Der Lichtzauberer Günter Guben

29.04.2017 at 11:57
Günter Guben erklärt seine Fototechnik

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Detalliert erklärt Günter Guben bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Graphein – Panta Rhei“ wie er bei den Aufnahmen dieser Lichtbilder vorgegangen ist.

Ein Streichertrio hatte die Vernissage am 28. April 2017 um 20 Uhr in der Galerie InterArt musikalisch eröffnet. Die drei Ausstellungsräume der Galerie sind bis auf den letzten Platz besetzt. Günter Guben ist ein gern gesehener Gast in der InterArt. Länge Zeit hat er im Vorstand des Trägervereins gearbeitet.

Günter Guben ist nicht nur Fotograf und Zeichner sondern auch Schriftsteller. Er liest einen seiner sehr dichten und humorvollen Texte. Diese handelt von der Verwandlung einer Fotografie und dem Verlust der als real angenommenen Wirklichkeit. Damit erweitert er seine fotografischen Kunstwerke aufs Vortrefflichste.

Mit Licht gemalt

Mit Licht gemalt

Die Ausstellung ist bis zum 27. Mai 2017 zu sehen, jeweils Mi, Do, Fr, von 16 – 19 Uhr und Samstags von 12 – 18 Uhr.

Christa Lippelt in der Stadtbibliothek Bad Cannstatt

17.01.2017 at 15:34
Christa Lippelt

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Wieder einmal stelle ich fest, ich sehe nur das, was mir bekannt ist. Die Bilder von Christa Lippelt hängen schon seit Oktober in der Stadtteilbibliothek und ich habe sie nie wahr genommen. Erst als mich die Künstlerin auf ihre Ausstellung aufmerksam machte, schaute ich mir die Bilder genauer an.

Christa Lippelt, die in Königsberg geborene, ging in Bremen zur Schule und arbeitete als medizinisch-technische Assistentin in Stuttgart, wo sie auch wohnt. Seit ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben hat sie sich ganz der Malerei gewidmet, besuchte verschiedene Kunstakademien und stellt seit 2000 in Einzel- und Gruppenausstellungen ihre Werke dem Publikum vor.

Collagen, Acryl und Ölkreide

Zuerst fiel mir eine Collage auf, in die sie ein Bild ihres vor einiger Zeit verstorbenen Mannes zentral eingebunden hat. Das Bild ist von 2016, entstanden kurz nach dem Tod ihres Mannes. Das Schriftstellerhaus hatte im Dezember 2014 noch eine Lesung mit bereits schwer erkranken Christoph Lippelt veranstaltet und jeder der Anwesenden konnte sich ein Bild von dem feinsinnigen Schriftsteller und Arzt machen, den hier seine Frau in ihrem Bild verewigt hat.

Die hier ausgestellten Bilder stammen aus der Zeit von 2006 bis 2016, viele in kräftigen Acrylfarben gemalt aber auch Ölkreide setzt Christa Lippelt gerne ein, um Akzente zu setzten. Und immer wieder Collagentechnik wie die fünf Tulpenbilder, bei denen sie mit Acryl und Ölkreide Fotos übermalte und einen völlig neuen visuellen Ausdruck schaffte. Schicht für Schicht muss sich der Betrachter diese Bilder erschließen und setzt sie doch anschließend ganz individuell in seinem Kopf wieder zusammen.

Portraits von Romanfiguren aus dem Jahr 2007 öffnen den Blick auf die Chrakterinterpretation der Künstlerin, die man mit seinen eigenen Vorstellungen von Leyla, Yasmin und Sevgi abgleichen kann, so man den Roman von Feridun Zaimoglu gelesen hat, in dem sie vorkommen. Wenn nicht, kann man ihn gleich an Ort und Stelle ausleihen.

Es ist die gekonnte Verteilung von Form und Farben auf dem Papier, die die gemalten Porträts der literarischen Figuren auch hier im Kopf des Betrachters neu entstehen lässt und somit einen anderen Blick auf die vermeintliche Wirklichkeit erlauben, die ja nur eine literarische ist.

