Ulrike Schäfer – Mit Blattgold malen

31.08.2015 at 17:14
Ulrike Schäfer

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Ulrike Schäfer veröffentlicht im Klöpfer & Meyer Verlag ihren ersten Erzählband. Von Januar bis Ende März 2015 war sie Stipendiatin im Schriftstellerhaus und hat bei einer Lesung im „Häusle“ bereits einige Geschichten vorgestellt, die Eingang in diesen Band gefunden haben. Sie hat das Stipendium im Schriftstellerhaus genutzt, den Band fertig zu stellen und einige Geschichten umzuschreiben. Sie berichtete im Stipendiaten-Blog des Schriftstellerhauses, wie schwer die Geburt der umfangreichsten Geschichte „Stück Land“ gewesen ist, wie sie diese Geschichte noch einmal komplett entkernt hat. Dieses mehrfache Um- und Überarbeiten hat sich gelohnt, die Geschichte hat es in den Band geschafft. Ulrike Schäfer ist für ihre Erzählungen mehrfach ausgezeichnet worden, und so ist es umso erfreulicher, dass mit Nachts, weit von hier ihre Erzählungen in einem Band vorliegen.

Die 1965 in München geborene, heute in Würzburg lebende Autorin, erzählt mit leichter Hand. Zwei drittel der achtzehn Geschichten sind aus der Ich-Perspektive geschrieben. Die Ich-Form erzeugt das Versprechen einer Nähe, die durch das Andeuten, das Tasten der Sprache nicht eingelöst wird. Wo die Sprache ausführlicher, ausufernder Romane den Leser sicher durch die Zeilen führt, entlässt die Sprache von Ulrike Schäfer den Leser immer wieder in die Weiten der Fantasie. Ähnlich der Lyrik, die mit Bildern und Auslassungen arbeitet, beschreib die Icherzählerin ihre Erlebniswelt.

Man hat beim Lesen der Geschichten den Eindruck, Ulrike Schäfer hat ihre Sprache in der Residenz Würzburg gefunden, diesem prächtigen Barockbau der Fürstbischöfe aus dem 18. Jahrhundert. Aber im Gegensatz zu den Bildhauern und Künstlern der damaligen Zeit hat sie nur das zarte Blattgold zur Veredlung ihrer Geschichten verwendet. Die Sprache ist schwebend, leicht wie Spinnennetze in der Sonne. Und wie ein Spinnennetz zerreißt sie auch schnell und plötzlich blickt man in eine ganz andere Wirklichkeit, erschließt sich eine zweite Ebene, von der man zu Beginn der Geschichte nichts ahnte. Sie erzählt von Alltäglichkeiten, z. B. wie „ihre“ Mutter „ihren“ Vater zu lieben begann, veredelt diese Alltäglichkeit liebevoll mit ihrem Sprachgold. Eine große Empathie zu den Figuren scheint durch die Geschichten. Als Leser partizipiert man an der Empathie und so entsteht häufig ein warmes Gefühl in der Herzgegend – ganz anders, viel tiergreifender als in der Trivialliteratur. Und deswegen sind die Geschichten nie trivial. Immer gut gebaut und auf sprachlich hohem Niveau erzählt.

Ulrike Schäfer gewährt uns Einblicke ins Leben

Die achtzehn Geschichten des Bandes von Ulrike Schäfer geben achtzehn Einblicke in das Leben ihrer Figuren. Ihre Geschichten haben keinen großen Umfang, fünf, zwölf Seiten, nie über neunzehn Seiten hinausgehend. Und doch hat man als Leser das Gefühl, mit den Menschen aus den Geschichten verbunden zu sein, Freunde gewonnen zu haben, bzw. aufgefordert zu sein, sich auf die Suche nach diesen Menschen zu machen, um ihnen nahe zu bleiben.

Für die titelgebende Geschichte, „Nachts, weit von hier“, hat die Autorin 2014 den Jurypreis des Irseer Pegasus erhalten. Die Geschichte erzählt von einer Gewalttat gegen ein Frau und die Icherzählerin, die diese Tat von ihrem Hotelzimmer aus beobachtet, ist nicht in der Lage einzugreifen, ist nicht in der Lage die Polizei zu rufen, denn sie ist sich nicht sicher in der Beurteilung des Gesehenen. Auch die Sprache vermittelt diese Undeutlichkeit:
„Ob es diese Frau je gegeben hat, kann ich nicht sagen.“

So beginnt die Geschichte aber dann kann sie die Frau in ihrer Wehrlosigkeit doch beschreiben:
„Die Augen der Frau waren Schatten in ihrem Gesicht und ihre langen Haare flossen um sie herum auf den Gehsteig.“

Und sie tastet sich durch die Wirklichkeit ihrer Protagonistin:
„Immer ist es, wie wenn ich ein Labyrinth betrete ohne die Möglichkeit, Brotkrumen als Wegweiser zu streuen oder einen Faden zu spannen. Ich bin daher wortkarg während dieser Momente des Geführtwerdens und habe mir einen mechanischen Small Talk angewöhnt.“
Geführt wird der Leser der Geschichten in den seltensten Fällen aber immer wieder verführt von ihren federleichten Worten.

Ulrike Schäfer erzählt von Glücksmomenten im Leben ihrer Protagonisten aber auch von Gefahren, Abstürzen und Tod. Beide Erfahren werden bei ihr nicht ausbuchstabiert,
weder G L Ü C K noch V E R L U S T. Sie ist eine Meisterin der tastenden Beschreibung. Der Leser wünscht sich mehr von der Sprachlabsal dieser Autorin.

Ulrike Schäfer "Nachts, weit von hier"

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Nachts, weit von hier
Erzählungen
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens