Rechts blinken und an der Raststätte rausfahren

01.09.2019 at 16:08
Rainer Wochele über Raststätten

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Rainer Wochele hat nach langer Zeit wieder ein Buch vorgelegt. Wieder im Klöpfer & Meyer Verlag, der mittlerweile im Narr Verlag aufgegangen ist. Vier Jahre sind nach seinem letzten Roman vergangen und es erschließt sich mir nicht, warum er diese „Textsammlung“ zwischen zwei Buchdeckel hat binden lassen.

Resteverwertung zwischen zwei Buchdeckeln

Die fiktiven Texte sind sehr kurz, nur wenige gehen über zwei oder gar drei Seiten. Das Büchlein erweckt den Eindruck, als hätte Rainer Wochele seine Schubladen und Schreibmappen geleert und die kurzen Texte, oft nur 30 Zeilen lang, unter einen gemeinsamen Aspekt gebracht, den der Autobahnraststätte. Das war sicher sehr einfach, denn häufig findet sich der Hinweis auf die Raststätte dadurch, dass er schreibt: setzte den Blinker und bog auf die Raststätte ab, wobei er vorzugsweise die Raststätte „Albheide“ auf der A8 benennt (immerhin 14mal in seinen 49 Textchen). Diese Texte ergänzt er mit 25 knappen Texten, direkt aus Autowerbeprospekten und 11 Texten, die er aus der Geschichte der Autobahnen in Deutschland einfügt.

Ein Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten des Automobilverkehrs findet nicht statt

Das Buch ist auch aufgrund von zwei anderen Aspekten mehr als ärgerlich:
Kein Text befasst sich mit den katastrophalen Zuständen auf den Autobahnraststätten, die der STERN vor kurzem als „Raubritterburgen der Moderne“ charakterisiert hat. Neben den völlig überhöhten Preisen hätte er die prekären Arbeitsbedingungen der Angestellten in den Blick nehmen können und daraus spannende Sozialreportagen in literarischem Gewand schreiben können. Das er das kann, hat er mit seinem hervorragenden Roman „Der General und der Clown“ bewiesen.

Raststätten in den Händen des Finanzkapitals

Fabelpreise beim Sprit, Beutelschneiderei im Shop, Pipi-Maut: Umfragen zeigen, dass sich Reisende an Raststätten abgezockt fühlen. Keiner von Wocheles Protagonisten beklagt diesen Zustand.

Auch die Tatsache, dass die Autobahnraststätten heute von internationalen Investorengruppen ausgebeutet werden, findet sich nicht einmal in einer Randbemerkung. Bis in den 80ziger Jahren gehörten die Raststätten der damals staatlichen „Gesellschaft für Nebenbetriebe der Bundesautobahnen“ (GfN).

1994 firmierte die Regierung Kohl die GfN zur „Tank & Rast AG“ um. Teile von ihr sollten über die Börse verkauft werden, zum Stopfen von Haushaltslöchern. Vier Jahre später wurde Tank & Rast überraschend für rund 600 Millionen Euro an ein Investoren-Konsortium aus Allianz Capital Partners, Lufthansa Service Holding und Apax-Fondsgesellschaften verscherbelt. Finanzinvestoren bleiben in der Regel nicht lange. Ihr Geschäftsmodell lautet: kaufen, kassieren, verschwinden.

„Tank & Rast wurde über die Jahre von einem Investor zum nächsten durchgereicht. Heute gehört Tank & Rast neben Allianz Capital Partners einer Tochter des Rückversicherers Munich Re sowie Fonds aus Kanada, Abu Dhabi und China. Kaufpreis 2015: rund 3,5 Milliarden Euro – fast das Sechsfache dessen, was der Staat einst bekam.“ (Stern Nr.29 vom 11.07.2019)

Das hätte Rainer Wochele als Folie für spannende Geschichten nehmen können. Stattdessen lässt er sich über Bienenstich, Mönche, Nonnen, Paare und andere Raststättenbesucher aus.

Den Mythos der Autobahn entlarvt Rainer Wochele nicht

Ebenfalls keinerlei Kritik an den Plänen des „Führers“, die Autobahnen zu bauen. Er zitiert immer wieder Aufsätze aus der Zeit. Dass die Autobahnen dem faschistischen Deutschland als Logistikadern für seine Kriegspläne gedient haben, davon kein Wort bei Rainer Wochele.

