|
|
Der kleine Ausflug als Audiofile
Der kleine Ausflug Ich schaue in deine weit aufgerissenen Augen. Angsterfüllt und gleichzeitig voller Neugier. Du siehst die Welt auf dem Kopf stehend, seit dich der Wahnsinn an die Hand genommen hat. Mit ausladender Bewegung schwingst du die Krücke, dein Schwert der Rache für all die Jahre, eingesperrt in die kleine Ehewelt. Flugzeuge wolltest du steuern oder mindestens vierzig Kinder. Nicht nur drei und den Mann im Hintergrund, neidisch auf das Leben der Unbezwingbaren. Jahrelang Galle geschluckt, alles getragen bis es nicht mehr ging, dann erst die Hüfte erneuert wie eine Schrankwand aber du wusstest plötzlich nicht mehr, was hineinstellen. Die Veränderung warf dich aus der Bahn und dann starb dein Mann und dann warst du frei und konntest nichts mit der Freiheit anfangen, längst warst du dem Alter versprochen. Das lässt niemanden aus dem Haus. Du fragst, nehmen wir mein Auto oder deines oder das Flugzeug. Du willst das Flugzeug nehmen, es steht aufgetankt am Ende des Plattenweges. Du schiebst deinen Rollator geradewegs darauf zu und kannst nicht einsteigen, es verdampft in deinem Wahn. Der keiner ist. Nur Blaupausen deiner Träume. Der Krieg und der Mann und die Kinder haben sie ausradiert. Der Wahn spült sie an die Oberfläche. Noch bist du der Meister deiner Phantasien. Nicht mehr lange und die bunten Tabletten werden die Herrschaft übernehmen, mit denen du jetzt jede Nacht ruhig gestellt wirst. Beim letzten Mal haben die Lederbänder deine Handgelenke zerschnitten und meine Schwester schimpfte mit dem Bodenpersonal. Das darf sich nicht wiederholen: Nicht mit dem Bodenpersonal schimpfen! Alles gerät hier durcheinander und der Start wird verschoben, obwohl kein Nebel herrscht und das Schneetreiben erst in zwei Monaten einsetzt. Wenn Schnee fällt, nimmt du das Flugzeug nicht für deine kleinen Ausflüge. Gut, nehmen wir das Auto und du verzichtest auf das Steuer, wie so oft in deinem Leben verzichtest du, hast immer alles hinten angestellt, solange du funktioniert hast. Was sollen die Nachbarn sagen, wenn du nicht hinten anstehen würdest. Nur in der Kirche wagtest du dich ganz nach vorne in die erste Reihe. Der Priester schaute dich oft merkwürdig an und keiner bekam mit, dass all die Sünden, von denen er sprach, bei dir lagen. Die hinter dir Stehenden schauten durch dich hindurch. Du warst nicht nur klein, jetzt warst du auch noch durchschaubar. Die Sünden und deine Gefühle wurden vom Geruch des Weihrauches verdeckt. Mehr Rausch gestandest du dir nicht zu. Die wiederkehrenden Familienfeste. Die immer gleichen Gesichter. Der Pflaumenkuchen mit Sahne. Warum schmeckte er so anders? Du hast Tränen statt Milch genommen. Damit machtest du den Teig geschmeidig. Du hast kleine Stücke von den Eierschalen hineinfallen lassen, auf die ich biss. Harte Schale, weicher Kern. Geschützt durch eine Fassade aus Freundlichkeiten. Erst als die Schmuddelkinder ungefragt in die Wohnung kamen, das Sofa beschmutzten, bist du erstarrt. Nicht die Schmuddelkinder ließen dich erstarren, du hattest Freude an ihnen. Dein Mann griff unverzüglich zum Holzlöffel, mit dem du eben noch den Teig gerührt hattest und verprügelte die Kinder. Dabei wollten sie nur ein Stück von der Welt, die draußen, außerhalb der Wohnung lag. Am liebsten wärst du gleich mit ausgezogen, nach Berlin gegangen, hättest dich in das Café am Kuhdamm gesetzt. Deine Angst vor Prügeln war genauso groß wie die der Kinder aber dein Mut viel kleiner. Ich starte den Wagen. Er will nicht anspringen. Trete beim Starten auf das Gaspedal. Komm schon, lass mich nicht im Stich, bitte nicht jetzt. Sonst müssen wir zurück in das Heim. Morgen kann ich nicht kommen und das Wetter soll am Wochenende schlechter werden. Du hattest dich auf diesen Ausflug gefreut. Hätten wir nur das Flugzeug genommen. Wir wären jetzt schon in Berlin, könnten im Grunewald meinen Mann besuchen gehen. Von wem sprichst du? Meinem zweiten Mann, dem Chirurgen. Er hat mir die Hüfte operiert. Ach der, ja der war nett, nicht so wie Papa. Rede nicht so von deinem Vater. Papa hat euch immer gut behandelt. Endlich springt der Wagen an. |
| © · Michael M. Seehoff |