Ausruhen nach dem Streifzug in der besucherfreundlichen Stadtteilbibliothek

Neben den vielen „Portraitbildern“ entdeckt man beim Streifzug durch die Stadtbibliothek großflächige Landschaftsbilder der Künstlerin von nächtlichen Inseln oder den Monte Baldo, diesem imposanten Bergmassiv am Gardasees. Hat man sich an all den Farben und Formen der Künstlerin Christa Lippelt satt gesehen, so bietet die Stadtbibliothek dem Besucher in der Leseecke einen Kaffee oder Espresso an, bei dessen Genuss die Eindrücke nachwirken können.

Die im Oktober 2016 eröffnete Ausstellung ist noch bis Anfang April diesen Jahres in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt, Überkinger Str. 15 in Stuttgart zu sehen.

„Einfach mal den Schnabel halten!“,

19.11.2016 at 15:48
Schnabel halten

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zwitschert die Lerche.
„Wieso denn det?“, keckert die Elster.

Kirchberg im Herbst

Kirchberg im Herbst

 

Rückwärtiges Samu

Rückwärtiges Samu

 

Bei Loretta „Jazzen und Schmazzen“

09.07.2016 at 16:28
Martin Wiedmann, Markus Bodenseh und Roland Weber jazzen bei Loretta

Martin Wiedmann, Markus Bodenseh und Roland Weber jazzen bei Loretta

 

Biegt man von der Tübinger Straße, vom Marienplatz kommend, rechts in die Römerstraße ein, sieht man nach ein paar Metern ein angerostetes Ladenschild: „Alimentari da Loretta“. Nun ist die Gegend um den Marienplatz kein Nobelviertel und man denkt sich nicht viel bei dem Anblick des in die Jahre gekommenen Schildes. Tritt man jedoch in der Römerstraße 8 bei Loretta über die Schwelle, fühlt man sich in ein kleines Restaurant irgendwo in der Toskana versetzt und gleich wird man hineingezogen in eine verträumte Welt. Die Fassade verdeckt einen Kleinod, dessen Entdeckung sich lohnt. Loretta Petti, eine freundliche, resolute Köchin, die in ihrem Laden nicht nur erstklassige italienische Speisen zubereitet sondern Kultur als Geschmacksverstärker geschickt einsetzt. Am 8.7.2016 standen im Alimentari da Loretta zum 49. Mal drei Jazzmusiker auf der Bühne und unterhielten nach dem wohlschmeckenden Essen die Gäste mit Jazzstandarts. Loretta bietet an ihren Abenden neben der Musik auch Lesungen, Rezitationen manchmal auch Vorträge und Diskussionen zu speziellen Themen.

Im Speiseraum von Loretta schweben Düfte und Klänge

In den kleinen Speiseraum von Loretta entsandte die halbakustische Fendergitarre von Martin Wiedmann einen warmen, runden Ton, dessen Wärme er dem wunderbaren Röhrenverstärker „Mesa Boogi“ zu verdanken hat. Markus Bodenseh am Kontrabass bildete das rhythmische Fundament, auf dem sich Roland Weber am Vibraphon und Martin Wiedemann sicher bewegen konnten.

Es wippten die Füße der Gäste, der Swing ging in die Beine, als das Trio bei sommerlichen Temperaturen ein Potbourri aus Samba-Rhythmen den Abend einläutete. Wie eine angedeutete Phrase huschte das Girl von Ipanema immer wieder durch den Sommersamba. Das Trio nahm sich mit viel Spielfreude neben Jazz-Standards auch seltener gehörten Stücken an, auch Musik eines längst vergessenen Films oder Musicals. Kurz vor Ende des ersten Sets kam der Überraschungsgast auf die Bühne. An diesem Abend war es der Stuttgarter Saxophonist Jürgen Bothner. (Über seinen druckvollen Bigband-Sound mit der Band des Helene-Lange-Gymnasiums habe ich hier berichtet.)

Das Dolce von Loretta: raffiniert!

In der Pause versorgte Loretta ihre Gäste mit Dolce: Eissorbet. Die rote Kugel ist kein Himbeereis sondern hergestellt aus Blutorangen. Die weiße Kugel ist Parmesaneis. An der Seite der beiden Kugeln frittierte Früchte, alles auf eine Spur Honig drapiert. Es sind die einfachen Gerichte, die, wenn sie mit Liebe zum Detail hergestellt sind, nicht nur satt machen sondern glücklich.

Der Nachtisch ist gegessen und im zweiten Set spielten die drei Musiker, unterstützt von dem Gast-Saxophonisten, Jazzoriginals und abwechslungsreich bearbeitete Standards. Straight ahead Jazz eben. Mit schwebenden Vibraphonklängen und virtuosen Gitarrensoli auf gut gebautem Bassfundament, wie im ersten Teil. Eine Verbindung zur Fußballeuropameisterschaft wurde hergestellt, als Roland Weber ein Potbourri einer bekannten Popgruppe ankündigte, die bei ihren ersten Auftritten ähnliche Frisuren wie der Bundestrainer Jogi Löw trugen. Nach wenigen Takten war klar, um wen es sich handelte: Die Beatles.

Die Veranstaltung Jazzen und Schmazzen findet normalerweise einmal im Monat donnerstags statt. Aufgrund des Halbfinales hatte Loretta kurzfristig die angemeldeten Gäste über die Verschiebung informiert. Informationen zu den Kultur- und Genuss-Veranstaltungen von Loretta gibt es auf ihrem Blog.

Lust auf Kunst?

05.04.2016 at 16:37
Lust auf Kunst in der GEDOK

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Dies fragten 5 Künstlerinnen der GEDOK am 2. April während der „Langen Nacht der Museen“ ihre Besucher in der Galerie der GEDOK. Dort hatten die Textilkünstlerin Tiina Kirsi Kern, Monika Kurz-Werner (Fotografie und Druck), die Gestalterin für Schmuck und Alltagsobjekte Nicole Eitel, Bettina Kohlen (Bildhauerei und Kunstkeramik) und die Filzkünstlerin Tatjana Seehoff ihre Schätze aufgebaut. In langen Diskusionen hatten sie überlegt: Wie präsentieren wir unsere Werke? Welche Präsentation macht Lust auf den Inhalt? Wie wichtig darf sich die Präsentation nehmen ohne den Inhalt zu verdrängen? Gibt die Wertigkeit der Verpackung Aufschluss über den Wert des Inhalts? Müssen die Werke zum Betrachter kommen? Wie viele Betrachter dürfen ein Werk sehen? Ihre Antwort auf all diese Fragen packten sie in Weinkisten. Ein ganzes Raumobjekt aus diversen Holzkisten, die normalerweise edle Tropfen beherbergen, hatten die fünf Künstlerinnen zu einem Gesamt-Kunstobjekte arrangiert. Staunend näherten sich die BesucherInnen und entdeckten Schätze aus den Schaffensprozessen der Künstlerinnen.

Einblicke und Ausblicke in der GEDOK

Lose in der GEDOK

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Um einen anderen Blick auf die Kunst zu werfen, gab es für die BesucherInnen diverse „Sehhilfen“: Vom Opernglas über Prismenröhren bis hin zu Gitterblenden, die je nach Anwendung neue Einsichten und Aussichten ermöglichten. Eine besondere Annäherung an die Kunst bot die große Los-Installation. Dort konnte sich jeder eine Losrolle abschneiden und eine Skizze, einen Druck, ein Gedicht oder ein Stück Stoff mit nach Hause nehmen. Erstaunte Gesichter immer wieder bei dem Hinweis, die Lose seien kostenlos. Ein kleiner Hinweis darauf, dass sich der Wert von Kunst oft nicht in Geld ausdrücken lässt, wiewohl die Künstlerinnen mit dem Verkauf ihrer Werke ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen.

Einblicke in die Werke der Künstlerinnen finden sich auf diesen Webseiten:
Bettina Kohlen
Monika Kurz-Werner
Nicole Eitel
Tatjana Seehoff
Tiina Kirsi Kern

Internationaler Frauentag – bunt und fantasievoll

10.03.2016 at 12:11
Justyna Koeke mit ihren Models gestalten den diesjährigen internationalen Frauentag.

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Völlig aus dem Rahmen zelebrierte die Künstlerin Justyna Koeke mit ihren Models den diesjährigen internationalen Frauentag. Die Stadtbibliothek Stuttgart hatte der Performancekünstlerin ihren zentralen Raum, das „Herz“, für eine Modenshow unter dem Motto „Prinzessinnen und Heilige“ zur Verfügung gestellt. Der Andrang der Zuschauerinnen und Zuschauer war überwältigend. Justyna Koeke hatte nach Kinderzeichnungen von ihr und ihrer Schwester Kostüme gestaltet, die 15 Models präsentierten. Die Models fand die Künstlerin in verschiedenen Altenheimen.

Doch zu Beginn der Fashion Show zeigte die finnische Künstlerin Mimosa Pale ihre „Cotton Candy Performance“:

Die finnische Künstlerin Mimosa Pale

Cotton Candy Performance

Zur Musik tanzend, mit Essstäbchen auf dem Körper, kleidete Mimosa Pale sich zusehends in Zuckerwatte, die in zwei Zuckerwattebottichen hergestellt wurde, wie man sie vom Jahrmarkt her kennt. (Video der Performance hier.) Nach der Cotton Candy Performance rollten zwei Helfer schnell die erste Teppichlage von den Laufstegen, so dass die Seniorinnen befreit von Zuckerwatteresten positiv und energiegeladen ihre farbenprächtigen Kostümen als surreal-fantastische Prinzessinnen und Heilige auf dem Laufsteg präsentieren konnten.

Frau mit Puppe von Justyna Koeke

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Traumwelten von Justyna Koeke

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Justyna Koeke hatte die Kinderzeichnungen in detailverliebten Entwürfe übertragen und Kostüme geschneidert, die ebenso sehr Skulptur sind wie Haute Couture, aber auch als Nachstellung vergangener Träume erscheinen. Die Seniorinnen interagierten als Models mit den Kunstwerken. Als Prinzessinnen und Heilige inszeniert, erweckten sie die Skulptur gewordenen Kindheitsträume zum Leben.

Die Künstlerin Justyna Koeke

Justyna Koeke präsentiert die Beteiligten an der Show

Die Choreografie gestaltete Lisa Thomas, für die musikalische Untermalung sorgten die Musikerinnen Katharina Wibmer an der Geige und Monika Nuber am Kontrabass. Sie mischten osteuropäisch-folkloristischen Klänge mit experimenteller Musik.

Türkischer Honig – 15 Abrahams Erben

24.09.2015 at 14:21
Schlachten in der Tradition Abrahams

Schlachten in der Tradition Abrahams

 

Drei große Weltreligionen berufen sich auf den Stammvater Abraham: Das Judentum, das Christentum und der Islam. Am 23. September wird dieses Jahr das traditionelle Opferfest der Muslime gefeiert.

M. beobachtete schon seit Tagen, wie Hammel zu den Häusern gebracht wurden. Blökend standen sie da und harrten ihrem Schicksal entgegen. Am 24. ging es ihnen an den Kragen oder besser gesagt an die Gurgel. M. streifte durch den Ort, um die Schlachtstätte zu finden. Er fand sie nicht. Als er sah, wie seine Nachbarin ihren Hammel wegführte, ging er ihr nach und traf auf eine Gruppe, die einem „Schlachter“ zusah, wie er einem Hammel das Fell abzog (der Kopf war schon abgetrennt, deswegen konnte man dem Tier nicht das Fell über die Ohren ziehen). So gedenken die Menschen in den muslimischen Ländern Abraham, der auf Geheiß Gottes, anstatt seines Sohnes, einen Hammel schlachtete.

M. und seine Begleiterinnen bekamen von ihrem Nachbarn ein Stück Hammel als Geschenk. Er denkt an die Flüchtlinge aus Syrien. Beschenken wir sie auch, die wir sehr viel reicher sind als der Nachbar von M. in Kas?

Türkischer Honig – 14 Pfannkuchen

18.09.2015 at 21:00
Pfannkuchen: gerollt und gefaltet

Pfannkuchen: gerollt und gefaltet

 

Auf dem Markt in Kas fand M. und seine Begleiterinnen nicht nur die köstlichsten Gemüse und süßes Obst, von der Sonne verwöhnt, sondern auch diese Pfannkuchenproduktion. Immer drei Frauen arbeiten zusammen: eine, die den Teig ausrollt, auf einem großen kreisrunden Brett, eine, die den Teig mit Kräutern und Käse füllt und die dritte, die ihn ausbäckt. Dazu einen Chai – einfach herrlich!

Türkischer Honig – 13 Autos

17.09.2015 at 21:00
Geschützt!

Geschützt!

 

Autos sind weltweit für ihre Besitzer Statussymbole. Ob in Deutschland, der Türkei oder in China (M. war noch nie dort, kennt allerdings den rasanten Zuwachs an Fahrzeugen, auch der Luxusklasse).

Wenn M. von seiner Ferienwohnung zum Ortskern schlendert, begegnet er diesem eingepackten Auto. In einigen Pflastersteinen rings um den Wagen hat sein Besitzer Halteringe verankert. So kann der Stoff einfach mit Kordeln befestigt werden, der das Fahrzeug gegen Sonne und Staub schützen soll.

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Der Besitzer dieses Statussymbole hat den Schutz seines Wagens gänzlich aufgegebenen. Am Strand von Demre rostet es vor sich hin, lose Teile der Karosserie hat er mit Strick festgebunden. Für Fahrten in den Ort taugt es.

Türkischer Honig – 12 Gräber

16.09.2015 at 21:00
Felsengräber in Myra

Felsengräber in Myra

 

M. schlendert gerne über Friedhöfe, geben sie doch Einblicke in die Traditionen des Umganges mit den Toten. In diesen Tagen, da das Sterben im Nahen Osten so deutlich zutage tritt, unterstreichen die Felsengräber von Myra ihre Botschaft an die Lebenden: Ehret die Toten! In Myra wie auch an anderen Stätten des lykischen Reiches hat man die Toten prunkvoll bestattet, hat ihnen „Häuser“ in den Fels geschlagen. Damit nicht genug. Einige der Gräber wurden außen überdies mit kunstvollen Reliefs verziert.

Wie anders geht man mit den Toten um, die auf der Flucht aus den Bürgerkriegsregionen des Nahen Ostens an den Küsten Europas stranden, deren Boote bei der Überfahrt gekentert sind. Sie bekommen einen Leichensack, manchmal nicht mal das. Europa muss eine Willkommenskultur entwickeln, die den Lebenden aber auch den Toten Respekt zollt.

Türkischer Honig – 11 Patara: Ruinen im Sand

15.09.2015 at 22:00
Das erste demokratische Parlament der Welt

Das erste demokratische Parlament der Welt

 

Auch die heute teils hitzig geführte Diskussion um „Wirtschaftsflüchtlinge“ wird an der antiken Stadt Patara ins Licht der Geschichte getaucht. Patara, seit dem 7. Jh. v. Christus besiedelt, gehörte zum Lyrischen Bund. Das Parlamentsgebäude, in dem der Lykische Bund tagte, umfasste 1455 Sitze! Es war das erste demokratische Parlament der Welt. Der Untergang der Stadt wurde durch den Sand besiegelt, der stetig vom Xanthosfluss zur Flussmündung geschwemmt wurde und den Hafen und die Stadt allmählich versanden ließ. Im 14. Jahrhundert wurde die Stadt aufgegeben.

Auch heute bedroht der Sand und die Versteppung die Bevölkerung in weiten Teilen der Welt, so dass sie kein Auskommen mehr haben und ihre Heimat verlassen müssen. Häufig werden sie abfällig „Wirtschaftsflüchtlinge“ genannt. Ein Blick in die Geschichte zeigt, es ist ein ewiger Kreislauf, der auch hochentwickelte Kulturen treffen kann und in Armut stürzen kann. Der Unterschied zu vergangenen Jahrhunderten ist der, dass der „moderne“ Mensch den Turbo bei der Beherrschung der Natur eingelegt hat, mit immer dramatischsten Folgen für Mensch und Natur.

Türkischer Honig – 10 Versunkene Städte

15.09.2015 at 21:00
Pfeiletsarkophag am römischen Theater

Pfeilsarkophag am römischen Theater in Xanthos

 

Xanthos, eine der mächtigsten lykischen Städte im Altertum, stand dem Lykischen Bund vor. Der Lykische Bund war die erste „Republik“ der Welt.

Was wir heute im Nahen Osten erleben, Krieg und Zerstörung, hat sich 545 vor Christus auch hier ereignet. Die Xanthier wollten sich nicht unterwerfen lassen, kämpften bis zum bitteren Ende. Nur etwa 80 Familien, die bei der Belagerung abwesend waren, überlebten und bauten Xanthos wieder auf, mit Zugezogenen.

500 Jahre später wieder das Gleiche: Brutus, der römische Cäsarmörder, belagerte die Stadt, die unterlegenen Xanthier brachten ihre Frauen und Kinder um und begingen kollektiven Selbstmord. Das alles weist doch fatale Parallelen zu den Kämpfen in Syrien auf: Aleppo, die belagerte Stadt, Selbstmordattentate, Vertreibung. Die Auswirkungen bekommen wir heute selbst in Europa zu spüren: Menschen, die ihr nacktes Überleben sichern wollen, fliehen zu uns vor Krieg und Unterdrückung.

Türkischer Honig – 9 Zum Wasserfall

14.09.2015 at 22:30
Restaurantbesitzer und Künstler

Restaurantbesitzer und Künstler

 

In Gömbe erst einmal eine Rast gemacht. Ein kleines Restaurant, geführt von dem quirrligen Ali Topcuolu bot M. und seinen Begleiterinnen eine Auswahl an lokalen Gerichten. Das Wasser wurde von einem öffentlichen Hahn gleich nebenan genommen und mit Zitronensaft verfeinert.

Auf die Frage von M. wie man zum Bergsee und zum Wasserfall kommt, antwortete Ali mit einer kunstvollen Zeichnung, Kreuzungen und eine Moschee wurden von Ali genau vermerkt. Frohen Mutes machte sich M. auf den Weg. Trotz toller Skizze war es ein Suchen und Fragen, bisM. den Wagen zum Bergsee gesteuert hatte. Der letzte Kilometer musste zu Fuß zurück gelegt werden. Vom Wasserfall „Fliegendes Wasser“ ist aufgrund der Trockenheit auch nicht so spektakulär wie beschrieben. M. griff zum Fototrick:

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Türkischer Honig – 8 Sitzen am Stausee

14.09.2015 at 22:00
Sofa am See

Sofa am see

 

Es gab einen Beschluss: ein Auto wird gemietet, um ins Hinterland fahren zu können. M. hatte verschiedene Vermieter kontaktiert und einen netten Typen gefunden, der M. den Wagen für drei Tage vermietete. Es stellte sich heraus, dass sich der Wagen doch schwertat mit den Bergen, immerhin ging es von null Höhenmeter über einen Pass (1580 m) wieder ins Tal, um anschließend wieder auf 1900 m zu steigen.

Kurz vor Gömbe machte die Expedition an obigem Stausee eine kurze Rast. Das Sofa, ein total zerrupftes Teil, stand vor einem geschlossenen Restaurant. Gäste kommen eher in Zeiten des gefüllten Sees. Der lange Sommer hat den Stausee fast ausgetrocknet, wie auch den großen Fluss Kibris, der zur Zeit keinen Tropfen Wasser führt.

Türkischer Honig – 7 Frauen am Strand

13.09.2015 at 22:24
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Dieser Urlaub ist ein Urlaub mit vielen Strandtagen. Viel anderes kann M. bei diesen Temperaturen (weit über 30° C) auch nicht machen. In der Badehose auf einer Liege liegend, von einem Sonnenschirm beschattet. Als er heute 20 km mit einem Kleinbus Richtung Kalkan fuhr und in Kuputas ausstieg, hatte er ein sonderbares Erlebnis. Weit und breit auf den Liegen unter Sonnenschirmen lagen Touristen (Türken wie auch Europäer), leicht bekleidet mit Badehosen und Bikinis. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, tauchte eine Gruppe Frauen in langen Hosen, Kopftüchern und langärmlingen Blusen auf. Zwei von ihnen trugen kleine Kinder auf dem Arm. Ohne sich umzuziehen, gingen sie ins Wasser. Kein Haar, und kein Stück nackter Haut (außer dem Gesicht, den Händen und den Füßen) war zu sehen. M. fragte sich, ob es den Frauen Vergnügen bereitete, so ins Wasser zu gehen. Vor allem, wenn die nassen, salzigen Sachen auf der Haut scheuern. Mit Badespaß hat das wohl wenig zu tun. Existiert in ihrer Tradition überhaupt so etwas wie „Badespaß“?

Türkischer Honig – 6 Kommunikationsformen

11.09.2015 at 22:11
Kommunikation Handx

Türken, die auf Handys starren

Die bei uns immer mehr um sich greifende Kommunikation mittels Handy (und in den letzten fünf Jahren vermehrt mittels Smartphones), hat auch die türkische Mittelschicht erreicht. Wo früher das Gespräch auf der Parkbank oder im kleinen Lokal zusammen gebracht hat, entdeckt M. auch in Kas immer häufiger Menschen, die auf ihre Smartphones starren und über Scheiben wischen. Dabei scheinen sie ganz in der elektronischen Welt versunken zu sein,ein Gesprächspartner ist nur über das Mobiltelefon erreichbar. Selbst die Stimme des anderen ist häufig nicht mehr vernehmbar, ein großer Teil der Kommunikation wird schriftlich geführt. Doch es gibt sie noch, die Gespräche unter Freunden:

Die Alten

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Um einen Tisch sitzen diese alten Menschen, stützen sich auf ihre Stöcke und kommentieren bei einem Glas Tee das heutige Marktgeschehen. Die Menschen kommen aus den umliegenden Dörfern, verkaufen ihre Waren und tauschen Neuigkeiten aus. Kaufen, verkaufen, schwatzen gehört unmittelbar zum Marktgeschehen.

Türkischer Honig – 5 Tavla

11.09.2015 at 18:00
Tavla

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Im östlichen Mittelmeerraum wird Tavla (Backgammon) in vielen Kneipen und Kaffeehäusern gespielt. M. ist kein guter Spieler aber für eine Partie unter Freunden reichen seine Kenntnisse. Auf dem Markt von Kas entdeckte er einen Stand mit Tavla- und Schachspielen. Von einfach gestalteten Spielen bis hin zu aufwändigen Intarsienarbeiten war alles vertreten. Wie profan wirkt dagegen das Backgammon-Programm, das M. sich zu Übungszwecken auf seinen Tablet-PC herunter geladen hat. Wenn er noch ein wenig übt, kann er eventuell R. schlagen, die während ihrer zahlreichen Griechenlandurlaube das Spiel sehr gut gelernt hat.

Türkischer Honig – 4 Piraten an der Bar

10.09.2015 at 21:00
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Kas ist deutlich vom Tourismus geprägt. M. ist erstaunt, wie viele Türken hier Urlaub machen. Es gibt viele Restaurants, die keinen Alkohol ausschenken. Heute Abend wollte M. in eines dieser Lokale gehen, allerdings war er sich mit seinen Reisebegleiterinnen einig, vorher noch einen Drink zu nehmen. Er hatte auch gleich eine Idee, war er doch tagsüber an der Küste entlang geschwommen und hatte eine nette Strandbar entdeckt. Auch hier überwiegend Türken, aber der einem Piraten nicht unähnlich sehende Kellner servierte auch Alkohol. Ein Schild am Eingang warb für verbilligte Cocktails zur Happy Hour. Pikant, dass die Zeit der Happy Hour beginnt, wenn der Muezzin mit leiriger Stimme anhebt, zum Gebet zu rufen. In Kas existiert das alles nebeneinander, friedlich und tolerant.

Türkischer Honig – 3 In See stechen

08.09.2015 at 22:35
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M. träumt seit langem von einer Schiffsreise auf einem Luxusliner, über die großen Meere fahren, den Wellen zuschauen und mit reichen Witwen Karten spielen. Einen kleinen Vorgeschmack bekam er auf der eintägigen Tour mit einem Segelschiff (das allerdings nur unter Motorkraft fuhr) entlang der lykischen Küste. Normalerweise fährt dieses Schiff 5 oder 7 Tage durch das Mittelmeer, danach wechseln die Passagiere. Zwei Tage liegt es in Kas, bevor die neuen Passagiere in See stechen. Die Reiseleiterin aus dem Hotel hat einen Deal mit dem Kapitän und mietet das Schiff für ihre Hotelgäste.

Bei einem langen Stopp in einer der vielen Buchten konnte M. sich zusammen mit den 12 anderen Passagieren im herrlichen blauen Wasser abkühlen. Bei Tagestemperaturen weit über 30 ° C war das für M. eine Wohltat.

Der Koch hatte den Grill angeworfen und bereitete für die 13 Passagiere fangfrische Fische zu. Dazu gab es üppig Salat, sautierte Kartoffeln und Gemüse.

Ein zweiter Stopp in Kaleköy ermöglichte M. eine Burganlage der Kreuzfahrer zu besichtigen. Lange vor ihnen existierte hier die antike Stadt Simena:  4. Jahrhundert vor Christus.

Als eine Drohne über M. kreiste, wurde ihm bewusst, wie nah er an den Kriegsschauplätzen der neuen „Kreuz“fahrer des nahen Ostens gekommen war: ca. 1000 km ist die syrische Grenze entfernt. Gut, dass dieses Exemplar keinen militärischen Auftrag hatte.

300 km weiter die Küste entlang in Richtung Nordwesten, in Bodrum, richtete sich vor einer Woche die mediale Aufmerksamkeit auf einen 5jährigen Jungen, der bei der Flucht aus Syrien am Strand umgekommen ist. Seine Familie wollte nach Griechenland übersetzen, nicht mit einem konfortablen Segelboot, nein mit einem Schlauchboot. M. wird klar, das Mittelmeer ist für die einen ein Urlaubsparadies, für die anderen ein nasses Grab.

Türkischer Honig – 2 Massage

07.09.2015 at 22:41

 

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M. war mit seiner Frau T. und ihrer gemeinsamen Freundin R. in den Urlaub gefahren. Wir erinnern uns noch lebendig an die Erlebnisse der drei Urlauber auf Mallorca.

T. bedauerte nach dem ersten Tag am Strand keine Badelatschen eingepackt zu haben. Selbst die wenigen Meter vom Hotelrestaurant ins Wasser verursachten ihr heiße Füße. So zog T. suchenden Blickes durch die Altstadt von Kas und wurde schließlich bei einem Schuster fündig, der nicht nur über einen riesigen Vorrat an eben diesen Plastiklatschen verfügte, sondern uns überdies gleich freundlich einen Tee anbot. Damit nicht genug: er zauberte ein Fläschchen mit gutriechender Flüssigkeit aus den Tiefen seines Ladens und begann T. die Stirn zu massieren. Bei R. wiederholte er die Prozedur, glitt aber überraschend flink  mit seinen Händen auf dem Rücken unter ihre Bluse. Das ging ihr eindeutig zu weit. Schnell bezahlte T. die 4,50 € für die Latschen, um fluchtartig mit uns die Werkstatt des Schusters zu verlassen.