Freiheit für Deniz Yücel

05.03.2017 at 7:43
Deniz Yücel Veranstaltung der Anstifter

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Auf die Nachricht der Verhaftung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel in der Türkei reagierten die Anstifter am 3. März 2017 spontan mit einer Kundgebung vor dem türkischen Konsulat am Kernerplatz in Stuttgart.

Schnell ist die Lautsprecheranlage aufgebaut, um den rund 150 Anwesenden die Forderungen der Anstifter verständlich zu machen. Es wird nicht nur Solidarität mit Deniz Yücel bekundet, sondern auch mit hunderten nach dem Putschversuch inhaftierten Menschen. Nach einem kurzen Eröffungswort von Elka Edelkott, Geschäftsführerin der Anstifter, spricht Ali Murat Guel zu den Anwesenden. Ali Murat Guel ist Vertreter der Förderation demokratischer Arbeitervereine (DIDF). Der DIDF hat sich spontan mit dem Aufruf der Anstifter solidarisiert und unterstützt diesen. Wie viele demokratische Zusammenschlüsse steht auch das DIDF unter der Beobachtung des türkischen Staates. Ali Murat Guel spricht also in gewisser Weise auch von seiner Unterdrückung. In seiner Rede lässt er die Ereignisse Revue passieren.

Seit Ende Februar sitzt Deniz Yücel in Untersuchungshaft

Am Montag, den 27. Februar diesen Jahres verhängte das Gericht gegen den in der Türkei festgehaltenen Welt-Korrespondenten Deniz Yücel Untersuchungshaft, nachdem er schon zwei Wochen unter Polizeiarrest gestanden hat. Auf 5 Jahre kann die Untersuchungshaft ausgedehnt werden, bis es zum Prozess kommt. Ihm wird Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung vorgeworfen. Besonders pikant: Deniz Yücel hat, wie andere Journalisten auch, über gehackte E-Mails des Energieministers Berat Albayarak berichtet, dem Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdoğan.

Ebenso wie Ali Murat Guel verurteilt Sidar Carman vom Vorstand des Dachverbandes der Migrantenorganisationen (DaMigra) das Vorgehen der türkischen Behörden. Sie hält diese Rede voller Kraft, Engagement und ohne Redemanuskript. Spontan hat sie kurzfristig zugesagt zu kommen, eine Vorbereitungszeit hatte sie nicht. Das ist auch nicht nötig, denn sie kennt staatliche Unterdrückungsmechanismen, egal in welcher Form sie daherkommen aus ihrer langjährigen Praxis. Das macht ihre Rede so authentisch.

Den Schlussakkord setzt Peter Grohmann, der Gründer der Anstifter mit seiner Rede. Mit einer Gedichtzeile des Begründer der modernen türkischen Lyrik, Nâzım Hikmet, beginnt er seine Rede:

Leben wie ein Baum, einzeln und frei
doch brüderlich wie ein Wald,
das ist unsere Sehnsucht.

Er hebt hervor, dass es um die Pressefreiheit in der Türkei nicht gut bestellt ist. Die Türkei gehört zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten weltweit. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden weit über 100 Journalisten verhaftet, rund 150 Medien geschlossen und mehr als 700 Presseausweise annulliert. Kritische Journalisten stehen unter Generalverdacht. Die wenigen noch verbliebenen unabhängigen Medien arbeiten in ständiger Angst. Wiederholt wurden ausländischen Journalisten die Akkreditierung verweigert oder die Einreise verwehrt. Daneben ersticken die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen vieler wichtiger Medienbesitzer eine kritische Berichterstattung im Keim. Reporter ohne Grenzen verweisen die Türkei auf Platz 151 von 180 in Fragen der Pressefreiheit.

Die türkische Regierung will in Deutschland für die Verfassungsänderung werben

Die nächsten Wochen werden nicht einfach werden: die türkische Regierung versucht den Druck auf die hier lebenden Türken zu erhöhen, damit sie im Sinne von Recep Tayyip Erdoğan beim Referendum im April abzustimmen. Sie versucht, über Wahlkampfveranstaltungen Einfluss auf ihre Landsleute zu nehmen, die einen nicht zu vernachlässigen Teil der wahlberechtigten Bevölkerung ausmachen. Es ist ein Tauziehen zwischen den „diplomatischen Interessen der Bundesrepublik“ und der Zivilgesellschaft. Dabei kann es möglich sein, dass der inhaftierte Jounalist Deniz Yücel als Spielball zwischen den Fronten zerrieben wird. Daher ist es wichtig, überall und zu jeder Zeit seine Solidarität mit ihm und den aus politischen Motiven heraus Inhaftierten zu bekunden. Die Freiheit des Wortes ist ein Menschenrecht und ist nicht verhandelbar. Nirgends.

Gegen Frust einfach mal ein wenig Rechtsstaat zu sich nehmen

15.02.2017 at 18:54
Rechtsstaatlichkeit

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Der deutsch-türkische Autor Akif Pirincci hatte bei einer Pegida-Demonstration am 19. Oktober 2015 in Dresden zur Flüchtlingspolitik gesprochen. In seiner Rede sagte er unter anderem: „Es gäbe natürlich andere Alternativen. Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.“ Das bezog sich nicht direkt auf Flüchtlinge. Wen er genau meinte, konnte nicht klar nachvollzogen werden. Weil ein Biogroßhänder aus Stuttgart die Rede zitierte, machten die Anstifter dieses auf ihrem Blog bekannt, auch im Elsternest wurde darüber berichtet. Nun ist Anfang Februar Akif Pirincci ein Strafbefehl zugestellt worden. Höhe: 11.700 Euro, zahlbar in 180 Tagessätze zu 65 Euro. Ihm wird Volksverhetzung vorgeworfen.

Auch der Richter Jens Maier muss für seine Äußerungen auf der Veranstaltung von Björn Höcke zum Thema Erinnerungskultur mit Sanktionen rechnen. Bei dieser Veranstaltung erklärte der Dresdner Richter die „Schuldkult“ der Deutschen für „endgültig beendet“. Ihm wurden umgehend Zuständigkeiten am Landgericht entzogen. Er ist zukünftig nicht mehr für Medien- und Presserecht zuständig. Ebenso würden Verfahren, die den Schutz der persönlichen Ehre betreffen, künftig von einer neuen Zivilkammer übernommen. Das hat der Gerichtspräsident Gilbert Häfner mitgeteilt. Mittlerweile ermittelt auch die Staatsanwaltschaft.

So geht Rechtsstaat!

Querfront – eine verquere Welt

17.07.2016 at 17:37
Ivo Bozic spricht in der Stiftung Geißstraße Stuttgart über das Phänomen Querfront

Ivo Bozic spricht in der Stiftung Geißstraße Stuttgart über das Phänomen Querfront

 

Die Stiftung Geißstraße in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Emanzipation und Frieden e.V. und der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg hatten am 14. Juli 2016 Ivo Bozic eingeladen, um über das Querfront-Phänomen zu referieren. Antiwestlich, national und sozial: Ist das eigentlich rechts oder links – oder beides? In Deutschland ist seit den Erfolgen der neuen völkischen Bewegungen wie den Montagsmahnwachen, Pegida und der AfD oft von einer neuen Querfront die Rede. Ist es sinnvoll an den klassischen Zuschreibungen „links“ und „rechts“ festzuhalten, obwohl es mit dem völkischen Nationalismus und dem antiwestlichen und antizionistischen Antiimperialismus große Schnittmengen zwischen beiden gibt? Was eint so unterschiedliche Akteure wie Wladimir Putin, den „Islamischen Staat“, den Iran, Le Pen, Verschwörungstheoretiker, Teile der Linkspartei und Pegida? Das versuchte Ivo Bozic an diesem Abend zu klären. Vorab als Fazit: Er hat einen wichtigen Schritt zur Aufklärung beigetragen.

Die Montagsdemonstrationen für den Frieden

Wo sind die ideologischen Schnittmengen zwischen rechts und links? Als der Ukraine-Konflikt sich zuspitzte, gingen viele Menschen Montag für Montag auf die Straße: Seit 2014 gibt es die Mahnwachen für den Frieden. Die Demonstranten setzen sich aus allen politischen Strömungen zusammen. Alle verbindet der „Hass auf das Schweinesystem“. Sie eint die Ablehnung von Dekadenz und der Bourgeoisie. Neonazis und Autonome marschieren Hand in Hand. Jürgen Elsässer, Herausgeber des rechtspopulistischen Magazins Compact, ist einer der treibenden Akteure neben Ken Jebsen und Lars Mährholz. Elsässer war Mitglied des Kommunistischen Bundes (KB). Elsässer gilt als einer der ursprünglichen Protagonisten der Antideutschen. Er arbeitete für die Monatszeitschrift konkret. Bis 2002 war er auch Redakteur bei der Zeitung Junge Welt. Aus dieser Zeit kennen sich Ivo Bozic und Jürgen Elsässer.

In der Weimarer Republik wurde der Grundstein gelegt

Das Konzept der Querfront hat seine Wurzeln unter anderem in der sogenannten Konservativen Revolution der Weimarer Zeit. Es sollte keine Linken und Rechten mehr geben, sondern nur noch deutsche Volksgenossen. Die Brüder Gregor und Otto Strasser gehörten dazu. Schon 1923 forderte der Vordenker Arthur Moeller van den Bruck den Nationalismus und Sozialismus völkisch miteinander zu verknüpfen. Und weiter: Deutschland solle sich nach Osten, zur Sowjetunion hin orientieren, gegen den liberalen Westen, vor allem die USA. Daran knüpfen die neuen Montagsdemonstrationen an, allerdings hat es in der jüngeren Geschichte eine unübersehbare Zahl von Querfronten gegeben, von Überschneidungen linker und rechter Positionen, ohne dass sich deren Vertreter selbst immer als Querfront definiert hätten.

Verschwörungstheorien gehören immer dazu

Wo immer die Querfront auftaucht sind die Verschwörungstheoretiker nicht weit. (9/11 ist vom CIA selber inszeniert worden). Die Bilderberg-Konferenz gilt als eine Gruppe, die den globalen Eliten untersteht. Angeblich streben die Bilderberger eine neue Weltordnung an, mit der Spitze von Militär, Weltbank und der Hilfe von gesteuerten Medien.

Die Querfront als weltpolitisches Phänomen

Zu denkwürdigen Allianzen zwischen Linken und Rechten kam es auch im Zuge des Irak-Kriegs 2003. Linke wie rechte Antiimperialisten bezogen sich positiv auf den Ba’athismus und Saddam Hussein und unterstützten den irakischen Terrorismus als „legitimen Widerstand“ gegen die US-Truppen, sammelten sogar Geld für die terroristischen Gruppen. Der IS von heute hat in seiner obersten Führungsschicht etliche Offiziere aus Saddams Armee. Der von Slobodan Milošević protegierte rechtsextreme Anführer der Serbischen Radikalen Partei (SRS), Vojislav Šešelj, feierte seinen alten Freund Saddam Hussein als „Waffenbruder“ und als „Symbol des Widerstands gegen die neofaschistischen US-Barbaren“.

Wenn es um Sympathiebekundungen mit Diktatoren geht, seien es Saddam, Gaddafi, Ahmadinejad oder jetzt Assad, stehen linke Antiimperialisten und Neonazis meist Seite an Seite. Im Hass auf die USA und Israel zeigt man sich vereint. Gemeinsamer Bezugspunkt sind immer wieder der Antizionismus und die Solidarität mit den Palästinensern. 2010 nehmen an der Free-Gaza-Flottille Linke, Faschisten und Islamisten gemeinsam teil. Hier sitzt die rot-braun-grüne Querfront auch ganz praktisch zusammen in einem Boot.

Ein aktuelles und besonders beeindruckendes Beispiel einer Querfront ist in Griechenland zu beobachten. Die ultrarechte Partei „Morgenröte“ koaliert mit der linkssozialistischen Syriza-Partei. Rechtspopulisten wie der Front National von Marie Le Pen kooperieren mit Russlands Putin. Putin gilt sowohl Linken wie auch Rechten als Gegenmodell zur USA. Ideologisch wird die Querfront in Deutschland vor allem von dem Internetkanal „Russia Today“ unterstützt. Sie zeigen im Gegensatz zur „Lügenpresse“ was verschwiegen oder weggeschnitten wird. Sie bezeichnen sich als der „Fehlende Part“ in der deutschsprachigen Medienlandschaft. Kaum verwunderlich, dass sie mit ihrem Programm vor allem die Wähler der Linkspartei, die Nichtwähler und die AfD erreichen. Pikant: Die Nachdenkseiten verlinken sowohl auf den Kanal von Ken Jebsen als auch auf Russia Today.

Eine schillernde Persönlichkeit der Querfront

Wie eine Querfront sowohl ideologisch als auch personell funktioniert, zeichnet Ivo Bozic an diesem Abend am Beispiel des Schweizer Bankiers François Genoud nach. Dieser reist als jugendlicher Hitler-Fan 1936 in den Nahen Osten, wo er in den arabischen Aufstand gerät. Er sieht Parallelen zum Kampf seiner deutschen NS-Idole, denn es gehe jeweils um die Bekämpfung des „internationalen Judentums“. Er wird zum Partner des Muftis von Jerusalem, der wiederum mit NS-Deutschland zusammenarbeitet. Für Genoud sind der arabische Nationalismus und die antikoloniale Bewegung Teil desselben Kampfes. Er unterstützt die algerische Befreiungsfront und trifft dabei jede Menge Linke. Später unterstützt er die RAF, den Terroristen Carlos und viele andere Linke wie Rechte. Für den amerikanischen Geheimdienst hat er auch gearbeitet.

Ivo Bozic macht deutlich, wie dehnbar die Begriffe „links“ und „rechts“ sind. Diese Erfahrung machen umgekehrt auch antideutsche Linke zuweilen, wenn sie sich in außenpolitischen Fragen, etwa in Sachen Israel, Syrien oder Iran, häufiger an der Seite rechter Think Tanks wiederfinden als an der Seite der vermeintlichen Linken.

Am Ende des Abends steht die Frage: Worum geht es? Es geht um die Gleichheit und Freiheit aller Menschen. Autoritäre, nationalste, sexistische, rassistische, antisemitische, menschenfeindliche Lösungsangebote sind zurück zu weisen.

Den Vortrag nachhören hier.
Weiterführende Links: Die links-jihadistische Querfront und: Historischer Abriss der Querfront

Nachdenkzeilen – ER ist wieder da

28.04.2016 at 15:16
nachdenkzeilen

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Was treibt den deutschen Leser an, sich im Jahre 2016 Mein Kampf von Adolf Hitler zu kaufen, zu lesen und dann ins Bücherregal zu stellen? Ein mit menschenverachtenden Thesen durchsetztes Werk?

M. hörte an diesem Morgen im Deutschlandradio Kultur, das neu herausgegebene Werk stehe mit 55.000 Exemplaren in dieser Woche auf Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste Sachbuch. M. weiß von seinen Landsleuten, sie lieben blutige Thriller, in denen Serienmörder ihr Unwesen treiben. Kaum erschienen, stehen sie ganz oben auf den Bestsellerlisten. Nun kommt die kritische Edition von Mein Kampf für 59 € (knapp 2.000 Seiten!) auf den Markt und die Leser greifen zu, als handele es sich um schaurige Bettlektüre.

Mein Kampf wird sich mit dem neuen Buch von Thilo Sarrazin ein Kopf-anKopf-Rennen liefern. Diese Woche ist es erscheinen: Wunschdenken: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert. Kann es sein, fragt sich M., dass sich zunehmend ein Klima der Ausgrenzung in diesem Lande ausbreitet? Was M. sich wünscht: Mögen alle Versuche scheitern, auf dem Rücken von hilfesuchenden Menschen Politik zu betreiben.

Hoffnungsfroh kann M. nicht auf das kommende Wochenende blicken. Beim Parteitag der AfD werden über 2.000 Mitglieder ihr künftiges Programm diskutieren. Die „Alternative für Deutschland“ betreibt die Ausgrenzung und Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen in unserem Land. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, steht im Parteiprogrammentwurf der AfD. So wird kurzerhand eine der fünf Weltreligionen unter Generalverdacht gestellt und man will sie aus dem öffentlichen Leben verbannen. Religiöse Zeichen wie Minarette und den Muezzin-Ruf sollen verboten werden. Burka und Kopftuch werden in den Blick genommen. In Mein Kampf hatte Adolf Hitler das Judentum pauschal verurteilt und er ging den Weg der Ausgrenzung bis zum Ende. 6 Millionen Menschen wurden ermordet. Warum? Nur weil sie dieser Religion angehörten oder die Nachfahren derer waren, die dieser Religion angehörten.

Nachdenkzeilen – Aus dem Morgenland gekommen

06.01.2016 at 16:00
nachdenkzeilen

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Der Weihrauchduft der Weisen aus dem Morgenland ist noch schwach wahrnehmbar an diesem Abend am Fest der Heiligen drei Könige als M. nach Hause kommt. Der Weihrauch erinnert M. an seine Zeit als Messdiener. Schwungvoll hatte er stets das Gefäß mit den glühenden Kohlen geschwenkt, nachdem der Pfarrer das gutriechende Harz in das Gefäß eingefüllt hatte. Zurzeit von Maria und Josef waren die drei Weisen aus dem Morgenland gern gesehene Gäste, zumal man von ihnen, der Sage nach, Geschenke erhielt: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Heute kommen Menschen aus dem Morgenland zu uns. Sie werden nicht so freundlich empfangen. Sie bringen auch keine Geschenke mit. Ein paar Habseligkeiten und das nackte Leben haben sie. Sie sind auf der Flucht vor dem Krieg in ihrer Heimat und suchen Schutz. Sollten wir ihnen nicht, so überlegt M., Geschenke machen, mit ihnen unseren Reichtum teilen?

Nachdenkzeilen – Das wird man doch wohl sagen dürfen

13.12.2015 at 11:16
Nachdenkzeilen 1

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Mit dem „Volksempfinden“ ist es so eine Sache, besonders, wenn es in den Farben SCHWARZ – ROT – GOLD daherkommt. Es ist nur ein kleiner Schritt von abfälligem Reden zur Hetze. Das erleben wir in diesen Tagen in verstärktem Maße, vor allem in den neuen Medien: auf Facebook, Twitter und in Blogs. Einer, der es zu weit getrieben hat, ist der Autor Akif Pirinçci. Nachdem er das Genre des Katzenkrimis verlassen hat, verlegte er sich auf das Schreiben von Schmähschriften. Seine Rede in Dresden war der Höhepunkt der Hasstiraden, die er seit Monaten im Internet verbreitet hatte und die er zwischen zwei Buchdeckel unter das Volk bringt wollte. Er ist von der Buchbranche ausgebremst worden.

Aber im Internet schreibt er weiter und es gibt viele, die seinen Hass auf Flüchtlinge, Asylsuchende und „Gutmenschen“ mit einem „Like“ veredeln. Es gibt eine andere Variante, die auch Herr Schrade, AfD-Mitglied, wählte. Auf seiner Internetseite „Die Wähler sind frei“ hatte er über die Rede berichtet, ohne eine explizite Stellungnahme zum Inhalt zu liefern. Als die Anstifter in einem Blogbeitrag kritisch fragten, ob eine Einrichtung wie das Weltcafé im Welthaus Stuttgart sich von ihm mit Waren beliefern lassen sollte, schaltete er kurzerhand die Inhalte seines Blogs ab. Es wäre jedem Leser deutlich geworden, in welche Richtung er verlinkt: weit ins rechte Lager. Die Anstifter haben zum Denken angeregt und die lebhafte Diskussion hat gezeigt, man kann etwas gegen rechtes Gedankengut machen. Man kann und soll gegen Metaphern anschreiben, die menschliches Leid mit Naturereignissen umschreiben, wie es gerade wieder Finanzminister Schäuble getan hat, der das Bild einer Lawine in die Flüchlingsdebatte einführte. Schlimm? Das wird man doch wohl sagen dürfen!

Mittlerweile werden Begriffe wie Welle, Zustrom, Krise in den Diskussionen wie selbstverständlich verwendet. Naturmetaphern haben Begriffe wie Scheinasylanten, Asyl- und Sozialmissbrauch verdrängt. Die sprachliche Bandbreite ist groß. Sie reicht von der Fäkalsprache eines Akif Pirinçci über Hasskommentare bis hin zu verschwurbelten Zahlenspielereien von Sozialwissenschaftlern und besorgten Lokalpolitikern. Was sie eint? Die gesellschaftliche Mitte wird nach rechts verschoben. Rechtspopulistische Parteien und Bewegungen nehmen deutlich zu, nicht nur in Deutschland. Das Phänomen ist in vielen Ländern Europas zu beobachten. Ein Verlag, der rechtspopulistisches Gedankengut verbreitet wie der Kopp-Verlag, kann über die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten sein Werbematerial verschicken. Die Stuttgarter Presse als Briefträger eines rechts außen angesiedelten Verlages? Was dagegen zu tun ist? Der Talmud kann bei der Beantwortung der Frage hilfreich sein:

Achte auf Deine Gedanken / Denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte / Denn sie werden Taten.
Achte auf Deine Taten / Denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten / Denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter / Denn er wird Dein Schicksal.

Beginnen wir nachzudenken und wählen wir eine Sprache, die dem Hass keinen Raum lässt. Stehen wir hin, wenn das „gesunde Volksempfinden“ sich auf die Straße begibt und eine Weltreligion unter Generalverdacht stellt. Nennen wir diejenigen beim Namen, die rechtspopulistisches Gedankengut zum Mainstream machen wollen. Stiften wir an zur Mitmenschlichkeit.

Orte der Zuflucht

10.12.2015 at 9:52

Wie entsteht Empathie für das Schicksal der Flüchtlinge? In dem man ihnen begegnet, von Mensch zu Mensch. Viele Vorurteile zerstreuen sich, wenn ein persönliches Treffen stattfindet. Das dachte sich auch die Anstifterin und Lehrerin Dagmar Müller-Buchalik von der Flattichschule in Korntal-Münchingen und macht sich mit ihrer Ethikgruppe auf den Weg. Ihren Bericht und die Eindrücke der Schülerinnen und Schüler veröffentliche ich gerne:

Die Ethikgruppe der Klassen 10a und 10b der Flattichschule machte sich auf den Weg, um einen dieser Orte live kennenzulernen, in denen Flüchtlinge untergebracht sind.

Ein Haus in der Paulinenstraße in Stuttgart, das früher ein Hostel für Rucksacktouristen war, war unser Ziel. Das frühere Inter-Hostel beherbergt heute 75 Flüchtlinge: Eritreer, Iraker, Syrer und Jesiden, vor allem junge Männer und auch Familien.

Besuch bei Flüchtlingen

Foto: © Dagmar Müller-Buchalik

Frau Cuk vom Caritasverband Stuttgart begrüßte uns im Aufenthaltszimmer, dort warteten schon einige junge Männer gespannt. In Zweierteams befragten wir in englischer Sprache unsere Interviewpartner. Ein Jeside zeigte uns Fotos von seiner Frau und seinen zwei Söhnen im Zelt auf der Flucht. Sie alle befinden sich immer noch im Flüchtlingslager. Wenn es möglich ist, telefoniert er ein- oder zweimal die Woche mit seiner Frau. Er ist traurig.

Merve (Kl. 10b) meinte: “Für mich war der Ausflug etwas sehr Besonderes, denn ich habe sehr viel dazugelernt. Als ich über das Thema „Flüchtlinge“ in der Zeitung und in den sozialen Netzwerken gelesen habe, hat es mich nicht so interessiert. Doch, wenn man mit einer Person, die so etwas selber erlebt hat, redet, tut es einem wirklich im Herzen weh. Ich hoffe, dass diese Zeit bald vorbei geht und die Welt wieder eins wird.“

Abubaker (Kl. 10a) ergänzte: “Ich fand es sehr gut, dass wir da hingegangen sind, dass wir die Erlaubnis hatten, mit einigen Flüchtlingen ein kleines Interview zu führen. Wir schenkten jedem eine Kleinigkeit. Wir haben Ibrahim, unserem syrischen Gesprächspartner, eine Tafel Schokolade geschenkt und eine Postkarte. Ich habe drauf geschrieben „Ich wünsche dir alles Gute im Leben“. Ibrahim konnte den Text selber lesen, wir mussten ihn nicht auf Englisch sagen. Unser Gesprächspartner hat sich gefreut wegen der Schokolade und der Karte. Er hat sich auch sehr herzlich bedankt. Mensch ist Mensch, egal ob Jude, Moslem oder Christ.“

Dagmar Müller-Buchalik, Flattichschule

Giusi Nicolini erhält Stuttgarter Friedenspreis 2015

07.12.2015 at 14:46
Friedenspreis für Giusi Nicolini

Costantino Baratta und seine Frau Rosa Maria Maggiore erhalten stellvertretend für Giusi Nicolini von Ebbe Kögel den Friedenspreis der Anstifter

 

Die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, wurde am 6. Dezember 2015 mit dem Friedenspreis der Anstifter geehrt. Aus Termingründen konnte die Preisträgerin nicht bei der Verleihung im Theaterthaus in Stuttgart dabei sein. Stellvertretend für sie übergaben die Anstifter den Preis an Costantino Baratta und seine Frau Rosa Maria Maggiore.

Gesetz der Gastfreundschaft verpflichtet die Menschen auf Lampedusa zur selbstlosen Hilfe

Costantino Baratta rettete am 3. Oktober 2013 elf Flüchtlingen das Leben, die mit ihrem überladenen Fischkutter vor Lampedusa untergegangen waren. Es waren Menschen aus Eritrea, die von Libyen aus die Flucht nach Europa angetreten hatten. Selbstlos half das Ehepaar. Liebevoll werden sie noch heute von den Flüchtlingen Mama Rosa und Papa Constantino genannt. Fischer aus Lampedusa helfen Menschen in Seenot und bringen sie an Land. Sie wissen um die Gefahren der Seefahrt.

Prof. Dr. Heidrun Friese führte in ihrer Laudatio aus: „Das Gesetz der Gastfreundschaft und das Gesetz des Meeres sind auf Lampedusa nach wie vor ganz wichtig. Um zu helfen oder um Hilfe zu bitten muss man nicht die gleiche Sprache sprechen.“ Und weiter über die tatkräftige Unterstützung der Lampedusani: “Wenn wir hier auf Lampedusa Hilfe leisten fragen wir nicht: woher kommst du, wie heißt du, welchen Glauben hast du, was willst du, sondern wir fragen, was ist dir passiert?“

Giusi Nicolini sendet ein Grußwort

Und so wurde der Preis nicht nur Giusi Nicolini verliehen, sondern allen Lampedusani, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Costantino Baratta verlas das Grußwort der Bürgermeisterin. Darin schreibt sie:

“ In den letzten 3 Tagen sind weitere eintausend Flüchtlinge und Migranten zu uns gebracht worden, die aus der Meerenge von Sizilien gerettet wurden.
Jeder Einzelne von ihnen hat eine Geschichte zu erzählen und jeder hat einen Grund, der ihn zur Flucht zwingt. Jeder Einzelne von ihnen, wie die Hunderttausende, die in den letzten Jahren auf Lampedusa angekommen sind, hat das Recht, gehört und nicht zurückgewiesen zu werden, wie ein Problem, das uns nichts angeht. Weil so ist es nicht. “ (Die ganze Rede siehe hier)

 

Neue musikalische Wege

Neue musikalische Wege

 

Friedenspreis für Giusi Nicolini

Artistische Hochleistung

Strom & Wasser feat. THE REFUGEES elektrisieren

Musikalisch wurde der Abend untermalt von der Gruppe „Strom & Wasser“. Die Band um den Bassisten, Sänger und Texter Heinz Ratz ist bekannt für spektakuläre Aktionen. Er organisierte einen „Moralischen Triatlon“, bei dem ein Teil in enger Zusammenarbeit mit Pro Asyl und den deutschen Flüchtlingsräten stattfand: „Die Tour der 1000 Brücken“. Insgesamt 7000 Kilometer fuhr er mit dem Fahrrad für ein menschliches Miteinander quer durch die Bundesrepublik. Er forderte Flüchtlinge zum Mitmachen auf der Bühne auf, spielte mit der Band in Flüchtlingslagern, lernte unzählige Menschen kennen, die in ihren Herkunftsländern berühmte Musiker waren, sich aber hier hinter den Mauern der Flüchtlingslager oft nicht einmal ein Instrument leisten konnten. Er erweiterte seine Band bei Auftritten mit Flüchtlingen: Strom & Wasser feat. THE REFUGEES. An diesem Abend hatte er zwei beeindruckende Artisten dabei: Eine Jongleuse aus Köln und einen Artisten, der trotz seiner Behinderungen Außergewöhnliches auf der Bühne vorführte. Es wurde ein Lebensmut sichtbar, der, getragen von Anerkennung und Würde, aus Flüchtlingen Menschen macht. Sam aus Gambia (heute Reutlingen) spielte Djembe und sang. Ein Rapper aus Ghana mischte das Publikum auf.

Friedenspreis für Giusi Nicolini

Strom&Wasser feat. THE REFUGEES

Neue Bilder braucht das Land

Die musikalischen „Bilder“ sind wichtig, um einen anderen Eindruck von den Menschen zu vermitteln als der, der von der Presse stereotyp transportiert wird. Auch das „Zentrum für Politische Schönheit“ versucht neue, teils provokante Bilder in den öffentlichen Raum zu transportieren, wie der Geheimrat des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS), André Leipold, es in der Podiumsdiskussion mit Dr. Heidrun Friese (Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der TU Chemnitz) und der Politikwissenschaftlerin Ellen Esen erläuterte.

In seiner Abschlusserklärung ging Peter Grohmann von den Anstiftern auf die drohende Kriegsgefahr ein, die das Herkunftsland so vieler Flüchtlinge bedroht. Es sei erschreckend, wie leise, ohne großen Protest, eine internationale Koalition unter Beteiligung deutscher Verbände, Syrien derzeit angreift und das Leben der Bevölkerung durch zusätzlichen Bombenterror bedroht.

Peter Grohmanns Appel zum Anstiften

Peter Grohmanns Appell zum Anstiften

Aufstehen! Anstiften! Zu Frieden und Mitmenschlichkeit! Das ist das Gebot der Stunde!

 

Nachtrag:
Die Anstifter haben auf ihrer Seite eine Auswahl meiner Bilder des Abends veröffentlicht.
Hier gehts zu den Bildern

Sylvia von Keyserling dichtet im Rosenstein

10.11.2015 at 16:24
Sylvia von Keyserling Rosenstein

Steter Wandel

Die Lyrikerin Sylvia von Keyserling hat einen ungewöhnlichen Band mit Gedichten über den „Rosenstein“ vorgelegt. Dieser große Park im Stadtzentrum Stuttgarts ist Anfang des 19. Jahrhunderts gestaltet worden und hat im Laufe seiner Geschichte immer wieder Umwandlungen und Eingriffe erlebt. Seine Flora und Fauna haben Sylvia von Keyserling angeregt, über Natur nachzudenken. Die großen Parkbäume, teils mehr als hundert Jahre alt, rückt die Lyrikerin in ihrem Gedichtband in den Mittelpunkt. Sie beschreibt in lyrischer Sprache nicht nur die Stimmung im Wandel der Jahres- und Tageszeiten, sondern breitet auch eine neue, ungewöhnliche Sicht auf die Zellen der Bäume und die Kommunikation der pflanzlichen Welt aus.

Wir kennen die Bedeutung der Zellen, wissen um die Botenstoffe im menschlichen Körper, sind auf dem Weg, „innerkörperliche Kommunikationsphänomene“ zu verstehen. Die westliche Wissenschaft und Medizin hat sich deutlich später als die fernöstliche mit diesen Phänomen auseinander gesetzt. In diesem Band überträgt Sylvia von Keyserling diese Erkenntnisse auf die Bäume und lenkt den Blick auf die Kommunikation und den Austausch in der pflanzlichen Welt:

„Mit Sinnen so großzügig ausgestattet
allein das unterirdische Wurzelwerk
streckt seine Fühler aus um zu riechen
zu schmecken zu tasten im stetem Ge-
murmel von Wurzel zu Wurzel“

Sylvia von Keyserling lässt das romantische Naturgedicht hinter sich

Sie geht weit über das bekannte Naturgedicht der Romantik hinaus und der Leser folgt ihr neugierig-staunend auf ihrem lyrischen Weg durch den Rosensteinpark. Da werden nicht nur Rosen als farbenprächtige, duftende Gewächse beschrieben, ihnen wird ein „Duftalphabet“ zugesprochen, das sie ausschütten:

„zwischen sich in der Nacht und spielen
Scrabble | setzen Zeichen an Zeichen Ge-
rüche Enzyme auch Aufgelesenes ein
Oxymoron“

Im Gedicht „Lettern“ spricht sie vom „Schattenalphabet der Bäume“. All das fordert den Leser auf, mit anderen Augen, mit neuem Blick, durch diese wunderbare Naturlandschaft inmitten der Großstadt Stuttgart zu gehen und sich neu auf die Natur einzulassen, den Stimmungen der Jahreszeiten nachzuspüren und „das Gelände durchmessen wie das Schauen selbst“. Damit stellt sie sich explizit gegen eine durch naturwissenschaftliches Denken eingeengte Wahrnehmung.

Fotodokumentation

In der Gesamtkonzeption hat sich Sylvia von Keyserling nicht nur auf ihre kraftvollen Sprachbilder verlassen, sondern hat ihnen die großformatigen Fotografien von Wolfgang Rüter zur Seite gestellt, der mit seiner Kamera das Projekt Stuttgart 21 kritisch begleitet. Einige Bildseiten erinnern in ihrer Gestaltung an ein Do-it-yourself-Fotobuch, das kleinformatige Bilder in Kachelformat zu einem Ganzen formt. Damit unterstreicht Sylvia von Keyserling nicht ihre ungewöhnliche, lyrische Bildsprache sondern schwächt sie ab. Wolfgang Rüter hat seine Bilder des Rosensteinsparks auch in einem Kalender veröffentlicht, der zeitgleich im selben Verlag (Nikros) erscheint. Als Freund der Lyrik hätte ich mir statt der vielen bunten Fotografien weniger, aussagestärkere Schwarzweißbilder gewünscht, die, ähnlich wie die Lyrik, von der Reduktion und Verdichtung leben. Der Rezensent hätte sich auf dem Buchcover den Namen des Fotografen Wolfgang Rüter gewünscht. Immerhin hat er diesem Rosenstein-Band seinen Stempel aufgedrückt. Der Nikros Verlag erwähnt ihn auf der Rückseite des Buches.

Historie für Parkspaziergänger

Ein langer Aufsatz zur Historie des Rosensteinparks von Olaf Schulze und eine Rosensteinchronik der Autorin ergänzen den Band. Aber ist das wirklich eine „Ergänzung“? Der Leser bleibt letztendlich ratlos zurück, wenn er diese Hommage gelesen hat.

Der am Rosenstein interessierte Leser hätte sich mehr Informationen zur Entstehung dieses Parks gewünscht, gerne auch mit historischen Zeichnungen, die in dieser Konzeption das Buch noch weiter überfrachten. Der Rezensent hat als protestierender Bürger jahrelang gegen das Projekt S21 aufbegehrt und hätte sich kritischere Ausführungen zu den Herrschaftsverhältnissen in Württemberg gewünscht. Darüber ist im Aufsatz des Historikers leider nichts zu finden. Es hätten Linien gezogen werden können, von den monarchistisch-autoritären Herrschaftsformen bis hin zu den demokratischen, die den Souverän nicht zu Wort kommen lassen. Er hätte die immerwährende Umgestaltung und Veränderung dieses Parks als Metapher nehmen können, die Sylvia von Keyserling in ihrer Chronik dokumentiert. So ist der „Blick in die Geschichte“ von Olaf Schulze letztendlich eine gefällige Beschreibung für Parkspaziergänger.

Politische Statements in lyrischem Gewand

Sylvia von Keyserling hat in ihrem Epilog die aktuelle Naturzerstörung hineingenommen, findet aber nicht mehr die kraftvollen Sprachbilder, die sie in den reinen Naturgedichten verwendet hat. In diesem Epilog kritisiert sie:

„Einem derart rohen Eingriff ins Gartengeflecht
vom Aufmarsch von Gerätschaften und Männern den
Zangen des Holzbrechers“

und an anderer Stelle im Gedicht:

„Wie erleben denn Bäume Gewalt und Schmerz
empfinden sie wie der geschredderte Igel wie wir“

Sind diese Verse mit Baggerzangen, verstörten Eichhörnchen und gebrochenen Baumstämmen bebildert, weil sie ihren lyrischen Bildern nicht mehr traut?

Trotz dieser Kritik an der Gesamtkonzeption des neuen Lyrikbandes von Sylvia von Keyserling, ist es ein Buch, das neue Sichtweisen auf die Natur im Rosensteinpark eröffnet.

ROSENSTEIN
Hommage an ein Stuttgarter Kulturdenkmal

64 Seiten, gebunden
mit 45, größtenteils großformatiger Fotografien von Wolfgang Rüter
und einer allgemeinen Bauzeichnung von 1843 an drei Stellen
Nikros Verlag, Preis: 16,80 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Wie erginge es uns?

24.04.2015 at 12:10

Flüchtlinge auf ihrem WegDiese Frage stellte Amnesty International in einen Youtube-Video. Zu sehen sind nicht Flüchtlinge aus Afrika oder aus den Krisengebieten des Nahen Ostens sondern Menschen, die aus Berlin geflüchtet sind. Ansonsten bleibt alles beim Alten: die üblichen Nachrichten und Fernsehbilder über Flüchtlingsströme, über Menschen, die in Karawanen in Decken gehüllt durch das verdorrte Land ziehen. Sie warten darauf, in ein besseres Leben zu fahren. Und dann werden sie eingesperrt, ohne zu wissen warum, ohne zu wissen, wie es weitergeht.

Amnesty International veröffentlichte dieser Spot schon vor drei Jahren. Er ist aktueller denn je, appelliert an unsere Gefühle in den Diskussionen um die Lösung des Flüchtlingsproblems.

Tausende am Bahnhof und ich stehe hier alleine

08.12.2014 at 16:40
Graureiher im Rosensteinpark den Juchtenkäfer bewachend

Der graue Wächter

 

Seit Tagen stehe ich mir hier die Beine in den Bauch. Nur weil die Gelbkopfamazonen mich überredet haben, auf den Juchtenkäfer aufzupassen. Die schwätzen einem echt ein Ohr ab, diese Papageien. Suchen sich die Bäume im Rosensteinpark aus zum Schwätzen und Schlafen. Die Arbeit soll ich machen. Mach ich ja gerne. Der Juchtenkäfer, wissen Sie, ist ja auch ein ganz seltenes Tier und hockt da in seiner Kolonie auf dem Baum, den die Bahn schon letztes Jahr fällen wollte. Ging nicht, wegen Naturschutz. Da war der BUND clever genug, dieser gefährdeten Art zur Seite zu springen. Die Bahn hatte es verpennt, einen ökologischen Plan zu machen. Planen können die auch an anderen Stellen nicht: Bevor der Abraum aus den Tunneln anfällt, sollte man die Baulogistik fertig haben. Aber die Bahn hat auch da keinen Plan. Planlos planen sie und kriegen nichts auf die Reihe.

Weil aber die Gelbkopfamazonen befürchten, dass die Bahn planlos aber hinterhältig auch die Juchtenkäferbäume abholz, haben sie mich gefragt, ob ich Wache schieben könnte. Mache ich, sagte ich. Hoffte auf die Parkschützer. Wegen der Ablösung und so. Aber die demonstrieren immer nur in der Stadt. Heute zum 250. Mal. Das muss man sich mal vorstellen: Seit Jahren gehen sie gegen S21 auf die Straßen. Ich hoffe nur, dass sie sich nach den Jubiläumsfeierlichkeiten auch den Randthemen zuwenden: Baustellenlärm im Wohngebiet und eben dem Juchtenkäfer. Damit ich hier abgelöst werde. Bis dahin stehe ich hier halt. Hoffentlich kommt kein Schnee …

Friedenspreis 2014 geht an: Edward Snowden!

26.11.2014 at 15:53
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Eward Snowden, per Videokonferenz zugeschaltet

 

Der Friedenspreis der Anstifter wurde am 23. November dem Whistleblower Edward Snowden verliehen. Der Raum im Theaterhaus war bis auf den letzten Platz besetzt, als Walter Sittler die Gala mit der Rezitation eines Ingeborg Bachmann Gedichts eröffnet und mit Zitaten großer Querdenker zum Nachdenken anregt.

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Natürlich konnte Edward Snowden den Preis nicht persönlich entgegennehmen, er lebt im Asyl in Russland. Wäre er gekommen, wären die Geheimdienste der USA zur Stelle gewesen, ihn zu verhaften. Fritz Mielert, Geschäftsführer der Anstifter, und seine Mit-Anstifter stellten den Kontakt über den Rechtsanwalt Snowdens her und ermöglichten, den Preisträger via Liveschaltung an der Feier teilnehmen zu lassen. So konnte der Ausgezeichnete (simultan übersetzt) die Laudatio der TAZ-Chefredakteurin Ines Pohl miterleben. Sie lobte den Mut dieses Mannes und ging auf den Verlust der privaten Unversehrtheit jedes einzelnen ein: durch Überwachung der NSA und deutscher Geheimdienste. Ihre Rede ist hier nachzulesen.

Die Dankesrede von Snowden wurde vom Laptop-Bildschirm abgefilmt und eingespielt. Er sah schmaler aus, als man ihn von Fotos kennt. Er saß vor einer schwarzen Wand. Wo, das weiß keiner so genau. friedenspreis_05Am Ende seiner Rede fluteten die Zuschauer den Saal mit Plakaten, die sie dem Preisträger in die Kamera hielten und auf denen sie ihn für seinen Mut dankten. Diese Plakate sammelte Peter Grohmann in einen wunderschönen Koffer ein, um sie nach Russland zu schicken.

Musikalisch bewiesen die Anstifter wieder ihr Gespür für hervorragende Musik mit engagierten Texten. Sie hatten die Band „Rainer von Vielen“ eingeladen, eine vierköpfige Band aus Kempten im Allgäu. Fetzige Akustikgitarre traf auf Akkordeon und Mundharmonika, Bass und Schlagzeug. Der Gesang der Gruppe war teils von Obertongesang durchdrungen.friedenspreis_06

In einer anschließenden Podiumsdiskussion suchten Ines Pohl, Constanze Kurz und Josef Foschepoth Antworten auf die Frage: „Demokratische Kontrolle von Geheimdiensten – machbar oder aussichtslos?“ Constanze Kurz ist Sprecherin des Chaos Computer Clubs und kritisiert die Geheimdienste, denn sie kennt die technischen Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen. Josef Foschepoth vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg hat ein beachtenswertes Buch zum Thema geschrieben: „Überwachtes Deutschland“. Fritz Mielert brauchte die Runde nicht zur Diskussion zu animierten, es war ein Thema, das allen auf den Nägeln brannte und bei dem sie sich kompetent einbringen konnten.

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Cams21 hatte sich freundlicherweise um den Live Stream der Friedensgala gekümmert. Die Aufzeichnung ist hier abrufbar. Die untertitelte Dankesrede von Edward Snowden gibt es unter diesem Link. Den Abdruck der Laudatio und der Dankesrede veröffentlichten Die Anstifter auf ihrer Seite.

Der Kampf um Kobanê – Ausnahmezustand in der Türkei

18.11.2014 at 14:03
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Lucie Billmann von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Referent Murat Çakır

So der Titel einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) in Zusammenarbeit mit DIDF (Föderation demokratische Arbeitervereine), eine Organisation von hauptsächlich türkisch- und kurdisch stämmigen Arbeitern am 13. November. Für mich durchaus ein Vortrag mit Ausnahmecharakter.

Murat Çakır, Journalist und Mitarbeiter der RLS, versuchte in seinem Referat die Entwicklungen in der Provinz Rojava, im Norden Syriens gelegen, darzustellen. Aus der Presse sind die Kämpfe um die kurdische Stadt Kobanê bekannt, eine Stadt in dieser Region, die seit Juli von den schwer bewaffneten Milizen des Islamischen Staats (IS) belagert wird.

Im Zuge der Proteste gegen Syriens Herrscher Assad wurde in Rojava ein Prozess des Aufbaus einer gesellschaftlichen Struktur begonnen, die für die gesamte Region einzigartig ist. Es wurden Verwaltungsstrukturen auf der Basis demokratischer Rätestrukturen, mit Geschlechterquotierung, kostenloser Schulbildung und Produktionsgenossenschaften – unter Einbezug der verschiedenen Bevölkerungsgruppen entlang ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit aufgebaut. Murat Çakır verglich diese Selbstverwaltungsstrukturen mit denen der Pariser Commune. Dieses Modell ist nun massiv gefährdet. Und genau hier beginnt für mich das Dilemma:

Um den Vormarsch der IS zu stoppen, warb Murat Çakır – und mit ihm Zuhörer im Auditorium – für Spenden, um Waffen zu kaufen. Ich habe mich während des Gedenkjahres zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein Jahr mit dem Thema Krieg intensiv auseinander gesetzt. Was wir nicht gebrauchen können, sind Waffenlieferungen und schon gar nicht in Krisengebieten. Dass die Bundesregierung diesen Grundsatz in jüngster Zeit aufgeweicht hat, ist durch nichts zu rechtfertigen. Wenn linke Aktivisten Waffen an die syrisch-kurdische „Partei der Demokratischen Union“ PYD liefern, wer garantiert, dass sie nicht auch gegen Kurden aus dem Nordirak eingesetzt werden, gegen die Peschmerga-Kämpfer, wenn die IS erst einmal zurück gedrängt ist? Denkbar ist das, denn es gibt Konkurrenz auch zwischen den unterschiedlichen kurdischen Fraktionen, wobei vor allem die Barzani-Kräfte aus dem Nordirak (Südkuridistan) von Murat Çakır in kritisches Licht getaucht wurden. Neben Assad, dem IS und den nordirakischen Kurden gibt es eine vierte Kraft, die hier destabilisierend wirkt: Die türkische Regierung.

Sie öffnet nicht die Grenzen nach Kobanê, um Freiwillige und Hilfsgüter in die Stadt bringen zu können und um Flüchtlinge aufnehmen zu können. Ganz im Gegenteil: Die Massenproteste dagegen wurden mit massiver Polizeigewalt von türkicher Seite zurückgeschlagen unterstützt von bewaffneten islamistisch-nationalistischen Gruppen. Hunderte Menschen wurden verletzt, Dutzende getötet. Dazu kommt, dass das türkische Militär die unklare Situation ausnutzt und PKK Stellungen im Südosten der Türkei bombardiert. Auch für die deutsche Regierung steht die PKK noch auf die Liste der Terrororganisationen.

Was passiert, wenn die Türkei sich in eine militärische Auseinandersetzung mit der IS oder dem Assad-Regime hineinziehen lässt? Ruft dann die Nato den Bündnisfall aus? Auch an dieser Frage lässt sich ableiten, dass es dringend notwendig ist, einen Weg der Gespräche und der Verhandlungen einzuschlagen und jedwede Forderung nach militärischer Unterstützung eine Absage zu erteilen. Vor einem Jahr wurde diskutiert, Assad aus seinem Amt zu bomben. Die Folge wäre ein Erstarken der Freischärler und auch der IS gewesen, die man in dieser Form vor einem Jahr noch gar nicht wahrgenommen hat. Wir haben das gleiche Szenario schon vor 25 Jahren in Afghanistan erlebt, damals wurden die Taliban von den USA aufgerüstet, bis sie zu deren erbittertsten Feinden wurden. Aber es geht in Nahen Osten um sehr große Rohstoffvorräte, die sich die westliche Welt sichern will und dazu sind ihr alle Mittel recht. In dem Gebiet um Kobanê sollen 200 Milliarden Kubikmeter Erdgas liegen, vor Israel im östlichen Mittelmeer gar ein Feld von 3,5 Billionen Kubikmeter.

Angesichts der Rivalitäten unterschiedlicher Kampfgruppen, Bevölkerungsgruppen, Clans und religiöser Fraktionen und dem Hunger nach Rohstoff der Industrienationen kann es nur eine Forderung geben, die schon Bertha von Suttner 1889 erhoben hat: „Die Waffen nieder!“

Vernissage im Theaterhaus

11.11.2014 at 17:54

katrin_weveringAm neunten November wurde im Theaterhaus die Plakatausstellung „100 Jahre Erster Weltkrieg. Die Waffen nieder! Jetzt!“ eröffnet. Dank für die Teilnahme sprach der Geschäftsführer der Anstifter, Fritz Mielert, allen Teilnehmenden am Plakatwettbewerb aus. Er dankte dem anwesenden Leiter des Theaterhauses, Werner Schretzmeier, für die Möglichkeit, eine Auswahl der eingereichten Entwürfe in seinen Räumen zu zeigen.

Im Juli tagte die Jury, bestehend aus Hans D. Christ, Prof Marcus Wischmann, Peter Boehm und Fritz Mielert, und beriet über die ca. 400 Einsendungen.

Die Entscheidung fiel nicht leicht. Trotzdem hatte sich in stundenlanger Debatte ein eindeutiger Favorit herauskristallisiert: Arms Race – Wettrüsten von Vincenzo Fagnani. Seinen bestechend klaren Entwurf belohnte die Jury mit 1.000 Euro.

Auf den zweiten Platz (600 Euro) kam ein Werk von Kathrin Wevering. Es thematisiert das Leiden der schwächsten Kriegsopfer. Den dritten Platz (400 Euro) belegte Anne Kuper mit ihrer Arbeit War is not… . Sie überzeugte die Jury durch ihren Mut, einen ganz anderen Ansatz zu verfolgen. Ihr Plakat wirkt den Versuchen entgegen, Krieg den Schrecken zu nehmen. Ihre „Ikons“ konterkarieren die herkömmlichen Sehgewohnheiten im Internet.
Gewinnerplakate der Preisträger 1-3 siehe hier.

Die Plätze 4-8 (Burkhardt Hauke, Erik Bölscher, Sandra Gratz, Jan Heerlein und Anne Schäfer) belohnte die Jury mit Buchpreisen.

Hans D. Christ erläuterte in seiner Laudatio die Kriterien, nach denen die Jury die Arbeiten bewertete. Kriterien der Auswahl waren  Zeitlosigkeit und klare Bildsprache. Auf das Plakat der anwesenden 2. Preisträgerin, Kathrin Wevering, ging der Direktor des Württembergischen Kunstvereins näher ein. Sie war als einzige Preisträgerin anwesend. (Vincenzo Fagnani und Anne Kuper konnten aufgrund des Bahnstreiks nicht kommen.)

Welche Bildsprache erreicht den Zuschauer? Wie kann man Kinder ansprechen, um ihnen das Thema näher zu bringen? Kathrin Wevering wählte den versehrten, verstümmelten Körper eines Teddys. Das Plakat zeigt kein Blut, der versehrte Teddy ist mit einem Faden genäht worden. Ihren Plakattext MAMA KOMMEN TEDDIES AUCH IN DEN HIMMEL?, hat sie mit links geschrieben. So empfand sie die kindliche Handschrift nach.

Lucie Billmann von der Rosa-Luxemburg-Stiftung überreichte ihr den Preis. Loop Schrauber sorgte für die musikalische Untermalung der Eröffnungsveranstaltung.

Die Ausstellung ist bis Anfang Dezember für die interessierte Öffentlichkeit im Theaterhaus zu sehen.

Alle Vorbereitungen abgeschlossen

02.11.2014 at 19:50

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Die Plakate sind gerahmt, die Betten für die Künstler der drei Siegerplakate sind gerichtet. Die Vernissage kann am 9. November im Theaterhaus steigen. Der Plakatwettbewerb zum Thema “100 Jahre Erster Weltkrieg: Die Waffen nieder! Jetzt!” wurde ausgewertet und aus der Fülle der vielen Einsender die 8 besten Plakate ausgewählt.

Die Jury (Hans D. Christ, Prof. Marcus Wischmann, Peter Boehm und Fritz Mielert) hatte es nicht leicht. Trotzdem hatte sich in stundenlanger Debatte ein eindeutiger Favorit herauskristallisiert: Arms Race – Wettrüsten von Vincenzo Fagnani. Seinen bestechend klaren Entwurf belohnte die Jury mit 1.000 Euro. Auf den zweiten Platz (600 Euro) kam ein Werk von Kathrin Wevering, welches das Leiden der schwächsten Kriegsopfer thematisiert. Den dritten Platz (400 Euro) belegte Anne Kuper mit ihrer Arbeit “War is not…”. Die Jury überzeugte ihren Mut, einen ganz anderen Ansatz zu verfolgen Mit ihrem Plakat unternimmt sie den Versuchen dem Krieg seinen Schrecken zu nehmen.

Vincenzo Fagnani - Kathrin Wevering - Anne Kuper

1. Preis: Vincenzo Fagnani – 2. Preis: Kathrin Wevering – 3. Preis: Anne Kuper

Die Plätze 4-8 (Burkhardt Hauke, Erik Bölscher, Sandra Gratz, Jan Heerlein und Anne Schäfer) belohnte die Jury mit Buchpreisen. Die Preise werden anlässlich der Vernissage überreicht. Insgesamt werden im Theaterhaus 30 Plakate aus dem Wettbewerb gezeigt.

Wessen Stadt? Wessen Straßen?

04.08.2014 at 13:00

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Ritzel statt Rußpartikel: Dies ist das Motto der Radfahrer, die sich zur Cirical Mass am 1. August zusammen schlossen und durch Stuttgart radelten. Vom Feuersee ging es los.

Etwa 500 Radler traten bei herrlichem Sommerwetter gemeinsam in die Pedalen, fuhren am Wilhelmsplatz vorbei Richtung Theodor-Heuss-Straße, die wir einmal in die eine und dann in die andere Richtung befuhren. Am Bahnhof und der Großbaustelle vorbei, durch die Wolframstraße auf die B 27 zum Pragsattel. Von dort aus konnten wir es „laufen lassen“ über den Neckar, runter nach Bad Cannstatt. Unser Ziel war das Zollamt am alten Güterbahnhof. Dort wartete Speis und Trank auf uns und eine Party zum Erscheinen der Erstausgabe des Übermorgen-Magazins, das im ersten Heft ausführlich über die Critical Mass Stuttgart berichtet.

Kommt an den Tisch unter Pflaumenbäumen…

20.07.2014 at 13:22

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…so lud Franz Josef Degenhardt seine Kumpane ein. „Kommt zum Festival der Kulturen“, so lud auch dieses Jahr das Forum der Kulturen Stuttgart e. V die Bevölkerung wieder ein, miteinander zu feiern. Weiterlesen...

Standhaftes Engagement

20.07.2014 at 10:00

 

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Vier Jahre im wahrsten Sinne standhaft. Das trugen viele Aktivisten der Mahnwache stolz als Schriftzug auf ihren T-Shirts. Als im Juli 2010 der Nordflügel abgerissen wurde, entschloss sich eine Handvoll Aktivisten, die Bevölkerung über das Projekt fundiert zu informieren. Daraus sind 4 Jahre geworden, in denen diese Menschen mit ihrer Mahnwache am Bahnhof bei Wind und Wetter im Schichtdienst rund um die Uhr Aufklärung betreiben. Grund genug, ein Fest der Standhaften an den Mineralwassersprudlern im Rosensteinpark zu feiern. Als der Moderator dazu einlud, ein Gruppenfoto zu machen, gab es auf der Bühne ein quirliges Gedränge, bis alle in Position standen. Das Engagement der Stuttgarter Bevölkerung gegen das Bahnprojekt ist nur ein bescheidener Teil ihres Engagements. Das parallel zur „Geburtstagsfeier“ der Mahnwache ablaufende Festival der Kulturen wird ebenfalls mit Freiwilligen gestemmt. Hier präsentieren sich die Kulturvereine der Migrantenorganisationen über sechs Tage hinweg dem Publikum und stellen ein beachtenswertes Musikprogramm auf die Bühne.

Und Action! – Für den Frieden!

29.06.2014 at 12:26

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Vor 100 Jahren, am 28. Juni 1914, erschoss der serbische Student Gavrilo Princip den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie in Sarajevo. Dieses Attentat löste die Julikrise aus, in deren Verlauf Österreich-Ungarn und Deutschland aktiv mobilisierten und Österreich Serbien am 28. Juli den Krieg erklärte.

Das Stuttgarter Netzwerk “100 Jahre Erster Weltkrieg. Die Waffen nieder! Jetzt!”, nahm den Gedenktag zum Anlass, mit Straßenaktionen daran zu erinnern und darüber hinaus das Thema der Waffenproduktion und die Beteiligung der Bundeswehr an weltweiten, kriegerischen Auseinandersetzungen anzuprangern.

frieden2Das schwäbische Unternehmen Heckler & Koch aus Oberndorf am Neckar stellt das Sturmgewehr G3 her, 1959 als Standardgewehr in der Bundeswehr eingeführt, das weltweit millionenfach vertrieben wird. Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFK-VK) wählte ein zerbrochenes G3-Gewehr als ihr Logo. Auf dem Stuttgarter Schlossplatz wurde dieses Gewehr symbolisch zertrümmert.

frieden3Ebenfalls auf dem Schlossplatz führte eine Theatergruppe Rekrutierungsszenen auf. Die anfängliche Begeisterung der jungen Soldaten und die überschwängliche Verabschiedung durch ihre Frauen schlug sehr schnell um, als die Armee in einen mörderischen Stellungskrieg verwickelt wurde. Dieses dramatisierte die Theatergruppe mit Hilfe von Briefen und Postkarten, aus denen die SchauspielerInnen eindrucksvoll vorlasen. Die Kriegsgewinnler und die Rüstungsindustrie kamen in dem kleinen Straßentheaterstück ebenso zur Sprache.

frieden4Einen weiteren Aktionsraum konnte man am Ende der Königsstraße entdecken. Wo die Königsstraße in die Eberhardstraße übergeht, erlebten die Passanten einen ganz anderen Übergang der Aktionskünstlerin Loubna Forer. Einen, der in eine dreckige, mit blutüberströmten Leichen ausgestattete Schützengrabeninstallation führte, aus der die Künstlerin die Passanten direkt über ein Megaphon ansprach. Ein Totentanz durfte dabei nicht fehlen.

100 Jahre Beginn 1. Weltkrieg – und kein bisschen weise

28.06.2014 at 18:19
Ein Chor, der seinem Dirigenten die Gefolgschaft versagt. Keine nationalverherrlichenden Lieder!

Ein Chor, der seinem Dirigenten die Gefolgschaft versagt. Keine nationalverherrlichenden Lieder!

 

Hochrangige Politiker aus der Bundesrepublik reden wieder von der Verantwortung und vom militärischen Engagement.

  • Bundespräsident Joachim Gauck erklärte anlässlich der Eröffnung der 50. „Sicherheitskonferenz“ in München im Januar 2014:
    „Deutschland drückt sich in sicherheitspolitischen Fragen nicht vor der Verantwortung. Aber es muss auch bereit sein, jetzt international mehr zu tun für jene Sicherheit, die ihm über Jahrzehnte von andern gewährt worden ist. Das Land ist tief verwoben in die internationale Gemeinschaft und profitiert sehr von der offenen Ordnung der Welt. Deshalb ist es auch seine Pflicht, sich gegen etwaige Störungen dieser Ordnung zu engagieren.“
  • Unsere Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sagte mit Blick auf Afrika:
    „Die Bundeswehr muss sich mit mehr Militäreinsätzen in Afrika engagieren!“
  • Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier reklamierte ebenfalls eine aktive Rolle:
    „Deutschland ist zu groß und mächtig, um Außenpolitik nur zu kommentieren.“
  • UNO-Generalsäkretär Ban Ki Moon stößt ins gleiche Horn:
    „Ich fordere die BRD auf, sich international mehr für den Frieden zu engagieren.“

Diese Zitate läuteten einen Diskussionsabend im Haus der Katholischen Kirche ein, der einen Bogen vom Ausbruch des 1. Weltkrieges, über die Kriegstraumata, über die Vernichtung von Chemiewaffen bis zu den Waffenexporten der Bundesrepublik heute schlug. Der Veranstalter, das Stuttgarter Netzwerk “100 Jahre Erster Weltkrieg. Die Waffen nieder! Jetzt!”, hatte dazu kompetente Referenten eingeladen. Unter Leitung des Journalisten Eggert Blum diskutierten sie die verschiedenen Aspekte der modernen militärischen Konflikte. Am Anfang stand ein Impulsreferat des Autors und Experten für Militär- und Sicherheitspolitik Detlef Bald. Er gab einen historischen Ausblick auf die Ereignisse vor 100 Jahren und setzte sich kritisch mit der derzeitigen Rezeption dieser Ereignisse auseinander.

v.l.r.: Jan van Aken, Jürgen Grässlin, Susanne Grabenhorst, Eggert Blum

v.l.r.: Jan van Aken, Jürgen Grässlin, Susanne Grabenhorst, Eggert Blum

Susanne Grabenhorst, Ärztin und  Vorsitzende der deutschen Sektion des IPPNW (Internationale Vereinigung von Ärzten gegen den Atomkrieg), erläuterte die posttraumatischen Belastungen, die Soldaten in den Kriegen erleiden. Immer wieder kommt es zu Blutbädern, angerichtet von traumatisierten Soldaten.

Zum ersten Mal wurde im ersten Weltkrieg ein Krieg in seiner ganzen Totalität geführt: aus der Luft, mit Panzern und fürchterlichen Massenvernichtungswaffen wie Senfgas. Bei diesem Krieg verloren 17 Millionen Menschen ihr Leben. Jürgen Grässlin, Autor und Bundessprecher der DFG-VK belegte seine These, dass die Waffen der schwäbischen Fabrik Heckler & Koch die heutigen Massenvernichtungswaffen sind: Kleinwaffen töten weltweit. Aufgrund jahrzehntelanger Direktexporte und Lizenzvergaben sind bis heute ca.15 Millionen Schnellfeuergewehre der Firma Heckler & Koch  in nahezu allen Kriegen und Bürgerkriegen im Einsatz. Schätzungsweise wurden durch Kugeln aus den Waffen dieser Firma 2 Millionen Menschen getötet. Kleinwaffen sind quantitativ Massenvernichtungswaffen. Einer der Gründe, warum Jürgen Grässlin die „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ ins Leben rief.

Jan van Aken, Mitglied des Bundestages von der Fraktion „Die Linke“, war jahrelang für die UNO als Waffen-Inspekteur tätig und erläuterte eindrucksvoll, warum seine Partei eine Beteiligung an Militäreinsätzen kategorisch ablehnt und sich für die Auflösung der Bundeswehr in ihrer jetzigen Form einsetzt. Sein konstruktiver Vorschlag für die Transformation der Bundeswehrhochschulen: sie sollen Bildungsstätte für Konfliktmanagement und ziviler Konfliktlösungsmethoden werden.

Scharf kritisierte Jürgen Grässlin die grün-rote Landesregierung, die, entgegen ihren ursprünglichen Aussagen, bis heute die Aktivitäten der Bundeswehr an den Schulen gestattet und den Kooperationsvertrag mit der Bundeswehr immer noch nicht gekündigt hat.

Untermalt wurde der Abend durch den Chor „Avanti Comuna Kanti“, der gelungene Interpretationen von Liedern aus dem ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik darbot.