufgewachsen. Stuttgart kennt sie gut, immerhin hatte sie drei Jahre in der Hauptstätter Straße in einer WG gewohnt. Eine WG auf dem Lande ist auch in ihrem Roman Freiraum der Schauplatz, auf dem sich die Geschichte entwickelt.

Svenja Gräfen sieht sich als feministische Autorin

Svenja Gräfen steht mit Texten auf der Bühne, hält Vorträge und leitet Workshops. Sie bezeichnet sich als feministische Aktivistin, was sich an diesem Abend in ihrer gewöhnungsbedürftigen Gendersprache manifestiert. Ihre Prosa ist davon unberührt. Sie stellt ein lesbisches Paar mit Kinderwunsch in den Mittelpunkt ihrer Geschichte, das aus der Stadt in eine WG in eine Kleinstadt zieht,  nahe zur Großstadt gelegenen. Alle Bilder von ländlichen Wohngemeinschaften werden sofort abgerufen: gemeinsames Kochen, ökologische Gemüsezucht im eignen Garten zur Selbstversorgung, ausgiebige Gespräche am großen Küchentisch. Dabei erzählt sie die Geschichte der beiden wohnungssuchenden Frauen nicht chronologisch, sondern erzählt die Geschichte von Vela und Maren, die in der Stadt in prekären Verhältnissen leben, im Rückblick, eingeschoben in die WG-Gegenwart. Ihre Sprache ist frisch und geprägt von dialogischem Erzählen.

Schwierige Verlagssituation

Neben der Lesung stehen Fragen zu ihren Erfahrungen mit ihrem Verlag im Mittelpunkt der Diskussion. Während der Buchentwicklung ist Svenja Gräfen ihre Lektorin abhanden gekommen, die den Ullstein Verlag verlassen hat. Daher hat nicht ein Lektorat in der Qualität stattgefunden, wie Svenja Gräfen es sich gewünscht hätte. Auch die von Ullstein neu gegründete Reihe Ullstein fünf hat der Verlag mittlerweile wieder eingestellt, so dass sie von dieser Seite in Sachen Werbung wenig bis keine Unterstützung erhält. Ullstein fünf wollte Belletristik und Sachbücher veröffentlichen, in denen es um die Gegenwart geht. Die Autorinnen und Autoren sollten einzigartige Erzähler sein, die vertraute Lebenswelten erschließen und gegebenenfalls neue Perspektiven auf das Leben ermöglichen. Da passte der Roman Freiraum gut zum Ansatz der Reihe.

Svenja Gräfen will die Zeit ihres Stipendiums nutzen, neue Ideen zu entwickeln und erste Skizze dazu zu entwickeln.

Stuttgart liest ein Buch – Der Abschluss

29.09.2019 at 14:40
Die Abschlussdiskussion mit D. Reimann, A. Braun, W. Tischer, B. Hiller, U. Nill (v.l.n.r.)

Die Abschlussdiskussion mit D. Reimann, A. Braun, W. Tischer, B. Hiller, U. Nill (v.l.n.r.)

 

Zwei Wochen Stuttgart liest, zwei Wochen hochkarätige Veranstaltungen rund um das Buch Unter der Drachenwand von Arno Geiger. Wie haben die Leserinnen und Leser, der Buchhandel diese Reihe aufgenommen? Das wollten die Organisatoren vom Schriftstellerhaus am 27.09.19 in der VHS zum Abschluss der Veranstaltungsreihe ausloten.
Wolfgang Tischer, zweiter Vorsitzender des Vereins Schriftstellerhaus, führt durch den Abend, der durch lateinamerikanische Musik des Duos Botond Rab (Queflöte), Ulrich Wedlich (Gitarre) wird. Eingeladen sind die Leserin Frau Reimann, der Leser Herr Nill, die Buchhändlerin Beate Hiller von der Buchhandlung „Buch im Süden“ und die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses Astrid Braun. Sie hat als Projektleiterin maßgeblich die Veranstaltungsreihe mitgestaltet.

Die zufällig ausgewählte Leserin und der Leser ebenso wie Buchhändlerin Beate Hiller zeigen sich begeistert von der Wahl des Buches. Es sei ein Glücksfall für die Reihe, einen so renommierten Autor mit seinem neuen Buch ausgewählt zu haben. Die Sonderausgabe von „Unter der Drachenwand“ ginge in ihrem Buchladen „weg wie geschnitten Brot“. Auch die vorherigen Romane von Arno Geiger hätten sich gut verkauft.

Zwei unterschiedliche Leser

Buchhändlerin Beate Hiller von der Buchhandlung "Buch im Süden", der Leser Ulrich Nill

Die Leserinnen Dagmar Reimann, die Buchhändlerin Beate Hiller von der Buchhandlung „Buch im Süden“, der Leser Ulrich Nill

 

Dagmar Reimann hatte den Impuls, das Buch zu lesen, durch das abwechslungsreiche Programm bekommen. Die von ihr besuchten Veranstaltungen bezeichnet sie als gelungen. Beeindruckt zeigt sie sich von dem Autor auf der Veranstaltung im Hotel Silber zur Erinnerungskultur, in die sie trotz großen Andrangs noch gekommen ist. Außergewöhnlich fand sie die Wahl des Bunkers als Leseort. Noch nie war sie zuvor in einem Bunker und hat dadurch ganz neue Einblicke erhalten.

Ulrich Nill outet sich als „stiller Leser“. Er hätte nur die Eröffnungsveranstaltung besucht, ansonsten hat er sich in den Roman vertieft. Bei Erscheinen 2018 hatte er den Roman gelesen und nun, mit ganz anderen Augen, ein zweites Mal. Er hält den Roman für ein literarisch anspruchsvolles Buch, wiewohl er nicht nachvollziehen kann, dass Arno Geiger seinen Roman in einem Rutsch habe schreiben können. Einen sanft eingreifenden Lektor hätte er sich an der ein oder anderen Stelle gewünscht. So erschloss sich ihm z. Beispiel überhaupt nicht die Mordszene, in der Veit Kolbe seinen Onkel erschießt und dann zur Tagesordnung über geht. Durch die Reihe „Stuttgart liest ein Buch“ kämen die Menschen ins Gespräch, über das gleiche Buch zu sprechen. Er vergleicht es ein wenig mit der Zeit, als es nur ein Fernsehprogramm gab und die Leute morgens auf der Arbeit über das Programm vom Abend zuvor miteinander gesprochen hätten.

Stuttgarter Autor, Buch mit Bezug zu Stuttgart?

Hin und wieder wird ans Schriftstellerhaus der Wunsch herangetragen, man möge einen Stuttgarter Autor auswählen oder einen Roman, der mit der Stadt in Verbindung gebracht wird. Dieses Ansinnen wird von den eingeladenen Gästen nicht unterstützt. Gerade in den Regionalkrimis würde ja versucht, die Nähe zum Publikum über die Lokalität herzustellen. Das mache keinen Sinn. Eher schon sei die Frage zu stellen, mit welchem Roman sei eine anspruchsvolle Veranstaltungsreihe auf die Beine zu stellen. Astrid Braun führt aus, wenn sie für ein Werk brenne, könne sie auch eine abwechslungsreiche Reihe auf die Beine stellen.

And the winner is …

Der Höhepunkt des Abends ist sicher die mit Spannung erwartete Ziehung der Gewinner des Preisausschreibens. Der Vorsitzende des Schriftstellerhauses, Moritz Heger, konnte seine Kollegin vom Heidehofgymnasium, Sofija Spajic, gewinnen, die Glücksfee zu spielen.

Die Kollegen vom Heidehofgymnasium Sofija Spajic und Moritz Heger (1. Vorsitzender des Schriftstellerhauses)

Die Kollegen vom Heidehofgymnasium Sofija Spajic und Moritz Heger (1. Vorsitzender des Schriftstellerhauses)

 

Frau Spajic hat mit vier Klassen den Roman im Unterricht behandelt, mit Achtklässlern und mit Zehnklässlern. Bei den jüngeren Schülern hat sie den Schwerpunkt auf das Schülerpaar Kurt und Nanni gelegt. Von den fünfzehnjährigen Schülern berichtet sie, dass sie sich teilweise von den Behandlungsbeschreibungen des schwer verletzten Soldaten Veit Kolbe geekelt hätten. Das trotz Medienkonsums der Schüler, wo es bei Filmen ja häufig auch heftig zur Sache ginge. Aber das zeichnet ja gerade gute Literatur aus, dass sie unter die Haut geht. Und die Schüler hätten in den Workshops mit Arno Geiger genossen, dass sie einen lebenden Autor haben kennen lernen dürfen, nicht nur lange verstorbene wie Goethe oder Schiller, die sonst auf dem Lehrplan stehen.

Die verschließbare Plexiglasbox, in der die abgegebenen Preisausschreibungskarten aufbewahrt werden, wird von Frau Braun geöffnet und Frau Spajic rührt lange in den Karten herum, bis sie die drei Gewinner zieht.

    • Frau Angelika B. gewinnt den 3. Preis: ein Buchpaket vom dtv-Verlag in Höhe von 150 €
    • Frau Sonja I. gewinnt den 2. Preis: ein Buchpaket vom Hanser Verlag in Höhe von 200 €
    • Den Hauptgewinn erhält Frau Felicitas N.: eine Reise zum Mondsee mit zwei Übernachtungen für zwei Personen inklusive zwei Konzertkarten für die dortigen Musiktage und eine Schiffsrundfahrt

Herzlichen Glückwunsch an die glücklichen Gewinnerinnen.

Es geht weiter …

Die Veranstaltung hat noch einmal eindrücklich gezeigt, wie wertvoll die Aktion des Schriftstellerhauses gewesen ist, die nun schon zum vierten Mal durchgeführt wurde. Und das Schriftstellerhaus wird diese Reihe in zwei Jahren wieder auflegen und damit der Stadtgesellschaft ein wunderbares literarisches Geschenk machen.

Eine Theologin diskutiert mit ihren zwei Kollegen den Roman von Arno Geiger

26.09.2019 at 22:34
"Unter der Drachenwand": Monika Renninger, Matthias Vosseler, Eberhard Schwarz

Theologen in lebhafter Diskussion über „Unter der Drachenwand“: Monika Renninger, Matthias Vosseler, Eberhard Schwarz (v.r.n.l.)

 

Gleich zu Anfang der gut besuchten Veranstaltung am 25.09.19 in der Kirche des Hospitalhofs wurden die beiden Begriffe „Mondsee“ und „Drachenwand“ in den Blick gerückt. Der weit entfernte Mondsee und die bedrohliche Drachenwand.

Eberhard Schwarz

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Unterschiedliche Romanfiguren werden betrachtet

Die drei Theologen stellen den Zuhörern im voll besetzten Kirchenschiff die unterschiedlichen Romanfiguren vor. Pfarrer Eberhard Schwarz stellt den Soldaten Veit Kolbe vor. Zu Beginn des Romans empfindet er ihn als einen tumben Tor, der allerdings im Laufe des Romans eine erstaunliche Passage durchmacht. Wie in der biblischen Geschichte von Adam und Eva muss er sich mit der Frage auseinandersetzten, was ist gut, was ist böse? Schnell kommt es im Laufe der Handlung zum Bruch mit seinem Vater. Veit, schwer verwundet aus dem Krieg zurück, kann den Hurrapatriotismus seines Vaters nicht ertragen, der als Nazi unverbrüchlich zum Führer steht.

Monika Renninger

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Frau Monika Renninger zeichnet das Bild der Antagonistin zu Veit als eine Person, die in ihrer Körperlichkeit, ganz im Gegensatz zu Veit, unversehrt ist. Sie hat eine Leichtigkeit, die ihr die Kraft gibt. Hinzu kommt, dass sie als junge Mutter, getrennt von ihrem im Krieg sich befindenden Mann, in Verantwortung gegenüber ihrem Baby Lilio steht. Ihr Kampf gilt dem Überleben ihres Kindes, nicht dem Niederringen eines äußeren Feindes. Sie wird als eine gezeichnet, der der Schutz des Lebendigen wichtig ist. Führsorgliche Beziehungen sind zu schützen, Zärtlichkeit und Liebe stehen im Mittelpunkt. Das kann sie nicht mit ihrem angetrauten Mann leben.

Der Brasilianer eine Person im Geiste Luthers?

Matthias Vosseler

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Für Pfarrer Matthias Vosseler ist der Brasilianer einer, die die Luft der Freiheit atmet. Er hält mit seiner Meinung über den F. nicht hinter dem Berg und hält den Krieg für falsch. Matthias Vosseler kann an ihm sogar lutherische Züge erkennen: der Brasilianer geht seinen Weg und folgt nur seinem Gewissen. Selbst das Zuchthaus, in das er zwangsläufig wegen seiner Opposition zum Nazi-Regime kommt, kann ihn nicht brechen. Einstehen für die eigene Meinung atmet den Geist der Bibel, so Vosseler.

Der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer ist mit seinem jüngeren Sohn Georgelie und seiner Frau Wally aus Wien nach Budapest geflohen. Sein älterer Sohn Bernhard hat das sichere England erreicht. Pfarrer Eberhard Schwarz erläutert, dass das vorherrschende Bild im Nationalsozialismus vom raffgierigen Juden in den Reflektionen von Oskar Meyer ins Gegenteil verkehrt wird: Es sind die Deutschen, die Arier, die in ihrer Gier Bodenschätze und Land durch Krieg raffen und alle Güter zu Geld machen, die ihnen in die Hände fallen.

Oskar Meyer eine Hiobs-Figur?

Natürlich muss in solch einer theologisch grundierten Diskussion die Frage aufkommen, wie Gott das alles zulassen kann. Das Koordinatensystem des Oskar Meyer ist brüchig geworden, es geht für ihn nur noch um das nackte Überleben. Übereinstimmende Meinung der drei ist, dass es sich bei Oskar Meyer nicht um eine Hiobsfigur handelt, dessen Glauben durch Gott auf die Probe gestellt wird. Er hält sich, nach Verlust seiner Frau und seines Sohnes an einem Fetisch fest. Das rote Halstuch seiner Frau Wally ist ihm das Liebste geworden. Solange er das bei sich hat, fühlt er sich – wenn auch nur ein wenig – geschützt.

Bei Veit ist es die Liebe, die ihn schützt, beim Brasilianer ist es die Freiheit des Geistes, an der er sich aufrichten kann. So hat jede Figur seine Rückzugsräume in den grausigen Zeiten. Schön, dass Monika Renninger einige kurze Psalmentexte rezitiert, die eine wahre Kraftquelle für gläubige Menschen darstellen.

Der Roman löst in seinem Erzählen die Spannungspunkte nicht auf, in denen die Figuren stehen. Der Leser bleibt zurück, Trost kann ihm ein wenig das Nachwort geben, in dem die weiteren „Schicksale“ der Figuren angedeutet werden und das der Erzählung einen Anstrich von Authentizität gibt. Zum Schluss zieht Pfarrer Schwarz ein einfaches Fazit: Krieg ist Scheiße!