Clint Eastwood – Eine Filmlegende wird 90

31.05.2020 at 8:18
Wordkarg und missgelaunt

So kennt man Clint Eastwood: wordkarg und missgelaunt

 

Der Sohn eines Stahlarbeiters aus San Francisco steht seit über 60 Jahren vor der Kamera. Politisch stand und steht Eastwood den Republikanern nahe, aus seiner Unterstützung für die republikanischen Präsidenten macht er keinen Hehl. Ein Phänomen, das es so wohl nur in Amerika gibt: ein strammer Rechter, dessen Herz für Minderheiten schlägt. Auf „politische Korrektheit“ legte der Ex-Bürgermeister des kalifornischen Ortes Carmel nie Wert, der sich auch für liberale Anliegen wie die Homo-Ehe einsetzte. In seinem Film „Grand Torino“ lässt er seine Filmfigur, einen alten Koreaveteranen, eine Wandlung durchleben: Von krasser Ablehnung gegenüber seinen „neuen“ Nachbarn, asiatische Immigranten, hin zu einem respektvollen, liebevollen Umgang mit ihnen.

Ein Republikaner mit einem großen Herz für die Menschen

Das Beispiel Clint Eastwood zeigt einmal mehr, dass man auf den Menschen schauen sollte und nicht auf seine politische Einordnung. Wenn man das macht, dann kann man sich vom Unerwarteten überraschen lassen und sich ein Staunen erhalten.

Dabei hat seine Karriere ganz anders begonnen: Wir kennen ihn als wortkarger Held und unbarmherziger Rächer in Sergio Leones Italo-Western CFür eine Handvoll Dollar“, „Für ein paar Dollar mehr“ und „Zwei glorreiche Halunken“. Richtungsweisend für den Polizeithriller auch seine Rolle als brutaler, zynischer Inspektor Harry Callahan auf der Jagd nach einem psychopathischen Serienmörder in der fünfteiligen Dirty Hary-Serie.

Seit 1971 steht er auch hinter der Kamera

Seit Anfang der siebziger Jahre führt er in seinen Action Filmen immer wieder selber Regie. Als Regisseur / Produzent (und Darsteller) hat er sich in den 90er Jahren noch einmal neu erfunden. In der melancholischen Romanze „Die Brücken am Fluss“ war er der Liebhaber einer einsamen Ehefrau, gespielt von Meryl Streep.

Doch auch als Endachtziger machte er auf der Leinwand noch eine gute Figur. In dem Drogenthriller „The Mule“ (2019) spielte er die Hauptrolle eines greisen Drogenkuriers, der in seinem Truck für ein mexikanisches Kartell Kokain über die Grenze transportierte. Eine wahre Geschichte eines alten US-Schmugglers hat Clint Eastwood zu diesem Film inspiriert. Ich freue mich schon auf diese Regiearbeit, der Film liegt als DVD bereits in meinem DVD-Player.

Just Mercy – Ein grandioser Justizthriller

04.03.2020 at 17:32
Verteidigung des zum Tode verurteilten Walter McMillin (Jamie Foxx) © Warner Bros.

Anwalt Brian Stevenson (Michael B. Jordan, links) vertritt den zum Tode verurteilten Walter McMillin (Jamie Foxx) vor Gericht                                                                                                        © Warner Bros.

 

Wer in den Jahren der Präsidentschaft von Donald Trump über Amerika den Kopf schüttelt, der wie kaum ein anderer Präsident vor ihm in jüngster Zeit das Land spaltet, sollte sich den Justizthriller „Just Mercy“ anschauen. Hier wird gezeigt, wie gespalten dieses Land schon immer war und wie Menschen, die an die amerikanische Verfassung glauben, den Kampf für Gerechtigkeit aufnehmen. Die daran scheitern können, aber auch Gerechtigkeit mit Hilfe der Gesetze wieder herstellen können. Der Film „Just Mercy“ konzentriert sich ganz auf seine beiden Protagonisten, den schwarzen Anwalt Brian Stevenson (hervorragend: Michael B. Jordan) und den zum Tode verurteilten Schwarzen Walter McMillian, alias „Johnny D.“, (Jamie Foxx). Er sitzt als Todeskandidat im Gefängnis und ringt um seine Würde.

Trailer zum Film

Wenn wir uns selbst betrachten, können wir die Welt besser machen

Nach Abschluss seines Studiums in Harvard hätte sich Bryan lukrative Jobs aussuchen können. Stattdessen geht er gegen den Willen seiner Familie nach Monroeville, Alabama, um zusammen mit der ortsansässigen Anwältin Eva Ansley (Brie Larson) Menschen zu verteidigen, die zu Unrecht zum Tode verurteilt wurden oder sich keine angemessene Verteidigung leisten können. Einer seiner ersten und Fälle ist der von Walter McMillian, der 1987 für den berüchtigten Mord an einer Achtzehnjährigen zum Tode verurteilt wurde. Das obwohl die meisten Indizien seine Unschuld bewiesen und die einzige Zeugenaussage gegen ihn von einem Kriminellen stammte, der ein Motiv hatte zu lügen. In den folgenden Jahren verwickelt Bryan Stevensons Kampf für „Johnny D.“und viele andere ihn in ein Labyrinth aus juristischen und politischen Manövern. Konfrontiert wird er mit offenem und ungeniertem Rassismus, während die Gewinnchancen – und das System – gegen seine Mandanten stehen.

Der Film ist so anders als das Filmdrama über Rassismus und Gerechtigkeit nach der Romanvorlage „Wer die Nachtigall stört“ von der Purlizer-Preisträgerin Harper Lee. Dieser Film zeigt den weißen, gutbürgerlichen Anwalt Atticus Finch (Gregory Peck) der in seiner Verteidigung eines zu Unrecht des Mordes angeklagten Afroamerikaners den institutionellen Rassismus des „Deep South“ der USA offen legt.

Fast 30 Jahre später, im Sommer 1987, mag das Nachtigallen-Museum zwar eine Sehenswürdigkeit für Touristen sein, am Schicksal der schwarzen Bevölkerung Alabamas hat sich offenbar nicht viel geändert.

Durch die konsequente „schwarze Sichtweise“ entfaltet der Film „Just Mercy“, der auf einem Buch des realen Anwalts Brian Stevenson beruht, eine viel größere Wucht als der 1962 mit Georgery Peck verfilmte Roman und wird damit zu einem Lehrstück über die ungleiche Behandlung von Personen mit unterschiedlicher Hautfarbe in Amerika. Es zeigt ein ungerechtes Justizsystem, das sich seit Jahren manifestiert hat und das nur allzu empfindlich auf das Infragestellen eines zweifelhaften Falls reagiert.

Wir alle brauchen Güte, wir alle brauchen Gnade

Der hawaiianische Regisseur Destin Daniel Cretton zeigt die Auswirkungen, die ein falsches Urteil auf die Betroffenen, auf ihre Familie und Freunde hat. Es sind betörende und zugleich schockierende Bilder, die der Regisseur in Szene gesetzt hat. Doch auch die Sichtweise des weißen Staatsanwalts, der seinen Fall dahinschwimmen sieht und damit hadert, auf welcher Seite der Geschichte er stehen will, nimmt er in den Blick.

„Just Mercy“ ist ein gewaltiges Justizdrama, das den unerschütterlichen Glauben seines Protagonisten an ein Rechtssystem, das für alle Menschen, egal welcher Hautfarbe, Gültigkeit besitzt, fulminant in Szene setzt. Dafür muss der Film die literarische Vorlage (die im Abspann ausführlich zitiert wird) nicht großartig verdichten. Er erzeugt beim Zuschauer ein Gefühl tiefer Betroffenheit. Verantwortlich dafür ist unter anderem die von Empathie getragene Ausarbeitung der Charaktere, deren Motive offen gelegt werden. „Just Mercy“ lässt einen sprachlos zurück und stellt eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit in den Mittelpunkt.

Congo Calling – Ein Film, der unter die Haut geht

12.09.2019 at 11:30
Der Deutsche Peter Merten fühlt sich in Goma wohl und will auch mit 65 Jahren nicht aufhören.

Der Deutsche Peter Merten fühlt sich in Goma wohl und will auch mit 65 Jahren nicht aufhören.

 

Hunderte westliche Entwicklungshelfer sind in der Krisenregion Ost-Kongo tätig, um Infrastrukturvorhaben anzuschieben oder Feldforschung zu betreiben. Jeder Aufbruch, und sei er noch so kleinteilig, ist von Rückschlägen bedroht. Sei es, weil schlecht ausgebildete Polizisten durchdrehen oder einheimische Mitarbeiter ein Entwicklungsprojekt, man muss es so offen sagen, als Selbstbedienungsladen betrachten.

In dem Film Congo Calling (Trailer hier ansehen) portraitiert Stephan Hilpert drei eigenwillige Entwicklungshelfer in der Demokratischen Republik Kongo. Alle drei arbeiten in der Provinz Nord-Kivu, im Osten der Republik. Goma, deren Provinzhauptstadt, ist hinlänglich durch die Berichterstattung während des blutigen Bürgerkrieges bekannt. Ich kenne die Region gut, war in Mitte der achtziger Jahre selbst 14 Monate im Kongo (damals hieß er noch Zaire) tätig, baute damals einen Rundfunksender in Goma auf. Seit dieser Zeit hat sich offensichtlich nicht viel verändert. Das Verhalten der portraitierten Kongolesen ist mit dem, was ich kennen gelernt hatte, immer noch vergleichbar. Verändert hat sich vor allem die Technik, die die Menschen ganz selbstverständlich nutzen: Smartphones und Tablets.

Die von Stephan Hilpert in einer Langzeitstudie portraitierten „Helfer“ kommen aus ganz unterschiedlichen Ländern und arbeiten in unterschiedlichen Projekten. Es sind der Spanier Raúl Sánchez de la Sierra, die Belgierin Anne-Laure Van der Wielen und der Deutsche Peter Merten. Alle drei eint der Wunsch, Entwicklungshilfe zu leisten, und macht zugleich die Ambivalenzen der Helferrolle sichtbar. Dabei verzichtet der Film auf konventionelle Dramaturgien und zeigt Momente aus dem Alltag der drei Protagonisten. Dadurch entsteht ein komplexes Bild der Widersprüche von Entwicklungspolitik.

Anne-Laure, eine junge Belgierin

Anne-Laure, eine junge Belgierin

 

Anne-Laure hat ihrem Job resigniert den Rücken gekehrt, ist jedoch in Afrika geblieben. Vor allem wegen der Liebe zu einem Kongolesen. Mit diesem organisiert sie in der Stadt Goma ein gigantisches Musikfestival. Die junge Belgierin wirkt entspannt wie im Urlaub. Erst ein Zwischenfall, bei dem einer der Festivalhelfer in einem Handgemenge von einem Polizisten erschossen wird verdeutlicht, wie chaotisch und instabil die Situation im krisengeschüttelten Osten des Landes ist. Am Ende des Films kehrt Anne-Laure zurück nach Belgien, von wo aus sie mit ihrem Freund telefoniert, der eine zeitlang im Gefängnis saß, weil er einen opposionellen Politiker unterstützte.

Die politische Lage im Kongo wird im Film nur angedeutet. Es dauert eine Weile, bis sich die Geschichten der einzelnen Protagonisten herausschälen. Der Film erzählt die Geschichten seiner Protagonisten nicht geradlinig, eher verschlungen, aber genau das macht den Reiz dieses Filmes aus. Und in dieser Erzählweise schimmert immer auch die gegenwärtige Situation in der Demokratischen Republik Kongo angemessen durch.

Am ehesten spiegelt sich dieses herrschende Chaos in der Situation des Entwicklungshelfers Peter wider. Ein 65jähriger Idealist, der schon in Entwicklungshelfereinsätzen in Lateinamerika die Sandinisten unterstützt hat. Doch jetzt erhält er von seinem Arbeitgeber nach 30 Jahren in Afrika keinen Anschlussvertrag mehr. Er hat das Rentenalter erreicht und steht plötzlich mittellos da. Sein Mittelunkt ist Afrika. Hier hat er mit seiner Frau 4 Kinder großgezogen. Von der Anmutung her verkörpert Peter den hilflosen Helfer. Er kämpft um einen Anschlussvertrag und um sein Haus, das er nicht mehr bezahlten kann ohne das Salär seiner Entsendeorganisation. Er kehrt zusammen mit seinem erwachsenen Sohn in seine Berliner Heimat zurück, wo seine Frau schon auf ihn wartet.

Der Deutsche Peter Merten mit seinem Sohn betrachten alte Bilder, kurz vor ihrer Abreise.

Der Deutsche Peter Merten mit seinem Sohn betrachten alte Bilder, kurz vor ihrer Abreise.

