Congo Calling – Ein Film, der unter die Haut geht

12.09.2019 at 11:30
Der Deutsche Peter Merten fühlt sich in Goma wohl und will auch mit 65 Jahren nicht aufhören.

Der Deutsche Peter Merten fühlt sich in Goma wohl und will auch mit 65 Jahren nicht aufhören.

 

Hunderte westliche Entwicklungshelfer sind in der Krisenregion Ost-Kongo tätig, um Infrastrukturvorhaben anzuschieben oder Feldforschung zu betreiben. Jeder Aufbruch, und sei er noch so kleinteilig, ist von Rückschlägen bedroht. Sei es, weil schlecht ausgebildete Polizisten durchdrehen oder einheimische Mitarbeiter ein Entwicklungsprojekt, man muss es so offen sagen, als Selbstbedienungsladen betrachten.

In dem Film Congo Calling (Trailer hier ansehen) portraitiert Stephan Hilpert drei eigenwillige Entwicklungshelfer in der Demokratischen Republik Kongo. Alle drei arbeiten in der Provinz Nord-Kivu, im Osten der Republik. Goma, deren Provinzhauptstadt, ist hinlänglich durch die Berichterstattung während des blutigen Bürgerkrieges bekannt. Ich kenne die Region gut, war in Mitte der achtziger Jahre selbst 14 Monate im Kongo (damals hieß er noch Zaire) tätig, baute damals einen Rundfunksender in Goma auf. Seit dieser Zeit hat sich offensichtlich nicht viel verändert. Das Verhalten der portraitierten Kongolesen ist mit dem, was ich kennen gelernt hatte, immer noch vergleichbar. Verändert hat sich vor allem die Technik, die die Menschen ganz selbstverständlich nutzen: Smartphones und Tablets.

Die von Stephan Hilpert in einer Langzeitstudie portraitierten „Helfer“ kommen aus ganz unterschiedlichen Ländern und arbeiten in unterschiedlichen Projekten. Es sind der Spanier Raúl Sánchez de la Sierra, die Belgierin Anne-Laure Van der Wielen und der Deutsche Peter Merten. Alle drei eint der Wunsch, Entwicklungshilfe zu leisten, und macht zugleich die Ambivalenzen der Helferrolle sichtbar. Dabei verzichtet der Film auf konventionelle Dramaturgien und zeigt Momente aus dem Alltag der drei Protagonisten. Dadurch entsteht ein komplexes Bild der Widersprüche von Entwicklungspolitik.

Anne-Laure, eine junge Belgierin

Anne-Laure, eine junge Belgierin

 

Anne-Laure hat ihrem Job resigniert den Rücken gekehrt, ist jedoch in Afrika geblieben. Vor allem wegen der Liebe zu einem Kongolesen. Mit diesem organisiert sie in der Stadt Goma ein gigantisches Musikfestival. Die junge Belgierin wirkt entspannt wie im Urlaub. Erst ein Zwischenfall, bei dem einer der Festivalhelfer in einem Handgemenge von einem Polizisten erschossen wird verdeutlicht, wie chaotisch und instabil die Situation im krisengeschüttelten Osten des Landes ist. Am Ende des Films kehrt Anne-Laure zurück nach Belgien, von wo aus sie mit ihrem Freund telefoniert, der eine zeitlang im Gefängnis saß, weil er einen opposionellen Politiker unterstützte.

Die politische Lage im Kongo wird im Film nur angedeutet. Es dauert eine Weile, bis sich die Geschichten der einzelnen Protagonisten herausschälen. Der Film erzählt die Geschichten seiner Protagonisten nicht geradlinig, eher verschlungen, aber genau das macht den Reiz dieses Filmes aus. Und in dieser Erzählweise schimmert immer auch die gegenwärtige Situation in der Demokratischen Republik Kongo angemessen durch.

Am ehesten spiegelt sich dieses herrschende Chaos in der Situation des Entwicklungshelfers Peter wider. Ein 65jähriger Idealist, der schon in Entwicklungshelfereinsätzen in Lateinamerika die Sandinisten unterstützt hat. Doch jetzt erhält er von seinem Arbeitgeber nach 30 Jahren in Afrika keinen Anschlussvertrag mehr. Er hat das Rentenalter erreicht und steht plötzlich mittellos da. Sein Mittelunkt ist Afrika. Hier hat er mit seiner Frau 4 Kinder großgezogen. Von der Anmutung her verkörpert Peter den hilflosen Helfer. Er kämpft um einen Anschlussvertrag und um sein Haus, das er nicht mehr bezahlten kann ohne das Salär seiner Entsendeorganisation. Er kehrt zusammen mit seinem erwachsenen Sohn in seine Berliner Heimat zurück, wo seine Frau schon auf ihn wartet.

Der Deutsche Peter Merten mit seinem Sohn betrachten alte Bilder, kurz vor ihrer Abreise.

Der Deutsche Peter Merten mit seinem Sohn betrachten alte Bilder, kurz vor ihrer Abreise.

 

Am straffsten organisiert ist der Spanier Raúl. Er kommt gerade mit einem frisch erworbenen Doktortitel nach Goma zurück. Hier hat er Feldstudien für seine Doktorarbeit gemacht. Mit universitären Forschungsgeldern finanziert der Sozialwissenschaftler eine Gruppe kongolesischer Assistenten. Sein Projekt: die Erforschung einer paramilitärischen Rebellengruppe, die „RDC Rénové“. Deren Mitglieder erklären vor der Kamera, wie sie Menschen mit Peitschenhieben und Musik zum Aufbau einer Landwirtschaft zwingen. Raúls Projekt droht schließlich das Scheitern: Mit veruntreuten Geldern hat einer seiner kongolesischen Mitarbeiter ein Auto gekauft, das er an die Forschungsgruppe vermietete.

Der Spanier Raúl

Der Spanier Raúl

 

Hilperts Film wurde in Kooperation mit dem ZDF produziert. Somit kann der Film sicher demnächst im ZDF angeschaut werden.

Derzeit läuft der Film noch in den Innenstadtkinos. Meine Empfehlung: Unbedingt anschauen!