Jaroslav Rudiš und Jaromír 99 – Zwei Tschechen in Stuttgart

05.04.2019 at 15:31
Schriftsteller, Schauspieler, Librettist, Tausendsassa: Jaroslav Rudiš

Schriftsteller, Schauspieler, Librettist, Tausendsassa: Jaroslav Rudiš

 

Die beiden in Stuttgart sehr bekannten Künstler Jaroslav Rudiš und Jaromír 99 waren am 2. April 2019 zu Gast im Literaturhaus Stuttgart.

Bekannt geworden sind die beiden als Schöpfer des legendären Comics Alois und als Gründer der tschechischen Kafka Band. Jaromír 99 stellt an diesem Abend seine neue Graphic Novel Tschechenkrieg vor. Schauplatz ist die Tschechoslowakei der 1950er Jahre. Während des Kalten Krieges führen die überaus gut aussehenden Mašin-Brüder ihren ganz eigenen Kampf gegen das kommunistische Regime: Sie verüben Sabotageakte, Überfälle auf Geldtransporter und Sprengstoffanschläge. Doch als der erwartete Dritte Weltkrieg ausbleibt, fliehen Josef und Ctirad Mašin nach West-Berlin, um sich der US-Army anzuschließen. Darauf folgt die größte Fahndungsaktion der DDR-Volkspolizei, genannt Tschechenkrieg.

Gespräche, Lesung und Musik

Im Gespräch mit dem Moderator Uwe Ebbinghaus von der F.A.Z. erläutert Jaromír 99 die Entstehungsgeschichte des Comics und erzählt, dass er an dem Buch, in dem es überwiegend um Gewalt geht, zwei Jahre gezeichnet gesetzt hat. Das sei ihm als pazifistisch eingestelltem Menschen nicht immer leicht gefallen. Während der Arbeit an dem Comic hat er weiter komponiert. Den Soundtrack, der bei der Arbeit in seinem Kopf entstanden ist, brachte er zu Papier. An diesem Abend präsentiert er mit zwei seiner Kollegen von der Kafka Band einige Stücke dieser Musik.

Jaromir99 stellt seine neue Graphic-Novel vor und umrahmt die Veranstaltung musikalisch

Jaromir99 stellt seine neue Graphic Novel vor und umrahmt die Veranstaltung musikalisch

Pils in der Pause

Nach einer kurzen Pause (mit Budweiser Budvar Pils!) geht es weiter mit der Lesung von Jaroslav Rudiš aus seinem neuen Roman Winterbergs letzte Reise:
„Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, sagte Winterberg und schaute aus dem beschlagenen Fenster des Zuges. So beginnt dieser neue Roman von Jaroslav Rudiš, den er erstmals im Original auf Deutsch geschrieben hat. Ein eigensinniger Greis und sein genervter Pfleger Kraus reisen anhand des letztmalig 1913 erschienenen Baedeker-Reiseführers für Österreich-Ungarn durch Mitteleuropa. Bald darauf war die Habsburgermonarchie Geschichte, doch Wenzel Winterberg verlässt sich noch heute auf das rote Buch. Und die Schlacht bei Königgrätz, ausgefochten 1866 zwischen Preußen und Österreich, ist die Basslinie, die den Roman grundiert.

„Die Schlacht bei Königgrätz ist der Anfang von allen meinen Katastrophen, der Anfang von allen unseren Katastrophen, wenn man im Zeichen der Schlacht bei Königgrätz geboren wurde, ist man für immer verloren. So bin ich verloren, so ist dieses Land verloren und so sind Sie, lieber Herr Kraus, verloren, ob Sie wollen oder nicht, ja, ja, es gibt kein Entkommen, das kann man nicht so einfach überschienen wie die Alpen.“

Winterbergs letzte Reise ist ein großer europäischer Roman. Oder, wie Rudiš bekundet, ein mitteleuropäischer Roman. Er sehnt sich nach einem starken Mitteleuropa, das wird an diesem Abend klar, aber die politischen Verhältnisse im realen Mitteleuropa sind eher euroskeptisch.

„Wir sterben ganz allein und unsere Geschichten sterben mit uns“, lässt Rudiš Winterberg sagen, „denn heute ist hier niemand, der sich für unsere Geschichten interessiert, niemand, der historisch durchschaut und durchschauen möchte, da kann man sich nicht wundern, was gerade passiert.“ In diesem Buch stehen diese Geschichten im Überfluss. Und eventuell helfen sie uns, die europäischen Spaltungstendenzen besser zu verstehen.

Winterbergs letzte Reise
Gebunden mit Schutzumschlag, 544 Seiten
Luchterhand Literaturverlag, Preis 24,00 €

Tschechenkrieg
Jan Novák (Autor), Jaromír Švejdík (Illustrator)
Broschiert, 256 Seiten
Voland & Quist, Preis 26,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens