Hegelmaschine

18.02.2020 at 13:39

 

Matthias Gronemeyer, Arbeiter am Begriff

Matthias Gronemeyer, Arbeiter am Begriff

 

Am Samstagabend war ich im ehrwürdigen Hegel-Haus, das ich durch die Vorträge des Philosophischen Cafés der AnStifter kenne. Aber das Haus war nicht mehr wiederzuerkennen. Es glich einer einzigen Baustelle und das hatte einen Grund:

Vier Künstler rückübersetzen zentrale Momente aus Hegels Philosophie in ästhetische Erfahrung. Ein Festival der performativen Philosophie. Treibende Kraft hinter dieser Idee ist Matthias Gronemeyer und sein Verein Ausdrucksreich e. V. Er, selber Philosoph, wusste, dass Otto-Normalbürger Hegels Philosophie kaum verstehen kann, wenn er sie liest. Daher hat er sich entschossen, dem Publikum die Gedanken Hegels mittels Performances, die sich über die vier Stockwerke des schmalen Gebäudes erstrecken, näher zu bringen. Der Anspruch der Künstlerinnen und Künstler ist dabei: „Aus der Bewegung, der Ekstase, kommen wir in den Rhythmus des Begriffs, über die Spiegelung des Selbstbewusstseins ins „einheimische Reich der Wahrheit“ und schließlich zur Arbeit und zu uns selbst.“

Tanz, Licht und Performance

Dieses drückt sich in einer Tanzperformance der Künstlerin Eva Baumann aus, die ihre Tanzperformance mittels Videobeamer an die Wand projiziert und die dort gezeigten Bewegungen identisch im Raum reproduziert, so dass der Eindruck entsteht, ihr Tanz spiegle sich.

Stephan Köperl zeigt in seiner Intervention den Philosophen als Womanizer, wobei er sich im Laufe der Darstellung mehr und mehr durch ein grob zusammengeschraubtes Lattengerüst selbst verbarrikadiert.

Laurenz Theinert und Dietke Hellwig zeigen Licht-Klang-Kunst, wobei der Zuschauer wie von Geisterhand mittels Plexiglasscheiben Wörter des Philosophen sichtbar werden lassen kann. Im Kellegewölbe kommen sie mit den Zuschauern ins Gespräch. Dabei projizieren sie parallel Lichteffekte auf die Deckenwände variieren diese im Rhythmus des Gesprächs.

Hegelmaschine

Die Stuttgarter Zeitung berichtete

Arbeiten am Begriff

Im Eingangsbereich hat Matthias Gronemeyer seine Werkstatt aufgeschlagen, in der er am Begriff selber arbeitet. Zu Beginn malt er den griechischen Begriff Kairos (Καιρός) an die Wand, ein religiös-philosophischer Begriff für den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen nachteilig sein kann.

Die Künstler und Philosophen haben jedenfalls mit dieser Performance unter dem Namen Hegelmaschine eine Entscheidung getroffen und wurden prompt mit einer Unterlassungsklage der Softwareschmiede „ddductr. GmbH“ aus München überzogen, die als Geschäftsmodell angibt: Entwicklung und Auswertung von Datenanalysen sowie Entwicklung darauf bezogener Produkte und Anwendungen. Diese habe den Begriff als Marke für Produkte schützen lassen, teilten ihre Anwälte mit (siehe Kasten links). Darüber kann Matthias Gronemeyer nur herzhaft lachen. Er ist sich sicher, weder Urheberrechte noch Markenrechte mit seiner Performance zu verletzten, wobei er die Begründung der Anwaltskanzlei schon lächerlich findet. Die Juristen der Stadt Stuttgart sind ihm zur Seite gesprungen. Eigentlich ist diese Firma ebenfalls nur ein Begriff, reale Produkte von ihr gibt es bis dato nicht auf dem Markt und ihr Internetauftritt ist eher im Reich der Basteleien verortet.

Alles zum Rechtsstreit auf dem Blog von Matthias Gronemeyer: Münchner Professor geht mit Markenrecht gegen Kunstfreiheit vor