In regelmäßigen Abständen …

10.11.2014 at 23:58

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… legt Heinrich Steinfest einen neuen Roman vor. Mit dem 2014 erschienen „Allesforscher“ schaffte er es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, nun ist er wieder da. Ein Projekt so ganz anders als seine bisherigen Bücher ist diese Nacherzählung des Nibelungenliedes geworden und doch, es ist durchzogen von dem unverwechselbaren Steinfest-Sound.

Denis Scheck führte sehr humorvoll in das Gespräch mit Steinfest, am 8. November im Literaturhaus, ein. Im Alter von fünf Jahren hörte Denis Scheck das Nibelungenlied zum ersten Mal im katholischen Kindergarten(!), gelesen von der Erzieherin. Warum, so frage ich mich, sollte dieser blutrünstige Text dem kleinen Denis mehr zugesetzt haben als die nicht minder grausamen Schilderungen im Alten Testament, die sicher dort auch gelesen wurden?
Das Nibelungenlied ist die bedeutendste deutsche Heldendichtung des Mittelalters, dessen Entstehung sich auf die Jahre 1180 bis 1210 (und damit auf die „Blütezeit“ der mittelhochdeutschen Literatur) eingrenzen lässt. Der Text liegt in 35 Handschriften vor. Heinrich Steinfest musste sich für eine Fassung entscheiden und hat die St. Gallener Fassung als Ausgangsmaterial gewählt. Auf die Frage, wie es zu der „Nacherzählung“ gekommen ist, meinte Heinrich Steinfest, es sei eine Auftragsarbeit gewesen. Dieser Auftrag wurde ihm vom Geschäftsführers des Reclam Verlags, Frank R. Max, während eines Abendessens erteilt: Steinfest: „Wenn ein Verleger einen Autor zum Essen einlädt, geht es in erster Linie nicht darum, dem Autor den Magen zu füllen.“ So hat er sich nach dem Allesforscher dem Alleswisser Hagen von Tronje zugewandt und innerhalb von 3 1/2 Wochen den Text kapitelweise geschrieben. Obwohl es eine Nacherzählung in moderner Form ist, ist dennoch ein Steinfest-Roman daraus entstanden, mit dem ihm eigenen Tonfall, dem essayhaften Stil, der ihn auszeichnet.
Sehr schön das Storyboard von Robert de Rijn, das im unteren Drittel jeder Seite das ganze Buch durchzieht und dem ganzen einen filmischen Anstrich verleiht. Der Kinofreund Heinrich Steinfest hat sich Siegfried als Tom Cruise vorgestellt. Für Steinfest gibt es im Nibelungenlied kein eindeutigen Guten und Bösen, die Grenzen sind schwimmend. Siegfried ist einer, der schon mal einen Krieg vom Zaun bricht, um seine Ziele durchzusetzen und ist damit der heutigen amerikanischen Politik verwandt. Es wird deutlich, Siegfried genießt nicht die Sympathie des Autors. Schon eher Hagen. Der Schatz der Nibelungen ist für Steinfest eine Form des Radikalkapitalismus: Der Schatz der Nibelungen ist ein unendlicher und wird von Kriemhild eingesetzt, um sich die Menschen gefügig zu machen und sich ihrer Gefolgschaft zu versichern.
Moderne Frauen häuften keine Schätze mehr an, wiewohl die schier unendliche Zahl von Schuhen bei einigen diesen Gedanken durchaus nahe legen. (Über einen Tresor für diesen Schatz berichtete ich hier.)
Heinrich Steinfest wurde durch die Vorgabe der Nacherzählung diszipliniert. Die Figuren waren vorgegeben und entsprangen nicht seinem Kopf. Er räumte ein, das sei teils schwierig gewesen, denn es bereitet ihm unendlichen Spaß, selber Figuren zu erfinden und sie, ihren eigenen Gesetzen unterworfen, handeln zu lassen. Das sei auch der Grund, warum er diese Auftragsarbeit nicht auf andere Werke der Weltliteratur ausdehnen wolle. Ich frage mich, wie die Bibel in einer Fassung von Steinfest aussähe. Die moderne Fassung eines Jörg Zink ist wesentlich humorloser als die Nacherzählung des Nibelungenliedes von Heinrich Steinfest. Wie genial Steinfest die Einsichten eines modernen Icherzählers in dem Text unterbringt möchte ich mit folgender Textstelle belegen:
Hagen hat gehandelt und den Nibelungenschatz versenkt, die anderen haben gezaudert. „Als die Könige zurückkommen, ist alles vorbei und ihnen bleibt nur die übliche Heuchelei. Sie wussten alle, was er vorhatte, vielmehr noch, sie hatten per Eid beschlossen, den Ort der Verwahrung geheim zu halten. Es braucht nicht zu wundern, dass die Fürsten zwar offiziell Hagens Verhalten kritisieren – wie man einen Polizeipräsidenten kritisiert, wenn mal ein Einsatz eine Spur zu brutal ablief – aber nichts unternehmen, um eine Strafverfolgung einzuleiten“.

Da uns dieser Autor Jahr um Jahr mit einem neuen Roman verzaubert, können wir uns schon auf das nächste Buch von ihm – dann wieder mit Figuren, die seinem eigenen Kopf entsprungen sind – freuen.

Der Nibelungen Untergang
Mit einem Storyboard von Robert de Rijn
120 Seiten, davon 60 illustriert.
gebunden, mit Schutzumschlag
Reclam Verlag, Preis 19,95 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Der Preisträger des Deutschen Buchpreises 2014 im Literaturhaus

08.11.2014 at 10:25

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Lutz Seiler las am 5. November 2014 im Literaturhaus aus seinem ersten Roman „Kruso“. Helmut Böttiger stellte den Autor vor und diskutierte mit ihm über sein Werk.

Lutz Seiler, Jahrgang 1963, wuchs in Ostthüringen auf. Heute lebt er im Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst bei Berlin. Helmut Böttiger erinnerte an sein 1995 erschienenen Debüt “berührt/geführt” im Oberbaum Verlag. Mit “pech & blende” legte Lutz Seiler seinen ersten Band im Suhrkamp Verlag vor. 2003 folgte der Gedichtband “vierzig kilometer nacht”. 2004 erschien die erste Essaysammlung “Sonntags dachte ich an Gott”, 2005 die Erzählung “Die Anrufung“. 2009 legte er einen Band mit 13 Erzählungen unter dem Titel “Die Zeitwaage” vor. Für sein Werk erhielt er vielfach Preise, darunter den Kranichsteiner Literaturpreis, den Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen, den Preis der SWR-Bestenliste, 2007 den Ingeborg-Bachmann-Preis für die Erzählung “Turksib”. Helmut Böttiger stellte mit dieser Aufzählung die These auf, dass sich der Lyriker Lutz Seiler über den erzählenden Essay sehr langsam der Prosa zugewandt hat. Nun also den Deutschen Buchpreis für seinen ersten Roman „Kruso“.

Darin schildert er die illustre Gesellschaft von Gestrandeten auf der Insel Hiddensee, von der Touristengaststätte „Zum Klausner“ und von den so genannten „Esskaas“, dem Kürzel für die Saisonkräfte, die dort arbeiten, von denen seine Hauptfigur Ed Bendler einer ist. Sie nennen ihre Gaststätte die Arche und Lutz Seiler hat diese Gemeinschaft in einer Skizze am Ende des Buches festgehalten, die Beziehungen der Gruppe werden daraus deutlich, wie sie der Roman langsam aufblättert. Und er erzählt die Geschichte von der Freundschaft zwischen Ed und Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, dem Besitzer des Klausners, von den Stoßzeiten im Klausner, wenn die Kellner zu großer Form auflaufen. Diese Freundschaft wird durch den Verlust von geliebten Menschen gespeist: Kruso hat sein Schwester Sonja bei einem Fluchtversuch über die Ostsee verloren, Ed seine Freundin. Gedichte, die beiden rezitieren, haben den Charakter von Kassibern.

Am Ende begegnet Ed dem Leser auf der anderen Seite der Ostseeküste, im dänischen Kopenhagen. Er macht sich als gereifter Mann auf die Spurensuche nach Krusos verschollener Schwester Sonja, die als junges Mädchen am Strand von Hiddensee herausgeschwommen war und für immer verschollen blieb.

