Hölderlin zum 250. Geburtstag – Das Schriftstellerhaus gratuliert mit einer Anthologie

20.09.2020 at 22:17
Stolz präsentiert Moritz Heger die druckfrische Anthologie

Stolz präsentiert Moritz Heger die druckfrische Anthologie

„An die Schwäne“ ist ein Zitat von Hölderlin und der Titel der neuen Anthologie 2020 des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Moritz Heger, der erste Vorsitzende des Vereins, stellte es am18. September im großen Saal des Hospitalhofes vor.

Unter dem Titel „Hälfte des Lebens“ hatte das Schriftstellerhaus Mitglieder des Hauses, ehemalige Stipendiaten und Schreibende, die mit dem Haus seit Jahren verbunden sind, aufgefordert, Texte für die Anthologie einzureichen.

 

Eine Anthologie mit 51 Beiträgen und Zeichnungen

51 Beiträge wählte die Jury (Moritz Heger und Astrid Braun) aus den zahlreichen Einsendungen aus, die Eingang in diesen sehr schön gestalteten Band fanden. Christian Lang illustrierte den Band. Für das Schrifstellerhaus ist diese Anthologie eine adäquate Form, in diesem Jahr an die Öffentlichkeit zu gehen. Herausgekommen ist eine lesenswerte Sammlung lyrischer Texte und Prosatexte.

An diesem Abend lasen acht Autorinnen und Autoren. Es waren darunter Mitglieder des Schriftstellerhauses (Rainer Wochele, Hans M. Thill, Gilbert Fels, Wolfgang Tischer) eine ehemalige Stipendiatin (Agnes Gestenberger), eine Teilnehmerin aus der Schreibwerkstatt „Das Junge Schriftstellerhaus“ (Selina Wagner), die Autorin und Lektorin Barbara Imgrund und eine Studienfreundin von A. Braun, die emeritierte Hochschulprofessorin an der Sorbonne Paris: Dr. Colette Laplace. Sie ist eine ausgewiesene Kennerin des Werkes von Hölderlin. Sie hat sein Gedicht Hälfte des Lebens ins Französische übersetzt. Aus ihrem Text stammt der Titel der Anthologie.

Den musikalischen Rahmen gestaltete das Duo „Basssax“: Tom Martin (Voices, Saxophon) und Bernd Gruenen (Bass).

Das Duo "Basssax": Tom Martin und Bernd Gruenen

Das Duo „Basssax“: Tom Martin und Bernd Gruenen

 

An die Schwäne
51 Beiträge zum 250. Geburtstag Friedrich Hölderlins
264 Seiten, Klappenbroschur
Edition Kanalstraße 4,

Bestellungen unter info@stuttgarter-schriftstellerhaus.de zum Preis von 14 Euro zzgl. Versandkosten

Lesung in Leibzig: „Die Anhörung“

21.03.2020 at 16:20
Bomberg (Liedermacher) Haase (Autor) über Wolfgang Schnur

.

 

Eine der wenigen, nicht abgesagten Lesungen im Rahmen der Leipziger Buchmesse konnten wir in der Gedenkstätte „Runde Ecke“ erleben. Der Filmregisseur Jürgen Haase las aus seinem Buch „Die Anhörung – Wolfgang Schnurs Doppelleben als Stasi-Spitzel und Anwalt politisch Verfolgter“. Das Buch ist in weiten Teilen eine Transkription eines vierstündige Interviews, das der Journalist Alexander Kobylinski mit Wolfgang Schnur führte. Das Interview liegt dem Buch auf einer DVD bei. An seiner Seite der Liedermacher und Psychologe Karl-Heinz Bomberg, der 1984 wegen seiner Lieder inhaftiert wurde und dessen Strafverteidiger Wolfgang Schnur war. Er schrieb für das Buch die Einführung und begleitete die Veranstaltung musikalisch.

Ein Leben ohne Mutterliebe

Knapp fasste Jürgen Haase das Leben des Stasi-Agenten und Rechtsanwalts Wolfgang Schnur zusammen:
Wolfgang Schnur wuchs als Waisenkind in Heimen in Stettin, auf der Insel Rügen sowie in Rostock auf. Nach einer Maurerlehre studierte er Rechtswissenschaften und schloss das Studium 1973 als Diplom-Jurist ab. Schnur wurde 1964 von der Stasi angesprochen. Da war er gerade 20 geworden. Der Geheimdienst suchte auch auf der Ostseeinsel Rügen nach zuverlässigen Leuten und entdeckte bald Schnurs großes Talent, Vertrauen zu erwerben. Mehr als 25 Jahre lang hat Schnur dieses Leben durchgehalten.

Wolfgang Schnur ging in Kirchenkreisen ein und aus

Schnur gehörte in der DDR zu den bekanntesten Kirchenvertretern. Er war Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Mecklenburg, zeitweise Vizepräsident der Synode der Evangelischen Kirche der Union und Synodaler des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Ende der 1980er Jahre war er als Vertrauensanwalt der Evangelischen Kirche für zahlreiche bekannte Oppositionelle in der DDR tätig. Er vertrat Dissidenten, Bürgerrechtler und Wehrdienstverweigerer. Was die von ihm vertretenen Mandanten nicht wussten: Wolfgang Schnur lieferte Details aus seinen Gesprächen mit ihnen direkt an die Stasi.

Wolfgang Schnur während der Wende

Während der Wende wurde Wolfgang Schnur einer der wichtigen Vertreter des Demokratischen Aufbruchs. Fast wäre er mit Kanzler Helmut Kohls Hilfe 1990 der erste frei gewählte Ministerpräsident der DDR geworden. Doch das gönnten ihm ehemalige Führungsoffiziere wohl nicht. Sie steckten dem Runden Tisch, was lange Zeit Schnurs „wahre“ Berufung gewesen war. Die Offenlegung seiner Stasi-Akte im März 1990, wenige Tage vor der ersten freien Volkskammerwahl, beendete seine politische Karriere.

Traumata werden von Generation zu Generation weiter gegeben
In dem Gespräch zwischen Jürgen Haase und Karl-Heinz Bomberg wird deutlich, was mit Menschen geschieht, die Untersuchungshaft und Unterdrückung eines Willkürstaates mit den Menschen macht. Und wie Menschen, die keine familiäre Bindung haben, in staatlichen Strukturen einen Familienersatz finden können. Karl-Heinz Bomberg hat in seiner psychologischen Praxis viele Opfer behandelt und das ganze Ausmaß der seelischen Verletzungen ist immer noch nicht erfasst. Ebenso sind die Auswirkungen auf die nachfolgenden Generation der Opfer längst nicht aufgearbeitet.

Der Peter-Huchel-Preis-Träger Henning Ziebritzki im Schriftstellerhaus

17.02.2020 at 20:02
Hennig Ziebritzki

.

 

Wir hatten Henning Ziebritzki schon eingeladen, bevor er den diesjährigen Peter-Huchel-Preis zugesprochen bekam. Am 6. Februar 2020 las er im Schriftstellerhaus aus seinem prämierten Band Vogelwerk. Die Geschäftsführerin Astrid Braun kennt den Autor aus gemeinsamer Juryarbeit und er war auch schon Gast im Haus in der Kanalstraße 4.

Der 1961 in Wunstorf/Niedersachsen geborene Autor wollte als Jugendlicher Biologie studieren. Aber er entschied sich für die Evangelische Theologie. Nach Stationen in Tübingen, München und Mainz, promovierte er 1992 mit einer Dissertation über den Mittel- und Neuplatonismus. Anschließend arbeitete er sechs Jahre als Pfarrer im Harz. Heute leitet er den Wissenschaftsverlag Mohr Siebeck. Ein Schwerpunkt des Verlags: Theologie, (einschließlich Judaistik & Religionswissenschaft).

Henning Ziebritzki ist ein sorgfältiger, langsam arbeitender Lyriker, wie er selbst betont. Vor Vogelwerk sind in unterschiedlichen Verlagen drei Gedichtbände erschienen. Vogelwerk erschien im Wallstein-Verlag und Henning Ziebritzki lobt die Zusammenarbeit mit diesem Verlag.

Vogelwerk umfasst 52 Gedichte. Das Gedicht Amsel eröffnet den Gedichtband und den ersten Lesezyklus an diesem Abend. Die Amsel war auch der erste Vogel, mit dem der Autor die Arbeit für diesen Gedichtband begann. Die Gedichte sind, bis auf eines (Singdrossel), in elf Zeilen aufgeteilt, „pendeln quasi um eine Mittelzeile“.

Zu jedem Vogel gibt Henning Ziebritzki einige Informationen, wo er sie beobachtet habe, warum er über sie geschrieb. Wiewohl die meisten, überwiegend einheimischen Vögel, den Zuhörern bekannt sind, hilft es, sich das beschriebene Tier vom Autor vor Augen führen zu lassen. Andere Vögel sind eher unbekannt, wie der Hadeda Ibis aus Südafrika oder der Sanderling, der an der Nordsee rastlos an der Wasserkante entlang läuft und nach Futter sucht.

Die Gedichte beschreiben sehr komplexe Situationen und manche können in ihrer Beschaffenheit als sprachliche Miniaturen gelesen werden. Es gibt Gedichte in dem Band, die nur vom Gegenstand des Vogels ausgehen, andere wieder haben ein lyrisches Ich, das zum Leser spricht. Warum er zum Gegenstand seiner Betrachtung gerade die Vögel genommen habe, wird Henning Ziebritzki gefragt. Er hätte auch über Insekten schreiben können aber die Vögel sind allgegenwärtig. Immer und überall sind sie im Alltag in ihren unterschiedlichen Gattungen zu beobachten. Die Natur böte uns Schönheit und Form, mehr als jedes Kunstwerk und die Schönheit der Tiere habe ihn besonders gereizt. Man könne von einer Feier der Schöpfung sprechen, wenn man sich in die Beobachtung der Vögel vertiefe.

Persönlich freut mich, dass er seine Gedichte über die Lerche und über Elster an diesem Abend vorträgt. Über die Feldlerche schreibt er:
… Quer schraubt ihr Liedpropeller / himmelwärts, Gesang, der bleibt, als sie im Rüttelflug / kaum mehr zu sehen ist, ein Punkt in klarer Höhe,

Und über die Elster:
Elsterwippe. Drück ich den Schnabel auf das Papier nieder, dass es / klackt, steht sie wieder auf und nickt. Steck ich ihr die Spitze / meines Bleistifts ins Gefieder, verschlingt sie ihn. Die Mechanik / ihres Knöchelchen, zerbrech ich sie, das Fleisch, das passt / …

Vogelwerk – Gedichte
Wallstein-Verlag, Göttingen 2019
64 Seiten, 18 Euro

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

band2 Jahreslesung 2019

12.10.2019 at 23:31

 

Am 10. Oktober 2019 war die Schreibgruppe band2 zu Gast in der Stadtbibliothek Bad Cannstatt. Fünf Autorinnen und zwei Autoren stellten ihre Texte vor, die im letzten Jahr entstanden sind. band2 ist eine offene Autoren-Gemeinschaft für alle Genres – ob Kurzgeschichten, Essays, Romane oder Lyrik. Die Faszination fürs Schreiben steht im Mittelpunkt. Die Gruppe ist im Schriftstellerhaus beheimatet.

Für die diesjährige Lesung hat die Gruppe das Motto Nur euer Bestes ausgewählt, um die Bandbreite der literarischen Möglichkeiten auszuloten. Das geht von heiter über nachdenklich, skurril bis fantastisch. Die Lyrikerin Sarah Dressler führt durch den Abend. Die Lesungen werden musikalisch begleitet durch Michael Reisser an der akustischen Gitarre.

Für die Zuhörer ist es hilfreich, dass die Gedichte mittels eines Beamers auf eine große Leinwand projektiert werden. So kann der Zuhörer sich intensiver in das Gedicht vertiefen. Schön, wie Peter Schmidt in seinem Text Ross und Reiter die Auseinandersetzung des Autors mit seiner von ihm entworfenen Figur in einer lebendigen Diskussion veranschaulicht.

Claudia Sturzberg geht in ihrem Prosatext auf das Smart Home ein und schildert, was sich daraus alles ergeben kann, wenn die Technik nicht so will, wie der Mensch es will.

Margot Cornely  zeichnet sich durch einen sehr lebhaften Vortragsstil aus. Der Text behandelt den kleinen, geschlossenen Kosmos einer Schule.

Hans Martin Thill liest seinen erst in diesem Jahr entstandenen Text Schmittmann. Lange hatte ich mit ihm über den Text diskutiert. Die nun vorgetragene Fassung fängt sehr stimmig die Situation eines Frauenhelden ein, ganz aus der Sicht einer Frau geschrieben.

Es ist schön, dass die Leiterin der Stadtteilbibliothek, Alexandra Kirchner, mit ihrem Team eine solche Veranstaltung der lokalen Literaturszene möglich macht. Man kann auf die nächste Jahreslesung der Gruppe, die sich regelmäßig im Schriftstellerhaus trifft, gespannt sein. Einmal im Monat findet im Schriftstellerhaus auch eine öffentliche Diskussion neuer, noch nicht veröffentlichter Texte im Rahmen von Forum der Autoren statt. Am 7. November stellt die Gruppe Wortrose ihre Texte zur Diskussion.

Mit Küchenmesser und Querflöte

23.11.2018 at 17:00
Vincent Klink und Patrick Bebelaar

.

 

Weit über Stuttgart hinaus ist der Koch und Restaurantbetreiber Vincent Klink bekannt. Am 22. November 2018 stellte der Küchenmeister sein neues, schön gestaltetes Buch auf der Stuttgarter Buchwochen vor, das in diesen Tagen beim Klöpfer und Meyer Verlag erschienen ist.

Sein Verleger Hubert Klöpfer ist sichtlich stolz, diesen Tausendsassa für seinen Verlag gewonnen zu haben. Vincent Klink, so erwähnt er beiläufig, ist selbst Verleger. Aber auch als Jazzmusiker hat sich Vincent Klink so ganz nebenbei einen Namen gemacht. An diesem Abend hat er seinen Freund Patrick Bebelaar mitgebracht und so sorgt Vincent Klink mit diesem hervorragenden Jazzpianisten selber für den musikalischen Rahmen. Für ihn sei Kochen wie Jazz: Die Kunst der Improvisation. Bei Klassik fehlt ihm das Spontane. Sie spielen an diesem Abend Jazzstandards. Vincent Klink begleitet Patrick Bebelaar auf seinem letzten, ihm verbliebenen Instrument. Alle anderen Instrumente, Trompeten, Flügelhorn, hat er vor einiger Zeit verkauft, wie er verrät. Diese vergoldete Flöte sei offenbar für potentielle Käufer zu teuer gewesen. Er selber habe sie bei einem Instrumentenbauer vor vielen Jahren gegen sein Motorrad eingetauscht. So launig, wie er von seinen Musikererlebnissen erzählt, liest und führt er an diesem Abend auch durch sein Buch.

Tagesrezpte und Gedanken zur Tagespolitik

Ein Tagebuch im klassischen Sinn, mit persönlichen Gefühlen, wollte er nie schreiben. Aber viele Jahre hat er über seine vielseitigen Tätigkeiten gebloggt und hat sein Ideen von Rezepten und Gerichten in einer Art Tagebuch festgehalten. Er notierte nicht nur Rezepte sondern politisiert und philosophiert, diskutiert und interveniert, nimmt die Lebensmittelindustrie und Stuttgart 21 aufs Korn, gibt Tipps für Bücher und Restaurants, berichtet von Begegnungen mit Prominenten. Daraus ist das Buch Angerichtet, herzhaft und scharf! entstanden, das der Chef des Stuttgarter Restaurants „Wielandshöhe“ auch selber mit Zeichnungen angereichert hat.

Vincent Klink plaudert mehr als das er liest

Vincent Klink

.

Die Lesung ist weniger eine Lesung als eine Plauderstunde über die aufgeschriebenen Begegnungen und Gedanken, wobei Vincent Klink auf eine große Schar namhafter Persönlichkeiten zurückgreifen kann, die er in seinem Restaurant verköstigt hat. Von Peter Rühmkorf z. B. weiß er zu berichten, dass er Single-Malt-Whisky nur aus randvollen Wassergläsern trank. Oder er gibt die Anekdote zum Besten, wie beim Catering bei dem berühmten Nagelbildkünstlers Günther Uecker seine Küchencrew ihre Klamotten in der Garage an die Nägel der dort verbrachten Bilder hingen.

Zu seinen Bekannten zählt auch der Dichter F. W. Bernstein. Das Bonmot dieses humorvollen Dichters gibt er an diesem Abend gerne weiter: „Lesen gefährdet die Dummheit“ und Vincent Klink ermuntert die Anwesenden Zuhörer, sein Buch an dem Büchertisch des Verlages zu kaufen.

Angerichtet, herzhaft und scharf!
Aus meinem Tage- und Rezeptebuch

276 Seiten, zweifarbig gedruckt, 27 Originalzeichnungen und über 30 Rezepte, davon 11 in faksimilierter Handschrift, Hardcover mit Lesebändchen und farbigem Vorsatz.
Klöpfer & Meyer, Preis 28  €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Wort trifft Wein bei Jaques‘

11.06.2018 at 19:46
Wort trifft Wein bei Jaques

.

 

Jaques’ Weindepot lud am 9 Juni 2018 zu einem literarischen Weinspaziergang in seine Verkaufsräume am Feuersee in Stuttgart ein. Hans Thill hatte die Idee, mit der Gruppe Band 2 aus dem Schriftstellerhaus dort eine Lesung zum Thema Wein zu veranstalten. Die Gruppe trifft sich regelmäßig im Schriftstellerhaus, um Texte der Mitglieder zu diskutieren und Feedback zu geben.

An diesem Abend präsentiert Hans Thill zusammen mit Thomas Werling und seiner Frau von Jaques’ Weindepot acht literarische Streifzüge der Gruppe zum Thema Wein. Hans Thill eröffnet den Abend mit einem Sketch – frei nach Loriot – den er zusammen mit seiner Partnerin Hanni Schäfer vorstellt. Zu jeder Lesung wird von Thomas Werling ein ausgesuchter, passender Wein kredenzt.

Ich selber lese einen Text über die Schattenseiten des Weingenusses. In seinem Mittelpunkt die Begegnung eines Sohnes mit seinem alkoholabhängigen Vater. (Hier nachzulesen). Passend zum Text mit dem Titel „Moselwein“ präsentiert Thomas Werling einen Weißwein von der Mosel.

Peter Schmidt hat eine Geschichte aus der französischen Résistance im Gepäck. Frank Sohler fragt in seinem Text „Wein oder nicht Wein?“. In eine Welt in naher Zukunft, in der die Privatwohnungen der Menschen überwacht werden, entführt der Text von Sarah Dressel, den sie fast szenisch lesend vorträgt.

Zu jedem Text kredenzt Thomas Werling seine Weine, zu denen er ausführlich Hintergründe aus Weinanbau und Gebiet den Zuhörern erzählt. Die etwa 50 Gäste verkosten und genießen sie ebenso wie die Texte.

Claudia Stursberg aus Bad Boll liest einen Romanauszug. Zwei alte russische Freunde treffen sich nach langer Zeit wieder und feiern das mit einem guten Essen. Thomas Werling philosophiert anschließend, ob man einen Wein zu einem Essen empfehlen kann und kommt zu dem Schluss, dass es einfacher sei, zu einem guten Wein, dessen Aromen man kennt, ein passendes Essen zu kreieren.

Die Lesung von Willi Steinfeld lässt erkennen, dass er über Erfahrungen aus Poetry Slam Veranstaltungen verfügt.

Zum Abschluss der Lesung trägt noch einmal Hans Thill einen Text vor, in dem er eine Begegnung mit Bacchus in den Mittelpunkt rückt und Thomas Werling krönt den Abend mit einem guten Tropfen aus einem französischen Weinanbaugebiet, das wie kein anderes für hochwertigen Rotwein steht: Bordeaux.

Viele Worte sind gesprochen und viele Weine getrunken, als dieser laue Sommerabend zu Ende geht.

Drogen per Drohnen – der neue Krimi von Zoë Beck

10.03.2018 at 12:07

Zoë BeckSchon achtmal kooperierte die Stadtbibliothek Bad Cannstatt mit dem Verein Stuttgarter Kriminächte, um Kriminalautoren einem breiten Publikum vorzustellen. Am 7. März 2018 las Zoë Beck hier aus ihrem neuen Roman. Sichtlich stolz präsentierte Alexandra Kirchner, die Leiterin der Bibliothek, mit ihrem reinen Frauenteam diese Ausnahmeschriftstellerin. Immer wieder eroberte Zoë Beck die Krimibestenliste mit ihren spannenden Romanen, die häufig in Großbritannien spielen. Für ihrer Kurzgeschichte Draußen erhielt sie 2010 den renommierten Friedrich-Glauser-Preis, 2014 gewann sie den Radio-Bremen-Krimipreis, der Autorinnen und Autoren für qualitativ herausragende Werke der Kriminalliteratur auszeichnet und zwei Jahre später den 3. Platz beim Deutschen Krimi Preis in der Kategorie „National“.

Nach dem Brexit kommt der Druxit

Zoë Becks neuer Kriminalroman spielt in London in nicht ferner Zukunft. Nach dem Brexit steht der Druxit auf der Agenda der regierenden Partei der „Rotweißblauen“. Sie hat einen Gesetzesentwurf vorbereitet, der einen Ausstieg aus den Drogen zum Ziel hat. Mit ihrer populistischen Kampagne unter dem Slogan „Großbritannien wird drogenfrei“ macht sie sich nicht nur die Abhängigen zu Feinden sondern vor allem die, die an den Drogen verdienen. Mächtige englische Verbrechersyndikate. Ellie Johnson hat ein besonderes Geschäftsmodel entwickelt, abseits von den Distributionswegen der Kartelle: Über einen von ihr entwickelten App bestellt man Drogen in höchster Qualität, die von Drohnen ausgeliefert werden. Anonym, sicher, perfekt organisiert. Die Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will „Die Lieferantin“ aus dem Weg räumen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen doch ihre Gegner sind mächtig und lauern an jeder Straßenecke. In ihrem Kampf arbeitet sie mit der Rechtsanwältin Catherine Wiltshire zusammen, die sich für eine Legalisierung der Drogen einsetzt. Um an Geld für die Antikampagne zu kommen, schrecken sie auch vor Erpressung eines hochrangigen, drogenabhängigen Ministers nicht zurück.

Zu Beginn des Buches und der Lesung stellt Zoë Beck einen netten jungen Restaurantbesitzer vor, der sich einer Schutzgelderpressung ausgesetzt sieht. Als ihm das zu viel wird, bringt er den Schutzgelderpresser um und betoniert ihn in seinem Haus unter seinem Fußboden ein. Dumm nur, dass er sich fortan einbildet, der Typ klopfe von dort unten und dumm für ihn, dass er damit nie wird sein Haus verkaufen können.

Ein Marktplatz der Abscheulichkeiten

Sehr ausführlich spricht sie über ihre Recherche im Darknet, dort gibt es alles zu kaufen: Von Sex bis zu Drogen. Im Darknet gibt es einen Marktplatz für alle denkbaren Abscheulichkeiten. Auch ihre Protagonistin findet ihre Kunden über das Darknet. Bezahlt wird mit Bitcoins, geliefert wird der Stoff mit Drohnen, die die Übergabe auch noch filmen. Damit sichert sie ihr „Geschäftsmodel“ ab, denn sie hat was gegen ihre Kunden in der Hand. Sollte ein Drohne abstürzen oder eingefangen werden, zerstört sie augenblicklich alle gespeicherten Daten, eine Spur zur Lieferantin ist nicht mehr vorhanden.

Zoë Beck erzählt und schreibt in einem hintergründig-lakonischen Erzählstil, springt bei der Lesung durch das Buch ohne die Gesamtkonstruktion und das Ende der Geschichte zu verraten. Damit ragt sie wie ihre Kollegen Friedrich Ani und Oliver Bottini weit aus der großen Genre-Masse heraus.

Zoë Beck zeigt Kante

Inhaltlich setzt die Autorin mit ihrem halbfuturistischen Drogenthriller Akzente, der mit seinen Anspielungen auf populistische Strömungen als Diskussionsgrundlage durchaus relevant sein könnte für unsere heutige Gesellschaft. Mit Populisten hat die Autorin auch als Verlegerin zu tun: Sie ist eine der Mitinitiatorinnen der Kampagne gegen rechte Verlage, der sich mittlerweile 45 unabhängige Verlage unter dem Hashtag #verlagegegenrechts zusammengeschlossen haben. Damit positioniert sich die Autorin eindeutig für Weltoffenheit und Vielfalt und gegen Ausgrenzung und Hass. Die Kampagne hat es mittlerweile geschafft, dass die rechtspopulistische Zeitung „Junge Freiheit“ sich nicht auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Darauf ist Zoë Beck sichtlich stolz. Bericht siehe hier. Damit zeigt die Autorin, dass sie nicht nur literarisch heiße Eisen anpackt sondern auch bereit ist, sich die Finger im richtigen Leben zu verbrennen.

Die Lieferantin
324 Seiten, Klappenbroschur
Suhrkamp, Preis 14,95 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte