Zum Jahreswechsel

01.01.2018 at 0:10
Kleiner Träumer

.

 

Den Blick in die Zukunft gerichtet, die heute schon anbricht. Kinder träumen mit ihren Bären und sie richten den Blick nach innen und nach außen. Wir Erwachsenen sollten träumen wie die Kleinen. Auch im neunen Jahr gibt es wieder spannende Begegnungen, gibt es Ereignisse denen wir uns staunend und träumend nähern können. Ich freue mich auf bereichende Begegnungen mit Menschen, die ich heute noch nicht kenne aber auch vertiefende Begegnungen mit Freunden, die mich durch die letzten Jahre getragen haben, lassen mich hoffen, dass meine Träume Realität werden. Ich wünsche allen Lesern des Elsternests, dass ihr träumend und mit unverstelltem Blick die Gegenwart betrachtet und die Begegnungen zulasst, die sich ergeben.

In diesem Sinn wünsche ich euch ein glückliches neues Jahr!

Ich distanziere mich von allem (und jetzt gut’ Nacht)

22.12.2017 at 16:00
Rachel Behringer im Stück von Kat Kaufmann

.

Die Schriftstellerin und Komponistin Kat Kaufmann hat für die Schauspielerin Rachel Behringer einen Monolog geschrieben. Am 20.12.2017 sah ich dieses Theaterstück in der Rampe.

In diesem Einpersonenstück schwingt sich eine Frau aus ihrem Alltag ins Weltgeschehen, vernetzt sich über Do-It-Yourself-Videos mit Gestalten der Gegenwart und über das Erinnern mit Vertrauten der eigenen Vergangenheit. Sie streift durch die Stadt und das Land, einer fragwürdigen Freiheit auf der Spur. Das Bühnenbild, ein Glaskasten.

Es ist die Rede von Auflehnung gegen Normierungen aller Art und Geschlechterzuschreibung im Besonderen. Text, Bilder und Musik tragen durch die Aufführung. Es geht um das Schöne und das Verrottete. Um Schmerz in der Poesie um Wut, diffuse Angst und Coolness.

Kat Kaufmann schreibt rasant wie ihre Figur, die zwischen Selbstinszenierung und kosmischem Überblick und Überforderung schlingert. Die Erinnerung an das Vertraute in der eigenen Vergangenheit schleicht sich in die Gegenwart.

Das Theaterstück ist ein Solo für ein Energiebündel. Rachel Behringer wirft sich mit aller Macht in diesen Text, hat ihn bis zur Perfektion verinnerlicht. Mich fasziniert, wie Rachel Behringer mit Stimmfarben, mit Stimmungen, Lautstärke jongliert.

Das Theater ist eine weitere Annäherung an die vielseitige Autorin Kat Kaufmann. Aufmerksam wurde ich auf diese Aufführung durch die Lesung von Kat Kaufmann in der Stadtbibliothek Stuttgart.

Launige Durchsagen

21.12.2017 at 16:00
Erreichen wir Bochum

.

 

Nachdem M. den Kölner Bahnhof verlassen hatte, erreichte der Zug Duisburg. Der Schaffner machte folgende launige Durchsage: „Wir haben Duisburg Hauptbahnhof erreicht. Dort können Sie mit der Regionalbahn nach Duisburg Entenfang weiterfahren, wo immer das auch liegt. Allen aussteigenden Reisenden wünschen wir noch einen schönen Tach. Machet‘s gut!“

Kurz vor seinem Ziel Dortmund dann dieses: „In wenigen Minuten erreich wir Bochum, die Perle des Ruhrgebietes.“

Angekommen in Bochum wurde folgender Hinweis gegeben: „Ich wiederhole: Das Sitzen auf den Geländern ist verboten“

Schön, wenn Schaffner mit Humor den Zug begleiten.

Lieferungen in letzter Minute

21.12.2017 at 10:26
In letzter Minute

.

 

Wenn M. auf Reisen geht, nimmt er sich ausreichend Proviant mit, so dass er nicht auf die Angebote der Bäcker und Verkaufsstände angewiesen ist, die sich allerorts in den Bahnhöfen angesiedelt haben und wie moderne Raubritter dem Reisenden das Geld durch Essensangebote aus der Tasche ziehen. Seit einiger Zeit stellt er einen Wandel fest: es sind zu diesen konventionellen Läden unbemannte Lebensmittelstationen hinzu gekommen. Der Reisende kann über das Internet Waren bestellen, die ihm vor Antritt seiner Reise bereit gestellt werden oder aber er kann unter einer definierten Anzahl von Waren wählen, die ihm nach Einwurf des entsprechenden Betrages ausgegeben werden. Der Internethändler Amazon hat ebenfalls in jüngster Vergangenheit seinen „Food-Bereich“ ausgebaut, liefert die Lebensmittel des täglichen Bedarfs frisch an den Verbraucher aus.

Mit Wehmut denkt M. an die Trinkhallen im Ruhrgebiet, in denen nicht nur nach Ladenschluss noch die wichtigsten Lebensmittel gekauft werden konnten, sondern wo auch mit einem Plausch die letzten Neuigkeiten ausgetauscht wurden, z. B. diese: „Hömma, hasse schon gehört, dat de Jeziorskis getz schon widda umziehn tun?“

Friedenspreis der AnStifter an Aslı Erdoğan verliehen

12.12.2017 at 14:16
Aslı Erdoğan

Moderatorin Sidar Carman von der DIDF, Wolfgang Ferchl mit dem AnStifter-Preis, Dr. Annette Ohme-Reinicke, Vorsitzende der Anstifter, und Laudatorin Elisabeth Abendroth

 

Die diesjährige Friedensgala der AnStifter ehrt eine mutige Frau aus der Türkei: Aslı Erdoğan. Sidar Carman von der DIDF, die auf deutsch und türkisch durch den Abend führt, bezeichnet diese Schriftstellerin und Kolumnistin als eine, die ihre Meinung äußert und sich nicht einschüchtern lässt. Frau Erdoğan gehört zu den Fürsprechern der kurdischen Minderheit in der Türkei. Als Kolumnistin schrieb sie zunächst für die Zeitung Radikal, anschließend – bis zu ihrem Verbot – für die kurdisch-türkische Zeitung Özgür Gündem. Die Tatsache, dass sie für eine verbotene Zeitung schrieb, ist ihr zum Verhängnis geworden. Im August 2016 wurde sie in Istanbul im Rahmen einer Verhaftungswelle von Journalisten und Mitarbeitern der pro-kurdischen Tageszeitung festgenommen. Über vier Monate saß sie ohne Prozess im Gefängnis. Sie wurde entlassen aber ihr Pass wurde ihr entzogen. Erst Mitte dieses Jahres erhielt sie ihn zurück und sie konnte nach Deutschland reisen. Es war zum Zeitpunkt der Entscheidung, ihr den Friedenspreis der Anstifter zu verleihen, nicht klar, ob sie ihn persönlich entgegen nehmen könnte. Und nun verhinderte ein tragischer Autounfall auf dem Weg zur Friedensgala, dass sie die Ehrung an diesem Abend persönlich übergeben bekommt. Dieses Ereignis überschattet die Feierlichkeiten.

Es scheint, die Musiker um den Tenbûr-Spieler Cemîl Qoçgîrî spielen eine Spur zurückhaltender, die Laudatorin Elisabeth Abendroth muss ihr Redemanuskript auf die Tatsache der Abwesenheit der Geehrten anpassen. Sie spricht von der Ermutigung, die Aslı Erdoğan für uns ist. Sie, die uns daran erinnert, „dass alles, was wir besitzen, zu dem wir gehören, bei dem wir dabei sein oder mittendrin sein wollen – auch wenn alle hegemonialen Mächte dieser Erde etwas anderes sagen – mit einem bestimmten Wort untrennbar verbunden ist: Frieden.“ Dieses Zitat von Aslı Erdoğan im Redemanuskript von Frau Abendroth stammt aus ihrem Essay-Band Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch. Das Buch ist im März diesen Jahres im Albrecht Knaus Verlag erschienen. Der Verlag hat es als deutsch-türkische Ausgabe veröffentlicht. Es sind Texte, die die momentane Stimmung in der Türkei einfangen und die Türkei als ein zwischen Ignoranz und ohnmächtiger Wut gespaltenes Land beschreiben. Ihr Verleger Wolfgang Ferchl ist an diesem Abend für die Geehrte eingesprungen, verleiht ihr mit der Lesung einiger Passagen aus ihrem Buch eine Stimme.

Die Verleihung des Friedenspreises der AnStifter an Aslı Erdoğan rückt nicht nur den Mut dieser Frau in den Blick. Die AnStifter im Saal erinnern mit Schrifttafeln bei der Übergabe des Friedenspreises an die vielen Schriftsteller, Intellektuellen und Oppositionellen, die von den türkischen Machthabern inhaftiert wurden. Durch die Nennung der Namen auf den hochgehaltenen Plakaten werden diese Menschen in die Auszeichnung für das Friedensengagement eingebunden.

 

Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch / Artık Sessizlik Bile Senin Değil
Essays / Denemeler

Deutsch-türkische Ausgabe, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Knaus, Preis 20,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens