Fiktion & Gesellschaft – Über Feminismus heute

19.10.2017 at 22:00
Shida Bazyar und Lena Vöcklinghaus im Literaturhaus Stuttgart

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So war die Veranstaltung am Mittwoch, 18. Oktober 2017 im Literaturhaus überschrieben. Geplant war ein moderiertes Gespräch zwischen der Autorin Shida Bazyar und der Autorin und Kolumnistin Margarete Stokowski. Gerade hat sie ein Buch mit dem Titel untenrum frei veröffentlicht, in dem sie gewohnt scharf die Beweglichkeiten und Beharrungskräfte unserer heutigen Konzepte von Männlich- und Weiblichkeit analysiert und die sich daraus ergebenen politischen Implikationen beschreibt. Im Gespräch mit der Moderatorin Lena Vöcklinghaus wollten die beiden Autorinnen der Frage nachgehen, warum der Feminismus gerade heute von großer Bedeutung ist. Leider musste die Leiterin des Literaturhauses Stuttgart, Dr. Stefanie Stegmann, Margarete Stokowski entschuldigen, sie ist erkrankt. Das Feminismusthema ist dem Literaturhaus sehr wichtig, so dass eine eigene kleine Reihe geplant ist, zu der Margarete Stokowski eingeladen wird.

Shida Bazyar liest einen Ausschnitt aus dem dritten Teil ihres Romans Nachts ist es leise in Teheran. In diesem Teil wird aus der Sicht der Tochter Laleh die Situation der Frauen im Iran beschrieben. Nach Jahren des Exils ist das die erste Reise die die Mutter mit ihrer Tochter dorthin unternimmt.

Das anschließende Gespräch kreist mehr oder weniger um ein Dossier des »Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken«, in dem über strukturelle Probleme, Sexismus und Machtgefälle an Schreibschulen geschrieben worden ist. Auch Shida Bazyar hatte einen Artikel zu dem Dossier geliefert. Lena Vöcklinghaus hatte das Dossier heraus gebracht und war wie auch Frau Bazyar an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Beide haben dort literarisches Schreiben studiert. Shida Bazyar richtet in ihrem Artikel mehr den Blick auf den Rassismus denn auf den Sexismus.

Die Rassismuserfahrungen, von denen die deutsche Autorin Shida Bazyar berichtet und über die sie auch in ihrem Text: Bastelstunde in Hildesheim oder warum ich in Hildesheim lernte, dass der eine –ismus mich davon abhält über den anderen zu reden schreibt, sind erschreckend. Sie liest den ihren gesamten Beitrag aus dem Dossier. Schon der Eingangssatz beschreibt Shida Bazyars ganze Wut:

„In den fünf Jahren Lebenszeit, die ich in Hildesheim studiert habe, habe ich meine Dreads verloren, aufgehört bunte Röcke über Ringelstrumpfhosen zu tragen und angefangen, ziemlich wütend zu werden. Ich hatte einen schmerzhaften und traurigen Prozess zu verarbeiten, in dem ich einsah, wie die Strukturen aussehen, in denen wir leben und inwiefern sie mich, als nicht-weiße Frau, strukturelles Arbeiterkind mit Migrationsgeschichte, beeinflussen.“

Sie beschreibt in dem Artikel den täglichen Rassismus, den sie als nichtweiße Frau (so bezeichnet sie sich) erleben muss. Dass sie am Institut die einzige nicht-weiße Person in den Seminaren ist, in denen keine Texte von anderen nicht-weißen Menschen oder über andere nicht-weiße Menschen gelesen werden. Dass sie meistens drei Mal ihre Meinung sagen muss, um gehört zu werden, was ihren weißen Mitstudierenden nicht passiert. Es sind offensichtlich diese subtilen unter der Oberfläche verankerten Strukturen, die zeigen, dass Deutschland weit davon entfernt ist, Rassismus überwunden zu haben. Ein Rassismus, der Kinder von Migranten, obwohl sie seit Generationen bei uns leben und Deutsche sind, ausgrenzt. Über die Haut- oder Haarfarbe, fast immer über den Namen („der klingt aber fremdländisch, wo kommen Sie denn her?“)

Man hätte an diesem Abend nicht nur etwas über Rassismus lernen können, sondern auch über Sexismus, dem anderen –ismus, den Shida Bazyar erwähnte, wäre Margarete Stokowski an der Diskussion beteiligt. So bleibt zu bedauern, dass dem Gespräch eine echte Gegenposition fehlt Die beiden Frauen kennen sich einfach zu gut aus Hildesheim. So hatte man streckenweise den Eindruck, das Gespräch ähnelt einer Fahrt mit dem Landrover durch die Sahara, bei dem sich die Räder langsam aber sicher mehr und mehr im Sand festfahren.

