Lesung in Leibzig: „Die Anhörung“

21.03.2020 at 16:20
Bomberg (Liedermacher) Haase (Autor) über Wolfgang Schnur

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Eine der wenigen, nicht abgesagten Lesungen im Rahmen der Leipziger Buchmesse konnten wir in der Gedenkstätte „Runde Ecke“ erleben. Der Filmregisseur Jürgen Haase las aus seinem Buch „Die Anhörung – Wolfgang Schnurs Doppelleben als Stasi-Spitzel und Anwalt politisch Verfolgter“. Das Buch ist in weiten Teilen eine Transkription eines vierstündige Interviews, das der Journalist Alexander Kobylinski mit Wolfgang Schnur führte. Das Interview liegt dem Buch auf einer DVD bei. An seiner Seite der Liedermacher und Psychologe Karl-Heinz Bomberg, der 1984 wegen seiner Lieder inhaftiert wurde und dessen Strafverteidiger Wolfgang Schnur war. Er schrieb für das Buch die Einführung und begleitete die Veranstaltung musikalisch.

Ein Leben ohne Mutterliebe

Knapp fasste Jürgen Haase das Leben des Stasi-Agenten und Rechtsanwalts Wolfgang Schnur zusammen:
Wolfgang Schnur wuchs als Waisenkind in Heimen in Stettin, auf der Insel Rügen sowie in Rostock auf. Nach einer Maurerlehre studierte er Rechtswissenschaften und schloss das Studium 1973 als Diplom-Jurist ab. Schnur wurde 1964 von der Stasi angesprochen. Da war er gerade 20 geworden. Der Geheimdienst suchte auch auf der Ostseeinsel Rügen nach zuverlässigen Leuten und entdeckte bald Schnurs großes Talent, Vertrauen zu erwerben. Mehr als 25 Jahre lang hat Schnur dieses Leben durchgehalten.

Wolfgang Schnur ging in Kirchenkreisen ein und aus

Schnur gehörte in der DDR zu den bekanntesten Kirchenvertretern. Er war Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Mecklenburg, zeitweise Vizepräsident der Synode der Evangelischen Kirche der Union und Synodaler des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Ende der 1980er Jahre war er als Vertrauensanwalt der Evangelischen Kirche für zahlreiche bekannte Oppositionelle in der DDR tätig. Er vertrat Dissidenten, Bürgerrechtler und Wehrdienstverweigerer. Was die von ihm vertretenen Mandanten nicht wussten: Wolfgang Schnur lieferte Details aus seinen Gesprächen mit ihnen direkt an die Stasi.

Wolfgang Schnur während der Wende

Während der Wende wurde Wolfgang Schnur einer der wichtigen Vertreter des Demokratischen Aufbruchs. Fast wäre er mit Kanzler Helmut Kohls Hilfe 1990 der erste frei gewählte Ministerpräsident der DDR geworden. Doch das gönnten ihm ehemalige Führungsoffiziere wohl nicht. Sie steckten dem Runden Tisch, was lange Zeit Schnurs „wahre“ Berufung gewesen war. Die Offenlegung seiner Stasi-Akte im März 1990, wenige Tage vor der ersten freien Volkskammerwahl, beendete seine politische Karriere.

Traumata werden von Generation zu Generation weiter gegeben
In dem Gespräch zwischen Jürgen Haase und Karl-Heinz Bomberg wird deutlich, was mit Menschen geschieht, die Untersuchungshaft und Unterdrückung eines Willkürstaates mit den Menschen macht. Und wie Menschen, die keine familiäre Bindung haben, in staatlichen Strukturen einen Familienersatz finden können. Karl-Heinz Bomberg hat in seiner psychologischen Praxis viele Opfer behandelt und das ganze Ausmaß der seelischen Verletzungen ist immer noch nicht erfasst. Ebenso sind die Auswirkungen auf die nachfolgenden Generation der Opfer längst nicht aufgearbeitet.