Der Sound des Franz Dobler

27.03.2017 at 23:55
Franz Dobler im Gespräch mit Thomas Klingenmaier

Franz Dobler im Gespräch mit Thomas Klingenmaier

 

Am 25. März 2017 las Franz Dobler im Rahmen der 8. Stuttgarter Kriminächte in Bad Cannstatt. Im hellen Deckenlicht stehend begrüßt die Leiterin der Stadtteilbibliothek, Alexandra Kirchner, die zahlreichen Gäste dieses Abends und Frau Eva Hosemann vom Vorstand des Vereins Stuttgarter Kriminächte e. V. lobt die herzliche Atmosphäre in dieser kleinen Stadtteilbibliothek am Ufer des Neckars. Das Deckenlicht wird ausgeschaltet und von nur zwei Tischlampen beleuchtet beginnen der Moderator, Thomas Klingenmaier, und sein Gast in verhaltenem Ton miteinander ins Gespräch zu kommen. Das ist am Anfang für den Redakteur im Kulturressort der Stuttgarter Zeitung nicht ganz einfach, er hat es mit einem introvertierten Autor zu tun, der sich im Gespräch eher verhalten denn in ausufernden Sätzen äußert. Darin scheint eine große Übereinkunft zwischen Autor und Werk zu bestehen, auch die Sätze in dem Roman Ein Schlag ins Gesicht sind kurz, knapp und präzise, hängen schon mal mit offenem Ende wie kalter Rauch in einer Kneipe im Raum.

Auf dem Buchdeckel steht als Gattungsbezeichnung Kriminalroman

Auf dem Buchdeckel steht zwar Kriminalroman aber Franz Dobler weiß nicht so recht, ob es der passende Gattungsbegriff ist. Es ist auch ein psychologischer Roman und ein Milieuroman. Heute wird ja der größte Teil der Mainstreamliteratur der Gattung Krimi zugeordnet: Die anderen Literaturarten würden wie Fachliteratur auf speziellen Tischen in den Buchhandlungen präsentiert, beschreibt Thomas Klingenmaier die Ordnung in den Buchläden.

Als Franz Dobler seinen ersten Krimi zu schreiben begann, war ihm noch nicht klar, ob es eine Fortsetzung geben würde aber schon bevor er das Manuskript beendet hatte, stand für ihn fest, sein Ermittler Robert Fallner würde ihn weiter beschäftigen. Franz Doblers Freundschaft mit einem Regisseur, mit dem er häufig während des Schreibprozesses diskutierte, trug dazu bei, dass er seine Romane eng an die Schnitttechnik im Film anlehnte.

Am Ende des ersten Fallner Krimis, Ein Bulle im Zug, der seinen Helden auf eine schier endlos lange Zugfahrt quer durch die Republik schickt, stand dessen Entlassung aus dem Polizeidienst. Diese Vorgeschichte zu Ein Schlag ins Gesicht wurde 2015 mit dem ersten Platz beim Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Für die Fortsetzung bekam Franz Dobler 2016 den dritten Platz beim Deutschen Krimipreis.

Nach zwanzig Bullenjahren ist Faller Ex

Zwanzig Jahre war Fallner Polizist, dann hat er hingeschmissen. Er hatte im Dienst einen kriminellen Jugendlichen erschossen, der die Waffe auf ihn gerichtet hatte. Der Ex-Bulle Robert Fallner heuert bei der Securityfirma seines Bruders an und sucht nach dem Stalker eine Ex-Schauspielerin in seinem Ex-Revier. Sie hat den Auftrag an seinen Bruder gegeben, ihr den fiesen Stalker vom Hals zu halten. Die ehemalige Sex-Darstellerin Simone Thomas hat schon einiges hinter sich: zwei Ehemänner, dreiundvierzig Jahre Showgeschäft, dutzende Nacktfotos, diverse Filmproduktionen, Drogenexzesse, Yellow-Press-Skandale. Franz Dobler schickt seinen Held Robert Fallner gefährlich nahe heran an diese exzentrische Diva, deren Stalker unberechenbar ist, eben wie „Ein Schlag ins Gesicht“.

Robert Fallner ist ein Mann mit Problemen. Mit seinen Kumpel Punkarmin, 55 Jahre, führt er Männergespräche in „Bertls Eck“ und sie spülen den Ärger, den sie an den Hacken haben, mit Bier hinunter.

Die Sprache Franz Doblers an dem Sujet angepasst

Franz Dobler erzählt eher mosaikhaft, episodisch, vermischt Narratives mit inneren Monologen, mit Reflexionen und Anekdotischem in kurzen, knappen Sätzen, an denen er lange überlegt hat, wie er an diesem Abend preisgibt. Mit herrlichen Sprüchen und auf den Punkt genau sitzenden Dialogen beschreibt er seine Helden oder besser gesagt, seine Antihelden in der alten Münchner Kneipenszene rund um den Hauptbahnhof. Er ist stets auf der Suche nach dem richtigen Sound in seiner Sprache, hat einen hohen Sinn fürs Komische, fürs Bizarre und fürs Poetische. Und wenn er Brutales beschreibt, ist seine Sprache ungeschliffen. Da ist er ganz nah dran an den Großen des Kriminalromans wie Elmore Leonard, den er als Vorbild angibt. Der hätte einmal gesagt: „Kümmere dich nicht darum, was deine Mutter von deiner Sprache hält“. Franz Dobler ist nicht an Pathologieberichten interessiert, aus denen seine skandinavischen Kollegen bei der Suche nach Serienkillern so gerne und oft zitieren. Auch sind die Crime-Elemente eher spärlich gesät, und mancher Leser hat schon kritisiert, dass das nicht als Krimi bezeichnet werden sollte.

Damit ist er sehr nah an dem Großmeister des lakonischen Krimis, Friedrich Ani, der seinen Ermittler Tabor Süden auch als einen beschreibt, der sich in Kneipen „bebiert“ und eher schweigt als große Reden schwingt.

Ein Schlag ins Gesicht
Roman
365 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klett-Cotta, Tropen, Preis 19,95 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte

Für Walle Sayer ist kein Raum zu klein

19.03.2016 at 12:53
walle sayer

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Walle Sayer legt im Klöpfer & Meyer Verlag seinen neuen, achten Band mit Kurztexten vor. Es scheint eine fruchtbare und verlässliche Zusammenarbeit zwischen dem Wortedrechsler und dem Tübinger Verlag zu geben. Seinen titelgebenden Text hat er wohl auch deshalb seinem Verleger Hubert Klöpfer gewidmet.

Der achte Band trägt als Gattungsbegriff Feinarbeiten. Manche Bände tragen sprechende Untertitel, etwa: Ein Erzählgeflecht,  nennt als Untertitel: Eine Innenansicht des Wesentlichen oder auch Miniaturen, Notate und ein Panoptikum. Drei seiner Bände tragen als Untertitel schlicht Gedichte. Alle seine Bücher zeichnet die Liebe zum Sprachdetail aus, die Walle Sayer versteht, in wenigen Zeilen oder Strophen auszudrücken. Seinen Blick für die kleinen, alltäglichen Dinge hat der in Birlingen geborene und heute mit seiner Familie in Dettingen lebende Autor geschärft. Sein Geburtsort liegt nur 17 Kilometer von seinem heutigen Wohnort entfernt. Weit weg gekommen ist der Autor nicht aber das braucht er auch nicht, seine Beschreibungen verorten sich ebenso in kleinem Umkreis. Er umkreist seine Themen, sie passen auf eine halbe, maximal auf eine Buchseite. Es gibt auch welche, die sich in drei Zeilen erschöpfen.