Stuttgart liest ein Buch – Eröffnungsveranstaltung in der Musikhochschule

18.10.2017 at 23:00
Shida Bazyar im Kreise der Veranstalterinnen

Dr. Regular Rapp, Direktorin der HMDK Stuttgart und Bettina Backes von der Heinrich Böll Stiftung links neben Shida Bazyar. Andrea Klett-Einiger von der Stadtverwaltung Stuttgart rechts im Bild

 

Mit einem Festakt in der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart wurde das diesjährige Lesefestival „Stuttgart liest ein Buch“ am 17.10.2017 eröffnet. Im Abstand von jeweils zwei Jahren wird dieses Lesefestival nun schon zum dritten Mal vom Schriftstellerhaus auf den Weg gebracht. Dieses Jahr steht der Roman Nachts ist es leise in Teheran der 1988 in der hessischen Kleinstadt Hermeskeil geborenen Shida Bazyar im Mittelpunkt. Ihre literarische Leistung wird an diesem Abend von allen Festrednerinnen gewürdigt. Rückblickend auf die letzten zwei Jahre ist das Thema des Buches angesichts der Entwicklung des Bürgerkrieges in Syrien und in dessen Folge einer Fluchtbewegung aus dem Land nach Europa höchst aktuell. Der Roman bildet einen perfekten Ausgangspunkt für ein vielschichtiges Veranstaltungsprogramm mit vielen unterschiedlichen Akteuren. Der Roman wird die nächsten zwei Wochen Stadtgespräch sein, genau das, was die Projektgruppe unter der Leitung von Astrid Braun vom Schriftstellerhaus bezweckte, als sie sich für diesen Roman entschieden hat.

Ein Ausschnitt der Welt erzählt über vier Jahrzente

Mit ihrem Roman gelingt es der jungen Autorin auf anschauliche Weise einen Ausschnitt von Welt zu zeigen. Sie schöpft dabei aus der Geschichte der eigenen Familie, ihre Eltern sind nach dem Sturz des Shahs als Kommunisten vor den neuen Machthabern, den Mullahs, geflüchtet. Ihr geht es in ihrem Roman um existentielle Fragen wie Heimat und Heimatverlust, um Verrat und Zivilcourage, um Macht und Machtmissbrauch sowie den steten Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung. Der Roman erzählt vielstimmig aus vier Perspektiven von der iranischen Revolution 1979 bis zu den Protesten gegen die Bildungspolitik in Deutschland 2009. Unterschiedliche Schauplätze und gesellschaftliche Rahmenbedingungen nimmt er in den Blick. Die Erzählstimmen im Roman sind die der vier Familienmitgliedern: Eltern und Kindern. Die als Ich-Erzähler agierenden Figuren erinnern sich. und erzählen in der Abfolge von vier Jahrzehnten ihre Geschichten vom Leben im Iran und der Flucht, der Integration in die deutsche Gesellschaft, vom Blick der Tochter auf die iranische Gesellschaft und aus dem Blickwinkel des Sohnes von der grünen Revolution im Iran. Über die puzzleartigen Rückblicke wird offenbar, wie sich die Lebenswelten im Iran und in Deutschland annähern, obwohl die Realitäten der daheimgebliebenen Familienangehörigen und der Exilierten gleichzeitig immer stärker auseinanderlaufen.

Das Rahmenprogramm bestreiten Studierende der HMDK Stuttgart

Janina Picard und Jule Hölzgen sprechen den Text von Shida Bazyar

Janina Picard und Jule Hölzgen sprechen den Text von Shida Bazyar

Auszüge aus dem Buch werden an diesem Abend von den beiden Studentinnen, Janina Picard und Jule Hölzgen, rezitiert. Der aus dem Iran stammende Pinanist Nima Farahmand Bafi breitet mit dem Percussionisten Johannes Werner ein von der persischen Musiktradition inspiriertes Klangspektrum aus. Die beiden spannen den Bogen zwischen exzellentem Klavierspiel und modernem Percussionsspiel.

Shida Bazyar erläutert Hintergründe ihres Romanprojektes im Gespräch mit Thorsten Dönges

Im Gespräch mit Thorsten Dönges vom Literarischen Colloquium Berlin erläutert die Autorin, wie sie bei der Konzeption des Romans vorgegangen ist. Erwartungsgemäß entstanden die Kapitel nicht wie im vorliegenden Buch chronologisch. Für die einzelnen Stimmen der Eltern Behsad und Nahid und die der Kinder Laleh und Morad hat sie lange recherchiert, auch im Iran.

Shida Bazyar möchte sich mit ihrem Roman nicht auf die Themen Flucht und Migration reduzieren lassen. Für sie ist es ein Buch, das viele Themen hat: Es geht darum, was Zeitgeschichte, was geschichtliche Wendepunkte mit Menschen und Menschenleben machen. Und um die Frage: Wie brennen sich diese Erfahrungen in die Gene der Generationen ein? Was macht das mit Geschlechterrollen?

Das Thema Rassismus ist für die Autorin eines, das sie am eigenen Leibe tagtäglich erfährt, ihr aufgrund ihres persischen Aussehen ebenso entgegenschlägt wie den Figuren in ihrem Roman. Sie selber hat aus diesen Erfahrungen die Konsequenz gezogen und ist nach dem Studium des Literarischen Schreibens aus der Kleinstadt Hildesheim in die anonyme Großstadt Berlin gezogen, in der viele Migranten leben. Hier ist sie nicht ein Phänomen, das immerzu angestarrt wird. Ihre Eltern, die als Fremde nach Deutschland kamen, gingen damit ganz anders um. Aber Shida Bazyar ist in Deutschland geboren und hier aufgewachsen, sie war hier nie eine Fremde. Dass sie aufgrund ihres Aussehens so angesehen wird, suggerieren ihr die Menschen von außen.

All das ist Ausgangspunkt für das abwechslungsreich Programm von Stuttgart liest ein Buch. Alle Termine und Veranstaltungsorte sind hier abrufbar.

Günter Guben: Im Doppelpack

08.10.2017 at 20:57
Günter Guben stellt seine neuen Veröffentlichungen vor und das Vocalensemble Exvoco

Günter Guben stellt seine neuen Veröffentlichungen vor und das Vocalensemble Exvoco

 

In vielerlei Hinsicht war das eine Lesung im Doppelpack, die das Urgestein der Stuttgarter Literaturszene Günter Guben am 28. September 2017 in der LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart auf die Beine stellte: Günter Guben las aus seinen zwei neuen Büchern, und er trat mit dem Vocalensemble Exvoco auf, das wiederum aus zwei Personen besteht: Hanna Aurbacher und Ewald Liska.

75 Gedichte aus den Jahren 1970-2015 hat Günter für seinen Lyrikband aus seinem enormen Fundus ausgesucht. Es ist ein Querschnitt seiner lyrischen Produktion aus 45 Jahren. Ihm geht es nicht zuletzt um das Heitere im Gedicht, durchaus auch um die erotische Note, um die abgründigen Hintersinnigkeiten und eben um das lustvolle Spiel mit der Sprache, die neben, unter und über unserem alltäglichen Jargon ungeahnte Möglichkeiten des überraschenden Ausdrucks bereit hält.

Veröffentlicht wurde dieser Band in der Reihe »Edition Hammer + Veilchen«. Einen kleinen Einblick lässt er an diesem Abend das zahlreich anwesende Publikum nehmen.

Elefanten auf dem Tisch ...

Elefanten auf dem Tisch …

Auf den Lesetisch hat er einen Holzelefanten gestellt, einen von denen, die bei ihm zu Hause über seinen Schreibtisch laufen. Günter Guben kann sich mit diesem herrlichen Tier identifizieren. Im Eingangsgedicht des Bandes heißt es dazu:

Achtzehn Zeilen Schreibtisch-Glück

Eine Herde Elefanten
zieht über meinen Schreibtisch hin.
Sie eilt auch durch den Kopf.
Von ferne ruft ein Afrika:
Ach du, du armer Tropf!
Spielt dir die Phantasie,
wie häufig, Streiche?
. . .

Oft sind es ganz kurze Situationsbeschreibungen, die so typisch für den Lyriker Guben sind, wie in dem Dreizeiler Das hat auch was:

Tee mit Zitrone,
Milch mit Honig,
Kaffee mit Marlene.

Und immer wieder blitzt der Humor hervor, den dieser, 1938 in Hamburg aufgewachsene, wie selbstverständlich mit dem Publikum teilt, als gäbe es unendlich viel davon. Wer eine seiner legendären Lesungen am Aschermittwoch bei den AnStiftern erlebt hat, kann das gut nachvollziehen.

Die Zusammenarbeit mit dem Vocalensemble Exvoco geht auf seine Zeit als Regisseur beim Hörfunk in Stuttgart zurück. In den achtziger Jahren hat er mit diesem Ensemble Hörspiele für den damaligen SDR produziert. Die beiden Künstler, Hanna Aurbacher und Ewald Liska, haben mit ihren Vokalstücken, sehr häufig aus lautmalerischen Gedichten bestehend, die ganze Welt bereist.

Hanna Aurbacher ist bekannt als Solistin bei internationalen Festivals für alte und neue Musik. Zahlreiche Uraufführungen und Produktionen in allen Medien kennzeichnen ihr künstlerisches Schaffen. Sie ist Mitglied diverser Ensembles, gibt Seminare in Vokaltechnik und Stimmphysiologie und hat als Professorin an der Musikhochschule Stuttgart gewirkt.

Ewald Liska ist Konzert- und Liedsänger und war Kantor in Stuttgart. Nach Promotion und Habilitation in Physik war er Hochschullehrer und in der Industrie tätig. Er gründete EXVOCO, war als Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk tätig und traf dort Günter Guben.

Ein Dada-Gedicht wird wie ein Musikstück in Japan verstanden wie auch in den USA. Sie tragen Texte von den großen Dadaisten aber auch von Günter Guben vor:

Weiter Videos der Guben-Gedicht-Rezitationen hier,  hier und hier

Günter Guben präsentiert auf langen Tischen die Farbdrucke seines Kollegen und Galeriefreundes Prof. Klaus Bushoff, der diese für den Band Vom Leben, Lieben und Lottern beigesteuert hat sowie eigene Partituren von visuellen und Lautgedichten. Im dritten Teil des Abends präsentiert Günter Guben einen Ausschnitt aus diesem Band. Hier, auf erotischem Gebiet, zeigt sich noch einmal die Virtuosität des Dichtes, der abseits plumper Anspielungen über Liebe, Sexualität und das Lottern zu schreiben vermag.

Verfügung der Dinge
Reihe »Edition Hammer + Veilchen«
81 Seiten, Preis: 12 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Vom Leben, Lieben und Lottern: erotische Texte und Graphiken
Mit Farbcollagen von Prof. Klaus Bushoff
Verlag der Studiengalerie Stuttgart, 2016
76 unpaginierte Seiten in einer Auflage von 100 Exemplaren, Preis 29 €

zu erwerben beim Autor oder über den Verlag

Ein großer Sänger: Tom Petty

04.10.2017 at 13:22
Tom Petty

Von Takahiro Kyono from Tokyo, Japan – Tom Petty, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58170118.

Tom Petty starb am 2. Oktober 2017 in Santa Monica, Kalifornien. Wir trauen um diesen großen Musiker.

Im April 2008 erschien Tom Pettys letztes Album, ein Reunionsalbum seiner ehemaligen Band Mudcrutch. Die Zeitschrift Rolling Stone listet Tom Petty auf Rang 91 der 100 größten Musiker sowie auf Rang 59 der 100 besten Songwriter aller Zeiten.

Hier das Video eines seiner ganz großen Hits, kurz vor seinem Tod am 25. September diesen Jahres

Zusammen mit seinen Kollegen Bob Dylan, George Harrison († 2001), Jeff Lynne und Roy Orbison († 1988) wirkte er auf den zwei Alben der Traveling Wilburys mit. Mit Georges Harrison und Roy Orbison wird er sicher im Musikerhimmel weiter spielen …

Neuer Vorsitzender im Verein Stuttgarter Schriftstellerhaus

28.09.2017 at 15:56
Die scheidende Vorsitzende Frau Bussmann und der neue Vorsitzende Moritz Heger

Die scheidende Vorsitzende Frau Bussmann und der neue Vorsitzende Moritz Heger

 

Am 25. September 2017 wurde auf der jährlich stattfindenden Mitgliederversammlung Moritz Heger einstimmig zum neuen 1. Vorsitzenden des Vereins Stuttgarter Schriftstellerhaus gewählt.

Zum stellvertretenden Vorsitzer wurde Wolfgang Tischer ernannt. Als Beisitzer wurde Fabian Neidhardt neu gewählt, weiterhin im Amt sind Michael Seehoff als Schriftführer, Helga Danzer und Susanne Stephan als Beisitzerinnen.

Sehr herzlich und mit großem Dank verabschiedet wurden Ingrid Bussmann (ehemalige 1. Vorsitzende) sowie Signe Sellke (ehemalige 2. Vorsitzende).

Moritz Heger ist zur Zeit mit seiner Ausstellung “Lichtgrau” im Haus zu sehen mit seinen Gedichten und Zeichnungen des Künstlers Christian Lang.