Seiler verfügt über eine „ins Magische spielende Sprache“ (Begründung der Jury), die er in seiner Lesung an diesem Abend bewies. Er greift immer wieder zu drastischen, teils unappetitlichen Bildern, wie dem vom „Molch“ genannten Pfropfen aus dem Schleim der Gaststättenabwässer, den die Tellerwäscher des Klausner schließlich mit vereinten Kräften im Gemüsebeet begraben. Die erzählende Direktheit, auch unappetitlicher Dinge, denen er eine eigene Poesie verleiht, hat er bei Wolfgang Hilbig kennen gelernt, der für ihn wohl wichtigste Schriftsteller der alten DDR.

Lutz Seiler steigt ganz langsam in seinen Stoff ein. Er beschreibt Ed als Student, mit der Fähigkeit ausgestattet, gelesene Gedichte schnell memorieren zu können. Ed arbeitet über Trakl. In den Semesterferien reist er nach Hiddensee, will in einer Kneipe arbeiten. Die Arbeit in der Kneipe wählt er vor allem, weil er darüber eine Schlafstelle bekommen kann, die den Saisonkräften zur Verfügung gestellt wird. Anders käme er nie auf Hiddensee unter, die Ferienquartiere sind über Jahre hinaus ausgebucht.

Lutz Seiler lässt im Gespräch erkennen, dass er selbst Ende der Achtziger als Saisonkraft auf Hiddensee gearbeitet hat, als „Brotholer, erstmals für 1,20 Mark, ohne Schlafplatz, auch für DDR-Verhältnisse ein sehr geringer Lohn. Er ist im folgenden Jahr wieder gekommen, hätte sich in der Küchenhierarchie des Klausners langsam vom Zwiebelschneider in den Abwasch nach oben gearbeitet. Das ist nicht die einzige autobiografische Grundierung des Romans: Auch Seiler hat sich intensiv mit Trakl beschäftigt.

Ausschnitte aus diesem Gespräch sind auf dem youtube-Channel „Lerchenflug“ eingestellt.

Teil 2 und 3 können hier und hier abgerufen werden.

lutz_seiler_02Kruso
484 Seiten, gebunden, Lesebändchen
Verlag Suhrkamp/Insel, Preis 22,95 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Ingeborg Santor liest

08.11.2014 at 9:06

lyrik_i_santorIm Schriftstellerhaus stellte am 4. November 2014 Susanne Stephan den neuen Lyrikband von Ingeborg Santor vor. Santor ist das von Ingeborg Höch gewählte Pseudonym, unter dem sie seit langem Gedichte veröffentlicht. Susanne Stephan, selbst Lyrikerin, erinnerte in ihrer Einführung an die ersten Begegnungen mit Ingeborg vor zwanzig Jahren. Damals war Ingeborg ihr eine große Hilfe auf der Suche nach dem eigenen lyrischen Ausdruck.

“Lichtfänger” heißt der neue Band von Ingeborg, den sie bei Books on Demand in sehr schöner Aufmachung, Hardcover, selber verlegt hat.

Sie las Gedichte aus diesem Lyrikband. Er versammelt Gedichte, in vier Abschnitte eingeteilt, die die Schönheit wie auch Zerbrechlichkeit und Bedrohung der Natur thematisieren. Eine besondere Vorliebe Santors gilt der Nordsee und den sie begleitenden herben Landschaften. Beide Elemente – Wasser und Land – leben vom wechselnden Licht. Licht spielt auch eine große Rolle in den Gedichten, die sich mit Kunst und Leben befassen. Der teils skeptische Blick auf die Welt, auf die Spanne zwischen Geburt und Tod, schlägt sich vor allem im letzten Teil des Buches nieder. Hier haben einschneidende menschliche Grunderfahrungen ihren poetischen Ausdruck gefunden.

Susanne Stephan beschrieb Ingeborg in ihren einleitenden Worten als eine Frau, die sich kritisch mit politischen Fragestellungen auseinandersetzt. Trotzdem, so Ingeborg, gelänge es ihr nicht, diese politischen Standpunkte in Versen auszudrücken. Zu schwierig sei es für sie, einen Text dazu zu schreiben, der nicht moralisierend daher käme. An dieser Frage entwickelte sich eine spannende Diskussion mit den Zuhörern: Ihr Gedicht zum Autoverkehr hätte durchaus diese kritische Haltung, obgleich sie diese nicht agitatorisch vor sich hertrüge. Der Gefahr agitierender Lyrik möchte sie sich auf keinen Fall aussetzten. Deshalb habe sie auch nie zu dem ihr auf den Nägel brennenden Thema Stuttgart 21 Gedichte geschrieben.

Dieser Abend ist der Auftakt zu einer vierteiligen Lyrikreihe im Schriftstellerhaus. Am 11. November wird Carmen Kotarski Gilbert Fels vorstellen. Beginn: 19:30 Uhr.

Alle Vorbereitungen abgeschlossen

02.11.2014 at 19:50

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Die Plakate sind gerahmt, die Betten für die Künstler der drei Siegerplakate sind gerichtet. Die Vernissage kann am 9. November im Theaterhaus steigen. Der Plakatwettbewerb zum Thema “100 Jahre Erster Weltkrieg: Die Waffen nieder! Jetzt!” wurde ausgewertet und aus der Fülle der vielen Einsender die 8 besten Plakate ausgewählt.

Die Jury (Hans D. Christ, Prof. Marcus Wischmann, Peter Boehm und Fritz Mielert) hatte es nicht leicht. Trotzdem hatte sich in stundenlanger Debatte ein eindeutiger Favorit herauskristallisiert: Arms Race – Wettrüsten von Vincenzo Fagnani. Seinen bestechend klaren Entwurf belohnte die Jury mit 1.000 Euro. Auf den zweiten Platz (600 Euro) kam ein Werk von Kathrin Wevering, welches das Leiden der schwächsten Kriegsopfer thematisiert. Den dritten Platz (400 Euro) belegte Anne Kuper mit ihrer Arbeit “War is not…”. Die Jury überzeugte ihren Mut, einen ganz anderen Ansatz zu verfolgen Mit ihrem Plakat unternimmt sie den Versuchen dem Krieg seinen Schrecken zu nehmen.

Vincenzo Fagnani - Kathrin Wevering - Anne Kuper

1. Preis: Vincenzo Fagnani – 2. Preis: Kathrin Wevering – 3. Preis: Anne Kuper

Die Plätze 4-8 (Burkhardt Hauke, Erik Bölscher, Sandra Gratz, Jan Heerlein und Anne Schäfer) belohnte die Jury mit Buchpreisen. Die Preise werden anlässlich der Vernissage überreicht. Insgesamt werden im Theaterhaus 30 Plakate aus dem Wettbewerb gezeigt.

Selbst eine lange Nacht geht mal zu ende

21.10.2014 at 9:00
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SCHAUSPIEL „SORUNLU İNSAN KAYNAĞı“

Im Rathaus spielte Theater Lokstoff zusammen mit der Gruppe Sonra Tiyatrosu aus Istanbul. Sie präsentieren Auszüge aus ihrer neuen Gemeinschaftsproduktion SORUNLU İNSAN KAYNAĞı in türkischer Sprache. Ein Mitarbeiter des Theaterhauses übersetzte simultan

Beeindruckend die Aufführung im FITZ

„UND PLÖTZLICH STAND DIE SONNE STILL“

„UND PLÖTZLICH STAND DIE SONNE STILL“

Eine Frau auf der Bühne, auf ihrem weißen Kostüm Lichtprojektionen. Wir wurden ins Weltall entführt, als sie mit einem Ball auf der Bühne jonglierte, auf dem der blaue Planet projiziert war. Es zeigt, wie vor 500 Jahren der Mensch in Bewegung geraten ist. Plötzlich befand sich der Mensch nicht mehr in der behaglichen Mitte des Seins, wurde in die Umlaufbahn der Sonne gestoßen, unablässig den Mittelpunkt des eigenen Planeten umkreisend und Teil einer so zeitlupenhaften wie rasenden Expansion weg vom Zentrum des Urknalls geworfen.

Lange Stuttgartnacht: Michael Seehoff und Hans Thill in "Buch und Plakat"

Letzte Vorbereitungen von Hans und mir für unsere Lesungen

Im Antiquariat Buch & Plakat war ich an den Lesungen beteiligt, die jeweils zu vollen Stunde begannen. Ich las Kurzgeschichten und Lyrik, die auf meiner Irlandreise entstanden ist.

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LIVE-CROSSOVER “SIDNEY BECHET UND FLEURE BLEUE”

In der Kiste, einem der kleinsten aber traditionsreichsten Liveclubs Stuttgarts spielte eine Jazzband, dessen Pianist, Benedikt Moser, der Sohn meines Hausarztes ist . Tom Waits, Sidney Bechet und Jeanne Moreau wundern sich, dass sie hier und heute im Mittelpunkt der Band um den Saxophonisten Manni Schütt standen. Die Band wagt ein Rendezvous der besonderen Art: Amerikanischer Abgrund trifft französische Chansons und kreolischen Swing.

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ETHIO-JAZZ „ARAT KILO“

Die Pariser Ethno-Jazz-Gruppe Arat Kilo eroberte das Publikum im Institute Francaise mit ihrem groovigen Sound und ließ Einflüsse aus Jazz und Funk einfließen.

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Der Saxofonist Michaël Havard

Die fünfköpfige Gruppe fühlt sich musikalisch in Äthiopien zu Hause, bedient sich klassischer Instrumente wie Trompete, Klarinette, Saxofon und Bass. Die ausgefallenen Klänge aus ihrem neuen Programm „12 days in Addis“ waren voller Elan und Tempo.

Blutige Rache

18.10.2014 at 15:00

vonarndt

Anlässlich der Armenischen Kulturtage in Stuttgart las Martin von Arndt am 17. Oktober im Hospitalhof aus seiner Doku-Fiction Tage der Nemesis.

Der orthodoxe Pfarrer Diradur Sardaryan sprach die einleitenden Worte und stelle den Autor vor. Dass Martin von Arndt neben Germanistik und Psychologie auch Religionswissenschaften studierte und diese mit einem Doktor abschloss, hob Diradur Sardaryan anerkennend hervor.

Martin von Arndt entführte die Zuhörer Zeit der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg vor dem Hintergrund der Zerrissenheit Europas. Im Mittelpunkt des Romans steht Kommissar Eckart, der einer Terrororganisation auf der Spur ist, die die Verantwortlichen des Massakers an den Armeniern zur Rechenschaft ziehen will: Im vornehmen Berliner Stadtteil Charlottenburg wird die Leiche des ehemaligen Großwesirs des Osmanischen Reichs, Talât Pascha, gefunden. Kommissar Andreas Eckart erkennt in dem Toten einen der Hauptverantwortlichen des Völkermords an den Armeniern aus dem Jahr 1915. Die Terrororganisation verfolgt und tötet die Täter des Genozids an den Armeniern und nimmt so blutige Rache an ihren Taten, die nie geahndet wurden. Heute sähe das ganz anders aus, erklärte von Arndt, der Internationale Gerichtshof in Den Haag verfolge Täter, die sich des Völkermordes schuldig gemacht haben.

Auch der Regisseur Fatih Akins thematisiert den Völkermord an hunderttausenden Armeniern in seinem Film „The Cut“, der dieser Tage in die Kinos kommt. Fatih Akins sieht sich Morddrohungen ausgesetzt, weil er offen über ein Tabu spricht. Von Arndt hofft, dass ihm solche Drohungen erspart bleiben.

Tage der Nemsis
ars vivendi verlag
Gebundene Ausgabe, 309 Seiten, Preis: 18,90 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Er prustet, grunzt, rollt mit den Augen

17.10.2014 at 21:27

zimmerschied

Am 16. Oktober gastierte Sigi Zimmerschied mit seinem aktuellen Programm Multiple Lois – Einwürfe eines Parasiten im alten Schulhaus in Hoheneck. Es ist Kabarett in seiner ursprünglichen Form, vorgetragen von nur einem Mann, der es versteht, eine leer Bühne mit seinem Taktstock zum Tanzen zu bringen. Sigi Zimmerschied, das Urgestein des Kabaretts aus Passau agiert auf der Bühne wie ein Berserker. Er kommt auf die Bühne und sagt: „Ois a bisserl groß.“ Sofort ist er jetzt der Lois, ein Parasit, der sich eingerichtet hat im Leben. Da grunzt, kracht und prustet es.

Er hechelt durch, was er denn alles hätte werden können. Fußballer etwa, wie jener Franck Ribéry, Franzose aber jetzt mit einem sagenhaften Gehalt bei FC Bayern. Der Lois tritt gegen ein Papierknäuel und trifft. Aber Fußballer dann lieber doch nicht. „Zu viel Risiko“, schon wegen der Verletzungen. Dann doch besser Lehrer. Das wäre er gerne geworden, damals nach dem Krieg quasi „Vom Schützengraben direkt ins Klassenzimmer“. Aber: zu viel Risiko. Das gilt für alle und alles. Für den Papst sowieso. Dessen ganz spezielles Risiko: Was, wenn es den Himmel gar nicht gibt? Lois glaubt, „als Papst in der Hölle hast du bestimmt die Arschkarten“. Dreimal vergreift Sigi Zimmerschied sich an diesem Abend an den Weltreligionen und alle bekommen ihr Fett ab: Der Papst („host a Blähung, hoaßts Enzyklika“) und im speziellen der Katholizismus sowieso. Aber auch der Buddhismus in Gestalt des Dalai Lama („Dalois Lama“) und ganz aktuell der Islam.

Lois ist Hausbesitzer. Das Haus hat er geerbt von seinem Großvater, der es sich einst von einem Juden schenken ließ („dann können Sie nimmer enteignet werden“). Und weil „irgendwer“ den armen Mann nach Dachau verpfiffen hat, kann es heute der Lois vermieten. Alles „In jüdischem Gedenken“, also vollgepfercht mit Mietern, die Zimmerschied zu einer Sozialgeschichte der Bundesrepublik nach 1945 komponiert.

Zuerst die Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die Schlesier. Die türkischen Gastarbeiter pferchte er noch dichter zusammen. Und als die zu Wohlstand gekommen sind und nicht mehr dankbar waren, tatsächlich nach Warmwasser verlangten, da quartierte er Studenten, Kiffer, Hippis dort ein. Die Wanzen, die ein Geheimdienstler in den Siebzigern angebracht hatte, um die Linken auszuspionieren, sind Mitte der Neunziger mit den Yuppies gewichen – „des war sogar de Wanzen zfad“.

Von seinem Vater hat er vier Grundsätze gelernt, die er im Laufe des Abends einen nach dem anderen zitiert. Die ersten drei:
Was war, das war.
„Das schlechte Gewissen ist immer gut, wenn es die anderen haben.“
„Was die anderen brauchen, gehört uns.“

Wenn er Schwierigkeiten bekommt, schickt er seinen Onkel Norbert. Der ist bei der Steuerfahndung. Ein dezenter Hinweis genügt und seine Widersacher werden einer genauen Steuerfahndung unterzogen oder geben gleich klein bei.

Der Lois ist immer auf der Höhe der Zeit, heute beherbergt er auch ein Tatoostudio. Er plant ein virtuelles Haus: 50 Parteien und 1.000 E-Mail-Accounts. Ein Gebäude, das voll vermietet ist, aber leer steht, „dann wär er da, der soziale Friede im europäischen Haus.“

Am Ende des Abends fällt Lois noch Vaters vierte Weisheit ein:
„Sog ene, wos hern woin und geh hoam.“
So beendet Sigi Zimmerschied sein furioses Spiel. Starker Abgang, starker Schlussapplaus.

Endlich ein passender Schrank

15.10.2014 at 10:54
Frau in verzückter Ehrfurcht

Frau in verzückter Ehrfurcht

Auf dieses Angebot hat die Frauenwelt gewartet:

Schuhvitrine „Luxury Desire Tower“

Männer haben Humidore für ihre handgerollten Kubaner, einen Weinschrank mit Schätzen aus dem Bordelais und womöglich noch einen Keller voller Oldtimer. (Im Keller?? Anm. des Redakteurs.) Da ist es aber höchste Zeit und mehr als nur gerecht, dass die größte Leidenschaft der Frauen jetzt angemessen zelebriert wird. Dieses Monument an Extravaganz trägt mit „Luxury Desire Tower“ einen beinahe noch bescheidenen Namen, den gäbe es fünf Sterne für den Schuhschrank aller Schuhschränke – dieser wurde sieben bekommen! Oder sagen wir besser „Vitrine“, denn die mondäne Säule ist rundum in venezianisches Glas gekleidet und rotiert auf Wunsch um die eigene Achse. Apropos „Wunsch“: Alle der ohnehin schon unglaublichen Funktionen und Lichtspiele können mittels einer speziell entwickelten App gesteuert werden. Ein Tower, der nicht nur wegen seiner kolossalen Maße jede Frau niederknien und Männer aus den Latschen kippen lässt.
Material: Aluminium, Stahl, Einscheiben Sicherheitsglas
Maße: ca. 192 cm hoch, ca. 80 cm Durchmesser, ca. 300 kg

Der Preis: Fast geschenkt! Nur 10.990 € und ein Gutschein von sage und schreibe 15 € lässt die Kaufentscheidung leichter fallen.