Walle Sayer hat seinen Band in 9 Kapiteln strukturiert

In neun Kapitel hat er seine Feinarbeiten eingeteilt und der letzte Text im ersten Kapitel umreißt schon in seiner Überschrift die Arbeitsweise des Dichters: Kleinformatig. Darin heißt es programmatisch: „Sieben auf elf Zentimeter reichen aus, die Welt zu vergegenwärtigen, bevor sie sich auflöst in der Schneestille, im nebligen Hauch über gefrorener Erde.“ Und er beschreibt darin, wie der Museumsleiter seine Mitarbeiterin anhand der Abbildungen im Katalog raten, wie groß ein Bild sein möge: „Untrügliches Zeichen für die Größe dieser Kunst, waren sie unsicher, lagen daneben, standen dann, statt vor dem Gemälde, auf Augenhöhe staunend, vor einer wandfüllenden Miniatur.“ Was Salle Wayer hier für die Bilder beschreibt, gilt ebenso für seine Texte und die Titel seiner Notate sind ebenso kurz, oft nur ein Wort. Aber das sitzt. Als Leser hat man den Eindruck, man stehe unmittelbar an der Seite des Autors beim Betrachten und im Moment seines Betrachtens.

Zeitungsausschnitte als Steinbruch des Schreibens

Ein Kapitel schreibt Walle Sayer über Zeitungsmeldungen, die, ausgeschnitten und gesammelt, ihm als Reflektionsmaterial dienen. Kleinanzeigen, Todesanzeigen und unter Vermischtes über die örtliche Feuerwehr. Und natürlich die Seite mit Leserbriefen, deren Schreiber er kurz und knapp charakterisiert: „Zumindest einige dieser Leserbriefschreiber, die aus vier Sätzen eine grobe Festung erbauen, …“. Hier in der schwäbischen Zeitungslektüre werden Ausdrücke gefunden, die so typisch sind für das Schwäbische: „Allmachtsseckel“ und „Holzschopf“.

Ein ganzes Leben in wenigen Zeilen dargelegt

In manchen Texten schimmern die Erfahrungen durch die der Autor bei seiner Arbeit in der Nachtbereitschaft in einem Heim gesammelt hat. In Selbstmeditation beschreibt er das Armband mit dem Notrufknopf am Handgelenk des tattrigen Alten, der dennoch das Pflegepersonal überlistet, indem er die Nebeltablette heimlich im Klo hinabspült. Oder wie er ein ganzes Lebensschicksal einer alten Frau in einem Satz beschreibt. Das Schnurren des Heimkaters setzt bei ihr einen inneren Motor in Gang: „Sie, die zwei Männer überlebt hat, ihre Kinder nicht mehr erkennt, eine Sturzhose trägt, wird ruhig, wird still, sobald er um die Füße streicht.“ Auch der Leser wird still, wenn er so präzise beschrieben ihr Schicksal auf wenigen Zeilen zusammen geschnurrt erfährt. Manchmal reduziert Walle Sayer einen Satz auch noch um das Verb, ohne dass der Satz ungelenk oder unverständlich wird. Und er beschreibt in lyrisch schöner Sprache, wie Zurückgebliebene auf dem Bahnsteig „mit dem Taschentuch winkend ein Lufteck ausreiben“. Das kann er nur auf einem schwäbischen Kleinstbahnhof beobachtet haben, nicht in der lärmenden Baustelle des Stuttgarter Hauptbahnhofes, auf dem keine Luftecken mehr auszureiben sind.

Seine kleine Welt hat Walle Sayer auf gut hundert Seiten zwischen zwei Buchdeckeln gepackt und lädt den Leser ein, ausgehend von den genauen Beschreibungen, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und selber assoziativ den gegebenen Rahmen in großer Freiheit zu verlassen. Was kann man sich von der Literatur mehr erhoffen? Wer nicht nur selber lesen sondern den Autor lesen hören will, dem bietet sich am 5. April um 19 Uhr 30 in der Stadtbibliothek Stuttgart dazu Gelegenheit. Oder an einem seiner anderen Lesetermine, hier veröffentlicht.

Was in die Steichholzschachtel passte - Walle Sayer

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Was in die Streichholzschachtel paßte
Feinarbeiten
124 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Reuven Moskovitz – der Versöhnung verschrieben

26.01.2016 at 13:47
Reuven Moskovitz

Coverfoto © Julia Littmann

Reuven Moskovitz, ein israelischer Friedensaktivist, bereist seit Mitte der siebziger Jahre regelmäßig Deutschland. Er appelliert nachdrücklich an die Verantwortung Deutschlands, auf die israelische Politik einzuwirken, damit sie ihre verbrecherische Politik gegenüber den Palästinensern aufgibt zugunsten einer Politik der Verständigung, der Versöhnung und des gegenseitigen Respekts. In seinem neuen Buch beschreibt er, wie es zu dieser Politik Israels kam. Dabei verknüpft er sein eigenes Lebensschicksal mit der Entwicklung des israelischen Staates: der aus Rumänien vertriebener Jude war voller Hoffung, in Palästina frei von Verfolgung leben zu können.
Reuven Moskovitzs neues Buch wurde von seinen deutschen Freunden herausgegeben. Reuven Moskovitz hat sich ganz der Versöhnung zwischen Palästinensern und Juden verschrieben. Trotz Rückschlägen in seiner Arbeit ist er sich treu geblieben: Mit seinem eigenen Friedensdorf Neve Shalom / Wahat al-Salam ist er an der Intoleranz gescheitert, die er so heftig bekämpft. Er ist ein „Botschafter der Versöhnung“ ein Prediger für das friedliche Zusammenleben zwischen den jüdischen Einwanderern (den heutigen Bürgern des Staates Israel) und den von diesen vertriebenen Palästinensern.

Der Gründungsmythos des Staates Israel

Reuven Moskovitz hat erkannt, dass der Gründungsmythos des modernen Staates Israel eng verbunden ist mit der Schuld der Deutschen, die die Juden während des Nationalsozialismus ausrotten wollten und Millionen von ihnen umgebracht haben. Deswegen ist ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Friedensarbeit auf Deutschland ausgerichtet. Ein Land, das sich aufgrund seiner Vergangenheit unverbrüchlich an die Seite der israelischen Regierung stellt. Reuven Moskowitz wünschte sich, dass von deutscher Seite ein „freundliches Machtwort“ käme. Doch Deutschland ist aufgrund seiner schuldhaften Verstrickung nicht mehr in der Lage, Kritik an der Politik Israels zu üben, so eine zentrale These des Autors. Mit seinem eigenen Staat geht Reuven Moskovitz hart ins Gericht, charakterisiert ihn  als undemokratisch und rassistisch.

Das Buch Ein Leben für Gerechtigkeit, Liebe und Versöhnung versammelt grundsätzliche Überlegungen und Einschätzungen des Versöhnungsaktivisten zur Entstehung des Konfliktes, wobei persönliche Empfindungen stets mit einfließen. Diese persönliche Sichtweise im ersten Teil des Buches geht zu Lasten einer nüchternen Analyse. Etwa die Hälfte des ersten Teils nehmen die von Reuven Moskovitz in den Jahren 1974 – 2014 geschriebenen Jahresbriefe ein, adressiert an seine Freunde in Deutschland.

Im zweiten Teil des Buches sind sowohl seine offenen Briefe an offizielle deutsche Stellen abgedruckt als auch das Medienecho darauf. Es ist die unkommentierte Übernahme dieser deutschen Pressestimmen.

Im dritten Teil kommen Weggefährten vom Reuven Moskovitz zu Wort. Es sind ausnahmslos Deutsche, keine Stimme aus Israel ist dabei, wiewohl es die sicher gibt. So spricht sich z. B. der hierzulande geschätzte Autor Amos Oz für eine Zwei-Staaten-Lösung aus und engagiert sich seit Jahrzehnten in der zur Friedensbewegung zählenden Organisation Schalom Achschaw (Peace Now). Seinen letzten Roman Judas zitiert Reuven Moskovitz im vorliegenden Buch. Der Roman Judas thematisiert die Auseinandersetzungen in den frühen Jahren der Staatengründung und die Frage, wie mit den Palästinensischen Bewohnern umgegangen werden soll. Es hätte dem Buch gut getan, dass die Arbeit und die Standpunkte von Reuven Moskovitz auch von engagierten Friedensaktivisten in Israel kommentiert worden wären. Mit einigen Schlussbetrachtungen von Reuven Moskovitz endet das Buch.

Reuven Moskovitz als Aufklärer in Deutschland

Die Frische, die diesen Friedensaktivisten bei Veranstaltungen in Deutschland auszeichnet – glaubt man den Berichten seiner Weggefährten im vorliegenden Buch – vermittelt das Buch leider nicht. Der Mensch Reuven Moskovitz wird beschrieben ohne erfahrbar zu werden. Das liegt vor allem an der Sammlung unterschiedlicher Stimmen und Aspekte, denen eine Struktur fehlt. Martin Breidert und Ekkehart Drost haben es ohne Verlag heraus gebracht. Dabei hätten ein professionelles Lektorat und ein erfahrener Buchgestalter dem Buch gut getan. So wurden auf knapp 260 Seiten viele Dokumente zusammen getragen, die nicht gewichtet wurden und kein homogenes Ganzes ergeben.

Reuven Moskovitz wird im April / Mai diesen Jahres wieder nach Deutschland kommen, für die Leser dieses Buches eine Gelegenheit, ihn persönlich zu erleben. Die AnStifter werden versuchen, eine Veranstaltung mit Reuven Moskovitz in Stuttgart zu organisieren. Das Buch bietet Gelegenheit, sich auf diesen Menschen einzustimmen.

Ein Leben für Gerechtigkeit, Liebe und Versöhnung
Herausgegeben von Martin Breidert und Ekkehart Drost
256 Seiten, 19 Farbfotos, Paperback mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-00-049873-2

Das Buch ist zum Preis von 15 € plus Versandkosten zu beziehen über:
Gesine-Anna Janssen
Klunderburg 1
26736 Krummhörn
gesine-anna.janssen@t-online.de

 

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes wurde nicht der Wunsch Reuven Moskovitzs erwähnt, dass Deutschland ein Machtwort an die Regierung in Tel Aviv richten sollte. Dieses Anliegen sowie der Hinweis, dass der Autor in Israel nicht die einzige Stimme ist, die so denkt, habe ich im Text ergänzt.

Ein Interview mit Reuven Moskovitz führte der Journalist Dr. Sebastian Engelbrecht am 09.02.2016 für die ARD in Tel Aviv, in dem dieser seine Thesen aus dem Buch erläutert und seinen Wunsch nach einem Machtwort von Seiten Deutschland äußert.

Sylvia von Keyserling dichtet im Rosenstein

10.11.2015 at 16:24
Sylvia von Keyserling Rosenstein

Steter Wandel

Die Lyrikerin Sylvia von Keyserling hat einen ungewöhnlichen Band mit Gedichten über den „Rosenstein“ vorgelegt. Dieser große Park im Stadtzentrum Stuttgarts ist Anfang des 19. Jahrhunderts gestaltet worden und hat im Laufe seiner Geschichte immer wieder Umwandlungen und Eingriffe erlebt. Seine Flora und Fauna haben Sylvia von Keyserling angeregt, über Natur nachzudenken. Die großen Parkbäume, teils mehr als hundert Jahre alt, rückt die Lyrikerin in ihrem Gedichtband in den Mittelpunkt. Sie beschreibt in lyrischer Sprache nicht nur die Stimmung im Wandel der Jahres- und Tageszeiten, sondern breitet auch eine neue, ungewöhnliche Sicht auf die Zellen der Bäume und die Kommunikation der pflanzlichen Welt aus.

