Traumatisierte Kameraden? Die Kriegsverarbeitung in der „Generation 1939“

26.09.2019 at 22:04
Carsten Kretschmann

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Der Vortrag von Dr. Carsten Kretschmann am 23. Sept. 2019 im Hospitalhof zeigt, wie groß die Bandbreite der Veranstaltungen in der Reihe Stuttgart liest ein Buch ist. Das Schriftstellerhaus verharrte bei der Konzeption der Reihe nicht bei den literarischen Aspekten des Buches, wiewohl sie im Mittelpunkt stehen.

Ein Kenner der Kriegsgeschichte

Dr. Carsten Kretschmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für Neuere Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart. Welche Fragen kann ein Historiker zu den im Buch aufgeworfenen Fragen beantworten, welche neuen Einsichten kann er den Zuhörern vermitteln?

Der Titel des Vortrages: Traumatisierte Kameraden? Möglichkeiten und Grenzen der Kriegsverarbeitung in der „Generation 1939“ verweist auf die tiefen Traumata, der im Zweiten Weltkrieg auf allen Fronten eingesetzten Soldaten. Wann aber spricht von einer Generation, im Gegensatz zu einem „Jahrgang“? Die Soldaten im Zweiten Weltkrieg waren überwiegend junge Männer im Alter von 18 – 25 Jahren also aus den Jahrgängen 1914-1921. Von einer Generation spricht man, wenn eine etwa gleichaltrige Gruppe gemeinsame Erfahrungen und Lebensumstände teilen. Die Erlebnisse sind die zentralen Elemente zur Bildung einer „Generation“. Für die Generation 1939 waren es die Kriegserlebnisse: sechs Jahre Tod und Vernichtung, die sie nachhaltig prägten. Das geschieht nicht nur auf der mentalen Ebene. Körperlichen Erfahrungen, Wunden, Narben, werden in dieser Generation geteilt. Und: die Gruppe kann sich nicht über ihre Erlebnisse mit Außenstehenden verbinden. Wie kann man einem Außenstehenden vermitteln, dass man z. B. das Sterben von vielen Hundertausende von Rotarmisten miterlebt hat? Wie damit umgehen, dass zwischen 1941 und 1942 zwei Millionen Rotarmisten in Gefangenenlagern starben? Durch eine Rhetorik der „Viktorisierung“.

Vom Held zum Opfer

Stand während der erfolgreichen Kriegshandlungen der Held im Fokus, wurde nach dem Zusammenbruch schnell eine Opferrolle konstruiert. Die Menschen flüchteten sich in eine falsche Realität. Nach der Gewalteskalation verfielen viele in Schockstarre.
Das alles referiert Dr. Carsten Kretschmann in enger Anlehnung an den Roman „Unter der Drachenwand“ aus dem er immer wieder Zitate herausgreift und projiziert. Er weist anhand der Textstellen nach, wie genau Arno Geiger die Körperlichkeit und die Verletzungen beschreibt, die sich der Generation 1939 eingegraben haben. Der Name des Soldaten „Veit“ ist die deutsch Version von Vitus, was so viel wie der Lebendige bedeutet. Und doch wurden Veit im Krieg die Sinneswahrnehmungen beschädigt. Arno Geiger personalisiert den Krieg sogar, wenn er schreibt: „So hatte der Krieg mich auch diesmal zur Seite geschleudert“. [S. 7]

Krieg wird im Roman personifiziert beschrieben

Und auch der Körper wird aktiv mit Naturmetaphern beschrieben: „Unter meinem Schlüsselbein lief das Blut in leuchtenden Bächen heraus, …“ [S. 7]
Aus dem Krieg kamen seelisch und körperlich verletzte Menschen. Heute beschreibt die Medizin und Psychologie das als posttraumatische Belastungen. Dieser Begriff tauchte erstmals im Vietnamkrieg auf. Ab 1980 ist der Begriff in der US Armee als Krankheitsbild anerkannt.
Ganz anders nach dem zweiten Weltkrieg. Dr. Carsten Kretschmann hat hunderte von Akten aus den Krankenanstalten studiert (z. B. die aus Bethel). Minutiös werden von den Ärzten und Psychologen die Symptome der eingelieferten Soldaten beschrieben: Zittern, unkontrollierte Gefühlsausbrüche und v. a. m. Doch nicht um diesen Mensch Heilung zuteilwerden zu lassen. Die Ärzte waren angehalten herauszufinden, ob die psychisch Versehrten Rentenansprüche geltend machen könnten, ob es sich um eine kriegsbedingte Traumatisierung handelt oder vererbt ist (nicht rentenanspruchsberechtigt). Nur einem Bruchteil wurden diese gewährt! Die Angst war das im Krieg präsente Gefühl. Befragungen großer Soldatengruppen belegen das.

Drogen und Desillusionierungen

Pervitin

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Nach dem Krieg und nach dem Scheitern der NS-Versprechen setzte die große Desillusionierung ein, die eine innere Leere bei vielen Kriegsteilnehmern hinterließ. Im Krieg konnten sich die Soldaten noch mit der von der Wehrmacht vielfach eingesetzten Droge Pervitin gegen die Schrecken und die Belastungen betäuben. Die Wehrmacht, so ist bekannt, gab insgesamt 35 Millionen Dosen Pervitin aus, entfernt vergleichbar mit dem heutigen Crystal Meth. Diese Droge half auch, das unfassbar Erlebte zu betäuben. Auch Veit Kolbe ist von dieser Droge abhängig. Wer auf „Kraftquellen“ zurückgreifen konnte hatte Chancen, einigermaßen aus diesen Situation heraus zu kommen. Solche Kraftquellen konnten die Familie, der Glaube oder aber, wie bei Veit Kolbe, die Liebe sein.

Der deutsch Humorist Weiß Ferdl sagte einmal: Wir können den Krieg nicht verlieren, wir werden ihn immer behalten.