Afrika im Bohnenviertel

18.08.2014 at 23:18

afrikalesung

Das Antiquariat Buch & Plakat veranstaltet auch hin diesem Jahr wieder ihre Lesungen im Garten der Weinstube Schellenturm im Bohnenviertel. Am Samstag den 16. August lasen Robert und Monika aus Werken afrikanischer Autoren.

Die afrikanischen Schriftsteller sehen sich mannigfaltigen Herausforderungen gegenüber. Robert Tezlaff verdeutlichte das am Beispiel der nigerianischen Literatur. Nigeria ist mit 152 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land des afrikanischen Kontinents. Jährlich erscheinen dort 500 bis 600 Titel. (Im Vergleich zur Bundesrepublik ist das verschwindend gering. Hier kommen auf 82 Millionen Einwohner ca. 93.000 Neuerscheinungen pro Jahr.) Hinzu kommt eine hoher Anteil von Analphabeten und eine Sprachenvielfalt (514 verschiedene Sprachen). Die Amtsprache Englisch können nur 53 % lesen. Die Schriftsteller können so gut wie nie vom Schreiben leben, arbeiten häufig an Schulen und Universitäten. Umso mehr Respekt verdient der nigerianische Schriftsteller Akinwande Oluwole Soyinka, der 1986 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Der Senegalese Léopold Sédar Senghor erhielt 1968 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Nicht ganz unumstritten: In Frankfurt kam es zu öffentlichen Protesten, die Studentenbewegung bezichtigte ihn, ein „afrikanischer Ideologe des Kolonialismus und Neokolonialismus“ zu sein. Senghor war der erste Staatspräsident des jungen senegalesischen Staates und damit auch für die Niederschlagung eines Generalstreikes 1968 verantwortlich. Ein führender Vertreter der Studentenbewegung, Daniel Cohn-Bendit, wurde in diesem Zusammenhang zu einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt.

Mit Miriam Bâ wurde eine große senegalesische Schriftstellerin vorgestellt. Ihr Roman „Ein so langer Brief“ erregte auch in Europa Aufsehen. Aus diesem fiktiven Briefwechsel las Monika Lange-Tetzlaff einen Ausschnitt, den eine Witwe an ihre Freundin verfasst und darin die Stellung der Frauen in einer polygamen Ehe beschreibt. Ihr zum Zeitpunkt der Niederschrift verstorbene Mann hatte sich eine Schulfreundin ihrer Tochter zur zweiten Frau genommen. Dieser Roman war Anfang der achtziger Jahre „Pflichtlektüre“ für uns, nach Westafrika entsandte, Entwicklungshelfer.

Aus dem Kampf gegen den portugiesischen Kolonialismus ging António Agostinho Neto als erster Präsident Angolas 1975 hervor. Er war der Führer der Befreiungsbewegung gegen die Portugiesen: MPLA. In Portugal studierte er Medizin. Dass er ausgerechnet die Amerikaner um Hilfe gegen die Kolonialmacht ersuchte, erscheint wie ein Witz. Allerdings gibt es in Angola Erdöl. Wenn es um Rohstoffe geht, waren und sind die Industriestaaten immer interessiert. Unterstützung bekam er schließlich aus Kuba und der Sowjetunion. Zeitweise Kämpfte Che Guevara an der der Seite der Aufständischen. Der Arzt und Schriftsteller Neto wurde mit einem Gedicht vorgestellt.

Ein grausiges Schicksal erlitt der erste Staatspräsident des unabhängigen Kongo (ehemals belgische Kolonie): Er wurde im Auftrag der CIA erschossen. Sein vorgetragenes Gedicht zeigt einen sensiblen Kämpfer.

Als ich im Kongo arbeitete, damals hieß er Zaire, erzählte man mir noch Geschichten aus der blutigen Kolonialzeit der Belgier. Die Kongolesen zahlten einen hohen Blutzoll. Die Kolonialherren dezimierten die Bevölkerung zwischen 1895 und 1907 (als die Kolonie vom königlichen Privatbesitz König Leopold II in staatliches Eigentum umgewandelt wurde) von 25 Millionen auf 15 Millionen Einwohner.

Der Nachmittag im Schellenturm bot einen interessanten Einblick in die vielfältige Literatur Afrikas und vermittelte wertvolle Hintergrundinformationen. Die nächsten Veranstaltungen von Buch & Plakat kann man auf ihrer Homepage einsehen.

Viele der vorgestellten Texte sind nur noch antiquarisch erhältlich. Ein guter Grund, bei Buch & Plakat vorbei zu schauen. Dieses Stuttgarter Antiquariat finden Sie in der Wagnerstrasse 43, natürlich im Bohnenviertel.