Die Verlagswelt steht Kopf

09.11.2015 at 15:20
Vom Kopf auf die Füße gestellt! Foto: Wolfgang Tischer

Vom Kopf auf die Füße gestellt! Foto: Wolfgang Tischer

 

… und das schon seit einiger Zeit. Das Schriftstellerhaus steht in der Veranstaltungsankündigung von Wolfgang Tischer im Literaturcafé auf dem Kopf. Wir haben uns erlaubt, es vom Kopf auf die Füße zu stellen. Kopf steht die Verlagswelt angesichts der erfolgreichen Self-Publishing-Titel vieler Autorinnen und Autoren. Wolfgang Tischer wirft seit Jahren einen Blick auf die durch Internet, Soziale Medien und E-Book veränderte Öffentlichkeit und informiert über die Möglichkeiten des Self-Publishing. Auf seiner Internetseite Literaturcafé hat er über diese Sparte auf der Frankfurter Buchmesse ausführlich berichtet. Am 5. November teilte er den Besuchern des Schriftstellerhauses im Rahmen der Reihe „Forum der Autoren“ seine Erkenntnisse und Eindrücke von der Messe mit und beleuchtete die Präsenz vieler Autoren auf den verschiedenen Internetplattformen.

Wolfgang Tischer erklärt das Phänomen des Self-Publishing

Wolfgang Tischer erklärt das Phänomen des Self-Publishing

Über das Internet, vorbei an den etablierten Verlagen, publizieren Autorinnen und Autoren Bücher (E-Books) zu Preisen von 99 Cent bis 3,99 €. Wie machen die das nur? Exemplarisch stellte Wolfgang Tischer die Autorin Mona Kasten vor, die auf der Buchmesse wie ein Filmstar von ihren Fans umlagert war. Die ließen sich auf ihren E-Book-Readern ein Autogramm der Autorin schreiben. Über Jahre hinweg hat sie sich über You-Tube eine Fangemeinde erschlossen. Seit 2010 haben 70.000 ihren Kanal abonniert. Sie beschreibt sich selber als katzenverrückte Autorin mit Kamera in der Hand und Regal voller Bücher im Rücken. Gute Laune ist die Grundierung ihrer Videos. Flankiert wird ihr Kanal natürlich von einer eigenen Homepage, einem Twitterkanal und einem Faceboook-Account. Alle Kanälen zusammen genommen geben ihr eine erhebliche Medienpräsens, die sich – siehe Frankfurter Buchmesse – auch im realen Leben auszahlt. Ende 2014 veröffentlichte Mona Kasten ihren Fantasy-Jugendroman Schattentraum, dem bald der zweite Band folgte. Im September 2015 unterzeichnete sie ihren ersten Verlagsvertrag bei Egmont Lyx. Der Verlag plant, zwei „New Adult Romane“ von ihr zu veröffentlichen.

Schreiben bis die Tastatur glüht

Neben ihrer erfolgreichen Medienpräsens zeichnet diese, wie auch viele andere erfolgreiche Autoren auf Self-Publishing-Plattformen, aus, dass sie ihre Bücher in kurzen Abständen veröffentlichen. Die Bücher sind häufig in den Sparten Romantic-Literatur, Science-Fiction, Fantasy oder Thriller angesiedelt. Mit extrem niedrigen Preisen verkaufen sie. Die Self-Publishing-Autoren erhalten bei Amazon einen sehr viel höheren prozentualen Anteile vom Nettoverkaufspreis pro verkauftem E-Book als herkömmliche Autoren bei den Printausgaben der etablierten Verlage. Trotzdem muss unterstrichen werden, auch bei den „sebstverlegten Autoren“ sind die Großverdiener in der absoluten Minderheit. Das Gros dieser Autoren wird mit dieser Publikationsform nicht reich, vor allem, wenn sie im „Elfenbeinturm schreiben“ und sich nicht aktiv vermarkten.

Für Verlagsautoren wird das Internet zusehends wichtiger

Wie wichtig „Klickzahlen“ und „Likes“ sind, haben auch viele Verlagsautoren erkannt, betreiben eigene Homepages, sind bei Twitter aktiv und natürlich auch bei Facebook. Einer, der sich in dieser Medienlandschaft gut bewegt, ist der österreichische Autor Thomas Glavinic. Er betreibt eine eigene Facebookseite – nicht zu verwechseln mit einem privaten Profil – über die er seine Leserschaft immer auf dem Laufenden hält. Seinen früheren Fotoblog hat er auf diese Seite verlagert. Beim Copyright seiner Homepage wird auf den Hanser-Verlag verwiesen, der die Internetaktivitäten seines Autors unterstützt und für den Internetauftritt verantwortlich zeichnet. Diesen Verlag wird er verlassen: Sein neuer Roman wird im Frühjahr bei S. Fischer erscheinen. Für sein Buch „Die Arbeit der Nacht“ hat Thomas Glavinic eine Podcast-Reihe zusammen mit Wolfgang Tischer produziert.

Auch Sebastian Fitzek ist ein Verlagsautor, der virtuos auf der Medienklaviatur zu spielen versteht. Die Gesamtauflage des 44jährige Autors beträgt weltweit rund 6 Millionen verkaufter Bücher. Heute steht er bei Droemer Knaur und Bastei Lübbe unter Vertrag. Die Vorgeschichte zu seinem Roman Augenjäger unter dem Titel Letzte Hilfe veröffentlichte er nur im Internet. Wie Glavinic betreibt er bei Facebook eine eigene Autorenseite, hat einen Twitter-Account mit elftausend Follower und veröffentlicht regelmäßig Videos auf seinem You-Tube-Kanal.

Ist das noch zeitgemäß, wenn eine Online-Petition fordert, der Literatur mehr Raum in Presse, Rundfunk und Fernsehen zu geben angesichts der im Internet vermarkteten Literatur, fragte Wolfgang Tischer zu Beginn seines Vortrages. Die Petition wurde gerade mal von 285 Personen unterzeichnet, bei einem Quorum von 32.000. Da setzen auch Verlage zunehmend auf die alternativen Vermarktungswege.

Self-Publishing erreicht die Verlage

Die Verlage beginnen eigene Abteilungen zu gründen, die sich der Self-Publishing-Vermarktungsstrategie annehmen, um an dem lukrativen Geschäftsfeld zu partizipieren. Die Verlagsgruppe Random House (Bertelsmann) hat mit Books on Demand (BoD), dem wohl ältesten Self-Publishing-Dienstleister, eine Kooperation unter dem Label TWENTYSIX gestartet. (Wer Twentysix googelt, findet unter dem Begriff sowohl ein Modelabel als auch eine Restaurantkette, keine besonders kluge Strategie, diesen Namen zu wählen.) Hier wollen die beiden Schwergewichte mit verlagseigenen Lektoren auf die Suche nach erfolgversprechenden „selbstverlegenden Autoren“ gehen. Wir dürfen gespannt sein, wie sich die neue Plattform entwickelt und wie sie den Markt durchdringen kann. Vieles wird sich in den nächsten Jahren noch ändern, das Schriftstellerhaus in der Kanalstraße 4 bleibt in diesen stürmischen Verlagszeiten gelassen stehen.