Wir kennen die Bedeutung der Zellen, wissen um die Botenstoffe im menschlichen Körper, sind auf dem Weg, „innerkörperliche Kommunikationsphänomene“ zu verstehen. Die westliche Wissenschaft und Medizin hat sich deutlich später als die fernöstliche mit diesen Phänomen auseinander gesetzt. In diesem Band überträgt Sylvia von Keyserling diese Erkenntnisse auf die Bäume und lenkt den Blick auf die Kommunikation und den Austausch in der pflanzlichen Welt:

„Mit Sinnen so großzügig ausgestattet
allein das unterirdische Wurzelwerk
streckt seine Fühler aus um zu riechen
zu schmecken zu tasten im stetem Ge-
murmel von Wurzel zu Wurzel“

Sylvia von Keyserling lässt das romantische Naturgedicht hinter sich

Sie geht weit über das bekannte Naturgedicht der Romantik hinaus und der Leser folgt ihr neugierig-staunend auf ihrem lyrischen Weg durch den Rosensteinpark. Da werden nicht nur Rosen als farbenprächtige, duftende Gewächse beschrieben, ihnen wird ein „Duftalphabet“ zugesprochen, das sie ausschütten:

„zwischen sich in der Nacht und spielen
Scrabble | setzen Zeichen an Zeichen Ge-
rüche Enzyme auch Aufgelesenes ein
Oxymoron“

Im Gedicht „Lettern“ spricht sie vom „Schattenalphabet der Bäume“. All das fordert den Leser auf, mit anderen Augen, mit neuem Blick, durch diese wunderbare Naturlandschaft inmitten der Großstadt Stuttgart zu gehen und sich neu auf die Natur einzulassen, den Stimmungen der Jahreszeiten nachzuspüren und „das Gelände durchmessen wie das Schauen selbst“. Damit stellt sie sich explizit gegen eine durch naturwissenschaftliches Denken eingeengte Wahrnehmung.

Fotodokumentation

In der Gesamtkonzeption hat sich Sylvia von Keyserling nicht nur auf ihre kraftvollen Sprachbilder verlassen, sondern hat ihnen die großformatigen Fotografien von Wolfgang Rüter zur Seite gestellt, der mit seiner Kamera das Projekt Stuttgart 21 kritisch begleitet. Einige Bildseiten erinnern in ihrer Gestaltung an ein Do-it-yourself-Fotobuch, das kleinformatige Bilder in Kachelformat zu einem Ganzen formt. Damit unterstreicht Sylvia von Keyserling nicht ihre ungewöhnliche, lyrische Bildsprache sondern schwächt sie ab. Wolfgang Rüter hat seine Bilder des Rosensteinsparks auch in einem Kalender veröffentlicht, der zeitgleich im selben Verlag (Nikros) erscheint. Als Freund der Lyrik hätte ich mir statt der vielen bunten Fotografien weniger, aussagestärkere Schwarzweißbilder gewünscht, die, ähnlich wie die Lyrik, von der Reduktion und Verdichtung leben. Der Rezensent hätte sich auf dem Buchcover den Namen des Fotografen Wolfgang Rüter gewünscht. Immerhin hat er diesem Rosenstein-Band seinen Stempel aufgedrückt. Der Nikros Verlag erwähnt ihn auf der Rückseite des Buches.

Historie für Parkspaziergänger

Ein langer Aufsatz zur Historie des Rosensteinparks von Olaf Schulze und eine Rosensteinchronik der Autorin ergänzen den Band. Aber ist das wirklich eine „Ergänzung“? Der Leser bleibt letztendlich ratlos zurück, wenn er diese Hommage gelesen hat.

