Auch in diesen Tagen spricht Gott zu dir

26.03.2017 at 21:05
Sibylle Knaus

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Mit Der Gott der letzten Tage legte im Februar Sibylle Knauss einen neuen Roman vor. Es ist das zweite Buch, das der Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer von ihr publiziert. Der größte Teil ihres umfangreichen Romanwerks veröffentlichte der Hoffmann und Campe Verlag. Am 24. Februar 2017 stellte sie ihn in der Stadtbibliothek Ludwigsburg erstmals vor, siehe Bericht im Elsternest hier.

Der Roman von Sibylle Knauss hätte auch eine Novelle sein können

Sibylle Knauss ist ein Kind des Ruhrgebiets. Sie wurde 1944 in Unna geboren. Die Tatsache, dass sie neben Germanistik auch Theologie studierte und in ihrem Roman ein wichtiges theologisches Thema aufgreift, lässt aufhorchen. Ohne die früheren Werke der zuletzt als Professorin für Drehbuch-Dramaturgie an der Filmakademie in Ludwigsburg arbeitenden Autorin zu kennen, las ich dieses als Roman klassifizierte Buch. Warum der Verlag dieses Werk nicht unter dem Gattungsbegriff Novelle veröffentlichte, bleibt unklar, es hätte dem Buch besser zu Gesicht gestanden, berichtet es doch von einem ungewöhnlichen Ereignis und beleuchtet es schlaglichthaft: dem Sterben eines todkranken Pfarrers. Dieser bleibt namenlos im Gegensatz zu dem Gesprächspartner seiner letzten Tage: GOTT. Und da fängt das Dilemma des Plots an: Sibylle Knauss führt Gott als Antagonisten des an Maschinen angeschlossenen evangelischen Pfarrers ein. Wie vorteilhaft, dass beide mittels Gedankenübertragung miteinander kommunizieren können. Mit Menschen kann der Theologe aufgrund eines Luftröhrenschnitts, durch den er künstlich beatmet wird, nicht mehr reden. Sein Sohn liest einige Worte von seinen Lippen ab, ungleich umständlicher als das „Gespräch“ zwischen Gott und seinem Diener.

Sprache: gut – Theologie: mangelhaft

Die studierte Theologin Sibylle Knauss lässt Gott als einen personalen Gott auftreten und führt ihn ein, wie es gerne die pietistischen Gläubigen in Baden-Württemberg tun. Das mag ihr Leserinnen und Leser aus diesem Lager zuführen, einem theologisch interessierten Leser tut sie damit keinen Gefallen. Dieser Dialog zwischen Gott und dem Menschen macht das Buch in weiten Teilen zu einem Ärgernis, verfestigt es damit doch in der Theologie langst überwundene Gottesvorstellungen. Darüber hinaus kommt es häufig zu Widersprüchen, wenn der Allwissende sich als doch nicht so allwissend präsentiert. Als Leser hat man den Eindruck, einer Beichte beizuwohnen bei der das mündliche Eingeständnis einer schuldhaften Verfehlung des Pönitent während eines Gesprächs unter vier Augen mit einem Beichtvater erfolgt. Nur ist bei Sibylle Knauss der Beichtvater mit Gott gleichgesetzt. Es hätte mit einem anderen Gottesbild eine spannende Erzählung werden können, denn der Pfarrer ist keiner, der frei von Sünde ist, ganz im Gegenteil: Wut, Gewalt, Zigaretten sind seine ständigen Begleiter. Seine Frau verließ ihn mit drei Kindern, floh aus dieser gewalttätigen Ehe. Nur den schwererziehbaren Sohn ließ sie da. Hier ruft die Autorin das Bild des verloren Sohnes aus dem Lukasevangelium (15,11–32) auf. Des Pfarrers Hang zum Alkohol verschärfte so manchen Ehekonflikt. Und er kann die Finger nicht vom weiblichen Geschlecht lassen, das sich aufgrund seiner Stellung als geistliches Gemeindeoberhaupt mit gutem Draht zu Gott zu ihm hingezogen fühlt. Seine derzeitige Geliebte besucht ihn am Krankenbett, das seine Totenstätte werden wird. Aber bis er stirbt, hat er noch manchen Disput mit Gott zu führen.

Sybille Knauss lässt einen Pfarrer einen langen Dialog mit Gott führen

Bei Giovannino Guareschi hatten diese Dialoge zwischen dem Priester und Gott noch gut funktioniert. Wunderbar in den Filmen mit Fernandel umgesetzt. Nach „Kampfeinsätzen“ gegen seinen kommunistischen Bürgermeister, mit dem er durch die gemeinsame Vergangenheit in Partisaneneinheiten verbunden ist, redet Don Camillo zerknirscht mit Jesus am Kreuz. Dieser tadelt ihn ein ums andere Mal ob seines antikommunistischen Eifers. Das war mit leichter Hand und einem Augenzwinkern erzählt und hatte in den fünfziger Jahren seine Berechtigung. 60 Jahre später funktioniert das nicht mehr, zumal der Roman von Sibylle Knaus keinerlei Humor aufweist. Hier zeigt sich Gott als der über dem Menschen stehende Lenker seiner ihm anvertrauten Geschöpfe: „Glaubst du, ich hätte nur deine Schritte gelenkt? Und nicht auch seine? Und nicht Margarethes, als sie dich verließ und mit den drei Kindern zum Auto ging, das vor dem Pfarrhaus wartete, und dem Möbelwagen nachfuhr, der schon unterwegs war? Glaubst du das?“ (S. 59)

Dass es ein eitler Gott ist, lässt Sibylle Knauss auch noch durchscheinen: „Doch ich bediene mich gerne der menschlichen Sprache und lasse mich darin verehren und anbeten.“ (S. 62)

Vor großen Bildern schreckt die Autorin nicht zurück, so, wenn sie den heute erwachsenen Sohn, der ein schwer erziehbares Kind war, aus der Sicht des Pfarrers als einen beschreibt, der „ihn auf seinem Rücken nach Hause tragen (wird), wie Aeneas seinen Vater aus dem brennenden Troja getragen hat.“ (S. 65) Es scheint, als hätte die Autorin in den Schreibpausen den heldenverehrenden Hollywoodfilm „Ilias“ von Wolfgang Petersen mit dem Schönling Brad Pitt als Achill gesehen. An einer Stelle beschleicht den Leser der Gedanke, Sibylle Knauss würde ihrer eigenen Biografie zitieren: „Kaum zu fassen, dass man sie damals auf Schüler losgelassen hat. Sie ist die lausigste Theologin, die er kennt. Wenn sie je etwas vom Fach verstanden hat, dann hat sie es jedenfalls seither gut vergessen“ (S. 76).

Eine Seite weiter lässt sie eine Ahnung aufkommen, was für eine wuchtige Erzählung es hätte werden können, wenn sie schreibt: „Religion ist erotisch. Sie weckt unsere Sinne und Leidenschaften. Sie lockt uns an die Grenzen und darüber hinaus. Verführt uns mit Verheißungen. Versetzt die Seelen in Schwingungen.“ Hätte sie ihren Roman mit diesen Empfindungen grundiert und ihn nicht als persönlichen Dialog konzipiert, es hätte ein spannendes Werk werden können.

Der Gott der letzten Tage
Roman
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis 20 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Vom Leben vor dem Sterben

26.02.2017 at 19:52
Sibylle Knauss in Ludwigsburg

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Für Sibylle Knauss ist die Vorstellung ihres neuen Romans am 24. Februar 2017 in Ludwigsburg ein Heimspiel. Wohnt doch die Autorin in unmittelbarer Nähe dieser Stadt und hat lange Zeit als Dozentin an der Filmakademie in Ludwigsburg für das Fach Drehbuch gearbeitet. Seit 1981 legt sie regelmäßig Romane vor, früher unter anderem im Hoffmann und Campe Verlag. Ihr Verleger Hubert Klöpfer ist sichtlich stolz, dass er den neuen Roman von Sibylle Knauss, Der Gott der letzten Tage nach Das Liebesgedächtnis in seinem Verlag verlegen konnte. Er betont, es solle nicht bei diesen beiden Romanen in seinem Hause bleiben.

Der Gott der letzten Tage ist ein Roman von der Lebensgrenze. Für Sibylle Knauss hat die Frage, was nach dem Tod kommt, eine große Anziehungskraft: Sie hat in München und Heidelberg nicht nur die Fächer Germanistik und Anglistik studiert sondern auch Theologie.

Philosophische Betrachtungen

Den philosophischen Prolog zum Roman liest Sibylle Knauss zu Beginn, um dann in die Geschichte einzutauchen. Es ist keine leichte Geschichte, die sie für ihren 15. Roman ausgesucht hat. Sie handelt von einem im Sterben liegenden evangelischen Pfarrer und sie ist eine Ars Moriendi, wie die Autorin Sibylle Knauss zu Beginn der Lesung erläutert. Aber zugleich sei die Geschichte auch eine Ars Vivendi, denn sie sei Mut machend und in weiten Teilen humorvoll. Nach einem Kurzbesuch bei Gott kehrt der Pfarrer durch Reanimation wieder für kurze Zeit ins Reich der Lebenden zurück. Er liegt in einem Krankenhausbett, Schläuche stecken in seinen Armen und hinter ihm piepsen die Maschinen, die ihn künstlich am Leben erhalten und die für ihn das Atmen übernehmen. Er will sprechen, kann aber nicht. Er hat nicht mehr lange zu leben, er will das Bewusstsein von Pein, Hilflosigkeit und großer Angst nicht.

Obwohl er in seinem Leben als Pfarrer Hunderte von Grabreden gehalten hat, muss er sich nun persönlich mit dem großen Ungewissen nach dem letzten Atemzug auseinander setzten, und muss lernen, dieses Ungewissheit zu akzeptieren: Ist es das Nichts oder vielleicht auch das Ewige? Es dauert nicht lange, bis Gott persönlich auftaucht. Der Sterbende ist so sehr isoliert, dass ihm nichts übrig bleibt, als mit eben jenem in einen gedanklichen Dialog zu treten. Er, der Pfarrer, ist kein Beispiel an Tugend. Er hat seine Frau Margarete geschlagen. Vieles ist daraufhin zusammen gebrochen. Seine spätere Geliebte Irene verlor er bei einem Autounfall. Hier im Sterben denkt er an sie. Das liest Sibylle Knauss im vierten Teil ihrer Buchpräsentation. Und am Schluss liest sie folgenden Dialog zwischen Gott und dem sterbenden Pfarrer:

„Unter all meinen Schöpfungswundern warst du eines. Genügt das?“
„Ja. Das genügt.“
Damit klappt sie das Buch zu.

Der Gott der letzten Tage
Roman
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis 20 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Eine ausführliche Rezension des Romans in der Buchbesprechung des Elsternests hier.

Walle Sayer steckt viel in die Streichholzschachtel

07.04.2016 at 1:26
Walle Sayer in der Stadtbibliothek

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Die LesBar der Stadtbibliothek ist keine Streichholzschachtel, trotzdem erstaunlich, wie viele Zuhörer in diesem Kleinod hoch oben in der Stadtbibliothek bei der Lesung von Walle Sayer am 5. April darin Platz fanden. Viel literarische Prominenz aus Stuttgart war vertreten, um dem Autor des Klöpfer & Meyer Verlages zuzuhören. Man kennt sich in der Szene und der Verlag Klöpfer & Meyer ist für einige der im Publikum sitzenden Autoren ebenfalls ein sicherer Hafen, wie er es für Walle Sayer seit nunmehr acht Büchern ist.

Ingrid Gerlach begrüßt Walle Sayer

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Seinen neuen Band untertitelte Walle Sayer mit „Feinarbeiten“. Ein treffender Titel, denn Walle Sayer ist bekannt für seinen genauen Blick auf die kleinen Dinge des Lebens, die er immer wieder zum Ausgangspunkt seiner fein gearbeiteten Texte macht. Der Autor ist seit vielen Jahren dem Schriftstellerhaus verbunden und so verwundert es nicht, dass dessen Geschäftsführerin Astrid Braun diesen Abend moderierte. Die gegenseitige Wertschätzung und Empathie durchzog den Abend von Anfang an, das fing schon mit der herzlichen Begrüßung durch Ingrid Gerlach als Vertreterin der Stadtbibliothek an.

Walle Sayer brennt für das Schreiben

Walle Sayer ist einer, der schon früh für sich entschied, die Schriftstellerei zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Er absolvierte zwar eine Banklehre, aber die Ausbildung konnte seine Liebe zur Literatur nicht verdrängen. Für Astrid Braun ist Walle Sayer ein lebendes Beispiel, wie Literatur ein Leben im wortwörtlichen Sinne verändern kann, wenn man sich ihr ganz und gar hingibt. Aber vom Schreiben allein kann er nicht leben. Und da er Verantwortung für eine Familie hat, musste er sich zwei berufliche „Flügel“ zulegen: er arbeitet als Nachtportier in einem Hotel und als Kellner in einer Kulturgaststätte in Horb. Die Gedichte des Lyrikers und Essayisten Walter Helmut Fritz seien für ihn die Initialzündung gewesen, selber mit dem Schreiben anzufangen, verrät er zu Anfang des Gesprächs. Und er beginnt seine Lesung mit dem Text „Leseausweis“. Darin beschreibt er einen Jungen, der sich lesend neue Welten erschließt.

Walle Sayer Mikrofon

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Walle Sayer hat seinen Band in neun Kapitel aufgeteilt, die lediglich mit römischen Ziffern tragen. Doch er legt Wert auf Überschriften zu seinen Texten. Der erste Text eines Bandes hat für ihn immer etwas Programmatisches, erläutert Walle Sayer. Der erste Text in diesem Band trägt die Überschrift „Photographisch“ und er hat ein Zitat von Fernando Pessoa dem Text voran gestellt: „Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind.“ Und schon in diesem Text tauchen die wunderbaren poetischen Bilder des Autors auf, wenn er von „müden Straßenlampen“ schreibt, von den „Neun Zwergen in einem Vorgarten, die keinerlei Putschplan haben“ und von der „Fellfarbe der Scheunenwand“.

Stetiges Arbeiten am Text verleiht ihm Tiefe

Walle Sayer ist ein Wortesammler. Was er notiert, kann zu einem Text werden, ein Klang als Ausgangspunkt einer nächsten Betrachtung dienen. Die tägliche Zeitungslektüre ist für ihn eine unermessliche Fundgrube. Ein ganzes Kapitel hat er seiner Zeitungsausschnittsammlung gewidmet. Er arbeite lange an seinen Texten, überarbeitet sie ein ums andere Mal. Selbst wenn Texte in Zeitschriften veröffentlicht sind, nimmt er manchmal noch Änderungen vor. Sind sie allerdings als Buch erschienen, dann ist der Prozess auch für ihn endgültig abgeschlossen.

Walle Sayer Detail

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Immer wieder sind es die Kleinigkeiten, die sonst nicht erwähnten Dinge, die Walle Sayer in seinen Texten in ungewöhnliche Worte kleidet, die er an diesem Abend dem Publikum nahe bringt. Diese Liebe zum Detail seine Verbundenheit mit dem Strom des Lebens werden in der Lesung deutlich. In der ihm eigenen Bescheidenheit nimmt er sich die Zeit, die Zuhörer quer durch sein ganzes Buch zu führen und einen Einblick in sein poetisches Schaffen zu geben. Wer ihm an diesem Abend zugehört hat, hat eine Ahnung davon bekommen können, dass es ist nicht immer der ausufernde Roman ist, der dem Leser eine Welt eröffnet, es sind auch die kurzen Texte dieses in der schwäbischen Landschaft fest verankerten Schriftstellers Walle Sayer.

Was in die Steichholzschachtel passte - Walle Sayer

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Was in die Streichholzschachtel paßte
Feinarbeiten
124 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Eine Rezension gibt es hier.

Für Walle Sayer ist kein Raum zu klein

19.03.2016 at 12:53
walle sayer

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Walle Sayer legt im Klöpfer & Meyer Verlag seinen neuen, achten Band mit Kurztexten vor. Es scheint eine fruchtbare und verlässliche Zusammenarbeit zwischen dem Wortedrechsler und dem Tübinger Verlag zu geben. Seinen titelgebenden Text hat er wohl auch deshalb seinem Verleger Hubert Klöpfer gewidmet.

Der achte Band trägt als Gattungsbegriff Feinarbeiten. Manche Bände tragen sprechende Untertitel, etwa: Ein Erzählgeflecht,  nennt als Untertitel: Eine Innenansicht des Wesentlichen oder auch Miniaturen, Notate und ein Panoptikum. Drei seiner Bände tragen als Untertitel schlicht Gedichte. Alle seine Bücher zeichnet die Liebe zum Sprachdetail aus, die Walle Sayer versteht, in wenigen Zeilen oder Strophen auszudrücken. Seinen Blick für die kleinen, alltäglichen Dinge hat der in Birlingen geborene und heute mit seiner Familie in Dettingen lebende Autor geschärft. Sein Geburtsort liegt nur 17 Kilometer von seinem heutigen Wohnort entfernt. Weit weg gekommen ist der Autor nicht aber das braucht er auch nicht, seine Beschreibungen verorten sich ebenso in kleinem Umkreis. Er umkreist seine Themen, sie passen auf eine halbe, maximal auf eine Buchseite. Es gibt auch welche, die sich in drei Zeilen erschöpfen.

Walle Sayer hat seinen Band in 9 Kapiteln strukturiert

In neun Kapitel hat er seine Feinarbeiten eingeteilt und der letzte Text im ersten Kapitel umreißt schon in seiner Überschrift die Arbeitsweise des Dichters: Kleinformatig. Darin heißt es programmatisch: „Sieben auf elf Zentimeter reichen aus, die Welt zu vergegenwärtigen, bevor sie sich auflöst in der Schneestille, im nebligen Hauch über gefrorener Erde.“ Und er beschreibt darin, wie der Museumsleiter seine Mitarbeiterin anhand der Abbildungen im Katalog raten, wie groß ein Bild sein möge: „Untrügliches Zeichen für die Größe dieser Kunst, waren sie unsicher, lagen daneben, standen dann, statt vor dem Gemälde, auf Augenhöhe staunend, vor einer wandfüllenden Miniatur.“ Was Salle Wayer hier für die Bilder beschreibt, gilt ebenso für seine Texte und die Titel seiner Notate sind ebenso kurz, oft nur ein Wort. Aber das sitzt. Als Leser hat man den Eindruck, man stehe unmittelbar an der Seite des Autors beim Betrachten und im Moment seines Betrachtens.

Zeitungsausschnitte als Steinbruch des Schreibens

Ein Kapitel schreibt Walle Sayer über Zeitungsmeldungen, die, ausgeschnitten und gesammelt, ihm als Reflektionsmaterial dienen. Kleinanzeigen, Todesanzeigen und unter Vermischtes über die örtliche Feuerwehr. Und natürlich die Seite mit Leserbriefen, deren Schreiber er kurz und knapp charakterisiert: „Zumindest einige dieser Leserbriefschreiber, die aus vier Sätzen eine grobe Festung erbauen, …“. Hier in der schwäbischen Zeitungslektüre werden Ausdrücke gefunden, die so typisch sind für das Schwäbische: „Allmachtsseckel“ und „Holzschopf“.

Ein ganzes Leben in wenigen Zeilen dargelegt

In manchen Texten schimmern die Erfahrungen durch die der Autor bei seiner Arbeit in der Nachtbereitschaft in einem Heim gesammelt hat. In Selbstmeditation beschreibt er das Armband mit dem Notrufknopf am Handgelenk des tattrigen Alten, der dennoch das Pflegepersonal überlistet, indem er die Nebeltablette heimlich im Klo hinabspült. Oder wie er ein ganzes Lebensschicksal einer alten Frau in einem Satz beschreibt. Das Schnurren des Heimkaters setzt bei ihr einen inneren Motor in Gang: „Sie, die zwei Männer überlebt hat, ihre Kinder nicht mehr erkennt, eine Sturzhose trägt, wird ruhig, wird still, sobald er um die Füße streicht.“ Auch der Leser wird still, wenn er so präzise beschrieben ihr Schicksal auf wenigen Zeilen zusammen geschnurrt erfährt. Manchmal reduziert Walle Sayer einen Satz auch noch um das Verb, ohne dass der Satz ungelenk oder unverständlich wird. Und er beschreibt in lyrisch schöner Sprache, wie Zurückgebliebene auf dem Bahnsteig „mit dem Taschentuch winkend ein Lufteck ausreiben“. Das kann er nur auf einem schwäbischen Kleinstbahnhof beobachtet haben, nicht in der lärmenden Baustelle des Stuttgarter Hauptbahnhofes, auf dem keine Luftecken mehr auszureiben sind.

Seine kleine Welt hat Walle Sayer auf gut hundert Seiten zwischen zwei Buchdeckeln gepackt und lädt den Leser ein, ausgehend von den genauen Beschreibungen, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und selber assoziativ den gegebenen Rahmen in großer Freiheit zu verlassen. Was kann man sich von der Literatur mehr erhoffen? Wer nicht nur selber lesen sondern den Autor lesen hören will, dem bietet sich am 5. April um 19 Uhr 30 in der Stadtbibliothek Stuttgart dazu Gelegenheit. Oder an einem seiner anderen Lesetermine, hier veröffentlicht.

Was in die Steichholzschachtel passte - Walle Sayer

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Was in die Streichholzschachtel paßte
Feinarbeiten
124 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Ulrike Schäfer – Nachts, nah bei uns

23.10.2015 at 6:00
ulrike schäfer

Zwei, die sich mögen

 

Ulrike Schäfer stellte in der Stadtbibliothek Stuttgart am 20. November ihren ersten Band mit Erzählungen vor: Nachts, weit von hier. Gerade ist er im Klöpfer & Meyer Verlag erschienen. Obwohl in Würzburg ansässig, war es für sie ein Heimspiel. Sie fühlt sich in Stuttgart heimisch, ein viertel Jahr hat sie Anfang des Jahres im Schriftstellerhaus als Stipendiatin gewohnt.

Mit der Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses Astrid Braun, verbindet sie eine Freudschaft, seit sie während ihres Stipendiums mit ihr über die Geschichten diskutiert hat, die nun den Band füllen. Diese freundschaftliche Beziehung trat in dem Gespräch zutage, das die beiden miteinander an diesem Abend führten. Drei Geschichten aus ihrem Band mit Kurzgeschichten las sie, begann mit der titelgebenden Geschichte „Nachts, weit von hier“.

Die Ich-Perspektive prägen die Geschichten von Ulrike Schäfer

ulrike schäfer Nachts, weit von hier

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Bei Ulrike Schäfer versteht man nicht gleich, ob die Ich-Perspektive aus der Sicht einer Frau oder eines Mannes geschrieben ist. Der Leser muss die Beschreibungen genau lesen, um diese Frage entscheiden zu können. Ulrike Schäfer hat, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete, das Business-Leben einer „Free Lancerin“ gelebt. Die studierte Germanistin und Informatikerin arbeitete lange Zeit als Softwareberaterin, hat große Firmen beraten und lebte während ihrer Aufenthalte in den Städten ihrer Auftraggeber in Hotels, wie ihre Protagonistin in dieser bedrückenden Geschichte: Ein von Schlaflosigkeit geplagte Frau, die einen Übergriff auf eine Frau von ihrem Hotelzimmer aus beobachtet, von dem sie später nicht mehr weiß, ob er sich wirklich zugetragen hat oder nicht. Den Mut einzugreifen hatte sie nicht. Erst viel später meldet sie den Vorfall der Polizei und auf die Frage, wann und wo der Überfall stattgefunden hat, antwortet die Frau der Ich-Erzählung: „Nachts, weit von hier.“

Es ist der besondere Ton ihrer Geschichten, der aufhorchen lässt und große Spannung unter den Zuhörern erzeugt. Immer wieder rhythmisiert sie ihre Geschichten durch Dopplungen und man wünscht sich, die Geschichten mögen nicht aufhören, so einfühlsam schildert sie ihre Figuren. Daher auch die Frage aus der Zuhörerschaft, ob sie an einem Romanprojekt arbeite. Sie liebe die Strenge der Dramaturgie und wie sie auf engstem Raum eine Welt erschaffen könne, antwortete sie, ob sie das in einem umfangreicheren Romanprojekt umsetzten kann, ließ sie offen. Längere Texte verfasst Ulrike Schäfer fürs Theater. Gerade ist ein Stück entstanden, den Auftrag für ein weiteres Theaterstück hat sie soeben erhalten.

Die zweite an diesem Abend gelesen Geschichte, „Nele“ erzählt von der geglaubten, unendlich währenden Freundschaft zweier Mädchen. Bis die Pubertät einsetzt und das Interesse an Jungen die Perspektive – wieder eine Ich-Erzählerin – verschiebt. Und der tödliche Unfall der Freundin lässt sie ihr Leben lang nicht los.

Ein ins ungewisse geöffnetes Herz

Mit einer „hellen Geschichte“ beschloss Ulrike Schäfer ihre Lesung: „Gelika entdeckt die Liebe“. In dreißig alten Briefen an eine verflossene Liebe entdeckt sie die Liebe auf dem Dachboden, die sie vor dreißig Jahren erlebt hat und die sie aus ihrem Leben geschoben hat, um im Alltag funktionieren zu können. Die Lektüre dieser alten Briefe wirft sie aus der Bahn, so sehr, dass sie sich auf den Weg macht zu dem, in einem anderen Kontinent lebenden, Menschen. Und am Ende der Geschichte spürt Gelika, „… dass es anders ist, fühlt, wie es schlägt: ein ins ungewisse geöffnetes Herz.“

Ulrike Schäfer "Nachts, weit von hier"

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Nachts, weit von hier
Erzählungen
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens