Saša Stanišić outet sich als Hochstapler beim gleichnamigen Literaturfestival (1)

26.09.2016 at 21:00
Dr. Stefanie Stegmann (re.) eröffnet mit Kathrin Hartmann das Festival und begrüßen Saša Stanišić (Mitte) und Lothar Müller (li.)

Dr. Stefanie Stegmann (re.) eröffnet mit Kathrin Hartmann das Festival und begrüßen Saša Stanišić (Mitte) und Lothar Müller (li.)

 

Mit der Lesung des Autors Saša Stanišić aus seinem neuen Erzählband Fallensteller, eröffnete das dreitägige Literaturfestival Hochstapeln im Literaturhaus Stuttgart. Vom 22. – 25. September präsentierte das Literaturhaus unter der Leitung von Dr. Stefanie Stegmann ein Programm, das Inszenierung und Täuschung zum Gegenstand hatte. Stefanie Stegmann führte am 21. September in das Festival ein und begrüßte ihren ersten Gast Saša Stanišić, der, wie er im Gespräch mit dem Literaturkritiker Lothar Müller erläuterte, sich durchaus in seiner Rolle als Schriftsteller als Hochstapler begreift. Schreiben sei für ihn eine Form der Hochstapelei. In seiner Familie sei der Typ des Hochstaplers verbreitet. So habe z. B. sein Vater seiner Mutter weisgemacht, er könne Gitarre spielen, was dieser sehr imponiert habe, obwohl es glatt gelogen war. Obwohl diese Behauptung schnell überprüft werden kann, ist es in der Familie nie dazu gekommen. Auch litt der Vater von Geburt unter einem dicken Augenlid. Immer wenn einer ihn gefragt habe, was er denn mit seinem Auge gemacht hätte, antwortete er, er sei vor kurzem von einer Mücke gestochen worden.

Hochstapeln liegt in der Familie von Saša Stanišić

Auch von einem eigenen Hochstaplererlebnis berichtete der aus Bosnien stammende und auf Deutsch publizierende Autor: In Hamburg hätte er sich häufig zum Schreiben ins Universitätskrankenhaus Eppendorf zurückgezogen. Hier hätte er in Ruhe an seinen Texten arbeiten können, unter all den angehenden jungen Ärzten, die dort für ihr Studium gelernt und ihre Hausarbeiten geschrieben haben. Einmal sei er von einer Frau angesprochen worden, ob er ihr eine Diagnose stellen könne. Sie sie übel auf den Steiß gefallen und ob denn Knochenbruch zu befürchten sei. Er redete sich damit heraus, dass er dazu nichts sagen könne, er sei angehender Dermatologe.

Saša Stanišić verdankt vor allem seinen Ruf als Hochstapler dem Titel seines jüngsten Erzählbands Fallensteller. Dabei erschien er im Gespräch mit dem Literaturkritiker Lothar Müller lauter und ernsthaft, wiewohl er mit Geschichten den Lesern den Kopf verdreht. Den Schauplatz seiner titelgebenden Erzählung, das uckermärkische Dorf Fürstenfelde, verwandelt er in ein Freilichtmuseum seiner Erfindungen, in dem Lüge und Wahrheit enge Nachbarschaft pflegen.

Saša Stanišić ist ein begnadeter Vorleser

Saša Stanišić haucht seinen Texten Leben ein

Saša Stanišić haucht seinen Texten Leben ein

An diesem Abend erweist sich der Autor ein weiteres Mal als begnadeter Vorleser (siehe Bericht seiner Lesung zu Vor dem Fest hier). Er schlüpfte in die Gestalt des Georg Horwart, als er die Kurzgeschichte Georg Horwart ist verstimmt las. Es ist die Geschichte eines nach Brasilien Reisenden, in der auch alltägliche Redewendungen sich als Fallen herausstellen wenn z. B. ein „Meer der Lichter“ zu einem „mehr der Lichter“ beim Landeanflug wird. In Rio angekommen steigt Georg Horwart in ein Taxi, das er als seines ansieht, das ihn aber nicht an den Ort bringt, an den er gelangen will …

Noch einmal zieht Saša Stanišić die narrative Schraube an diesem Abend an, wenn er aus der titelgebenden Erzählung liest in der er in das uckermärkische Dorf Fürstenfelde zurückkehrt, in dem schon sein Roman Vor dem Fest verortet war. In der Erzählung Fallensteller hat er es in ein Freilichtmuseum seiner Erfindungen verwandelt, lässt die realen Vorbilder seines Romans auftreten, die in die Rollen der im Roman geschilderten Personen schlüpfen und Literaturführungen für hippe, anreisende Saša-Stanišić-Fans organisieren. Dabei verwendet er, wie auch in seinem mit dem 2014 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman Vor dem Fest unterschiedliche literarische Stimmen: Lada und der stumme Suzi haben unterschiedliche Stimmen, der Fallensteller gar redet wie ein Rapper.

Eine gute Wahl zum Auftakt des Festivals

Mit der Lesung von Saša Stanišić als Auftakt zum Literaturfestival über Inszenierung und Täuschung hat Stefanie Stegmann wieder einmal ihr Talent unter Beweis gestellt, mit herausragenden Autoren und guten Performern die Fallen für die Literatur aufzustellen.

Herbstliche Wanderung rund um Dätzingen

28.10.2020 at 22:23
Herbstliche Farben

Rot-Grün-Braun-Gelb-Rot-Grün-Braun-Gelb

 

Die Sonnenstrahlen des Herbstes ausnutzend, wandert M. mit seiner Frau durch das Naturschutzgebiet rund um Dätzingen. Unweit von Weil der Stadt, der Endstation der S6, mit der M. aus Stuttgart in seinen Heimatort Korntal fährt. Vom Schloss Dätzingen geht es steil berauf, direkt in eine Bilderbuchlandschaft: weiße Hecken, dunkelgrüne Kiefern, blauer Himmel und die wunderbare Färbung des herbstlichen Laubes.

Der Venusberg, den M. erklimmt, ist eher ein Hügel, wie sein Name schon vermuten lässt. Trotz seiner bescheidenen Höhe von 537 m gibt es hier etwas Besonderes zu erleben: auf den Wachholderheiden wachsen Silberdisteln und angeblich sollen 40 Vogelarten am Venusberg heimisch sein. An dieser Stelle soll auf die Aktion von Saša Stanišić aufmerksam gemacht werden, der unbedingt den Goldregenpfeiffer zum Vogel des Jahres erheben will. Aber dieser Vogel ist in dieser Landschaft nicht zu sehen. Er lebt in Mooren, den nassen Heiden und in feuchten Grasflächen. Definitiv nicht auf den Wachholderheiden. Sei`s drum. Unterstützen wir Saša Stanišić, diesen wunderbaren Schriftsteller, auch wen wir einen anderen Vogel haben. Die Felder sind längst abgeerntet, große Heuballen säumen den Weg. Manche von ihnen sind froh, andere eher verdrieslich.

Ernte

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In Coronazeiten soll man ja an die frische Luft gehen. Bewegung im Freien stärkt die Abwehrkräfte. Allerdings hilft das nichts gegen den im Herbst gefürchteten Auschlag syno autumnus. M. leidet unter diesem während der wunderbaren Wanderung.

M. mit Ausschlag

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Die Wanderung ist dem Buch „52 kleine und große Eskapaden – ab nach draußen in und um Stuttgart“ entnommen

Gefahr riecht nie nach Tränen

28.03.2014 at 17:16

sasa_stanisic

Saša Stanišić gewann am 13. März den renommierten Leipziger Belletristik-Preis und las am 24. März 2014 im Literaturhaus Stuttgart. Uwe Kossak zeigte sich begeistert: „So viele Preisträger haben in diesem Saal schon gelesen“, womit er dem Haus einen guten Riecher für gehobene Literatur bescheinigte.

Vor dem Fest ist Stanišics zweiter Roman. Schon mit seinem Erstling: Wie der Soldat das Grammofon repariert, hatte er international Erfolg. Konzentrierte er sich in seinem letzten Roman auf seine Heimat, er wurde 1978 in Višegrad, Bosnien/Herzegowina, geboren, löst er sich in seinem neuen Werk ganz von dieser Region. Er erzählt von einem Dorf in der Uckermark, erzählt aus wechselnden Perspektiven mit wechselnden Erzählstimmen von der Nacht vor dem Annenfest. Er begibt sich in die Tiefe der Zeit und beschreibt anhand alter Überlieferungen Dorfgeschichte bis ins 16. Jahrhundert: das aber gleichfalls fiktiv, mitunter als Parodie, in altem Sprachsound. Das Dorf als Kollektiv spricht in Wir-Form, eine Kunstsprache, an der Stanišić lange herumgefeilt hat.

Saša Stanišić erzählt, dass er sich ein Dorf sprachlich erschaffen wollte, wie andere Häuser bauen. Bevor er in ein reales Dorf fuhr, hatte er es bereits in seiner Fantasie hergestellt, die Topologie festgelegt, wusste, dass es einen Weg zärtlich zwischen zwei Seen geben würde. Eine Freundin brachte ihn auf das Dorf Fürstenwerder in der Feldberger Seenlandschaft. Vieles, was er dort vorfand, hatte er längst zu Papier gebracht. So verband er bei seinem langen Aufenthalt dort die Realität mit seiner Fiktion, vergrub sich in die Dorfchronik, fragte die Bewohner nach ihren Geschichten und rang der Realität die Ingredienzien seines Romans ab.

Er erzählt von einer nachtblinden Malerin, die das Dorf bei Nacht malen möchte, von einem früheren Offizier der Nationalen Volksarmee, der den Zigarettenautomaten erschießt und von dem ehemaligen Briefträger Dietmar Dietz, von allen nur Ditsche genannt. Er war früher Briefträger und von allen als Spitzel verachtet. Heute hegt er sechzehn Hühner und bietet jeden Tag den Dorfbewohnern 10 Eier für unglaubliche 2 Euro an, präsentiert in einer rosa Box an der Pforte seiners Grundstücks. Von den Eiern angezogen wird auch eine Fähe, die im Dorf Futter für ihre Jungen sucht. Eine Passage aus der Sicht eben dieser Füchsin liest Saša Stanišić an diesem Abend Es wird seine ihm zur Verfügung stehende sprachliche Bandbreite deutlich mit der er uns in diese Geschichte zieht. Und er erzählt von der jahrhundertlangen Vergangenheit des Dorfes. Mit all seinen Geschichten, Mythen und Märchen, er erzählt von Menschen, ihren Schicksalen und Träumen. Der Text hat eine Lebendigkeit und Biegsamkeit, die einen verzaubert.

Vor dem Fest
320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Luchterhand, Preis: 19,99 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens