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Der Falter
Ich steige in die S-Bahn und sehe ihn wieder. Breitbeinig sitzt die gedrungene Gestalt da, die Fußspitzen berühren kaum den Boden. Mit weit ausgebreiteten Armen hält er einige Blätter der Bildzeitung in Händen, leckt von Zeit zu Zeit über seine von einem schütteren Bart gerahmten Lippen, stößt Grunzlaute aus.
Es ist der Soundtrack zum Aufmacher der heutigen "Bild": "Dschungelcamp wird immer härter". Eine leicht bekleidete Brünette hält Früchte in den Armen, verbirgt nur teilweise ihre großen Brüste. Interessiert liest der Alte, bohrt seine Augen in das Bild.
Ohne Schwierigkeiten kann ich die in großen Letter gesetzten Botschaften über den Gang hinweg erkennen. Der Alte blättert weiter, der Artikel wird auf Seite drei fortgesetzt, mit weiteren Bildern, von Prüfungen der Prominenten in dem Camp:
"Heute zum Mittagessen! - Wer steigt aus?" Auf einem aus rohen Brettern zusammen genagelten Tisch steht ein Glas voller Maden. Er hält nur einen Teil der Bildzeitung in Händen, zwei, drei Doppelseiten. Die Geschichten sind kurz. Wir sind in Feuerbach angekommen und er beim Sport.
Die gelben Riesen werden gefeiert. Ein furchteinflößender Basketballer schießt wie eine Rakete mit dem Ball in der Hand auf den Korb zu. Zwei generische Spieler staunen mit offenem Mund, unfähig, sie zu stoppen. Die ausgestreckte Hand des Schützen ragt aus dem Bild heraus als wolle er Kontakt mit dem Leser aufnehmen. Seht her, alles ist life.
Der Sportteil ist für viele Leser das Alibi. Ich kaufe sie mir nur wegen des Sports.
Diesen Satz hörte ich zum ersten Mal vor über dreißig Jahren.
Selbst in den Zeiten der Proteste gegen das Verlagshaus Springer, lasen die Gegner dieser Zeitung ihren Sportteil. Warum hält sich hartnäckig der Glaube, dass die Sportberichterstattung besser sei als der Rest der Zeitung? Der Alten liest alles, jede Seite, von oben bis unten. An der nächsten Station hat er die zwei Blätter Sport geschafft.
Als die Bahn wieder anfährt, überfliegt er die letzte Seite und beginnt, die Zeitung sorgfältig zusammen zu falten. Er streicht die einzelnen Bögen glatt, richtet sie an ihren Kanten aus als wolle er die Zeitung zurück in den Ständer am Kiosk stecken.
Nach dem exakten Übereinanderlegen der einzelnen Seiten wird nun die gesamte Zeitung einmal quer gefaltet, glatt gestrichen und die Kanten gewissenhaft nachgearbeitet. Dann noch einmal gefaltet und wieder glattgestrichen. Er faltet die Zeitung hin und her wie andere sich zehnmal die Hände waschen.
Gibt es einen Zeitungsfaltzwang? Das scheint immer weiter zu gehen. Mittlerweile hat er die Zeitung auf die Größe einer Postkarte gefaltet und bearbeitet die Kanten, als wolle er der Zeitung Bügelfalten verschaffen. Er legt sie auf die Knie, streicht sie glatt, nimmt das ganze Bündel in die Hand und streicht weiter an den Knickkanten entlang.
Am Hauptbahnhof steigt er mit mir aus. Er sieht sich nach allen Seiten um, steuert dann den nächstgelegenen Abfallkorb an.
Achteckigen Gebilde der Deutschen Bundesbahn, zur Mülltrennung aufgestellt. Die Bahn hat einen Hang zu deutsch-englischen Begriffen bei denen sie den zweiten, englischen Teil an den ersten Teil klebt und mit einem Großbuchstaben beginnen lässt: AbfallPoint. Mit seiner säuberlich gefalteten Zeitung steuert er zielstrebig die Öffnung mit der Aufschrift
"Papier" an. Er schaut kurz prüfend in das ovale Loch, wirft sein Bündel hinein, schaut sich um, als wäre ihm
jemand auf den Fersen und entfernt er sich schnellen Schrittes.
Zettel
Heute ist die alte Welt versunken. Ein Text der Sternsinger, die von Tür zu Tür wandern und den Segen in die Wohnungen und Häuser bringen. Für mich ist die Welt an diesem sechsten Januar buchstäblich versunken, versunken im Schnee. Eine dichte weiße Decke hat sich in der Nacht noch einmal herabgesenkt, hat die Schneefälle des letzten Tages um einige Zentimeter erhöht, die ich schon am frühen Morgen von unserem Gehweg weggeschaufelt habe. Splitt habe ich gestreut, damit Fußgänger unbeschadet ihren Weg gehen können.
Wieder habe ich mir für dieses Jahr einiges vorgenommen, will die alte Welt hinter mir lassen, versinken soll sie in der Vergangenheit. Jedes Jahr lebe ich dieses Ritual der neuen Vorsätze und jedes Jahr scheitere ich daran. Nie habe ich alles Vorgenommene umsetzen können. Vor allem die Vorsätze zur Veränderung der Persönlichkeit scheitern bei mir regelmäßig. Warum dieses Ritual immer wieder neu aufnehmen, fragte ich am Ende des letzten Jahres, als ich meinen Zielezettel hervorholte. Fein säuberlich mit dem Computer geschrieben und den Ausdruck in meinen Kalender gesteckt. Wie seit acht Jahren. Damals habe ich zum ersten Mal mit diesen Listen angefangen. Die erste Liste ging über zwei Seiten. Lächerlich, das schafft man nie. Vor allem, wie will man das kontrollieren, wie weit man an seine Ziele gelangt ist? Meistens bleibt er im Kalender liegen und am Ende des Jahres schaut ich nach, um festzustellen, dass das allermeiste nicht erledigt wurde. Das habe ich dann schnell geändert, die Liste verkleinert, mit mäßigem Erfolg. Ich glaube, das mit den Listen liegt an meiner katholischen Erziehung. Beim Sakrament der Beichte wurde nach der Aufzählung der Sünden, die sich an einem strengen Raster orientierte, damit man nichts vergaß, die Buße auferlegt und der Priester erteilte die Absolution. Mit diesem Bußkatalog zog ich mich in eine der hintersten Bänke in der Kirche zurück und rasselte die aufgetragenen Gebete herunter. Ein Dutzend Ave Maria, zehn Vater Unser, das war nicht wirklich schwierig. Ich habe nie erfahren, was Erwachsene für Bußen auferlegt bekamen. Mit vierzehn gab ich das Beichten auf. Das Beichten hatte etwas Beruhigendes: ist die Seele rein, kann man noch einmal von vorne anfangen.
Ich beichte an jedem Jahresende meine nicht erreichten Ziele. Es gibt keinen, der mir die Absolution erteilt und zur Buße mache ich mir wieder einen Zettel. Heute ist die alte Welt versunken, die alten Ziele sind gesühnt und ein neues Jahr mit neuen Vorsätzen kann beginnen.
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