Lesung in Leibzig: „Die Anhörung“

21.03.2020 at 16:20
Bomberg (Liedermacher) Haase (Autor) über Wolfgang Schnur

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Eine der wenigen, nicht abgesagten Lesungen im Rahmen der Leipziger Buchmesse konnten wir in der Gedenkstätte „Runde Ecke“ erleben. Der Filmregisseur Jürgen Haase las aus seinem Buch „Die Anhörung – Wolfgang Schnurs Doppelleben als Stasi-Spitzel und Anwalt politisch Verfolgter“. Das Buch ist in weiten Teilen eine Transkription eines vierstündige Interviews, das der Journalist Alexander Kobylinski mit Wolfgang Schnur führte. Das Interview liegt dem Buch auf einer DVD bei. An seiner Seite der Liedermacher und Psychologe Karl-Heinz Bomberg, der 1984 wegen seiner Lieder inhaftiert wurde und dessen Strafverteidiger Wolfgang Schnur war. Er schrieb für das Buch die Einführung und begleitete die Veranstaltung musikalisch.

Ein Leben ohne Mutterliebe

Knapp fasste Jürgen Haase das Leben des Stasi-Agenten und Rechtsanwalts Wolfgang Schnur zusammen:
Wolfgang Schnur wuchs als Waisenkind in Heimen in Stettin, auf der Insel Rügen sowie in Rostock auf. Nach einer Maurerlehre studierte er Rechtswissenschaften und schloss das Studium 1973 als Diplom-Jurist ab. Schnur wurde 1964 von der Stasi angesprochen. Da war er gerade 20 geworden. Der Geheimdienst suchte auch auf der Ostseeinsel Rügen nach zuverlässigen Leuten und entdeckte bald Schnurs großes Talent, Vertrauen zu erwerben. Mehr als 25 Jahre lang hat Schnur dieses Leben durchgehalten.

Wolfgang Schnur ging in Kirchenkreisen ein und aus

Schnur gehörte in der DDR zu den bekanntesten Kirchenvertretern. Er war Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Mecklenburg, zeitweise Vizepräsident der Synode der Evangelischen Kirche der Union und Synodaler des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Ende der 1980er Jahre war er als Vertrauensanwalt der Evangelischen Kirche für zahlreiche bekannte Oppositionelle in der DDR tätig. Er vertrat Dissidenten, Bürgerrechtler und Wehrdienstverweigerer. Was die von ihm vertretenen Mandanten nicht wussten: Wolfgang Schnur lieferte Details aus seinen Gesprächen mit ihnen direkt an die Stasi.

Wolfgang Schnur während der Wende

Während der Wende wurde Wolfgang Schnur einer der wichtigen Vertreter des Demokratischen Aufbruchs. Fast wäre er mit Kanzler Helmut Kohls Hilfe 1990 der erste frei gewählte Ministerpräsident der DDR geworden. Doch das gönnten ihm ehemalige Führungsoffiziere wohl nicht. Sie steckten dem Runden Tisch, was lange Zeit Schnurs „wahre“ Berufung gewesen war. Die Offenlegung seiner Stasi-Akte im März 1990, wenige Tage vor der ersten freien Volkskammerwahl, beendete seine politische Karriere.

Traumata werden von Generation zu Generation weiter gegeben
In dem Gespräch zwischen Jürgen Haase und Karl-Heinz Bomberg wird deutlich, was mit Menschen geschieht, die Untersuchungshaft und Unterdrückung eines Willkürstaates mit den Menschen macht. Und wie Menschen, die keine familiäre Bindung haben, in staatlichen Strukturen einen Familienersatz finden können. Karl-Heinz Bomberg hat in seiner psychologischen Praxis viele Opfer behandelt und das ganze Ausmaß der seelischen Verletzungen ist immer noch nicht erfasst. Ebenso sind die Auswirkungen auf die nachfolgenden Generation der Opfer längst nicht aufgearbeitet.

