Das zweite Buch – Kat Kaufmann in der StaBi

09.12.2017 at 21:32
Kat Kaufmann in der Stadtbibliothek

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In der neu konzipierten Reihe Secondo präsentierte die Stadtbibliothek Stuttgart am 7. Dezember 2017 Kat Kaufmann. Nach Superposition nun ihr zweiter Roman Die Nacht ist laut, der Tag ist finster. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit dem Theater Rampe durchgeführt. Dort wird im Dezember ihr Stück „Ich distanziere mich von allem (und jetzt gut‘ Nacht)“ aufgeführt.

Die 1981 in Leningrad geborene Autorin ist ein Multitalent, sie arbeitet als Fotografin, Komponistin und ist Dozentin für Gesang. Ihre Fotos veröffentlicht sie auch unter @cokodela auf Instagram. Moderator Andreas Vogel vom Theater Rampe hat ihren Roman in einem Zug am Tag ihrer Lesung zur Vorbereitung auf die Moderation gelesen. Er will das Publikum nicht mit biografischen Details langweilen, zumal Kat ihm verrät, dass sie vorhat, all ihre biografischen Daten zu „faken“. Das passt zu dieser lebhaften Frau, die sich immerzu neu erfindet.

Der Roman Die Nacht ist laut, der Tag ist finster eine Road Novel und ein Buch über die Suche nach sich selbst und einem Platz im Leben. Es ist multiperspektivisch angelegt, wobei der auktoriale Erzähler das Universum himself ist. Sie hätte nie verstanden, wie man z. B. eine Tante als auktoriale Erzählerin einführen kann. Woher soll die alle die Details wissen, die der Protagonist selbst nicht weiß? Diese Schwierigkeit hat das Universum nicht, es ist immer schon da, hat alles mitbekommen und wird immer da sein. Der Prolog, den sie als erstes Lesestück vorträgt, ist aus eben dieser Perspektive geschrieben. Lesend und erzählend führt sie in die Geschichte von Jonas ein. Es ist ein Protagonist nach ihrem Gusto, denn sie schreibt gerne über sensible Menschen, die an sich oder der Welt scheitern. Opa Ernst hinterlässt Jonas 5.000 Euro und eine Notiz, die sagt: Finde diesen Mann. Dazu nur ein Name: Valerij Butzukin. Jonas hat nie von diesem Mann gehört. Hat sich Opa Ernst einen Scherz erlaubt, den er nicht mehr auflösen wird, weil er tot ist? Oder war es das Delirium? Damit beginnt die Odyssee von Jonas, die ihn tief ins russische Land verschlägt. Russland hat sich mittlerweile mit Asien zur Russisch Asiatischen Union verbunden. Diesem Staatengebilde steht die USA, mit Europa vereint, gegenüber. Ein neuer Kalter Krieg droht auszubrechen. Weite Teile des Romans sind aus der Ich-Perspektive von Jonas geschrieben, wobei die Autorin auf das „ich“ verzichtet und in der zweiten Person Singular von Jonas schreibt. Das „du“ ist wohl zugleich Identifikationsangebot und Aufforderung, sich mit der Autorin auf eine Fantasie-Reise zu begeben.

Kat Kaufmann: Lebhaft in der Diskussion

Lebhaft in der Diskussion

Nach den ersten Leserunden gibt Andreas Vogel dem Publikum Gelegenheit, Fragen an die Autorin zu stellen. Und leider gibt es manchmal im Publikum einen, der die Rolle des ewigen Nörglers auszufüllen weiß. An diesem Abend kommen die kritischen Anmerkungen und Fragen von einem jungen Mann, der in dem Roman eine detaillierte Personenzeichnung vermisst. Die Charakteren seien schwach beschrieben. Das kommt so unvermittelt und anklagend, dass Kat Kaufmann kurze Zeit irritiert ist. Ob er den Roman gelesen hätte, fragt sie dann. Nein, aber schon die ersten Stellen hätten ihn zu diesem Urteil kommen lassen. Sie läd ihn ein, doch erst noch ein wenig zuzuhören. Aber er will weiter diskutieren. Statt darauf einzugehen wagt sie ihrerseits eine These: Er sei wohl jemand, der in der Schule nicht gemocht wurde.

Um die Charaktere des Romans dem Publikum näher zu bringen, liest sie eine weitere Passage anstatt sich auf solche Diskussionen einzulassen. Und nach kurzer Zeit wird klar, in dieser Geschichte wird viel geflucht, gefeiert und gezecht. Sie erzählt in diesem Kapitel, wie Jonas die Passfälscher Stass und Juri in einer Diskothek kennen lernt, denn er braucht ein Visum, um seine Odyssee nach Russland antreten zu können.

Er wird viele Grenzen überschreiten, Grenzen die sich öffnen und schließen und begibt er sich in ein Labyrinth, das Urgroßvater, Großvater, Jonas und den Unbekannten Valerij Butzukin für immer verbinden und trennen wird. An dieser Textpassage wird deutlich, Kaufmann schreibt wild. Sie verbindet die Geschichte eines vaterlos aufgewachsenen Antihelden mit denen von prolligen Saufbolden. Und sie erzählt filmisch rasant.

Ob sie mit ihrem zweiten Buch an den Erfolg des ersten anknüpfen kann, bleibt abzuwarten.

Die Nacht ist laut, der Tag ist finster

272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Tempo Verlag, Preis 20,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens