Günter Guben ist nicht zu stoppen

08.03.2019 at 10:06
Günter Guben

.

 

Wieder einmal luden die Anstifter Günter Guben ein, der im Hegelhaus seine legendäre Faschingsdienstagslesung präsentierte. Die Anstifter nutzen regelmäßig das Hegelhaus für ihre ernsthaften Vorträge im Rahmen des Philosophischen Cafés. Dieser Faschingsdienstagabend steht allerdings ganz im Zeichen des subtilen, hintersinnigen Humors, den die Texte des Schriftstellers, Fotografen und Grafikers Günter Guben auszeichnen.

Das schenkelklopfende Reimgewitter der landauf landab besuchten Faschingssitzungen ist nicht die Domäne von Günter Guben. Vielmehr mischt er Alltagsgeschichten mit skurrilen Einfällen, die den Zuhörer zum Schmunzeln bringen. Immer mit einem liebevollen Blick auf die beschriebenen Figuren, nie bloßstellend. Da werden schon mal russische Wanderlärchen beschrieben, die mittels tieffrequenter Töne zum Verlassen ihrer Standorte gebracht werden können und sich so als „mobiles Baumaterial“ eigenen. Oder er spielt mit dem Begriff „Transzendenz“, den er in eine Tendenz umdeutet, die völlig „trans“ ist. Dass der achtzigjährige Gentleman hierbei nicht auf den ausgetretenen Pfaden der Genderdiskussion wandelt, versteht sich (fast) von selber. In einem anderen Text sinniert der Autor darüber nach, wie man Perlen weichkochen kann, um sie für eine Kreation mit Namen „Perlen auf Aspik“ einsetzten zu können.

Wie ein Wirbelwind fährt Frank Eisele über die Tasten seines Akkordeons

Tastenzauber von Frank Eisele

Wie ein Wirbelwind fährt Frank Eisele über die Tasten seines Akkordeons

Unterbrochen werden die Lesungen der Kurztexte durch das leichthändige Akkordeonspiel von Frank Eisele. Seine Musette-Interpretationen schweben durch den trutzigen Gewölbekeller des Hegelhauses, in dem bei diesem Ohrenschmaus leider viel zu wenig Zuschauer Platz nehmen können. Die feuerpolizeilichen Auflagen lassen nur eine Höchstzahl von dreißig Personen zu. Guben und Eisele könnten spielend die doppelte Zuhörerzahl in Bann ziehen, wenn die Wände nicht so eng gebaut wären. Zur künstlerischen Darbietung wird eine Rotwein-Cuvée „Georg Herwegh“ angeboten, den sich die Anstifter zum zweihundertsten Geburtstag des Dichtes von einem Bio-Weingut haben abfüllen lassen. Auch die traditionellen Fastnachtsküchle fehlen an diesem Abend nicht.

Wir trauern um Christine Brunner

20.12.2018 at 11:29
Christine Brunner bei der diesjährigen Thaddäus-Troll-Preisverleihung.

Christine Brunner bei der diesjährigen Thaddäus-Troll-Preisverleihung

Unerwartet und plötzlich ist Christine Brunner im Alter von 63 Jahren gestorben. Sie wurde 1955 in der Oberpfalz geboren, studierte an der Stuttgarter Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen und leitete die Stadtbibliothek Stuttgart ab 2013.

Schon seit 2001 arbeitete sie als stellvertretende Leiterin der Bibliothek unter der damaligen Direktorin Ingrid Bussmann und hat in der Zeit entscheidend bei der Planung der neuen Bibliothek am Mailänder Platz mitgewirkt.

Sie hielt die Türen nicht nur für alle Neugierigen weit offen, die nach der Eröffnung des Einkaufszentrums Milaneo oft mit schweren Einkaufstüten vorbeischauten. Sie bot den Autoren aus den Herkunftsländer der Stuttgarter Migranten ein Podium und begrüßte bei unzähligen Veranstaltungen persönlich die Gäste. Wie auch am 11. Dezember, als sie die Gäste in „ihrer Bibliothek“ zur Verleihung des Thaddäus-Troll-Preises begrüßte. Es war wahrscheinlich ihr letzter öffentlicher Auftritt in ihrer stets freundlichen, zurückhaltenden Art, der gut im Gedächtnis bleiben wird.

Thaddäus-Troll-Preis 2018 an Kai Wieland vergeben

13.12.2018 at 10:16
Auf dem Podium diskutieren (v.l.n.r): Werner Witt, Kai Wieland, Tom Kraushaar

Auf dem Podium diskutieren (v.l.n.r): Werner Witt, Kai Wieland, Tom Kraushaar

 

Der Jungautor Kai Wieland (29) erhielt vom Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg am 11. Dezember 2018 in der Stadtbibliothek Stuttgart den mit 10.000 € dotierten Thaddäus-Troll-Preis für seine Erstlingswerk Amerika. Der Vorsitzende des Fördervereins, Werner Witt, überreichte an diesem Abend den Preis an Kai Wieland.

Kai Wieland erhält die Urkunde

.

Kai Wieland sinniert in seiner Dankesrede, was er mit dem Preisgeld alles machen könnte: Z. B. in eine Buchhandlung gehen, 500 Bücher kaufen und mit ihnen auf eine einsame Insel fliegen. Für ihn wäre das Traumziel Island. Er hat vorsorglich schon recherchiert, wieviel Kilo Übergepäck und wieviel Gepäckstücke er bei Islandair aufgeben kann, um alle Bücher mitzunehmen. Mit dieser humorvollen Rede zeigt sich Kai Wieland als das, was er ist: ein Geschichtenerzähler.

Anstelle von langen Reden fordert Werner Witt den Autor auf, aus seinem Werk zu lesen, über das die Jury wie folgt geurteilt hat:
„In diesem Kaleidoskop eines verlorenen schwäbischen Dorfes namens Rillingsbach verknüpft der Autor eine Handvoll Schicksale zu einer Chronik, die sich nicht damit brüstet, die einzig wahrhaftige Darstellung der Ereignisse zu sein. Der „Chronist“, der allein mit dieser sperrigen Bezeichnung im Buch auskommen muss, begibt sich aus unbekannten Gründen auf die Jagd nach Typen und Geschichten in dieser gottverlassenen Gegend zwischen Murrhardt und Backnang, und er begibt sich mitten hinein die Brutstätte jeder Legendenbildung, in die Dorfwirtschaft. Hier trifft er auf die oft schon aufgewärmten Erinnerungen an Kriegs- und Nachkriegszeiten, er begegnet Kopfschlächtern, Nazis, Sängern, Dichtern, wilder Dorfschönheit, Rebellen, verpassten Gelegenheiten und unausgelebten Träumen. Kai Wieland gelingt in Amerika eine fein austarierte Melange aus sachlich bilanzierendem Ton, sensiblen Beobachtungen und trockenem Witz und gibt so einer viel erzählten Zeit ein anderes Gesicht.“

In den Textpassagen, die Kai Wieland an diesem Abend liest, wird sehr gut der Sound seines Romans hörbar. Er schreibt in einer ruhigen, etwas antiquierten Sprache aus der Sicht einer namenlosen Person, die „der Chronist“ genannt wird. Über die Entstehung des Romans und wie er zu Klett-Cotta kam, diskutiert er an diesem Abend mit seinem Verleger Tom Kraushaar und Kai Wieland. Interessant, dass sein Versuch, den Roman über den herkömmlichen Weg in einem Verlag unter zu bringen (Versenden des Manuskriptes an die Verlage) gescheitert ist. Aufmerksamkeit hat er bekommen, weil es sein Roman auf die Longlist des Blogbuster-Preises geschafft hat. Das Konzept des Wettbewerbs hatte ihn überzeugt, denn die Marktgängigkeit der Manuskripte für die erste Instanz (die Blogger) spielt eine geringere Rolle als bei der klassischen Verlagssuche. Dass er sein Erstlingswerk bei Klett-Cotta unterbringen konnte, ist ein Glückfall für ihn. Seinen Brotberuf als Redakteur im Verlagsbüro Wais & Partner wird er sicher noch nicht aufgeben.

Passend zum Titel des Romans rahmt die Band Michael & The Hoes mit ihrem akustisch geprägten „Folk’n’Roll“ den Abend ein.

Amerika
Roman
240 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klett-Cotta, Preis 20,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Mit Küchenmesser und Querflöte

23.11.2018 at 17:00
Vincent Klink und Patrick Bebelaar

.

 

Weit über Stuttgart hinaus ist der Koch und Restaurantbetreiber Vincent Klink bekannt. Am 22. November 2018 stellte der Küchenmeister sein neues, schön gestaltetes Buch auf der Stuttgarter Buchwochen vor, das in diesen Tagen beim Klöpfer und Meyer Verlag erschienen ist.

