Der Coronavirus unterbricht den jahrhundertalten Camino

15.03.2020 at 19:05
Corona verhindert Pilgern

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Spanien zählt zu den Ländern in Europa, die mit am meisten von der Lungenkrankheit Covid-19 (Corona-Virus) betroffen sind. Besonders leidet Madrid, welches vom Robert-Koch-Institut sogar zum Risikogebiet erklärt wurde. Doch das Virus betrifft nun das ganze Land direkt: Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez hat am gestrigen Samstag, 14. März 2020, einen vorerst 15-tägigen Notstand für das Land Spanien ausgerufen. Dieser beinhaltet eine landesweite Ausgangssperre. Nur Wege zur Arbeit, zum Arzt, zur Versorgung von sich selbst und älteren Menschen und Kindern und Hilfsbedürftigen seien demnach noch erlaubt.

Gepackter Pilgerrucksack

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Diese dramatische Entwicklung in den letzten Tagen haben M. gezwungen, seinen Wunsch, nach Santiago de Compostela zu pilgern, auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben und den Rucksack wieder auszupacken.

Den Jakobsweg gibt es seit über 1000 Jahren. Er wird auch in ein paar Monaten noch auf mich warten. Und da er nun einmal meinen Namen gerufen hat, wird er das auch weiterhin tun.

Schon mal geübt

10.03.2020 at 13:32
Pilgern auf dem Weg nach Santiago de Compostela

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Bald wird M. sich auf die Pilgerschaft nach Santiago de Compostela begeben.
300 km will M. seinen Rucksack über die Berge tragen. Auf den Spuren unzähliger Pilger, die sich seit Jahrhunderten auf den Weg zum Grab des Apostels Jakobus machten. Am 17. März soll es mit dem Bus losgehen, nach 26 Stunden wird er in Oviedo ankommen, dem Ausgangspunkt des Camino Primitivo. M. wird sehr viel Zeit zum Nachdenken haben. Abseits aller Verpflichtungen will er den Kopf frei bekommen und endgültig hinter sich lassen, was ihn die vielen Jahre des Berufslebens geprägt hat. Dann wird M. in der Kathedrale von Santiago de Compostela eine Kerze anzünden und tief den heiligen Rauch einatmen, der von der Decke aus dem großen Weihrauchfass auf die Gläubigen hernieder sinkt. Er wird total kaputte Fußen haben aber erfüllt mit großer Freude zurückkommen.

Angela Lehner stellt sich und ihre Arbeit vor

10.03.2020 at 12:52
Angela Lehner im Schriftstellerhaus

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Seit Anfang des Jahres arbeitet Angela Lehner als Stipendiatin im Schriftstellerhaus und stellte sich am 9. März den Mitgliedern und Freunden des Hauses mit einer Lesung vor. Der Roman, aus dem sie an diesem Abend liest, Vater unser, ist kurz nach Erscheinen (2019) mit mehren Preisen ausgezeichnet worden: Dem Franz-Tumler-Literaturpreis, dem Literaturpreis Alpha, dem Österreichischer Buchpreis für das beste Debüt und dem Rauriser Literaturpreis. Außerdem schaffte es der Roman auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Ihr lebhafter Vortragstiel fesselt die Zuhörer

Angela Lehner liest mehrere Passagen und aufgrund ihres lebhaften Vortragstils macht es großen Spaß, ihr zuzuhören. Im Mittelpunkt des Romans steht Eva Gruber, eine junge Frau, die von der Polizei in die psychiatrische Abteilung eines Wiener Spitals gebracht wird. Angeblich hat sie mit einer Pistole auf eine Kindergartengruppe geschossen. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Dabei ist sie immer wieder hochkomisch, besserwisserisch und auch zutiefst manipulativ. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will und der ebenfalls im Otto-Wagner-Spital hospitalisiert ist. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet sie zumindest. Denn manchmal ist die Frage nach Wahrheit oder Lüge selbst für den Leser nicht zu unterscheiden. Manchmal, so Angela Lehner, hätte sie sich vor ihrer Protagonistin, Eva Gruber, selber gefürchtet

Am Anfang war die Wut der Angela Lehner

Wie es dazu gekommen ist, dass sie sich für so eine ungewöhnliche Geschichte entschieden hat, erzählt sie ausführlich an diesem Abend und wie es zu dem Buch überhaupt gekommen ist. Zuerst wäre da Wut gewesen:
Sie saß im Zug, den Laptop aufgeklappt, und wollte „etwas Schönes, etwas Künstlerisches“ schreiben, da kam eine Schulklasse in den Waggon und randalierte. Sie schlug Krach. Und zwar richtig. So konnte Angela Lehner nicht arbeiten, so konnte sie sich nicht konzentrieren, also hat sie in ihrem Ärger eine Mordfantasie niedergeschrieben. Sie schrieb über jemanden, der von einer Schulklasse genervt ist und am Ende alle erschießt. Mit diesem und einem schönen, literarischen Text hatte sie sich an der Bayerischen Akademie des Schreibens eingereicht und wurde genommen. Später hatte sie ein Stipendium am Literarischen Colloquium Berlin.

Die Zeit des Stipendiums nutzt Angela Lehner für die Arbeit an ihrem zweiten Roman, einer Jugendgeschichte, die wieder in Österreich spielen soll. Mit einem Textauszug davon hatte sie sich 2019 im Schriftstellerhaus beworben.

Vater unser
Gebunden mit Schutzumschlag, 284 Seiten
Hanser Berlin, Preis 22 Euro

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Wolfgang Schorlau im Hospitalhof: Die trüben Wasser von Venedig

05.03.2020 at 23:29
Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo im Hospitalhof

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Wolfgang Schorlau hat ein festes Stammpublikum und das ist am 4. März 2020 in den großen Saal des Hospitalhofs geströmt und hat diesen bis zum letzten Platz gefüllt. An diesem Abend ist er nicht allein mit einem neuen Roman gekommen: Der freie Hund. An seiner Seite der Italiener Claudio Caiolo. Mit dem Schauspieler Claudio verbindet Wolfgang Schorlau eine 25jährige Freundschaft. Seit vielen Jahren wollten sie ein Projekt zusammen machen. Nun liegt das Ergebnis vor: Ein Kriminalroman, in Venedig angesiedelt.

Wolfgang Schorlau ist sehr gut vernetzt

Schorlau, Albath, Caliolo

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Bevor es so richtig mit dem von der ausgewiesenen Italienkennerin Maike Albath moderierten Gespräch los geht, begrüßt Wolfgang Schorlau seine große „Künstlerfamilie“. In dieser Patchworkfamilie tummeln sich mittlerweile eine ganze Reihe illustrer Mitglieder. Seine Lebensgefährtin, die Staatssekretärin und ehemalige Direktorin der Kunstakademie, Petra Olschowski, wurde schon von der Leiterin des Literaturhauses, Stefanie Stegmann, zu Beginn begrüßt. Seine Verlegerin von Kiepenheuer & Witsch, Claudia Häußermann, ebenso wie sein Lektor, Nikolaus Wolters sind zur Buchvorstellung angereist. Auch die Organisatorin seiner Lesereise, Susanne Beck, ließ es sich nicht nehmen, zur Premiere von Köln nach Stuttgart zu kommen. Es ist offensichtlich, dass Wolfgang Schorlau sich als Teil eines Literatur-Produktions-Teams sieht, bei dem er im Mittelpunkt steht.

Venedig wird literarisch von dem Autorenduo angegangen

Vielen gilt Venedig ja als schönste Stadt der Welt. Wolfgang Schorlau erzählt von einer Reise mit seinem Sohn dorthin, wie er all die Sehenswürdigkeiten besucht hatte und dann doch hinter die Fassade schauen wollte. Und so beschreibt er in seinem neuen Roman keine Idylle. Sein Kommissar Morello stammt aus Sizilien (auch Claudio Caiolo stammt aus Sizilien), der nach Venedig versetzt wird, um hier für Recht und Ordnung zu sorgen. In Venedig verfolgt er als erstes einen Taschendieb – wie wir aus der Lesung des ersten Kapitels erfahren – und landet prompt in einem Canale, der natürlich trübe ist. Aber der als „schleimige Brühe“ beschriebene Canale di San Pietro ist alles andere als trübe. In Wirklichkeit kann man bei ihm teilweise sogar bis auf den Grund schauen. Auch kann auch weder am frühen Morgen noch zu irgendeiner anderen Zeit ein Kreuzfahrtschiff seinen Schatten auf den Canal Grande werfen, der im Buch auch mal Canale Grande heißt. Hier prallt die „literarische Freiheit“ auf die Wirklichkeit. Gegen diese Kreuzfahrtinvasion regt sich Widerstand und ein Aktivist wird prompt ermordet.

Eine Zusammenarbeit zweier ganz unterschiedlicher Charaktere

Wie die Zusammenarbeit der beiden Freunde konkret ausgesehen hat, beschreiben die beiden ausführlich an diesem Abend. Maike Albath hat alle Mühe den quirligen Claudio Caiolo zu bremsen, der sie ungehemmt duzt, wiewohl sie – ganz professionell – konsequent beim Sie bleibt. Weil Claudio Caiole Erfahrungen beim Drehbuchschreiben mitbrachte (für seinen Kinospielfilm Birthday erhielt er 2002 den Max Ophüls Preis für das Drehbuch), oblag es ihm, eher dialogisch zu arbeiten. Völlig hemmungslos hat Schorlau seine Texte zusammen gestrichen, damit die Geschichte an Fahrt gewinnt. Das führte zu machen heftigen Diskussionen zwischen den beiden. Meike Albath meint zu dieser Auseinandersetzung, er müsse als Drehbuchautor das eigentlich verstehen, denn es gäbe den Satz unter den Drehbuchautoren: „Kill your baby“. Dem Zuhörer wird an diesem „Disput“ klar, dass die beiden Autoren auf dem Podium als eingespieltes Duo agieren.

Wer hat hier wo und wie recherchiert?

Die Auseinandersetzung mit der Autorin und Mafia-Expertin Petra Reski katapultierte sie aus ihren eingespielten Rolle. Meike Albath klammert in der Diskussion dieses heikle Thema nicht aus: Petra Reski wohnt seit vielen Jahren in Venedig. Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo trafen sie in Venedig bei einem Arbeitsessen. Sie wollten Hintergründe für die Story recherchieren. Die Vorwürfe der Journalistin kann man auf ihrem Blog hier und hier im Detail nachlesen. Darin wirft Reski dem Duo vor, sie hätten ihre eigene Arbeit geplündert. Und das so fehlerhaft, dass sie ihren Namen keineswegs mit dem Ergebnis, selbst nur als Danksagung, in Verbindung gebracht haben möchte. Diese Vorwürfe führten schließlich zu einer Unterlassungsklage, die sie gegen den Verlag anstrengte. Die zielte darauf ab, dass die Danksagung der beiden an sie bei der 2. Auflage gestrichen wird.

Wolfgang Schorlau reagiert schmallippig auf die Plagiatsvorwürfe

Was der Autor Wolfgang Schorlau an diesem Abend sichtlich zerknirscht dazu meint, hatte er in einem Interview auch schon den Stuttgarter Nachrichten gesagt: „Die einstweilige Verfügung ist für mich ein Rätsel. Wir hatten ein wahnsinnig nettes Gespräch in Venedig. Claudio und ich sind große Bewunderer von Petra Reskis Arbeit und haben deshalb eine Figur („Petra Mareschi“) nach ihr benannt. Das war als Hommage und Verbeugung gedacht.“

Schorlau hatte Reski das Manuskript im August 2019 geschickt und zunächst nichts gehört. Dann sei ein Anwaltsschreiben gekommen: „Wir haben die Danksagung entfernt und die Figur der investigative Jounalistin umbenannt. So wie unser Umgang war, hätte dafür ein Anruf auch genügt.“ In Folgeauflagen wird der Namen der investigativen Jounalistin verändert. Nicht aus juristischen Gründen, sondern weil die Autoren der Überzeugung sind, dass eine Hommage wider Willen keinen Sinn macht.

Diese Vorwürfe treffen einen Autor, der sich als ein gewissenhafter Rechercheur einen Namen gemacht hat, natürlich schwer. Das Publikum im Saal ficht das nicht an, wie an der langen Schlange derer zu sehen ist, die sich das Buch von dem Autorenduo signieren lassen wollen.

Der freie Hund: Commissario Morello ermittelt in Venedig
 336 Seiten, Paperback
Kiepenheuer & Witsch, Preis: 16 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Just Mercy – Ein grandioser Justizthriller

04.03.2020 at 17:32
Verteidigung des zum Tode verurteilten Walter McMillin (Jamie Foxx) © Warner Bros.

Anwalt Brian Stevenson (Michael B. Jordan, links) vertritt den zum Tode verurteilten Walter McMillin (Jamie Foxx) vor Gericht                                                                                                        © Warner Bros.

 

Wer in den Jahren der Präsidentschaft von Donald Trump über Amerika den Kopf schüttelt, der wie kaum ein anderer Präsident vor ihm in jüngster Zeit das Land spaltet, sollte sich den Justizthriller „Just Mercy“ anschauen. Hier wird gezeigt, wie gespalten dieses Land schon immer war und wie Menschen, die an die amerikanische Verfassung glauben, den Kampf für Gerechtigkeit aufnehmen. Die daran scheitern können, aber auch Gerechtigkeit mit Hilfe der Gesetze wieder herstellen können. Der Film „Just Mercy“ konzentriert sich ganz auf seine beiden Protagonisten, den schwarzen Anwalt Brian Stevenson (hervorragend: Michael B. Jordan) und den zum Tode verurteilten Schwarzen Walter McMillian, alias „Johnny D.“, (Jamie Foxx). Er sitzt als Todeskandidat im Gefängnis und ringt um seine Würde.

Trailer zum Film

Wenn wir uns selbst betrachten, können wir die Welt besser machen

Nach Abschluss seines Studiums in Harvard hätte sich Bryan lukrative Jobs aussuchen können. Stattdessen geht er gegen den Willen seiner Familie nach Monroeville, Alabama, um zusammen mit der ortsansässigen Anwältin Eva Ansley (Brie Larson) Menschen zu verteidigen, die zu Unrecht zum Tode verurteilt wurden oder sich keine angemessene Verteidigung leisten können. Einer seiner ersten und Fälle ist der von Walter McMillian, der 1987 für den berüchtigten Mord an einer Achtzehnjährigen zum Tode verurteilt wurde. Das obwohl die meisten Indizien seine Unschuld bewiesen und die einzige Zeugenaussage gegen ihn von einem Kriminellen stammte, der ein Motiv hatte zu lügen. In den folgenden Jahren verwickelt Bryan Stevensons Kampf für „Johnny D.“und viele andere ihn in ein Labyrinth aus juristischen und politischen Manövern. Konfrontiert wird er mit offenem und ungeniertem Rassismus, während die Gewinnchancen – und das System – gegen seine Mandanten stehen.

Der Film ist so anders als das Filmdrama über Rassismus und Gerechtigkeit nach der Romanvorlage „Wer die Nachtigall stört“ von der Purlizer-Preisträgerin Harper Lee. Dieser Film zeigt den weißen, gutbürgerlichen Anwalt Atticus Finch (Gregory Peck) der in seiner Verteidigung eines zu Unrecht des Mordes angeklagten Afroamerikaners den institutionellen Rassismus des „Deep South“ der USA offen legt.

Fast 30 Jahre später, im Sommer 1987, mag das Nachtigallen-Museum zwar eine Sehenswürdigkeit für Touristen sein, am Schicksal der schwarzen Bevölkerung Alabamas hat sich offenbar nicht viel geändert.

Durch die konsequente „schwarze Sichtweise“ entfaltet der Film „Just Mercy“, der auf einem Buch des realen Anwalts Brian Stevenson beruht, eine viel größere Wucht als der 1962 mit Georgery Peck verfilmte Roman und wird damit zu einem Lehrstück über die ungleiche Behandlung von Personen mit unterschiedlicher Hautfarbe in Amerika. Es zeigt ein ungerechtes Justizsystem, das sich seit Jahren manifestiert hat und das nur allzu empfindlich auf das Infragestellen eines zweifelhaften Falls reagiert.

Wir alle brauchen Güte, wir alle brauchen Gnade

Der hawaiianische Regisseur Destin Daniel Cretton zeigt die Auswirkungen, die ein falsches Urteil auf die Betroffenen, auf ihre Familie und Freunde hat. Es sind betörende und zugleich schockierende Bilder, die der Regisseur in Szene gesetzt hat. Doch auch die Sichtweise des weißen Staatsanwalts, der seinen Fall dahinschwimmen sieht und damit hadert, auf welcher Seite der Geschichte er stehen will, nimmt er in den Blick.

„Just Mercy“ ist ein gewaltiges Justizdrama, das den unerschütterlichen Glauben seines Protagonisten an ein Rechtssystem, das für alle Menschen, egal welcher Hautfarbe, Gültigkeit besitzt, fulminant in Szene setzt. Dafür muss der Film die literarische Vorlage (die im Abspann ausführlich zitiert wird) nicht großartig verdichten. Er erzeugt beim Zuschauer ein Gefühl tiefer Betroffenheit. Verantwortlich dafür ist unter anderem die von Empathie getragene Ausarbeitung der Charaktere, deren Motive offen gelegt werden. „Just Mercy“ lässt einen sprachlos zurück und stellt eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit in den Mittelpunkt.

Zum Tod von Ernesto Cardenal

02.03.2020 at 20:36
Ernesto Cardenal Bildquelle Wikipedia CC BY-SA 3.0

Bildquelle Wikipedia CC BY-SA 3.0

 

Der nicaraguanische Dichter und Priester Ernesto Cardenal starb am 1. März 2020 in Managua im Alter von 95 Jahren an Nieren- und Herzschäden. Als Theologe war er einer der prominentesten Vertreter der Befreiungstheologie. Sein politisches Engagement veranlasste ihn, den bewaffneten Kampf gegen die Somoza-Diktatur zu unterstützen. Als Dichter war er hoch geehrt, er bekam unter anderem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1980).

Gott
braucht den Menschen nicht,
um glücklich zu sein,
und doch liebt er ihn so,
als ob er ohne ihn
ewig unglücklich wäre.

Ernesto Cardenal

Ernesto Cardinal wurde am 20. Januar 1925 in Granada (Nicaragua) geboren. Er war Erbe einer starken poetischen Tradition. Von 1942 bis 1946 studierte er Philosophie und Literaturwissenschaft an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko, anschließend bis 1949 an der Columbia University in New York. Ende der 1950er Jahre schloss er ein Theologie-Studium in Mexiko und Kolumbien an. 1965 wurde er zum Priester geweiht und ließ sich später im Solentiname-Archipel am Großen See von Nicaragua nieder, wo er eine Gemeinschaft von Fischern und Künstlern gründete, die weltberühmt wurde. Dort schrieb er sein berühmtes Evangelium von Solentiname.

Ernesto Cardinal stand immer auf der Seite der Unterdrückten

Sein politisches Engagement veranlasste ihn, den bewaffneten Kampf gegen die Somoza-Diktatur zu unterstützen. Eine Dynastie, die Nicaragua mehr als 40 Jahre lang regierte. Er wurde zum Kulturminister der neuen sandinistischen Regierung ernannt. Ernesto Cardinal setzte sich für eine „Revolution ohne Rache“ ein und initiierte eine umfassende Alphabetisierungskampagne für die fast 70 % Analphabeten des Landes. Sein Engagement für die Ärmsten und gegen Ungerechtigkeiten machte ihn zur moralischen Stimme der sandinistischen Revolution, ein Projekt, bei dem er sich tief engagierte und ihm einen Verweis von Papst Johannes Paul II. einbrachte, der ihm die Ausübung seiner Priesterämter verbat. Bis 1987 hatte Ernesto Cardenal das Amt des Kulturministers inne. Dann wurde das Ministerium – angeblich aus Kostengründen – aufgelöst.

Seine ehemaligen Weggefährten klagt er an

Der Dichter hat sein eigenes Martyrium seit 2007 gelebt, als Daniel Ortega in Nicaragua an die Macht zurückkehrte. Seitdem wurde er von der Justiz verfolgt und vom sandinistischen Führer kontrolliert. „Ortega und seine Frau Rosario Murillo haben eine absolute, unendliche Macht, die keine Grenzen kennt, und diese Macht ist jetzt gegen mich “, sagte Cardenal 2017 in einem Interview. Trotz dieser Verfolgung hat Kardinal seine unermüdliche Aktivitäten aufrecht erhalten. Er gab Konzerte in Europa und Lateinamerika und prangerte die Exzesse von Ortega an.

Gegenüber der katholischen Kirche hingegen zeigte er sich zuletzt milde. Vor allem das bescheidene Auftreten von Papst Franziskus gefiel ihm. „Das ist eine große Veränderung im Vatikan, die niemand vorhersehen konnte“, sagte Ernesto Cardenal. Franziskus versuche, die Welt zu einem besseren Ort für die Armen und Vergessenen zu machen. Zuletzt rehabilitierte das katholische Kirchenoberhaupt den einst verfemten linken Priester. Anfang Februar 2019 hob Franziskus die Sanktionen gegen ihn auf.

Zerschneide den Stacheldraht

Seine Psalmen wurden das Gebetbuch der Unterdrückten. Sie ermutigten das politische Bewusstsein der Christen, stärkten die Freiheitskämpfer. Unter dem Titel Zerschneide den Stacheldraht brachte der Peter Hammer Verlag diese Gedichte 1967 in deutsche Übersetzung heraus. Das in wenigen Jahren in siebzehn Sprachen übersetzte Bändchen wurde in den frühen 70er Jahren die auflagenstärkste deutsche Lyrikpublikation. Dennoch sperrten sich damals namhafte deutsche Tages- und Wochenzeitungen gegen die Rezension dieser Psalmen in ihrem Feuilleton. Autor, Aussage und Gattung waren nicht „in“. Die Texte entsprachen weder der linken noch der rechten noch einer linksliberalen Ästhetik. Cardenal war für keine Seite unmittelbar affirmativ zu gebrauchen.

Trainieren im Winter

23.02.2020 at 16:15
Bär macht Muskeltrainign im Schlaf

gelesen in der StgZ

Sie bewegen sich monatelang nicht und trotzdem sinkt ihre Muskelmasse nicht. Das wünscht sich M. auch, wenn er sich in die „Mukibude“ schleppt.