Sudabeh Mohafez liest im Salon

26.06.2018 at 10:54
Astrid Braun im Gespräch mit Sudabeh Mohafez

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Das Schriftstellerhaus Stuttgart lud am 22. Juni 2018 die Autorin Sudabeh Mohafez ins Haus der pensionierten Architektin Uta. P. in Sillenbuch ein.

Das Konzept der Reihe “Literatur im Salon”: Privatleute stellen ihr Wohnzimmer zu Lesungen zur Verfügung. Schon zum dritten Mal finden diese Veranstaltungen des Schriftstellerhauses statt und erfreuen sich großer Beliebtheit. Dieses Jahr ist die Reihe überschrieben mit „Sie liest“. Ausnahmslos werden Autorinnen vorgestellt. Viele dieser Autorinnen haben als Stipendiatinnen das Schriftstellerhaus als Refugium im Rahmens eines Stipendiums kennen gelernt. Die Salonlesungen sind Teil des diesjährigen Literatursommers der Baden-Württemberg-Stiftung unter dem Titel: Frauen in der Literatur. Das Schriftstellerhaus hat mit seiner Teilnahme den Blick auf die Frau als Schreibende gerichtet.

Sudabeh Mohafez wurde 1963 im Iran geboren. Ihre deutsche Mutter ehelichte einen Iraner und lebte mit der Familie dort bis 1979. Dann zieht sie mit ihren Kindern nach Berlin. Dort studierte Sudabeh Mohafez Musik, Anglistik und Erziehungswissenschaft. Sie war Mitarbeiterin in verschiedenen Nichtregierungsorganisationen im Bereich der Gewaltprävention und leitete ein autonomes Frauenhaus. Seit 2004 ist sie freie Autorin und lebt heute, nach dem Absprung aus Berlin – in dem sie 27 Jahre lebte – und einigen Jahren in Lissabon, in Baden-Württemberg.

10 Zeilen jeden Morgen

In Lissabon hatte sie sich zur Angewohnheit gemacht, morgens jeweils 10 Zeilen zu schreiben und diese Aufschriebe nur einmal zu überarbeiten. Danach entschied sie, ob sie die Kurzprosa auf ihrem Blog veröffentlicht oder nicht. 2010 ist daraus in der Edition AZUR, ansässig in Dresden, das 10-Zeilen-Buch entstanden. Es enthält eine Auswahl aus diesen Texten. An diesem Abend liest sie einige dieser Geschichten. Kurzprosa ist ihre präferierte literarische Form.

Bloggen als Mittel des künstlerischen Austausches

Ebenfalls aus einer über den Blog geführten Korrespondenz ist die Zusammenarbeit mit einem in der Schweiz lebenden Künstler entstanden, der in der Kunstwelt stets als Paar „Rittiner & Gomez“ firmiert. Wie die Schriftstellerin Sudabeh Mohafez ihre Texte ins Netz stellt, stellt Rittiner & Gomez regelmäßig Aquarelle über sein „Logbuch der Insel“, isla volante, ins Netz. Zusammen haben sie ein Buch mit drei Microromanen und Aquarellen in der Edition AZUR herausgebracht. Einige Kapitel aus dem Buch stellt Sudabeh Mohafez vor. Begeistert erzählt die Autorin, dass dieser kleine Verlag sich immer wieder auf aberwitzige Experimente einlässt und so entsteht Literatur abseits des Mainstreams.

Sudabeh Mohafez wurde mit dem Adelbert-von-Chamisso Preis ausgezeichnet

Sudabeh Mohafez liest behalte den Flug im Gedächtnis

Behalte den Flug im Gedächtnis

Ihr neuestes Buch versammelt „Auftragsarbeiten“. Immer wieder, vor allem nachdem sie den renommierten Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis erhalten hatte, wurde sie angefragt, Texte über das Leben im Iran, die Verschleierung der Frau, ihre Erfahrungen mit ihrem Migrationshintergrund zu schreiben (obwohl sie Deutsche war und ist!). Viele Texte wären nie entstanden, hätte es die Aufträge nicht gegeben. Für sie war und ist das eine verlässliche Geldquelle. Mittlerweile sind ihr diese Texte, obwohl sie das Sujet nicht selber ausgesucht hätte, ans Herz gewachsen und gerne trägt sie daraus vor. Abgedruckt sind sie in dem Erzählband Behalte den Flug im Gedächtnis. Der Titel ist entnommen einem persischen Gedicht der iranischen Dichterin Forugh Farrochsad, der die iranische Lyrik des 20. Jahrhunderts viel zu verdanken hat. Die Folgezeile lautet: Der Vogel ist sterblich!

Sudabeh Mohafez erklärt nicht nur die Bedeutung der Dichterin Forugh Farrochsad sondern verrät auch, dass sie mittlerweile selber mit der Zusammenstellung eines Lyrikbandes beschäftigt ist. Einige ihrer Gedichte hat sie bereits in verschiedenen Publikationen veröffentlicht und hört man sie, so bekommt man Lust auf mehr davon. Ein Mitschnitt des Abends ist auf der Homepage des Schriftstellerhauses veröffentlicht.

Wort trifft Wein bei Jaques‘

11.06.2018 at 19:46
Wort trifft Wein bei Jaques

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Jaques’ Weindepot lud am 9 Juni 2018 zu einem literarischen Weinspaziergang in seine Verkaufsräume am Feuersee in Stuttgart ein. Hans Thill hatte die Idee, mit der Gruppe Band 2 aus dem Schriftstellerhaus dort eine Lesung zum Thema Wein zu veranstalten. Die Gruppe trifft sich regelmäßig im Schriftstellerhaus, um Texte der Mitglieder zu diskutieren und Feedback zu geben.

An diesem Abend präsentiert Hans Thill zusammen mit Thomas Werling und seiner Frau von Jaques’ Weindepot acht literarische Streifzüge der Gruppe zum Thema Wein. Hans Thill eröffnet den Abend mit einem Sketch – frei nach Loriot – den er zusammen mit seiner Partnerin Hanni Schäfer vorstellt. Zu jeder Lesung wird von Thomas Werling ein ausgesuchter, passender Wein kredenzt.

Ich selber lese einen Text über die Schattenseiten des Weingenusses. In seinem Mittelpunkt die Begegnung eines Sohnes mit seinem alkoholabhängigen Vater. (Hier nachzulesen). Passend zum Text mit dem Titel „Moselwein“ präsentiert Thomas Werling einen Weißwein von der Mosel.

Peter Schmidt hat eine Geschichte aus der französischen Résistance im Gepäck. Frank Sohler fragt in seinem Text „Wein oder nicht Wein?“. In eine Welt in naher Zukunft, in der die Privatwohnungen der Menschen überwacht werden, entführt der Text von Sarah Dressel, den sie fast szenisch lesend vorträgt.

Zu jedem Text kredenzt Thomas Werling seine Weine, zu denen er ausführlich Hintergründe aus Weinanbau und Gebiet den Zuhörern erzählt. Die etwa 50 Gäste verkosten und genießen sie ebenso wie die Texte.

Claudia Stursberg aus Bad Boll liest einen Romanauszug. Zwei alte russische Freunde treffen sich nach langer Zeit wieder und feiern das mit einem guten Essen. Thomas Werling philosophiert anschließend, ob man einen Wein zu einem Essen empfehlen kann und kommt zu dem Schluss, dass es einfacher sei, zu einem guten Wein, dessen Aromen man kennt, ein passendes Essen zu kreieren.

Die Lesung von Willi Steinfeld lässt erkennen, dass er über Erfahrungen aus Poetry Slam Veranstaltungen verfügt.

Zum Abschluss der Lesung trägt noch einmal Hans Thill einen Text vor, in dem er eine Begegnung mit Bacchus in den Mittelpunkt rückt und Thomas Werling krönt den Abend mit einem guten Tropfen aus einem französischen Weinanbaugebiet, das wie kein anderes für hochwertigen Rotwein steht: Bordeaux.

Viele Worte sind gesprochen und viele Weine getrunken, als dieser laue Sommerabend zu Ende geht.

Drogen per Drohnen – der neue Krimi von Zoë Beck

10.03.2018 at 12:07

Zoë BeckSchon achtmal kooperierte die Stadtbibliothek Bad Cannstatt mit dem Verein Stuttgarter Kriminächte, um Kriminalautoren einem breiten Publikum vorzustellen. Am 7. März 2018 las Zoë Beck hier aus ihrem neuen Roman. Sichtlich stolz präsentierte Alexandra Kirchner, die Leiterin der Bibliothek, mit ihrem reinen Frauenteam diese Ausnahmeschriftstellerin. Immer wieder eroberte Zoë Beck die Krimibestenliste mit ihren spannenden Romanen, die häufig in Großbritannien spielen. Für ihrer Kurzgeschichte Draußen erhielt sie 2010 den renommierten Friedrich-Glauser-Preis, 2014 gewann sie den Radio-Bremen-Krimipreis, der Autorinnen und Autoren für qualitativ herausragende Werke der Kriminalliteratur auszeichnet und zwei Jahre später den 3. Platz beim Deutschen Krimi Preis in der Kategorie „National“.

Nach dem Brexit kommt der Druxit

Zoë Becks neuer Kriminalroman spielt in London in nicht ferner Zukunft. Nach dem Brexit steht der Druxit auf der Agenda der regierenden Partei der „Rotweißblauen“. Sie hat einen Gesetzesentwurf vorbereitet, der einen Ausstieg aus den Drogen zum Ziel hat. Mit ihrer populistischen Kampagne unter dem Slogan „Großbritannien wird drogenfrei“ macht sie sich nicht nur die Abhängigen zu Feinden sondern vor allem die, die an den Drogen verdienen. Mächtige englische Verbrechersyndikate. Ellie Johnson hat ein besonderes Geschäftsmodel entwickelt, abseits von den Distributionswegen der Kartelle: Über einen von ihr entwickelten App bestellt man Drogen in höchster Qualität, die von Drohnen ausgeliefert werden. Anonym, sicher, perfekt organisiert. Die Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will „Die Lieferantin“ aus dem Weg räumen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen doch ihre Gegner sind mächtig und lauern an jeder Straßenecke. In ihrem Kampf arbeitet sie mit der Rechtsanwältin Catherine Wiltshire zusammen, die sich für eine Legalisierung der Drogen einsetzt. Um an Geld für die Antikampagne zu kommen, schrecken sie auch vor Erpressung eines hochrangigen, drogenabhängigen Ministers nicht zurück.

Zu Beginn des Buches und der Lesung stellt Zoë Beck einen netten jungen Restaurantbesitzer vor, der sich einer Schutzgelderpressung ausgesetzt sieht. Als ihm das zu viel wird, bringt er den Schutzgelderpresser um und betoniert ihn in seinem Haus unter seinem Fußboden ein. Dumm nur, dass er sich fortan einbildet, der Typ klopfe von dort unten und dumm für ihn, dass er damit nie wird sein Haus verkaufen können.

Ein Marktplatz der Abscheulichkeiten

Sehr ausführlich spricht sie über ihre Recherche im Darknet, dort gibt es alles zu kaufen: Von Sex bis zu Drogen. Im Darknet gibt es einen Marktplatz für alle denkbaren Abscheulichkeiten. Auch ihre Protagonistin findet ihre Kunden über das Darknet. Bezahlt wird mit Bitcoins, geliefert wird der Stoff mit Drohnen, die die Übergabe auch noch filmen. Damit sichert sie ihr „Geschäftsmodel“ ab, denn sie hat was gegen ihre Kunden in der Hand. Sollte ein Drohne abstürzen oder eingefangen werden, zerstört sie augenblicklich alle gespeicherten Daten, eine Spur zur Lieferantin ist nicht mehr vorhanden.

Zoë Beck erzählt und schreibt in einem hintergründig-lakonischen Erzählstil, springt bei der Lesung durch das Buch ohne die Gesamtkonstruktion und das Ende der Geschichte zu verraten. Damit ragt sie wie ihre Kollegen Friedrich Ani und Oliver Bottini weit aus der großen Genre-Masse heraus.

Zoë Beck zeigt Kante

Inhaltlich setzt die Autorin mit ihrem halbfuturistischen Drogenthriller Akzente, der mit seinen Anspielungen auf populistische Strömungen als Diskussionsgrundlage durchaus relevant sein könnte für unsere heutige Gesellschaft. Mit Populisten hat die Autorin auch als Verlegerin zu tun: Sie ist eine der Mitinitiatorinnen der Kampagne gegen rechte Verlage, der sich mittlerweile 45 unabhängige Verlage unter dem Hashtag #verlagegegenrechts zusammengeschlossen haben. Damit positioniert sich die Autorin eindeutig für Weltoffenheit und Vielfalt und gegen Ausgrenzung und Hass. Die Kampagne hat es mittlerweile geschafft, dass die rechtspopulistische Zeitung „Junge Freiheit“ sich nicht auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Darauf ist Zoë Beck sichtlich stolz. Bericht siehe hier. Damit zeigt die Autorin, dass sie nicht nur literarisch heiße Eisen anpackt sondern auch bereit ist, sich die Finger im richtigen Leben zu verbrennen.

Die Lieferantin
324 Seiten, Klappenbroschur
Suhrkamp, Preis 14,95 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte

Heinrich Steinfest lässt Tonia Schreiber bügeln

06.03.2018 at 21:59

 

Der vielseitige Autor Michael Wildenhain als Stipendiat im Schriftstellerhaus

09.02.2018 at 22:42
Michael Wildenhain

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Astrid Braun stellte Michael Wildenhain am 7. Februar als neuen Stipendiat im Schriftstellerhaus vor. In seiner Bewerbung für das Stipendium führte Michael Wildenhain aus, dass sein Hausverlag in Stuttgart angesiedelt sei und er plane, diese Stadt soll den örtlichen Backround in seinem nächsten Roman bilden. Allerdings kennt er als Berliner Stuttgart nur von kurzen Besuchen zu Gesprächen im Klett Cotta Verlag. Skizzenhaft umreißt der Autor sein neues Projekt.

Im Mittelpunkt steht jedoch an diesem Abend die Lesung aus Das Singen der Sirenen. Dieser Roman erschien im September vergangen Jahres und schaffte es auf Anhieb auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

Der Protagonist des Romans, Jörg Krippen, ist nach London gekommen, wo er ein Seminar halten soll. Er forscht über Frankenstein. Doch er ist auch geflohen vor einem Leben mit Frau und Sohn, die er in in Berlin zurück ließ.

Unter die Fittiche genommen wird er von Mae, eine Stammzellenforscherin.
„You look so lost“, sind die ersten Worte, die sie an ihn richtet, als er auf dem Universitätsgelände mit seinem Koffer und zwei Rucksäcken auftaucht, einen auf dem Bauch, einen auf dem Rücken. In der Folge wird sie immer wieder da auftauchen, wo Jörg Krippen verloren scheint, bis die beiden ein Liebesverhältnis eingehen – der Frankensteinexperte und die Stammzellenforscherin. Zwischen ihnen soll sich aber auch jener Graben aufmachen, der sich zwischen Natur- und Geisteswissenschaft aufmacht.

Michael Wildenhain durchstreift seinen Roman, liest Stellen aus der Zeit in London, springt dann zu einer Pegida Demonstration in Dresden, die sein Protagonist als linker Antifaschist mit seiner Frau erlebt hat. Er lässt durchblicken, dass das Kind von der Stammzellenforscherin Mae sein eigenes ist.

Michael Wildenhain kennt das linke Milieu, war selber in den achtziger Jahren in der Berliner Hausbesetzerszene aktiv. Auch in seinen anderen Romanen scheint die politische, linke Ebene immer wieder durch.

Bevor er sich an die Recherchen zu seinem neuen Roman macht, will er noch einige Projekte abschließen. Der Stipendienaufenthalt in Stuttgart wird ihm die Gelegenheit geben, diese Pläne zu verwirklichen.