Der am Rosenstein interessierte Leser hätte sich mehr Informationen zur Entstehung dieses Parks gewünscht, gerne auch mit historischen Zeichnungen, die in dieser Konzeption das Buch noch weiter überfrachten. Der Rezensent hat als protestierender Bürger jahrelang gegen das Projekt S21 aufbegehrt und hätte sich kritischere Ausführungen zu den Herrschaftsverhältnissen in Württemberg gewünscht. Darüber ist im Aufsatz des Historikers leider nichts zu finden. Es hätten Linien gezogen werden können, von den monarchistisch-autoritären Herrschaftsformen bis hin zu den demokratischen, die den Souverän nicht zu Wort kommen lassen. Er hätte die immerwährende Umgestaltung und Veränderung dieses Parks als Metapher nehmen können, die Sylvia von Keyserling in ihrer Chronik dokumentiert. So ist der „Blick in die Geschichte“ von Olaf Schulze letztendlich eine gefällige Beschreibung für Parkspaziergänger.

Politische Statements in lyrischem Gewand

Sylvia von Keyserling hat in ihrem Epilog die aktuelle Naturzerstörung hineingenommen, findet aber nicht mehr die kraftvollen Sprachbilder, die sie in den reinen Naturgedichten verwendet hat. In diesem Epilog kritisiert sie:

„Einem derart rohen Eingriff ins Gartengeflecht
vom Aufmarsch von Gerätschaften und Männern den
Zangen des Holzbrechers“

und an anderer Stelle im Gedicht:

„Wie erleben denn Bäume Gewalt und Schmerz
empfinden sie wie der geschredderte Igel wie wir“

Sind diese Verse mit Baggerzangen, verstörten Eichhörnchen und gebrochenen Baumstämmen bebildert, weil sie ihren lyrischen Bildern nicht mehr traut?

Trotz dieser Kritik an der Gesamtkonzeption des neuen Lyrikbandes von Sylvia von Keyserling, ist es ein Buch, das neue Sichtweisen auf die Natur im Rosensteinpark eröffnet.

ROSENSTEIN
Hommage an ein Stuttgarter Kulturdenkmal

64 Seiten, gebunden
mit 45, größtenteils großformatiger Fotografien von Wolfgang Rüter
und einer allgemeinen Bauzeichnung von 1843 an drei Stellen
Nikros Verlag, Preis: 16,80 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Ulrike Schäfer – Mit Blattgold malen

31.08.2015 at 17:14
Ulrike Schäfer

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Ulrike Schäfer veröffentlicht im Klöpfer & Meyer Verlag ihren ersten Erzählband. Von Januar bis Ende März 2015 war sie Stipendiatin im Schriftstellerhaus und hat bei einer Lesung im „Häusle“ bereits einige Geschichten vorgestellt, die Eingang in diesen Band gefunden haben. Sie hat das Stipendium im Schriftstellerhaus genutzt, den Band fertig zu stellen und einige Geschichten umzuschreiben. Sie berichtete im Stipendiaten-Blog des Schriftstellerhauses, wie schwer die Geburt der umfangreichsten Geschichte „Stück Land“ gewesen ist, wie sie diese Geschichte noch einmal komplett entkernt hat. Dieses mehrfache Um- und Überarbeiten hat sich gelohnt, die Geschichte hat es in den Band geschafft. Ulrike Schäfer ist für ihre Erzählungen mehrfach ausgezeichnet worden, und so ist es umso erfreulicher, dass mit Nachts, weit von hier ihre Erzählungen in einem Band vorliegen.

Die 1965 in München geborene, heute in Würzburg lebende Autorin, erzählt mit leichter Hand. Zwei drittel der achtzehn Geschichten sind aus der Ich-Perspektive geschrieben. Die Ich-Form erzeugt das Versprechen einer Nähe, die durch das Andeuten, das Tasten der Sprache nicht eingelöst wird. Wo die Sprache ausführlicher, ausufernder Romane den Leser sicher durch die Zeilen führt, entlässt die Sprache von Ulrike Schäfer den Leser immer wieder in die Weiten der Fantasie. Ähnlich der Lyrik, die mit Bildern und Auslassungen arbeitet, beschreib die Icherzählerin ihre Erlebniswelt.

Man hat beim Lesen der Geschichten den Eindruck, Ulrike Schäfer hat ihre Sprache in der Residenz Würzburg gefunden, diesem prächtigen Barockbau der Fürstbischöfe aus dem 18. Jahrhundert. Aber im Gegensatz zu den Bildhauern und Künstlern der damaligen Zeit hat sie nur das zarte Blattgold zur Veredlung ihrer Geschichten verwendet. Die Sprache ist schwebend, leicht wie Spinnennetze in der Sonne. Und wie ein Spinnennetz zerreißt sie auch schnell und plötzlich blickt man in eine ganz andere Wirklichkeit, erschließt sich eine zweite Ebene, von der man zu Beginn der Geschichte nichts ahnte. Sie erzählt von Alltäglichkeiten, z. B. wie „ihre“ Mutter „ihren“ Vater zu lieben begann, veredelt diese Alltäglichkeit liebevoll mit ihrem Sprachgold. Eine große Empathie zu den Figuren scheint durch die Geschichten. Als Leser partizipiert man an der Empathie und so entsteht häufig ein warmes Gefühl in der Herzgegend – ganz anders, viel tiergreifender als in der Trivialliteratur. Und deswegen sind die Geschichten nie trivial. Immer gut gebaut und auf sprachlich hohem Niveau erzählt.

Ulrike Schäfer gewährt uns Einblicke ins Leben

Die achtzehn Geschichten des Bandes von Ulrike Schäfer geben achtzehn Einblicke in das Leben ihrer Figuren. Ihre Geschichten haben keinen großen Umfang, fünf, zwölf Seiten, nie über neunzehn Seiten hinausgehend. Und doch hat man als Leser das Gefühl, mit den Menschen aus den Geschichten verbunden zu sein, Freunde gewonnen zu haben, bzw. aufgefordert zu sein, sich auf die Suche nach diesen Menschen zu machen, um ihnen nahe zu bleiben.

Für die titelgebende Geschichte, „Nachts, weit von hier“, hat die Autorin 2014 den Jurypreis des Irseer Pegasus erhalten. Die Geschichte erzählt von einer Gewalttat gegen ein Frau und die Icherzählerin, die diese Tat von ihrem Hotelzimmer aus beobachtet, ist nicht in der Lage einzugreifen, ist nicht in der Lage die Polizei zu rufen, denn sie ist sich nicht sicher in der Beurteilung des Gesehenen. Auch die Sprache vermittelt diese Undeutlichkeit:
„Ob es diese Frau je gegeben hat, kann ich nicht sagen.“

So beginnt die Geschichte aber dann kann sie die Frau in ihrer Wehrlosigkeit doch beschreiben:
„Die Augen der Frau waren Schatten in ihrem Gesicht und ihre langen Haare flossen um sie herum auf den Gehsteig.“

Und sie tastet sich durch die Wirklichkeit ihrer Protagonistin:
„Immer ist es, wie wenn ich ein Labyrinth betrete ohne die Möglichkeit, Brotkrumen als Wegweiser zu streuen oder einen Faden zu spannen. Ich bin daher wortkarg während dieser Momente des Geführtwerdens und habe mir einen mechanischen Small Talk angewöhnt.“
Geführt wird der Leser der Geschichten in den seltensten Fällen aber immer wieder verführt von ihren federleichten Worten.

Ulrike Schäfer erzählt von Glücksmomenten im Leben ihrer Protagonisten aber auch von Gefahren, Abstürzen und Tod. Beide Erfahren werden bei ihr nicht ausbuchstabiert,
weder G L Ü C K noch V E R L U S T. Sie ist eine Meisterin der tastenden Beschreibung. Der Leser wünscht sich mehr von der Sprachlabsal dieser Autorin.

Ulrike Schäfer "Nachts, weit von hier"

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Nachts, weit von hier
Erzählungen
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens