Platz da für alle!

09.03.2014 at 21:55

gubenFaschingsdienstag – Der Anstifter Günter Guben lud wieder ein, las aus seinen humoristisch-ironischen Texten. Letztes Jahr war es im Hegelhaus so voll, dass der „Hausherr“ Frank Ackermann viele Besucher abweisen musste. Mehr als 35 Personen lässt die Feuerwehr nicht in den gemütlichen Denkerkeller hinein, in dem die Anstifter regelmäßig über Philosophie nachdenken. Diese Jahr konnte Günter Guben im Haus der Humanisten Baden-Württembergs lesen, eine gute Adresse für die geistigen Regungen jeder Art.

Günter Guben ist Autor, Maler, Zeichner und Photograph, arbeitete bis 2003 hauptberuflich als Regisseur im Kulturbereich des Südwestrundfunks in Stuttgart, von 2004-2010 leitete er das  Stuttgarter Schriftstellerhaus. Günter Guben ist ein Meister der kurzen, pointierten Form, oft kommen seine Texte in reiner Dialogform daher. An diesem Abend las er neben vielen Situationstexten wieder von Kippstein, seinem Alter Ego.  Schreibanlässe findet er selbst auf Langspielplatten, so z. B.  der von Langspielplatte von Joseph Beuys, deren A-Seite nur aus dem Wort „Ja“, die Rückseite nur aus dem Wort „Nein“ besteht. Wie er dieses Gegensatzpaar auflöst, lässt einen unwillkürlich schmunzeln.

Begleitet wurde er von dem bekannten Jazz-Pianisten Patrick Babelaar. Dem stand ein Flügel in dem herrschaftlichen Saal zur Verfügung und das war auch gut so. Auf dem konnte er im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Vollen schöpfen:

Aus den Tiefen seiner Bassläufe ließ er die Melodien heraufsprudeln, dass mir die Ohren klingelten und mein Atem stockte. Auch er heiter-verspielt in seiner Darbietung, die gut zum Datum, Faschingsdienstag passte.

Zum Ausklang des Abends lud der Hausherr, Andreas Henschel, Geschäftsführer des Württemberger Verbandes, zu einem Glas Wein und Faschingsküchle ein, bot Raum für persönliche Gespräche mit dem Autor und den vielen Gästen.

Aus der Reihe: „Ein wundersamer Ort“

06.03.2014 at 18:18

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August 1914. Literatur und Krieg – Eine Annäherung

05.03.2014 at 22:40

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Nie wurde Krieg so vielschichtig aus der Sicht der Betroffenen beschrieben wie 1914. Nichts scheint (außer vielleicht die Liebe) das Schreiben so notwendig zu machen wie der Krieg:
28,7 Milliarden Briefe und Postkarten wurden in der Zeit zwischen 1914 und 1918 geschrieben.

Die Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne zeigt Briefe und Tagebuchauszüge aus dem riesigen Fundus des Deutschen Literatur Archivs Marbach. Dieser Fundus umfasst etwa 18.500 Texte. Die Anstifter luden zu einer Führung durch diese, aus literarischer Sicht höchst interessante Ausstellung, ein. Renate Brunner führte uns durch die Ausstellung und las aus Tagebüchern und Briefen einiger Schriftsteller und Schriftstellerinnen und stellte die Frage: Was ist der August 1914 für die einzelnen Menschen? Wie verhält sich die private Zeit zur historischen Zeit? Was wird in diesen vier Wochen geschrieben?

Sie stellte uns u. a. den Elsässer Dichter Ernst Stadler vor. Er ist dreißig Jahre alt, als der erste Weltkrieg begann. Stadler, der in Oxford studiert und in Brüssel deutsche Literatur unterrichtet hat, beginnt am 31. Juli ein Kriegstagebuch: „Morgens Einkäufe: Revolver“. Am selben Tag, einem Freitag, nimmt der gleichaltrige Franz Kafka in Prag sein Tagebuch in die Hand: „Ich habe keine Zeit. Es ist allgemeine Mobilmachung. K. und P. sind einberufen. Jetzt bekomme ich den Lohn des Alleinseins. Alleinsein bringt nur Strafen.“