Sein Verleger Hubert Klöpfer ist sichtlich stolz, diesen Tausendsassa für seinen Verlag gewonnen zu haben. Vincent Klink, so erwähnt er beiläufig, ist selbst Verleger. Aber auch als Jazzmusiker hat sich Vincent Klink so ganz nebenbei einen Namen gemacht. An diesem Abend hat er seinen Freund Patrick Bebelaar mitgebracht und so sorgt Vincent Klink mit diesem hervorragenden Jazzpianisten selber für den musikalischen Rahmen. Für ihn sei Kochen wie Jazz: Die Kunst der Improvisation. Bei Klassik fehlt ihm das Spontane. Sie spielen an diesem Abend Jazzstandards. Vincent Klink begleitet Patrick Bebelaar auf seinem letzten, ihm verbliebenen Instrument. Alle anderen Instrumente, Trompeten, Flügelhorn, hat er vor einiger Zeit verkauft, wie er verrät. Diese vergoldete Flöte sei offenbar für potentielle Käufer zu teuer gewesen. Er selber habe sie bei einem Instrumentenbauer vor vielen Jahren gegen sein Motorrad eingetauscht. So launig, wie er von seinen Musikererlebnissen erzählt, liest und führt er an diesem Abend auch durch sein Buch.

Tagesrezpte und Gedanken zur Tagespolitik

Ein Tagebuch im klassischen Sinn, mit persönlichen Gefühlen, wollte er nie schreiben. Aber viele Jahre hat er über seine vielseitigen Tätigkeiten gebloggt und hat sein Ideen von Rezepten und Gerichten in einer Art Tagebuch festgehalten. Er notierte nicht nur Rezepte sondern politisiert und philosophiert, diskutiert und interveniert, nimmt die Lebensmittelindustrie und Stuttgart 21 aufs Korn, gibt Tipps für Bücher und Restaurants, berichtet von Begegnungen mit Prominenten. Daraus ist das Buch Angerichtet, herzhaft und scharf! entstanden, das der Chef des Stuttgarter Restaurants „Wielandshöhe“ auch selber mit Zeichnungen angereichert hat.

Vincent Klink plaudert mehr als das er liest

Vincent Klink

.

Die Lesung ist weniger eine Lesung als eine Plauderstunde über die aufgeschriebenen Begegnungen und Gedanken, wobei Vincent Klink auf eine große Schar namhafter Persönlichkeiten zurückgreifen kann, die er in seinem Restaurant verköstigt hat. Von Peter Rühmkorf z. B. weiß er zu berichten, dass er Single-Malt-Whisky nur aus randvollen Wassergläsern trank. Oder er gibt die Anekdote zum Besten, wie beim Catering bei dem berühmten Nagelbildkünstlers Günther Uecker seine Küchencrew ihre Klamotten in der Garage an die Nägel der dort verbrachten Bilder hingen.

Zu seinen Bekannten zählt auch der Dichter F. W. Bernstein. Das Bonmot dieses humorvollen Dichters gibt er an diesem Abend gerne weiter: „Lesen gefährdet die Dummheit“ und Vincent Klink ermuntert die Anwesenden Zuhörer, sein Buch an dem Büchertisch des Verlages zu kaufen.

Angerichtet, herzhaft und scharf!
Aus meinem Tage- und Rezeptebuch

276 Seiten, zweifarbig gedruckt, 27 Originalzeichnungen und über 30 Rezepte, davon 11 in faksimilierter Handschrift, Hardcover mit Lesebändchen und farbigem Vorsatz.
Klöpfer & Meyer, Preis 28  €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Sudabeh Mohafez liest im Salon

26.06.2018 at 10:54
Astrid Braun im Gespräch mit Sudabeh Mohafez

.

 

Das Schriftstellerhaus Stuttgart lud am 22. Juni 2018 die Autorin Sudabeh Mohafez ins Haus der pensionierten Architektin Uta. P. in Sillenbuch ein.

