Bruce Springsteen wird heute 70 – Herzlichen Glückwunsch von der Lerche

23.09.2019 at 13:13
The Boss Bruce Springsteen

He is „The Boss“

Der in Long Branch, New Jersey, geborene Rockmusiker ist einer der ganz Großen im amerikanischen Rockbusiness. Mit seinen legendären E Street Band spielt er seit 1974 bodenständigen Rock. Wer hätte das dem „Problemkind“ zugetraut, das in einer von Franziskanerinnen geleiteten Schule die Schulbank drückte.

Ein Leben wie das seiner Eltern erschien Bruce Springsteen als Sackgasse

Er war in ständigem Konflikt zu den Lehrern, zog sich zunehmend in sich selbst zurück. Er entwickelte ein Gespür für Isolation, das ihn bis weit ins Erwachsenenleben hinein begleiten sollte. Schon in seiner Jugend empfand Springsteen die sich ihm als Arbeiterkind bietenden Zukunftsperspektiven als bedrückend. Das Leben seiner Eltern erschien ihm als Sackgasse. Mit seiner Musik hat er, der nie in seinem Leben länger als 5 Tage bei einem Arbeitgeber war, Millionen verdient, seit er 1973 er seine erste Platte: Greetings from Asbury Park, N.J. veröffentlichte.

Bruce Springsteen begleitet seine „Helden“ in seinen Songs

Bruce Springsteen gilt als aufmerksamer Beobachter und Chronist des US-amerikanischen Alltags. Er porträtiert in seinen Songs das Leben des „kleinen Mannes“ mit all seinen Träumen, Sehnsüchten und Freuden, aber auch seinem Scheitern an der Realität. Dabei begleitet er die Figuren auf ihrem Lebensweg: Auf seinen ersten Platten sind dies vor allem Jugendliche, die sich die Hörner abstoßen und von einer glücklichen Zukunft träumen. Springsteen besingt die Helden seiner frühen Lieder in geradezu überschwänglich romantischer Weise und neigt zu ausufernden Wortkaskaden im Stile des stream of consciousness. Herausragend sein Album Born in the USA von 1984.

In seinen Konzerten vermittelt er seinem Publikum die Gefühle, die er selbst als Jugendlicher beim Hören und Spielen von Musik empfunden hat. Seine Konzerte haben eine fast kathartische Wirkung auf seine Zuhörer. Sie werden daher sogar oft mit Gottesdiensten verglichen, weil er in der Vergangenheit zu fast jedem Lied eine fesselnde, unterhaltsame und oft auch sehr persönliche Geschichte zu erzählen hatte.

In dem Film Blinded by the Light liebt ein Pakistaner in England die Springsteen-Songs und wird durch die Songs von Bruce Springsteen ermutigt, seinen eigenen Weg als Lyriker zu gehen und sich gegen die Anfeindungen seiner ausländerfeindlichen Umwelt zu behaupten.

Ein Alterswerk von Bruce Springsteen im Jahre seines 75. Geburtstages

In diesem Jahr beglückte er mich mit seiner Platte Western Stars. Er komponiert einfühlsame Rockballaden und trägt sie mit seiner markanten Stimme vor. Ein akustisches Album. Ich wünsche Bruce, dass er mir noch viele Jahre so wunderbare Songs schenkt!

Bedrückende Lesung im Tiefbunker Feuerbach

23.09.2019 at 12:18
Noch ist es nur ein Spiel

Noch ist es nur ein Spiel

Es ist ein klaustrophobisches Gefühl, das sich meiner bemächtigt, als ich die Stufen des Tiefbunkers hinunter steige. Es ist der 22. September 2019 und draußen scheint die Sonne. Hierher kommen sie nicht, der Bunker ist tief ins Erdreich gegraben, seine Wände sind 1,6m dick. Was mögen die Menschen vor 75 Jahren gefühlt haben, als die Deutschen im letzten Kriegsjahr vor den Bomben diese Räumlichkeiten aufsuchten? 2.000 – 2.500 Personen fanden während der Bombenangriffe der Alliierten in diesen Räumen Schutz, für mehrere Stunden mussten sie hier ausharren, bevor sie wieder ans Licht des Tages gehen konnten und ihnen die Auswirkungen der Bomben zu Gesicht kamen.

Im Eingangsbereich Spielzeug. Spielzeug, das propagandistisch auf den Krieg vorbereitete und den unerschütterlichen Glauben an den „Größten Feldherrn aller Zeiten“ den Kindern im Spiel einimpfen sollte. So mancher vierzehnjährige Bub hat die Realität des Krieges in den letzten Abwehrschlachten erfahren und feststellen müssen, wie groß der Abstand zu den lustigen Figuren der Soldaten und der verherrlichenden Darstellung des Führers ist.

Abstieg in den Bunker

Abstieg in den Bunker

Eindrücklich vermitteln Lilian Wilfart und Wolfgang Tischer durch ihre Lesung das Gefühl der Hilflosigkeit angesichts des Krieges. Lilian Wilfart liest Textpassagen aus den Briefen der Mutter von Margot. Sie schreibt ihrer Tochter, die am Mondsee in Österreich mit ihrem Baby weilt, von den Auswirkungen der Bombardements auf Darmstadt. Gegen Ende der Briefe liegt ganz Darmstadt in Schutt und Asche. Ziviles Leben ist zum Erliegen gekommen.

Es wird in der Lesung aus dem Roman nicht erwähnt, ob sie die Bombennächte in einem Bunker verbracht hat, und wie groß dieser war. Der Bunker in Feuerbach konnte 2.000 (!) Menschen aufnehmen, es gab aber auch Angriffe, bei denen sich 2.500 Menschen im Bunker befanden. Eine, zwei, drei Stunden mussten die Menschen damals hinter den 1,6m dicken Wänden ausharren, bis das Signal der Sirene ertönte und sie wieder ans Tageslicht treten konnten. In Zeiten des Kalten Krieges wurde der Bunker für den Atomkrieg ausgerüstet. Da die Insassen bis zu 14 Tage hätten im Bunker verbringen müssen, wurde die Kapazität auf 1.200 Personen reduziert.

Bunkertüre mit Sirene

.

Wolfgang Tischer liest im Wechsel aus den Aufzeichnungen des jüdischen Zahntechnikers Oskar Meyer. Dieser muss das Wiener Quartier, in dem er als Nachbar mit Veit Kolbe gewohnt hatte, verlassen. Er flüchtet mit seiner Frau Walli und seinem Sohn nach Budapest. Doch die Faschisten setzen ihm auch hier nach, das Leben wird härter, schlussendlich wird er in einem Arbeitslager in der Nähe des Mondsees eingesetzt und Veit Kolbe erkennt den völlig veränderten Oskar Meyer am Tuch von Walli: „Als der Mann (O. Meyer) meinen Blick bemerkte, schaute er einige Sekunden zurück mit bohrenden Augen und voller Vorwurf, dabei hielt er den Kopf trotzig hoch, als sei ihm der von dem Halstuch umschlungene Nacken erstarrt.“. Dieses hat Oskar Meyer als einziges Andenken an seine Frau retten können.

Als die Besucher dieser Veranstaltung des Schriftstellerhauses verlassen, hoffen wahrscheinlich alle, dass ihnen und ihren Angehörigen eine solche Erfahrung erspart bleiben wird.

„Unter der Drachenwand“: Viva Brasil im Dorotheeenquartier

21.09.2019 at 19:00
Die Gruppe Ipanema Beach Hotel: Jörn Bahr, Jürgen Braun und Jeschi Paul

Die Gruppe Ipanema Beach Hotel: Jörn Bahr, Jürgen Braun und Jeschi Paul (v.l.n.r.)

 

Lilian Wilfart und Wolfgang Tischer hatten am 29.09.2019 Glück: die letzten Sonnenstrahlen erwärmten die in Liegestühlen sitzenden Zuhörer. So konnten sie einem völlig entspannten Publikum eine „Nebenfigur“ aus Arno Geigers Roman Unter der Drachenwand vorstellen: Den Brasilianer. Ihn hatte es, genau wie die Hauptfigur Veit Kolbe, an den Mondsee unter der Drachenwand verschlagen. Hier züchtet der Brasilianer Orchideen und Tomaten in seinem Gewächshaus. Veit ist zur Rekonvaleszenz von der Ostfront hierher gekommen, er hat ein Zimmer bei der Schwester des Brasilianers bekommen und es entspannt sich eine zarte Liebesbeziehung zu seiner Zimmernachbarin Margot, eine junge Frau, die es aus Darmstadt hierher verschlagen hat, Sicherheit vor dem Krieg suchend, für sich und ihr Baby.

Stuttgart, Brasilien, alles hängt zusammen

In dem Romanauszug wird von der Musik gesprochen, lateinamerikanische Rhythmen. Diese ertönen im Gewächshaus, als Veit den Brasilianer dort besucht. Von der Bühne wehen ebenso brasilianische Klänge ins Publikum. Ab und dann sieht man einen wippenden Fuß. Durch die Lesung und die Musik wird uns Brasilien näher gebracht. Ein Land, das derzeit wieder in den Schlagzeilen ist. Es wird von einem Rechtspopulisten regiert, dessen Regierungsstil sich stark an faschistoiden Systemen orientiert. Und es brennen in Brasilien die Wälder. Das ist wieder ein Baustein im Klimawandel. Fünfhundert Meter weiter hat gerade die Abschlusskundgebung zum großen, weltweiten Klimastreik stattgefunden. Ein Vorständler des Schriftstellerhauses kommt von dort zu Lesung von Lilian Wilfart und Wolfgang Tischer. Stuttgart, Brasilien, alles hängt auch in diesen Tagen zusammen.

Arno Geiger öffnet die Räume der Erinnerung

21.09.2019 at 15:00
Arno Geiger, Moderatorin Barbara Staudinger, Historikerin Katrin Hammerstein und der Generalsekretär des Comité International de Mauthausen (v.l.n.r.)

Arno Geiger, Moderatorin Barbara Staudinger, Historikerin Katrin Hammerstein und der Generalsekretär des Comité International de Mauthausen (v.l.n.r.)

 

Am 18.09.2019 kam Arno Geiger darüber ins Gespräch mit Andreas Baumgartner vom Comité International de Mauthausen, ein in Österreich gelegenen KZ und mit der Historikerin Katrin Hammerstein. Der Ort der Diskussion der Diskussion war vom Schriftstellerhaus gut gewählt: Das Hotel Silber, im Faschismus die Gestapozentrale der Reichsteile Württemberg und Hohenzollern. Jahrelang hatten verschiedene Gruppen der Zivilgesellschaft darum gekämpft, hier ein Erinnungs- und Dokumentationszentrum zu gründen. Im Dezember 2018 wurde es endlich feierlich der Öffentlichkeit übergeben.

Souverän moderierte Barbara Staudinger die Diskussion. Sie hat als Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums in Augsburg Erfahrung im Umgang mit der Erinnungskultur. Arno Geiger ist kein Historiker, das betont er immer wieder in Interviews und Diskussionen, er schreibt fiktiver Literatur. Er schreibt seinen Roman nicht aus der retrospektivischen Perspektive. Seine Figuren in den Tagen des Jahres 1944 können nicht wissen, wie lange der Krieg dauert.

Unter der Drachenwand ein Antikriegsroman?

Durch die Hintertür wird der Text ein Kriegsroman. Doch es ging Arno Geiger nicht um die Beschreibung des Krieges. Er wollte zeigen, wie sich soziale Beziehungen vor dem Hintergrund des Krieges darstellen. Der Krieg zerstört das soziale Leben der Menschen, er dringt in die privatesten Winkel der menschlichen Beziehungen ein, als fein verästeltes System. Und weil der Roman auch ein Text über die Liebe ist, ist er ein Antikriegsroman.

Und daher ist die Frage, ob es sich bei dem Roman um einen typisch österreichischen Text handelt, für Arno Geiger nebensächlich.

Die Opfer waren in Wirklichkeit oft Täter

Lange Zeit sahen sich die Österreicher als Opfer. Die Täter kamen aus Deutschland, so deren Sichtweise. Doch viele Österreicher haben nach Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich die faschistische Diktatur aktiv unterstützt. Nach dem Krieg wurde das aber nicht in dem Maße aufgearbeitet, wie in Deutschland. Wiewohl auch in Westdeutschland die Beschäftigung mit einer Verzögerung von zwanzig Jahren einsetzte. Der Opfermythos der Österreicher bekam mit der Bewerbung und der Wahl von Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten tiefe Risse.

„Irgendwer muss den Job ja machen“

Die Soldaten waren im Krieg sowohl Täter aber auch Opfer. Und als diese Soldaten nach Hause kamen, waren sie häufig tief traumatisiert, verkapselten ihre Erlebnisse und saßen als soziale Zombies in der Mitte ihrer Familien und ließen keine Fragen zu den eigenen Erlebnissen zu. Die Täterschaft wurde häufig mit dem Satz: „Irgendwer muss den Job ja machen“, bagatellisiert.

Die Zeitzeugen sterben aus

Andreas Baumgartner bringt den Aspekt in die Diskussion, dass es fast keine Zeitzeugen mehr gibt. Wenn die Zeitzeugen sterben, stirbt auch die Empathie. Hier setzten gute Texte an, denn die Geschichten können Empathie transportieren, wie Arno Geiger es mit seinem Roman aktuell beweist. Er macht es möglicht das Schicksal seiner Romanfiguren zu verstehen und für sie Empathie zu empfinden. Er vertraut seinen Lesern, dass sie clever genug sind, das Leiden der Romanfiguren zu erkennen und Konsequenzen für die Gegenwart daraus ziehen.

Für Arno Geiger gehören die Figur des jüdischen Nachbarn von Veit Kolbe, Oskar Meyer, unbedingt in den Roman, ja, es ist für ihn eine zentraler Aspekt, dessen Leiden darzustellen, obwohl er – ganz bewusst – nur „leicht an der Geschichte angebunden ist“.

Erinnerungskultur sollte an Menschen anknüpfen nicht an Zugehörigkeit

Die Erinnerungskultur sei dominiert von Linken und Juden. In den Letzten Jahren sind die Roma noch dazu gekommen. Die Politik „besetzte“ die Gedenkfeier zur Befreiung in Mauthausen. Was dabei völlig aus dem Blick gerät, sind die „Asozialen“, die ebenfalls von den Nazis interniert wurden. Die haben allerdings keine Lobby, auch heute noch nicht. Doch das Leiden war und ist universell: Kommunisten, Juden, „Geistesgestörte“. Andersdenkende und „Asoziale“ wurden in KZ weggesperrt. Und die, die zuschauen, machen sich schuldig, weil sie durch ihr Zuschauen Einfluss auf das Geschehen nehmen. Das sei im Theater so und auch im realen Leben.

Arno Geiger schließt für sich aus, auf einer der jährlichen großen Gedenkfeiern in Mauthausen zu sprechen. Nach seinem Selbstverständnis ist das nicht die Rolle des Schriftstellers.

Stuttgart liest ein Buch 2019 – Der Beginn

21.09.2019 at 13:58
Arno Geiger im Gespräch mit Wolfgang Tischer

.

 

Im großen Saal des Hospitalhofes wurde am 16.09.2019 die diesjährige Veranstaltungsreihe Stuttgart liest ein Buch unter der Schirmherrschaft des OB Fritz Kuhn eröffnet. Angefangen hatte alles 2001 in Chicago mit One Book, One Chicago. In Stuttgart gibt es dieses Format nun schon zum vierten Mal.

Frau Renninger, OB Fritz Kuhn, A. Braun (v.o.n.u)

Frau Renninger, OB Fritz Kuhn, A. Braun (v.o.n.u)

Der Platz im Parkett des Saals reicht nicht aus, die Empore muss geöffnet werden, um dem Ansturm Herr zu werden. Pfarrerin Monika Renninger, Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof Stuttgart, begrüßt die Gäste aufs herzlichste. Der Hospitalhof ist Mitorganisator dieses alle zwei Jahre stattfindenden Lesefestivals.

Das Schriftstellerhaus Stuttgart zieht wie immer die Fäden. Seine Geschäftsführerin Astrid Braun ist als Projektleiterin für diese Veranstaltungsreihe so etwas wie das dahinter steckende Master Mind. In ihrer Eröffnungsrede bedankt sie sich bei allen beteiligten literarischen Institutionen der Stadt Stuttgart, ohne deren aktive Mitarbeit eine solch umfangreiche Reihe nicht auf die Beine zu stellen wäre.

Arno Geiger im Gespräch mit Wolfgang Tischer

Wolfgang Tischer vom Vorstand des Schriftstellerhauses verwickelt den österreichischen Autor Arno Geiger in ein tiefsinniges Gespräch über seinen Roman Unter der Drachenwand und über seine Arbeit als Schriftsteller. Zehn Jahre hat Arno Geiger an diesem Roman gearbeitet.

„Ich hatte vor vielen, vielen Jahren so einen Zufallsfund, die Korrespondenz eines Lagers, Kinderlandverschickung, Schwarzindien am Mondsee – die Kinderbriefe, Elternbriefe, Behördenbriefe –, und das hat alles in Gang gesetzt, also ein Zufall. Das ist mir zugefallen, und die Qualität eines Stoffes bemisst sich vielleicht daran, wie sehr etwas in Gang setzt, emotional vor allem – gedanklich, aber auch die Vorstellungskraft. Das war Wumms.“

Das Lager Schwarzindien kommt schon im Roman Es geht uns gut vor, für das Arno Geiger 2005 den erstmals verliehenen Deutschen Buchpreis bekommen hat. Er wollte einen Familienroman schreiben und er wollte ein dreidimensionales Bild vom Krieg zeigen. Ein Krieg, der in jeden Raum eingedrungen ist, in jede Verästlung der Gesellschaft. Immer wieder hat er neue Aspekte entworfen. Wobei einige Figuren im Roman von Anfang an in seinem Kopf waren, zuerst die dreizehnjährige Nanni.

Wie fühlt sich Krieg an?

Ihn interessiert nicht, wie der Krieg von heute aus gesehen wird, sondern er wollte erzählen, was nur ein Roman erzählen kann: wie könnte sich das angefühlt haben im fünften, sechsten Kriegsjahr zu leben, also buchstäblich unter der Drachenwand. Und wie ergeht es einem Menschen, der sich „ins Bett des Teufels gelegt hat“ aus dem nur schwer wieder herauszufinden ist. Dazu hat er O-Töne gelesen, Briefe, Tagebücher, Tausende Seiten. Das war dann das Fundament für den Roman.

Den Roman fertig im Kopf, dann schreibt Arno Geiger ihn

Arno Geiger muss immer wissen, wie lang der Roman sein muss. Wenn das klar ist, schreibt er seinen Roman in chronologischer Reihenfolge. Als er das Gesamtbild in seinem Kopf ausgestaltet hatte, schrieb er das Buch innerhalb von nur fünf Monaten.

Beim Schreiben denkt Arno Geiger permanent über die Welt nach und über sich selber. Der Krieg hat eine unglaublich mobile Gesellschaft erzeugt, Familien waren auseinandergerissen und damals war das Schreiben eine ganz natürliche Form der Kommunikation.

Arno Geiger redet über seine Figuren, als wären es seine Bekannten und für ihn hat der Roman Wahrheitsansprüche. So verwundert es auch nicht, dass er in den Nachbemerkungen über das weitere Schicksal seiner Figuren schreibt, denn, so Geiger, der Leser hätte ein Recht darauf zu erfahren, was aus ihnen geworden ist.

Seine Frau, eine Kinderärztin, bekommt das Manuskript als erste zu lesen. Aber erst, wenn es aus Sicht von Arno Geiger fertig ist. „Ohne meine Frau wäre ich fast nichts“, gesteht der Autor und liefert damit einen wunderschönen Liebesbeweis.

An ein neues Buch denke er nicht, meint Arno Geiger, nachdem er den „Boden des Fasses erreicht“ hat, das aktuelle Buch ist immer das geliebteste.

„Der Krieg hatte ihn zur Seite geschleudert“

In einer kurzen Lesepassage wird uns von Omid Eftekhari einfühlsam der Einstieg in das Buch dargeboten. Der Krieg ist bereits in jeden Raum, jede Verästlung eingedrungen, da wird der Protagonist verwundet, reist zur Rekonvaleszenz von seiner Heimatstadt in die kleine Marktgemeinde Mondsee. Bei seinen Eltern ist er nicht zur Ruhe gekommen: „Ich halt’s hier nicht aus, ich muss weg.“ Der Mondsee im Salzkammergut liegt unter dem Bergmassiv der Drachenwand. Den Ort wählt er, weil er einen familiären Anknüpfungspunkt hat: sein Onkel leitet in dem Ort die Polizeistation. Der Onkel, wie auch sein Vater sind bekennende Nazis und bewundern den Führer, ganz im Gegenteil zu dem frontmüden Veit Kolbe.

Mit einfachen Mitteln ein Einzelschicksal dargestellt

Die Figurenspielerin Iris Meinhardt bewegt sich gewandt und synchron zu ihrer eigenen Projektion: Ihr Kollege, der Videokünstler Oliver Feigl, legt das Figurenspiel über projektierte Bilder und Filme, so dass ein ungewöhnlicher Sog entsteht und die Grenze zwischen Puppenspielerin, die in Kleidern aus den dreißiger Jahren gekleidet ist, der Puppe und den Bildern verschwindet. Die Künstler stellen in dieser eindrucksvollen Szenerie das Leben und den Tod der Schülerin Nanni dar.

Musikalische Umrahmung

Abgerundet wird der Abend durch das einfühlsame Zusammenspie des Gitarristen Jörn Bähr und dem Kontrabassisten Thorsten Meinhardt, die brasilianische Musik in jazzigem Gewandt spielen. Als das Publikum zum Schluss zum Signieren an den Tisch von Arno Geiger geht, spürt man so etwas wie Ergriffenheit, die dieser Abend ausgelöst hat.

Die Stuttgarter Stadtgesellschaft kann sich auf viele interessante Veranstaltungen im Zeitraum bis zum 28. September freuen.

Congo Calling – Ein Film, der unter die Haut geht

12.09.2019 at 11:30
Der Deutsche Peter Merten fühlt sich in Goma wohl und will auch mit 65 Jahren nicht aufhören.

Der Deutsche Peter Merten fühlt sich in Goma wohl und will auch mit 65 Jahren nicht aufhören.

 

Hunderte westliche Entwicklungshelfer sind in der Krisenregion Ost-Kongo tätig, um Infrastrukturvorhaben anzuschieben oder Feldforschung zu betreiben. Jeder Aufbruch, und sei er noch so kleinteilig, ist von Rückschlägen bedroht. Sei es, weil schlecht ausgebildete Polizisten durchdrehen oder einheimische Mitarbeiter ein Entwicklungsprojekt, man muss es so offen sagen, als Selbstbedienungsladen betrachten.

In dem Film Congo Calling (Trailer hier ansehen) portraitiert Stephan Hilpert drei eigenwillige Entwicklungshelfer in der Demokratischen Republik Kongo. Alle drei arbeiten in der Provinz Nord-Kivu, im Osten der Republik. Goma, deren Provinzhauptstadt, ist hinlänglich durch die Berichterstattung während des blutigen Bürgerkrieges bekannt. Ich kenne die Region gut, war in Mitte der achtziger Jahre selbst 14 Monate im Kongo (damals hieß er noch Zaire) tätig, baute damals einen Rundfunksender in Goma auf. Seit dieser Zeit hat sich offensichtlich nicht viel verändert. Das Verhalten der portraitierten Kongolesen ist mit dem, was ich kennen gelernt hatte, immer noch vergleichbar. Verändert hat sich vor allem die Technik, die die Menschen ganz selbstverständlich nutzen: Smartphones und Tablets.

Die von Stephan Hilpert in einer Langzeitstudie portraitierten „Helfer“ kommen aus ganz unterschiedlichen Ländern und arbeiten in unterschiedlichen Projekten. Es sind der Spanier Raúl Sánchez de la Sierra, die Belgierin Anne-Laure Van der Wielen und der Deutsche Peter Merten. Alle drei eint der Wunsch, Entwicklungshilfe zu leisten, und macht zugleich die Ambivalenzen der Helferrolle sichtbar. Dabei verzichtet der Film auf konventionelle Dramaturgien und zeigt Momente aus dem Alltag der drei Protagonisten. Dadurch entsteht ein komplexes Bild der Widersprüche von Entwicklungspolitik.

Anne-Laure, eine junge Belgierin

Anne-Laure, eine junge Belgierin

 

Anne-Laure hat ihrem Job resigniert den Rücken gekehrt, ist jedoch in Afrika geblieben. Vor allem wegen der Liebe zu einem Kongolesen. Mit diesem organisiert sie in der Stadt Goma ein gigantisches Musikfestival. Die junge Belgierin wirkt entspannt wie im Urlaub. Erst ein Zwischenfall, bei dem einer der Festivalhelfer in einem Handgemenge von einem Polizisten erschossen wird verdeutlicht, wie chaotisch und instabil die Situation im krisengeschüttelten Osten des Landes ist. Am Ende des Films kehrt Anne-Laure zurück nach Belgien, von wo aus sie mit ihrem Freund telefoniert, der eine zeitlang im Gefängnis saß, weil er einen opposionellen Politiker unterstützte.

Die politische Lage im Kongo wird im Film nur angedeutet. Es dauert eine Weile, bis sich die Geschichten der einzelnen Protagonisten herausschälen. Der Film erzählt die Geschichten seiner Protagonisten nicht geradlinig, eher verschlungen, aber genau das macht den Reiz dieses Filmes aus. Und in dieser Erzählweise schimmert immer auch die gegenwärtige Situation in der Demokratischen Republik Kongo angemessen durch.

Am ehesten spiegelt sich dieses herrschende Chaos in der Situation des Entwicklungshelfers Peter wider. Ein 65jähriger Idealist, der schon in Entwicklungshelfereinsätzen in Lateinamerika die Sandinisten unterstützt hat. Doch jetzt erhält er von seinem Arbeitgeber nach 30 Jahren in Afrika keinen Anschlussvertrag mehr. Er hat das Rentenalter erreicht und steht plötzlich mittellos da. Sein Mittelunkt ist Afrika. Hier hat er mit seiner Frau 4 Kinder großgezogen. Von der Anmutung her verkörpert Peter den hilflosen Helfer. Er kämpft um einen Anschlussvertrag und um sein Haus, das er nicht mehr bezahlten kann ohne das Salär seiner Entsendeorganisation. Er kehrt zusammen mit seinem erwachsenen Sohn in seine Berliner Heimat zurück, wo seine Frau schon auf ihn wartet.

Der Deutsche Peter Merten mit seinem Sohn betrachten alte Bilder, kurz vor ihrer Abreise.

Der Deutsche Peter Merten mit seinem Sohn betrachten alte Bilder, kurz vor ihrer Abreise.

 

Am straffsten organisiert ist der Spanier Raúl. Er kommt gerade mit einem frisch erworbenen Doktortitel nach Goma zurück. Hier hat er Feldstudien für seine Doktorarbeit gemacht. Mit universitären Forschungsgeldern finanziert der Sozialwissenschaftler eine Gruppe kongolesischer Assistenten. Sein Projekt: die Erforschung einer paramilitärischen Rebellengruppe, die „RDC Rénové“. Deren Mitglieder erklären vor der Kamera, wie sie Menschen mit Peitschenhieben und Musik zum Aufbau einer Landwirtschaft zwingen. Raúls Projekt droht schließlich das Scheitern: Mit veruntreuten Geldern hat einer seiner kongolesischen Mitarbeiter ein Auto gekauft, das er an die Forschungsgruppe vermietete.

Der Spanier Raúl

Der Spanier Raúl

 

Hilperts Film wurde in Kooperation mit dem ZDF produziert. Somit kann der Film sicher demnächst im ZDF angeschaut werden.

Derzeit läuft der Film noch in den Innenstadtkinos. Meine Empfehlung: Unbedingt anschauen!

Rechts blinken und an der Raststätte rausfahren

01.09.2019 at 16:08
Rainer Wochele über Raststätten

.

 

Rainer Wochele hat nach langer Zeit wieder ein Buch vorgelegt. Wieder im Klöpfer & Meyer Verlag, der mittlerweile im Narr Verlag aufgegangen ist. Vier Jahre sind nach seinem letzten Roman vergangen und es erschließt sich mir nicht, warum er diese „Textsammlung“ zwischen zwei Buchdeckel hat binden lassen.

Resteverwertung zwischen zwei Buchdeckeln

Die fiktiven Texte sind sehr kurz, nur wenige gehen über zwei oder gar drei Seiten. Das Büchlein erweckt den Eindruck, als hätte Rainer Wochele seine Schubladen und Schreibmappen geleert und die kurzen Texte, oft nur 30 Zeilen lang, unter einen gemeinsamen Aspekt gebracht, den der Autobahnraststätte. Das war sicher sehr einfach, denn häufig findet sich der Hinweis auf die Raststätte dadurch, dass er schreibt: setzte den Blinker und bog auf die Raststätte ab, wobei er vorzugsweise die Raststätte „Albheide“ auf der A8 benennt (immerhin 14mal in seinen 49 Textchen). Diese Texte ergänzt er mit 25 knappen Texten, direkt aus Autowerbeprospekten und 11 Texten, die er aus der Geschichte der Autobahnen in Deutschland einfügt.

Ein Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten des Automobilverkehrs findet nicht statt

Das Buch ist auch aufgrund von zwei anderen Aspekten mehr als ärgerlich:
Kein Text befasst sich mit den katastrophalen Zuständen auf den Autobahnraststätten, die der STERN vor kurzem als „Raubritterburgen der Moderne“ charakterisiert hat. Neben den völlig überhöhten Preisen hätte er die prekären Arbeitsbedingungen der Angestellten in den Blick nehmen können und daraus spannende Sozialreportagen in literarischem Gewand schreiben können. Das er das kann, hat er mit seinem hervorragenden Roman „Der General und der Clown“ bewiesen.

Raststätten in den Händen des Finanzkapitals

Fabelpreise beim Sprit, Beutelschneiderei im Shop, Pipi-Maut: Umfragen zeigen, dass sich Reisende an Raststätten abgezockt fühlen. Keiner von Wocheles Protagonisten beklagt diesen Zustand.

Auch die Tatsache, dass die Autobahnraststätten heute von internationalen Investorengruppen ausgebeutet werden, findet sich nicht einmal in einer Randbemerkung. Bis in den 80ziger Jahren gehörten die Raststätten der damals staatlichen „Gesellschaft für Nebenbetriebe der Bundesautobahnen“ (GfN).

1994 firmierte die Regierung Kohl die GfN zur „Tank & Rast AG“ um. Teile von ihr sollten über die Börse verkauft werden, zum Stopfen von Haushaltslöchern. Vier Jahre später wurde Tank & Rast überraschend für rund 600 Millionen Euro an ein Investoren-Konsortium aus Allianz Capital Partners, Lufthansa Service Holding und Apax-Fondsgesellschaften verscherbelt. Finanzinvestoren bleiben in der Regel nicht lange. Ihr Geschäftsmodell lautet: kaufen, kassieren, verschwinden.

„Tank & Rast wurde über die Jahre von einem Investor zum nächsten durchgereicht. Heute gehört Tank & Rast neben Allianz Capital Partners einer Tochter des Rückversicherers Munich Re sowie Fonds aus Kanada, Abu Dhabi und China. Kaufpreis 2015: rund 3,5 Milliarden Euro – fast das Sechsfache dessen, was der Staat einst bekam.“ (Stern Nr.29 vom 11.07.2019)

Das hätte Rainer Wochele als Folie für spannende Geschichten nehmen können. Stattdessen lässt er sich über Bienenstich, Mönche, Nonnen, Paare und andere Raststättenbesucher aus.

Den Mythos der Autobahn entlarvt Rainer Wochele nicht

Ebenfalls keinerlei Kritik an den Plänen des „Führers“, die Autobahnen zu bauen. Er zitiert immer wieder Aufsätze aus der Zeit. Dass die Autobahnen dem faschistischen Deutschland als Logistikadern für seine Kriegspläne gedient haben, davon kein Wort bei Rainer Wochele.

Ein „phantasievolles“ Buchmarketing

Und dann das Markting des Verlages: Da wird diese „Fingerübung“ auf dem Klappentext als „Roman“ bezeichnet, der formal an Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz erinnern würde. Geht’s noch, Herr Mario Andreotti?

Dass Anton Hunger, ehemaliger Pressesprecher von Porsche, die „Erotik von Autobahnraststätten“ in Rainer Wocheles Buch entdeckt, hängt offensichtlich damit zusammen, dass er als bekennender Automobilist jedes Thema in Zusammenhang mit der Autoindustrie als sexy empfindet. Aber kann ein kritischer Schriftsteller, als der Rainer Wochele bisher aufgetreten ist, die ökologische Krise so vollständig ausblenden? Er verliert kein Wort zur Umweltzerstörung durch den Individualverkehr, er schreibt kein Wort zu katastrophalen Flächenversiegelung. Schade.

An der Raststätte
Eine Exkursion
113 Seiten, Hardcover, geb. mit Lesebändchen
Klöpfer, Narr GmbH, Preis 18 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Update 04.09.19:

Meine am Ende des Artikels geäußerte Vermutung, dass es sich aufgrund der vielen Werbetextschnipsel um eine Auftragsarbeit der Automobilindustrie handeln könnte, ist von Verlagsseite dementiert worden. Deshalb wurde der letzte Abschnitt komplett gelöscht.