Angela Lehner stellt sich und ihre Arbeit vor

10.03.2020 at 12:52
Angela Lehner im Schriftstellerhaus

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Seit Anfang des Jahres arbeitet Angela Lehner als Stipendiatin im Schriftstellerhaus und stellte sich am 9. März den Mitgliedern und Freunden des Hauses mit einer Lesung vor. Der Roman, aus dem sie an diesem Abend liest, Vater unser, ist kurz nach Erscheinen (2019) mit mehren Preisen ausgezeichnet worden: Dem Franz-Tumler-Literaturpreis, dem Literaturpreis Alpha, dem Österreichischer Buchpreis für das beste Debüt und dem Rauriser Literaturpreis. Außerdem schaffte es der Roman auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Ihr lebhafter Vortragstiel fesselt die Zuhörer

Angela Lehner liest mehrere Passagen und aufgrund ihres lebhaften Vortragstils macht es großen Spaß, ihr zuzuhören. Im Mittelpunkt des Romans steht Eva Gruber, eine junge Frau, die von der Polizei in die psychiatrische Abteilung eines Wiener Spitals gebracht wird. Angeblich hat sie mit einer Pistole auf eine Kindergartengruppe geschossen. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Dabei ist sie immer wieder hochkomisch, besserwisserisch und auch zutiefst manipulativ. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will und der ebenfalls im Otto-Wagner-Spital hospitalisiert ist. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet sie zumindest. Denn manchmal ist die Frage nach Wahrheit oder Lüge selbst für den Leser nicht zu unterscheiden. Manchmal, so Angela Lehner, hätte sie sich vor ihrer Protagonistin, Eva Gruber, selber gefürchtet

Am Anfang war die Wut der Angela Lehner

Wie es dazu gekommen ist, dass sie sich für so eine ungewöhnliche Geschichte entschieden hat, erzählt sie ausführlich an diesem Abend und wie es zu dem Buch überhaupt gekommen ist. Zuerst wäre da Wut gewesen:
Sie saß im Zug, den Laptop aufgeklappt, und wollte „etwas Schönes, etwas Künstlerisches“ schreiben, da kam eine Schulklasse in den Waggon und randalierte. Sie schlug Krach. Und zwar richtig. So konnte Angela Lehner nicht arbeiten, so konnte sie sich nicht konzentrieren, also hat sie in ihrem Ärger eine Mordfantasie niedergeschrieben. Sie schrieb über jemanden, der von einer Schulklasse genervt ist und am Ende alle erschießt. Mit diesem und einem schönen, literarischen Text hatte sie sich an der Bayerischen Akademie des Schreibens eingereicht und wurde genommen. Später hatte sie ein Stipendium am Literarischen Colloquium Berlin.

Die Zeit des Stipendiums nutzt Angela Lehner für die Arbeit an ihrem zweiten Roman, einer Jugendgeschichte, die wieder in Österreich spielen soll. Mit einem Textauszug davon hatte sie sich 2019 im Schriftstellerhaus beworben.

Vater unser
Gebunden mit Schutzumschlag, 284 Seiten
Hanser Berlin, Preis 22 Euro

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Wolfgang Schorlau im Hospitalhof: Die trüben Wasser von Venedig

05.03.2020 at 23:29
Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo im Hospitalhof

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Wolfgang Schorlau hat ein festes Stammpublikum und das ist am 4. März 2020 in den großen Saal des Hospitalhofs geströmt und hat diesen bis zum letzten Platz gefüllt. An diesem Abend ist er nicht allein mit einem neuen Roman gekommen: Der freie Hund. An seiner Seite der Italiener Claudio Caiolo. Mit dem Schauspieler Claudio verbindet Wolfgang Schorlau eine 25jährige Freundschaft. Seit vielen Jahren wollten sie ein Projekt zusammen machen. Nun liegt das Ergebnis vor: Ein Kriminalroman, in Venedig angesiedelt.

Wolfgang Schorlau ist sehr gut vernetzt

Schorlau, Albath, Caliolo

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Bevor es so richtig mit dem von der ausgewiesenen Italienkennerin Maike Albath moderierten Gespräch los geht, begrüßt Wolfgang Schorlau seine große „Künstlerfamilie“. In dieser Patchworkfamilie tummeln sich mittlerweile eine ganze Reihe illustrer Mitglieder. Seine Lebensgefährtin, die Staatssekretärin und ehemalige Direktorin der Kunstakademie, Petra Olschowski, wurde schon von der Leiterin des Literaturhauses, Stefanie Stegmann, zu Beginn begrüßt. Seine Verlegerin von Kiepenheuer & Witsch, Claudia Häußermann, ebenso wie sein Lektor, Nikolaus Wolters sind zur Buchvorstellung angereist. Auch die Organisatorin seiner Lesereise, Susanne Beck, ließ es sich nicht nehmen, zur Premiere von Köln nach Stuttgart zu kommen. Es ist offensichtlich, dass Wolfgang Schorlau sich als Teil eines Literatur-Produktions-Teams sieht, bei dem er im Mittelpunkt steht.

Venedig wird literarisch von dem Autorenduo angegangen

Vielen gilt Venedig ja als schönste Stadt der Welt. Wolfgang Schorlau erzählt von einer Reise mit seinem Sohn dorthin, wie er all die Sehenswürdigkeiten besucht hatte und dann doch hinter die Fassade schauen wollte. Und so beschreibt er in seinem neuen Roman keine Idylle. Sein Kommissar Morello stammt aus Sizilien (auch Claudio Caiolo stammt aus Sizilien), der nach Venedig versetzt wird, um hier für Recht und Ordnung zu sorgen. In Venedig verfolgt er als erstes einen Taschendieb – wie wir aus der Lesung des ersten Kapitels erfahren – und landet prompt in einem Canale, der natürlich trübe ist. Aber der als „schleimige Brühe“ beschriebene Canale di San Pietro ist alles andere als trübe. In Wirklichkeit kann man bei ihm teilweise sogar bis auf den Grund schauen. Auch kann auch weder am frühen Morgen noch zu irgendeiner anderen Zeit ein Kreuzfahrtschiff seinen Schatten auf den Canal Grande werfen, der im Buch auch mal Canale Grande heißt. Hier prallt die „literarische Freiheit“ auf die Wirklichkeit. Gegen diese Kreuzfahrtinvasion regt sich Widerstand und ein Aktivist wird prompt ermordet.

Eine Zusammenarbeit zweier ganz unterschiedlicher Charaktere

Wie die Zusammenarbeit der beiden Freunde konkret ausgesehen hat, beschreiben die beiden ausführlich an diesem Abend. Maike Albath hat alle Mühe den quirligen Claudio Caiolo zu bremsen, der sie ungehemmt duzt, wiewohl sie – ganz professionell – konsequent beim Sie bleibt. Weil Claudio Caiole Erfahrungen beim Drehbuchschreiben mitbrachte (für seinen Kinospielfilm Birthday erhielt er 2002 den Max Ophüls Preis für das Drehbuch), oblag es ihm, eher dialogisch zu arbeiten. Völlig hemmungslos hat Schorlau seine Texte zusammen gestrichen, damit die Geschichte an Fahrt gewinnt. Das führte zu machen heftigen Diskussionen zwischen den beiden. Meike Albath meint zu dieser Auseinandersetzung, er müsse als Drehbuchautor das eigentlich verstehen, denn es gäbe den Satz unter den Drehbuchautoren: „Kill your baby“. Dem Zuhörer wird an diesem „Disput“ klar, dass die beiden Autoren auf dem Podium als eingespieltes Duo agieren.

Wer hat hier wo und wie recherchiert?

Die Auseinandersetzung mit der Autorin und Mafia-Expertin Petra Reski katapultierte sie aus ihren eingespielten Rolle. Meike Albath klammert in der Diskussion dieses heikle Thema nicht aus: Petra Reski wohnt seit vielen Jahren in Venedig. Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo trafen sie in Venedig bei einem Arbeitsessen. Sie wollten Hintergründe für die Story recherchieren. Die Vorwürfe der Journalistin kann man auf ihrem Blog hier und hier im Detail nachlesen. Darin wirft Reski dem Duo vor, sie hätten ihre eigene Arbeit geplündert. Und das so fehlerhaft, dass sie ihren Namen keineswegs mit dem Ergebnis, selbst nur als Danksagung, in Verbindung gebracht haben möchte. Diese Vorwürfe führten schließlich zu einer Unterlassungsklage, die sie gegen den Verlag anstrengte. Die zielte darauf ab, dass die Danksagung der beiden an sie bei der 2. Auflage gestrichen wird.

Wolfgang Schorlau reagiert schmallippig auf die Plagiatsvorwürfe

Was der Autor Wolfgang Schorlau an diesem Abend sichtlich zerknirscht dazu meint, hatte er in einem Interview auch schon den Stuttgarter Nachrichten gesagt: „Die einstweilige Verfügung ist für mich ein Rätsel. Wir hatten ein wahnsinnig nettes Gespräch in Venedig. Claudio und ich sind große Bewunderer von Petra Reskis Arbeit und haben deshalb eine Figur („Petra Mareschi“) nach ihr benannt. Das war als Hommage und Verbeugung gedacht.“

Schorlau hatte Reski das Manuskript im August 2019 geschickt und zunächst nichts gehört. Dann sei ein Anwaltsschreiben gekommen: „Wir haben die Danksagung entfernt und die Figur der investigative Jounalistin umbenannt. So wie unser Umgang war, hätte dafür ein Anruf auch genügt.“ In Folgeauflagen wird der Namen der investigativen Jounalistin verändert. Nicht aus juristischen Gründen, sondern weil die Autoren der Überzeugung sind, dass eine Hommage wider Willen keinen Sinn macht.

Diese Vorwürfe treffen einen Autor, der sich als ein gewissenhafter Rechercheur einen Namen gemacht hat, natürlich schwer. Das Publikum im Saal ficht das nicht an, wie an der langen Schlange derer zu sehen ist, die sich das Buch von dem Autorenduo signieren lassen wollen.

Der freie Hund: Commissario Morello ermittelt in Venedig
 336 Seiten, Paperback
Kiepenheuer & Witsch, Preis: 16 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Zum Tod von Ernesto Cardenal

02.03.2020 at 20:36
Ernesto Cardenal Bildquelle Wikipedia CC BY-SA 3.0

Bildquelle Wikipedia CC BY-SA 3.0

 

Der nicaraguanische Dichter und Priester Ernesto Cardenal starb am 1. März 2020 in Managua im Alter von 95 Jahren an Nieren- und Herzschäden. Als Theologe war er einer der prominentesten Vertreter der Befreiungstheologie. Sein politisches Engagement veranlasste ihn, den bewaffneten Kampf gegen die Somoza-Diktatur zu unterstützen. Als Dichter war er hoch geehrt, er bekam unter anderem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1980).

Gott
braucht den Menschen nicht,
um glücklich zu sein,
und doch liebt er ihn so,
als ob er ohne ihn
ewig unglücklich wäre.

Ernesto Cardenal

Ernesto Cardinal wurde am 20. Januar 1925 in Granada (Nicaragua) geboren. Er war Erbe einer starken poetischen Tradition. Von 1942 bis 1946 studierte er Philosophie und Literaturwissenschaft an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko, anschließend bis 1949 an der Columbia University in New York. Ende der 1950er Jahre schloss er ein Theologie-Studium in Mexiko und Kolumbien an. 1965 wurde er zum Priester geweiht und ließ sich später im Solentiname-Archipel am Großen See von Nicaragua nieder, wo er eine Gemeinschaft von Fischern und Künstlern gründete, die weltberühmt wurde. Dort schrieb er sein berühmtes Evangelium von Solentiname.

Ernesto Cardinal stand immer auf der Seite der Unterdrückten

Sein politisches Engagement veranlasste ihn, den bewaffneten Kampf gegen die Somoza-Diktatur zu unterstützen. Eine Dynastie, die Nicaragua mehr als 40 Jahre lang regierte. Er wurde zum Kulturminister der neuen sandinistischen Regierung ernannt. Ernesto Cardinal setzte sich für eine „Revolution ohne Rache“ ein und initiierte eine umfassende Alphabetisierungskampagne für die fast 70 % Analphabeten des Landes. Sein Engagement für die Ärmsten und gegen Ungerechtigkeiten machte ihn zur moralischen Stimme der sandinistischen Revolution, ein Projekt, bei dem er sich tief engagierte und ihm einen Verweis von Papst Johannes Paul II. einbrachte, der ihm die Ausübung seiner Priesterämter verbat. Bis 1987 hatte Ernesto Cardenal das Amt des Kulturministers inne. Dann wurde das Ministerium – angeblich aus Kostengründen – aufgelöst.

Seine ehemaligen Weggefährten klagt er an

Der Dichter hat sein eigenes Martyrium seit 2007 gelebt, als Daniel Ortega in Nicaragua an die Macht zurückkehrte. Seitdem wurde er von der Justiz verfolgt und vom sandinistischen Führer kontrolliert. „Ortega und seine Frau Rosario Murillo haben eine absolute, unendliche Macht, die keine Grenzen kennt, und diese Macht ist jetzt gegen mich “, sagte Cardenal 2017 in einem Interview. Trotz dieser Verfolgung hat Kardinal seine unermüdliche Aktivitäten aufrecht erhalten. Er gab Konzerte in Europa und Lateinamerika und prangerte die Exzesse von Ortega an.

Gegenüber der katholischen Kirche hingegen zeigte er sich zuletzt milde. Vor allem das bescheidene Auftreten von Papst Franziskus gefiel ihm. „Das ist eine große Veränderung im Vatikan, die niemand vorhersehen konnte“, sagte Ernesto Cardenal. Franziskus versuche, die Welt zu einem besseren Ort für die Armen und Vergessenen zu machen. Zuletzt rehabilitierte das katholische Kirchenoberhaupt den einst verfemten linken Priester. Anfang Februar 2019 hob Franziskus die Sanktionen gegen ihn auf.

Zerschneide den Stacheldraht

Seine Psalmen wurden das Gebetbuch der Unterdrückten. Sie ermutigten das politische Bewusstsein der Christen, stärkten die Freiheitskämpfer. Unter dem Titel Zerschneide den Stacheldraht brachte der Peter Hammer Verlag diese Gedichte 1967 in deutsche Übersetzung heraus. Das in wenigen Jahren in siebzehn Sprachen übersetzte Bändchen wurde in den frühen 70er Jahren die auflagenstärkste deutsche Lyrikpublikation. Dennoch sperrten sich damals namhafte deutsche Tages- und Wochenzeitungen gegen die Rezension dieser Psalmen in ihrem Feuilleton. Autor, Aussage und Gattung waren nicht „in“. Die Texte entsprachen weder der linken noch der rechten noch einer linksliberalen Ästhetik. Cardenal war für keine Seite unmittelbar affirmativ zu gebrauchen.

Der Peter-Huchel-Preis-Träger Henning Ziebritzki im Schriftstellerhaus

17.02.2020 at 20:02
Hennig Ziebritzki

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Wir hatten Henning Ziebritzki schon eingeladen, bevor er den diesjährigen Peter-Huchel-Preis zugesprochen bekam. Am 6. Februar 2020 las er im Schriftstellerhaus aus seinem prämierten Band Vogelwerk. Die Geschäftsführerin Astrid Braun kennt den Autor aus gemeinsamer Juryarbeit und er war auch schon Gast im Haus in der Kanalstraße 4.

Der 1961 in Wunstorf/Niedersachsen geborene Autor wollte als Jugendlicher Biologie studieren. Aber er entschied sich für die Evangelische Theologie. Nach Stationen in Tübingen, München und Mainz, promovierte er 1992 mit einer Dissertation über den Mittel- und Neuplatonismus. Anschließend arbeitete er sechs Jahre als Pfarrer im Harz. Heute leitet er den Wissenschaftsverlag Mohr Siebeck. Ein Schwerpunkt des Verlags: Theologie, (einschließlich Judaistik & Religionswissenschaft).

Henning Ziebritzki ist ein sorgfältiger, langsam arbeitender Lyriker, wie er selbst betont. Vor Vogelwerk sind in unterschiedlichen Verlagen drei Gedichtbände erschienen. Vogelwerk erschien im Wallstein-Verlag und Henning Ziebritzki lobt die Zusammenarbeit mit diesem Verlag.

Vogelwerk umfasst 52 Gedichte. Das Gedicht Amsel eröffnet den Gedichtband und den ersten Lesezyklus an diesem Abend. Die Amsel war auch der erste Vogel, mit dem der Autor die Arbeit für diesen Gedichtband begann. Die Gedichte sind, bis auf eines (Singdrossel), in elf Zeilen aufgeteilt, „pendeln quasi um eine Mittelzeile“.

Zu jedem Vogel gibt Henning Ziebritzki einige Informationen, wo er sie beobachtet habe, warum er über sie geschrieb. Wiewohl die meisten, überwiegend einheimischen Vögel, den Zuhörern bekannt sind, hilft es, sich das beschriebene Tier vom Autor vor Augen führen zu lassen. Andere Vögel sind eher unbekannt, wie der Hadeda Ibis aus Südafrika oder der Sanderling, der an der Nordsee rastlos an der Wasserkante entlang läuft und nach Futter sucht.

Die Gedichte beschreiben sehr komplexe Situationen und manche können in ihrer Beschaffenheit als sprachliche Miniaturen gelesen werden. Es gibt Gedichte in dem Band, die nur vom Gegenstand des Vogels ausgehen, andere wieder haben ein lyrisches Ich, das zum Leser spricht. Warum er zum Gegenstand seiner Betrachtung gerade die Vögel genommen habe, wird Henning Ziebritzki gefragt. Er hätte auch über Insekten schreiben können aber die Vögel sind allgegenwärtig. Immer und überall sind sie im Alltag in ihren unterschiedlichen Gattungen zu beobachten. Die Natur böte uns Schönheit und Form, mehr als jedes Kunstwerk und die Schönheit der Tiere habe ihn besonders gereizt. Man könne von einer Feier der Schöpfung sprechen, wenn man sich in die Beobachtung der Vögel vertiefe.

Persönlich freut mich, dass er seine Gedichte über die Lerche und über Elster an diesem Abend vorträgt. Über die Feldlerche schreibt er:
… Quer schraubt ihr Liedpropeller / himmelwärts, Gesang, der bleibt, als sie im Rüttelflug / kaum mehr zu sehen ist, ein Punkt in klarer Höhe,

Und über die Elster:
Elsterwippe. Drück ich den Schnabel auf das Papier nieder, dass es / klackt, steht sie wieder auf und nickt. Steck ich ihr die Spitze / meines Bleistifts ins Gefieder, verschlingt sie ihn. Die Mechanik / ihres Knöchelchen, zerbrech ich sie, das Fleisch, das passt / …

Vogelwerk – Gedichte
Wallstein-Verlag, Göttingen 2019
64 Seiten, 18 Euro

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Botschaft von einem, der es geschafft hat

14.02.2020 at 11:58
Er hat es geschafft

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Das freut die Elster und die Lerche stimmt ein frohes Lied an …

25.01.2020 at 20:15

… auf den diesjährigen Preisträger des Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik, Henning Ziebritzki. Er legte gerade seinen neuen Gedichtband Vogelwerk vor, in dem er 52 Gedichte über die diversen Vögel verfasste. Dieser Band wurde ausgezeichnet.

Welch ein Glück für uns aus dem Schriftstellerhaus, dass wir diesen Autor schon lange vor der Entscheidung der unabhängigen, siebenköpfigen Jury zu uns ins Schriftstellerhaus eingeladen haben. Er wird am 13. Februar um 19.30 Uhr im „Häusle“ lesen.

Der mit 10.000 € dotierte Peter-Huchel-Preis wird am 3. April 2020, dem Geburtstag Huchels, in Staufen im Breisgau verliehen. Preisstifter sind der Südwestrundfunk und das Land Baden-Württemberg. Zu den bisherigen Preisträgern gehörten u. a. Ernst Jandl, Durs Grünbein, Thomas Kling, Uljana Wolf, Friederike Mayröcker und Thilo Krause.
Eine Würdigung des neuen Preisträgers kann man hier im Deutschlandradio Kultur nachhören.

Vogelwerk von Henning Ziebritzki

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Vogelwerk – Gedichte
Wallstein-Verlag, Göttingen 2019
64 Seiten, 18 Euro

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens