Wessen Stadt? – Unsere Stadt!

30.12.2013 at 12:54

Rote Flora Hamburg

Ich bin am 22. Dezember in Hamburg angekommen, einen Tag nach den gewalttätigen Demonstrationen auf der Reeperbahn und vor der „Roten Flora“. An drei Themen entzündeten sich die Auseinandersetzungen mit der Polizei:

  • Der Wohnraummangel rund um die Esso-Häuser, die von der Stadt aufgrund akuter Einsturzgefahr geräumt wurden
  • die Forderungen nach Bleiberecht für alle Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsgebieten (Lampedusa ist überall) und
  • der drohenden Räumung der Roten Flora, das selbstverwaltete Kulturzentrum, das der Musicalbranche in den achtziger Jahren abgetrotzt wurde.

7.000 bis 10.000 Demonstranten sollen am 21. Dezember auf den Straßen gewesen sein und tausende vom autonomen Block, die die Auseinandersetzung mit der Polizei nicht scheuten. Seit drei Jahren demonstrieren die Stuttgarter Bürger friedlich gegen den unterirdischen Bahnhof. Hier in Hamburg kommt es seit Jahren zu gewalttätigen Demonstrationen: Pflastersteine und Gehwegplatten werden auf Polizisten geschleudert, Farbbeutel fliegen hinterher und verspotten so die getroffenen Polizisten. Wo kommt dieser Hass her, der auch vor Schaufensterscheiben und Polizeiautos nicht Halt macht? Welches Ziel verfolgen die Demonstranten, die so etwas machen? Fühlen sie sich als Kämpfer für eine Sache, die es erlaubt, alle Grenzen zu durchbrechen, Verletzte in Kauf nehmen zu können? Welche Illusionen haben sich in ihren Köpfen festgesetzt? Wollen sie mit diesen Aktionen das „repressive System“ herauszufordern und dadurch ein Zeichen setzten? Die berechtigten Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum in der Innenstadt, nach Aufnahme der unter Krieg leidenden Flüchtlinge in einer reichen Stadt und nach selbstbestimmter Kultur werden unter dem Hagel der Steine und dem Hass begraben. Das kann die Bewegung nur durch langfristig angelegte Aktionen voran bringen, mit dem Aufbau von Netzwerken, die in die Mitte der Bürgergesellschaft vordringen und sich dort festsetzten. Die Steine werfenden Demonstranten katapultieren sich aus den Herzen derjenigen, die sich solidarisch mit den Flüchtlingen gezeigt haben, die eine andere Stadtpolitik diskursiv voran bringen, die aufdecken und anprangern. Gewalt war noch nie eine Lösung. Alle gewaltsam herbei geführten Veränderungen haben schlussendlich die Bewegungen kannibalisiert und brutalisiert. Ein Blick in die Geschichtsbücher würde genügen, das zu erfahren und die Möglichkeit geben, über die eigene Aktionsform nachzudenken.
Andere mit nehmen, zu Aktionen der Zivilgesellschaft anzustiften, das ist große Stärke der Protestbewegung rund um den Stuttgarter Bahnhof, die viele zum Nachdenken über diese Fragen gebracht haben, auch wenn sie mit ihrer Kernforderung „Oben bleiben – Erhalt des Kopfbahnhofes“ nicht erfolgreich war. Wir werden auch im nächsten Jahr an den Themen dran bleiben und Fragen stellen: Wessen Stadt? Wofür und wie wollen wir leben? Was soll eine solidarische Gesellschaft aussehen. Das werden wir bunt, kreativ und mit viel Humor tun.Hamburg - Selbstbestimmtes Leben

 

Ringelnatz – Eine Annäherung

20.12.2013 at 13:25

Lesung Ringelnatz_Buch und Plakat

Am 13. Dezember 2013 las ich Gedichte aus dem Werk von Ringelnatz im Antiquariat
„Buch & Plakat“. Dabei schlug ich einen weiten Bogen von den Anfängen bis hin zu den politisch-anarchistischen Gesängen des Franz Josef Degenhardt. Hintergründe zum Leben von Ringelnatz, seine Verfolgung und Bücherverbrennung durch die Faschisten kamen ebenso zur Sprache wie seine Leidenschaft für die Seefahrt, der er mit seinen Gedichten um den Seefahrer Kuddel Daddeldu ein Denkmal gesetzt hat.

mikrofonSabine Gärttling vom Freien Radio Stuttgart hat einen Mitschnitt der Lesung gemacht. Ausschnitte daraus sind am Samstag, 21.12.2013, ab 15 Uhr in der Sendung Kulturpalast zu hören. Über Antenne ist FRS  auf der Frequenz 99,2 MHz zu empfangen, über Kabel auf der Frequenz 102,1 Mhz. Im Internet wird die Sendung ebenfalls verfügbar sein, über den Lifestream (rechts auf der FRS-Seite).

 

Ausschnitte mit Sprachdateien aus dem Programm gibt es auf meiner Seite Lerchenflug.de unter der Rubrik Prosa.

Die ganze Wahrheit – rein subjektiv

14.12.2013 at 18:19

Peter Grohmann Alles Lüge außer ich

Der Anstifter und Kabarettist Peter Grohmann hat seine Autobiografie vorgelegt: „Alles Lüge außer ich“. Im Theaterhaus hat er sie an seinem Geburtstag vorgestellt, ich hatte mir gleich ein Exemplar gesichert.

Vorweg: es passt kein Blatt zwischen Peter Grohmann und seinen Text. Das Buch hat einen Sound, den man von Peter im realen Leben kennt. Mich hat dieser sofort in die Lektüre hinein gezogen.

Peter Grohmann blättert in acht großen Kapiteln sein Leben auf. Um diese großen Kapitel besser lesbar zu machen, unterteilt er sie in „Denkzettel“. Im ersten Kapitel geht er weit in seine Familiengeschichte zurück, die wichtig ist, sein engagiertes Leben zu verstehen. Großvater und Vater waren in der Arbeiterbewegung engagiert und Peter folgt der faustischen Weisung: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Die Wurzeln der Familie liegen in Meißen, Dresden und Breslau, wo er 1937 geboren wurde ebenso wie sein Vater, 30 Jahre vorher. Breslau und Dresden prägten und prägen den Grohmannschen Sprachsound.

Manchmal fragte ich mich bei der Lektüre, wie hat Peter seinen Humor über all die schlimmen Erlebnisse seiner Kindheit gerettet. Oder ist ihm gar daraus ein Galgenhumor erwachsen? Die Bombennächte in Dresden. Vertreibung – mehrfach: Von Breslau im Krieg nach Dresden vertrieben, bei Kriegsende aus Dresden wieder zurück nach Breslau, entgegen den Flüchtlingstrecks. Seine Mutter allein mit ihm und seinem Bruder, von Russen missbraucht. Nicht mit Eisenbahnen gespielt sondern mit Munition und altem Kriegsgelump. Er findet für die verletzte Kinderseele ein wunderbares Bild: Sein Teddi, den er als Kind überall mit hin nimmt, verliert mehr und mehr seine Gliedmaßen. Diese Kindheitsbeschreibungen berührten mich am stärksten.

Als sozialdemokratische Familie glaubten die Grohmanns, in der DDR die richtige Heimat gefunden zu haben. Aber der Sozialismus, der da gebaut wurde, hatte wenig mit Freiheit zu tun, die für die Familie unabdingbar mit dem Begriff verbunden war. Der Vater hatte die stalinistischen Auswüchse seiner Träume in russischer Gefangenschaft erlebt und türmte 1951 nach Westdeutschland, die Mutter mit den beiden Söhnen kurze Zeit später hinterher. Wieder auf der Flucht, aus dem dunklen Thüringer Wald in eine schwäbische Kleinstadt, in die Enge der christlichen Provinz. Nicht gerade die Freiheit, die sich die Grohmanns vorgestellt hatten.

Schule? Die hat Peter Grohmann in seinem Leben nur wenige Jahre besucht. Um so mehr las er später alles, was ihm in die Finger kam, linke Literatur bei den sozialistischen Falken, denen er sich im Westen angeschlossen hatte. Drucker ist er geworden. Er, der so wenig von den Bildungsanstalten verbogen wurde. Aufrecht arbeitete er in der Gewerkschaft. Immer wieder springt er von den biografischen Aufzeichnungen in die politische Aktion. Wie z. B. von der zeit in Zwiefalten (hier waren die Grohmanns nach der Flucht gestrandet)  zur Aktion der 70 km langen Farbspur. Eine Spur der Erinnerung an die Kranken und Behinderten, die in Grafeneck, 30 km von seinen damaligen Heimatort entfernt, im Faschismus ermordet wurden, gezogen bis nach Stuttgart. Das war im Jahr 2009.

Bei den Falken holte er sich das politische Rüstzeug. Er diskutierte über den Aufstand der Arbeiter 1953, interessierte sich für den Kampf der Schwarzen und knüpfte Kontakte in die DDR, seine alte Heimat. Das war im anderen deutschen Staat nicht ganz ungefährlich, selbst wenn man Linker war (und in der SPD). An diesen Stellen kristallisierte sich seine Unabhängigkeit heraus, sein Weg, abseits jeglichen Dogmatismus. Das wird an vielen kleinen Kristallisationspunkten in der Biografie deutlich. Es ist nur konsequent, wie er dabei seinen antimilitaristischen Standpunkt findet. Er ist einer der ersten Kriegsdienstverweigerer in Baden-Württemberg. Respektvoll beschreibt er seinen Mentor und Lehrer Fritz Lamm, einer, an den er sich halten konnte, abseits der parteipolitischen Ausrichtung.

Ganz nebenbei heiratete er auch noch und wurde zweifacher Vater. Mitte der sechziger Jahre, das beschreibt er sehr einfühlsam, hieß das, mit den herkömmlichen Erziehungsidealen zu brechen. Den ersten Kinderladen in Stuttgart hat er mit gegründet. Und den Club Voltaire. Prägend für sein politisch-kulturelles Engagement bis heute. Hier trifft er auf Willi Hoos, Bindeglied zur Arbeiterschaft bei Mercedes Benz, bekommt Kontakt mit der APO und Künstlern aus Stuttgart. Sie organisieren einen Apfelverkauf, um die Bauern im Umland zu unterstützen. So lange gibt es also schon den Gedanken, den wir heute als Fair Trade groß in Szene setzen.

All das beschreibt er in einem lebendigen Stil, die Jahre fließen im Buch nur so dahin. Er springt in den Kapiteln vom historischen Erzählen zu aktuellen Ereignissen, zieht Linien, durch die klar wird, wie alles zusammen gehört und wie sich das eine und das andere aus dem Historischen entwickelt hat. Dabei findet er immer wieder eine Sprache, die zwischen dem Dialekt seiner Mutter und lyrischen Formen changiert. Wunderbar, wie er seine neue Lebenspartnerin charakterisiert, die er über den Aufbau des Theaterhauses in Stuttgart kennen lernte: „Marlis…, die Architektin meines Lebens.“ Wer solche Sätze schreibt, hat das Herz auf dem richtigen (linken) Fleck.

Peter Grohmann breitet uns sein Leben aus, gewährt uns Einblicke in seine Entwicklung auch in sein Scheitern. Sein Versuch nach der Wende in Dresden Fuß zu fassen, einen anderen Weg als den von der herrschenden Klasse dort zu gehen, scheiterte. Ohne Groll gewährt er Einblick in dieses Kapitel seiner Biografie. Die Idee der „Anstifter“ hat er aus Dresden mitgebracht. Ich habe ihn kennen gelernt als Anstifter im Kampf gegen den wahnsinnigen Plan, den Stuttgarter Hauptbahnhof unter die Erde zu legen. Leider ist für mich gerade dieses letzte Kapitel das schwächste in dem Buch. An den Aktionen beteiligte ich mich seit Anfang 2010, kenne sie aus eigenen Erfahrungen. Vielleicht verwebe ich meine Erfahrungen zu sehr mit der Lektüre dieses wunderbaren Buches. Von wegen: „Alles Lüge – außer ich“. Wieder ein Kampf (politisch) verloren. Aber Peter Grohmann macht Mut mit seiner Biografie, hinzustehen, nicht aufzugeben, humorvoll die Dinge anzupacken, immer wieder, Tag für Tag.
Lasst uns gemeinsam ANSTIFTEN!

Peter Grohmann:
Alles Lüge außer ich – Eine politische Biografie
Silberburg-Verlag
320 Seiten, 121 Abbildungen, Format 14,5 x 21,5 cm, gebunden, 24,90 €
ISBN 978-3-8425-1267-2

Als Stipendiat im Schriftstellerhaus

02.12.2013 at 22:34
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Jaroslav Rudiš an seinem Stipendiatenschreibtisch

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Eine schmale Küchenzeile gibt es auch

Das Stuttgarter Schriftstellerhaus feierte dieses Jahr sein 30jähriges Bestehen. Grund genug, ein wenig tiefer in das Haus einzutreten, das nicht nur den hiesigen Schriftstellern eine Heimat ist, sondern auch seine Räume Stipendiaten zur Verfügung stellt. In der Regel kommen diese für drei Monate, können im Haus wohnen und an ihren Texten arbeiten.
Wie ist das möglich, in einem Haus, das als das schmalste Haus in Stuttgart bezeichnet wird? Ganz einfach: in dem man gastfreundlich ist.
In der dritten Etage des Hauses gelangt man über eine schmale Wendeltreppe in eine kleine Wohnung bestehend aus geräumigem Wohn- und Arbeitszimmer. Dieser Raum erstreckt sich über die gesamte „Breite“ des Hauses mit Blick auf den Charlottenplatz. Ihm gegenüber liegt das Schlafzimmer, getrennt durch einen winzigen Flur, in dem eine bescheidene Küchenzeile mit Kühlschrank, Mikrowelle und der obligatorischen Kaffeemaschine untergebracht ist. Von diesem Flur geht ebenfalls das Bad ab. Ich habe mich mit dem tschechischen Autor Jaroslav Rudiš im Schriftstellerhaus getroffen, um mit ihm über sein Stipendium und seinen Aufenthalt im Schriftstellerhaus zu sprechen. Als eingefleischter Biertrinker lädt er mich auf ein Bier ein: (weiterlesen)

Wie bist du auf das Schriftstellerhaus und die Möglichkeit aufmerksam geworden, hier ein Stipendium zu beantragen?
Ich war vor ca. eineinhalb Jahren zu Besuch in Stuttgart. Jaromir 99, der Zeichner der Graphic Novel „Alois Nebel“ und ich als Texter waren eingeladen, die Ausstellung im Literaturhaus zu eröffnen. Von Erwin Krottenthaler, verantwortlich für Finanzen und Projekte im Literaturhaus, erzählte mir von der Möglichkeit, über das Schriftstellerhaus ein Stipendium zu beantragen.

Mit welchem Text und wann hast du dich beworben?
Beworben habe ich mich mit ein paar kürzeren Texten, kann gar nicht mehr sagen, welche das im Einzelnen waren. Das war vor eineinhalb Jahren.

Und an wen hast du das geschrieben?
Direkt an das Schriftstellerhaus, an Astrid Braun. Ich wusste noch nicht so richtig, an was ich arbeiten werde.

Wann bist du in Stuttgart angekommen?
Vor drei Monaten, Anfang September

Wie bist du hier aufgenommen worden und von wem? Was hat dich anfänglich besonders interessiert?
Ich bin mit dem Zug aus Prag über Wien angereist. Ich liebe das Zugfahren, genau wie mein Held Alois Nebel. Dem Busfahren kann ich nichts abgewinnen. Es ist bedauerlich, dass die Zugverbindungen von hier nach Prag so schlecht sind.
(Anmerkung: Gerade hat die Bahn eine Verbindung von Stuttgart nach Prag eingerichtet. Bis Nürnberg fährt der Zug, dann geht es mit dem Bus weiter. Keine gute Entscheidung für unseren Bahnliebhaber.)
Empfangen hat mich Astrid Braun (die Geschäftsführerin des Hauses). Sie hat ja auch ihr Büro hier im Haus.
Anfangs war ich viel im Kino, meine große Leidenschaft neben dem Schreiben und der Musik.

Hattest du Pläne, Projekte, an denen du schreiben wolltest?
Ich wusste nicht so richtig, an was ich arbeiten werde. Dann hat sich ergeben, dass ich mit Jaromir99 an einer neuen Graphic Novel über einen tschechischen Polarforscher arbeiten wollte. Ich habe während der drei Monate das Szenario entwickelt. Jaromir99 hat immer wieder Skizzen beigesteuert, während ich die Dialoge schrieb. In der Geschichte geht es um eine historisch verbürgte Gestalt, den Polarforscher Jan Welzl, mit Spitznamen „Eskimo“ oder auch „Arctic Bismarck“ genannt.
Es gab noch ein paar andere Projekte/Texte, an denen ich gearbeitet habe:
An einem Exposé zu einer Kriegsgeschichte. Zusammen mit dem Drehbuchautor Martin Behnke aus Berlin. Er kam hierher und wir haben eine Woche zusammen den Stoff bearbeitet. Ich kannte ihn, wir haben zusammen das Drehbuch für „Semtex Blues“ geschrieben.
Ich schrieb eine literarische Reportage als Nachwort zur Neuausgabe von „Der brave Soldat Schwejk“, die Anfang Februar bei Reclam erscheinen wird. Die Pressefrau des Verlages hat mit mir ein Interview geführt, das passte gut, wo ich gerade hier war.

Was hat dir besonders gut gefallen an deinem Aufenthalt hier im Schriftstellerhaus?
Das Haus an sich. Diese zentrale Lage ist etwas Besonderes. Man kann alles zu Fuß erreichen ich musste mich zwingen, mit der Bahn zu fahren. Eine gute Bäckerei gibt es gleich um die Ecke genauso wie Rogers Kiste, diese tolle Musikkneipe.
(Anmerkung: schon viele Stipendiaten haben von den Gerüchen geschrieben, die sie in diesem Haus erlebt haben im speziellen denen aus der Bäckerei).
Es ist ein bisschen laut hier, das gehört einfach dazu, Stuttgart ist eine Autostadt, das merkt man ganz deutlich am Charlottenplatz. An dieser Kreuzung wird das jedem klar.

Du hast aus deinen Werken in der Kulturgemeinschaft gelesen, organisiert vom Schriftstellerhaus. Gab es darüber hinaus noch Lesungen in der Gegend, die sich aus deinem Aufenthalt als Stipendiat ergeben haben?
Ich war im Literaturhaus. Dort trat ich mit der Kafka-Band bei der Ausstellungseröffnung „Kafka im KomiK“ auf und übersetzte für Jaromier99, der nur Tschechisch spricht. Das war auch ein Stück Zusammenarbeit, die sich aus dem Aufenthalt hier ergeben hat. Ich hatte Lesungen außerhalb von Stuttgart, in Darmstadt, bin von Stuttgart zur Frankfurter Buchmesse gefahren. Das war super, alles schnell zu erreichen.

Woraus hast du da gelesen? Aus deinem Buch „Die Stille in Prag“, aus dem du hier gelesen hattest?
Ja daraus und aus anderen Werken, Alois Nebel war dabei. Ich bin schon wieder bei einem neuen Buch, es wird bei Luchterhand heraus kommen: „Vom Ende des Punks in Helsinki“. Das ist auch Teil des Aufenthaltes, ich lese die deutsche Übersetzung seit Tagen. Ende der Woche kommt meine Lektorin aus München und wir wollen zusammen die Übersetzung des Manuskripts durcharbeiten.
jaroslav_05Es geht um ehemalige Punkts aus der Tschechoslowakei und der DDR in den späten achtziger Jahren und was aus denen geworden ist. Es wird etwa 300 Seiten haben und ist das dickste Buch, das ich bis heute geschrieben habe. Es soll am 7. März erscheinen.
Für Schüler habe ich im Haus einen Workshop zu Kurzgeschichten durchgeführt, das war ganz spannend, mit etwa zehn Gymnasten zu arbeiten. Es gab ein paar richtig gute Texte darunter.
Den Workshop zu Comics mussten wir leider verschieben, ich war krank. Aber im Januar werde ich das mit Jaromir99 hier durchführen.

Welche aushäusigen Aktivitäten haben dich hier in Stuttgart beschäftigt?
An erster Stelle ist das Kino zu nennen. Am Anfang war ich mehrmals in der Woche im Atelier im Bollwerk, ein tolles Kino. Genauso wie das Delphi.
Im Bollwerk wird Mitte Dezember die Verfilmung unserer Graphic Novel „Alois Nebel. Leben nach Fahrplan“ zu sehen sein. Begeistert bin ich vom Mineralbad Leuze, dort war ich jede Woche zweimal in der Sauna. Herrlich!

Du hast lange in Berlin gewohnt, kennst Leipzig gut, in Prag bist du zu Hause. Alles große Städte. Wie ist dir Stuttgart begegnet? Was hat dich an dieser Stadt berührt, was eher befremdet?
Prag ist nicht so hügelig wie Stuttgart bzw. sie sind kleiner. Die Stuttgarter Innenstadt ist spätabends wie tot. Man merkt, hier wird gearbeitet, nach 23 Uhr ist es schwer, eine Kneipe zu finden. Ich sagte schon, Stuttgart ist eine Autostadt, die „Autobahnen“ durch die Stadt erzeugen einen ständigen Autofluss, das ist schon sehr verschieden von Prag. Die U-Bahnfahrten durch die Stadt sind toll. In Prag gibt es noch die alten Straßenbahnen, von denen ich in meinem Roman „Die Stille in Prag“ geschrieben habe. Fährst du hier mit der U-Bahn, bist du schnell in ländlichen Gegenden, z.B. in Gablenberg. Schnell bist du im Wald, die Stadt ist sehr naturnah.
Und dann die Kultur: Ich war z. B. beim Animationsfilm-Festival in der Jury. Stuttgart ist mit seinem Trickfilm-Festival ganz vorn mit dabei, unter den Top 3. Die Nähe zur Filmakademie in Ludwigsburg ist befruchtend.

jaroslav_06Hat dich das Bohnenviertel mit seinen Weinstuben als Prager Biertrinker für den Baden- Württemberger Wein einnehmen können?
Ich bin verdammt, Biertrinker zu sein und zu bleiben. Dinkelacker ist ein gutes Bier. Ich sitze gerne mit Menschen beim Bier zusammen und plaudere.

Du schreibst nicht nur Prosa. Wie ich weiß, spielst du auch in diversen Bands. Was genau machst du in diesen Musikprojekten? Welche Instrumente spielst du? Schreibst du auch Texte?
Ein paar Songtexte habe ich geschrieben. Instrumente spiele ich außer Keyboard nicht. Spiele es aber nicht besonders gut.

Wie sieht deine Zusammenarbeit mit Jaromir99 aus, Stichwort Band, Stichwort Alois Nebel? Wie habt ihr euch kennen gelernt?
jaroslav_04Kennen gelernt haben wir uns über ein Interview für eine Musikzeitschrift, das ich mit ihm führte in einer Kneipe die hieß „Zum ausgeschossenen Auge“. In Prag haben wir eng zusammen gewohnt, so hat sich eins zum anderen ergeben. Ich wollte eine Geschichte von meinem Großvater aus dem Altvatergebirge erzählen. Der war bei der Eisenbahn. Daraus ist Alois Nebel entstanden. Zum Zeichnen ist Jaromir erst spät gekommen aber er ist ein Naturtalent. Jaromir99 ist vor allem ein toller Musiker. Wir haben angefangen, gemeinsam Musik zu machen

Woher kommt eure Vorliebe für das Schwarzweiße in den Comics aber auch in diversen Videos?
Farbe hat nicht funktioniert. Das Schwarzweiße ist viel expressiver.

Wie ist der Film entstanden?
Der Regisseur hatte die Idee, den Comic mit Schauspielern nachzuspielen und im zweiten Schritt zu „übermalen“. Daraus ist diese ungewöhnliche Optik entstanden. Es war sehr viel Handarbeit.

Du hast die Preview von eurem Film „Alois Nebel“ in Stuttgart moderiert. Haben deine Stuttgarter Fans die Chance, dich im Dezember, wenn der Film anläuft, noch einmal in Stuttgart anzutreffen?
Im Dezember nicht, aber im Januar werde ich den Workshop zu Graphic Novel in Stuttgart halten. Und mit der Kafkaband kann sich auch was ergeben, wir haben gerade acht Songs aus dem Kafka-Werk „Das Schloss“ aufgenommen. Im April werde ich voraussichtlich aus meinem neuen Werk in der Stadtbibliothek lesen.

Dann freuen wir uns auf dich, Jaroslav! Herzlichen Dank für das Gespräch.

Lesung von Uta-Maria Heim in der Stadtbibliothek Stuttgart

20.11.2013 at 20:00

Uta-Maria Heim im Gespräch mit Astrid BraunUta-Maria Heim ist nach Stuttgart gekommen. Auf Einladung der Stadtbibliothek und des Schriftstellerhauses las sie am 19. November aus ihrem neuen Roman: „Wem sonst als dir.“ Wieder einer dieser Regionalkrimis, könnte man nichts ahnend denken. Frau Heim hat viel Lokalkolorit in diese Geschichte eingewoben, die sie in Baden-Württemberg ansiedelte, genauer in Grafeneck. Ein Ort geschichtlichen Grauens, auf dessen Folie die Handlung abläuft.

In Grafeneck begann im Jahr 1940 die so genannte Aktion „T4“. In einem Jahr wurden hier unter nationalsozialistischer Herrschaft mehr als zehntausend Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen ermordet. Die Mutter des Protagonisten Christian Schöller hatte hier als Küchenmädchen gearbeitet und nun sitzt ihr Sohn in dieser Anstalt ein, weggesperrt in die Psychiatrie, vom Richter K in einem Indizienprozess überführt, ebendiese seine Mutter erstochen zu haben.

Der Roman sprengt die Grenzen, die langläufig mit dem Genre Lokalkrimi verbunden sind. Zu vielschichtig hat Uta-Maria Heim den Plot angelegt, zu sprachmächtig kommt der Text daher. Das wurde in den von ihr gelesenen Ausschnitten deutlich. Sie spannt den Bogen von den Euthanasiemorden bis hin zur Geschichte der RAF. Die Schwester des Verurteilten Schöller sympathisierte als Schülerin mit der RAF. Astrid Braun, Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, zog Uta-Maria Heim in ein freundschaftlich, kollegiales Gespräch, ist doch die Autorin der Stadtbibliothek durch Lesungen und Projekte verbunden und gern gesehener Gast in Stuttgart.

Sprachliche Raffinessen des Romans wurden im Gespräch ebenso beleuchtet wie der geschichtliche Bogen vom Nationalsozialismus über die RAF bis hin zum Untergang der DDR. Die Unfähigkeit des Individuums mit Schuld zu leben kristallisiert sich in den Protagonisten dieses vielschichtigen Romans.

Das Thema Vergangenheitsbewältigung fällt in Stuttgart auf besonders fruchtbaren Boden: Seit Jahren setzen sich „Die AnStifter“ in dieser Stadt für die Errichtung eines Erinnerungs- und Lernorts in der ehemaligen Gestapozentrale „Hotel Silber“ ein. Die AnStifter organisierten auch im Oktober 2009 eine Spur der Erinnerung, eine farbige Linie, die von Grafeneck bis vor das Innenministerium in Stuttgart reichte und verlegten Stolpersteine für die Euthanasieopfer der Nationalsozialisten in Stuttgart. Es ist bewundernswert, auf welch hohen Niveau Uta-Maria Heim dieses Thema in die Kriminalliteratur eingebracht hat.