 

Am straffsten organisiert ist der Spanier Raúl. Er kommt gerade mit einem frisch erworbenen Doktortitel nach Goma zurück. Hier hat er Feldstudien für seine Doktorarbeit gemacht. Mit universitären Forschungsgeldern finanziert der Sozialwissenschaftler eine Gruppe kongolesischer Assistenten. Sein Projekt: die Erforschung einer paramilitärischen Rebellengruppe, die „RDC Rénové“. Deren Mitglieder erklären vor der Kamera, wie sie Menschen mit Peitschenhieben und Musik zum Aufbau einer Landwirtschaft zwingen. Raúls Projekt droht schließlich das Scheitern: Mit veruntreuten Geldern hat einer seiner kongolesischen Mitarbeiter ein Auto gekauft, das er an die Forschungsgruppe vermietete.

Der Spanier Raúl

Der Spanier Raúl

 

Hilperts Film wurde in Kooperation mit dem ZDF produziert. Somit kann der Film sicher demnächst im ZDF angeschaut werden.

Derzeit läuft der Film noch in den Innenstadtkinos. Meine Empfehlung: Unbedingt anschauen!

Denys Arcand: „Der unverhoffte Charme des Geldes“

08.08.2019 at 9:59
Denys Arcand: Der Kurierfahrer Pierre-Paul lässt ich mit der bildhübschen Edelprostituierten Aspasie ein.

Der Kurierfahrer Pierre-Paul lässt ich mit der bildhübschen Edelprostituierten Aspasie ein. Bild: © Cinémaginaire Inc. – FilmTDA

 

Trailer hier ansehen

Was passiert, wenn einem erklärten Kapitalismuskritiker plötzlich mehrere Millionen Dollar vor die Füße fallen? Pierre-Paul (Alexandre Landry) hat einen Job als Postfahrer und gerät in eben diese Situation. Er hat seinen Doktor in Philosophie gemacht. Während er mit seiner Freundin Schluss macht, zitiert er im Café schon mal Wittgenstein. Er ist ein tapsiger Weltverbesserer, der sich irgendwie durchschlägt, ohne seine Moral zu kompromittieren. Als es auf seiner Kurierroute zu einem Raubüberfall mit Schießerei kommt, schnappt er sich kurzerhand zwei Geldsäcke. „Kein Bargeld an Bord“ steht auf dem Klein-LKW. Das ist, als er sich von der Szene des komplizierten Bandenverbrechens als lachender Dritter entfernt, glatt gelogen.

Kann schmutziges Geld „Gutes tun“?

Was tun mit dem schmutzigen Geld? Den Obdachlosen helfen, die er in seiner Freizeit betreut? Andere glücklich machen? Gelingt es Pierre-Paul, der die Armen seiner Gemeinde sieht und kennt, etwas Sinnvolles mit diesem zu Unrecht erhaltenen Geld anzufangen, oder unterliegt auch er seinen Verlockungen?

Bald sind ihm die Mafia, das Finanzamt und ein gewieftes Polizistenduo auf den Fersen. Dieses Duo besteht aus einer Frau (Maxim Roy), die auf Frauen steht, aber mit dem an gelegentlichen Sexismen und Rassismen nicht abgeneigten Kollegen (Louis Morissette) ins Bett geht, wenn sonst nichts zur Hand ist. Später, als der ermüdend aufwendig geschürzte Knoten wieder gelöst wird, kommt die Polizei zu spät. Eine Demo an der Uni hat alle Kräfte gebunden. Ein Loblied auf die Gesetzeshüter ist der Film sicher nicht.

Die taffe Polizistin setzt sich mit ihrem Kollegen auf die Fährte von Pierre-Paul

Die taffe Polizistin Carla McDuff setzt sich mit ihrem Kollegen auf die Fährte von Pierre-Paul Daoust. Bild: © MFA Film / Cinémaginaire Inc. – FilmTDA Inc.

 

Pierre-Paul braucht die Hilfe eines Profis. Er findet sie bei dem ehemaligen Biker-Boss Sylvain „The Brain“ (Rémy Girard), ein Ex-Knacki und Finanzexperte, der im Gefängnis seinen Ökonomieabschluss gemacht hat und nur noch legal sein Geld verdienen will.

Eine Edelprostituierte hat die notwendigen Kontakte zur Finanzwelt

Aspasie (Maripier Morin), die bildhübsche Edelprostituierte, wird von Pierre-Paul mit dem Geld aus seiner Beute bezahlt. Er verfällt ihr aus quasi-platonischen Gründen, wenn auch nicht mit platonischen Absichten. Schließlich verweist ihr Name auf die antike Rhetorikerin und Philosophin gleichen Namens, in deren Salon womöglich Sokrates, Sophokles und Kollegen verkehrten. Erst ist sie nur an dem Geld interessiert. Dann findet sie Gefallen an dem jungen Mann. Sie ist es auch, die durch Klugheit und Kontakte, darunter zu einem Offshore-Banker, der ihr noch einen Gefallen schuldet, den Schlüssel zum gemeinsamen Plan liefert.

Es geht darum, ein System auszutricksen, in dem alles auf Erfolg und Geld zielt und zwar, indem man sich seiner Gesetze ebenso bedient wie seiner Gesetzeslücken. So wird das System überlistet. Die, die sonst auf der Verliererseite stehen, sollen diesmal als Gewinner davonkommen. Aspasia, Pierre-Paul und Bigras gehen diese schöne Aufgabe an. Zu wessen Gunsten am Ende, sei an dieser Stelle nicht verraten.

Der Regisseur Denys Arcand hat einen Film gedreht, der die Genregrenzen sprengt

»Der unverhoffte Charme des Geldes« mag die erste halbe Stunde über etwas trantütig wirken. Aber er ist es ganz und gar nicht. Er braucht nur länger als die klassisch auf Tempo und Timing getrimmte US-Komödie. Der frankokanadische Regisseur Denys Arcand lässt sich Zeit. Viele seiner Themen schleichen sich geradezu unbemerkt in den Plot hinein. Das verlangt Geduld, macht aber Spaß denn er nimmt den durchdrehenden Turbokapitalismus humorvoll aufs Korn. Der Film ist Komödie, Gangsterthriller und Märchen zugleich, der zudem zeigt, wie Geldwäsche funktioniert.

Dieser Film ist extrem hinterlistig, daran lässt Denys Arcand nie einen Zweifel. Die Kriminalkomödie bietet gewissermaßen den Rahmen für Arcands filmischen Essay über das Geld, den Staat und dessen antisoziale Strukturen. Dass man hier einen Finanzskandal überleben kann, einen Sexskandal jedoch nicht (der des Offshore-Bankers), spricht Bände.

Yesterday – all my troubles seemed so far away

26.07.2019 at 7:56

Was wäre, wenn es die Beatles nie gegeben hätte, bzw. sie aus dem Gedächtnis der Menschen getilgt wären? Bei allen Menschen? Nein! Einer hat noch Erinnerungen an sie: der erfolglose Singer/Songwriter Jack Malik (Himesh Patel), der seine Kompositionen grundsätzlich vor leeren Rängen und an allen Straßenecken zum Besten gibt!

Auf dieser Prämisse des Drehbuchautors Richard Curtis basiert der neue Film des britischen Regisseurs Danny Boyle (Trainspotting, Slumdog Millionär). Richard Curtis ist durch viele Drehbücher für komödiantische Filme bekannt geworden (u. a. Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Notting Hill, die Bridget-Jones Filme) und prägt mit seinem Wortwitz auch diesen Film.

Die Prämisse ist schnell erzählt:

Bei einem zwölfsekündigem, weltweiten Stromausfall, dessen Umstände der Film zurecht nicht weiter thematisiert, wird Jack Malik (Himesh Patel) von einem Bus angefahren. Danach vermisst der sympathische Loser zwar zwei Schneidezähne, besitzt aber als fast einziger Mensch die Erinnerung an die vielleicht wichtigste Band aller Zeiten. Und als er beim Klimpern von „Yesterday“ merkt, dass seine Freunde den Song noch nie gehört haben, und die Google-Recherche bei den Stichworten „Beatles“ und „John Paul Georges Ringo“ nur Käfer und Päpste anzeigt, beginnt er zögerlich seiner „Karriere“ eine neue Chance zu geben und nimmt die alten Hits in sein Repertoire auf.

Sehr sorgfältig dekliniert der Film diese Entwicklung vom tastenden, unsicheren „Let It Be“ auf dem elterlichen Piano klimpernden Musiker über die ersten Achtungserfolge bei lokalen Auftritten bis hin zur Anfrage des Musikers Ed Sheeran, bei einem seiner Konzerte in Moskau (!) im Vorprogramm zu spielen. Der britische Weltstar Ed Sheeran spielt sich hier sanft und selbstironisch selbst. Den Ritterschlag erhält Jack Malik als er nach dem Konzert von Ed Sheeran Backstage zu einem Songschreiberwettbewerb aufgefordert wird: Beide sollen spontan einen Song komponieren, den sie noch nie gespielt haben. Nachdem Jack mit seinem Song diesen Wettbewerb gewonnen hat, erkennt Ed Sheeran, dass er nur ein Salieri neben Mozart ist und wünscht ihm viel Glück. Die aalglatte Managerin Debra (wunderbar von der Komikerin Kate McKinnon gespielt) dient sich dem aufgehenden Stern gleich an und führt ihn durch die Untiefen des Musikbusiness. Leichthändig nimmt der Film die Mechanismen der zeitgenössischen Musikindustrie aufs Korn, bleibt im Grunde aber stets bei der Frage, wohin geklauter Ruhm und unverdiente Ehren den Helden am Ende eigentlich führen sollen.

Die wunderbare Musik der Beatles

Die Musik der vier Musiker aus Liverpool trägt den gesamten Film, denn es ist eine enorme Lebensfreude in ihrer Musik, egal welchen Song man nimmt und die verzaubert damit die Zuschauer während des gesamten Films. Wie wichtig diese gemeinsame Lebensfreude trotz aller Streitigkeiten für die Beatles war, kann man in vielen Interviews nachlesen. Trotzdem steckt in den Songs stets auch eine gewisse, sehr britische Melancholie. Danny Boyle gelingt es, die Balance zwischen traurig und heiter den ganzen Film über zu halten. Und man fiebert mit dem aufstreben Star mit, wenn er vom Erfolg überrascht wird und dabei die in den Songs der Beatles so oft thematisierte Liebe aus den Augen verliert. Wieder sind es Looser und ein alter weiser Mann, die ihm die entscheidenden Hinweise zur Umkehr geben und das auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, als er das Wimmeltonstadion rockt und die Dollar förmlich greifbar werden (vor allem auch für seine diabolische Managerin).

Da wird auch ein Bild von vier kreischenden Mädchen eingeblendet, die den Beatles zujubeln. Und die Botschaft ist klar: Es waren diese kreischenden Mädchen, die den Lauf der Geschichte verändert haben. Sie wurden in den Medien als hysterisch und verrückt verunglimpft. Aber sie waren es, die dafür gesorgt haben, dass die Menschen mit dieser Musik konfrontiert wurden, die die Gesellschaft für immer verändert hat: Die jungen Menschen ließen sich nicht mehr vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Sie haben sich geweigert, zur Armee zu gehen. Sie wollten nicht mehr die Jobs machen, die ihre Eltern für sie ausgesucht haben. Sie strebten nach Glück, Liebe und Selbstverwirklichung. Und genau das tut dann auch der Protagonist des Filmes.

Was wünschen wir uns heute nach einem Stromausfall?

Der Regisseur Danny Boyle wurde gefragt, was er gern nach einem globalen Stromausfall aus dem Gedächtnis der Menschheit für immer löschen würde und er antworte darauf:

„Im Moment kann es auf diese Frage für mich nur eine Antwort geben. Wenn es etwas gibt, das die Mehrheit der Briten gern innerhalb von dreißig Sekunden ins Reich des Vergessens schicken würde, dann ist es der Brexit samt Nigel Farage und all den anderen Clowns, die für dieses politische Desaster verantwortlich sind.“

Vielleicht hilft es wirklich manchmal, wie Jack Malik in einer unerwartet drängenden Version, den Song »Help« zu spielen, der angesichts all dieser Probleme folgerichtig eine ganz neue Bedeutung erhält.

Isabelle Huppert: Eine Frau zieht sich um

29.08.2016 at 21:34
Isabelle Huppert

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Der französische Film Alles was kommt startete Mitte August in den deutschen Kinos. Er erzählt vom Leben der Pariser Philosophielehrerin Nathalie, gespielt von Isabelle Huppert. Nach dem plötzlichen Ende ihrer Ehe erfährt sie ein Gefühl der Freiheit und muss ihr Leben neu sortieren. Der Film erhielt bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin den Silbernen Bären für die beste Regie.

Es sprechen einige Argumente für den Besuch dieses Films, viele dagegen.

Pro:

• Wir sehen Isabelle Huppert, die auch mit 63 Jahren noch bezaubernd aussieht (was der Kommentator – in ähnlichem Alter – nicht von sich sagen kann).
• Freunde der guten Kleidung sehen Isabelle Huppert in jeder Szene(!) in einem anderen Kleid/Outfit
• Auch nach 70 Filmen spielt sie alle Mitspieler an die Wand mit ihren spröden Gesten und ihrer Präsenz.

Kontra:

• Es ist ein Film, der von Philosophie handelt aber sie nicht wirklich ins Leben bringt.
• Die politische Realität in Frankreich (unter Präsident Nicolas Sarkozy) wird nicht wirklich einbezogen, bleibt Staffage.
• Wie ein großer Teil der Filme des französischen Films wird geredet, geredet, geredet.
• Eine Grundregel des Schreibens wird damit verletzt: Show, don’t tell
• Der Film hat nicht wirkliche einen Helden (selbst Isabelle nicht)
• Die zu verhandelnden Themen (Trennung nach langer Ehe, Pflege der alten Mutter, Rolle als Oma) werden nur angerissen, nichts wird vertieft.
• Es werden Klischees herangezogen.
• Es wird keine eine spannende Geschichte erzählt: der Film plätschert 100 Minuten dahin ohne jeglichen Höhepunkt.
• Die Bildsprache ist Fernseh-Einheits-Ware.

Es geht auch anders

Wie erfrischend anders dagegen der neue Film von Maren Ade: Toni Erdmann. So, wie er die Globalisierung erklärt und ad absurdum führt, hat M. es schon lange nicht mehr gesehen. Da sollte sich mal Albrecht Müller von den Nachdenkseiten ein Beispiel nehmen. Fazit: Zum Konsum dieses Filmes wird dringend geraten.

Genius – Streichen! Streichen! Streichen!

17.08.2016 at 7:30
Lektor Max Perkins (Colin Firth) ringt mit dem unbekannten Schriftsteller Thomas Wolfe (Jude Law) um jedes Wort. © Wild Bunch Germany

Lektor Max Perkins (Colin Firth) ringt mit dem unbekannten Schriftsteller Thomas Wolfe (Jude Law) um jedes Wort.
© Wild Bunch Germany

 

Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft, so heißt der Film, der uns in den Maschinenraum eines großen Verlages blicken lässt. Er bringt das Ringen um Worte auf die Leinwand, stellt es als Kampf zweier Männer dar, die unterschiedlicher nicht sein können: Der Lektor Max Perkins und der in der ersten Begegnung noch völlig unbekannte amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe. Dieser Lektor war gewissermaßen der Geburtshelfer einiger der wichtigsten Werke der amerikanischen Literatur. Alles das spielt Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts in einem New Yorker Verlag.

Die zentrale Botschaft des Films wird von ihm selber nicht eingelöst

Die zentrale Botschaft des Films, ein ausuferndes Romanmanuskript durch Streichungen zu einem Meisterwerk zu machen, haben der britische Regisseur Michael Grandage und sein Drehbuchautor John Logan leider in dem Film nicht selber beherzigt. Sonst wäre nicht ein Film entstanden, der sich über weite Strecken in die Länge zieht und man sich ein ums andere Mal fragt, warum muss er das denn nun auch noch zeigen? Hättes es nicht bei einer zarten Andeutung bleiben können? Die kurzen Szenen mit Ernest Hemmingway, der auch mit dem Lektor Max Perkins gearbeitet hatte, ebenso wie die Szenen mit dem gebrochenen Francis Scott Fitzgerald hätten der Philosophie des Max Perkins zum Opfer fallen müssen: Streichen, streichen, streichen.

Genius ist redundant und geschwätzig

So sieht man ein ums andere Mal, wie Max Perkins mit seinem Bleistift Stellen aus dem Manuskript herausstreicht. Er macht es langsam und überlegt. Der Schriftsteller Thomas Wolfe streicht, nachdem er das Prinzip einmal von seinem väterlichen Freund zu schätzen gelernt hat, hemmungslos in seinem fünftausendseitigen Manuskript. Er nimmt gleich einen Rotstift zur Hand. Das ist ein Beispiel, wie der Film nicht nur Dinge erzählt, andeutet sondern auch noch dramatisch zeigt und somit redundant und geschwätzig wird: Das Manuskript zu seinem zweiten Buch, nachdem sein erster Roman durch die Eingriffe des Lektors zu einem Verkaufsschlager wurde, bringt er nicht als Stapel maschinengeschriebener Blätter an. Nein in einigen groben Holzkisten lässt er seine handgeschriebenen Manuskriptstapel in das Büro von Max Perkins schleppen, um ihm mit theatralischen Gesten sein neues Werk zu präsentieren. Das wird dann sogleich von fleißigen Sekretärinnen wie am Fließband abgetippt, um vom Lektor bearbeitet werden zu können.

In ähnlicher Art und Weise werden in dem Film von Michael Grandage und John Logan die Frauen durchweg dargestellt: Liebevoll versorgt Perkins‘ Ehefrau Mann und vier Töchter und klagt nur hin und wieder, dass der Lektor zu wenig Zeit für die Familie habe. Nicole Kidman als Thomas Wolfes Geliebte Aline Bernstein spielt eine Frau mit Haaren auf den Zähnen, neurotisch, eitel, eifersüchtig. Schwarze Nutten an der Bar eines Jazzkellers wackeln mit ihren dicken Hintern und werfen laszive Blicke in Richtung des schmalzlockigen Jungautors.

Welche Geschichte soll erzählt werden?

Der Film krankt daran, dass er sich nicht entscheiden kann, welche Geschichte er uns erzählen will. (Die erste, treffende Frage, die der erfahrene Lektor seinem neuen Zögling stellt.) Der Film will Charakterstudie und Milieustudie zugleich sein. Überdeutlich wird jede Emotion ins Bild gesetzt, der sich herausbildende Konflikt zwischen dem souveränen Perkins und dem labilen Wolfe ohne filmische Idee in Szene gesetzt. Es herrschen die steril ausgeleuchteten sepiabraunen Farben des amerikanischen Kostümkinos vor: Straßen, Autos, Kleider und Möbel werden nicht als zeitgenössische Selbstverständlichkeit inszeniert, sondern sind mit dem dicken Pinsel gemalt und wirken wie aus einem Museum in die Kulisse gestellt. Der Lektor immer penibel angezogen, stets mit Hut (selbst noch im Schlafanzug), der Autor lässig mit schief sitzender Krawatten mit stets dreckigen Fingernägeln. Dabei bleibt der historische Kontext verschwommen: Das Politische oder das Soziale spielen bei diesem im Börsencrashjahr beginnenden Film so gut wie keine Rolle. Eine Schlange Arbeitsloser an der dampfenden (!) Suppenküche wird von der Kamera nur im Hintergrund gezeigt vor denen das allgegenwärtige Schriftstellergenie Thomas Wolfe einherschreitet. Der gesamte Film wurde pikanter Weise in Großbritannien gedreht. (Amerikanisch/britische Produktion.)

Der britische Theaterregisseur Michael Grandage war bei seinem Filmdebüt nicht gut beraten, das das Buch Max Perkins: Editor of Genius von A. Scott Berg durch den amerikanischen Drehbuchautor John Logan bearbeiten zu lassen. John Logan ist auf Historienschinken und opulente Filme abonniert, in denen man es so richtig krachen lassen kann: „Gladiator“,“ Sinbad – Der Herr der sieben Meere“, „Last Samurai“ „Aviator“, „Hugo Cabret“ und zwei James Bond Filme. Dieser Autor hat sich die Maxime des Lektors Max Perkins nicht zu Herzen genommen: Streichen, streichen, streichen.

Die beiden im Film behandelten Romane von Thomas Wolfe heißen:

  • Schau heimwärts, Engel. Eine Geschichte vom begrabenen Leben (Look Homeward, Angel. A Story of the Buried Life 1929). Als Taschenbuch bei Rowohlt hat es 720 Seiten
  • Von Zeit und Fluss. Legende vom Hunger des Menschen in seiner Jugend (Of time and the river) in Neuübersetzung von 2014 im Manesse Verlag, ca. 1.100 Seiten Manesse Verlag, ca. 1.100 Seiten.

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Link zum Trailer