Kathrin Schmidt im Schriftstellerhaus

25.05.2019 at 9:53
Katrin Schmidt im Schriftstellerhaus

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Das Schriftstellerhaus in der Kanalstraße stellte am 22. Mai 2019 seine derzeitige Stipendiatin Kathrin Schmidt vor. Astrid Braun begrüßte die Gäste im schmalsten Haus Stuttgarts, das bis auf den letzten Platz besetzt war.

Kathrin Schmidt, 1958 in Gotha geboren, studierte nach dem Abitur Psychologie und arbeitete nach ihrem Diplom als Kinderpsychologin. Sie ist verheiratet und hat selber 5 Kinder. Die haben auch ihr Schreiben strukturiert: immer morgens, wenn alle aus dem Haus waren, setzte sie sich an den Schreibtisch, um Gedichte und Prosa zu schreiben. Seit 1994 ist sie freie Schriftstellerin.

Zwei Gedichte aus dem gerade erschienen Gedichtband waschplatz der kühlen dinge liest sie zu Beginn des Abends. Auch das Gedicht, in dem der Titel aufscheint. Darin heißt es in der dritten Strophe:

denn hier bleibt den sommer über der waschplatz
der kühlen dinge, die ich mitnehmen will, während im zelt
die schuldigkeit langsam dahingeht, kommt herbst,
kommt rat. womöglich in deiner gestalt, mit händen
wie deinen, die den vergehenden durst zum ende
in luft auflösen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Autorinnen und Autoren scheut sich Kathrin Schmidt nicht, auch Gedichte zu lesen, die sie gerade entwickelt und die noch nicht endgültig fertig sind. Die sich, wie sie sagt, „noch in meinem Kopf tummeln“. Sie arbeitet während ihres Stipendiatenaufenthaltes an Lyrik und an einem Roman. Zu Hause, im eigenen Haus am Rande Ostberlins, kommt sie nicht so gut dazu, obwohl mittlerweile alle Kinder aus dem Haus sind. Die Prosaminiaturen, die sie vorliest, sind durchwoben von feinem Humor und sind Ergebnis genauen Hinschauens. Gedichte, so führt sie aus, entstehen in der Regel erst im Kopf, dann bringt sie sie zu Papier. Es sind überwiegend unveröffentlichte Gedichte, die sie an diesem Abend den Zuhörern präsentiert.

Im Gespräch erklärt sie, im nächsten Jahr soll ein neuer Gedichtband und der Roman veröffentlich werden. Sie wird ihre Zeit also gut nutzen und man kann auf das Ergebnis gespannt sein.

waschplatz der kühlen dinge
Gebunden, mit Schutzumschlag, 16 Seiten
Kiepenheuer&Witsch, Preis 16,00 €

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Die Tschechin Kateřina Tučková schreibt über ein deutsches Mädchen

25.05.2019 at 7:41
Kateřina Tučková im Gespräch mit Jaroslav Rudiš

Kateřina Tučková im Gespräch mit Jaroslav Rudiš

 

Schon wieder stattete Jaroslav Rudiš Stuttgart einen Besuch ab. Am 21. Mai 2019 moderierte er die Buchvorstellung der tschechischen Autorin Kateřina Tučková. Sie war im Rahmen der Dreiteiligen Reihe Česko des Literaturhauses im Haus der Heimat zu einer Lesung aus ihrem in Deutschland gerade erschienen Roman Greta. Ein deutsches Mädchen eingeladen.

Der Roman einer Vertreibung

Der Roman erzählt die Geschichte von Gerta Schnirch aus Brünn. Nach dem Krieg wird sie als „Halbdeutsche“ aus ihrer Heimatstadt (tschechisch Brno), vertrieben. Brünn ist heute die Partnerstadt Stuttgarts in Tschechien. In diesem Jahr jährt sich diese Partnerschaft zum dreißigsten Mal. Daher verwundert es nicht, dass die Veranstaltung in Kooperation mit dem Land Baden-Württemberg, dem Schauspiel Stuttgart und dem Haus der Heimat ausgetragen wurde.

Kateřina Tučková ist in Tschechien eine Bestsellerautorin

Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Gebieten Böhmen und Mären ist lange Zeit ein tabuisiertes Thema in der Tschechei gewesen. Umso verwunderlicher, dass sich dieses Buch nach seinem Erscheinen in der Tschechei innerhalb kurzer Zeit zu einem Bestseller entwickelt hat. 50.000 Exemplare wurden verkauft und es wurde 2010 mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes, den Magnesia Litera, ausgezeichnet. Ein Werk ab 10.000 Exemplare gilt in der Tschechei bereits als Bestseller, wie Jaroslav Rudiš erläutert. Von ihrem neuesten Roman Das Vermächtnis der Göttinen wurden in Tschechien sogar 150.000 Exemplare verkauft. Kateřina Tučkovás Bücher erschienen auf dem deutschen Büchermarkt in umgekehrter Reihenfolge. Wie es zu diesem Erfolg bei einem Buch mit diesem düsteren Thema kommen konnte, fragt Jaroslav Rudiš Kateřina Tučková. Es scheinen die neuen Perspektiven zu sein, die die Autorin einbringt. Und dass sie sich extrem in ihre Hauptfigur eingefühlt hat und ihr Schicksal einfühlsam erzählt.

Kateřina Tučková fühlt sich in ihre Figuren ein

Anhand des Einzelschicksals der Gerta Schnirch scheint ein Stück tschechisch-deutscher Geschichte auf. Gerta wächst in einer gespaltenen Familie im mährischen Brünn auf: der Vater Deutscher und Anhänger Hitlers, ebenso ihr Bruder, die Mutter aber ist Tschechin. Diese stirbt nach der Errichtung des deutschen Protektorats 1938. Solche gemischten Ehen waren an der Tagesordnung. Die Familie zerfällt in ihren tschechischen und deutschen Teil – ebenso wie die Gesellschaft – und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Gerta Schnirch wird zum Staatsfeind erklärt und 1945 im sogenannten Brünner Todesmarsch vertrieben. Sie erleidet ein Schicksal wie 27.000 andere Deutsche, die aus Brünn vertrieben wurden. Die Rache der Tschechen an den Deutschen war hart: Allein auf dem Todesmarsch von Brünn über die österreichische Grenze sterben 5.000 Menschen, teils auf drastische Weise. Jahre später kehrt sie mit ihrer Tochter zurück und lebt, stigmatisiert als Deutsche, am Rande der kommunistischen Gesellschaft.

Sprachbarrieren gibt es mit Jaroslav Rudiš nicht

Jaroslav Rudiš hat seinen letzten Roman (Winterbergs letzte Reise) erstmalig auf Deutsch geschrieben. Er spricht beide Sprachen perfekt und übersetzt die Antworten von Kateřina Tučková. Allerdings gibt er zu, dass er den speziellen Brünner Dialekt nicht beherrscht, der viele jüdische Worte enthält. Brünn war bis zum zweiten Weltkrieg geprägt von der jüdischen, deutschen und tschechischen Kultur. Diesen Dialekt beherrscht Kateřina Tučková, sie wohnt in Brünn in der sogenannten Bronx, sehr zentral in einem eher „schwachen Viertel“, vergleichbar vielleicht mit dem Athener Viertel Exarchia.

Isabel Schmier, Studierende des Studiengangs Sprechkunst an der HMDK Stuttgart, liest an diesem Abend eindrücklich einige Passagen aus der deutschen Übersetzung des Romans.

Greta. Das deutsche Mädchen
Übersetzung von Iris Milde
Broschiert, 548 Seiten
KLAK Verlag, Preis 19,90 €

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Griechischer Wein – Osterbräuche

20.04.2019 at 21:42
Ostern

Ostern – Auferstehung

 

M. wünscht allen LeserInnen ein frohes Osterfest. Hier in Griechenland ist es das größte Familienfest im Jahr:

Ostern (Pascha oder Lambri) wird in der orthodoxen Christenheit und im ganzen Griechentum für die größte Feier gehalten und wird hauptsächlich in den ländlichen Dörfern groß gefeiert. Viele Sitten und Bräuche in der Woche vor Ostern, der Karwoche erreichen ihren Höhepunkt am Ostersonntag sowie an den darauf folgenden zwei Tagen, dem Ostermontag und -dienstag, und das in allen griechischen Regionen.

Während der Karwoche vom Montag bis Freitag gibt es spezielle Gottesdienste für die Leiden des Herrn, die ihren Höhepunkt finden am Karfreitag Abend mit der Prozession des Epitaphs.

Die Mitternacht am Karsamstag ist der Auferstehung des Herrn Jesus Christus geweiht. Die Vorbereitungen dazu beginnen bereits am Gründonnerstag. An diesem Tag backen die Hausfrauen die „Tsurekia“, eine Art Hefezopf, und färben Eier mit speziellen roten Farbstoffen.

Das Ei symbolisiert die Erneuerung des Lebens und die Farbe Rot das Blut Christi. Früher legten sie das erste rote Ei auf den Hausaltar um das Böse zu bannen. In einigen Dörfern markieren sie den Kopf und den Rücken der kleinen Lämmer mit der roter Farbe, die zum Färben der Eier verwendet wird.

Am Karfreitag Abend ist die Prozession mit dem Epitaph auf einem offenen Platz in der Mitte des Dorfes oder der Stadt. Jede Kirche präsentiert ihre eigene Darstellung des Epitaphs, ein wichtiges frommes Ereignis. Am Morgen des Karsamstags beginnen die Vorbereitungen für den festlich gedeckten „Tisch der Auferstehung“ und die Hausfrauen kochen die Ostersuppe „Majiritsa“ aus den frischen Lamminnereien.

Kurz vor Mitternacht versammeln sich die gläubigen Menschen in den Kirchen, weiße Kerzen haltend, die das Licht symbolisieren, das uns Christus brachte, der den Tod und die Finsternis besiegt hatte durch seine Auferstehung. Sie zünden die Kerzen mit dem „Heiligen Licht“ an, das der Priester verteilt mit den Worten: Christus ist auferstanden! (Christos anesti) Die Gläubigen tauschen Wünsche aus und so genannte „Küsse der Liebe“. Mit dem „Heiligen Licht“ bekreuzigen sie den Sturz der Haustür dreimal, um Glück zu haben. Später setzt man sich an den festlich gedeckten Tisch, peckt die roten Eier und isst von der traditionellen Ostersuppe. Am Sonntagmorgen wird vielerorts ein Lamm am Spieß gebraten oder eine Ziege.

Von überall ertönt Musik, Lieder werden gesungen und spontan wird um den Lammbraten getanzt. Dieser „große, mächtige Tanz der Gemeinschaft“ findet in vielen Teilen Griechenlands am Montag- und Dienstagnachmittag statt, an dem auch die meisten Leute teilnehmen.

Quelle: Zitiert nach:
https://www.choretaki.com/blogs/jannis-dimas/2017-03-17-das-griechische-ostern-und-sein-brauchtum

Jaroslav Rudiš und Jaromír 99 – Zwei Tschechen in Stuttgart

05.04.2019 at 15:31
Schriftsteller, Schauspieler, Librettist, Tausendsassa: Jaroslav Rudiš

Schriftsteller, Schauspieler, Librettist, Tausendsassa: Jaroslav Rudiš

 

Die beiden in Stuttgart sehr bekannten Künstler Jaroslav Rudiš und Jaromír 99 waren am 2. April 2019 zu Gast im Literaturhaus Stuttgart.

Bekannt geworden sind die beiden als Schöpfer des legendären Comics Alois und als Gründer der tschechischen Kafka Band. Jaromír 99 stellt an diesem Abend seine neue Graphic Novel Tschechenkrieg vor. Schauplatz ist die Tschechoslowakei der 1950er Jahre. Während des Kalten Krieges führen die überaus gut aussehenden Mašin-Brüder ihren ganz eigenen Kampf gegen das kommunistische Regime: Sie verüben Sabotageakte, Überfälle auf Geldtransporter und Sprengstoffanschläge. Doch als der erwartete Dritte Weltkrieg ausbleibt, fliehen Josef und Ctirad Mašin nach West-Berlin, um sich der US-Army anzuschließen. Darauf folgt die größte Fahndungsaktion der DDR-Volkspolizei, genannt Tschechenkrieg.

Gespräche, Lesung und Musik

Im Gespräch mit dem Moderator Uwe Ebbinghaus von der F.A.Z. erläutert Jaromír 99 die Entstehungsgeschichte des Comics und erzählt, dass er an dem Buch, in dem es überwiegend um Gewalt geht, zwei Jahre gezeichnet gesetzt hat. Das sei ihm als pazifistisch eingestelltem Menschen nicht immer leicht gefallen. Während der Arbeit an dem Comic hat er weiter komponiert. Den Soundtrack, der bei der Arbeit in seinem Kopf entstanden ist, brachte er zu Papier. An diesem Abend präsentiert er mit zwei seiner Kollegen von der Kafka Band einige Stücke dieser Musik.

Jaromir99 stellt seine neue Graphic-Novel vor und umrahmt die Veranstaltung musikalisch

Jaromir99 stellt seine neue Graphic Novel vor und umrahmt die Veranstaltung musikalisch

Pils in der Pause

Nach einer kurzen Pause (mit Budweiser Budvar Pils!) geht es weiter mit der Lesung von Jaroslav Rudiš aus seinem neuen Roman Winterbergs letzte Reise:
„Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, sagte Winterberg und schaute aus dem beschlagenen Fenster des Zuges. So beginnt dieser neue Roman von Jaroslav Rudiš, den er erstmals im Original auf Deutsch geschrieben hat. Ein eigensinniger Greis und sein genervter Pfleger Kraus reisen anhand des letztmalig 1913 erschienenen Baedeker-Reiseführers für Österreich-Ungarn durch Mitteleuropa. Bald darauf war die Habsburgermonarchie Geschichte, doch Wenzel Winterberg verlässt sich noch heute auf das rote Buch. Und die Schlacht bei Königgrätz, ausgefochten 1866 zwischen Preußen und Österreich, ist die Basslinie, die den Roman grundiert.

„Die Schlacht bei Königgrätz ist der Anfang von allen meinen Katastrophen, der Anfang von allen unseren Katastrophen, wenn man im Zeichen der Schlacht bei Königgrätz geboren wurde, ist man für immer verloren. So bin ich verloren, so ist dieses Land verloren und so sind Sie, lieber Herr Kraus, verloren, ob Sie wollen oder nicht, ja, ja, es gibt kein Entkommen, das kann man nicht so einfach überschienen wie die Alpen.“

Winterbergs letzte Reise ist ein großer europäischer Roman. Oder, wie Rudiš bekundet, ein mitteleuropäischer Roman. Er sehnt sich nach einem starken Mitteleuropa, das wird an diesem Abend klar, aber die politischen Verhältnisse im realen Mitteleuropa sind eher euroskeptisch.

„Wir sterben ganz allein und unsere Geschichten sterben mit uns“, lässt Rudiš Winterberg sagen, „denn heute ist hier niemand, der sich für unsere Geschichten interessiert, niemand, der historisch durchschaut und durchschauen möchte, da kann man sich nicht wundern, was gerade passiert.“ In diesem Buch stehen diese Geschichten im Überfluss. Und eventuell helfen sie uns, die europäischen Spaltungstendenzen besser zu verstehen.

Winterbergs letzte Reise
Gebunden mit Schutzumschlag, 544 Seiten
Luchterhand Literaturverlag, Preis 24,00 €

Tschechenkrieg
Jan Novák (Autor), Jaromír Švejdík (Illustrator)
Broschiert, 256 Seiten
Voland & Quist, Preis 26,00 €

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Katharina Nocun auf ihrer Datenspur

31.03.2019 at 12:05
Katharina Nocun: Amazon, ein besonders datenhungriges Unternehmen

Amazon, ein besonders datenhungriges Unternehmen

 

Die Autorin Katharina Nocun referierte am 28. März 2019 in der StaBi Stuttgart auf Einladung des Chaos-Computer-Clubs über „Datenspuren“. Jeder Internetnutzer hinterlässt Spuren, sobald er Leistungen in Anspruch nimmt. Die Idee zu ihrem Buch kam ihr bei einem Saunabesuch. Dort wurde sie darauf hingewiesen, dass die Umkleidekabinen Videoüberwacht sind. Das war für sie ein Schlüsselerlebnis.

Für die Recherche zu ihrem Buch, Die Daten, die ich rief, forderte Katharina Nocun ihre Daten bei zahlreichen Unternehmen an und ließ diese auswerten. Dabei erfuhr sie mehr über sich selbst, als ihr lieb war. Im Vortrag zeigt sie, wie Banken, Firmen und Behörden Algorithmen nutzen, um unsere Zukunft vorherzusagen und wie Geheimdienste darum wetteifern, wer uns am effektivsten überwacht und durchleuchtet. Weiter…

Träumen

30.03.2019 at 15:44
Im Schatten des Comandante

Im Schatten des Comandante

Christine Lehmann in der zweiten Welt

22.03.2019 at 14:30
Stephan Raab und Christine Lehmann in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt

Stephan Raab und Christine Lehmann in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt

 

Die Stuttgarter Kriminächte feiern ihr 10jähriges Bestehen. Schön, dass die Stuttgarter Autorin Christine Lehmann mit ihrem neuen Krimi eingeladen wurde. Sie las am 20. März 2019 aus ihrem brandneuen Roman Die zweite Welt in der kleinen, feinen Stadtteilbibliothek in Bad Cannstatt. Diese Stadtteilbibliothek in der Überkinger Straße war schon häufig Kooperationspartner der Stuttgarter Kriminächte.

Moderator und Autorin harmonieren

Der Theaterregisseur Stephan Raab vom Vorstand der Stuttgarter Kriminächte hält mit seiner Begeisterung für den Roman nicht hinter dem Berg, seine Moderation ist geprägt von großer Sympathie für die Autorin. Bescheiden tritt er auf und lässt somit das übliche Mann-Frau-Gefälle hinter sich. Sehr angebracht bei eine Autorin, die sich in Sachen Feminismus exzellent auskennt und ihrer Protagonistin Lisa Nerz einen explizit feministischen Background auf den Leib geschrieben hat und das nun schon in dreizehn Lisa-Nerz-Romanen. Christine Lehmann arbeitete jahrzehntelang als Nachrichten- und Aktuellredakteurin beim SWR. In ihrem neuen Roman bringt der Sender die Geschichte ins Rollen:

Aus dem Radio kommt schon in den Morgenstunden allerlei Wissenswertes zum Thema Feminismus. Was die Sender nicht ausstrahlen, sind die eingehenden Drohanrufe:
„Der Ehrenmann handelt. Schluss mit dem Feminazen-Terror. Ich will heute keine von euch Schlampen auf der Straße sehen“.
Das hat Sally mitgeschrieben, Lisa Nerz’ alte Freundin, die im SWR-Studio am Frauentag Telefondienst macht. Die Wortwahl gemahnt an die Propaganda der PGM, der Partei des gesunden Menschenverstandes, die sich gern über Einwanderung, Genderfragen, die Bedrohung der Familie und die Verkrüppelung der Muttersprache ereifert. Mit Unbehagen erinnert sich Lisa, von den Unfren gehört zu haben, „unfreiwillig enthaltsame“ Männer, die im Internet ihren Frust zelebrieren und sich in Frauenhass hineinsteigern.

Christine Lehmann nutzt die Tageszeiten als Strukturelement

Christine Lehmanns Protagonistin Lisa Nerz hat auch in diesem Roman wieder alle Hände voll zu tun. Der Roman spielt an nur einem Tag, am Weltfrauentag, 8. März. Diese zeitliche Begrenzung hat Christine Lehmann in ihren Roman als ordnendes Merkmal genutzt. Die Abschnitte sind mit den Tageszeiten überschrieben, teils im Minutentakt. Dadurch wird der Druck auf die Ermittlungen strukturell spürbar. Wer steckt hinter den Drohungen? Es ist ein typischer Whodunit-Krimi. Gemeinsam mit der technisch hoch versierten Schülerin Tuana, die bei ihr im Haus wohnt, klappert Lisa Nerz ihre Quellen ab, um Licht in die Sache zu bringen, ehe die Demo losgeht. Wobei die in Hidschab und Abaya gekleidet Tuana Lisa einen ungewohnten Blick auf die Straßenkommunikation verschafft und ihr mit ihren Internetkenntnissen entscheidend bei der Lösung des Falles hilft.

Rechtspopulismus und „Genderwahn“

Routiniert liest Christine Lehmann Ausschnitte aus verschieden Kapiteln. Man spürt, wie tief sie im Thema steckt. Die Autorin hat eigene Erfahrungen als Stadtverordnete der Grünen mit populistischen Positionen verarbeitet. Ihre „Kollegen“ von der AfD unterstützen die Demonstrationen gegen die Bildungspolitik der Landesregierung. Das Demo-Bündnis kämpfte gegen das Vorhaben von Grün-Rot, das Thema sexuelle Vielfalt durch den neuen Bildungsplan stärker im Schulunterricht zu verankern. Rassismus und Genderwahn werden immer wieder in die Redebeiträge der AfD-Abgeordneten im Stadtparlament und im Landtag eingerührt. Mit Hilfe des Kriminalromans taucht Christine Lehmann in dieses Universum der Rechtspopulisten ein.

Können Lisa Nerz und Tuana rechtzeitig herausfinden, wer wirklich hinter den Drohungen steckt? Das muss an diesem Abend offen bleiben. Erfahren kann es die Krimileserschaft, wenn sie sich den neuen Roman von Christine Lehmann kauft, vorzugsweise in einer der vielen lokalen Buchhandlungen.

Die zweite Welt
256 Seiten, Taschenbuch
Argument Verlag mit Ariadne, Preis 13,00 €

Günter Guben ist nicht zu stoppen

08.03.2019 at 10:06
Günter Guben

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Wieder einmal luden die Anstifter Günter Guben ein, der im Hegelhaus seine legendäre Faschingsdienstagslesung präsentierte. Die Anstifter nutzen regelmäßig das Hegelhaus für ihre ernsthaften Vorträge im Rahmen des Philosophischen Cafés. Dieser Faschingsdienstagabend steht allerdings ganz im Zeichen des subtilen, hintersinnigen Humors, den die Texte des Schriftstellers, Fotografen und Grafikers Günter Guben auszeichnen.

Das schenkelklopfende Reimgewitter der landauf landab besuchten Faschingssitzungen ist nicht die Domäne von Günter Guben. Vielmehr mischt er Alltagsgeschichten mit skurrilen Einfällen, die den Zuhörer zum Schmunzeln bringen. Immer mit einem liebevollen Blick auf die beschriebenen Figuren, nie bloßstellend. Da werden schon mal russische Wanderlärchen beschrieben, die mittels tieffrequenter Töne zum Verlassen ihrer Standorte gebracht werden können und sich so als „mobiles Baumaterial“ eigenen. Oder er spielt mit dem Begriff „Transzendenz“, den er in eine Tendenz umdeutet, die völlig „trans“ ist. Dass der achtzigjährige Gentleman hierbei nicht auf den ausgetretenen Pfaden der Genderdiskussion wandelt, versteht sich (fast) von selber. In einem anderen Text sinniert der Autor darüber nach, wie man Perlen weichkochen kann, um sie für eine Kreation mit Namen „Perlen auf Aspik“ einsetzten zu können.

Wie ein Wirbelwind fährt Frank Eisele über die Tasten seines Akkordeons

Tastenzauber von Frank Eisele

Wie ein Wirbelwind fährt Frank Eisele über die Tasten seines Akkordeons

Unterbrochen werden die Lesungen der Kurztexte durch das leichthändige Akkordeonspiel von Frank Eisele. Seine Musette-Interpretationen schweben durch den trutzigen Gewölbekeller des Hegelhauses, in dem bei diesem Ohrenschmaus leider viel zu wenig Zuschauer Platz nehmen können. Die feuerpolizeilichen Auflagen lassen nur eine Höchstzahl von dreißig Personen zu. Guben und Eisele könnten spielend die doppelte Zuhörerzahl in Bann ziehen, wenn die Wände nicht so eng gebaut wären. Zur künstlerischen Darbietung wird eine Rotwein-Cuvée „Georg Herwegh“ angeboten, den sich die Anstifter zum zweihundertsten Geburtstag des Dichtes von einem Bio-Weingut haben abfüllen lassen. Auch die traditionellen Fastnachtsküchle fehlen an diesem Abend nicht.

Wir trauern um Christine Brunner

20.12.2018 at 11:29
Christine Brunner bei der diesjährigen Thaddäus-Troll-Preisverleihung.

Christine Brunner bei der diesjährigen Thaddäus-Troll-Preisverleihung

Unerwartet und plötzlich ist Christine Brunner im Alter von 63 Jahren gestorben. Sie wurde 1955 in der Oberpfalz geboren, studierte an der Stuttgarter Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen und leitete die Stadtbibliothek Stuttgart ab 2013.

Schon seit 2001 arbeitete sie als stellvertretende Leiterin der Bibliothek unter der damaligen Direktorin Ingrid Bussmann und hat in der Zeit entscheidend bei der Planung der neuen Bibliothek am Mailänder Platz mitgewirkt.

Sie hielt die Türen nicht nur für alle Neugierigen weit offen, die nach der Eröffnung des Einkaufszentrums Milaneo oft mit schweren Einkaufstüten vorbeischauten. Sie bot den Autoren aus den Herkunftsländer der Stuttgarter Migranten ein Podium und begrüßte bei unzähligen Veranstaltungen persönlich die Gäste. Wie auch am 11. Dezember, als sie die Gäste in „ihrer Bibliothek“ zur Verleihung des Thaddäus-Troll-Preises begrüßte. Es war wahrscheinlich ihr letzter öffentlicher Auftritt in ihrer stets freundlichen, zurückhaltenden Art, der gut im Gedächtnis bleiben wird.

Thaddäus-Troll-Preis 2018 an Kai Wieland vergeben

13.12.2018 at 10:16
Auf dem Podium diskutieren (v.l.n.r): Werner Witt, Kai Wieland, Tom Kraushaar

Auf dem Podium diskutieren (v.l.n.r): Werner Witt, Kai Wieland, Tom Kraushaar

 

Der Jungautor Kai Wieland (29) erhielt vom Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg am 11. Dezember 2018 in der Stadtbibliothek Stuttgart den mit 10.000 € dotierten Thaddäus-Troll-Preis für seine Erstlingswerk Amerika. Der Vorsitzende des Fördervereins, Werner Witt, überreichte an diesem Abend den Preis an Kai Wieland.

Kai Wieland erhält die Urkunde

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Kai Wieland sinniert in seiner Dankesrede, was er mit dem Preisgeld alles machen könnte: Z. B. in eine Buchhandlung gehen, 500 Bücher kaufen und mit ihnen auf eine einsame Insel fliegen. Für ihn wäre das Traumziel Island. Er hat vorsorglich schon recherchiert, wieviel Kilo Übergepäck und wieviel Gepäckstücke er bei Islandair aufgeben kann, um alle Bücher mitzunehmen. Mit dieser humorvollen Rede zeigt sich Kai Wieland als das, was er ist: ein Geschichtenerzähler.

Anstelle von langen Reden fordert Werner Witt den Autor auf, aus seinem Werk zu lesen, über das die Jury wie folgt geurteilt hat:
„In diesem Kaleidoskop eines verlorenen schwäbischen Dorfes namens Rillingsbach verknüpft der Autor eine Handvoll Schicksale zu einer Chronik, die sich nicht damit brüstet, die einzig wahrhaftige Darstellung der Ereignisse zu sein. Der „Chronist“, der allein mit dieser sperrigen Bezeichnung im Buch auskommen muss, begibt sich aus unbekannten Gründen auf die Jagd nach Typen und Geschichten in dieser gottverlassenen Gegend zwischen Murrhardt und Backnang, und er begibt sich mitten hinein die Brutstätte jeder Legendenbildung, in die Dorfwirtschaft. Hier trifft er auf die oft schon aufgewärmten Erinnerungen an Kriegs- und Nachkriegszeiten, er begegnet Kopfschlächtern, Nazis, Sängern, Dichtern, wilder Dorfschönheit, Rebellen, verpassten Gelegenheiten und unausgelebten Träumen. Kai Wieland gelingt in Amerika eine fein austarierte Melange aus sachlich bilanzierendem Ton, sensiblen Beobachtungen und trockenem Witz und gibt so einer viel erzählten Zeit ein anderes Gesicht.“

In den Textpassagen, die Kai Wieland an diesem Abend liest, wird sehr gut der Sound seines Romans hörbar. Er schreibt in einer ruhigen, etwas antiquierten Sprache aus der Sicht einer namenlosen Person, die „der Chronist“ genannt wird. Über die Entstehung des Romans und wie er zu Klett-Cotta kam, diskutiert er an diesem Abend mit seinem Verleger Tom Kraushaar und Kai Wieland. Interessant, dass sein Versuch, den Roman über den herkömmlichen Weg in einem Verlag unter zu bringen (Versenden des Manuskriptes an die Verlage) gescheitert ist. Aufmerksamkeit hat er bekommen, weil es sein Roman auf die Longlist des Blogbuster-Preises geschafft hat. Das Konzept des Wettbewerbs hatte ihn überzeugt, denn die Marktgängigkeit der Manuskripte für die erste Instanz (die Blogger) spielt eine geringere Rolle als bei der klassischen Verlagssuche. Dass er sein Erstlingswerk bei Klett-Cotta unterbringen konnte, ist ein Glückfall für ihn. Seinen Brotberuf als Redakteur im Verlagsbüro Wais & Partner wird er sicher noch nicht aufgeben.

Passend zum Titel des Romans rahmt die Band Michael & The Hoes mit ihrem akustisch geprägten „Folk’n’Roll“ den Abend ein.

Amerika
Roman
240 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klett-Cotta, Preis 20,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens