Hölderlin zum 250. Geburtstag – Das Schriftstellerhaus gratuliert mit einer Anthologie

20.09.2020 at 22:17
Stolz präsentiert Moritz Heger die druckfrische Anthologie

Stolz präsentiert Moritz Heger die druckfrische Anthologie

„An die Schwäne“ ist ein Zitat von Hölderlin und der Titel der neuen Anthologie 2020 des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Moritz Heger, der erste Vorsitzende des Vereins, stellte es am18. September im großen Saal des Hospitalhofes vor.

Unter dem Titel „Hälfte des Lebens“ hatte das Schriftstellerhaus Mitglieder des Hauses, ehemalige Stipendiaten und Schreibende, die mit dem Haus seit Jahren verbunden sind, aufgefordert, Texte für die Anthologie einzureichen.

 

Eine Anthologie mit 51 Beiträgen und Zeichnungen

51 Beiträge wählte die Jury aus den zahlreichen Einsendungen aus, die Eingang in diesen sehr schön gestalteten Band fanden. Christian Lang illustrierte den Band. Für das Schrifstellerhaus ist diese Anthologie eine adäquate Form, in diesem Jahr an die Öffentlichkeit zu gehen. Eigentlich wäre aktuell die Geschäftsführerin des Hauses, Astrid Braun, in der heißen Projektphase für „Stuttgart liest ein Buch„. Coronabeding hatte sich der Vorstand entschlossen, diese Großveranstaltung auf das nächste Jahr zu verschieben. So hat Astrid Braun in der Jury zur Textauswahl gearbeitet und die beiden haben eine breite Palette aus Texten (Lyrik und Prosa) zusammen gestellt.

An diesem Abend lasen acht Autorinnen und Autoren. Es waren darunter Mitglieder des Schriftstellerhauses (Rainer Wochele, Hans M. Thill, Gilbert Fels, Wolfgang Tischer) eine ehemalige Stipendiatin (Agnes Gestenberger), eine Teilnehmerin aus der Schreibwerkstatt „Das Junge Schriftstellerhaus“ (Selina Wagner), die Autorin und Lektorin Barbara Imgrund und eine Schulfreundin von A. Braun, die emeritierte Hochschulprofessorin an der Sorbonne Paris: Dr. Colette Laplace ist eine ausgewiesene Kennerin des Werkes von Hölderlin. Sie hat sein Gedicht Hälfte des Lebens ins Französische übersetzt.

Den musikalischen Rahmen gestaltete das Duo „Basssax“: Tom Martin (Voices, Saxophon) und Bernd Gruenen (Bass).

Das Duo "Basssax": Tom Martin und Bernd Gruenen

Das Duo „Basssax“: Tom Martin und Bernd Gruenen

 

An die Schwäne
51 Beiträge zum 250. Geburtstag Friedrich Hölderlins
264 Seiten, Klappenbroschur
Edition Kanalstraße 4,

Bestellungen unter info@stuttgarter-schriftstellerhaus.de zum Preis von 14 Euro zzgl. Versandkosten

Wolfgang Schorlau im Hospitalhof: Die trüben Wasser von Venedig

05.03.2020 at 23:29
Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo im Hospitalhof

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Wolfgang Schorlau hat ein festes Stammpublikum und das ist am 4. März 2020 in den großen Saal des Hospitalhofs geströmt und hat diesen bis zum letzten Platz gefüllt. An diesem Abend ist er nicht allein mit einem neuen Roman gekommen: Der freie Hund. An seiner Seite der Italiener Claudio Caiolo. Mit dem Schauspieler Claudio verbindet Wolfgang Schorlau eine 25jährige Freundschaft. Seit vielen Jahren wollten sie ein Projekt zusammen machen. Nun liegt das Ergebnis vor: Ein Kriminalroman, in Venedig angesiedelt.

Wolfgang Schorlau ist sehr gut vernetzt

Schorlau, Albath, Caliolo

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Bevor es so richtig mit dem von der ausgewiesenen Italienkennerin Maike Albath moderierten Gespräch los geht, begrüßt Wolfgang Schorlau seine große „Künstlerfamilie“. In dieser Patchworkfamilie tummeln sich mittlerweile eine ganze Reihe illustrer Mitglieder. Seine Lebensgefährtin, die Staatssekretärin und ehemalige Direktorin der Kunstakademie, Petra Olschowski, wurde schon von der Leiterin des Literaturhauses, Stefanie Stegmann, zu Beginn begrüßt. Seine Verlegerin von Kiepenheuer & Witsch, Claudia Häußermann, ebenso wie sein Lektor, Nikolaus Wolters sind zur Buchvorstellung angereist. Auch die Organisatorin seiner Lesereise, Susanne Beck, ließ es sich nicht nehmen, zur Premiere von Köln nach Stuttgart zu kommen. Es ist offensichtlich, dass Wolfgang Schorlau sich als Teil eines Literatur-Produktions-Teams sieht, bei dem er im Mittelpunkt steht.

Venedig wird literarisch von dem Autorenduo angegangen

Vielen gilt Venedig ja als schönste Stadt der Welt. Wolfgang Schorlau erzählt von einer Reise mit seinem Sohn dorthin, wie er all die Sehenswürdigkeiten besucht hatte und dann doch hinter die Fassade schauen wollte. Und so beschreibt er in seinem neuen Roman keine Idylle. Sein Kommissar Morello stammt aus Sizilien (auch Claudio Caiolo stammt aus Sizilien), der nach Venedig versetzt wird, um hier für Recht und Ordnung zu sorgen. In Venedig verfolgt er als erstes einen Taschendieb – wie wir aus der Lesung des ersten Kapitels erfahren – und landet prompt in einem Canale, der natürlich trübe ist. Aber der als „schleimige Brühe“ beschriebene Canale di San Pietro ist alles andere als trübe. In Wirklichkeit kann man bei ihm teilweise sogar bis auf den Grund schauen. Auch kann auch weder am frühen Morgen noch zu irgendeiner anderen Zeit ein Kreuzfahrtschiff seinen Schatten auf den Canal Grande werfen, der im Buch auch mal Canale Grande heißt. Hier prallt die „literarische Freiheit“ auf die Wirklichkeit. Gegen diese Kreuzfahrtinvasion regt sich Widerstand und ein Aktivist wird prompt ermordet.

Eine Zusammenarbeit zweier ganz unterschiedlicher Charaktere

Wie die Zusammenarbeit der beiden Freunde konkret ausgesehen hat, beschreiben die beiden ausführlich an diesem Abend. Maike Albath hat alle Mühe den quirligen Claudio Caiolo zu bremsen, der sie ungehemmt duzt, wiewohl sie – ganz professionell – konsequent beim Sie bleibt. Weil Claudio Caiole Erfahrungen beim Drehbuchschreiben mitbrachte (für seinen Kinospielfilm Birthday erhielt er 2002 den Max Ophüls Preis für das Drehbuch), oblag es ihm, eher dialogisch zu arbeiten. Völlig hemmungslos hat Schorlau seine Texte zusammen gestrichen, damit die Geschichte an Fahrt gewinnt. Das führte zu machen heftigen Diskussionen zwischen den beiden. Meike Albath meint zu dieser Auseinandersetzung, er müsse als Drehbuchautor das eigentlich verstehen, denn es gäbe den Satz unter den Drehbuchautoren: „Kill your baby“. Dem Zuhörer wird an diesem „Disput“ klar, dass die beiden Autoren auf dem Podium als eingespieltes Duo agieren.

Wer hat hier wo und wie recherchiert?

Die Auseinandersetzung mit der Autorin und Mafia-Expertin Petra Reski katapultierte sie aus ihren eingespielten Rolle. Meike Albath klammert in der Diskussion dieses heikle Thema nicht aus: Petra Reski wohnt seit vielen Jahren in Venedig. Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo trafen sie in Venedig bei einem Arbeitsessen. Sie wollten Hintergründe für die Story recherchieren. Die Vorwürfe der Journalistin kann man auf ihrem Blog hier und hier im Detail nachlesen. Darin wirft Reski dem Duo vor, sie hätten ihre eigene Arbeit geplündert. Und das so fehlerhaft, dass sie ihren Namen keineswegs mit dem Ergebnis, selbst nur als Danksagung, in Verbindung gebracht haben möchte. Diese Vorwürfe führten schließlich zu einer Unterlassungsklage, die sie gegen den Verlag anstrengte. Die zielte darauf ab, dass die Danksagung der beiden an sie bei der 2. Auflage gestrichen wird.

Wolfgang Schorlau reagiert schmallippig auf die Plagiatsvorwürfe

Was der Autor Wolfgang Schorlau an diesem Abend sichtlich zerknirscht dazu meint, hatte er in einem Interview auch schon den Stuttgarter Nachrichten gesagt: „Die einstweilige Verfügung ist für mich ein Rätsel. Wir hatten ein wahnsinnig nettes Gespräch in Venedig. Claudio und ich sind große Bewunderer von Petra Reskis Arbeit und haben deshalb eine Figur („Petra Mareschi“) nach ihr benannt. Das war als Hommage und Verbeugung gedacht.“

Schorlau hatte Reski das Manuskript im August 2019 geschickt und zunächst nichts gehört. Dann sei ein Anwaltsschreiben gekommen: „Wir haben die Danksagung entfernt und die Figur der investigative Jounalistin umbenannt. So wie unser Umgang war, hätte dafür ein Anruf auch genügt.“ In Folgeauflagen wird der Namen der investigativen Jounalistin verändert. Nicht aus juristischen Gründen, sondern weil die Autoren der Überzeugung sind, dass eine Hommage wider Willen keinen Sinn macht.

Diese Vorwürfe treffen einen Autor, der sich als ein gewissenhafter Rechercheur einen Namen gemacht hat, natürlich schwer. Das Publikum im Saal ficht das nicht an, wie an der langen Schlange derer zu sehen ist, die sich das Buch von dem Autorenduo signieren lassen wollen.

Der freie Hund: Commissario Morello ermittelt in Venedig
 336 Seiten, Paperback
Kiepenheuer & Witsch, Preis: 16 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Eine Theologin diskutiert mit ihren zwei Kollegen den Roman von Arno Geiger

26.09.2019 at 22:34
"Unter der Drachenwand": Monika Renninger, Matthias Vosseler, Eberhard Schwarz

Theologen in lebhafter Diskussion über „Unter der Drachenwand“: Monika Renninger, Matthias Vosseler, Eberhard Schwarz (v.r.n.l.)

 

Gleich zu Anfang der gut besuchten Veranstaltung am 25.09.19 in der Kirche des Hospitalhofs wurden die beiden Begriffe „Mondsee“ und „Drachenwand“ in den Blick gerückt. Der weit entfernte Mondsee und die bedrohliche Drachenwand.

Eberhard Schwarz

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Unterschiedliche Romanfiguren werden betrachtet

Die drei Theologen stellen den Zuhörern im voll besetzten Kirchenschiff die unterschiedlichen Romanfiguren vor. Pfarrer Eberhard Schwarz stellt den Soldaten Veit Kolbe vor. Zu Beginn des Romans empfindet er ihn als einen tumben Tor, der allerdings im Laufe des Romans eine erstaunliche Passage durchmacht. Wie in der biblischen Geschichte von Adam und Eva muss er sich mit der Frage auseinandersetzten, was ist gut, was ist böse? Schnell kommt es im Laufe der Handlung zum Bruch mit seinem Vater. Veit, schwer verwundet aus dem Krieg zurück, kann den Hurrapatriotismus seines Vaters nicht ertragen, der als Nazi unverbrüchlich zum Führer steht.

Monika Renninger

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Frau Monika Renninger zeichnet das Bild der Antagonistin zu Veit als eine Person, die in ihrer Körperlichkeit, ganz im Gegensatz zu Veit, unversehrt ist. Sie hat eine Leichtigkeit, die ihr die Kraft gibt. Hinzu kommt, dass sie als junge Mutter, getrennt von ihrem im Krieg sich befindenden Mann, in Verantwortung gegenüber ihrem Baby Lilio steht. Ihr Kampf gilt dem Überleben ihres Kindes, nicht dem Niederringen eines äußeren Feindes. Sie wird als eine gezeichnet, der der Schutz des Lebendigen wichtig ist. Führsorgliche Beziehungen sind zu schützen, Zärtlichkeit und Liebe stehen im Mittelpunkt. Das kann sie nicht mit ihrem angetrauten Mann leben.

Der Brasilianer eine Person im Geiste Luthers?

Matthias Vosseler

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Für Pfarrer Matthias Vosseler ist der Brasilianer einer, die die Luft der Freiheit atmet. Er hält mit seiner Meinung über den F. nicht hinter dem Berg und hält den Krieg für falsch. Matthias Vosseler kann an ihm sogar lutherische Züge erkennen: der Brasilianer geht seinen Weg und folgt nur seinem Gewissen. Selbst das Zuchthaus, in das er zwangsläufig wegen seiner Opposition zum Nazi-Regime kommt, kann ihn nicht brechen. Einstehen für die eigene Meinung atmet den Geist der Bibel, so Vosseler.

Der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer ist mit seinem jüngeren Sohn Georgelie und seiner Frau Wally aus Wien nach Budapest geflohen. Sein älterer Sohn Bernhard hat das sichere England erreicht. Pfarrer Eberhard Schwarz erläutert, dass das vorherrschende Bild im Nationalsozialismus vom raffgierigen Juden in den Reflektionen von Oskar Meyer ins Gegenteil verkehrt wird: Es sind die Deutschen, die Arier, die in ihrer Gier Bodenschätze und Land durch Krieg raffen und alle Güter zu Geld machen, die ihnen in die Hände fallen.

Oskar Meyer eine Hiobs-Figur?

Natürlich muss in solch einer theologisch grundierten Diskussion die Frage aufkommen, wie Gott das alles zulassen kann. Das Koordinatensystem des Oskar Meyer ist brüchig geworden, es geht für ihn nur noch um das nackte Überleben. Übereinstimmende Meinung der drei ist, dass es sich bei Oskar Meyer nicht um eine Hiobsfigur handelt, dessen Glauben durch Gott auf die Probe gestellt wird. Er hält sich, nach Verlust seiner Frau und seines Sohnes an einem Fetisch fest. Das rote Halstuch seiner Frau Wally ist ihm das Liebste geworden. Solange er das bei sich hat, fühlt er sich – wenn auch nur ein wenig – geschützt.

Bei Veit ist es die Liebe, die ihn schützt, beim Brasilianer ist es die Freiheit des Geistes, an der er sich aufrichten kann. So hat jede Figur seine Rückzugsräume in den grausigen Zeiten. Schön, dass Monika Renninger einige kurze Psalmentexte rezitiert, die eine wahre Kraftquelle für gläubige Menschen darstellen.

Der Roman löst in seinem Erzählen die Spannungspunkte nicht auf, in denen die Figuren stehen. Der Leser bleibt zurück, Trost kann ihm ein wenig das Nachwort geben, in dem die weiteren „Schicksale“ der Figuren angedeutet werden und das der Erzählung einen Anstrich von Authentizität gibt. Zum Schluss zieht Pfarrer Schwarz ein einfaches Fazit: Krieg ist Scheiße!

Traumatisierte Kameraden? Die Kriegsverarbeitung in der „Generation 1939“

26.09.2019 at 22:04
Carsten Kretschmann

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Der Vortrag von Dr. Carsten Kretschmann am 23. Sept. 2019 im Hospitalhof zeigt, wie groß die Bandbreite der Veranstaltungen in der Reihe Stuttgart liest ein Buch ist. Das Schriftstellerhaus verharrte bei der Konzeption der Reihe nicht bei den literarischen Aspekten des Buches, wiewohl sie im Mittelpunkt stehen.

Ein Kenner der Kriegsgeschichte

Dr. Carsten Kretschmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für Neuere Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart. Welche Fragen kann ein Historiker zu den im Buch aufgeworfenen Fragen beantworten, welche neuen Einsichten kann er den Zuhörern vermitteln?

Der Titel des Vortrages: Traumatisierte Kameraden? Möglichkeiten und Grenzen der Kriegsverarbeitung in der „Generation 1939“ verweist auf die tiefen Traumata, der im Zweiten Weltkrieg auf allen Fronten eingesetzten Soldaten. Wann aber spricht von einer Generation, im Gegensatz zu einem „Jahrgang“? Die Soldaten im Zweiten Weltkrieg waren überwiegend junge Männer im Alter von 18 – 25 Jahren also aus den Jahrgängen 1914-1921. Von einer Generation spricht man, wenn eine etwa gleichaltrige Gruppe gemeinsame Erfahrungen und Lebensumstände teilen. Die Erlebnisse sind die zentralen Elemente zur Bildung einer „Generation“. Für die Generation 1939 waren es die Kriegserlebnisse: sechs Jahre Tod und Vernichtung, die sie nachhaltig prägten. Das geschieht nicht nur auf der mentalen Ebene. Körperlichen Erfahrungen, Wunden, Narben, werden in dieser Generation geteilt. Und: die Gruppe kann sich nicht über ihre Erlebnisse mit Außenstehenden verbinden. Wie kann man einem Außenstehenden vermitteln, dass man z. B. das Sterben von vielen Hundertausende von Rotarmisten miterlebt hat? Wie damit umgehen, dass zwischen 1941 und 1942 zwei Millionen Rotarmisten in Gefangenenlagern starben? Durch eine Rhetorik der „Viktorisierung“.

Vom Held zum Opfer

Stand während der erfolgreichen Kriegshandlungen der Held im Fokus, wurde nach dem Zusammenbruch schnell eine Opferrolle konstruiert. Die Menschen flüchteten sich in eine falsche Realität. Nach der Gewalteskalation verfielen viele in Schockstarre.
Das alles referiert Dr. Carsten Kretschmann in enger Anlehnung an den Roman „Unter der Drachenwand“ aus dem er immer wieder Zitate herausgreift und projiziert. Er weist anhand der Textstellen nach, wie genau Arno Geiger die Körperlichkeit und die Verletzungen beschreibt, die sich der Generation 1939 eingegraben haben. Der Name des Soldaten „Veit“ ist die deutsch Version von Vitus, was so viel wie der Lebendige bedeutet. Und doch wurden Veit im Krieg die Sinneswahrnehmungen beschädigt. Arno Geiger personalisiert den Krieg sogar, wenn er schreibt: „So hatte der Krieg mich auch diesmal zur Seite geschleudert“. [S. 7]

Krieg wird im Roman personifiziert beschrieben

Und auch der Körper wird aktiv mit Naturmetaphern beschrieben: „Unter meinem Schlüsselbein lief das Blut in leuchtenden Bächen heraus, …“ [S. 7]
Aus dem Krieg kamen seelisch und körperlich verletzte Menschen. Heute beschreibt die Medizin und Psychologie das als posttraumatische Belastungen. Dieser Begriff tauchte erstmals im Vietnamkrieg auf. Ab 1980 ist der Begriff in der US Armee als Krankheitsbild anerkannt.
Ganz anders nach dem zweiten Weltkrieg. Dr. Carsten Kretschmann hat hunderte von Akten aus den Krankenanstalten studiert (z. B. die aus Bethel). Minutiös werden von den Ärzten und Psychologen die Symptome der eingelieferten Soldaten beschrieben: Zittern, unkontrollierte Gefühlsausbrüche und v. a. m. Doch nicht um diesen Mensch Heilung zuteilwerden zu lassen. Die Ärzte waren angehalten herauszufinden, ob die psychisch Versehrten Rentenansprüche geltend machen könnten, ob es sich um eine kriegsbedingte Traumatisierung handelt oder vererbt ist (nicht rentenanspruchsberechtigt). Nur einem Bruchteil wurden diese gewährt! Die Angst war das im Krieg präsente Gefühl. Befragungen großer Soldatengruppen belegen das.

Drogen und Desillusionierungen

Pervitin

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Nach dem Krieg und nach dem Scheitern der NS-Versprechen setzte die große Desillusionierung ein, die eine innere Leere bei vielen Kriegsteilnehmern hinterließ. Im Krieg konnten sich die Soldaten noch mit der von der Wehrmacht vielfach eingesetzten Droge Pervitin gegen die Schrecken und die Belastungen betäuben. Die Wehrmacht, so ist bekannt, gab insgesamt 35 Millionen Dosen Pervitin aus, entfernt vergleichbar mit dem heutigen Crystal Meth. Diese Droge half auch, das unfassbar Erlebte zu betäuben. Auch Veit Kolbe ist von dieser Droge abhängig. Wer auf „Kraftquellen“ zurückgreifen konnte hatte Chancen, einigermaßen aus diesen Situation heraus zu kommen. Solche Kraftquellen konnten die Familie, der Glaube oder aber, wie bei Veit Kolbe, die Liebe sein.

Der deutsch Humorist Weiß Ferdl sagte einmal: Wir können den Krieg nicht verlieren, wir werden ihn immer behalten.

Stuttgart liest ein Buch 2019 – Der Beginn

21.09.2019 at 13:58
Arno Geiger im Gespräch mit Wolfgang Tischer

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Im großen Saal des Hospitalhofes wurde am 16.09.2019 die diesjährige Veranstaltungsreihe Stuttgart liest ein Buch unter der Schirmherrschaft des OB Fritz Kuhn eröffnet. Angefangen hatte alles 2001 in Chicago mit One Book, One Chicago. In Stuttgart gibt es dieses Format nun schon zum vierten Mal.

Frau Renninger, OB Fritz Kuhn, A. Braun (v.o.n.u)

Frau Renninger, OB Fritz Kuhn, A. Braun (v.o.n.u)

Der Platz im Parkett des Saals reicht nicht aus, die Empore muss geöffnet werden, um dem Ansturm Herr zu werden. Pfarrerin Monika Renninger, Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof Stuttgart, begrüßt die Gäste aufs herzlichste. Der Hospitalhof ist Mitorganisator dieses alle zwei Jahre stattfindenden Lesefestivals.

Das Schriftstellerhaus Stuttgart zieht wie immer die Fäden. Seine Geschäftsführerin Astrid Braun ist als Projektleiterin für diese Veranstaltungsreihe so etwas wie das dahinter steckende Master Mind. In ihrer Eröffnungsrede bedankt sie sich bei allen beteiligten literarischen Institutionen der Stadt Stuttgart, ohne deren aktive Mitarbeit eine solch umfangreiche Reihe nicht auf die Beine zu stellen wäre.

Arno Geiger im Gespräch mit Wolfgang Tischer

Wolfgang Tischer vom Vorstand des Schriftstellerhauses verwickelt den österreichischen Autor Arno Geiger in ein tiefsinniges Gespräch über seinen Roman Unter der Drachenwand und über seine Arbeit als Schriftsteller. Zehn Jahre hat Arno Geiger an diesem Roman gearbeitet.

„Ich hatte vor vielen, vielen Jahren so einen Zufallsfund, die Korrespondenz eines Lagers, Kinderlandverschickung, Schwarzindien am Mondsee – die Kinderbriefe, Elternbriefe, Behördenbriefe –, und das hat alles in Gang gesetzt, also ein Zufall. Das ist mir zugefallen, und die Qualität eines Stoffes bemisst sich vielleicht daran, wie sehr etwas in Gang setzt, emotional vor allem – gedanklich, aber auch die Vorstellungskraft. Das war Wumms.“

Das Lager Schwarzindien kommt schon im Roman Es geht uns gut vor, für das Arno Geiger 2005 den erstmals verliehenen Deutschen Buchpreis bekommen hat. Er wollte einen Familienroman schreiben und er wollte ein dreidimensionales Bild vom Krieg zeigen. Ein Krieg, der in jeden Raum eingedrungen ist, in jede Verästlung der Gesellschaft. Immer wieder hat er neue Aspekte entworfen. Wobei einige Figuren im Roman von Anfang an in seinem Kopf waren, zuerst die dreizehnjährige Nanni.

Wie fühlt sich Krieg an?

Ihn interessiert nicht, wie der Krieg von heute aus gesehen wird, sondern er wollte erzählen, was nur ein Roman erzählen kann: wie könnte sich das angefühlt haben im fünften, sechsten Kriegsjahr zu leben, also buchstäblich unter der Drachenwand. Und wie ergeht es einem Menschen, der sich „ins Bett des Teufels gelegt hat“ aus dem nur schwer wieder herauszufinden ist. Dazu hat er O-Töne gelesen, Briefe, Tagebücher, Tausende Seiten. Das war dann das Fundament für den Roman.

Den Roman fertig im Kopf, dann schreibt Arno Geiger ihn

Arno Geiger muss immer wissen, wie lang der Roman sein muss. Wenn das klar ist, schreibt er seinen Roman in chronologischer Reihenfolge. Als er das Gesamtbild in seinem Kopf ausgestaltet hatte, schrieb er das Buch innerhalb von nur fünf Monaten.

Beim Schreiben denkt Arno Geiger permanent über die Welt nach und über sich selber. Der Krieg hat eine unglaublich mobile Gesellschaft erzeugt, Familien waren auseinandergerissen und damals war das Schreiben eine ganz natürliche Form der Kommunikation.

Arno Geiger redet über seine Figuren, als wären es seine Bekannten und für ihn hat der Roman Wahrheitsansprüche. So verwundert es auch nicht, dass er in den Nachbemerkungen über das weitere Schicksal seiner Figuren schreibt, denn, so Geiger, der Leser hätte ein Recht darauf zu erfahren, was aus ihnen geworden ist.

Seine Frau, eine Kinderärztin, bekommt das Manuskript als erste zu lesen. Aber erst, wenn es aus Sicht von Arno Geiger fertig ist. „Ohne meine Frau wäre ich fast nichts“, gesteht der Autor und liefert damit einen wunderschönen Liebesbeweis.

An ein neues Buch denke er nicht, meint Arno Geiger, nachdem er den „Boden des Fasses erreicht“ hat, das aktuelle Buch ist immer das geliebteste.

„Der Krieg hatte ihn zur Seite geschleudert“

In einer kurzen Lesepassage wird uns von Omid Eftekhari einfühlsam der Einstieg in das Buch dargeboten. Der Krieg ist bereits in jeden Raum, jede Verästlung eingedrungen, da wird der Protagonist verwundet, reist zur Rekonvaleszenz von seiner Heimatstadt in die kleine Marktgemeinde Mondsee. Bei seinen Eltern ist er nicht zur Ruhe gekommen: „Ich halt’s hier nicht aus, ich muss weg.“ Der Mondsee im Salzkammergut liegt unter dem Bergmassiv der Drachenwand. Den Ort wählt er, weil er einen familiären Anknüpfungspunkt hat: sein Onkel leitet in dem Ort die Polizeistation. Der Onkel, wie auch sein Vater sind bekennende Nazis und bewundern den Führer, ganz im Gegenteil zu dem frontmüden Veit Kolbe.

Mit einfachen Mitteln ein Einzelschicksal dargestellt

Die Figurenspielerin Iris Meinhardt bewegt sich gewandt und synchron zu ihrer eigenen Projektion: Ihr Kollege, der Videokünstler Oliver Feigl, legt das Figurenspiel über projektierte Bilder und Filme, so dass ein ungewöhnlicher Sog entsteht und die Grenze zwischen Puppenspielerin, die in Kleidern aus den dreißiger Jahren gekleidet ist, der Puppe und den Bildern verschwindet. Die Künstler stellen in dieser eindrucksvollen Szenerie das Leben und den Tod der Schülerin Nanni dar.

Musikalische Umrahmung

Abgerundet wird der Abend durch das einfühlsame Zusammenspie des Gitarristen Jörn Bähr und dem Kontrabassisten Thorsten Meinhardt, die brasilianische Musik in jazzigem Gewandt spielen. Als das Publikum zum Schluss zum Signieren an den Tisch von Arno Geiger geht, spürt man so etwas wie Ergriffenheit, die dieser Abend ausgelöst hat.

Die Stuttgarter Stadtgesellschaft kann sich auf viele interessante Veranstaltungen im Zeitraum bis zum 28. September freuen.

Gerhard Breidenstein auf spirituellen Pfaden

10.11.2018 at 14:05
Gerhard Breidenstein diskutiert über Mystik

Gerhard Breidenstein diskutiert über Mystik

 

In der Reihe „Vita contemplativa“ läd der Hospitalhof regelmäßig ein zu einer Begegnung mit berühmten Texten, Meditationen und geistlichen Übungen. Am 6. November 2018 hielt Gerhard Breidenstein im Rahmen dieser Reihe einen Vortrag zum Thema „Spiritualität ohne Religion?“

Gerhard Breidenstein hat evangelische Theologie studiert und promovierte in Sozialethik. Zeit seines Lebens (er ist Jahrgang 1936) hat er sich politisch engagiert: Als Studentenpfarrer in Dortmund, in der Umwelt- und Anti AKW-Bewegung, in der Friedensbewegung. In einer schweren Lebenskrise hat er sich auf frühe Meditationserfahrungen besonnen und hat erneut den Zen-Weg beschritten. Seit dreißig Jahren folgt er diesem und hat darüber auch ein sehr persönliches Buch geschrieben. (Siehe Besprechung auf diesem Blog.)

Mystische Spiritualität ist Weltzuwendung

In seiner letzten Publikation „Brennende Kerze im Sturm“ nimmt er die mystische Spiritualität in den Blick. Sie bedeutet für ihn Weltzuwendung bis in den persönlichen Alltag und in die globale Situation hinein. Er zitiert aus dem Gedicht Es gibt so wunderweiße Nächte von Rilke. Dort schreibt Rilke:

… und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

Diesem kapellenlosen Glauben redet Gerhard Breidenstein das Wort. Die Säkularisierung als Teil der Aufklärung hat ihren Anteil daran, dass die Menschen sich von den Kirchen abgewendet haben.

In der modernen Welt stehen materiellen Dinge an erster Stelle. Trotz dieses modernen Materialismus sind sehr viele Menschen auf der Suche nach Spiritualität. Allerdings profitieren die großen christlichen Kirchen nicht davon. Er kann gut nachvollziehen, dass die von den Kirchen gelehrten Glaubensinhalte nicht mehr von den Menschen verstanden werden. Auch er kann das 1700 Jahre alte Glaubensbekenntnis nicht mehr sprechen. Es drückt nicht seine Erfahrungen aus und vor allem ist es nicht in seiner Sprache verfasst. Er verweist auf den Theologen Jörg Zink und die Theologin Dorothea Sölle, denen es gelungen ist, den christlichen Glauben in moderner Sprach zu vermitteln. Für ihn ist es kein Zufall, dass Dorothea Sölle sich in einem ihrer letzten großen Werke der Mystik zugewendet hat. Mystische Spiritualität verlangt nicht, Dogmen zu glauben. Es geht vielmehr um unmittelbare Erfahrungen.

Moderne physikalische Modelle und Spiritualität stehen nicht im Widerspruch

Auch die moderne Physik, die geprägt ist von Max Planck, Einstein und Heisenberg, hat das duale, alte Weltbild nachhaltig infrage gestellt. Wie die moderne Physik kennt ein mystisches Weltbild nur eine Wirklichkeit. Es gibt keine Trennung zwischen Oben und Unten, Göttlichem und Menschlichen, zwischen Geist und Materie. Alles ist mit allem verbunden. Das Weltbild der Mystik ist nichtdual. Und der mystische Mensch erfährt die Nondualität der Wirklichkeit.

Mystik in den verschiedenen Religionen

In allen Weltreligionen gibt es mystische Ausprägungen: Im Christentum vertraten das z. B. Meister Eckhart, Hildegard von Bingen oder Teresa von Ávila. Die Sufis vertreten die Mystik im Islam, Zen ist die mystische Ausprägung im Buddhismus und im Judentum vertreten die Kabbalisten den mystischen Zweig.

In den monotheistischen Religionen (Christentum, Judentum und Islam) ist die mystische Erfahrung als Gotteserfahrung bzw. Glaubenserfahrung auf die göttliche Wirklichkeit bezogen.

Nichttheistische Traditionen wie Buddhismus, Jainismus und Daoismus bringen mystische Erfahrungen zum Ausdruck, ohne sich auf eine göttliche Person oder Wesenheit zu beziehen. Auch Vertreter des Hinduismus berichten von mystischen Erlebnissen.

Glauben in transreligiöser Sprache

Wie kann nun Glauben in transreligiöser Sprache ausgedrückt werden? Diese Frage gingen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesem Abend anhand eines von Gerhard Breidenstein verfassten Thesenpapiers erst in stiller Zurückgezogenheit nach, um sich im Anschluss daran im Gespräch darüber auszutauschen. Teils wurde den Ansichten des Referenten heftig widersprochen und auf die christliche Offenbarung verwiesen. Aber auch der Bezug auf die Theorien der modernen Physik wurde hergestellt. Einigend war der Gedanke, dass die Welt Kraft materieller und geistiger Evolution lebensfreundlicher werden kann und werden wird.

Wer sich mit den Thesen von Gerhard Breidenstein näher beschäftigen will, dem sei sein Buch empfohlen:

Brennende Kerze im Sturm
Mystische Spiritualität inmitten unsere Welt

144 Seiten, Taschenbuch
Verlag: Publik-Forum, Preis: 14,90 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

 

Wolf Biermann stellt seine Biografie im Hospitalhof vor

16.05.2017 at 14:16
Wolf Biermann

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In der Reihe „Köpfe der Zeit“ war Wolf Biermann am Sonntag, 14. Mai 2017 im Hospitalhof. Das Literaturhaus Stuttgart richtet diese Veranstaltung im großen Saal aus und dieser war bis auf den letzten Platz besetzt, um dem begnadeten Liedermacher zuzuhören.

Dem Moderator Wieland Backes fällt es an diesem sonnigen Sonntagvormittag sichtlich schwer, das Gespräch mit dem „Erzähler“ Wolf Biermann in durch Moderation eingehegten Bahnen zu halten. Wolf Biermann ist nicht zu bremsen, wenn es darum geht, Geschichten aus seinem schillernden Leben zu erzählen. Sein Ziehsohn Manuel übernimmt die Lesung aus der Biermanns Autobiografie, die der achtzigjährige gerade unter dem Titel Warte nicht auf bessere Zeiten! vorgelegt hat. Die Mutter von Manuel, Brigitte Soubeyran, siedelte mit Manuel als Baby 1958 aus Frankreich in die DDR über, aus politischer Überzeugung und weil es in der DDR aus ihrer Sicht das bessere Theater gab. Am Berliner Ensemble (BE) traf sie einen jungen Regieassistenten. Das war Wolf Biermann. Sie wurden ein Liebespaar, aber auch ein Theaterkunstpaar. 1961 gründeten sie zusammen das Berliner Arbeiter- und Studententheater, das heute noch als Studiotheater der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ bekannt ist. Zu der Zeit war Wolf noch nicht der Biermann. Sie hat ihn zum Liedermachen und Singen ermuntert und auch seinen Bart kreiert, weil sie wollte, dass er ein bisschen so aussieht wie der französische Chansonnier Georges Brassens. Den Bart trägt er heute noch, wenn dieser auch ergraut ist.

Wolf Biermann eine Symbolfigur aus dem zweigeteilten Deutschland

Wolf Biermann zählt zu den großen Symbolfiguren aus der Zeit des zweigeteilten Deutschland. Seine Lieder wurden im Westen zu Hymnen, im Osten waren sie untersagt, ihr Schöpfer wurde mit Auftrittsverboten belegt. Nach einer Konzerttour in den Westen verweigerte ihm das DDR-Regime 1976 die Wiedereinreise.

Aber an diesem Morgen beginnt er mit seiner Zeitreise durch sein bewegtes Leben als kleiner Knirps in Hamburg. Nur von seiner kommunistischen Mutter aufgezogen. Sein Vater saß im Lager, den er dort besuchte und den die Faschisten ermordeten. Sein Ziehsohn liest von dem Feuersturm über Hamburg, den Biermann als Junge erlebte. Er wuchs mit dem Auftrag auf, die Menschheit zu retten, seinen Vater zu rächen und nebenbei den Kommunismus aufzubauen. Und weil er seiner Mutter diesen kleinen Gefallen tun wollte, ging er eben mit sechzehn Jahren 1953 nach Osten und wurde ein DDR-Bürger. Und noch heute meint er darüber, das es das Beste war, was er in seinem ganzen Leben gemacht hat. „Ich musste die Lektion lernen, im Vaterland aller Werktätigen, im Arbeiter- und Bauernparadies wirklich zu leben, und nicht nur als Revolutionstourist mal eben vorbeischnuppern. Und wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich ja gar nicht der Biermann geworden.“

Schon in der Schule ein Widerspruchsgeist

Wie es ihm dort erging, erfahren wir wieder durch einen kleinen Textauszug: Einige evangelische Jugendliche an seiner Schule in Gadebusch bei Schwerin sollen der „Neuen Gemeinde“ abschwören und er erlebt, wie ein junges Mädchen standhaft für ihren Glauben eintritt. Dieser Widerspruchsgeist, dieser aufrechte Gang, hat ihm sehr imponiert.

In Berlin studierte er zuerst Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität (auf Anraten seiner Mutter, die meinte, die Regierung in der DDR bräuchte hier kluge Köpfe). Dieses Studium brach er jedoch ab, um als Regieassistent am Berliner Ensemble tätig zu sein. Danach studierte er bis 1963 an der Humboldt-Universität Philosophie und Mathematik.

Sein Weg als Lyriker und Sänger

Wolf Biermann begann Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 gründete er in Ost-Berlin das Berliner Arbeiter-Theater. Seine Inszenierung des Stückes Berliner Brautgang, wurde verboten, das Thema Mauerbau war zu brisant und noch vor der Premiere 1963 musste das Theater geschlossen werden. Seit dieser Zeit stand er immerzu unter Beobachtung der STASI. Wie die ihn überwachten, beschreibt er in eindrucksvollen Bildern.

1976 wird Biermann von der IG Metall zu einer Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen, wofür ihm die Behörden der DDR eine Reisegenehmigung erteilten. Dieses Konzert diente dem Politbüro der SED als Vorwand für die Ausbürgerung „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“. Eine breite Solidaritätskampagne setzte daraufhin für ihn ein. Viele, auch prominente Personen, in Ost und West protestierten gegen Biermanns Ausbürgerung. Zwölf namhafte DDR-Schriftsteller, unterzeichneten einen von Stephan Hermlin initiierten offenen Brief an die DDR-Führung, in dem sie an diese appellierten, die Ausbürgerung Biermanns zurückzunehmen. Es half nichts.

Wolf Biermann bricht spät mit dem Kommunismus

Sein Bruch mit dem Kommunismus kam jedoch erst viele später. Er wollte die Idee, für die sein Vater und so viele Genossen in den Tod gegangen sind, nicht verraten. Erst die Begegnung mit dem Schriftsteller, Sozialpsychologen und Philosophen Manès Sperber in Paris, brachte ihn zu dem Schritt mit dem Kommunismus zu brechen. Sperber hatte ihm „wie ein guter Zahnarzt mit Betäubungsspritze den kommunistischen Backenzahn gezogen, der schon vergammelt war“, wie Biermann beschreibt. „Er hat mich ermutigt, den Bruch zu wagen, ohne meinen toten Vater zu ermorden. Endlich begriff ich im Herzen, was ich im Kopf schon wusste.“

Was ist für Wolf Biermann an die Stelle der kommunistischen Idee getreten, fragt man sich und es scheint diese „hoffnungslose Hoffnung auf die Vernunft des Menschen“ zu sein, lautet seine Antwort. Sein Leben fasst er zum Schluss in dem Gedicht Bilanzballade im achtzigsten Jahr aus seinem neuen Band Im Bernstein der Balladen: Lieder und Gedichte zusammen. Damit schließt sich der Kreis zu seinem Gedicht „An die alten Genossen“, mit dem er die Funktionäre der SED in der Ost-Berliner Akademie der Künste am 11. Dezember 1962 aufgebracht hatte. (Einspielung siehe hier.)

Warte nicht auf bessere Zeiten!
Die Autobiografie

576 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Propyläen Verlag, Preis 28,00 €

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