Odile Kennel bewohnt das Stuttgarter Schriftstellerhaus

07.02.2014 at 11:23

odile_kennelOdile Kennel ist die erste von vier Stipendiaten, die für ein viertel Jahr mit ihren schriftstellerischen Ambitionen 2014 ins Haus „Kanalstraße 4″ einzieht. Am 4. Februar stellte sie sich mit einer Lesung dem literarisch interessierten Publikum vor.

Sie hat französisch-deutsche Wurzeln, ist das Kind einer Städtepartnerschaft, wie sie humorvoll erklärte. An diesem Abend las sie sowohl aus dem Text, mit dem sie sich um das Stipendium beworben hatte und den sie hier weiter schreiben will, als auch aus ihrem bei DTV erschienen Roman „Was Ida sagt“. Ort der Handlung dieses Romans: die Normandie.

Eine komplizierte Geschichte, die aus drei verschiedenen Frauenperspektiven erzählt wird: Ida, Paulette und Louise. Was taugen Erinnerungen und wer steht in wessen Schuld? Alles beginnt in den achtziger Jahren, als die jüngste Protagonistin Louise zur Beerdigung ihrer Großtante in die Heimat reist. Nach elf Jahren der Abwesenheit. Sie hatte nach dem Tod ihres Vaters 18-jährig ihre französische Heimat verlassen und zog nach Berlin, um Geschichte zu studieren. Nun trifft sie auf ihre Mutter Paulette und deren Cousine Ida, die ihr bis dahin vollkommen unbekannt war.

Die Geschichte geht zurück in die Zeit der deutschen Besatzung und beschreibt die Folgen einer Liebe zwischen Menschen aus verfeindeten Völkern. Liebe kennt keine Grenzen und schert sich nicht um Nationalitäten. Damals nannte man diese Liebe „horizontalen Kollaboration“.

Welche Folgen, hier auf familiärer Ebene, hat der Krieg? Wie lange wirken Verletzungen der Seele nach? Das sind Fragen, die dieser Roman stellt, die heute immer noch aktuell sind. In diesem Jahr jährt sich zum hundertsten Mal der Ausbruch des ersten Weltkriegs. Wir blicken auf den Ausbruch des 2. Weltkriegs vor 75 Jahren zurück, der für diese Geschichte so prägend ist. Und in diesen Tagen fährt unsere Verteidigungsministerin nach Afghanistan und Mali, um den deutschen Soldaten zu vermitteln, wie „wertvoll“ ihr Einsatz dort ist. Wenn Krieg schon in der kleinsten gesellschaftlichen Einheit, der Familie, so schmerzhafte Spuren hinterlässt, wie schlimm sind sie dann erst die im kollektiven Gedächtnis?

Es ist sicher kein Antikriegsbuch, das Odile Kennel geschrieben hat. Es sind die Bilder, die sie im Text durchscheinen lässt, die die Fragen nach Freund und Feind aufwerfen. Es ist das Buch einer Autorin, deren Eltern die Vorurteile und den Hass auf die Menschen einer anderen Nation überwunden haben und die Liebe in den Mittelpunkt gerückt haben. Wir können heute glücklich sein, dass diese Völkerverständigung auf so fruchtbaren Boden gefallen ist.

Das Thema „Nie wieder Krieg“ ist aktueller denn je, nicht nur im Jahr des Gedenkens des Ausbruchs des ersten Weltkriegs. Ich bin bei den Anstiftern in einer Gruppe, die dieses Datum in den Blick nimmt und die Linien zwischen 1914 – 1939 – 2014 aufzeichnen will. Es wird Artikel hier im Elsternest dazu geben, versprochen!

Odile Kennel schreibt neben Prosa auch Lyrik. Wir werden Gelegenheit haben, ihre lyrische Seite am 13. März im Schriftstellerhaus kennen zu lernen.

20 Jahre Literaturblatt – Ein Grund zu feiern

03.02.2014 at 21:28
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Irene Ferchl feierte am Freitag, den 31. Januar 2014, das 20jährigen Bestehen des Literaturblatts, das sie gegründet hat und heraus gibt. Im wahrsten Sinne des Wortes lud das Literaturblatt zu sich nach Hause ein: In den Galeriesaal der Stuttgarter Stadtbibliothek. Hier, umgeben von Büchern, spielte eine Jazz Combo auf und der auf literarischen Pfaden sicher wandelnde Redakteur des SWR, Wolfgang Niess, führte mit leichter Hand durchs Programm. Er kennt das Projekt von Anfang an. Schon bei der ersten Nummer des zweimonatlich erscheinenden Heftes, sprach Wolfgang Niess mit Irene Ferchl über die Literaturzeitschrift, die das literarische Leben – anfänglich in der Region Stuttgart – mittlerweile in ganz Baden Württemberg in den Blick nimmt und darüber berichtet.

Ein ähnliches Zeitungs-Projekt des Verlegers Johann Friedrich Cotta stellte eine vierköpfige  Theatergruppe vor: Zwei Jahre, von 1795–1797 gab Friedrich Schiller die Zeitschrift „Die Horen“ heraus, die monatlich in der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung in Tübingen erschien. Auch hier spielt Irende Ferchl eine gewichtige Rolle. Sie zeichnet für die Dramaturgie verantwortlich, Robert Atzlinger für die Inszenierung und Textfassung. Einen Ausschnitt daraus wurde an diesem Abend über die vielen Treppen des Galeriesaals hinauf und hinunter gespielt.literaturblatt_02

Das Literaturblatt erscheint seit vielen Jahren im S. Hirzel Verlag. Sein Verleger, Dr. Christian Rotta, zeigte in seiner Laudatio, welche Verbindungen es zwischen Medikamenten und Literatur gibt, zwischen Apothekern und Schriftstellern. Bekannte Schriftsteller wie Jean Paul waren von Hause aus Apotheker. Arzneimittel sind ähnlich wie Bücher strengen Kriterien der Vermarktung unterworfen. Es passt, dass der S. Hirzel Verlag zur Verlagsgruppe Deutscher Apotheker Verlag gehört.

Wolfgang Niess sprach mit Irene Ferchl über die Anfänge und Wegstationen ihres Blattes. Alle bisher erschienen Ausgaben hatte sie aus ihrem Keller mitgebracht und auf dem Lichtpodest des Galeriesaales ausgelegt. So wurde die Vielseitigkeit der Themen rund um die Literaturszene sichtbar gemacht.

Heinrich Steinfest redete über seine Ankunft in Stuttgart, erzählte, wie das Literaturblatt und die Stadtbibliothek ihm ein Anker in der Region wurden. literaturblatt_03Er hatte ein Kapitel aus seinem neuen, noch nicht erschienenen Roman „Der Allesforscher“ mitgebracht, der ins Stuttgart spielt. Seine Lesung bildete den krönenden Abschluss des gelungen Programms.

Am kalten Buffet, bei Wein, Bier und vielen Gesprächen klang der Abend aus. Dem Literaturblatt und Irene Ferchl wünsche ich für die Zukunft alles Gute, auf dass wir weiterhin viele anregende und informative Ausgaben in Händen halten können.

Dengler ermittelt wieder – Steinkopf hilft ihm dabei

26.01.2014 at 11:39

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Am 23. Januar las der Stuttgarter Kriminalschriftsteller Wolfgang Schorlau aus seinem neuen Dengler-Krimi in der Buchhandlung Steinkopf. Ein Heimspiel: Wolfgang Schorlau verortet den Lebensmittelpunkt seines Privatermittlers Dengler nur einen Steinwurf von der Buchhandlung entfernt im Bohnenviertel, im Haus der Weinstube „Basta“.

Nicht nur den Namen seiner Stammkneipe übernahm Schorlau in seinen Krimi, wie er anfänglich ausführlich darlegte, auch der Wirt hat eine kleine Nebenrolle. Er serviert seinem „Hausbewohner“ immer wieder einen doppelten Espresso und seinen Lieblingswein, den Grauburgunder. Ebendiesen bot der Gastgeber Reiner Steegmüller im Anschluss an die Lesung seinen etwa 90 Gästen an.

Über alle sieben Folgen hinweg bleibt der Wirt Markus stumm. Mittlerweile hat der reale Markus aber den Wunsch geäußert, zumindest einen Satz im Kriminalroman zu erhalten. Schorlau räumte ein, dieser Wunsch würde ihm großes Kopfzerbrechen bereiten:
Einen Satz – der muss aber dann auch sitzen!

Über sein Personal, den Privatdetektiv Dengler und seine ihm mittlerweile nahestehende Nachbarin Olga, plaudert der Autor, als seien es gute Bekannte und nicht erfundene Romanfiguren.

Wie immer greift der Autor brisante gesellschaftliche Themen auf. In dieser Folge sind es die Fleischindustrie, Massentierhaltung und die katastrophalen Arbeitsbedingungen der osteuropäischen Arbeiter. Geschickt verknüpft er den Fall mit der persönlichen Betroffenheit Denglers. Sein Sohn ist in die Hände der „Fleischmafia“ gefallen. Er hat sich einer Aktivistengruppe angeschlossen, die die Massentierhaltung verurteilen. Nicht wie üblich in den Privat-Eye-Krimis ist es eine hübsche Unbekannte, die den Auftrag an den Privatermittler vergibt sondern seine geschiedene Ehefrau heuert ihn an. Sie hat Angst um ihren Sohn, den sie in Barcelona vermutet, der sich aber telefonisch nicht meldet.

Mithilfe seiner Lebensgefährtin Olga gelingt es Dengler, sich nach zwölf Tagen einen Weg zu seinem Sohn und seinen Freunden durch das Dickicht der kriminellen Machenschaften der Fleischindustrie zu schlagen. Olga hat sich im Laufe der Serie von einer professionellen Taschendiebin zur Computerspezialistin mit Schwerpunkt Computerhacken „umgeschult“. Sie gibt Dengler, durch das Knacken der Festplatte des Sohnes, die entscheidenden Hinweise.

Schorlau legte den Krimi multiperspektivisch an. Wie diese Handlungsstränge am Ende zusammen finden, verriet er an diesem Abend natürlich nicht. Ich kaufte mir den Krimi, damit ich die ausgelegten Puzzelteile zusammen fügen kann.

Ein großes Lob möchte ich Herrn Steegmüller und seinen Kolleginnen aussprechen, die in ihrer Buchhandlung den perfekten Rahmen für eine Lesung gaben und damit das literarische Leben in Stuttgart beflügeln. Diese Nähe zum Buch und seinem Autor können die Online-Portale nicht herstellen. Ich werde auf jeden Fall weiterhin meine Bücher in kleinen Buchhandlungen kaufen, um diese kulturelle Vielfalt zu unterstützen.

Am zwölften Tag: Denglers siebter Fall
352 Seiten, Verlag: KiWi-Taschenbuch, Preis: 9,99 €
zu erwerben in der Buchhandlung Steinkopf oder in jeder anderen Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Mein Hemd überwacht mich

17.01.2014 at 11:54

nsa

Vor kurzem kaufte ich mir Sportkleidung bei Decatlon und wurde zum ersten Mal mit diesem, in der Kleidung angebrachten, RFID-Chip (radio-frequency identification) konfrontiert. Warum machen die das, fragte ich. Angeblich steuern sie damit ihre Logistik. In den Paketen wird mittels RFID-Technologie der Inhalt abgefragt und an den richtigen Empfänger gebracht.

Nun ist bei dem Chip ein Scherenzeichen angebracht. Man kann, soll, es abschneiden. Damit ist die Sache erledigt. Aber es stellt sich doch die Frage, wie werden wir überwacht, welche Methoden gibt es? Der RFID-Chip ist nur eine Form. Dieser befindet sich übrigens mittlerweile in einem Großteil der Ersatzteile der Automobilindustrie, damit sie nach verfolgen können, ob Originalteile ersetzt wurden.

Die Enthüllungen von Edward Snowden zeigen nur die Spitze des Überwachungseisberges. Darunter liegen all die Dinge, die wir tagtäglich mit uns machen lassen oder selber machen. Das Smartphone, das ständig Daten von uns ins Netz stellt. Das erlauben wir ihm! Die internetfähigen Fernsehgeräte, die unsere Sehgewohnheiten übertragen. Der E-Book-Reader, der zurück meldet, welches Buch wir lesen, wie lange wir es gelesen haben und wann wir voraussichtlich mit der Lektüre fertig sind. Grundsätzlich kann gesagt werden: Alle Geräte, die mit dem Internet verbunden sind, geben etwas von unserer Privatsphäre frei. Weiterhin geben wir immerzu Auskunft über unser Einkaufsverhalten, wenn wir bei den Händlern unsere Kundenkarten oder Payback-Karten über die Scanner an den Kassen ziehen lassen. Ganz zu schweigen von den Bestellungen, die wir im Internet tätigen.

Ein Mensch, der keine Geheimnisse hat, hat keine Grenzen, ist nicht integer, sagt Juli Zeh, die Initiatorin der Petition „Writers Against Mass Surveillance“.

Ich kann ihr nur zustimmen. Warum verhindern wir dann nicht, dass unsere Intimsphäre tausendfach missachtet wird? Dort, wo wir es können? Ich habe diese Petition unterschrieben. Ich nutze kein Smartphone, keinen intelligenten Stromzähler und schneide RFID-Chips ab, sobald ich sie entdecke. Aber ich gebe mich keiner Illusion hin: Für mich ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich in der „Datenwolke“, wenn auch nur als Leerstelle, identifiziert bin. Weil die modernen Staatsbürger diese Technologien so lieben und ihnen ein einfaches Einkaufs-„Leben“ vorgegaukelt wird, gibt es gegen die Totalüberwachung keinen massenhaften Aufschrei.

Die 562 international anerkannte Autorinnen und Autoren, die sich zu einer öffentlichen Intervention gegen die Gefahren der systematischen Massenüberwachung zusammengeschlossen haben, sind nur eine verschwindende Minderheit. Exoten, die sich mit guten Büchern beschäftigen. Ihr Protestschreiben wird, so ist zu befürchten, im Rauschen der digitalen Kommunikation unter gehen. Das wird mich allerdings nicht vom eigenen Denken abhalten.

Schlechte Filme hauen einen aus der Hose

08.01.2014 at 9:49

Aus der Hose gehauenWirklich schlechte Filme haben auf den Zuschauer eine extreme Wirkung. Mir ging es gestern so, als mich meine Arbeitskollegen überredeten,  „Machete Kills“ anzuschauen. Mit einer heftigen, körperlichen Reaktion, die mich aus der Hose haute, hatte ich nicht gerechnet.