Von der Küste gestürzt – Auf der Suche nach dem Verstehen

11.03.2014 at 9:50

andreas_neeserAndreas Neeser hat im letzten Jahr als Stipendiat des Schriftstellerhauses an seinem nun erschienen Roman: „Zwischen zwei Wassern“ geschrieben. Am 6. März las er auf Einladung des Schriftstellerhauses in der LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart daraus Auszüge.

Der heute 50-jährige Autor studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Dreizehn Jahren unterrichtete er an einem Gymnasium, bevor er den Dienst quittierte und sich ganz der Schriftstellerei widmete.

Immer wieder hat ihn die Bretagne zu Gedichten inspiriert, erzählte er seiner Gesprächspartnerin Astrid Braun. Lange sei ihm keine Idee für eine längere Geschichte während seiner Aufenthalte gekommen. Und dann ist es doch passiert. Das Ergebnis liegt nun mit dem 184 Seiten umfassenden Roman vor.

Wasser und die Küste sind Sehnsuchtsorte, wie Astrid Braun in ihrer Einführung erläuterte. Wir fahren als Urlauber dorthin. Immer wieder, so wie auch der namenlose Ich-Erzähler. Über Jahre hält er Kontakt mit dem dort lebenden Deutschen Max, einer Künstlerseele, der mit den Fischern lebt und Steinbrocken behaut. Dann passiert ein Unglück: Der Erzähler und seine Freundin Véro stürzen ins Meer. Sie ertrinkt, er wird gerettet. Ein Jahr nach dem tragischen Unfall kommt der Zurückgebliebene wieder nach Feunteun Aod, ein kleines Fischerdorf in der Bretagne, will endlich einen Neuanfang machen und das Geschehen hinter sich lassen. Er, Lehrer wie ehedem sein Autor, ist ein Kläger ohne einen Angeklagten, denn das Meer nimmt, ohne dafür verurteilt werden zu können. Bild um Bild zerreißt der Ich-Erzähler auf der „Kanzel“, einem Felsvorsprung, die Bilder der Erinnerung, stopft sie in die Köpfe von Seetieren und wirft sie über die Klippe. Véro strahlt auf den Bildern wie eine, der das Glück alle Glieder lang zieht. Und er hat sie nie gefragt weshalb. Und nun ist er mit seiner Trauer allein, die er erst nach einem Jahr hier am Ort des Geschehens zulassen kann. „Portionenweise gebe ich etwas von ihr her, alles, weil es anders nicht geht. Weil es irgendwie gehen muss. Krabbenfutter. Was für ein Wort.“, heißt es im Roman. Um das Meer zu verstehen braucht es nur zwei Aussagen, erklärt ihm der Fischer John le Bars:
Das Meer nimmt. Das Meer macht keine Fehler.

So einfach ist das für die Leute hier, die gelernt haben, mit den Gefahren des Meeres zu leben und von ihm. Véro hatte diese Lektion nicht gelernt, bevor sie von der Welle erfasst wurde, die sich fünf Kilometer vor der Küste auftürmte und dann mit voller Wucht aufprallte. Wie kann Trauer gelingen, wenn es keine Leiche, kein Grab gibt, auf das man Blumen legen kann? Wie kann ein Neuanfang aussehen? Das verrät Andreas Neeser an diesem Abend nicht aber er gibt Antworten auf diese Frage und auf die von Schicksal, Zufall und Schuld in seinem neuen Buch, geschrieben in einer dichten, lyrischen Sprache.

Zwischen zwei Wassern
184 Seiten, gebunden. Erschienen im Haymon Verlag, Preis: 17,90 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Platz da für alle!

09.03.2014 at 21:55

gubenFaschingsdienstag – Der Anstifter Günter Guben lud wieder ein, las aus seinen humoristisch, ironische Texten. Letztes Jahr war es im Hegelhaus so voll, dass der „Hausherr“ Frank Ackermann viele Besucher abweisen musste. Mehr als 35 Personen lässt die Feuerwehr nicht in den gemütlichen Denkerkeller hinein, in dem die Anstifter regelmäßig über Philosophie nachdenken. Diese Jahr konnte Günter Guben im Haus der Humanisten Baden-Württembergs lesen, eine gute Adresse für die geistigen Regungen jeder Art.

Günter Guben ist Autor, Maler, Zeichner und Photograph, arbeitete bis 2003 hauptberuflich als Regisseur im Kulturbereich des Südwestrundfunks in Stuttgart, von 2004-2010 leitete er das  Stuttgarter Schriftstellerhaus. Günter Guben ist ein Meister der kurzen, pointierten Form, oft kommen seine Texte in reiner Dialogform daher. An diesem Abend las er neben vielen Situationstexten wieder von Kippstein, seinem Alter Ego.  Schreibanlässe findet er selbst auf Langspielplatten, so z. B.  der von Langspielplatte von Joseph Beuys, deren A-Seite nur aus dem Wort „Ja“, die Rückseite nur aus dem Wort „Nein“ besteht. Wie er dieses Gegensatzpaar auflöst, lässt einen unwillkürlich schmunzeln.

Begleitet wurde er von dem bekannten Jazz-Pianisten Patrick Babelaar. Dem stand ein Flügel in dem herrschaftlichen Saal zur Verfügung und das war auch gut so. Auf dem konnte er im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Vollen schöpfen:

Aus den Tiefen seiner Bassläufe ließ er die Melodien heraufsprudeln, dass mir die Ohren klingelten und mein Atem stockte. Auch er heiter-verspielt in seiner Darbietung, die gut zum Datum, Faschingsdienstag passte.

Zum Ausklang des Abends lud der Hausherr, Andreas Henschel, Geschäftsführer des Württemberger Verbandes, zu einem Glas Wein und Faschingsküchle ein, bot Raum für persönliche Gespräche mit dem Autor und den vielen Gästen.

Aus der Reihe: „Ein wundersamer Ort“

06.03.2014 at 18:18

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August 1914. Literatur und Krieg – Eine Annäherung

05.03.2014 at 22:40

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Nie wurde Krieg so vielschichtig aus der Sicht der Betroffenen beschrieben wie 1914. Nichts scheint (außer vielleicht die Liebe) das Schreiben so notwendig zu machen wie der Krieg:
28,7 Milliarden Briefe und Postkarten wurden in der Zeit zwischen 1914 und 1918 geschrieben.

Die Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne zeigt Briefe und Tagebuchauszüge aus dem riesigen Fundus des Deutschen Literatur Archivs Marbach. Dieser Fundus umfasst etwa 18.500 Texte. Die Anstifter luden zu einer Führung durch diese, aus literarischer Sicht höchst interessante Ausstellung, ein. Renate Brunner führte uns durch die Ausstellung und las aus Tagebüchern und Briefen einiger Schriftsteller und Schriftstellerinnen und stellte die Frage: Was ist der August 1914 für die einzelnen Menschen? Wie verhält sich die private Zeit zur historischen Zeit? Was wird in diesen vier Wochen geschrieben?

Sie stellte uns u. a. den Elsässer Dichter Ernst Stadler vor. Er ist dreißig Jahre alt, als der erste Weltkrieg begann. Stadler, der in Oxford studiert und in Brüssel deutsche Literatur unterrichtet hat, beginnt am 31. Juli ein Kriegstagebuch: „Morgens Einkäufe: Revolver“. Am selben Tag, einem Freitag, nimmt der gleichaltrige Franz Kafka in Prag sein Tagebuch in die Hand: „Ich habe keine Zeit. Es ist allgemeine Mobilmachung. K. und P. sind einberufen. Jetzt bekomme ich den Lohn des Alleinseins. Alleinsein bringt nur Strafen.“

Stadler und Kafka sind nur zwei Autoren, deren Tagebücher oder tagebuchähnlichen Briefwechsel in der Ausstellung wiederholt aufgeschlagen werden – der August 1914 wird Tag für Tag aus dem Archiv geholt, der Zeitraum danach stichprobenartig. „Zeit“ lässt sich aus diesen meist kleinformatigen Büchern und Briefen sehr persönlich und konkret entfalten. Jedes Tagebuch, jeder Brief ist für sich ein eigener historischer Erfahrungsraum, alle zusammen sind sie eine Begegnung mit den vielen Stimmen dieses ungeheuren Krieges, der 9,5 Millionen Soldaten das Leben kostete.

Die Ausstellung wird ergänzt durch eine Truppenbücherei. 10 Millionen Bücher wurden über mobile Büchereien den lesehungrigen Soldaten in den Schützengräben zugänglich gemacht. Wir  erfuhren in der exemplarischen Bücherei, was die Soldaten lasen. Anspruchsvolle Literatur, philosophische Bücher aber auch Sachbücher und Unterhaltungsliteratur. Eine propagandistische Ausrichtung, wie sie im 2. Weltkrieg erfolgte, gab es im ersten Weltkrieg noch nicht. Hermann Hesse, wegen seiner Kurzsichtigkeit „kriegsuntauglich“, widmete sich z. B. der Zusammenstellung von Soldatenbüchereien.

Die Anstifter haben sich mit einem halben Dutzend Initiativen zu einem Netzwerk zusammen geschlossen, um die Ereignisse von 1914 zu reflektieren, gleichzeitig aber auch die heutigen Kriegsgefahren in den Blick zu nehmen. Deswegen ist auch heute der Titel des Buches der Friedensaktivistin Bertha von Suttner aktuell wie 1898: „Die Waffen nieder!“lit_museum_3

Aus der Reihe „Ein wundersamer Ort“

01.03.2014 at 22:08

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Ist es nicht merkwürdig? Da wird die Flora und Fauna durch die zwei Infrastrukturprojekte „Stuttgart 21“ und „Rosensteintunnel“ im Rosensteinpark und am angrenzenden Neckarufer radikal dezimiert und die Künstler setzen mit ihren Spraydosen dem Eisvogel – der am Neckar gesichtet wurde – ein Denkmal. Die beiden Bäume rechts und links beziehen sie dabei wie selbstverständlich gleich in ihre Kunst mit ein.

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Dunkle Gestalten kämpfen Kampf gegen die Natur. Sie erweist sich als wandlungsfähig und daher als schwer angreifbar. Diese Gestalten verbreiten den Tod.

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Das wachsame Auge blickt auf die Dämonen des Fortschritts.auge