Denys Arcand: „Der unverhoffte Charme des Geldes“

08.08.2019 at 9:59
Denys Arcand: Der Kurierfahrer Pierre-Paul lässt ich mit der bildhübschen Edelprostituierten Aspasie ein.

Der Kurierfahrer Pierre-Paul lässt ich mit der bildhübschen Edelprostituierten Aspasie ein. Bild: © Cinémaginaire Inc. – FilmTDA

 

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Was passiert, wenn einem erklärten Kapitalismuskritiker plötzlich mehrere Millionen Dollar vor die Füße fallen? Pierre-Paul (Alexandre Landry) hat einen Job als Postfahrer und gerät in eben diese Situation. Er hat seinen Doktor in Philosophie gemacht. Während er mit seiner Freundin Schluss macht, zitiert er im Café schon mal Wittgenstein. Er ist ein tapsiger Weltverbesserer, der sich irgendwie durchschlägt, ohne seine Moral zu kompromittieren. Als es auf seiner Kurierroute zu einem Raubüberfall mit Schießerei kommt, schnappt er sich kurzerhand zwei Geldsäcke. „Kein Bargeld an Bord“ steht auf dem Klein-LKW. Das ist, als er sich von der Szene des komplizierten Bandenverbrechens als lachender Dritter entfernt, glatt gelogen.

Kann schmutziges Geld „Gutes tun“?

Was tun mit dem schmutzigen Geld? Den Obdachlosen helfen, die er in seiner Freizeit betreut? Andere glücklich machen? Gelingt es Pierre-Paul, der die Armen seiner Gemeinde sieht und kennt, etwas Sinnvolles mit diesem zu Unrecht erhaltenen Geld anzufangen, oder unterliegt auch er seinen Verlockungen?

Bald sind ihm die Mafia, das Finanzamt und ein gewieftes Polizistenduo auf den Fersen. Dieses Duo besteht aus einer Frau (Maxim Roy), die auf Frauen steht, aber mit dem an gelegentlichen Sexismen und Rassismen nicht abgeneigten Kollegen (Louis Morissette) ins Bett geht, wenn sonst nichts zur Hand ist. Später, als der ermüdend aufwendig geschürzte Knoten wieder gelöst wird, kommt die Polizei zu spät. Eine Demo an der Uni hat alle Kräfte gebunden. Ein Loblied auf die Gesetzeshüter ist der Film sicher nicht.

Die taffe Polizistin setzt sich mit ihrem Kollegen auf die Fährte von Pierre-Paul

Die taffe Polizistin Carla McDuff setzt sich mit ihrem Kollegen auf die Fährte von Pierre-Paul Daoust. Bild: © MFA Film / Cinémaginaire Inc. – FilmTDA Inc.

 

Pierre-Paul braucht die Hilfe eines Profis. Er findet sie bei dem ehemaligen Biker-Boss Sylvain „The Brain“ (Rémy Girard), ein Ex-Knacki und Finanzexperte, der im Gefängnis seinen Ökonomieabschluss gemacht hat und nur noch legal sein Geld verdienen will.

Eine Edelprostituierte hat die notwendigen Kontakte zur Finanzwelt

Aspasie (Maripier Morin), die bildhübsche Edelprostituierte, wird von Pierre-Paul mit dem Geld aus seiner Beute bezahlt. Er verfällt ihr aus quasi-platonischen Gründen, wenn auch nicht mit platonischen Absichten. Schließlich verweist ihr Name auf die antike Rhetorikerin und Philosophin gleichen Namens, in deren Salon womöglich Sokrates, Sophokles und Kollegen verkehrten. Erst ist sie nur an dem Geld interessiert. Dann findet sie Gefallen an dem jungen Mann. Sie ist es auch, die durch Klugheit und Kontakte, darunter zu einem Offshore-Banker, der ihr noch einen Gefallen schuldet, den Schlüssel zum gemeinsamen Plan liefert.

Es geht darum, ein System auszutricksen, in dem alles auf Erfolg und Geld zielt und zwar, indem man sich seiner Gesetze ebenso bedient wie seiner Gesetzeslücken. So wird das System überlistet. Die, die sonst auf der Verliererseite stehen, sollen diesmal als Gewinner davonkommen. Aspasia, Pierre-Paul und Bigras gehen diese schöne Aufgabe an. Zu wessen Gunsten am Ende, sei an dieser Stelle nicht verraten.

Der Regisseur Denys Arcand hat einen Film gedreht, der die Genregrenzen sprengt

»Der unverhoffte Charme des Geldes« mag die erste halbe Stunde über etwas trantütig wirken. Aber er ist es ganz und gar nicht. Er braucht nur länger als die klassisch auf Tempo und Timing getrimmte US-Komödie. Der frankokanadische Regisseur Denys Arcand lässt sich Zeit. Viele seiner Themen schleichen sich geradezu unbemerkt in den Plot hinein. Das verlangt Geduld, macht aber Spaß denn er nimmt den durchdrehenden Turbokapitalismus humorvoll aufs Korn. Der Film ist Komödie, Gangsterthriller und Märchen zugleich, der zudem zeigt, wie Geldwäsche funktioniert.

Dieser Film ist extrem hinterlistig, daran lässt Denys Arcand nie einen Zweifel. Die Kriminalkomödie bietet gewissermaßen den Rahmen für Arcands filmischen Essay über das Geld, den Staat und dessen antisoziale Strukturen. Dass man hier einen Finanzskandal überleben kann, einen Sexskandal jedoch nicht (der des Offshore-Bankers), spricht Bände.

Wir feiern – Den Dreck machen andere weg

30.07.2019 at 23:28
Müll nach dem CSD in Stuttgart

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94 Formationen mit etwa 7.000 Teilnehmern und geschätzt 170.000 Zuschauern nahmen an dem diesjährigen Umzug des Christopher Street Days teil, der sich zum 40. Mal jährte. Die ganze Stadt ist voller Glitzer, titelt die Stuttgarter Zeitung am 27. Juli 2019.

Die ganze Stadt? Nein! Die TeilnehmerInnen am CSD-Umzug glitzerten vielleicht, aber hinterließen eine beispiellose Spur von Müll. Die Straßen waren übersäht mit Handzetteln, Bier-, Wein- und Sektflaschen an jeder Ecke. Ein kollektives Besäufnis hatte stattgefunden und die Reste mussten beseitigt werden. Von den Organisatoren? Nein.

Die Müllabfuhr tat das, unmittelbar, nachdem der letzte „Festwagen“ um die Ecke gebogen war. Dabei hatte die Stadt erst vor Kurzem ihre Charmeoffensive gegen den Müll gestartet. Wie zum Hohn stehen die Flaschen unter der Werbetafel, die in den Farben der Müllabfuhr daherkommt.

 

Müll nach dem CSD in Stuttgart

Der Kehrmaschine zur Hand gegangen: Müllmänner im Kampf gegen den Partydreck

Yesterday – all my troubles seemed so far away

26.07.2019 at 7:56

Was wäre, wenn es die Beatles nie gegeben hätte, bzw. sie aus dem Gedächtnis der Menschen getilgt wären? Bei allen Menschen? Nein! Einer hat noch Erinnerungen an sie: der erfolglose Singer/Songwriter Jack Malik (Himesh Patel), der seine Kompositionen grundsätzlich vor leeren Rängen und an allen Straßenecken zum Besten gibt!

Auf dieser Prämisse des Drehbuchautors Richard Curtis basiert der neue Film des britischen Regisseurs Danny Boyle (Trainspotting, Slumdog Millionär). Richard Curtis ist durch viele Drehbücher für komödiantische Filme bekannt geworden (u. a. Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Notting Hill, die Bridget-Jones Filme) und prägt mit seinem Wortwitz auch diesen Film.

Die Prämisse ist schnell erzählt:

Bei einem zwölfsekündigem, weltweiten Stromausfall, dessen Umstände der Film zurecht nicht weiter thematisiert, wird Jack Malik (Himesh Patel) von einem Bus angefahren. Danach vermisst der sympathische Loser zwar zwei Schneidezähne, besitzt aber als fast einziger Mensch die Erinnerung an die vielleicht wichtigste Band aller Zeiten. Und als er beim Klimpern von „Yesterday“ merkt, dass seine Freunde den Song noch nie gehört haben, und die Google-Recherche bei den Stichworten „Beatles“ und „John Paul Georges Ringo“ nur Käfer und Päpste anzeigt, beginnt er zögerlich seiner „Karriere“ eine neue Chance zu geben und nimmt die alten Hits in sein Repertoire auf.

Sehr sorgfältig dekliniert der Film diese Entwicklung vom tastenden, unsicheren „Let It Be“ auf dem elterlichen Piano klimpernden Musiker über die ersten Achtungserfolge bei lokalen Auftritten bis hin zur Anfrage des Musikers Ed Sheeran, bei einem seiner Konzerte in Moskau (!) im Vorprogramm zu spielen. Der britische Weltstar Ed Sheeran spielt sich hier sanft und selbstironisch selbst. Den Ritterschlag erhält Jack Malik als er nach dem Konzert von Ed Sheeran Backstage zu einem Songschreiberwettbewerb aufgefordert wird: Beide sollen spontan einen Song komponieren, den sie noch nie gespielt haben. Nachdem Jack mit seinem Song diesen Wettbewerb gewonnen hat, erkennt Ed Sheeran, dass er nur ein Salieri neben Mozart ist und wünscht ihm viel Glück. Die aalglatte Managerin Debra (wunderbar von der Komikerin Kate McKinnon gespielt) dient sich dem aufgehenden Stern gleich an und führt ihn durch die Untiefen des Musikbusiness. Leichthändig nimmt der Film die Mechanismen der zeitgenössischen Musikindustrie aufs Korn, bleibt im Grunde aber stets bei der Frage, wohin geklauter Ruhm und unverdiente Ehren den Helden am Ende eigentlich führen sollen.

Die wunderbare Musik der Beatles

Die Musik der vier Musiker aus Liverpool trägt den gesamten Film, denn es ist eine enorme Lebensfreude in ihrer Musik, egal welchen Song man nimmt und die verzaubert damit die Zuschauer während des gesamten Films. Wie wichtig diese gemeinsame Lebensfreude trotz aller Streitigkeiten für die Beatles war, kann man in vielen Interviews nachlesen. Trotzdem steckt in den Songs stets auch eine gewisse, sehr britische Melancholie. Danny Boyle gelingt es, die Balance zwischen traurig und heiter den ganzen Film über zu halten. Und man fiebert mit dem aufstreben Star mit, wenn er vom Erfolg überrascht wird und dabei die in den Songs der Beatles so oft thematisierte Liebe aus den Augen verliert. Wieder sind es Looser und ein alter weiser Mann, die ihm die entscheidenden Hinweise zur Umkehr geben und das auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, als er das Wimmeltonstadion rockt und die Dollar förmlich greifbar werden (vor allem auch für seine diabolische Managerin).

Da wird auch ein Bild von vier kreischenden Mädchen eingeblendet, die den Beatles zujubeln. Und die Botschaft ist klar: Es waren diese kreischenden Mädchen, die den Lauf der Geschichte verändert haben. Sie wurden in den Medien als hysterisch und verrückt verunglimpft. Aber sie waren es, die dafür gesorgt haben, dass die Menschen mit dieser Musik konfrontiert wurden, die die Gesellschaft für immer verändert hat: Die jungen Menschen ließen sich nicht mehr vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Sie haben sich geweigert, zur Armee zu gehen. Sie wollten nicht mehr die Jobs machen, die ihre Eltern für sie ausgesucht haben. Sie strebten nach Glück, Liebe und Selbstverwirklichung. Und genau das tut dann auch der Protagonist des Filmes.

Was wünschen wir uns heute nach einem Stromausfall?

Der Regisseur Danny Boyle wurde gefragt, was er gern nach einem globalen Stromausfall aus dem Gedächtnis der Menschheit für immer löschen würde und er antworte darauf:

„Im Moment kann es auf diese Frage für mich nur eine Antwort geben. Wenn es etwas gibt, das die Mehrheit der Briten gern innerhalb von dreißig Sekunden ins Reich des Vergessens schicken würde, dann ist es der Brexit samt Nigel Farage und all den anderen Clowns, die für dieses politische Desaster verantwortlich sind.“

Vielleicht hilft es wirklich manchmal, wie Jack Malik in einer unerwartet drängenden Version, den Song »Help« zu spielen, der angesichts all dieser Probleme folgerichtig eine ganz neue Bedeutung erhält.

Ankunft Nirgendwo – Ein ungewöhnlicher Theaterabend

16.07.2019 at 23:57
Ankunft Nirgendwo

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Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler bringen ihre Erfahrungen an diesem Abend des 13. Juli 2019 im Studiotheater auf die Bühne. Die Gruppe um den Regisseur Mehdi Mokari gastierte auf Einladung des Katholischen Bildungswerkes (KBW) in Stuttgart.

Die Gruppe kommt aus dem Landkreis Göppingen. Mehdi Mokari flüchtete 2013 mit seiner Familie aus dem Iran. Seine Tochter und sein Sohn teilen mit ihrem Vater die Leidenschaft fürs Theater und stehen an diesem Abend auf der Bühne. Seine Tochter Kimia hat die wesentlichen Szenen geschrieben und trat auch schon im Iran in zahlreichen Theaterstücken und Filmen auf. In Deutschland konnte sie Erfahrungen am Stuttgarter Staatstheater und im Theaterprojekt „Labyrinth“ sammeln.

Bis auf zwei kommen alle aus dem Iran. Mit einfachen Mitteln stellen die jungen Leute Erlebnisse aus ihrer Flucht dar: Die Überfahrt in einem Schlauchboot wird mit einem Seil begreifbar. Die Enge und Einfachheit in der Flüchtlingsunterkunft mit Stühlen. So bringen sie unglaubliche, komische, traurige und kraftvolle Szenen eigener Stationen aus ihrem Leben auf die Bühne. In anschließenden Gespräch mit dem Publikum gehen sie auf ihre Erfahrungen ein und reden darüber, wie sie das Stück entwickelt haben.

Bob Dylan beim Jazz Open in Stuttgart

14.07.2019 at 18:18

 

Es ist der erste Auftritt, den ich von dem heute achtundsiebzigjährigen Ausnahmemusiker erlebt habe. Lange hatte ich gezaudert, ob ich den Eintrittspreis von 80 € für einen Stehplatz zahlen sollte. Aber um 17 Uhr, 15 Minuten vor Einlass habe ich online eine Karte beim Veranstalter erstanden, für nur noch 35 €. Robert Allen Zimmerman, alias Bob Dylan, bleibt mit diesem Konzert seinem chamäleonhaften Weg treu, erfindet sich immer wieder neu.

Die Bühne, ausgestattet mit riesigen Scheinwerfern, die aus einem alten Hollywoodstudio stammen könnten, illuminieren die Bühne. Auf einem Gitarrenverstärker sein Oscar, den er 2001 für den besten Filmsong erhalten hatte (aus dem Film Wonder Boys). Rechts am Rand steht eine Frauenbüste auf einer korinthischen Säule. Ein Statement gegen die europäische Flüchtlingspolitik? Viel zu weit gedacht. Es handelt sich um eine Figur aus dem Pallas-Athene-Brunnen vor dem österreichischen Parlament. Die Frau symbolisiert die Moldau und sie verleiht der zweistündigen Show einen würdigen Rahmen.

Die Musik aus einem Guss

„Things Have Changed“. Ein typisches Dylan-Motto. Bei ihm ist immer alles anders. Er hat seine Lieder in ein völlig anderes Soundgewand gekleidet. Und das ist an diesem Abend aus einem Guss. Wobei es im Grunde zu trivial wäre, diese Sonette als Songs zu bezeichnen. Für diese kunstvolle Lyrik hat er vor zwei Jahren zu Recht den Nobelpreis für Literatur erhalten.

Seine allseits bekannten Songs erkenne ich häufig nur an einigen wunderbaren Textpassagen wieder so auch meinen Liebslingssong „It Ain’t Me Babe“. Die Musik ist an diesem Abend aus einem Guss: mal hart bluesig, mal fast orchestral, arbeitet sich dagegen am Original ab. Wobei ich mir die Frage stelle: Was ist denn das Original? Die Version, die vor 55 Jahren auf Platte gepresst wurde oder das Lied im heutigen Gewand, immer wieder neu bearbeitet, umgeschrieben und optimiert?

Dylan arbeitet seit Jahren mit hervorragenden Musikern

Hervorzuheben ist die exquisite Begleitband, die Bob Dylan mit auf die Bühne gebracht hat: Der Bassist Tony Garnier webt einen satten Rhythmus mit seinem akustischen Bass, greift auch mal zum Bogen oder tauscht ihn gegen einen E-Bass ein. Mit dem Schlagzeuger George Recile – mit feschem schmalkrempigen Hut, im Gegensatz zu Bob Dylan, der einen sehr breitkrempigen trägt -bildet Tony Garnier das rhythmische Fundament.

Gitarrist Charlie Sexton steht seit 1999 immer wieder an der Seite von Bob Dylan auf der Bühne und treibt mit seinem virtuosen Spiel die Songs voran. Donnie Herron glänzt an vielen Instrumenten: Pedalsteel Gitarre, Lapsteel Gitarre, Mandoline, Banjo und Violine. Bob Dylan sitzt meist am Flügel, schnappt sich manchmal einen Mikrofonständer und singt ohne Instrument. Wenn er so auf der Bühne steht, sieht man ihm sein Alter an: an seiner leicht gebückten Haltung, an seinen verknöcherten Händen. Die Gitarre, früher sein Markenzeichen, hat er nicht mitgebracht, aber seine Mundharmonika.

Eine Zugabe lässt sich der Meister abringen, dann gehen er und seine Band von der Bühne. Seine „Never Ending Tour“ wird in den nächsten Tagen weiter gehen, wie seit 30 Jahren.

Ausnahmsweise habe ich keine Aufnahmen von dem Konzert gemacht, obwohl ich trotz strenger Taschenkontrolle meine Kamera dabei hatte. Aber Bob Dylan verbittet sich alle Aufnahmen. Er hat auch schon mal ein Konzert wegen Missachtung dieser Bitte abgebrochen.

Der Vollständigkeit halber hier die Setlist:

  • Ballad of a Thin Man
  • It Ain’t Me, Babe
  • Highway 61 Revisited
  • Simple Twist of Fate
  • Can’t Wait
  • When I Paint My Masterpiece
  • Honest with Me
  • Tryin’ to Get to Heaven
  • Scarlet Town
  • Make You Feel My Love
  • Pay in Blood
  • Like a Rolling Stone
  • Early Roman Kings
  • Girl of the North Country
  • Love Sick
  • Thunder on the Mountain
  • Soon After Midnight
  • Gotta Serve Somebody
  • Blowin’ in the Wind

Rudolstadt 2019 – Ein Rückblick (3)

11.07.2019 at 10:52
Preisgekrönte Gruppe Ticket To Happiness

Preisgekrönte Gruppe Ticket To Happiness

 

Wie schon geschrieben, in Rudolstadt treten sie alle auf, die bekannten Größen, die völlig unbekannten, die sich auf der Fußgängerzone dazwischen quetschen und die, die ihre ersten Lorbeeren gesammelt haben, wie z. B. die Gruppe Ticket To Happiness (welch ein Name!). Sie wurden beim Deutschen Rock- und Pop-Preis 2018 in acht Kategorien aus dem Bereich Folkrock ausgezeichnet, unter anderem als beste Band und für den besten Sänger. Die Kapelle nimmt die Zuhörer mit irischer und amerikanischer Folkmusik sowie südeuropäischer Straßenmusik mit auf eine spannende musikalische Reise – immer auf der Suche nach originellen akustischen Hörerlebnissen. Die Band aus Gießen und Münster tritt in klassischer Besetzung auf: Gesang (Jan Philipp), Banjo, Gitarre, Bassdrum, Cajón, Gesang (Yannick Helle), Mandoline, Banjo, Gitarre, Cajón, Gesang (Patrick Helle), Violine und Gesang (Mona Kaczmarczyk), Bass (Stefan Schwarzinger).

Hochkarätiger Folkrock aus Irland

Hochkarätiger Folkrock bot die Gruppe In Their Thousands auf der Konzertbühne im Heinepark an diesem dritten Festivaltag.

Irischer Folkrock auf der Konzertbühne im Heinepark

Irischer Folkrock auf der Konzertbühne im Heinepark

 

Zwei Brüder, ein Cousin und ein Best Friend Forever aus dem irischen County Donegal. Dort, wo es dramatische Landschaften gibt, wilde Steilklippen, atlantische Winde und immer Leute, die es wegzieht aus den entlegenen Ortschaften im irischen Nordwesten entstand ihre Musik, kraftvoll und leidenschaftlich.

In Their Thousands

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In Their Thousands sind hiergeblieben und die Gegend hat ihren Sound stark geprägt. Die Bildsprache für ihre Songs finden sie in der Natur, musikalisch ziehen sie diverse Register: Mal halten sie sich akustisch folkig zurück, mal überziehen sie die Bühne mit rockigen E-Gitarren und vibrierenden Dance Grooves. Da kommt so manches deutsche Tanzbein in Bewegung. Aber hier in Rudolstadt zeigt sich deutlich: Germen can’t dance!

 

Zurück in der Stadt erlebten wir die riesige, aus Schrottteilen gefertigte Jazzmaschine. Eine Jazzband verband die rhythmischen Vorgaben der Maschine mit ihrem Sound.

Zusammenspiel zwischen Mensch und MASCHINE

Zusammenspiel zwischen Mensch und MASCHINE

 

Balkanmusic as its best: Batiar Gang

Das konnten die acht Musikerinnen und Musiker um die charismatische Sängerin Melanka nicht gebrauchen. Sie haben sich mit unheimlicher Freude dem Balkansound verschrieben. Melankas Eltern stammen aus der Uraine und daher kommt auch der Name der Band: Batiar Gang.

Batiar Gang

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Batiar, auch Baciar, wurde früher umgangssprachlich der polnische Bewohner von Lwiw (Lemberg) in der Ukraine genannt. Der Batiar gehörte zur Subkultur, zu Lwiws Knajpa-Lebensstil; er war lebensfroh, unersättlich feierlustig, großzügig, wohl gekleidet und jonglierte stets am finanziellen Bankrott entlang. Damit ist er prädestiniert als Namensgeber dieses wilden Ensembles aus Leipzig, das einen hitzigen Reigen osteuropäischer Musikkulturen präsentiert. Und unter der Anleitung des Klarinettisten Matze gelang es, das Publikum mit einem einfachen Tanzschritt bekannt zu machen und Groove ins Publikum zu bringen.

Hochpolitische Musik aus dem Iran von Shahim Najafi und seiner Band

Bevor wir nach Hause fuhren, erlebten wir noch den iranischen Musiker Shahin Najafi mit seiner Band auf dem Neumarkt.

Der aus dem Iran stammende Musiker Shahin Najafi begeistert seine Landsleute

Der aus dem Iran stammende Musiker Shahin Najafi begeistert seine Landsleute

 

Er zieht keine Grenzen mehr zwischen Kunst und Politik. So schreibt Shahin Najafi es in seinem Buch „Wenn Gott schläft“. Es war der Sommer der gefälschten Wiederwahl des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad und Najafi widmete der bei Protesten getöteten Studentin Neda ein Lied.

Virtuoser Schlagzeuger an der Seite von Shahin Najafi

Virtuoser Schlagzeuger an der Seite von Shahin Najafi

 

Aber seine Kunst ist nicht nur politisch, die Kunst ist für den Sänger und Gitarristen überlebenswichtig. Sie half ihm durch die Zeit, als er 2012 in Köln abtauchen musste, weil mehrere Fatwas gegen ihn ausgesprochen wurden. Damals wurde Shahin Najafi mit zornigen Rap-Songs zur Stimme der iranischen Jugend. Der Zorn ist bis heute hör- und spürbar und entfaltet eine erstaunliche Kraft. Seine Musik ist im besten Sinn zeitgenössische persische Musik. Sie ist ein Mischmasch, wie er selber in charmantem Understatement sagt: Ein bisschen Jazz und Blues, ein bisschen iranische Volksmusik. Dabei klingt sowohl der begabte Koran-Rezitator durch, der er als Jugendlicher war, aber eben auch der Rapper, Rockfan und nicht zuletzt der empfindsame Dichter. Aus all diesen Facetten tönt das mutige Engagement, mit dem Shahin Najafi gegen politischen Terror, religiöse Unterdrückung und Gewalt kämpft. Er kommt mit seinen Botschaften bei dem im Publikum sitzenden Landsleuten an.

 

Drei Tage Festival – drei Tage Musik aus allen Herren Ländern. Rundum mit Kultur und Klängen angefüllt, kommen wir am Sonntag spät nach Hause.

Rudolstadt 2019 – Ein Rückblick (2)

10.07.2019 at 17:49
Die Cafémafia ist mobil unterwegs

Die Cafémafia ist mobil unterwegs

 

Die Versorgung der Besucher auf dem Festival ist gesichert. Überall kann man an diversen Ständen leckere Speisen erwerben. Selbst qualitativ hochwertige, aufwändig gekelterte, alkoholhaltige Traubengetränke werden ausgeschenkt. Daneben die obligatorischen Bierstände, hier aus der Region: Köstritzer. Wer müde wird, gönnt sich eine Tasse Kaffee.

 

30 Bühnen und auf den Straßen die fahrenden Musikanten

Selbst nach einem Teilstriptease noch ganz in Rot

Selbst nach einem Teilstriptease noch ganz in Rot

 

Rudolstadt präsentiert das Festival auf insgesamt 30 Bühnen. Dazu kommen noch die diversen Straßenmusiker, die in der Fußgängerzone ihren Gig aufführen. Manchmal wird ein kleiner Gig zu einem wundervollen Erlebnis, wie bei diesem „roten“ Diabolospieler, der auf eigene Kosten aus Berlin angereist ist und am Schluss das Publikum bittet, ihn mit einer Spende in seine Dose zu unterstützen. Das macht er auf derartig sympathische Art, dass die Zuschauer gerne bereit sind, auch Scheinein die Dose zu werfen.

 

Große Bandbreite an künsterischem Ausdruck

Die handwerkliche und künstlerische Bandbreite der Künstler ist erwartungsgemäß bei einem solchen Festival erwartungsgemäß groß. Ein Brüderpaar aus Berlin spielte im Skulpturenhof ihre selbstkomponierten Songs.

Tildemore aus Berlin

Tildemore aus Berlin

 

Eine Taylor-Gitarre kann hilfreich sein, kann aber auch die Qualität der Songs nicht wesentlich erhöhen, egal, wie gut sie gespielt wird. Ihrem eigenen Anspruch, große Gefühle zu bedienen und dabei nie trivial zu sein, erfüllen sie nur bedingt.

 

Keine eigenen Songs, aber exzellente Interpretationen von Preston Foster, Dylan, Town van Zandt, Johnny Cash (wunderschön sein Song Man In A Long Black Coat)
und viele andere Größen der Folk- und Countrymusik spielten Grey Wolf & Alex Wurlitzer auf kleiner Bühne.

 

Alex Wurlitzer und Grey Wolf

Alex Wurlitzer und Grey Wolf

 

 

Ich höre immer wieder gerne 12saitige Gitarre, die Grey Wolf auch spielte. Alex Wurlitzer spielte ein halbes Dutzend Gitarren und die bei Countrymusik gern gespielte Pedal-Steel-Gitarre.

Der Rudolstädter RUT-Preis in 4 Kategorien

Beim Rudolstadt-Festival ist es üblich, Künstler mit dem „Ruth“ zu ehren, einer 30 cm hohen Porzellanfigur. Dieses Jahr zum 17. Mal!

Rudi Zapf am Hackbrett mit seiner Band Zapf'nstreich

Rudi Zapf am Hackbrett mit seiner Band Zapf’nstreich

 

Rudi Zapf erhielt die Auszeichnung verdientermaßen für sein Lebenswerk: In seinen 60 Lebensjahren hat er an verschiedenen Stellschrauben das Rad des Hackbretts in Bayern und darüber hinaus weitergedreht und sich unschätzbare Verdienste um die Popularisierung des Instruments erworben.

In einem beeidruckenden Konzert auf der Bühne der Burg Heideck, ließ er die Klöppel über sein Hackbrett tanzen und scheute sich auch nicht davor, Dave Brubecks „Take Five“ mit einer Tanzmelodie aus seiner bayerischen Heimat zu vermischen. Begleitet wurde er von großartigen Musikern: Gerhard Wagner (sax, cl, fl), Andreas Seifinger (g) und Steffen Müller am Kontrabass. Ein echter bayerischer Zapf’streich!

Den Förder-Preis erhielt die Gruppe Sephardics. Sie spielen, kaum verwunderlich, sefardische Lieder, allerdings in einem aufregend jazz-rockigen Gewand. Ich konnte mit der Musik nicht allzu viel anfangen. Unbekannt war mir bis dahin auch Siegfried Maeker, der den Ehrenpreis für seine Verdienste als Musikeragent erhielt, unter anderem förderte er über Jahrzehnte Künstler wie Zupfgeigenhansel, JAMS, die Sands Family oder Exprompt und brachte immer wieder die Musik der Sinti und Roma in diesem Land an einen Agenten.

Den Festival-Preis erhielt die Gruppe Gankino Circus. Ist es Weltmusik, Volksmusik, Musikkabarett oder Zirkus? Von allem ein bisschen. Und deswegen so besonders.

Mit der Bohrmaschine an einem Tag in einem Athener Studio eingespielt: Die gesamte in den griechischen Lokalen in Deutschland gespielte Bouzouki Musik

Mit der Bohrmaschine an einem Tag in einem Athener Studio eingespielt: Die gesamte in den griechischen Lokalen in Deutschland gespielte Bouzouki Musik

 

Bei Gankino Circus sind Musiker, Kreativköpfe am Werk, die wissen was sie tun. Dramaturgisch perfekt inszeniert, hochgradig versiert, abgebrüht und gleichzeitig mit direktem Draht zum Publikum, agierten die Vier als hätten sie nie etwas Anderes getan. Ihre Musik geht ans Herz und in die Beine, ihr schwarzer Humor hat Biss, das ist einzigartig und bewegend für Körper und Geist. Gankino Circus sind hervorragende Geschichtenerzähler und Musiker in einem. Und deswegen ein wahrhaft bravouröser Weltmusikexport aus Deutschland.

Das Knochenxylophon (aus den Knochen des verstorbenen Lieblingswirtes)

Das Knochenxylophon (aus den Knochen des verstorbenen Lieblingswirtes)

 

Ihr Konzert hielt keinen auf seinem Sitz, ihre Spielfreude und Show mit perfektem Storyboard lässt bei mir den Wunsch aufkommen, sie bald wieder zu sehen. Gelegenheit wird es am 11.08.2019, 19:00 Uhr in Stuttgart im Renitenz-Theater geben.

Schaut euch den Trailer zu ihrer Show an und bekommt jetzt schon gute Laune!

Anarchistische Songs von Hasenscheisse

Ähnlich schrill aber mit einer deftigen Portion anarchistischen Humors spielte die Berliner Gruppe Hasenscheisse am Abend auf der freien Bühne im Heinepark. Sie bezeichnen ihre Musik selber als Acoustic Guitar Trash Balladen. Es scheint, als seine sie die Wiedergänger der legendären berliner Rock-Band Ton Steine Scherben.

Anarchistische Spielfreude aus Berlin

Anarchistische Spielfreude aus Berlin

 

Nur brechen sie die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Alltag der kleinen Leute runter. Seit mehr als elf Jahren verbreiten die fünf Musiker von Hasenscheisse ihre eigenwillige Mixtur aus delikat gezupften Leckerbissen fürs Ohr und wild tanzbarem, herrlich trivialem Gegröle für die Beine. Humorvolle deutsche Texte, meist vorgetragen mit einer großen Portion Berliner Mundart, schlingern sich, mal Bossa, mal Walzer, mal Rockabilly, durch jede Menge kurzweilige Songs. Sympathisch: Gegen Ende lief einer mit dem Hut durchs Publikum und sammelte für die Initiative von Heinz Ratz „1 Million gegen Rechts“, die Hasenscheisse uneingeschränkt unterstützt.

Ruhiger Ausklang des Tages

Nach den voller Drive vorgetragenen Songs von Hasenscheisse kamen die drei Musiker der Gruppe COBARIO gerade recht, mit ihren ruhigen Kompositionen, in spärlich beleuchtetem Ambiente, den Abend ausklingen zu lassen.

Zum Ausklang Musik aus Wien

Zum Ausklang Musik aus Wien

 

 

Rudolstadt 2019 – Ein Rückblick (1)

10.07.2019 at 9:57
Herbert Pixner Projekt aus Norditalien (Tirol)

Herbert Pixner Projekt aus Norditalien (Tirol)

 

Für mich war es das erste Mal, dass ich beim „Roots, Folk, Weltmusik“ Festival dabei sein konnte. Untergebracht in einer Ferienwohnung im 18 km entfernt gelegenen Blankenhain, fuhren wir jeden Tag problemlos über eine gut ausgebaute Bundesstraße nach Rudolstadt.

Ein hervorragendes Zusammenspiel zwischen Herbert Pixner und dem Gitarristen Manuel Randi

Ein hervorragendes Zusammenspiel zwischen Herbert Pixner und dem Gitarristen Manuel Randi

Das „Herbert Pixner Projekt“ war für mich das absolute Highlight des Festivals: Er spielte am Freitag, 5. Juli, auf der Konzertbühne im Heinepark. Eine nicht allzu große Bühne unter Bäumen (wichtig bei der Hitze, die in Rudolstadt herrschte) mit einer exzellenten Tonanlage. Oft ist es bei großen Bühnen zu laut oder der Sound kommt nur als Brei beim Zuhörer an. Hier nicht. Die Band um den Namensgeber Herbert Pixner spielt „finest handicrafted music from the alps“ und ist hochkarätig besetzt.

Herbert Pixner ist ein begnadeter Harmonikaspieler

Herbert Pixner ist ein begnadeter Harmonikaspieler

Der Multiinstrumentalist Pixner spielt diatonische Harmonika, Klarinette, Saxophon, Trompete und Percussion, seine Schwester Heidi Harfe und Werner Unterlercher spielt den Kontrabass. Ihre Musik ist elegant und entfesselt, sanft, sexy, erdig oder sphärisch.

Herbt Pixner hat einen Ausnahmegitarristen an seiner Seite: Manuel Randi zeigt großes Können und eine ungemein ansteckende Spiellust. Er hat die ganze Bandbreite der Gitarrenmusik drauf, vom Flamenco, Tango, Blues, Gypsy-Jazz bis hin zu rockige Riffs. Eine eklektische Mischung, die doch authentisch ist. Manuel Randi spielt auch mit Heidi Pixner in eigenen Produktionen. Eine eingespielte Gruppe und das merkt man ihr während des gesamten Konzertes an. Der 44jährige Pixner stammt aus dem Meran, verbrachte, wie er selber sagte, ein paar Sommer als Senner im Hochgebirge und holt sich dort immer noch Inspriation für seine Musik.

... und beherrscht auch diverse Blasinstrumente.

… und beherrscht auch diverse Blasinstrumente.

Er ist ein Tausendsassa, arbeitet als Musiklehrer, Rundfunk- und Fernsehmoderator, kuratierte Festivals, spielte als Barmusiker in Colorado, gründete eine eigene Platten- und TV-Produktionsfirma. Seine Stücke, die er mit seiner hochkarätigen Band spielt sind aggressiv und zart, hart und elegisch, fröhlich und voller Blues, schmutzig und kristallklar. Alle Nuancen, alle Klangfarben stecken in seiner Musik.

Desmadre Orkesta Balkan spielte im Handwerkerhof

Pure Spiefreude

Pure Spiefreude

Im Handwerkerhof hörte ich das Desmadre Orkesta Balkan aus Buenos Aires. Die Blaskapelle aus Argentinien spielt eine energetische Mischung aus Populärem, Traditionellem und eigenen Stücken: Balkan-Fetzer, Klezmer Tunes, Cumbia, Swing aus New Orleans und Milongas aus der Heimat. Sie laufen mit ihren Instrumenten durchs biertrinkende Publikum und verströmen gute Laune.