Die ganze Wahrheit – rein subjektiv

14.12.2013 at 18:19

Peter Grohmann Alles Lüge außer ich

Der Anstifter und Kabarettist Peter Grohmann hat seine Autobiografie vorgelegt: „Alles Lüge außer ich“. Im Theaterhaus hat er sie an seinem Geburtstag vorgestellt, ich hatte mir gleich ein Exemplar gesichert.

Vorweg: es passt kein Blatt zwischen Peter Grohmann und seinen Text. Das Buch hat einen Sound, den man von Peter im realen Leben kennt. Mich hat dieser sofort in die Lektüre hinein gezogen.

Peter Grohmann blättert in acht großen Kapiteln sein Leben auf. Um diese großen Kapitel besser lesbar zu machen, unterteilt er sie in „Denkzettel“. Im ersten Kapitel geht er weit in seine Familiengeschichte zurück, die wichtig ist, sein engagiertes Leben zu verstehen. Großvater und Vater waren in der Arbeiterbewegung engagiert und Peter folgt der faustischen Weisung: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Die Wurzeln der Familie liegen in Meißen, Dresden und Breslau, wo er 1937 geboren wurde ebenso wie sein Vater, 30 Jahre vorher. Breslau und Dresden prägten und prägen den Grohmannschen Sprachsound.

Manchmal fragte ich mich bei der Lektüre, wie hat Peter seinen Humor über all die schlimmen Erlebnisse seiner Kindheit gerettet. Oder ist ihm gar daraus ein Galgenhumor erwachsen? Die Bombennächte in Dresden. Vertreibung – mehrfach: Von Breslau im Krieg nach Dresden vertrieben, bei Kriegsende aus Dresden wieder zurück nach Breslau, entgegen den Flüchtlingstrecks. Seine Mutter allein mit ihm und seinem Bruder, von Russen missbraucht. Nicht mit Eisenbahnen gespielt sondern mit Munition und altem Kriegsgelump. Er findet für die verletzte Kinderseele ein wunderbares Bild: Sein Teddi, den er als Kind überall mit hin nimmt, verliert mehr und mehr seine Gliedmaßen. Diese Kindheitsbeschreibungen berührten mich am stärksten.

Als sozialdemokratische Familie glaubten die Grohmanns, in der DDR die richtige Heimat gefunden zu haben. Aber der Sozialismus, der da gebaut wurde, hatte wenig mit Freiheit zu tun, die für die Familie unabdingbar mit dem Begriff verbunden war. Der Vater hatte die stalinistischen Auswüchse seiner Träume in russischer Gefangenschaft erlebt und türmte 1951 nach Westdeutschland, die Mutter mit den beiden Söhnen kurze Zeit später hinterher. Wieder auf der Flucht, aus dem dunklen Thüringer Wald in eine schwäbische Kleinstadt, in die Enge der christlichen Provinz. Nicht gerade die Freiheit, die sich die Grohmanns vorgestellt hatten.

Schule? Die hat Peter Grohmann in seinem Leben nur wenige Jahre besucht. Um so mehr las er später alles, was ihm in die Finger kam, linke Literatur bei den sozialistischen Falken, denen er sich im Westen angeschlossen hatte. Drucker ist er geworden. Er, der so wenig von den Bildungsanstalten verbogen wurde. Aufrecht arbeitete er in der Gewerkschaft. Immer wieder springt er von den biografischen Aufzeichnungen in die politische Aktion. Wie z. B. von der zeit in Zwiefalten (hier waren die Grohmanns nach der Flucht gestrandet)  zur Aktion der 70 km langen Farbspur. Eine Spur der Erinnerung an die Kranken und Behinderten, die in Grafeneck, 30 km von seinen damaligen Heimatort entfernt, im Faschismus ermordet wurden, gezogen bis nach Stuttgart. Das war im Jahr 2009.

Bei den Falken holte er sich das politische Rüstzeug. Er diskutierte über den Aufstand der Arbeiter 1953, interessierte sich für den Kampf der Schwarzen und knüpfte Kontakte in die DDR, seine alte Heimat. Das war im anderen deutschen Staat nicht ganz ungefährlich, selbst wenn man Linker war (und in der SPD). An diesen Stellen kristallisierte sich seine Unabhängigkeit heraus, sein Weg, abseits jeglichen Dogmatismus. Das wird an vielen kleinen Kristallisationspunkten in der Biografie deutlich. Es ist nur konsequent, wie er dabei seinen antimilitaristischen Standpunkt findet. Er ist einer der ersten Kriegsdienstverweigerer in Baden-Württemberg. Respektvoll beschreibt er seinen Mentor und Lehrer Fritz Lamm, einer, an den er sich halten konnte, abseits der parteipolitischen Ausrichtung.

Ganz nebenbei heiratete er auch noch und wurde zweifacher Vater. Mitte der sechziger Jahre, das beschreibt er sehr einfühlsam, hieß das, mit den herkömmlichen Erziehungsidealen zu brechen. Den ersten Kinderladen in Stuttgart hat er mit gegründet. Und den Club Voltaire. Prägend für sein politisch-kulturelles Engagement bis heute. Hier trifft er auf Willi Hoos, Bindeglied zur Arbeiterschaft bei Mercedes Benz, bekommt Kontakt mit der APO und Künstlern aus Stuttgart. Sie organisieren einen Apfelverkauf, um die Bauern im Umland zu unterstützen. So lange gibt es also schon den Gedanken, den wir heute als Fair Trade groß in Szene setzen.

All das beschreibt er in einem lebendigen Stil, die Jahre fließen im Buch nur so dahin. Er springt in den Kapiteln vom historischen Erzählen zu aktuellen Ereignissen, zieht Linien, durch die klar wird, wie alles zusammen gehört und wie sich das eine und das andere aus dem Historischen entwickelt hat. Dabei findet er immer wieder eine Sprache, die zwischen dem Dialekt seiner Mutter und lyrischen Formen changiert. Wunderbar, wie er seine neue Lebenspartnerin charakterisiert, die er über den Aufbau des Theaterhauses in Stuttgart kennen lernte: „Marlis…, die Architektin meines Lebens.“ Wer solche Sätze schreibt, hat das Herz auf dem richtigen (linken) Fleck.

Peter Grohmann breitet uns sein Leben aus, gewährt uns Einblicke in seine Entwicklung auch in sein Scheitern. Sein Versuch nach der Wende in Dresden Fuß zu fassen, einen anderen Weg als den von der herrschenden Klasse dort zu gehen, scheiterte. Ohne Groll gewährt er Einblick in dieses Kapitel seiner Biografie. Die Idee der „Anstifter“ hat er aus Dresden mitgebracht. Ich habe ihn kennen gelernt als Anstifter im Kampf gegen den wahnsinnigen Plan, den Stuttgarter Hauptbahnhof unter die Erde zu legen. Leider ist für mich gerade dieses letzte Kapitel das schwächste in dem Buch. An den Aktionen beteiligte ich mich seit Anfang 2010, kenne sie aus eigenen Erfahrungen. Vielleicht verwebe ich meine Erfahrungen zu sehr mit der Lektüre dieses wunderbaren Buches. Von wegen: „Alles Lüge – außer ich“. Wieder ein Kampf (politisch) verloren. Aber Peter Grohmann macht Mut mit seiner Biografie, hinzustehen, nicht aufzugeben, humorvoll die Dinge anzupacken, immer wieder, Tag für Tag.
Lasst uns gemeinsam ANSTIFTEN!

Peter Grohmann:
Alles Lüge außer ich – Eine politische Biografie
Silberburg-Verlag
320 Seiten, 121 Abbildungen, Format 14,5 x 21,5 cm, gebunden, 24,90 €
ISBN 978-3-8425-1267-2

Ein Buch im Elsternest

24.09.2013 at 18:00

Zen-MediationGerhard Breidenstein ist seit über zwanzig Jahren auf dem Zen Weg. Seine Erfahrungen während der Zen-Sesshins, die er regelmäßig besucht hat, hielt er im Tagebuch fest. Er nimmt den Leser mit auf diesen Weg, den er mit einer Hochgebirgstour vergleicht, wie es schon im Titel aufscheint. Der Titel ist gut gewählt, damit fängt die Schwierigkeit auch schon an: Wer, der im bequemen Sessel sitzt, will sich den Mühen einer Tour im Hochgebirge aussetzen? Kann ich mit dem Versprechen eines wunderbaren Ausblicks diese Menschen motivieren? Ich denke nicht. Zumal in diesem Buch die Schwere der Leichtigkeit überwiegt. Die heiteren Seiten der großen Zen-Lehrer erlangt der Schüler auf dem Sitzkissen eben mal nicht so en passant. Es ist eine anstrenge Reise, auf die uns Gerhard Breidenstein mitnimmt. Das Buch ist eher für Menschen geeignet, die sich auf dem Weg befinden. Ich selber habe mich vor Jahren ebenfalls auf diesen Weg begeben und ich fand viele Stellen in dem Buch, die meine eigenen Erfahrungen widerspiegeln.

Ich bewundere den Mut des Autors, den Leser in seine Tagebücher blicken zu lassen, wenn auch nur in Auszügen. Dabei hat er diese Auszüge nicht chronologisch veröffentlicht sondern geordnet nach Themen. Das erscheint manchmal ein wenig sprunghaft. Es zeig aber immer wieder das Ringen, den Weg weiter zu gehen. Dabei scheut er auch nicht davor zurück, den Leser an persönlichen Abstürzen teilhaben zu lassen.

Das Vorwort hat der bekannte Zen-Lehrer und Professor für Religionswissenschaft, Michael von Brück, geschrieben. Wenn man ihn in einem Sesshin erlebt hat, bekommt man einen Eindruck von dem Ausblick vom Gipfel: Staunend erlebt man ihn, heiter und gelassen. Es wird auf dem Weg eben nicht nur geschwitzt sondern auch herzhaft gelacht.

Michael von Brück ist einer der Zen-Lehrer des Autors. Er hat evangelische Theologie studiert und in langen Aufenthalten in Indien und Südostasien den Buddhismus und den Hinduismus studiert. Der andere, Pater Johannes Kopp, kommt ebenfalls aus dem christlichen Umfeld. So ist dieses Buch auch eine Auseinandersetzung eines christlichen Menschen mit der spirituellen Praxis eines ganz anderen Kulturkreises. Diese Annäherung ist spannend zu lesen.

Noch ein Wort zum Verlag: Das Buch ist im Print-on-Demand Verfahren hergestellt. Gedruckt wird es über TAO.de. Diese Bücher halten die Buchhandlungen in der Regel nicht vor. Der Buchhändler kann es natürlich bestellen. Eine Verbreitung in Kreisen von Menschen auf dem Zen-Weg ist ihm zu wünschen. Einen Einblick in das Buch gibt es hier:
http://www.tao.de/emaillander?books/ID11710/Zen-Meditation—eine-Hochgebirgstour

Der Autor betreibt eine Homepage unter folgender Adresse:
http://www.auf-dem-zen-weg.de