Im Wein liegt Wahrheit

03.11.2013 at 20:42

Lesung Buch & PlakatEine Weinprobe ganz besonderer Art gestern im Bohnenviertel: Die kleine, sympathische Buchhandlung „Buch und Plakat“ lud zur literarischen Weinverkostung ein. Die Inhaber Monika Lange-Tetzlaff und Robert Tetzlaff lasen heitere, besinnliche und auch hinterlistige Texte zur Verkostung der ökologisch angebauten Weine. Gerrit Brust-Bader von der Agentur „People to People“ hatte eine wunderbare Auswahl von Weiß- und Rotweinen dabei, die er den literarisch interessierten Weinliebhabern ausführlich erklärte. Nicht nur die Frage nach der Bodenbeschaffenheit, die dem Wein seinen spezifischen Geschmack gibt, wurden beantwortet, auch Traubennamen wurden erklärt. Besonders hat die Elster gefreut, dass der Merlot eine Anspielung auf das französischen Wort Merle ist, auf Deutsch Amsel. Ein Verweis auf die Vorliebe der Amseln auf die rote Rebsorte, die besonders früh reift. Die Lerche machte gleich den Vorschlag, ob man nicht die Merle mitnehmen solle, eine Skatrunde wäre zusammen.

Weder die Leche noch die Elster wussten, dass der Österreichische Wein „Tirolinger“ der Großvater ihres geliebten Trollingers ist. Böse Zungen behaupten, Trollinger sei eine Verballhornung des Wortes Tirolinger. Hört man den Schwaben nach dem vierten Glas Trollinger das fünfte Viertele bestellen, erschließt sich einem diese Lautverschiebung.

Auch geschichtlich konnten wir Weintrinker einiges erfahren:
Die Reblaus wurde aus Amerika eingeschleppt und vernichtete im 19. Jahrhundert in Europa große Teile des Weinbaus. Sie wurde in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts durch Rebstöcke von der Ostküste Amerikas über London ins südliche Frankreich eingeschleppt und breitete sich in der Reblausinvasion rasant von dort über sämtliche europäische Weinbaugebiete aus. Damit war sie der zweite Schädling, der den Europäern große Verluste bereitete. Schon die großen Hungersnöte in Irland waren aus Amerika durch die „Kartoffelfäule“, einem Pilz ausgelöst worden. Heute werden wir durch Trojaner und Geheimdienste aus Amerika beschädigt.

Im Bohnenviertel wohnten damals Tagelöhner, die sich in den umliegenden Weinbergen verdingten. Die Bezahlung war miserabel, sie zogen in ihren kleinen Hinterhöfen Bohnen. Eine bekanntlich platzsparende Gemüsesorte mit hohem Sättigungswert. Heute sind die meisten Weinberge der Erschließung lukrativer Immobilien gewichen und die Tagelöhner einer quirligen Szene von kleinen Handwerkern, Kneipen, Galerien und literarischen Kleinoden. T he Times They Are A-Changin“, wie der alte Bob schon vor knapp 50 Jahren sang.

Wohnung zu vermieten

03.11.2013 at 17:59

klingelHelle, Drei-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss eines Dreifamilienhauses aufgrund des Ablebens des Vormieters ab sofort zu vermieten. Zentrale Lage, nur wenige Schritte vom ruhigen Pragfriedhof entfernt. Wohnfläche 100 qm. Kaltmiete 1.100 €. Gartenbenutzung gegen Reinigung der dort aufgestellten Gerätschaften möglich. Bei Interesse bitte mit Chiffre 08/15 an die Anschrift im Impressum.

Peter Grohmann feierte seinen Geburtstag auf ganz großer Bühne

27.10.2013 at 20:32

lesung_grohmann

Heute wird Peter Grohmann 76 Jahre und er ist aufrührerisch wie eh und je. Schon im letzten Jahr, zu seinem 75. Geburtstag, lud er seine Freunde zu einem Fest im Theaterhaus ein und zu seinem diesjährigen Geburtstag ebenfalls. Er schenkte uns sein Buch, sprach darüber mit seinem langjährigen Weggefährten Ebbe Kögel und las ausgewählte Passagen. Er, der Pendler zwischen Ost und West, der Mitbegründer des Theaterhauses und Gründer der Anstifter, der humorvolle Streiter gegen das Unrecht, Verfasser des legendären Bürgerbriefes zum Größenwahnsinns der Schwaben (sie wollen ihren Bahnhof unter die Erde legen, so wie wir alle unter die Erde kommen, früher oder später), den ihm die Montagsdemonstranten schon über 160 Mal aus der Hand gerissen haben, zeigt in seiner Autobiografie auch seine privatesten Seiten. Ungeschönt und ehrlich. Und so heißt sie auch:

alles_luege„Alles Lüge außer ich“
Sie ist im kleinen, lokal verankerten Silberburg-Verlag erschienen.

Mühelos gelang es Peter Grohmann mit seiner Lesung, den großen Saal im Theaterhaus mit 400 Zuhörer zu füllen.

Musikalisch untermalt wurde die Matinee durch den virtuosen Akkordeonisten Ernst Kies. Ernst Kies stammt aus Kasachstan und ist mit einer göttlichen Tenor-Stimme gesegnet. Wunderbar, wie er die Stimmungen des Buches in Stimmungen auf dem Akkordeon übersetzt.

Als Peter zum Schluss die Danksagung aus seinem Buch an die vielen Menschen vorlas, die das Buch ermöglicht haben, war er sichtlich gerührt. Von der Bühne verabschiedet wurde er von seinem engen Freund Werner Schretzmeier, Leiter des Theaterhauses, mit einem riesigen Blumenstrauß. Hoffentlich bleibt der unruhige Geist von Peter Grohmann der Stadt Stuttgart noch lange erhalten, auf dass er noch viele Aktionen anstiftet.

Wieder ein erfolgreicher Stipendiat des Schriftstellerhauses im Literaturhaus

15.10.2013 at 21:25

geltinger

Am 14. September las der Schriftsteller Gunther Geltinger im Literaturhaus aus seinem gerade im Suhrkamp-Verlag erschienenen Roman „Moor“. Moderiert wurde der Abend von dem ehemaligen Leiter des Literaturhauses Köln, Thomas Böhm. Beide kennen sich gut, Geltinger wohnt heute in Köln. Dieses gegenseitige Kennen und Respektieren war die Basis für ein gelungenes Gespräch, in dem beide brillante Punkte setzten.

Der Roman „Moor“ erzählt die Geschichte des dreizehnjährigen Dion am Ende der Kindheit. Dion stottert und wächst ohne Vater auf. Er ist voller Sehnsucht nach einer intakten Sprache. Das Moor ist sein Revier. Geltinger lässt keinen allwissenden Erzähler auftreten, dafür gibt er dem Moor eine Stimme. Das Moor erzählt die Geschichte des Verhältnis des Sohnes zu seiner Mutter, einer erfolglosen Malerin, die ihr Scheitern in der Kunst und im Leben mit ihrer grenzüberschreitenden Liebe zum Sohn kompensiert.

Dion ist ein Kenner des Moores und sammelt Libellen. So verwundert es nicht, dass eine Libelle zentrales Motiv der Gestaltung des Buchumschlages ist. Im Gespräch mit Thomas Böhm erklärte Gunter Geltinger die Lebenswelt der Libelle. Der Schlüpfen der Libelle ist für ihn Metapher für die Phase zwischen Jugend und dem Erwachsensein.

Gunter Geltinger sprach an diesem Abend ganz offen über das Stottern. Als Kind stotterte er selber. Ganze Synonymwörterbücher entstanden in seinem Kopf, um die sprachlichen Klippen umschiffen zu können. Diese aus der Kindheit herrührende Sprachaneignung schlägt sich in seinen Texten nieder.

In der freien Rede spürt man nichts von diesem Handicap. Aber wenn Geltinger liest, kommt es zu Stockungen. Seine zartgliedrigen Hände unterstreichen seine Lesung in weit ausholenden Gesten. Der Text kommt dadurch in Fluss. Für einen Stotterer, so erklärt Geltinger, ist der Nachname des Jungen ein Verhängnis: Katthusen. Mit diesem harten Konsonant am Anfang ist er gestraft und mit dem „t“ in der Mitte doppelt. Am Ende seiner Kindheit erzählt Dion seine Geschichte: von der Sehnsucht nach einer intakten Sprache, die nicht voller Löcher und Spalten ist wie der morastige Boden am Rand des norddeutschen Dorfes, in dem er aufwächst.

Die Mutter braucht sein Stottern, um mit ihrem eigenen Leben klar zu kommen (sie ist nicht nur Malerin sondern arbeitet auch als Prostituierte). Würde Dion nicht stottern, müsste sie ihn in die Welt entlassen. So aber bindet sie ihren Sohn an sich und wird übergriffig. Das alles hat Geltinger in vier große Kapitel gegossen, die nach den vier Jahreszeiten benannt sind.

Was Menschen tun, um der Einsamkeit zu entkommen, wie sie andere verletzen, um die eigene Versehrtheit an Körper und Seele auszuhalten und was sie dabei der Liebe zumuten und abverlangen, davon erzählt dieser Roman in einer Sprache voller lyrischer Bilder. Als ich Gunther Geltinger zum ersten Mal Entwürfe zu diesem Roman lesen hörte, war er Stipendiat des Schriftstellerhauses. Nun liegt das fertige Werk vor und wartet auf seine Leser.

Schwierige Koalitionsverhandlungen

12.10.2013 at 19:41

rad_03Die CDU hat knapp die absolute Mehrheit bei der letzten Bundestagswahl im September verfehlt. Nun sucht sie einen Regierungspartner und das im Wahlkampf geschmiedete Bündnis zwischen SPD und Grüne rennt der CDU hinterher um an die Macht zu gelangen. Beide haben es im Tandem nicht geschafft, die Bundesregierung unter Merkel abzulösen.

Umso kurioser scheint es nun, wie die beiden Parteien um die Gunst der starken Kanzlerin buhlen. Einer will den anderen überholen. Aber nach der krachenden Niederlage scheint mir das ehemalige Tandem doch arg gebeutelt.