Das Konzept der Reihe “Literatur im Salon”: Privatleute stellen ihr Wohnzimmer zu Lesungen zur Verfügung. Schon zum dritten Mal finden diese Veranstaltungen des Schriftstellerhauses statt und erfreuen sich großer Beliebtheit. Dieses Jahr ist die Reihe überschrieben mit „Sie liest“. Ausnahmslos werden Autorinnen vorgestellt. Viele dieser Autorinnen haben als Stipendiatinnen das Schriftstellerhaus als Refugium im Rahmens eines Stipendiums kennen gelernt. Die Salonlesungen sind Teil des diesjährigen Literatursommers der Baden-Württemberg-Stiftung unter dem Titel: Frauen in der Literatur. Das Schriftstellerhaus hat mit seiner Teilnahme den Blick auf die Frau als Schreibende gerichtet.

Sudabeh Mohafez wurde 1963 im Iran geboren. Ihre deutsche Mutter ehelichte einen Iraner und lebte mit der Familie dort bis 1979. Dann zieht sie mit ihren Kindern nach Berlin. Dort studierte Sudabeh Mohafez Musik, Anglistik und Erziehungswissenschaft. Sie war Mitarbeiterin in verschiedenen Nichtregierungsorganisationen im Bereich der Gewaltprävention und leitete ein autonomes Frauenhaus. Seit 2004 ist sie freie Autorin und lebt heute, nach dem Absprung aus Berlin – in dem sie 27 Jahre lebte – und einigen Jahren in Lissabon, in Baden-Württemberg.

10 Zeilen jeden Morgen

In Lissabon hatte sie sich zur Angewohnheit gemacht, morgens jeweils 10 Zeilen zu schreiben und diese Aufschriebe nur einmal zu überarbeiten. Danach entschied sie, ob sie die Kurzprosa auf ihrem Blog veröffentlicht oder nicht. 2010 ist daraus in der Edition AZUR, ansässig in Dresden, das 10-Zeilen-Buch entstanden. Es enthält eine Auswahl aus diesen Texten. An diesem Abend liest sie einige dieser Geschichten. Kurzprosa ist ihre präferierte literarische Form.

Bloggen als Mittel des künstlerischen Austausches

Ebenfalls aus einer über den Blog geführten Korrespondenz ist die Zusammenarbeit mit einem in der Schweiz lebenden Künstler entstanden, der in der Kunstwelt stets als Paar „Rittiner & Gomez“ firmiert. Wie die Schriftstellerin Sudabeh Mohafez ihre Texte ins Netz stellt, stellt Rittiner & Gomez regelmäßig Aquarelle über sein „Logbuch der Insel“, isla volante, ins Netz. Zusammen haben sie ein Buch mit drei Microromanen und Aquarellen in der Edition AZUR herausgebracht. Einige Kapitel aus dem Buch stellt Sudabeh Mohafez vor. Begeistert erzählt die Autorin, dass dieser kleine Verlag sich immer wieder auf aberwitzige Experimente einlässt und so entsteht Literatur abseits des Mainstreams.

Sudabeh Mohafez wurde mit dem Adelbert-von-Chamisso Preis ausgezeichnet

Sudabeh Mohafez liest behalte den Flug im Gedächtnis

Behalte den Flug im Gedächtnis

Ihr neuestes Buch versammelt „Auftragsarbeiten“. Immer wieder, vor allem nachdem sie den renommierten Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis erhalten hatte, wurde sie angefragt, Texte über das Leben im Iran, die Verschleierung der Frau, ihre Erfahrungen mit ihrem Migrationshintergrund zu schreiben (obwohl sie Deutsche war und ist!). Viele Texte wären nie entstanden, hätte es die Aufträge nicht gegeben. Für sie war und ist das eine verlässliche Geldquelle. Mittlerweile sind ihr diese Texte, obwohl sie das Sujet nicht selber ausgesucht hätte, ans Herz gewachsen und gerne trägt sie daraus vor. Abgedruckt sind sie in dem Erzählband Behalte den Flug im Gedächtnis. Der Titel ist entnommen einem persischen Gedicht der iranischen Dichterin Forugh Farrochsad, der die iranische Lyrik des 20. Jahrhunderts viel zu verdanken hat. Die Folgezeile lautet: Der Vogel ist sterblich!

Sudabeh Mohafez erklärt nicht nur die Bedeutung der Dichterin Forugh Farrochsad sondern verrät auch, dass sie mittlerweile selber mit der Zusammenstellung eines Lyrikbandes beschäftigt ist. Einige ihrer Gedichte hat sie bereits in verschiedenen Publikationen veröffentlicht und hört man sie, so bekommt man Lust auf mehr davon. Ein Mitschnitt des Abends ist auf der Homepage des Schriftstellerhauses veröffentlicht.