Stadler und Kafka sind nur zwei Autoren, deren Tagebücher oder tagebuchähnlichen Briefwechsel in der Ausstellung wiederholt aufgeschlagen werden – der August 1914 wird Tag für Tag aus dem Archiv geholt, der Zeitraum danach stichprobenartig. „Zeit“ lässt sich aus diesen meist kleinformatigen Büchern und Briefen sehr persönlich und konkret entfalten. Jedes Tagebuch, jeder Brief ist für sich ein eigener historischer Erfahrungsraum, alle zusammen sind sie eine Begegnung mit den vielen Stimmen dieses ungeheuren Krieges, der 9,5 Millionen Soldaten das Leben kostete.

Die Ausstellung wird ergänzt durch eine Truppenbücherei. 10 Millionen Bücher wurden über mobile Büchereien den lesehungrigen Soldaten in den Schützengräben zugänglich gemacht. Wir  erfuhren in der exemplarischen Bücherei, was die Soldaten lasen. Anspruchsvolle Literatur, philosophische Bücher aber auch Sachbücher und Unterhaltungsliteratur. Eine propagandistische Ausrichtung, wie sie im 2. Weltkrieg erfolgte, gab es im ersten Weltkrieg noch nicht. Hermann Hesse, wegen seiner Kurzsichtigkeit „kriegsuntauglich“, widmete sich z. B. der Zusammenstellung von Soldatenbüchereien.

Die Anstifter haben sich mit einem halben Dutzend Initiativen zu einem Netzwerk zusammen geschlossen, um die Ereignisse von 1914 zu reflektieren, gleichzeitig aber auch die heutigen Kriegsgefahren in den Blick zu nehmen. Deswegen ist auch heute der Titel des Buches der Friedensaktivistin Bertha von Suttner aktuell wie 1898: „Die Waffen nieder!“lit_museum_3

Aus der Reihe „Ein wundersamer Ort“

01.03.2014 at 22:08

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Ist es nicht merkwürdig? Da wird die Flora und Fauna durch die zwei Infrastrukturprojekte „Stuttgart 21“ und „Rosensteintunnel“ im Rosensteinpark und am angrenzenden Neckarufer radikal dezimiert und die Künstler setzen mit ihren Spraydosen dem Eisvogel – der am Neckar gesichtet wurde – ein Denkmal. Die beiden Bäume rechts und links beziehen sie dabei wie selbstverständlich gleich in ihre Kunst mit ein.

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Dunkle Gestalten kämpfen Kampf gegen die Natur. Sie erweist sich als wandlungsfähig und daher als schwer angreifbar. Diese Gestalten verbreiten den Tod.

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Das wachsame Auge blickt auf die Dämonen des Fortschritts.auge

90 Jahre Büchergilde Gutenberg

25.02.2014 at 21:40

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Die Antiquariats-Buchhandlung „Buch & Plakat“ veranstaltete zum 90. Jubiläum der Büchergilde Gutenberg am 21. Februar in ihren Räumen eine Lesung aus Werken dieses Buchclubs und blätterte die Geschichte von 1924 bis heute auf. Anfang des 20. Jahrhunderts gründeten sich eine Reihe von Buchclubs, die oft nach einem rasanten Aufstieg einen steten Verfall hinnehmen mussten. In der Weimarer Republik betrug der Monatsbeitrag 70 Pfennig, etwa die Hälfte des Stundenlohns eines Facharbeiters. Die Mitgliedschaft war verbunden mit der Verpflichtung, in regelmäßigen Abständen ein Buch zu kaufen. 1933 erlitt die Kultur in Deutschland einen schweren Schlag. Wie die Gewerkschaften wurde auch die Büchergilde von den Nazis gleichgeschaltet. Allerdings nur einen Teil, denn der Kern des Verlags ging ins Schweizer Exil und versuchte, das Programm weiterzuführen.

Von den 85 Buchgemeinschaften Ende der fünfziger Jahre gibt es heute nur noch drei: Der Bertelsmann Buchclub, die Wissenschaftliche Buchgesellschaft und die 1924 vom gewerkschaftlichen Bildungsverband der deutschen Buchdrucker gegründete Büchergilde Gutenberg. Immer schon hatte sie den Anspruch, inhaltlich gute Bücher in technisch vollendeter Ausführung und mit nicht alltäglicher Ausstattung zugänglich machen. Diesem Anspruch ist sie bis heute treu geblieben. Kein Verlag hat so viele Preise für außergewöhnliche Buchgestaltung erhalten wie sie. Gerade letztes Jahr wurde von der Stiftung Buchkunst in der Sparte Allgemeine Literatur Katherine Mansfield „In einer deutschen Pension“ mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Hier kann man in den Buch blättern.

Beim Neujahrsempfang der Anstifter las ich aus „Die weiße Rose“ von B. Traven. Er war ein Zugpferd der Büchergilde. Sein erstmals 1926 in der Büchergilde Gutenberg erschienener Roman „Das Totenschiff“ wird bis heute dort verlegt. Zum Jubiläum am 21. Februar las Monika Lange-Tetzlaff Texte der Büchergildeautoren, ihr Mann Robert stellte die wechselhafte Geschichte vor. Das alles in ihrer sympathischen kleinen Buchhandlung, umgeben von Büchern. Die Tezlaffs unterhalten eine enge Kooperation mit der Büchergilde, konnten wertvolle Antiquitäten aus dem Bestand der Büchergilde präsentieren.

Als Bücherfreund in dieser Umgebung mit Literatur konfrontiert zu werden und die Gelegenheit zu haben, die wunderschön gestalteten Bücher in die Hand zu nehmen, macht Freude. Mit einem Glas Karl-Marx-Sekt klang der Abend stilvoll aus.

Neulich in der Stadt …

19.02.2014 at 10:13

wesenIch stand vor einem Schaufenster. Plötzlich hörte ich ein Rauschen wie von einem einsetzenden Herbststurm. In der Scheibe sah ich undeutlich ein silbrig schimmerndes Metallteil, groß wie ein Kleiderschrank. Ein Geräusch, als würde ein ganzes Regal schwerer Kochtöpfe neben mir abgeladen, ließ mich zusammenzucken. Das Metallteil verwandelte sich in einen apokalyptischen, glänzenden Krieger. Mit einem Ruck drehte sich die Gestalt zu mir, hinterließ dabei tiefe Kratzspuren auf der glatten Oberfläche der Gehwegplatte. Sie fuhr ihren Arm aus und zeigte auf mich:
„Das hier hast du alles nicht gesehen, ist das klar?!“
Ich nickte verängstigt.
„Dreh dich von mir weg!“, sprach sie weiter. „Hasta la vista, Baby.“
Ich befolgte den Befehl. Wieder hörte ich ein Rauschen. Als ich vorsichtig über die Schulter blickte, war nichts mehr da.

Immer mehr

19.02.2014 at 10:11

Als ich im Januar die Lesung von Wolfgang Schorlau besuchte, zeigte er im Kleid des Kriminalromans die Abgründe der Massentierhaltung auf. Vor ein paar Tagen lief eine Meldung über die Nachrichtenticker: „Russland stoppt Import von EU-Schweinefleisch“. Grund sei die mangelnde Qualität des Fleisches. Interessant ist das dabei genannte Volumen. Der EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg benennt dies: „Die Europäische Union exportiert jeden Tag Schweinefleisch im Wert von fünf Millionen Euro in die Russische Föderation.“ Insgesamt gehe etwa ein Fünftel der EU-Schweinefleischexporte nach Russland, jedes Jahr mehr als 700 000 Tonnen. Rechnen wir mal kurz: Ein durchschnittliches europäisches Hausschwein wiegt 130 kg. Somit werden jährlich ca. 54 Millionen Tiere aus der EU über die Grenze der Russischen Föderation verschoben.
Die Massentierhaltung in Deutschland steht weltweit mit an der Spitze. Das nachfolgende Video bekam ich von den Anstiftern. Es zeigt, die Chinesen kopieren auch auf dem Gebiet der Tötung fleißig: