Jaroslav Rudiš und Jaromír 99 – Zwei Tschechen in Stuttgart

05.04.2019 at 15:31
Schriftsteller, Schauspieler, Librettist, Tausendsassa: Jaroslav Rudiš

Schriftsteller, Schauspieler, Librettist, Tausendsassa: Jaroslav Rudiš

 

Die beiden in Stuttgart sehr bekannten Künstler Jaroslav Rudiš und Jaromír 99 waren am 2. April 2019 zu Gast im Literaturhaus Stuttgart.

Bekannt geworden sind die beiden als Schöpfer des legendären Comics Alois und als Gründer der tschechischen Kafka Band. Jaromír 99 stellt an diesem Abend seine neue Graphic Novel Tschechenkrieg vor. Schauplatz ist die Tschechoslowakei der 1950er Jahre. Während des Kalten Krieges führen die überaus gut aussehenden Mašin-Brüder ihren ganz eigenen Kampf gegen das kommunistische Regime: Sie verüben Sabotageakte, Überfälle auf Geldtransporter und Sprengstoffanschläge. Doch als der erwartete Dritte Weltkrieg ausbleibt, fliehen Josef und Ctirad Mašin nach West-Berlin, um sich der US-Army anzuschließen. Darauf folgt die größte Fahndungsaktion der DDR-Volkspolizei, genannt Tschechenkrieg.

Gespräche, Lesung und Musik

Im Gespräch mit dem Moderator Uwe Ebbinghaus von der F.A.Z. erläutert Jaromír 99 die Entstehungsgeschichte des Comics und erzählt, dass er an dem Buch, in dem es überwiegend um Gewalt geht, zwei Jahre gezeichnet gesetzt hat. Das sei ihm als pazifistisch eingestelltem Menschen nicht immer leicht gefallen. Während der Arbeit an dem Comic hat er weiter komponiert. Den Soundtrack, der bei der Arbeit in seinem Kopf entstanden ist, brachte er zu Papier. An diesem Abend präsentiert er mit zwei seiner Kollegen von der Kafka Band einige Stücke dieser Musik.

Jaromir99 stellt seine neue Graphic-Novel vor und umrahmt die Veranstaltung musikalisch

Jaromir99 stellt seine neue Graphic Novel vor und umrahmt die Veranstaltung musikalisch

Pils in der Pause

Nach einer kurzen Pause (mit Budweiser Budvar Pils!) geht es weiter mit der Lesung von Jaroslav Rudiš aus seinem neuen Roman Winterbergs letzte Reise:
„Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, sagte Winterberg und schaute aus dem beschlagenen Fenster des Zuges. So beginnt dieser neue Roman von Jaroslav Rudiš, den er erstmals im Original auf Deutsch geschrieben hat. Ein eigensinniger Greis und sein genervter Pfleger Kraus reisen anhand des letztmalig 1913 erschienenen Baedeker-Reiseführers für Österreich-Ungarn durch Mitteleuropa. Bald darauf war die Habsburgermonarchie Geschichte, doch Wenzel Winterberg verlässt sich noch heute auf das rote Buch. Und die Schlacht bei Königgrätz, ausgefochten 1866 zwischen Preußen und Österreich, ist die Basslinie, die den Roman grundiert.

„Die Schlacht bei Königgrätz ist der Anfang von allen meinen Katastrophen, der Anfang von allen unseren Katastrophen, wenn man im Zeichen der Schlacht bei Königgrätz geboren wurde, ist man für immer verloren. So bin ich verloren, so ist dieses Land verloren und so sind Sie, lieber Herr Kraus, verloren, ob Sie wollen oder nicht, ja, ja, es gibt kein Entkommen, das kann man nicht so einfach überschienen wie die Alpen.“

Winterbergs letzte Reise ist ein großer europäischer Roman. Oder, wie Rudiš bekundet, ein mitteleuropäischer Roman. Er sehnt sich nach einem starken Mitteleuropa, das wird an diesem Abend klar, aber die politischen Verhältnisse im realen Mitteleuropa sind eher euroskeptisch.

„Wir sterben ganz allein und unsere Geschichten sterben mit uns“, lässt Rudiš Winterberg sagen, „denn heute ist hier niemand, der sich für unsere Geschichten interessiert, niemand, der historisch durchschaut und durchschauen möchte, da kann man sich nicht wundern, was gerade passiert.“ In diesem Buch stehen diese Geschichten im Überfluss. Und eventuell helfen sie uns, die europäischen Spaltungstendenzen besser zu verstehen.

Winterbergs letzte Reise
Gebunden mit Schutzumschlag, 544 Seiten
Luchterhand Literaturverlag, Preis 24,00 €

Tschechenkrieg
Jan Novák (Autor), Jaromír Švejdík (Illustrator)
Broschiert, 256 Seiten
Voland & Quist, Preis 26,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Jaroslav Rudiš – Zu Gast im Schriftstellerhaus

26.09.2013 at 20:13

Jaroslav RudišJaroslav Rudiš ist derzeit als Stipendiat im Schrifstellerhaus.  Er ist der „Jubiläumsstipendiat“ des Hauses, das bekanntlich im September sein 30jähriges Jubiläum feierte.  Jaroslav Rudiš hat Anfang September die Wohnung im 3. Stock bezogen und wird bis Ende November in Stuttgart bleiben. Gestern las er in der Kulturgemeinschaft Stuttgart aus seinen Werken. Astrid Braun, Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, sprach mit ihm über seine Werke, bevor er aus dem Roman „Die Stille in Prag“ las. Dieser 2012 in deutscher Übersetzung erschienene Roman beschreibt das Leben seiner Protagonisten in kurzen Episoden, die durch das Straßenbahnnetz verbunden sind. Jaroslav Rudiš las einen Ausschnitt von Petr, der mit seiner Hündin Malmö im Cockpit von Straßenbahnen durch Prag fährt und dabei als romantischer Loser von der großen Liebe träumt.

Jaroslav Rudiš ist nicht nur ein Romanschriftsteller. Er arbeitet als Hörspielautor, schreibt Theaterstücke und Kinodrehbücher. Er lebt und arbeitet zwischen Tschechien und Deutschland.

Zusammen mit Jaromír »Jaromir 99« Švejdík hat er die auf drei Bände ausgelegte Graphic Novel um den Fahrdienstleiter Alois Nebel gestaltet. Er sagt über diese Arbeit: „Als wir um die Jahrtausendwende mit Alois Nebel anfingen, war das Punk.“
Punk, das sind die Wurzeln seines Freundes Jaromír, der in Tschechien ein bekannter Rock-Musiker ist. Den ersten Teil haben die beiden bereits verfilmt und sind damit auf vielen Festivals vertreten. Im Dezember kommt der Film auch in die deutschen Kinos. Die „Zeit“ hat einen umfangreichen Artikel über die Gegend geschrieben, in der die Geschichte spielt.

All das erzählt er in sympathischem Plauderton und man möchte ihm noch manche Stunde zuhören. Es wird Gelegenheit dazu sein!

Am 8. November ist er zusammen mit Jaromier99 im Literaturhaus Stuttgart, um die Ausstellung rund um das Werk von Kafka zu eröffnen: K: KafKa in KomiKs. Beginn 21 Uhr.

Die Tschechin Kateřina Tučková schreibt über ein deutsches Mädchen

25.05.2019 at 7:41
Kateřina Tučková im Gespräch mit Jaroslav Rudiš

Kateřina Tučková im Gespräch mit Jaroslav Rudiš

 

Schon wieder stattete Jaroslav Rudiš Stuttgart einen Besuch ab. Am 21. Mai 2019 moderierte er die Buchvorstellung der tschechischen Autorin Kateřina Tučková. Sie war im Rahmen der Dreiteiligen Reihe Česko des Literaturhauses im Haus der Heimat zu einer Lesung aus ihrem in Deutschland gerade erschienen Roman Greta. Ein deutsches Mädchen eingeladen.

Der Roman einer Vertreibung

Der Roman erzählt die Geschichte von Gerta Schnirch aus Brünn. Nach dem Krieg wird sie als „Halbdeutsche“ aus ihrer Heimatstadt (tschechisch Brno), vertrieben. Brünn ist heute die Partnerstadt Stuttgarts in Tschechien. In diesem Jahr jährt sich diese Partnerschaft zum dreißigsten Mal. Daher verwundert es nicht, dass die Veranstaltung in Kooperation mit dem Land Baden-Württemberg, dem Schauspiel Stuttgart und dem Haus der Heimat ausgetragen wurde.

Kateřina Tučková ist in Tschechien eine Bestsellerautorin

Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Gebieten Böhmen und Mären ist lange Zeit ein tabuisiertes Thema in der Tschechei gewesen. Umso verwunderlicher, dass sich dieses Buch nach seinem Erscheinen in der Tschechei innerhalb kurzer Zeit zu einem Bestseller entwickelt hat. 50.000 Exemplare wurden verkauft und es wurde 2010 mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes, den Magnesia Litera, ausgezeichnet. Ein Werk ab 10.000 Exemplare gilt in der Tschechei bereits als Bestseller, wie Jaroslav Rudiš erläutert. Von ihrem neuesten Roman Das Vermächtnis der Göttinen wurden in Tschechien sogar 150.000 Exemplare verkauft. Kateřina Tučkovás Bücher erschienen auf dem deutschen Büchermarkt in umgekehrter Reihenfolge. Wie es zu diesem Erfolg bei einem Buch mit diesem düsteren Thema kommen konnte, fragt Jaroslav Rudiš Kateřina Tučková. Es scheinen die neuen Perspektiven zu sein, die die Autorin einbringt. Und dass sie sich extrem in ihre Hauptfigur eingefühlt hat und ihr Schicksal einfühlsam erzählt.

Kateřina Tučková fühlt sich in ihre Figuren ein

Anhand des Einzelschicksals der Gerta Schnirch scheint ein Stück tschechisch-deutscher Geschichte auf. Gerta wächst in einer gespaltenen Familie im mährischen Brünn auf: der Vater Deutscher und Anhänger Hitlers, ebenso ihr Bruder, die Mutter aber ist Tschechin. Diese stirbt nach der Errichtung des deutschen Protektorats 1938. Solche gemischten Ehen waren an der Tagesordnung. Die Familie zerfällt in ihren tschechischen und deutschen Teil – ebenso wie die Gesellschaft – und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Gerta Schnirch wird zum Staatsfeind erklärt und 1945 im sogenannten Brünner Todesmarsch vertrieben. Sie erleidet ein Schicksal wie 27.000 andere Deutsche, die aus Brünn vertrieben wurden. Die Rache der Tschechen an den Deutschen war hart: Allein auf dem Todesmarsch von Brünn über die österreichische Grenze sterben 5.000 Menschen, teils auf drastische Weise. Jahre später kehrt sie mit ihrer Tochter zurück und lebt, stigmatisiert als Deutsche, am Rande der kommunistischen Gesellschaft.

Sprachbarrieren gibt es mit Jaroslav Rudiš nicht

Jaroslav Rudiš hat seinen letzten Roman (Winterbergs letzte Reise) erstmalig auf Deutsch geschrieben. Er spricht beide Sprachen perfekt und übersetzt die Antworten von Kateřina Tučková. Allerdings gibt er zu, dass er den speziellen Brünner Dialekt nicht beherrscht, der viele jüdische Worte enthält. Brünn war bis zum zweiten Weltkrieg geprägt von der jüdischen, deutschen und tschechischen Kultur. Diesen Dialekt beherrscht Kateřina Tučková, sie wohnt in Brünn in der sogenannten Bronx, sehr zentral in einem eher „schwachen Viertel“, vergleichbar vielleicht mit dem Athener Viertel Exarchia.

Isabel Schmier, Studierende des Studiengangs Sprechkunst an der HMDK Stuttgart, liest an diesem Abend eindrücklich einige Passagen aus der deutschen Übersetzung des Romans.

Greta. Das deutsche Mädchen
Übersetzung von Iris Milde
Broschiert, 548 Seiten
KLAK Verlag, Preis 19,90 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Wie wir sie sahen

21.01.2017 at 19:31
Günter Guben von mir gesehen

Günter Guben von mir gesehen

 

Herzlich lade ich zur Vernissage der Fotoausstellung „Wie wir sie sahen“ im Schriftstellerhaus ein.

Donnerstag, 16. Februar 2017 von 19:30 – 21:00 Uhr
Adresse des Stuttgarter Schriftstellerhauses: Kanalstraße 4, Stuttgart

Die Ausstellung ist eine Hommage an lebende und tote Kolleginnen und Kollegen, die mit unserem Haus eng verbunden waren und sind. Die Foto-Dokumente stammen von Günter Guben und mir.

Wir spannen den Bogen von Werner Dürrson bis Karlhans Frank, von Katja Hajek bis Peter O. Chotjewitz von Jaroslav Rudiš über Walle Sayer bis Judith Schalansky. Wir zeigen die Portraits von Schriftstellerinnen und Schriftstellern und Szenen um das Leben im Haus. Die Ausstellung ist vom 17. Februar bis zum 13. April 2017 zu sehen.

Video: © Hans M. Thill

„Das Schloss“ im Staatstheater Stuttgart

25.11.2016 at 13:54
Bühnenbild "Das Schloss" von David Hohmann (Foto: © David Hohmann)

Bühnenbild „Das Schloss“ von David Hohmann (Foto: © David Hohmann)

 

K., der nie die Regeln der fremden Welt verstehen und nie das begehrte Schloss erreichen wird, wurde zu Hauptfigur von Kafas Werk „Das Schloss“. Die Geschichte von K. beendet Kafka nicht mehr, vielmehr bricht sie mitten im Satz ab und bleibt ein Fragment mit offenem Ausgang. Was geschieht, wenn auf Basis eines Literaturklassikers kreative Köpfe sich des Stoffes annehmen? Es begann 2013 im Literaturhaus Stuttgart mit einer Comic-Ausstellung. (Siehe Bericht dazu hier im Elsternest). Eine siebenköpfige Band formierte sich um den Musiker und Comiczeichner Jaromír 99 und gab sich den Namen „Kafka Band“.

In einer sprachen- und grenzüberschreitenden musikalischen Inszenierung brachten Mitglieder des Bremer Theaterensembles zusammen mit der Prager Kafka Band und Jaroslav Rudiš, dem tschechischen Schriftsteller, Kafkas Welt auf die Bühne. Nach vielen gefeierten Aufführungen kam das Stück auf Einladung des Literaturhauses am 19. November 2016 zurück nach Stuttgart. Die Aufführung war Teil des Festes zum 15. Geburtstag des Literaturhauses Stuttgart.

Ein perfektes Bühnenbild

Eine riesige Kurparkkonzertmuschel wölbte sich über die Bühne. Die Songtexte liefert der Roman, Kafkas deutsche Sprache mischt sich mit tschechischen Refrains. Die Musik: düster und rau, zugleich zart und zerbrechlich. Sie legt die existenziellen Gefühle in Franz Kafkas Romanfragment offen.

Landvermesser K. wird als Fremder von der hermetischen Schlossgemeinschaft engagiert, die behauptet, seine Arbeit würden nicht benötigt. K. wird abgelehnt, bleibt ein Überzähliger. Das ist die Grundsituation. „Der Winter ist bei uns lang und auch im Sommer fällt manchmal Schnee“, heißt es zur düsteren Atmosphäre der Ausweglosigkeit. Die wird mit Kafkas Worten und mit rhythmisch fein ziseliertem, an- und abschwellendem Melancholie-Poprock intoniert, dabei angenehm melodieselig zum Schweben gebracht.

Das Schloss: Der Autor Jaroslav Rudiš 2013 im Schriftstellerhaus

Der Autor Jaroslav Rudiš 2013 im Schriftstellerhaus

Jaroslav Rudiš führte dazu in einem Interview aus:
„Eigentlich weiß man nicht, warum K. ins Dorf geflüchtet ist. Nur, dass er nicht ankommt und fremd bleibt. Es gibt eine Stelle, die es ganz gut beschreibt. Sinngemäß heißt es da: Du bist nicht aus dem Schloss, du bist nicht aus dem Dorf, du bist nur eins – ein Fremder. Vielleicht ist das deshalb auch so, weil er deutsch spricht und es zwischen ihm und den tschechisch-sprachigen Dorfbewohnern zu Missverständnissen kommt.“

Labyrinthische Architektur der Erzählung

Die Regie verweigert naheliegende Interpretationen, beispielsweise die labyrinthische Architektur der Erzählung als Signatur einer pessimistisch reflektierten Bürokratie-Moderne. Das Bühnenbild von David Hohmann setzt die Ausweglosigkeit mit seiner „Muschel“ perfekt in Szene, die sich über das Geschehen wölbt. Mit ständigen Rollenwechseln des Ensembles wird die Handlung in modellhafte Szenen zerlegt, das Thema Fremdsein variiert in Fragen nach Identität, Erfahrungen der Vereinnahmung und der Ausgrenzung, des Ankommens und Ausgeliefertseins. Das Hamsterrad der Aussichtslosigkeit wird mit Laufbändern dargestellt, auf denen das Schauspielerquartett immer wieder läuft, ohne je voranzukommen: „Wir laufen durch die Nacht und nichts kann uns aufhalten.“

Eine die Sinne ansprechende Aufführung formt alles zu einer existenziellen Grundsituation

Per Videoprojektion verschwimmen die Buchstaben der Kafka-Sätze und purzeln durcheinander. K. versucht vergeblich, das Chaos zu ordnen, Orientierung herzustellen in diesem mysteriösen Dasein. Die projizierten Bilder stammen von Jaromír 99, der seinem holzschnittartigen Comiczeichenstil auch hier treu bleibt, den wir aus der Graphic Novel „Alois Nebel“ kennen.

Regie: Alexander Riemenschneider
Bühnenbearbeitung: Jaroslav Rudiš, Alexander Riemenschneider
Es spielen: Guido Gallmann, Robin Sondermann, Franziska Schubert, Alexander Swoboda
Kafka Band: A.m. Almela, Jiří Hradil, Zdeněk Jurčík, Dušan Neuwerth, Tomáš Neuwerth, Jaroslav Rudiš, Jaromír 99
Künstlerische Gestaltung: Jaromír 99
Dramaturgie: Viktorie Knotková

70 Jahre! Ende des Zweiten Weltkriegs – Befreiung vom Faschismus

07.05.2015 at 23:32
Jaroslav Rudis will Miloš Zeman verschenken

Jaroslav Rudiš, einer der Initiatoren der Aktion „Präsident zu verschenken“, will an Putin den tschechischen Präsidenten Miloš Zeman übergeben

Ein Geschenk der besonderen Art will eine Gruppe tschechischer Künstler dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zum Jahrestag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai machen: sie wollen ihren Staatspräsident Miloš Zeman an Putin verschenken. In einem Brief an Moskaus obersten Herrscher schreiben der Schriftsteller Jaroslav Rudiš und der Lyriker und Fotokünstler Igor Malijevský: „Wir haben nichts Wertvolleres als unseren Präsidenten. Trotzdem glauben wir, dass Sie dieses außergewöhnliche Geschenk aus der Hand des tschechischen Volkes behalten sollten.“ Die tschechische Künstler reagieren auf die Entgleisungen ihres Präsidenten mit ihrer schärfsten Waffe: Dem Humor. Ginge Putin darauf ein, hätten sie sich so anarchistisch-elegant ein Problem vom Hals geschafft.

Miloš Zeman: außenpolitischer Quertreiber

Miloš Zeman bewegt sich auf dem diplomatischen Parkett wie ein Elefant in der böhmischen Glasfabrik. Die vulgären Stammtischparolen und Alkoholexzesse ihres Präsidenten sind den meisten Tschechen schlichtweg peinlich. Sie haben genug von seinen außenpolitischen Querschüssen wie z. B. seine umstrittenen Auffassungen in der Ukraine-Krise.

Staatspräsident Zeman stand in Tschechien zuletzt massiv in der Kritik, weil er an der russischen Militärparade zum Kriegsende teilnehmen wollte. Erst unter dem Druck der Öffentlichkeit sagte er seine Teilnahme ab, zur Gedenkfeier reist er dennoch an. In Moskau wird er wenig europäische Staatsoberhäupter treffen.

Mit ihrem böhmischen Geschenk stellen sich Jaroslav Rudiš Rudiš und Igor Malijevský in eine ehrenvolle Tradition. Auch die antisowjetischen Dissidenten des Prager Frühlings waren nicht nur mutige Bürgerrechtler, sondern ebenso berühmt für ihre anarchisch-benebelten Partyfilme. Unvergessen ist auch die Politclownerie des genialen Schwadroneurs Jaroslav Hašek, dessen Romanfigur Schwejk mit ungezügeltem Humor den Widrigkeiten des Kriegsalltages trotzt.

Nicolas Mahler erhält den Preis der Literaturhäuser 2015

06.05.2015 at 19:30
Nicolas Mahler und Jaroslav Rudiš

Nicolas Mahler erhält den Preis der Literaturhäuser: Jaroslav Rudiš (Laudator) und der Preisträger

 

Wie präsentiert sich ein Comic-Zeichner seinem Publikum bei einer „Lesung“? Diese Frage stellten sich wohl die Gäste am 5. Mai im Literaturhaus Stuttgart anlässlich der Vergabe des Preises der Literaturhäuser In diesem Jahr geht er an den österreichischen Zeichner Nicolas Mahler. Die elf Literaturhäuser aus Österreich, der Schweiz und Deutschland ehren damit einen Autor, der sich in innovativer Form mit Literatur auseinander setzt und in sehr eigenständigen und kunstvollen Formen der Vermittlung das Publikum für die Literatur zu gewinnen weiß.

Fragen an den Künstler

Fragen an den Künstler

Nicolas Mahler zeigt seine Comics als Bildpräsentation mittels PC und Leinwand. Humorvoll arbeitet er einen Fragenkatalog ab. Die Antworten gibt er mit Einblicken in sein umfangreiches Werk.

Laudatio für Nicolas Mahler von Jaroslav Rudiš

Doch bevor er sein Werk präsentierte, hielt Jaroslav Rudiš, Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor, die Laudatio auf den Preisträger. Die beiden hatten sich vor zwei Jahren auf dem Erlanger Comic-Salon kennen gelernt, als Jaroslav Rudiš mit seiner Graphic Novel „Alois Nebel“ durch die Lande zog.

Rudiš ist ein Geschichtenerzähler, der ebenso wie Mahler viele seiner Geschichten den Menschen in der Sauna, der Straße und bevorzugt in Kneipen und Wirtshäusern ablauscht. Womit schon gleich die Frage: „Woher nehmen Sie Ihre Ideen, Herr Mahler?“, beantwortet wäre. Und weil uns Jaroslav Rudiš immer wieder mit seinen Geschichten zu fesseln vermag, in denen der Böhmische Witz durchschimmert, hielt er seine Laudatio in Form einer Kurzgeschichte. Die hatte er eigens für diesen Abend geschrieben. Er zeichne „brutal schön“, charkterisierte Jaroslav Rudiš Nicolas Mahler. Bevor er Nicolaus Mahler das Podium überlies, überreichte er ihm einen Gruß aus der Heimat. Wie könnte es anders sein – eine Dose tschechisches Pilsener Urquell.

Ein umfangreiches Œvre

In seinem 25jährigen Schaffen hat Nicolas Mahler mehr als 50 Publikationen herausgebracht. Seine Zeichnungen erscheinen u.a. in der ZEIT, der Neuen Zürcher Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und in der Satirezeitschrift Titanic.

Da verwundert schon ein wenig die erste Frage aus seinem Fragenkatalog: „Zeichnen Sie absichtlich so schlecht?“ Er erzählte von seinen Anfängen, die einen ganz anderen Charakter hatten als seine heutigen Bildgeschichten, viel opulenter ausgemalt. Er sagt von sich: „Ich konnte nicht zeichnen, bis ich wegließ, was ich nicht zeichnen konnte.“ Mit 20 Jahren hatte er mit dem Zeichnen begonnen, mit 23 Jahren schaffte er es endlich auf die Kunsthochschule. Schnell wurde ihm klar, Comic und Kunstbetrieb, das funktioniert nicht so richtig. Weswegen er seinen ersten Comics auch als „Kleinstunternehmer“ in von ihm aufgehängten Automaten verkaufte. Seine ersten Skizzenbücher wollte er nicht nutzen, da sie ihm leer schöner erschienen als mit seinen Skizzen und Storyboards gefüllt. Auf der Leinwand gab er dennoch Einblick in seine Skizzenbücher. Sie offenbaren eine anarchistische Arbeitsweise, in denen die Recherchearbeiten und Vorarbeiten zu Bildgeschichten festgehalten sind. Anhand einiger Zeichnungen erzählte er von seinen Bemühungen bei seiner Sachbearbeiterin vom Finanzamt, Frau Goldhuber, seinen Status als Künstler durchzusetzen, um mindestens bei der Mehrwertsteuer von seiner Profession einen finanziellen Vorteil zu erlangen.

Von Hamstern und Kleinverlagen

Nicolas Mahler erkläert seine Adaption von Musils Roman

Nicolas Mahler erklärt seine Adaption von Musils Roman

Auf die Frage, warum seine Bücher in so vielen Ländern erschienen – er verlegt in ganz Europa, in den USA und Kanada – erklärte er, Kleinverlage, und in solchen erschienen seine Werke zum allergrößten Teil, seien wie Hamster: Sie sterben schnell, daher sollte man sich immer einige halten. Mittlerweile hat er es aber in die ganz großen Verlage geschafft: Seine Literaturadaptionen „Alte Meister“ nach Thomas Bernhard, „Alice in Sussex“ nach Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ und „Der Mann ohne Eigenschaften“ nach Robert Musil sind allesamt bei Suhrkamp erschienen. Einen Gedichtband mit visueller Poesie ohne Worte veröffentlichte er im Insel-Verlag.

Damit wäre auch die letzte Frage („Kann man davon leben?“) seiner Sammlung „Fragen der Leser“ beantwortet und die Frage, warum ein Zeichner den Preis der Literaturhäuser bekommt auch.

Nicolas Mahlers Bilderwitzen aus Zeitschriften

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