Polnische Spuren – Malborg: Die Burg der Hochmeister

25.08.2017 at 20:39
Hochmeister

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Malborg (Marienburg) ist eine gigantische Backsteinburg, vergleichbar in ihren Abmessungen mit dem Moskauer Kremel.
1308 entschieden die Templer, ihren Sitz von Venedig hierher zu verlegen. Winrich von Kniprode war der erste Hochmeister des Deutschordens, der in dieser Burg residierte und den christlichen Glauben der ehemaligen Kreuzritter in den Norden Polens, dem Gebiet der Pommerellen, brachte.

Die Templer waren mit ihrer Mission, Palästina zu erobern und das Grab Christi in die Hände der Christen zu bringen, grandios gescheitert. In Frankreich gerieten sie immer mehr unter Druck. Um dieser Verfolgung zu  entgehen, setzten sie sich hier fest und christianisierten das Gebiet bis Danzig.

Polnischer Gründungsmythos: Tannenberg

Das Königreich Polen und das Großherzogtum Litauen brachten dem Heer des Deutschen Ordens in der Schlacht von Tannenberg 1410 die entscheidende Niederlage bei. Die Burg fiel aber erst etwa 50 Jahre später in die Hände des polnischen Königs Kasimir IV. Der mittlerweile bankrotte Hochmeister konnte schlicht sein bömisches Söldnerheer nicht bezahlen. Der Jagiellonenkönig Kasimir übernahm die Soldzahlung und residierte fortan in der Burg, wenn er im Norden seines Landes weilte.

Wir besichtigen dieses imposante Bauwerk des Mittelalters mit Hilfe eines pädagogisch hervorragend gemachten Audioguides, tauchen ein in die Hochzeit des Deutschordens und bestaunen das höfische Leben der Hochmeister.

Polnische Spuren – Die polnische Gewerkschaftsbewegung

24.08.2017 at 22:17
Denkmal Danzig

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Nur wenige Wolken sind am Himmel. Gestern noch sah es mehrmals nach Regen aus, davon ist heute keine Rede mehr. Wir fahren mit der Straßenbahn zum  Gelände der ehemaligen Lenin Werft. Straßenbahn fahren  ist preiswert in Danzig. Eine Fahrt kostet ca. 0,80 €. Das Denkmal vor dem Solidaritätsgelände reckt sich majestätisch in den stahlblauen Himmel.

Die Arbeiter der Lenin Werft haben in den achtziger Jahren die mächtige Gewerkschaft Solidarność gegründet, aus folgendem Grund: Eigentlich sollte nur an die 1970 von der Staatskanzlei umgebrachten Kumpel erinnert werden. 1970 waren die Werftarbeiter in den Küstenregionen gegen die vom Staat neu festgelegten, höheren Lebensmittelpreise in den Streik getreten, den man blutig nieder geschlagen hat. Das heute noch weithin sichtbare Denkmal der Solidarität (3 Anker) wurde von Solidarność der Staatsmacht abgetrotzt.

Zum Zeitpunkt der Ereignisse war ich weit weg in Westafrika und staunend verfolgte ich die Auseinandersetzungen zwischen Arbeiter und Regierung. Bruchstückhaft. Meine Wirklichkeit war eine andere, die einer afrikanischen Industriestadt, das Wort Streik war hier gänzlich unbekannt. Beides: die afrikanische Realität, in der ich lebte und die Ereignisse in Polen erschütterten nachhaltig mein idealistischen Weltbild. als Gorbashow, etwa zehn Jahre später, die Perestroika zuließ, kamen weltweit die Blöcke ins Wanken. Heute ist Polen in der EU und ich genieße die Freiheit, nach Osteuropa reisen zu können. Günter Grass hat den Menschen in Danzig und Umgebung (den Kaschuben) mit seinen Romanen ein Denkmal gesetzt und sie liebevoll beschriebenen. Es ist an der Zeit, wieder Grass zu lesen.

Polnische Spuren – Die Stadt ein Pulverfass

23.08.2017 at 18:49
Minerva, Göttin des Krieges, der Weisheit und Künste

Minerva, Göttin des Krieges, der Weisheit und Künste

Ein paar Regentropfen beim Verlassen der Unterkunft veranlassen uns, einen Schirm einzustecken, der wie eine Standartenstange aus dem Rucksack ragt. Der Himmel hat mit seinen Regenwolken nur geblufft. Geblufft haben die Danziger nicht, als sie das Große Zeughaus errichten ließen. Es war der Niederländer Antonia van Openbergen, der dieses wunderschöne Gebäude 1602-1605 bauen ließ. Er war schon als Architekt des Hamlet-Schlosses in Helsingör in Dänemark zu Ruhm und Ehre gekommen. Warum er das Gebäude mit einer Figur der Minerva verzierte, erschließt sich mir nicht. Ist doch diese römische Göttin die des Krieges, der Weisheit und Künste. Das Große Zeughaus hat nur den Zweck, den Krieg zu nähren. Mit Pulver, Kugeln und allerlei Kriegsgerät. Es sollte als Zeichen der Abschreckung dienen, als Mahnung, die Freiheit der Stadt nicht anzugreifen. Einige Polenkönige, die Schweden war Danzig als freie Handelsstadt ein Dorn im Auge.

Polnische Spuren – Freundliche Menschen

23.08.2017 at 18:43
Ankommen

In Polen angekommen

Den Flughafen von Danzig überspannt ein  Himmel, der Regen verspricht. Wir verlassen das Flughafen Terminal mit einem Vorstadtzug. Schon der Fahrkartenautomat stellt eine Herausforderung für uns da, wir sind des Polnischen nicht mächtig. Freundliche Menschen helfen uns, die Fahrkarten dem Automaten abzutrotzen. Von unserer Vermieterin haben wir die Umsteigebahnhöfe per SMS geschickt bekommen. Aussprechen kann ich keinen. Die Bahn fährt an der berühmten Danziger Werft vorbei, hier geriet der Sozialismus durch die Arbeiterbewegung ins Wanken, als die unabhängige Gewerkschaft Solidarność dem Kriegsrecht trotzte und 1989 die Wende einleitete. Als ich die einfahrende Bahn beim Umstieg von der einen Bahn auf die nächste sehe, stehen im Hintergrund die Kräne der Danziger Werft. Ein Gefühl von Heimat stellt sich bei mir ein. Es ist diese Mischung aus Freundlichkeit der Menschen und Unvollkommenheit der Stadt, die mich sofort für Danzig einnimmt.

Tierische Gäste

20.08.2017 at 11:48
Waldohreule Wolf O.

Foto Wolf O.

Während des Frühjahres und im Frühsommer, auf der Terrasse sitzend, hörte M. die Schreie der jungen Waldohreulen. Offensichtlich hatten die putzigen Eulen sich dieses Jahr wieder in unseren Gärten der Aufzucht ihres Nachwuchses verschrieben. Leider bekam M. nie eine von ihnen zu Gesicht. Wie glücklich war er, als er von seinem Nachbarn Wolf O. hörte, dass er in seinem Garten eine Waldohreule gesichtet und sie sogar fotografiert habe. Gestern zeigte er uns den stolzen Vogel, der in einem Nussbaum sitzt und majestätisch zu uns runter zwinkerte.

Vor zwei Jahren berichtete wir hier bereits über eine verwandte Eulenart, die Versateule, die sich vor das Fenster am Arbeitsplatz von M. gesetzt hatte.

Räuberische Eichhörnchen

13.08.2017 at 19:47
Eichörnchen beim Nüsseklau

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M. kann verstehen, dass die Eichhörnchen ihm dieses Jahr alle Nüsse von seinem Strauch gestohlen haben. Trotzdem, er bedauert, dass er keine von seinen wohlschmeckenden Haselnüssen ernten konnte.

Was er allerdings immer häufiger beobachtet: die Eichhörnchen leiden unter Demenz. Immer wieder entdeckt er im frühen Sommer Keimlinge in seinen Töpfen. Sie haben offensichtlich den Ort des Versteckens vergessen.

Das wäre einem Kiefernhäher (die Elster gehört der gleichen Familie an) nicht passiert. Kiefernhäher verstecken im Herbst zu Vorratszwecken bis 30.000 Samen an etwa 6.000 verschiedenen Orten, die sie im Winter nicht nur wieder finden, sondern sie wissen auch noch, welcherart der vergrabene Same ist, und graben daher die jeweilige Sorte rechtzeitig vor dem Auskeimen aus.

Die Königin der Elstern

11.08.2017 at 13:44
Das Ei der Elsternkönigin

Gefunden von B. Gallenmüller

Wer glaubt, nur unter Menschen gäbe es Königinnen, wie die Queen von Great Britain, irrt. Gib es bei den Elstern auch. Am Gelege schon frühzeitig zu erkennen, wie Ornithologen auf Nachfrage erläuterten.

Freie Bahn für Radfahrer

10.08.2017 at 16:31

Wer wissen will, wie unsere Nachbarn ihre Radwege planen, dem sei dieses Video ans Herz gelegt. Hätten wir diese Art des Straßendesigns in Stuttgart, würde sich die Critical Mass Demo erübrigen.

In die Pedale getreten

09.08.2017 at 23:39
Critical Mass

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Immer wieder Freitags, den ersten im Monat, schwingen sie sich zu Hunderten auf den Sattel und radeln durch Stuttgart.  Bei einem kühlen Bier unter dem roten Abendhimmel stehen wir vor den Toren der Marienkirche und löffeln Nudelsalat. Ein Baukran, „neues Wahrzeichen Stuttgarts“, ist über der Marienkirche zu sehen. Er kann dem Rot des Abendhimmels nichts anhaben. Der Himmel lacht über ihn.

Die 1.419 Radler dieses 4. Augusts sind zu einer kritischen Masse geworden. Sie haben erlebt, wie schön es ist, in großer Menge die Straßen vom Autoverkehr zurück zu erobern gemäß ihrem Motto: Luftpumpe statt Auspuff. Am 1. September ist die nächste Fahrradausfahrt durch Stuttgart. Das ist keine Drohung sondern ein Versprechen.

Herzlichen Glückwunsch Carlos!

20.07.2017 at 12:13
Carlos Santana

Foto: CC BY-SA 2.0

Die Elster und die Lerche gratulieren Carlos Santana zu seinem ziebzigsten Geburtstag. Sie erinnern sich: Carlos Santana, geboren am 20. Juli 1947 in Autlán de Navarro, Jalisco, Mexiko, war einer, der Weltmusik spielte, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Seinen auf dem genialen Album Abraxas veröffentlichen Song Oye Como Va wurde in den 70ziger Jahren in allen Wohngemeinschaften rauf und runter gespielt. Er beschrieb mit dieser Coververion des Latinjazz- und Mambomusiker Tito Puente das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

Carlos Santana bei einem Konzert mit diesem Song in einer von vielen Improvisationen geprägten Fassung

Da geht noch was

17.07.2017 at 23:18
Liegefahrrad als Tandem

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M. wurde von seinem Freund Thomas durch G. chauffiert. Er erlebte, dass auch in hohem Alter ein Fahren mit dem Fahrrad möglich ist.

Abbas Khider erhält Chamisso Preis 2017

17.07.2017 at 20:26
Abbas Khider im Gespräch mit Hajo Steinert

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Den diesjährigen Albert-von-Chamisso-Preis hat der aus dem Irak stammende 44jährige Autor Abbas Khider erhalten. Der Chamisso-Preis wird seit 33 Jahren jährlich an Autoren vergeben, die auf Deutsch publizieren aber deren Muttersprache eine andere ist. Die Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, Uta-Micalea Düring, erläuterte in ihrer Begrüßungsrede zur „Lesung im Park“ am 11. Juli 2017, warum die Robert Bosch Stiftung sich entschlossen hat, den mit 15.000 € dotierten Preis nicht weiter zu vergeben und dieses Förderprogramm einzustellen. Es hat sich gezeigt, Autoren, die sich nur durch ihre Muttersprache von den deutschsprachigen Jungautoren unterscheiden, haben ihren Platz in der Literaturszene gefunden, sammeln genauso Preise wie die, deren Muttersprache Deutsch ist. Eine besondere Förderung sei nicht mehr von Nöten. Aber das Ende des Chamisso-Preises bedeutet nicht das Ende der Literaturförderung der Robert Bosch Stiftung. Die hätte sich in Richtung Schule verschoben.

Abbas Khider erzählt aus seiner Jugend im Irak

Abbas Khider erzählt im Gespräch mit Hajo Steinert von seiner Jugend. Er, der Sohn eines Dattelhändlers ist mit 8 Geschwistern aufgewachsen. Die einzigen Lektüren in seinem Elternhaus waren der Koran und der Jahresbericht der Regierung, der an alle Haushalte regelmäßig verteilt wurde. Im Irak seiner Jugend erfreuten sich zwei Bücher einer hohen Beliebtheit: ein Buch zu schwarzer Magie und Mein Kampf von Adolf Hitler.

Trotz der Erfahrung von Kerkerhaft, Abbas Khider kam als Jugendlicher ins Gefängnis und konnte den Irak mit 23 Jahren verlassen, hat er sich eine jugendliche Fröhlichkeit und große Leichtigkeit beim Erzählen erhalten. Seine Hände sind ständig in Bewegung, auch wenn er liest.

Die Hände erzählen auch die Geschichte

Im ersten Teil seiner Lesung trägt Abbas Khider einige Passagen aus seinem zweiten, 2011 erschienenen Roman, Die Orangen des Präsidenten, vor. Darin beschreibt er die Fähigkeiten des Menschen, sich noch unter den schwierigsten Bedingungen (dem sich gegenseitig zugefügten Leid) seinen Humor zu bewahren. Der Protagonist seines Romans begegnet seinen Folterern im Gefängnis mit seinem „Trauerlachen“, ein lautes, unbändiges Lachen, mit dem der Erzähler seine Peiniger entwaffnet.

Mit Lachen dem Schmerz und der Angst begegnen

„Das Lachen machte mich unempfindlich gegenüber dem Schmerz, gegenüber der Angst und gegenüber der Verzweiflung“, lässt Abbas Khider seinen Helden räsonieren.

2003 kehrte Abbas Khider zeitgleich mit den Amerikanern in den Irak zurück. Aber er, der nun Dreißigjährige, stellte nach kurzer Zeit fest: „Ich bin ein Mann ohne Freunde“. Und so fällt seine Antwort auf die Frage von Hajo Steinert, wo seine Heimat sei, erwartungsgemäß aus: Berlin. Hier hat er seinen Lebensmittelpunkt gefunden. Hier fühlt er sich zu Hause. Er, der im Irak geborene mit deutschem Pass.

Gewaltkultur muss gewandelt werden

Wenn er heute auf die aktuellen politischen Ereignisse in deiner ehemaligen Heimat schaut, so kann er keinen großen Unterschied zwischen den Kriegsparteien ausmachen. Die Gräueltaten von ISIS in Mossul stünden denen der Regierungstruppen in nichts nach. Wenn man etwas ändern will, so sein leidenschaftliches Plädoyer, so muss man gegen die „Gewaltkultur“ etwas unternehmen. Dass dieser Kulturwandel gesamtgesellschaftlich sein müsste, macht er an einem Beispiel deutlich: Als er seine Mutter in Bagdad besuchte, wollte er ihr Blumen schenken. In ganz Bagdad konnte er keine frischen Blumen auftreiben und musste sich mit Plastikblumen zufrieden geben. Was, so Abbas, kann aus einer Plastikblumenkultur erwachsen?

„Nix ich will hören“

Im zweiten Teil seiner Lesung knüpft Abbas Khider an die Folgen der Anschläge des 11. September an. Ohrfeige gibt einem zu uns Geflüchteten den sprachlichen Raum, seine ganze Wut über die Behördenwillkür auszudrücken. Hajo Steinert weist darauf hin, welchen Unterschied es macht das Adjektiv im Titel diese 2016 erschienenen Romans weg zu lassen.

Seine Hauptfigur Karim fesselt die Sachberarbeiterin in der Ausländerbehörde an ihren Schreibtischstuhl und beginnt die mit Klebeband stumm gemachte Frau mit seiner Geschichte zu konfrontieren. Die hat wenig mit den Fragen zu tun, die die Ausländerbehörde ihm bislang gestellt hat: „Nix ich will hören“, befiehlt er der Frau. Endlich will er selber sprechen, frei sprechen, nicht nur auf Fragen antworten. Das die Ohrfeige nicht real sondern Teil eines Tagtraums, einer Rachephantasie ist, der sich der irakische Flüchtling Karim hingibt, nimmt ihr nichts von ihrer Wucht.

Lesung und Gespräch fanden dieses Jahr nicht nur zum letzten Mal statt, sondern sind aufgrund der heftigen Schauer im Laufe des Tages vom Park in einen großen Saal verlegt worden. Hier kamen die Jazzklänge des Trios DEUCE gut zur Geltung. Der anschließende Empfang mit Wein und Hors d’Œvres wurden ins Freie verlegt. Dort konnten sich die Besucher in lockerer Runde über diesen Abend austauschen. Auf die Frage von Hajo Steinert an Abbas Khider, ob er nicht auch ein Glas Wein wolle, antwortete dieser, er wolle im Hotel noch schreiben und bräuchte dafür einen klaren Kopf. Wir dürfen auf sein nächstes Buch gespannt sein.

Spalter – Ein Bier der Linken

16.07.2017 at 22:31
Spalter - eine Biersorte

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M. fuhr nach Gunzenhausen. Das liegt im fränkischen Teil Bayerns. Dort sah er sich die Talksendung „Maischberger“ über die Krawalle im Schanzenviertel während des G20-Gipfels an.

Keine gute Idee von Sandra Maischberger, Jutta Ditfurth zusammen mit Wolfgang Bosbach einzuladen. Jutta Ditfurth ist für ihren Diskussionsstil bekannt, der frei von Empathie für ihre Mitdiskutanten ist. Auch Wolfgang Bosbach, CDU, ist in Diskussionen gefürchtet. Oft vertritt er Positionen abseits der CDU-Linie. Da kam der besonnene, ruhige Diskussionsformen anmahnende Jan van Aken – Abgeordneter der Linksfraktion und Mitorganisator einer friedlichen Großdemonstration mit über 70.000 TeilnehmerInnen – unter die Räder.

Jutta Ditfurth unterschied wieder zwischen rechter Gewalt, die es auf Menschen abgesieht, und linken Aktionsformen, die lediglich Sachbeschädigungen zur Folge haben. (Was wäre mit den Atomkraftwerken geschehen, wenn nicht auch Bauzäune gefallen wären und so die Diskussion zugespitzt worden wäre, so eine ihrer Thesen.) Dies kann man für die Krawalle im Schanzenviertel nicht gelten lassen. Hier wurde mit Stahlzwillen geschossen, wurden Gehwegplatten gegen Polizei geschleudert. Wer Gewalt gegen Menschen ausübt, Menschen mit Waffen angreift, hat eine rote Linie überschritten. Jutta Ditfurth sah das ganz anders und es kam zu unschönen Wortgefechten in der Runde mit Sandra Maischberger, die schließlich dazu führten, dass Wolfgang Bosbach die Sendung verließ. Er wollte sich dieses Diskussionsniveau nicht länger antun. Wer die Sendung verfolgt hat, kann über den Diskussionsstil nur den Kopf schütteln.

Die Aussage von Katarin Barley von der SPD: „Wer wirklich links ist, ist nicht für Gewalt!“, kann man angesichts der Zustimmung der SPD zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr dahin deuten, dass sich die SPD aus dem linken Parteienspektrum verabschiedet hat.

Gut, dass in Gunzenhausen ein bei den Linken sehr beliebtes Bier zur Verfügung stand. Damit konnte M. den Verlauf der Diskussion halbwegs ertragen.

Vers trifft Pinsel

09.07.2017 at 23:23
Moritz Heger

Dichter unter Dichterinnen

 

Am 7. Juli 2017 eröffneten die beiden Künstler Moritz Heger und Christian Lang ihre Ausstellung mit Gedichten und Tuschezeichnungen im Schriftstellerhaus in der Kanalstraße.

Die beiden kennen sich vom Heidehofgymnasium, an dem sie als Lehrer arbeiten. Beide sind ungefähr gleich alt, Moritz Heger ist Jahrgang 1971, Christan Lang Jahrgang 1972. Kollegial arbeiten die beiden auch an diesem Abend zusammen. Während Moritz Heger seine Gedichte vorträgt, projiziert Christian Lang seine – die Gedichte illustrierenden – Zeichnungen an die Wand. Zwei Künste stehen in Beziehung. Es wird deutlich, die Texte von Moritz Heger sind für Christian Lang ein Sprungbrett, um sich auf seine ganz spezielle Art mit dem Gedicht auseinander zu setzen. Dazu bedient er sich der Technik der chinesischen Reibetusche. Zur Illustration dieser These sei das Gedicht Die Rückenschwimmerin sieht den Himmel zitiert:

Stumm auf der letzten halben Bahn
bloß fünfundzwanzig Meter
von der Zeitnahme ließt du
die Schaufelarme sinken

Die Stopuhr los der Strömung
überantwortet glänzt dein Nabel
leicht treibst du Schaumgeburt
als wärs das Tote Meer

Deine Zeit mein Silberfisch
wies auf Weltrecord
die Besten jung die Beeiltesten
sterben just in time

Christian Lang mit Schwimmerin

Christian Lang mit Schwimmerin

 

Die knapp 20 Zuhörerrinnen und Zuhörer leiden unter dem heißen Wetter an diesem Abend. Es sind zum großen Teil Freunde und Kollegen, die den Weg an diesem Juliabend ins Schriftstellerhaus gefunden haben. Die wenigen Regentropfen, die fallen, lassen eher aufatmen, als dass sie ihnen die Laune verderben. Mit einem Glas Wein in der Hand und ein paar Knabbereien werden die gehörten Texte diskutiert.

Der Gedichtband Lichtgrau von Moritz Heger
mit Zeichnungen von Christian Lang ist in der Edition Kanalstraße 4 erschienen.

43 Seiten, Preis 12 €
zu erwerben im Schriftstellerhaus

Aslı Erdoğan erhält Friedenspreis der Anstifter 2017

02.07.2017 at 15:46
Asli Erdogan Friedenspreisträgerin der Anstifter 2017

Foto: © Gürcan Öztürk

Aslı Erdoğan, geboren 1967 in Istanbul, studierte Informatik und Physik und arbeitete einige Jahre als Physikerin am CERN bei Genf, ehe sie diese Karriere aufgab und sich auf das Schreiben konzentrierte. 2010 wurde sie mit dem bedeutendsten Literaturpreis der Türkei ausgezeichnet. Aslı Erdoğan ist Mitglied des PEN und der türkischen Schriftstellervereinigung. In ihren Werken erkundet sie stets das Fremde, das Andere vor dem Hintergrund der türkischen Gesellschaft und der globalen Entwicklungen.

Die Preisträgerin ist eine Symbolfigur für die Meinungsfreiheit

Aslı Erdoğan ist zur Symbolfigur für die Meinungsfreiheit und das Ausmaß der türkischen Willkürherrschaft geworden.Die Anstifter verleihen dieses Jahr den Friedenspreis an Aslı Erdoğan. Nach dem zweiten Wahlgang sagte Dr. Annette Ohme-Reinicke, Vorsitzende des Stuttgarter Bürgerprojekts: „Der Friedenspreis an Aslı Erdoğan setzt auch ein Zeichen gegen jegliche Angriffe auf öffentliche Meinungsäußerungen und auf Pressefreiheit. Das betrifft nicht ‚nur’ die Türkei. Weltweit werden Journalisten zunehmend diskriminiert, eingesperrt oder gar ermordet, um unabhängige öffentliche Meinungsbildung zu unterdrücken. Diesen Journalisten und allen anderen, die wegen öffentlicher Meinungsäußerung gegen autoritäre Regierungen schikaniert werden, gilt unsere Unterstützung“.

Aslı Erdoğan ist eine Fürsprecherin der kurdischen Minderheit

Der Deutschlandfunk nennt sie eine Stimme des Gewissens und führt dazu aus: „Die Schriftstellerin Aslı Erdoğan steht wie kaum eine andere für die repressive Politik der türkischen Staatsmacht. Die Autorin gehört zu den Fürsprechern der kurdischen Minderheit, weshalb auch sie nach dem gescheiterten Militärputsch vorübergehend verhaftet wurde. Der Prozess gegen sie dauert an. Mit „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ erscheint erstmals eine Auswahl ihrer politischen Essays auf Deutsch. Texte, die in der Türkei zurzeit nicht erscheinen können.“

Der Unionsverlag veröffentlichte Der wundersame Mandarin und Die Stadt mit der roten Pelerine. Ihre Essays unter dem Titel Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch, sind 2017 im Knaus-Verlag erschienen.

Wenn der Postmann nicht mehr klingelt …

29.06.2017 at 15:56
Rabe

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… dann kann es an der Krähe liegen. Eine besonders intelligente Krähe (wie die Elster zu den Rabenvögeln gehörend) mit Namen Canuck brachte in einer Straße im kanadischen Vancouver den Zustellbetrieb zum Erliegen. Canuck war schon vor der Attacke auf den Postboten, der sich daraufhin weigerte, die Post in der Straße auszutragen, kein Unbekanntes Federvieh:

„Im Januar 2016 fuhr die Krähe mehrere Stationen mit der Hochbahn der Stadt (wahrscheinlich schwarz). Kurze Zeit später tauchte Canuck an einem Tatort auf, schnappte sich vor den Augen der Polizisten ein Messer und flog davon. In letzter Zeit verkehrte Canuck gerne in einem örtlichen McDonald’s und fraß Pommes von Tabletts.“

Die Elstern schmunzelte über ihren Cousin als sie den Bericht über Canuck in „Süddeutsche Zeitung“ las.

Hannes Wader: Schon so lang …

23.06.2017 at 10:30
Hannes Wader im Theaterhaus Stuttgart

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Heute wird Hannes Wader 75 Jahre alt. Die Lerche und die Elster gratulieren diesem großen Sänger!

Der WDR hat dazu ein hörenswertes Zeitzeichen veröffentlicht (Autorin: Ariane Hoffmann ).

Nachdenkzeilen – Kontaktanzeigen

16.06.2017 at 15:35
nachdenkzeilen

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M. fand folgende Kontaktanzeige in der der Wochenezeitschrift „Die Zeit“:

„Suche erfolgreichen Astrophysiker um die 50 Jahre, der in seiner Freizeit gerne werkelt, Tennis spielt und einen Anfängertanzkurs belegen würde. Geschmackvoller Wohnungsstil, Offenheit für Kultur und das Schöne werden vorausgesetzt. Raum Bonn. Chiffre. 4711“

M. versuchte, seine Chancen einzuschätzen und entwickelte ein Punktesystem:

 

Punkte M. Punkte
Erfolgreicher Astrophysiker 10 0
Alter ca. 50 Jahre 10 2
Anfänger Tanzkurs belegen 10 4
Geschmackvolle Wohnungseinrichtung 10 4
Offenheit für Kultur 10 10
Offenheit für „Das Schöne“ 10 2
 Raum Bonn  10  0
Summe 70 22

 

M. schätzte seine Chancen sehr gering ein, antwortete nicht und ging stattdessen ein kühles Bier trinken.

Was für die Spinne normal ist, ist für die Fliege das Chaos

14.06.2017 at 23:09

Wie Jason Bartsch das Normale mit dem „Anormalen“ ins Verhältnis setzt, sich dabei über Frau Merkel, die Flüchtlingspolitik und was das alles mit uns zu tun hat auslässt, ist schon ziemlich gut.

Er erinnert mich an meinen Lieblingskabarettisten Hans Dieter Hüsch,
der – stets den Mensch im Blick – sang:

Ich sing für die Verrückten, die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen und unbemerkt von allen
An ihrem Tisch in Küchen sitzen und keiner Weltanschauung nützen
Die tagelang durch Städte streifen und die Geschichte nicht begreifen …

Alle weiteren Strophen hier

Die Linie – geschlossen: Grenzen überwunden! Räume zu eng

11.06.2017 at 12:27
theater.prekariat

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Das theater.prekariat hat innerhalb von sechs Monaten ein Theaterstück erarbeitet und es am 9. Juni 2017 auf die Bühne des Stuttgarter Schauspiel Nord gebracht. Das Stück Linien.Grenzen.Räume wurde von der Regisseurin Adelheid Schulz, der bildenden Künstlerin Victoria Turnbull und der Dramaturgin Anna Haas zusammen mit jungen deutschen Darstellern und hierher Geflüchteten erarbeitet. Die Leitung der Produktion lag bei Felix Heimbach.

Auch ohne Bühnenbild werden die Lebensräume erfahrbar

Es braucht kein Bühnenbild, um die Situation der zu uns Geflüchteten erlebbar zu machen. Die 15 Darstellerinnen und Darstellern rennen mit Koffern über die kleine Studiobühne des Schauspielhauses Nord und augenblicklich ist man in die Fluchtsituation hineingezogen, die ein Teil der Darsteller so oder so ähnlich erlebt haben: Immer in Bewegung, nur das Nötigste aus der Heimat gerettet. Wer auf der Flucht ist, hat keine Privatsphäre, in die sie oder er sich zurückziehen kann. Die Betten der Sammelunterkünfte sind oft genug nur durch Stoffbahnen getrennt. Alles spielt sich vor den Augen der Anderen ab. Die Enge in den provisorischen Unterkünften wird dargestellt, indem die Akteure sich auf ihre Koffer legen. Nicht in Betten oder auf Matratzen. Die Wirklichkeit ist hart. Die Geflüchteten in der Truppe von Adelheid Schulz haben allesamt diese Erfahrung gemacht. Ein ganzer Tagesablauf wird erlebbar, im Zweistundenrhythmus wir eine Wanduhr gestellt. Aufstehen, Zähne putzen, die fremde Sprache lernen. Genervt von dem Sprachenlärm um ihn herum schreit der in ein Deutschbuch Vertiefte seine Heimbewohner an, ob sie nicht endlich mal Ruhe geben könnten, er müsse lernen. An solchen kleinen Szenen macht die Gruppe theater.prekariat klar, was es bedeuten kann, wenn Innenminister de Maizière die zu uns gekommenen Menschen auffordert, unsere Sprache zu lernen.

Sich Zeit lassen. Den Ort aufschreiben

theater.prekariat

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Adelheid Schulz hat mit ihrem Ensemble das Projekt auf Grundlage eines Textes des französischen Schriftstellers Georges Perec entwickelt. „Von Zeit zu Zeit eine Straße beobachten, vielleicht mit etwas systematischer Aufmerksamkeit. Sich dieser Beschäftigung hingeben. Sich Zeit lassen. Den Ort aufschreiben. Das Datum aufschreiben.“ So beginnt sein Text. In mehreren „Try Outs“ hat sie ihre Idee überprüft, ist mit Zuschauern ins Gespräch gekommen. (Im Elsternest ist eine der Begegnungen beschrieben.)

Am Rande der Bühne eine Schreibmaschine. Darauf wird immer wieder geschrieben. Das Protokoll des Tages, projektiert an die Wand. Hat die Videokamera noch gerade die sich füllenden Seiten der Schreibmaschine den Zuschauern an die Wand geworfen, ist es in der nächsten Szene eine Weltkarte, auf der zu sehen ist, aus welchen Ecken der Welt die Menschen zu uns flüchten und wie weit die Entfernungen sind, die sie zurückgelegt haben. Im dritten „Try Out“ waren die Gäste gebeten worden, anzugeben, wo sie geboren wurden. Dann schritt man eine definierte Distanz ab und die Schrittzahl vom Geburtsort nach Stuttgart wurde errechnet und in eine Tabelle eingetragen. Hier wird deutlich, ein Flüchtling aus Syrien hat um ein Vielfaches höhere Schrittzahl benötigt, um zu uns zu kommen. Er kommt müde und erschöpft hier an. Er sucht Schutz.

Wie war es in der Heimat?

Die Geflüchteten blicken in ihr zurück gelassenes Leben, beschreiben den intimen Raum ihrer Kindheit: Wie sah mein Zimmer aus, wo stand mein Bett? Die Schriftstellerin Sudabeh Mohafez hat mit dem Ensemble die Texte in Schreibwerkstätten erarbeitet. Darin ist sie geübt. Schon mehrfach hat sie im Rahmen des Forums der Kulturen fürs Theater Schreibwerkstätten geleitet.

Als die letzten Sätze der Performance gesprochen sind und die fünfzehn Darstellerinnen und Darsteller sich an die Hand nehmen und vor dem Publikum verbeugen, fällt die Anspannung von ihnen ab, die sie auf der Bühne erlebt haben, die für einige von ihnen mit ihrem realen Leben übereinstimmt. Den Geflüchteten aus der Theatergruppe ist zu wünschen, dass sie in unserer Gesellschaft ihren Raum finden, dass sie zukünftig keine Linien der Ausgrenzung mehr überwinden müssen.