Ein „phantasievolles“ Buchmarketing

Und dann das Markting des Verlages: Da wird diese „Fingerübung“ auf dem Klappentext als „Roman“ bezeichnet, der formal an Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz erinnern würde. Geht’s noch, Herr Mario Andreotti?

Dass Anton Hunger, ehemaliger Pressesprecher von Porsche, die „Erotik von Autobahnraststätten“ in Rainer Wocheles Buch entdeckt, hängt offensichtlich damit zusammen, dass er als bekennender Automobilist jedes Thema in Zusammenhang mit der Autoindustrie als sexy empfindet. Aber kann ein kritischer Schriftsteller, als der Rainer Wochele bisher aufgetreten ist, die ökologische Krise so vollständig ausblenden? Er verliert kein Wort zur Umweltzerstörung durch den Individualverkehr, er schreibt kein Wort zu katastrophalen Flächenversiegelung. Schade.

An der Raststätte
Eine Exkursion
113 Seiten, Hardcover, geb. mit Lesebändchen
Klöpfer, Narr GmbH, Preis 18 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Update 04.09.19:

Meine am Ende des Artikels geäußerte Vermutung, dass es sich aufgrund der vielen Werbetextschnipsel um eine Auftragsarbeit der Automobilindustrie handeln könnte, ist von Verlagsseite dementiert worden. Deshalb wurde der letzte Abschnitt komplett gelöscht.

Das bedichtete Schriftstellerhaus

14.06.2019 at 18:42
Schriftstellerhaus mit Lyrik

Gedicht von Katharina Ferner

Schreibwettbewerb: 3 Gewinner – Sechs Textlesungen

01.06.2019 at 10:16
v.l.r.: Christian Reimann, Moritz Heger, Hannah Schraven, Simon Sailer

v.l.r.: Christian Reimann, Moritz Heger, Hannah Schraven, Simon Sailer

 

Am 27.05.2019 begrüßte Meike Jung von der Stadtbibliothek Stuttgart die drei Preisträger des Drei-Länder-Schreibwettbewerbs im hauseigenen Café LesBar. Dieser Preis wurde erstmals vom Literaturmagazin Narr, der Literaare, vom Stuttgarter Schriftstellerhaus und Literatur Vorarlberg für Nachwuchsautorinnen und Autoren ausgeschrieben. Moritz Heger, Vorstandsvorsitzende des Schriftstellerhauses, moderierte den Abend. Er saß selber in der Auswahljury.

Zu Beginn der Lesung erläutert Moritz Heger, dass die Jury die drei Gewinner aus 305 Texten ausgewählt hat. Voraussetzung zur Teilnahme an dem Schreibwettbewerb für den literarischen Nachwuchs war, dass noch keine Buchveröffentlichung vorlag. Eine Altersbeschränkung gab es ebenso wenig wie die Vorgabe eines Genres. Es setzten sich Hannah Schraven (Lyrik), Simon Sailer (Prosa) und Christian Reimann (Prosa) bei diesem Wettbewerb durch.

Hannah Schraven, geboren 1992, studierte am Institut für Literarisches Schreiben in Hildesheim und arbeitet vor allem mit Klang-Text-Collagen. Das klang auch deutlich in ihrem Gedicht über Tiere und Menschen an.

Der Wiener Simon Sailer, geboren 1984, studierte Philosophie und Kunst. Seit 2017 veröffentlicht er in literarischen Zeitschriften und Anthologien. Sein im März erschienener Debütroman Menschenfisch lag zum Zeitpunkt des Wettbewerbs noch nicht vor, somit erfüllte er die Kriterien. Simon Sailer entfaltet in Origamien fantasievolle Gedankengeschichten, die sein Protagonist beim Falten von Papierfiguren entwickelt.

Der in der Nähe von Berlin lebende Christian Reimann liest seine Geschichte Einzelzimmer. Er zieht darin den Leser in ein Altersheim und beschreibt die Tristesse, die dort eben herrscht. Er hatte mit seinem Text auch den Publikumspreis beim Literaare-Festival gewonnen.

Unterschiedliche Arbeitsweisen

Im Gespräch mit Moritz Heger erzählen die drei, wie sie arbeiten: Hannah Schraven eher „Old School“: morgens im Bett schreibt sie von Hand, sortiert ihre ersten Einfälle. Doch daraus entwickelt sich bei ihr ein architektonischer Schreibprozess.

Christian Reimann „schreibt so vor sich hin“. Den größten Teil des Tages beschäftigt er sich mit dem Lesen von Romanen. Dabei geht es ihm nicht um die Quantität sondern um die Qualität. Bis zu acht Stunden jeden Tag liest er immer die gleichen Romane, um das Handwerk großer Autoren zu studieren. James Joyces Ulysses muss man einfach dutzendmal lesen, um ihn ganz zu durchdringen. Kafkas Schloss hat er mindestens zwanzig Mal gelesen, Camus viele Male, den Roman Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann zehnmal und er würde diese wenigen Werke auch immer wieder lesen. „Unterhaltungsliteratur“ würde ihn nicht interessieren. Der Frage, wann er seinen Lebensunterhalt verdient, weicht er aus. Er hätte keine großen Bedürfnisse.

Simon Sailer hat es geschafft, mit kontinuierlichem Arbeiten seinen ersten Roman zu schreiben.

Es bleibt abzuwarten, ob diese drei jungen Menschen weiter die literarische Bühne bespielen. Christian Reimann hatte ja schon beim Erhalt der Nachricht, dass er ausgewählt worden sei, skeptisch reagiert und eine Fälschung vermutet. Mit je einem zweiten Text verabschiedeten sich alle drei an diesem Abend vom Publikum. (Hannah Schraven siehe hier)

Kathrin Schmidt im Schriftstellerhaus

25.05.2019 at 9:53
Katrin Schmidt im Schriftstellerhaus

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Das Schriftstellerhaus in der Kanalstraße stellte am 22. Mai 2019 seine derzeitige Stipendiatin Kathrin Schmidt vor. Astrid Braun begrüßte die Gäste im schmalsten Haus Stuttgarts, das bis auf den letzten Platz besetzt war.

Kathrin Schmidt, 1958 in Gotha geboren, studierte nach dem Abitur Psychologie und arbeitete nach ihrem Diplom als Kinderpsychologin. Sie ist verheiratet und hat selber 5 Kinder. Die haben auch ihr Schreiben strukturiert: immer morgens, wenn alle aus dem Haus waren, setzte sie sich an den Schreibtisch, um Gedichte und Prosa zu schreiben. Seit 1994 ist sie freie Schriftstellerin.

Zwei Gedichte aus dem gerade erschienen Gedichtband waschplatz der kühlen dinge liest sie zu Beginn des Abends. Auch das Gedicht, in dem der Titel aufscheint. Darin heißt es in der dritten Strophe:

denn hier bleibt den sommer über der waschplatz
der kühlen dinge, die ich mitnehmen will, während im zelt
die schuldigkeit langsam dahingeht, kommt herbst,
kommt rat. womöglich in deiner gestalt, mit händen
wie deinen, die den vergehenden durst zum ende
in luft auflösen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Autorinnen und Autoren scheut sich Kathrin Schmidt nicht, auch Gedichte zu lesen, die sie gerade entwickelt und die noch nicht endgültig fertig sind. Die sich, wie sie sagt, „noch in meinem Kopf tummeln“. Sie arbeitet während ihres Stipendiatenaufenthaltes an Lyrik und an einem Roman. Zu Hause, im eigenen Haus am Rande Ostberlins, kommt sie nicht so gut dazu, obwohl mittlerweile alle Kinder aus dem Haus sind. Die Prosaminiaturen, die sie vorliest, sind durchwoben von feinem Humor und sind Ergebnis genauen Hinschauens. Gedichte, so führt sie aus, entstehen in der Regel erst im Kopf, dann bringt sie sie zu Papier. Es sind überwiegend unveröffentlichte Gedichte, die sie an diesem Abend den Zuhörern präsentiert.

Im Gespräch erklärt sie, im nächsten Jahr soll ein neuer Gedichtband und der Roman veröffentlich werden. Sie wird ihre Zeit also gut nutzen und man kann auf das Ergebnis gespannt sein.

waschplatz der kühlen dinge
Gebunden, mit Schutzumschlag, 16 Seiten
Kiepenheuer&Witsch, Preis 16,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Die Tschechin Kateřina Tučková schreibt über ein deutsches Mädchen

25.05.2019 at 7:41
Kateřina Tučková im Gespräch mit Jaroslav Rudiš

Kateřina Tučková im Gespräch mit Jaroslav Rudiš

 

Schon wieder stattete Jaroslav Rudiš Stuttgart einen Besuch ab. Am 21. Mai 2019 moderierte er die Buchvorstellung der tschechischen Autorin Kateřina Tučková. Sie war im Rahmen der Dreiteiligen Reihe Česko des Literaturhauses im Haus der Heimat zu einer Lesung aus ihrem in Deutschland gerade erschienen Roman Greta. Ein deutsches Mädchen eingeladen.

Der Roman einer Vertreibung

Der Roman erzählt die Geschichte von Gerta Schnirch aus Brünn. Nach dem Krieg wird sie als „Halbdeutsche“ aus ihrer Heimatstadt (tschechisch Brno), vertrieben. Brünn ist heute die Partnerstadt Stuttgarts in Tschechien. In diesem Jahr jährt sich diese Partnerschaft zum dreißigsten Mal. Daher verwundert es nicht, dass die Veranstaltung in Kooperation mit dem Land Baden-Württemberg, dem Schauspiel Stuttgart und dem Haus der Heimat ausgetragen wurde.

Kateřina Tučková ist in Tschechien eine Bestsellerautorin

Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Gebieten Böhmen und Mären ist lange Zeit ein tabuisiertes Thema in der Tschechei gewesen. Umso verwunderlicher, dass sich dieses Buch nach seinem Erscheinen in der Tschechei innerhalb kurzer Zeit zu einem Bestseller entwickelt hat. 50.000 Exemplare wurden verkauft und es wurde 2010 mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes, den Magnesia Litera, ausgezeichnet. Ein Werk ab 10.000 Exemplare gilt in der Tschechei bereits als Bestseller, wie Jaroslav Rudiš erläutert. Von ihrem neuesten Roman Das Vermächtnis der Göttinen wurden in Tschechien sogar 150.000 Exemplare verkauft. Kateřina Tučkovás Bücher erschienen auf dem deutschen Büchermarkt in umgekehrter Reihenfolge. Wie es zu diesem Erfolg bei einem Buch mit diesem düsteren Thema kommen konnte, fragt Jaroslav Rudiš Kateřina Tučková. Es scheinen die neuen Perspektiven zu sein, die die Autorin einbringt. Und dass sie sich extrem in ihre Hauptfigur eingefühlt hat und ihr Schicksal einfühlsam erzählt.

Kateřina Tučková fühlt sich in ihre Figuren ein

Anhand des Einzelschicksals der Gerta Schnirch scheint ein Stück tschechisch-deutscher Geschichte auf. Gerta wächst in einer gespaltenen Familie im mährischen Brünn auf: der Vater Deutscher und Anhänger Hitlers, ebenso ihr Bruder, die Mutter aber ist Tschechin. Diese stirbt nach der Errichtung des deutschen Protektorats 1938. Solche gemischten Ehen waren an der Tagesordnung. Die Familie zerfällt in ihren tschechischen und deutschen Teil – ebenso wie die Gesellschaft – und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Gerta Schnirch wird zum Staatsfeind erklärt und 1945 im sogenannten Brünner Todesmarsch vertrieben. Sie erleidet ein Schicksal wie 27.000 andere Deutsche, die aus Brünn vertrieben wurden. Die Rache der Tschechen an den Deutschen war hart: Allein auf dem Todesmarsch von Brünn über die österreichische Grenze sterben 5.000 Menschen, teils auf drastische Weise. Jahre später kehrt sie mit ihrer Tochter zurück und lebt, stigmatisiert als Deutsche, am Rande der kommunistischen Gesellschaft.

Sprachbarrieren gibt es mit Jaroslav Rudiš nicht

Jaroslav Rudiš hat seinen letzten Roman (Winterbergs letzte Reise) erstmalig auf Deutsch geschrieben. Er spricht beide Sprachen perfekt und übersetzt die Antworten von Kateřina Tučková. Allerdings gibt er zu, dass er den speziellen Brünner Dialekt nicht beherrscht, der viele jüdische Worte enthält. Brünn war bis zum zweiten Weltkrieg geprägt von der jüdischen, deutschen und tschechischen Kultur. Diesen Dialekt beherrscht Kateřina Tučková, sie wohnt in Brünn in der sogenannten Bronx, sehr zentral in einem eher „schwachen Viertel“, vergleichbar vielleicht mit dem Athener Viertel Exarchia.

Isabel Schmier, Studierende des Studiengangs Sprechkunst an der HMDK Stuttgart, liest an diesem Abend eindrücklich einige Passagen aus der deutschen Übersetzung des Romans.

Greta. Das deutsche Mädchen
Übersetzung von Iris Milde
Broschiert, 548 Seiten
KLAK Verlag, Preis 19,90 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Griechischer Wein – Osterbräuche

20.04.2019 at 21:42
Ostern

Ostern – Auferstehung

 

M. wünscht allen LeserInnen ein frohes Osterfest. Hier in Griechenland ist es das größte Familienfest im Jahr:

Ostern (Pascha oder Lambri) wird in der orthodoxen Christenheit und im ganzen Griechentum für die größte Feier gehalten und wird hauptsächlich in den ländlichen Dörfern groß gefeiert. Viele Sitten und Bräuche in der Woche vor Ostern, der Karwoche erreichen ihren Höhepunkt am Ostersonntag sowie an den darauf folgenden zwei Tagen, dem Ostermontag und -dienstag, und das in allen griechischen Regionen.

Während der Karwoche vom Montag bis Freitag gibt es spezielle Gottesdienste für die Leiden des Herrn, die ihren Höhepunkt finden am Karfreitag Abend mit der Prozession des Epitaphs.

Die Mitternacht am Karsamstag ist der Auferstehung des Herrn Jesus Christus geweiht. Die Vorbereitungen dazu beginnen bereits am Gründonnerstag. An diesem Tag backen die Hausfrauen die „Tsurekia“, eine Art Hefezopf, und färben Eier mit speziellen roten Farbstoffen.

Das Ei symbolisiert die Erneuerung des Lebens und die Farbe Rot das Blut Christi. Früher legten sie das erste rote Ei auf den Hausaltar um das Böse zu bannen. In einigen Dörfern markieren sie den Kopf und den Rücken der kleinen Lämmer mit der roter Farbe, die zum Färben der Eier verwendet wird.

Am Karfreitag Abend ist die Prozession mit dem Epitaph auf einem offenen Platz in der Mitte des Dorfes oder der Stadt. Jede Kirche präsentiert ihre eigene Darstellung des Epitaphs, ein wichtiges frommes Ereignis. Am Morgen des Karsamstags beginnen die Vorbereitungen für den festlich gedeckten „Tisch der Auferstehung“ und die Hausfrauen kochen die Ostersuppe „Majiritsa“ aus den frischen Lamminnereien.

Kurz vor Mitternacht versammeln sich die gläubigen Menschen in den Kirchen, weiße Kerzen haltend, die das Licht symbolisieren, das uns Christus brachte, der den Tod und die Finsternis besiegt hatte durch seine Auferstehung. Sie zünden die Kerzen mit dem „Heiligen Licht“ an, das der Priester verteilt mit den Worten: Christus ist auferstanden! (Christos anesti) Die Gläubigen tauschen Wünsche aus und so genannte „Küsse der Liebe“. Mit dem „Heiligen Licht“ bekreuzigen sie den Sturz der Haustür dreimal, um Glück zu haben. Später setzt man sich an den festlich gedeckten Tisch, peckt die roten Eier und isst von der traditionellen Ostersuppe. Am Sonntagmorgen wird vielerorts ein Lamm am Spieß gebraten oder eine Ziege.

Von überall ertönt Musik, Lieder werden gesungen und spontan wird um den Lammbraten getanzt. Dieser „große, mächtige Tanz der Gemeinschaft“ findet in vielen Teilen Griechenlands am Montag- und Dienstagnachmittag statt, an dem auch die meisten Leute teilnehmen.

Quelle: Zitiert nach:
https://www.choretaki.com/blogs/jannis-dimas/2017-03-17-das-griechische-ostern-und-sein-brauchtum

Jaroslav Rudiš und Jaromír 99 – Zwei Tschechen in Stuttgart

05.04.2019 at 15:31
Schriftsteller, Schauspieler, Librettist, Tausendsassa: Jaroslav Rudiš

Schriftsteller, Schauspieler, Librettist, Tausendsassa: Jaroslav Rudiš

 

Die beiden in Stuttgart sehr bekannten Künstler Jaroslav Rudiš und Jaromír 99 waren am 2. April 2019 zu Gast im Literaturhaus Stuttgart.

Bekannt geworden sind die beiden als Schöpfer des legendären Comics Alois und als Gründer der tschechischen Kafka Band. Jaromír 99 stellt an diesem Abend seine neue Graphic Novel Tschechenkrieg vor. Schauplatz ist die Tschechoslowakei der 1950er Jahre. Während des Kalten Krieges führen die überaus gut aussehenden Mašin-Brüder ihren ganz eigenen Kampf gegen das kommunistische Regime: Sie verüben Sabotageakte, Überfälle auf Geldtransporter und Sprengstoffanschläge. Doch als der erwartete Dritte Weltkrieg ausbleibt, fliehen Josef und Ctirad Mašin nach West-Berlin, um sich der US-Army anzuschließen. Darauf folgt die größte Fahndungsaktion der DDR-Volkspolizei, genannt Tschechenkrieg.

Gespräche, Lesung und Musik

Im Gespräch mit dem Moderator Uwe Ebbinghaus von der F.A.Z. erläutert Jaromír 99 die Entstehungsgeschichte des Comics und erzählt, dass er an dem Buch, in dem es überwiegend um Gewalt geht, zwei Jahre gezeichnet gesetzt hat. Das sei ihm als pazifistisch eingestelltem Menschen nicht immer leicht gefallen. Während der Arbeit an dem Comic hat er weiter komponiert. Den Soundtrack, der bei der Arbeit in seinem Kopf entstanden ist, brachte er zu Papier. An diesem Abend präsentiert er mit zwei seiner Kollegen von der Kafka Band einige Stücke dieser Musik.

Jaromir99 stellt seine neue Graphic-Novel vor und umrahmt die Veranstaltung musikalisch

Jaromir99 stellt seine neue Graphic Novel vor und umrahmt die Veranstaltung musikalisch

Pils in der Pause

Nach einer kurzen Pause (mit Budweiser Budvar Pils!) geht es weiter mit der Lesung von Jaroslav Rudiš aus seinem neuen Roman Winterbergs letzte Reise:
„Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, sagte Winterberg und schaute aus dem beschlagenen Fenster des Zuges. So beginnt dieser neue Roman von Jaroslav Rudiš, den er erstmals im Original auf Deutsch geschrieben hat. Ein eigensinniger Greis und sein genervter Pfleger Kraus reisen anhand des letztmalig 1913 erschienenen Baedeker-Reiseführers für Österreich-Ungarn durch Mitteleuropa. Bald darauf war die Habsburgermonarchie Geschichte, doch Wenzel Winterberg verlässt sich noch heute auf das rote Buch. Und die Schlacht bei Königgrätz, ausgefochten 1866 zwischen Preußen und Österreich, ist die Basslinie, die den Roman grundiert.

„Die Schlacht bei Königgrätz ist der Anfang von allen meinen Katastrophen, der Anfang von allen unseren Katastrophen, wenn man im Zeichen der Schlacht bei Königgrätz geboren wurde, ist man für immer verloren. So bin ich verloren, so ist dieses Land verloren und so sind Sie, lieber Herr Kraus, verloren, ob Sie wollen oder nicht, ja, ja, es gibt kein Entkommen, das kann man nicht so einfach überschienen wie die Alpen.“

Winterbergs letzte Reise ist ein großer europäischer Roman. Oder, wie Rudiš bekundet, ein mitteleuropäischer Roman. Er sehnt sich nach einem starken Mitteleuropa, das wird an diesem Abend klar, aber die politischen Verhältnisse im realen Mitteleuropa sind eher euroskeptisch.

„Wir sterben ganz allein und unsere Geschichten sterben mit uns“, lässt Rudiš Winterberg sagen, „denn heute ist hier niemand, der sich für unsere Geschichten interessiert, niemand, der historisch durchschaut und durchschauen möchte, da kann man sich nicht wundern, was gerade passiert.“ In diesem Buch stehen diese Geschichten im Überfluss. Und eventuell helfen sie uns, die europäischen Spaltungstendenzen besser zu verstehen.

Winterbergs letzte Reise
Gebunden mit Schutzumschlag, 544 Seiten
Luchterhand Literaturverlag, Preis 24,00 €

Tschechenkrieg
Jan Novák (Autor), Jaromír Švejdík (Illustrator)
Broschiert, 256 Seiten
Voland & Quist, Preis 26,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens