Stuttgart liest ein Buch – Der Abschluss

29.09.2019 at 14:40
Die Abschlussdiskussion mit D. Reimann, A. Braun, W. Tischer, B. Hiller, U. Nill (v.l.n.r.)

Die Abschlussdiskussion mit D. Reimann, A. Braun, W. Tischer, B. Hiller, U. Nill (v.l.n.r.)

 

Zwei Wochen Stuttgart liest, zwei Wochen hochkarätige Veranstaltungen rund um das Buch Unter der Drachenwand von Arno Geiger. Wie haben die Leserinnen und Leser, der Buchhandel diese Reihe aufgenommen? Das wollten die Organisatoren vom Schriftstellerhaus am 27.09.19 in der VHS zum Abschluss der Veranstaltungsreihe ausloten.
Wolfgang Tischer, zweiter Vorsitzender des Vereins Schriftstellerhaus, führt durch den Abend, der durch lateinamerikanische Musik des Duos Botond Rab (Queflöte), Ulrich Wedlich (Gitarre) wird. Eingeladen sind die Leserin Frau Reimann, der Leser Herr Nill, die Buchhändlerin Beate Hiller von der Buchhandlung „Buch im Süden“ und die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses Astrid Braun. Sie hat als Projektleiterin maßgeblich die Veranstaltungsreihe mitgestaltet.

Die zufällig ausgewählte Leserin und der Leser ebenso wie Buchhändlerin Beate Hiller zeigen sich begeistert von der Wahl des Buches. Es sei ein Glücksfall für die Reihe, einen so renommierten Autor mit seinem neuen Buch ausgewählt zu haben. Die Sonderausgabe von „Unter der Drachenwand“ ginge in ihrem Buchladen „weg wie geschnitten Brot“. Auch die vorherigen Romane von Arno Geiger hätten sich gut verkauft.

Zwei unterschiedliche Leser

Buchhändlerin Beate Hiller von der Buchhandlung "Buch im Süden", der Leser Ulrich Nill

Die Leserinnen Dagmar Reimann, die Buchhändlerin Beate Hiller von der Buchhandlung „Buch im Süden“, der Leser Ulrich Nill

 

Dagmar Reimann hatte den Impuls, das Buch zu lesen, durch das abwechslungsreiche Programm bekommen. Die von ihr besuchten Veranstaltungen bezeichnet sie als gelungen. Beeindruckt zeigt sie sich von dem Autor auf der Veranstaltung im Hotel Silber zur Erinnerungskultur, in die sie trotz großen Andrangs noch gekommen ist. Außergewöhnlich fand sie die Wahl des Bunkers als Leseort. Noch nie war sie zuvor in einem Bunker und hat dadurch ganz neue Einblicke erhalten.

Ulrich Nill outet sich als „stiller Leser“. Er hätte nur die Eröffnungsveranstaltung besucht, ansonsten hat er sich in den Roman vertieft. Bei Erscheinen 2018 hatte er den Roman gelesen und nun, mit ganz anderen Augen, ein zweites Mal. Er hält den Roman für ein literarisch anspruchsvolles Buch, wiewohl er nicht nachvollziehen kann, dass Arno Geiger seinen Roman in einem Rutsch habe schreiben können. Einen sanft eingreifenden Lektor hätte er sich an der ein oder anderen Stelle gewünscht. So erschloss sich ihm z. Beispiel überhaupt nicht die Mordszene, in der Veit Kolbe seinen Onkel erschießt und dann zur Tagesordnung über geht. Durch die Reihe „Stuttgart liest ein Buch“ kämen die Menschen ins Gespräch, über das gleiche Buch zu sprechen. Er vergleicht es ein wenig mit der Zeit, als es nur ein Fernsehprogramm gab und die Leute morgens auf der Arbeit über das Programm vom Abend zuvor miteinander gesprochen hätten.

Stuttgarter Autor, Buch mit Bezug zu Stuttgart?

Hin und wieder wird ans Schriftstellerhaus der Wunsch herangetragen, man möge einen Stuttgarter Autor auswählen oder einen Roman, der mit der Stadt in Verbindung gebracht wird. Dieses Ansinnen wird von den eingeladenen Gästen nicht unterstützt. Gerade in den Regionalkrimis würde ja versucht, die Nähe zum Publikum über die Lokalität herzustellen. Das mache keinen Sinn. Eher schon sei die Frage zu stellen, mit welchem Roman sei eine anspruchsvolle Veranstaltungsreihe auf die Beine zu stellen. Astrid Braun führt aus, wenn sie für ein Werk brenne, könne sie auch eine abwechslungsreiche Reihe auf die Beine stellen.

And the winner is …

Der Höhepunkt des Abends ist sicher die mit Spannung erwartete Ziehung der Gewinner des Preisausschreibens. Der Vorsitzende des Schriftstellerhauses, Moritz Heger, konnte seine Kollegin vom Heidehofgymnasium, Sofija Spajic, gewinnen, die Glücksfee zu spielen.

Die Kollegen vom Heidehofgymnasium Sofija Spajic und Moritz Heger (1. Vorsitzender des Schriftstellerhauses)

Die Kollegen vom Heidehofgymnasium Sofija Spajic und Moritz Heger (1. Vorsitzender des Schriftstellerhauses)

 

Frau Spajic hat mit vier Klassen den Roman im Unterricht behandelt, mit Achtklässlern und mit Zehnklässlern. Bei den jüngeren Schülern hat sie den Schwerpunkt auf das Schülerpaar Kurt und Nanni gelegt. Von den fünfzehnjährigen Schülern berichtet sie, dass sie sich teilweise von den Behandlungsbeschreibungen des schwer verletzten Soldaten Veit Kolbe geekelt hätten. Das trotz Medienkonsums der Schüler, wo es bei Filmen ja häufig auch heftig zur Sache ginge. Aber das zeichnet ja gerade gute Literatur aus, dass sie unter die Haut geht. Und die Schüler hätten in den Workshops mit Arno Geiger genossen, dass sie einen lebenden Autor haben kennen lernen dürfen, nicht nur lange verstorbene wie Goethe oder Schiller, die sonst auf dem Lehrplan stehen.

Die verschließbare Plexiglasbox, in der die abgegebenen Preisausschreibungskarten aufbewahrt werden, wird von Frau Braun geöffnet und Frau Spajic rührt lange in den Karten herum, bis sie die drei Gewinner zieht.

    • Frau Angelika B. gewinnt den 3. Preis: ein Buchpaket vom dtv-Verlag in Höhe von 150 €
    • Frau Sonja I. gewinnt den 2. Preis: ein Buchpaket vom Hanser Verlag in Höhe von 200 €
    • Den Hauptgewinn erhält Frau Felicitas N.: eine Reise zum Mondsee mit zwei Übernachtungen für zwei Personen inklusive zwei Konzertkarten für die dortigen Musiktage und eine Schiffsrundfahrt

Herzlichen Glückwunsch an die glücklichen Gewinnerinnen.

Es geht weiter …

Die Veranstaltung hat noch einmal eindrücklich gezeigt, wie wertvoll die Aktion des Schriftstellerhauses gewesen ist, die nun schon zum vierten Mal durchgeführt wurde. Und das Schriftstellerhaus wird diese Reihe in zwei Jahren wieder auflegen und damit der Stadtgesellschaft ein wunderbares literarisches Geschenk machen.

Eine Theologin diskutiert mit ihren zwei Kollegen den Roman von Arno Geiger

26.09.2019 at 22:34
"Unter der Drachenwand": Monika Renninger, Matthias Vosseler, Eberhard Schwarz

Theologen in lebhafter Diskussion über „Unter der Drachenwand“: Monika Renninger, Matthias Vosseler, Eberhard Schwarz (v.r.n.l.)

 

Gleich zu Anfang der gut besuchten Veranstaltung am 25.09.19 in der Kirche des Hospitalhofs wurden die beiden Begriffe „Mondsee“ und „Drachenwand“ in den Blick gerückt. Der weit entfernte Mondsee und die bedrohliche Drachenwand.

Eberhard Schwarz

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Unterschiedliche Romanfiguren werden betrachtet

Die drei Theologen stellen den Zuhörern im voll besetzten Kirchenschiff die unterschiedlichen Romanfiguren vor. Pfarrer Eberhard Schwarz stellt den Soldaten Veit Kolbe vor. Zu Beginn des Romans empfindet er ihn als einen tumben Tor, der allerdings im Laufe des Romans eine erstaunliche Passage durchmacht. Wie in der biblischen Geschichte von Adam und Eva muss er sich mit der Frage auseinandersetzten, was ist gut, was ist böse? Schnell kommt es im Laufe der Handlung zum Bruch mit seinem Vater. Veit, schwer verwundet aus dem Krieg zurück, kann den Hurrapatriotismus seines Vaters nicht ertragen, der als Nazi unverbrüchlich zum Führer steht.

Monika Renninger

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Frau Monika Renninger zeichnet das Bild der Antagonistin zu Veit als eine Person, die in ihrer Körperlichkeit, ganz im Gegensatz zu Veit, unversehrt ist. Sie hat eine Leichtigkeit, die ihr die Kraft gibt. Hinzu kommt, dass sie als junge Mutter, getrennt von ihrem im Krieg sich befindenden Mann, in Verantwortung gegenüber ihrem Baby Lilio steht. Ihr Kampf gilt dem Überleben ihres Kindes, nicht dem Niederringen eines äußeren Feindes. Sie wird als eine gezeichnet, der der Schutz des Lebendigen wichtig ist. Führsorgliche Beziehungen sind zu schützen, Zärtlichkeit und Liebe stehen im Mittelpunkt. Das kann sie nicht mit ihrem angetrauten Mann leben.

Der Brasilianer eine Person im Geiste Luthers?

Matthias Vosseler

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Für Pfarrer Matthias Vosseler ist der Brasilianer einer, die die Luft der Freiheit atmet. Er hält mit seiner Meinung über den F. nicht hinter dem Berg und hält den Krieg für falsch. Matthias Vosseler kann an ihm sogar lutherische Züge erkennen: der Brasilianer geht seinen Weg und folgt nur seinem Gewissen. Selbst das Zuchthaus, in das er zwangsläufig wegen seiner Opposition zum Nazi-Regime kommt, kann ihn nicht brechen. Einstehen für die eigene Meinung atmet den Geist der Bibel, so Vosseler.

Der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer ist mit seinem jüngeren Sohn Georgelie und seiner Frau Wally aus Wien nach Budapest geflohen. Sein älterer Sohn Bernhard hat das sichere England erreicht. Pfarrer Eberhard Schwarz erläutert, dass das vorherrschende Bild im Nationalsozialismus vom raffgierigen Juden in den Reflektionen von Oskar Meyer ins Gegenteil verkehrt wird: Es sind die Deutschen, die Arier, die in ihrer Gier Bodenschätze und Land durch Krieg raffen und alle Güter zu Geld machen, die ihnen in die Hände fallen.

Oskar Meyer eine Hiobs-Figur?

Natürlich muss in solch einer theologisch grundierten Diskussion die Frage aufkommen, wie Gott das alles zulassen kann. Das Koordinatensystem des Oskar Meyer ist brüchig geworden, es geht für ihn nur noch um das nackte Überleben. Übereinstimmende Meinung der drei ist, dass es sich bei Oskar Meyer nicht um eine Hiobsfigur handelt, dessen Glauben durch Gott auf die Probe gestellt wird. Er hält sich, nach Verlust seiner Frau und seines Sohnes an einem Fetisch fest. Das rote Halstuch seiner Frau Wally ist ihm das Liebste geworden. Solange er das bei sich hat, fühlt er sich – wenn auch nur ein wenig – geschützt.

Bei Veit ist es die Liebe, die ihn schützt, beim Brasilianer ist es die Freiheit des Geistes, an der er sich aufrichten kann. So hat jede Figur seine Rückzugsräume in den grausigen Zeiten. Schön, dass Monika Renninger einige kurze Psalmentexte rezitiert, die eine wahre Kraftquelle für gläubige Menschen darstellen.

Der Roman löst in seinem Erzählen die Spannungspunkte nicht auf, in denen die Figuren stehen. Der Leser bleibt zurück, Trost kann ihm ein wenig das Nachwort geben, in dem die weiteren „Schicksale“ der Figuren angedeutet werden und das der Erzählung einen Anstrich von Authentizität gibt. Zum Schluss zieht Pfarrer Schwarz ein einfaches Fazit: Krieg ist Scheiße!

Traumatisierte Kameraden? Die Kriegsverarbeitung in der „Generation 1939“

26.09.2019 at 22:04
Carsten Kretschmann

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Der Vortrag von Dr. Carsten Kretschmann am 23. Sept. 2019 im Hospitalhof zeigt, wie groß die Bandbreite der Veranstaltungen in der Reihe Stuttgart liest ein Buch ist. Das Schriftstellerhaus verharrte bei der Konzeption der Reihe nicht bei den literarischen Aspekten des Buches, wiewohl sie im Mittelpunkt stehen.

Ein Kenner der Kriegsgeschichte

Dr. Carsten Kretschmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für Neuere Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart. Welche Fragen kann ein Historiker zu den im Buch aufgeworfenen Fragen beantworten, welche neuen Einsichten kann er den Zuhörern vermitteln?

Der Titel des Vortrages: Traumatisierte Kameraden? Möglichkeiten und Grenzen der Kriegsverarbeitung in der „Generation 1939“ verweist auf die tiefen Traumata, der im Zweiten Weltkrieg auf allen Fronten eingesetzten Soldaten. Wann aber spricht von einer Generation, im Gegensatz zu einem „Jahrgang“? Die Soldaten im Zweiten Weltkrieg waren überwiegend junge Männer im Alter von 18 – 25 Jahren also aus den Jahrgängen 1914-1921. Von einer Generation spricht man, wenn eine etwa gleichaltrige Gruppe gemeinsame Erfahrungen und Lebensumstände teilen. Die Erlebnisse sind die zentralen Elemente zur Bildung einer „Generation“. Für die Generation 1939 waren es die Kriegserlebnisse: sechs Jahre Tod und Vernichtung, die sie nachhaltig prägten. Das geschieht nicht nur auf der mentalen Ebene. Körperlichen Erfahrungen, Wunden, Narben, werden in dieser Generation geteilt. Und: die Gruppe kann sich nicht über ihre Erlebnisse mit Außenstehenden verbinden. Wie kann man einem Außenstehenden vermitteln, dass man z. B. das Sterben von vielen Hundertausende von Rotarmisten miterlebt hat? Wie damit umgehen, dass zwischen 1941 und 1942 zwei Millionen Rotarmisten in Gefangenenlagern starben? Durch eine Rhetorik der „Viktorisierung“.

Vom Held zum Opfer

Stand während der erfolgreichen Kriegshandlungen der Held im Fokus, wurde nach dem Zusammenbruch schnell eine Opferrolle konstruiert. Die Menschen flüchteten sich in eine falsche Realität. Nach der Gewalteskalation verfielen viele in Schockstarre.
Das alles referiert Dr. Carsten Kretschmann in enger Anlehnung an den Roman „Unter der Drachenwand“ aus dem er immer wieder Zitate herausgreift und projiziert. Er weist anhand der Textstellen nach, wie genau Arno Geiger die Körperlichkeit und die Verletzungen beschreibt, die sich der Generation 1939 eingegraben haben. Der Name des Soldaten „Veit“ ist die deutsch Version von Vitus, was so viel wie der Lebendige bedeutet. Und doch wurden Veit im Krieg die Sinneswahrnehmungen beschädigt. Arno Geiger personalisiert den Krieg sogar, wenn er schreibt: „So hatte der Krieg mich auch diesmal zur Seite geschleudert“. [S. 7]

Krieg wird im Roman personifiziert beschrieben

Und auch der Körper wird aktiv mit Naturmetaphern beschrieben: „Unter meinem Schlüsselbein lief das Blut in leuchtenden Bächen heraus, …“ [S. 7]
Aus dem Krieg kamen seelisch und körperlich verletzte Menschen. Heute beschreibt die Medizin und Psychologie das als posttraumatische Belastungen. Dieser Begriff tauchte erstmals im Vietnamkrieg auf. Ab 1980 ist der Begriff in der US Armee als Krankheitsbild anerkannt.
Ganz anders nach dem zweiten Weltkrieg. Dr. Carsten Kretschmann hat hunderte von Akten aus den Krankenanstalten studiert (z. B. die aus Bethel). Minutiös werden von den Ärzten und Psychologen die Symptome der eingelieferten Soldaten beschrieben: Zittern, unkontrollierte Gefühlsausbrüche und v. a. m. Doch nicht um diesen Mensch Heilung zuteilwerden zu lassen. Die Ärzte waren angehalten herauszufinden, ob die psychisch Versehrten Rentenansprüche geltend machen könnten, ob es sich um eine kriegsbedingte Traumatisierung handelt oder vererbt ist (nicht rentenanspruchsberechtigt). Nur einem Bruchteil wurden diese gewährt! Die Angst war das im Krieg präsente Gefühl. Befragungen großer Soldatengruppen belegen das.

Drogen und Desillusionierungen

Pervitin

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Nach dem Krieg und nach dem Scheitern der NS-Versprechen setzte die große Desillusionierung ein, die eine innere Leere bei vielen Kriegsteilnehmern hinterließ. Im Krieg konnten sich die Soldaten noch mit der von der Wehrmacht vielfach eingesetzten Droge Pervitin gegen die Schrecken und die Belastungen betäuben. Die Wehrmacht, so ist bekannt, gab insgesamt 35 Millionen Dosen Pervitin aus, entfernt vergleichbar mit dem heutigen Crystal Meth. Diese Droge half auch, das unfassbar Erlebte zu betäuben. Auch Veit Kolbe ist von dieser Droge abhängig. Wer auf „Kraftquellen“ zurückgreifen konnte hatte Chancen, einigermaßen aus diesen Situation heraus zu kommen. Solche Kraftquellen konnten die Familie, der Glaube oder aber, wie bei Veit Kolbe, die Liebe sein.

Der deutsch Humorist Weiß Ferdl sagte einmal: Wir können den Krieg nicht verlieren, wir werden ihn immer behalten.

Literaturbegeisterte Rohracker wandern durch den Roman von Arno Geiger

23.09.2019 at 23:01
Die Bauernleute vor den Welschkorn, das zum Trocknen an ihrer Scheune hängt

Ein Bauernehepaar vor dem Welschkorn (Mais), das zum Trocknen an ihrer Scheune hängt
Foto: privat

 

Eine Drachenwand hat Rohracker nicht zu bieten, aber Literaturbegeisterte, die sich am 22. Sept. 2019 im Bürgerhaus Alte Schule des Ortes versammelten, um mental unter die Drachenwand zu wandern. Der Raum war bis zum letzten Platz besetzt, die letzten Gäste mussten auf Stühlen vor dem Raum Platz nehmen.

„Wanderführerin“ Doris Bergermann hat sich gut auf die Präsentation des Buches vorbereitet. Den Autor stellt sie durch ein kurzes, auf eine große Leinwand projiziertes Interview vor. Per Video entdecken die Zuhörerinnen und Zuhörer auch den Schauplatz des Romans, den Mondsee.

Über alle Details des Buches berichtet Doris Bergermann an diesem Abend und liest viele markante Stellen aus dem Buch. Ein besonderes Augenmerk richtet sie dabei auf die Figur des widerständigen Robert Raimund Perttes, genannt der Brasilianer. Dadurch erhalten Besucher, die das Buch nicht kennen, einen guten Einblick in den Roman.

Was aber hat der seltsame Titel „Herbstliche Ernte in Welschkornhausen. Lesung und geselliges Beisammensein“ mit dem Buch und der Veranstaltungsreihe Stuttgart liest ein Buch zu tun? Geselliges Beisammensein ist schnell erklärt: Zur Lesung gibt es warmen Zwiebelkuchen und neuen Süßen, Wein aus der Umgebung.

Und zum ersten Teil des Titels:
Rohracker, „Die Perle Süddeutschlands“, wurde im Volksmund auch „Welschkornhausen“ genannt. Welschkorn steht für Mais, der eine besondere Rohracker Spezialität gewesen ist und gelegentlich in manchem Wengert (schwäbisch für Weinberg) anstelle von Weinstöcken angebaut wurde. Die auf die Leinwand projizierten beiden alten Leute werden von einer Zuhörerin als ihre Großeltern erkannt! Aber nicht nur Wein und Mais wurden angebaut. Es wurde auch immer viel politisiert, so dass Doris Bergermann vor Jahren, als sie hierherzog, oft zu hören bekommen hat, „Ach ins rote Rohracker ziehst du!“

Frau Bergermann vergleicht die beiden Orte Mondsee und Rohracker miteinander. Im Mondsee wirkte der Brasilianer als widerständiges Element gegen die faschistische Diktatur. In Rohracker war es nicht nur eine Person, wie im Roman: Es gab starken Widerstand gegen die Nazis in dem von Bauern und Arbeitern geprägten Rohracker. Es gab rote Zellen und nachbarschaftliche Hilfe. Frau Bergermann hat darüber als Historikerin gearbeitet. Viele der Antifaschisten landeten im KZ Mauthausen in Österreich.

Zwangsarbeiter und Gefangene in Rohracker Foto: privat

In Spanien wurde der Rohracker Otto Klein beim Kampf gegen die Frankotruppen gefangengenommen und den Nazis ausgeliefert. Klein (mit Glatze) kam ins KZ nach Dachau und musste das Nebenlager Birksau (auf diesem Foto) mitaufbauen
Foto: privat

Bedrückende Lesung im Tiefbunker Feuerbach

23.09.2019 at 12:18
Noch ist es nur ein Spiel

Noch ist es nur ein Spiel

Es ist ein klaustrophobisches Gefühl, das sich meiner bemächtigt, als ich die Stufen des Tiefbunkers hinunter steige. Es ist der 22. September 2019 und draußen scheint die Sonne. Hierher kommen sie nicht, der Bunker ist tief ins Erdreich gegraben, seine Wände sind 1,6m dick. Was mögen die Menschen vor 75 Jahren gefühlt haben, als die Deutschen im letzten Kriegsjahr vor den Bomben diese Räumlichkeiten aufsuchten? 2.000 – 2.500 Personen fanden während der Bombenangriffe der Alliierten in diesen Räumen Schutz, für mehrere Stunden mussten sie hier ausharren, bevor sie wieder ans Licht des Tages gehen konnten und ihnen die Auswirkungen der Bomben zu Gesicht kamen.

Im Eingangsbereich Spielzeug. Spielzeug, das propagandistisch auf den Krieg vorbereitete und den unerschütterlichen Glauben an den „Größten Feldherrn aller Zeiten“ den Kindern im Spiel einimpfen sollte. So mancher vierzehnjährige Bub hat die Realität des Krieges in den letzten Abwehrschlachten erfahren und feststellen müssen, wie groß der Abstand zu den lustigen Figuren der Soldaten und der verherrlichenden Darstellung des Führers ist.

Abstieg in den Bunker

Abstieg in den Bunker

Eindrücklich vermitteln Lilian Wilfart und Wolfgang Tischer durch ihre Lesung das Gefühl der Hilflosigkeit angesichts des Krieges. Lilian Wilfart liest Textpassagen aus den Briefen der Mutter von Margot. Sie schreibt ihrer Tochter, die am Mondsee in Österreich mit ihrem Baby weilt, von den Auswirkungen der Bombardements auf Darmstadt. Gegen Ende der Briefe liegt ganz Darmstadt in Schutt und Asche. Ziviles Leben ist zum Erliegen gekommen.

Es wird in der Lesung aus dem Roman nicht erwähnt, ob sie die Bombennächte in einem Bunker verbracht hat, und wie groß dieser war. Der Bunker in Feuerbach konnte 2.000 (!) Menschen aufnehmen, es gab aber auch Angriffe, bei denen sich 2.500 Menschen im Bunker befanden. Eine, zwei, drei Stunden mussten die Menschen damals hinter den 1,6m dicken Wänden ausharren, bis das Signal der Sirene ertönte und sie wieder ans Tageslicht treten konnten. In Zeiten des Kalten Krieges wurde der Bunker für den Atomkrieg ausgerüstet. Da die Insassen bis zu 14 Tage hätten im Bunker verbringen müssen, wurde die Kapazität auf 1.200 Personen reduziert.

Bunkertüre mit Sirene

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Wolfgang Tischer liest im Wechsel aus den Aufzeichnungen des jüdischen Zahntechnikers Oskar Meyer. Dieser muss das Wiener Quartier, in dem er als Nachbar mit Veit Kolbe gewohnt hatte, verlassen. Er flüchtet mit seiner Frau Walli und seinem Sohn nach Budapest. Doch die Faschisten setzen ihm auch hier nach, das Leben wird härter, schlussendlich wird er in einem Arbeitslager in der Nähe des Mondsees eingesetzt und Veit Kolbe erkennt den völlig veränderten Oskar Meyer am Tuch von Walli: „Als der Mann (O. Meyer) meinen Blick bemerkte, schaute er einige Sekunden zurück mit bohrenden Augen und voller Vorwurf, dabei hielt er den Kopf trotzig hoch, als sei ihm der von dem Halstuch umschlungene Nacken erstarrt.“. Dieses hat Oskar Meyer als einziges Andenken an seine Frau retten können.

Als die Besucher dieser Veranstaltung des Schriftstellerhauses verlassen, hoffen wahrscheinlich alle, dass ihnen und ihren Angehörigen eine solche Erfahrung erspart bleiben wird.

„Unter der Drachenwand“: Viva Brasil im Dorotheeenquartier

21.09.2019 at 19:00
Die Gruppe Ipanema Beach Hotel: Jörn Bahr, Jürgen Braun und Jeschi Paul

Die Gruppe Ipanema Beach Hotel: Jörn Bahr, Jürgen Braun und Jeschi Paul (v.l.n.r.)

 

Lilian Wilfart und Wolfgang Tischer hatten am 29.09.2019 Glück: die letzten Sonnenstrahlen erwärmten die in Liegestühlen sitzenden Zuhörer. So konnten sie einem völlig entspannten Publikum eine „Nebenfigur“ aus Arno Geigers Roman Unter der Drachenwand vorstellen: Den Brasilianer. Ihn hatte es, genau wie die Hauptfigur Veit Kolbe, an den Mondsee unter der Drachenwand verschlagen. Hier züchtet der Brasilianer Orchideen und Tomaten in seinem Gewächshaus. Veit ist zur Rekonvaleszenz von der Ostfront hierher gekommen, er hat ein Zimmer bei der Schwester des Brasilianers bekommen und es entspannt sich eine zarte Liebesbeziehung zu seiner Zimmernachbarin Margot, eine junge Frau, die es aus Darmstadt hierher verschlagen hat, Sicherheit vor dem Krieg suchend, für sich und ihr Baby.

Stuttgart, Brasilien, alles hängt zusammen

In dem Romanauszug wird von der Musik gesprochen, lateinamerikanische Rhythmen. Diese ertönen im Gewächshaus, als Veit den Brasilianer dort besucht. Von der Bühne wehen ebenso brasilianische Klänge ins Publikum. Ab und dann sieht man einen wippenden Fuß. Durch die Lesung und die Musik wird uns Brasilien näher gebracht. Ein Land, das derzeit wieder in den Schlagzeilen ist. Es wird von einem Rechtspopulisten regiert, dessen Regierungsstil sich stark an faschistoiden Systemen orientiert. Und es brennen in Brasilien die Wälder. Das ist wieder ein Baustein im Klimawandel. Fünfhundert Meter weiter hat gerade die Abschlusskundgebung zum großen, weltweiten Klimastreik stattgefunden. Ein Vorständler des Schriftstellerhauses kommt von dort zu Lesung von Lilian Wilfart und Wolfgang Tischer. Stuttgart, Brasilien, alles hängt auch in diesen Tagen zusammen.

Arno Geiger öffnet die Räume der Erinnerung

21.09.2019 at 15:00
Arno Geiger, Moderatorin Barbara Staudinger, Historikerin Katrin Hammerstein und der Generalsekretär des Comité International de Mauthausen (v.l.n.r.)

Arno Geiger, Moderatorin Barbara Staudinger, Historikerin Katrin Hammerstein und der Generalsekretär des Comité International de Mauthausen (v.l.n.r.)

 

Am 18.09.2019 kam Arno Geiger darüber ins Gespräch mit Andreas Baumgartner vom Comité International de Mauthausen, ein in Österreich gelegenen KZ und mit der Historikerin Katrin Hammerstein. Der Ort der Diskussion der Diskussion war vom Schriftstellerhaus gut gewählt: Das Hotel Silber, im Faschismus die Gestapozentrale der Reichsteile Württemberg und Hohenzollern. Jahrelang hatten verschiedene Gruppen der Zivilgesellschaft darum gekämpft, hier ein Erinnungs- und Dokumentationszentrum zu gründen. Im Dezember 2018 wurde es endlich feierlich der Öffentlichkeit übergeben.

Souverän moderierte Barbara Staudinger die Diskussion. Sie hat als Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums in Augsburg Erfahrung im Umgang mit der Erinnungskultur. Arno Geiger ist kein Historiker, das betont er immer wieder in Interviews und Diskussionen, er schreibt fiktiver Literatur. Er schreibt seinen Roman nicht aus der retrospektivischen Perspektive. Seine Figuren in den Tagen des Jahres 1944 können nicht wissen, wie lange der Krieg dauert.

Unter der Drachenwand ein Antikriegsroman?

Durch die Hintertür wird der Text ein Kriegsroman. Doch es ging Arno Geiger nicht um die Beschreibung des Krieges. Er wollte zeigen, wie sich soziale Beziehungen vor dem Hintergrund des Krieges darstellen. Der Krieg zerstört das soziale Leben der Menschen, er dringt in die privatesten Winkel der menschlichen Beziehungen ein, als fein verästeltes System. Und weil der Roman auch ein Text über die Liebe ist, ist er ein Antikriegsroman.

Und daher ist die Frage, ob es sich bei dem Roman um einen typisch österreichischen Text handelt, für Arno Geiger nebensächlich.

Die Opfer waren in Wirklichkeit oft Täter

Lange Zeit sahen sich die Österreicher als Opfer. Die Täter kamen aus Deutschland, so deren Sichtweise. Doch viele Österreicher haben nach Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich die faschistische Diktatur aktiv unterstützt. Nach dem Krieg wurde das aber nicht in dem Maße aufgearbeitet, wie in Deutschland. Wiewohl auch in Westdeutschland die Beschäftigung mit einer Verzögerung von zwanzig Jahren einsetzte. Der Opfermythos der Österreicher bekam mit der Bewerbung und der Wahl von Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten tiefe Risse.

„Irgendwer muss den Job ja machen“

Die Soldaten waren im Krieg sowohl Täter aber auch Opfer. Und als diese Soldaten nach Hause kamen, waren sie häufig tief traumatisiert, verkapselten ihre Erlebnisse und saßen als soziale Zombies in der Mitte ihrer Familien und ließen keine Fragen zu den eigenen Erlebnissen zu. Die Täterschaft wurde häufig mit dem Satz: „Irgendwer muss den Job ja machen“, bagatellisiert.

Die Zeitzeugen sterben aus

Andreas Baumgartner bringt den Aspekt in die Diskussion, dass es fast keine Zeitzeugen mehr gibt. Wenn die Zeitzeugen sterben, stirbt auch die Empathie. Hier setzten gute Texte an, denn die Geschichten können Empathie transportieren, wie Arno Geiger es mit seinem Roman aktuell beweist. Er macht es möglicht das Schicksal seiner Romanfiguren zu verstehen und für sie Empathie zu empfinden. Er vertraut seinen Lesern, dass sie clever genug sind, das Leiden der Romanfiguren zu erkennen und Konsequenzen für die Gegenwart daraus ziehen.

Für Arno Geiger gehören die Figur des jüdischen Nachbarn von Veit Kolbe, Oskar Meyer, unbedingt in den Roman, ja, es ist für ihn eine zentraler Aspekt, dessen Leiden darzustellen, obwohl er – ganz bewusst – nur „leicht an der Geschichte angebunden ist“.

Erinnerungskultur sollte an Menschen anknüpfen nicht an Zugehörigkeit

Die Erinnerungskultur sei dominiert von Linken und Juden. In den Letzten Jahren sind die Roma noch dazu gekommen. Die Politik „besetzte“ die Gedenkfeier zur Befreiung in Mauthausen. Was dabei völlig aus dem Blick gerät, sind die „Asozialen“, die ebenfalls von den Nazis interniert wurden. Die haben allerdings keine Lobby, auch heute noch nicht. Doch das Leiden war und ist universell: Kommunisten, Juden, „Geistesgestörte“. Andersdenkende und „Asoziale“ wurden in KZ weggesperrt. Und die, die zuschauen, machen sich schuldig, weil sie durch ihr Zuschauen Einfluss auf das Geschehen nehmen. Das sei im Theater so und auch im realen Leben.

Arno Geiger schließt für sich aus, auf einer der jährlichen großen Gedenkfeiern in Mauthausen zu sprechen. Nach seinem Selbstverständnis ist das nicht die Rolle des Schriftstellers.