Auch in diesen Tagen spricht Gott zu dir

26.03.2017 at 21:05
Sibylle Knaus

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Mit Der Gott der letzten Tage legte im Februar Sibylle Knauss einen neuen Roman vor. Es ist das zweite Buch, das der Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer von ihr publiziert. Der größte Teil ihres umfangreichen Romanwerks veröffentlichte der Hoffmann und Campe Verlag. Am 24. Februar 2017 stellte sie ihn in der Stadtbibliothek Ludwigsburg erstmals vor, siehe Bericht im Elsternest hier.

Der Roman von Sibylle Knauss hätte auch eine Novelle sein können

Sibylle Knauss ist ein Kind des Ruhrgebiets. Sie wurde 1944 in Unna geboren. Die Tatsache, dass sie neben Germanistik auch Theologie studierte und in ihrem Roman ein wichtiges theologisches Thema aufgreift, lässt aufhorchen. Ohne die früheren Werke der zuletzt als Professorin für Drehbuch-Dramaturgie an der Filmakademie in Ludwigsburg arbeitenden Autorin zu kennen, las ich dieses als Roman klassifizierte Buch. Warum der Verlag dieses Werk nicht unter dem Gattungsbegriff Novelle veröffentlichte, bleibt unklar, es hätte dem Buch besser zu Gesicht gestanden, berichtet es doch von einem ungewöhnlichen Ereignis und beleuchtet es schlaglichthaft: dem Sterben eines todkranken Pfarrers. Dieser bleibt namenlos im Gegensatz zu dem Gesprächspartner seiner letzten Tage: GOTT. Und da fängt das Dilemma des Plots an: Sibylle Knauss führt Gott als Antagonisten des an Maschinen angeschlossenen evangelischen Pfarrers ein. Wie vorteilhaft, dass beide mittels Gedankenübertragung miteinander kommunizieren können. Mit Menschen kann der Theologe aufgrund eines Luftröhrenschnitts, durch den er künstlich beatmet wird, nicht mehr reden. Sein Sohn liest einige Worte von seinen Lippen ab, ungleich umständlicher als das „Gespräch“ zwischen Gott und seinem Diener.

Sprache: gut – Theologie: mangelhaft

Die studierte Theologin Sibylle Knauss lässt Gott als einen personalen Gott auftreten und führt ihn ein, wie es gerne die pietistischen Gläubigen in Baden-Württemberg tun. Das mag ihr Leserinnen und Leser aus diesem Lager zuführen, einem theologisch interessierten Leser tut sie damit keinen Gefallen. Dieser Dialog zwischen Gott und dem Menschen macht das Buch in weiten Teilen zu einem Ärgernis, verfestigt es damit doch in der Theologie langst überwundene Gottesvorstellungen. Darüber hinaus kommt es häufig zu Widersprüchen, wenn der Allwissende sich als doch nicht so allwissend präsentiert. Als Leser hat man den Eindruck, einer Beichte beizuwohnen bei der das mündliche Eingeständnis einer schuldhaften Verfehlung des Pönitent während eines Gesprächs unter vier Augen mit einem Beichtvater erfolgt. Nur ist bei Sibylle Knauss der Beichtvater mit Gott gleichgesetzt. Es hätte mit einem anderen Gottesbild eine spannende Erzählung werden können, denn der Pfarrer ist keiner, der frei von Sünde ist, ganz im Gegenteil: Wut, Gewalt, Zigaretten sind seine ständigen Begleiter. Seine Frau verließ ihn mit drei Kindern, floh aus dieser gewalttätigen Ehe. Nur den schwererziehbaren Sohn ließ sie da. Hier ruft die Autorin das Bild des verloren Sohnes aus dem Lukasevangelium (15,11–32) auf. Des Pfarrers Hang zum Alkohol verschärfte so manchen Ehekonflikt. Und er kann die Finger nicht vom weiblichen Geschlecht lassen, das sich aufgrund seiner Stellung als geistliches Gemeindeoberhaupt mit gutem Draht zu Gott zu ihm hingezogen fühlt. Seine derzeitige Geliebte besucht ihn am Krankenbett, das seine Totenstätte werden wird. Aber bis er stirbt, hat er noch manchen Disput mit Gott zu führen.

Sybille Knauss lässt einen Pfarrer einen langen Dialog mit Gott führen

Bei Giovannino Guareschi hatten diese Dialoge zwischen dem Priester und Gott noch gut funktioniert. Wunderbar in den Filmen mit Fernandel umgesetzt. Nach „Kampfeinsätzen“ gegen seinen kommunistischen Bürgermeister, mit dem er durch die gemeinsame Vergangenheit in Partisaneneinheiten verbunden ist, redet Don Camillo zerknirscht mit Jesus am Kreuz. Dieser tadelt ihn ein ums andere Mal ob seines antikommunistischen Eifers. Das war mit leichter Hand und einem Augenzwinkern erzählt und hatte in den fünfziger Jahren seine Berechtigung. 60 Jahre später funktioniert das nicht mehr, zumal der Roman von Sibylle Knaus keinerlei Humor aufweist. Hier zeigt sich Gott als der über dem Menschen stehende Lenker seiner ihm anvertrauten Geschöpfe: „Glaubst du, ich hätte nur deine Schritte gelenkt? Und nicht auch seine? Und nicht Margarethes, als sie dich verließ und mit den drei Kindern zum Auto ging, das vor dem Pfarrhaus wartete, und dem Möbelwagen nachfuhr, der schon unterwegs war? Glaubst du das?“ (S. 59)

Dass es ein eitler Gott ist, lässt Sibylle Knauss auch noch durchscheinen: „Doch ich bediene mich gerne der menschlichen Sprache und lasse mich darin verehren und anbeten.“ (S. 62)

Vor großen Bildern schreckt die Autorin nicht zurück, so, wenn sie den heute erwachsenen Sohn, der ein schwer erziehbares Kind war, aus der Sicht des Pfarrers als einen beschreibt, der „ihn auf seinem Rücken nach Hause tragen (wird), wie Aeneas seinen Vater aus dem brennenden Troja getragen hat.“ (S. 65) Es scheint, als hätte die Autorin in den Schreibpausen den heldenverehrenden Hollywoodfilm „Ilias“ von Wolfgang Petersen mit dem Schönling Brad Pitt als Achill gesehen. An einer Stelle beschleicht den Leser der Gedanke, Sibylle Knauss würde ihrer eigenen Biografie zitieren: „Kaum zu fassen, dass man sie damals auf Schüler losgelassen hat. Sie ist die lausigste Theologin, die er kennt. Wenn sie je etwas vom Fach verstanden hat, dann hat sie es jedenfalls seither gut vergessen“ (S. 76).

Eine Seite weiter lässt sie eine Ahnung aufkommen, was für eine wuchtige Erzählung es hätte werden können, wenn sie schreibt: „Religion ist erotisch. Sie weckt unsere Sinne und Leidenschaften. Sie lockt uns an die Grenzen und darüber hinaus. Verführt uns mit Verheißungen. Versetzt die Seelen in Schwingungen.“ Hätte sie ihren Roman mit diesen Empfindungen grundiert und ihn nicht als persönlichen Dialog konzipiert, es hätte ein spannendes Werk werden können.

Der Gott der letzten Tage
Roman
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis 20 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Vom Leben vor dem Sterben

26.02.2017 at 19:52
Sibylle Knauss in Ludwigsburg

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Für Sibylle Knauss ist die Vorstellung ihres neuen Romans am 24. Februar 2017 in Ludwigsburg ein Heimspiel. Wohnt doch die Autorin in unmittelbarer Nähe dieser Stadt und hat lange Zeit als Dozentin an der Filmakademie in Ludwigsburg für das Fach Drehbuch gearbeitet. Seit 1981 legt sie regelmäßig Romane vor, früher unter anderem im Hoffmann und Campe Verlag. Ihr Verleger Hubert Klöpfer ist sichtlich stolz, dass er den neuen Roman von Sibylle Knauss, Der Gott der letzten Tage nach Das Liebesgedächtnis in seinem Verlag verlegen konnte. Er betont, es solle nicht bei diesen beiden Romanen in seinem Hause bleiben.

Der Gott der letzten Tage ist ein Roman von der Lebensgrenze. Für Sibylle Knauss hat die Frage, was nach dem Tod kommt, eine große Anziehungskraft: Sie hat in München und Heidelberg nicht nur die Fächer Germanistik und Anglistik studiert sondern auch Theologie.

Philosophische Betrachtungen

Den philosophischen Prolog zum Roman liest Sibylle Knauss zu Beginn, um dann in die Geschichte einzutauchen. Es ist keine leichte Geschichte, die sie für ihren 15. Roman ausgesucht hat. Sie handelt von einem im Sterben liegenden evangelischen Pfarrer und sie ist eine Ars Moriendi, wie die Autorin Sibylle Knauss zu Beginn der Lesung erläutert. Aber zugleich sei die Geschichte auch eine Ars Vivendi, denn sie sei Mut machend und in weiten Teilen humorvoll. Nach einem Kurzbesuch bei Gott kehrt der Pfarrer durch Reanimation wieder für kurze Zeit ins Reich der Lebenden zurück. Er liegt in einem Krankenhausbett, Schläuche stecken in seinen Armen und hinter ihm piepsen die Maschinen, die ihn künstlich am Leben erhalten und die für ihn das Atmen übernehmen. Er will sprechen, kann aber nicht. Er hat nicht mehr lange zu leben, er will das Bewusstsein von Pein, Hilflosigkeit und großer Angst nicht.

Obwohl er in seinem Leben als Pfarrer Hunderte von Grabreden gehalten hat, muss er sich nun persönlich mit dem großen Ungewissen nach dem letzten Atemzug auseinander setzten, und muss lernen, dieses Ungewissheit zu akzeptieren: Ist es das Nichts oder vielleicht auch das Ewige? Es dauert nicht lange, bis Gott persönlich auftaucht. Der Sterbende ist so sehr isoliert, dass ihm nichts übrig bleibt, als mit eben jenem in einen gedanklichen Dialog zu treten. Er, der Pfarrer, ist kein Beispiel an Tugend. Er hat seine Frau Margarete geschlagen. Vieles ist daraufhin zusammen gebrochen. Seine spätere Geliebte Irene verlor er bei einem Autounfall. Hier im Sterben denkt er an sie. Das liest Sibylle Knauss im vierten Teil ihrer Buchpräsentation. Und am Schluss liest sie folgenden Dialog zwischen Gott und dem sterbenden Pfarrer:

„Unter all meinen Schöpfungswundern warst du eines. Genügt das?“
„Ja. Das genügt.“
Damit klappt sie das Buch zu.

Der Gott der letzten Tage
Roman
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis 20 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Eine ausführliche Rezension des Romans in der Buchbesprechung des Elsternests hier.

Walle Sayer steckt viel in die Streichholzschachtel

07.04.2016 at 1:26
Walle Sayer in der Stadtbibliothek

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Die LesBar der Stadtbibliothek ist keine Streichholzschachtel, trotzdem erstaunlich, wie viele Zuhörer in diesem Kleinod hoch oben in der Stadtbibliothek bei der Lesung von Walle Sayer am 5. April darin Platz fanden. Viel literarische Prominenz aus Stuttgart war vertreten, um dem Autor des Klöpfer & Meyer Verlages zuzuhören. Man kennt sich in der Szene und der Verlag Klöpfer & Meyer ist für einige der im Publikum sitzenden Autoren ebenfalls ein sicherer Hafen, wie er es für Walle Sayer seit nunmehr acht Büchern ist.

Ingrid Gerlach begrüßt Walle Sayer

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Seinen neuen Band untertitelte Walle Sayer mit „Feinarbeiten“. Ein treffender Titel, denn Walle Sayer ist bekannt für seinen genauen Blick auf die kleinen Dinge des Lebens, die er immer wieder zum Ausgangspunkt seiner fein gearbeiteten Texte macht. Der Autor ist seit vielen Jahren dem Schriftstellerhaus verbunden und so verwundert es nicht, dass dessen Geschäftsführerin Astrid Braun diesen Abend moderierte. Die gegenseitige Wertschätzung und Empathie durchzog den Abend von Anfang an, das fing schon mit der herzlichen Begrüßung durch Ingrid Gerlach als Vertreterin der Stadtbibliothek an.

Walle Sayer brennt für das Schreiben

Walle Sayer ist einer, der schon früh für sich entschied, die Schriftstellerei zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Er absolvierte zwar eine Banklehre, aber die Ausbildung konnte seine Liebe zur Literatur nicht verdrängen. Für Astrid Braun ist Walle Sayer ein lebendes Beispiel, wie Literatur ein Leben im wortwörtlichen Sinne verändern kann, wenn man sich ihr ganz und gar hingibt. Aber vom Schreiben allein kann er nicht leben. Und da er Verantwortung für eine Familie hat, musste er sich zwei berufliche „Flügel“ zulegen: er arbeitet als Nachtportier in einem Hotel und als Kellner in einer Kulturgaststätte in Horb. Die Gedichte des Lyrikers und Essayisten Walter Helmut Fritz seien für ihn die Initialzündung gewesen, selber mit dem Schreiben anzufangen, verrät er zu Anfang des Gesprächs. Und er beginnt seine Lesung mit dem Text „Leseausweis“. Darin beschreibt er einen Jungen, der sich lesend neue Welten erschließt.

Walle Sayer Mikrofon

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Walle Sayer hat seinen Band in neun Kapitel aufgeteilt, die lediglich mit römischen Ziffern tragen. Doch er legt Wert auf Überschriften zu seinen Texten. Der erste Text eines Bandes hat für ihn immer etwas Programmatisches, erläutert Walle Sayer. Der erste Text in diesem Band trägt die Überschrift „Photographisch“ und er hat ein Zitat von Fernando Pessoa dem Text voran gestellt: „Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind.“ Und schon in diesem Text tauchen die wunderbaren poetischen Bilder des Autors auf, wenn er von „müden Straßenlampen“ schreibt, von den „Neun Zwergen in einem Vorgarten, die keinerlei Putschplan haben“ und von der „Fellfarbe der Scheunenwand“.

Stetiges Arbeiten am Text verleiht ihm Tiefe

Walle Sayer ist ein Wortesammler. Was er notiert, kann zu einem Text werden, ein Klang als Ausgangspunkt einer nächsten Betrachtung dienen. Die tägliche Zeitungslektüre ist für ihn eine unermessliche Fundgrube. Ein ganzes Kapitel hat er seiner Zeitungsausschnittsammlung gewidmet. Er arbeite lange an seinen Texten, überarbeitet sie ein ums andere Mal. Selbst wenn Texte in Zeitschriften veröffentlicht sind, nimmt er manchmal noch Änderungen vor. Sind sie allerdings als Buch erschienen, dann ist der Prozess auch für ihn endgültig abgeschlossen.

Walle Sayer Detail

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Immer wieder sind es die Kleinigkeiten, die sonst nicht erwähnten Dinge, die Walle Sayer in seinen Texten in ungewöhnliche Worte kleidet, die er an diesem Abend dem Publikum nahe bringt. Diese Liebe zum Detail seine Verbundenheit mit dem Strom des Lebens werden in der Lesung deutlich. In der ihm eigenen Bescheidenheit nimmt er sich die Zeit, die Zuhörer quer durch sein ganzes Buch zu führen und einen Einblick in sein poetisches Schaffen zu geben. Wer ihm an diesem Abend zugehört hat, hat eine Ahnung davon bekommen können, dass es ist nicht immer der ausufernde Roman ist, der dem Leser eine Welt eröffnet, es sind auch die kurzen Texte dieses in der schwäbischen Landschaft fest verankerten Schriftstellers Walle Sayer.

Was in die Steichholzschachtel passte - Walle Sayer

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Was in die Streichholzschachtel paßte
Feinarbeiten
124 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Eine Rezension gibt es hier.

Für Walle Sayer ist kein Raum zu klein

19.03.2016 at 12:53
walle sayer

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Walle Sayer legt im Klöpfer & Meyer Verlag seinen neuen, achten Band mit Kurztexten vor. Es scheint eine fruchtbare und verlässliche Zusammenarbeit zwischen dem Wortedrechsler und dem Tübinger Verlag zu geben. Seinen titelgebenden Text hat er wohl auch deshalb seinem Verleger Hubert Klöpfer gewidmet.

Der achte Band trägt als Gattungsbegriff Feinarbeiten. Manche Bände tragen sprechende Untertitel, etwa: Ein Erzählgeflecht,  nennt als Untertitel: Eine Innenansicht des Wesentlichen oder auch Miniaturen, Notate und ein Panoptikum. Drei seiner Bände tragen als Untertitel schlicht Gedichte. Alle seine Bücher zeichnet die Liebe zum Sprachdetail aus, die Walle Sayer versteht, in wenigen Zeilen oder Strophen auszudrücken. Seinen Blick für die kleinen, alltäglichen Dinge hat der in Birlingen geborene und heute mit seiner Familie in Dettingen lebende Autor geschärft. Sein Geburtsort liegt nur 17 Kilometer von seinem heutigen Wohnort entfernt. Weit weg gekommen ist der Autor nicht aber das braucht er auch nicht, seine Beschreibungen verorten sich ebenso in kleinem Umkreis. Er umkreist seine Themen, sie passen auf eine halbe, maximal auf eine Buchseite. Es gibt auch welche, die sich in drei Zeilen erschöpfen.

Walle Sayer hat seinen Band in 9 Kapiteln strukturiert

In neun Kapitel hat er seine Feinarbeiten eingeteilt und der letzte Text im ersten Kapitel umreißt schon in seiner Überschrift die Arbeitsweise des Dichters: Kleinformatig. Darin heißt es programmatisch: „Sieben auf elf Zentimeter reichen aus, die Welt zu vergegenwärtigen, bevor sie sich auflöst in der Schneestille, im nebligen Hauch über gefrorener Erde.“ Und er beschreibt darin, wie der Museumsleiter seine Mitarbeiterin anhand der Abbildungen im Katalog raten, wie groß ein Bild sein möge: „Untrügliches Zeichen für die Größe dieser Kunst, waren sie unsicher, lagen daneben, standen dann, statt vor dem Gemälde, auf Augenhöhe staunend, vor einer wandfüllenden Miniatur.“ Was Salle Wayer hier für die Bilder beschreibt, gilt ebenso für seine Texte und die Titel seiner Notate sind ebenso kurz, oft nur ein Wort. Aber das sitzt. Als Leser hat man den Eindruck, man stehe unmittelbar an der Seite des Autors beim Betrachten und im Moment seines Betrachtens.

Zeitungsausschnitte als Steinbruch des Schreibens

Ein Kapitel schreibt Walle Sayer über Zeitungsmeldungen, die, ausgeschnitten und gesammelt, ihm als Reflektionsmaterial dienen. Kleinanzeigen, Todesanzeigen und unter Vermischtes über die örtliche Feuerwehr. Und natürlich die Seite mit Leserbriefen, deren Schreiber er kurz und knapp charakterisiert: „Zumindest einige dieser Leserbriefschreiber, die aus vier Sätzen eine grobe Festung erbauen, …“. Hier in der schwäbischen Zeitungslektüre werden Ausdrücke gefunden, die so typisch sind für das Schwäbische: „Allmachtsseckel“ und „Holzschopf“.

Ein ganzes Leben in wenigen Zeilen dargelegt

In manchen Texten schimmern die Erfahrungen durch die der Autor bei seiner Arbeit in der Nachtbereitschaft in einem Heim gesammelt hat. In Selbstmeditation beschreibt er das Armband mit dem Notrufknopf am Handgelenk des tattrigen Alten, der dennoch das Pflegepersonal überlistet, indem er die Nebeltablette heimlich im Klo hinabspült. Oder wie er ein ganzes Lebensschicksal einer alten Frau in einem Satz beschreibt. Das Schnurren des Heimkaters setzt bei ihr einen inneren Motor in Gang: „Sie, die zwei Männer überlebt hat, ihre Kinder nicht mehr erkennt, eine Sturzhose trägt, wird ruhig, wird still, sobald er um die Füße streicht.“ Auch der Leser wird still, wenn er so präzise beschrieben ihr Schicksal auf wenigen Zeilen zusammen geschnurrt erfährt. Manchmal reduziert Walle Sayer einen Satz auch noch um das Verb, ohne dass der Satz ungelenk oder unverständlich wird. Und er beschreibt in lyrisch schöner Sprache, wie Zurückgebliebene auf dem Bahnsteig „mit dem Taschentuch winkend ein Lufteck ausreiben“. Das kann er nur auf einem schwäbischen Kleinstbahnhof beobachtet haben, nicht in der lärmenden Baustelle des Stuttgarter Hauptbahnhofes, auf dem keine Luftecken mehr auszureiben sind.

Seine kleine Welt hat Walle Sayer auf gut hundert Seiten zwischen zwei Buchdeckeln gepackt und lädt den Leser ein, ausgehend von den genauen Beschreibungen, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und selber assoziativ den gegebenen Rahmen in großer Freiheit zu verlassen. Was kann man sich von der Literatur mehr erhoffen? Wer nicht nur selber lesen sondern den Autor lesen hören will, dem bietet sich am 5. April um 19 Uhr 30 in der Stadtbibliothek Stuttgart dazu Gelegenheit. Oder an einem seiner anderen Lesetermine, hier veröffentlicht.

Was in die Steichholzschachtel passte - Walle Sayer

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Was in die Streichholzschachtel paßte
Feinarbeiten
124 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Ulrike Schäfer – Nachts, nah bei uns

23.10.2015 at 6:00
ulrike schäfer

Zwei, die sich mögen

 

Ulrike Schäfer stellte in der Stadtbibliothek Stuttgart am 20. November ihren ersten Band mit Erzählungen vor: Nachts, weit von hier. Gerade ist er im Klöpfer & Meyer Verlag erschienen. Obwohl in Würzburg ansässig, war es für sie ein Heimspiel. Sie fühlt sich in Stuttgart heimisch, ein viertel Jahr hat sie Anfang des Jahres im Schriftstellerhaus als Stipendiatin gewohnt.

Mit der Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses Astrid Braun, verbindet sie eine Freudschaft, seit sie während ihres Stipendiums mit ihr über die Geschichten diskutiert hat, die nun den Band füllen. Diese freundschaftliche Beziehung trat in dem Gespräch zutage, das die beiden miteinander an diesem Abend führten. Drei Geschichten aus ihrem Band mit Kurzgeschichten las sie, begann mit der titelgebenden Geschichte „Nachts, weit von hier“.

Die Ich-Perspektive prägen die Geschichten von Ulrike Schäfer

ulrike schäfer Nachts, weit von hier

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Bei Ulrike Schäfer versteht man nicht gleich, ob die Ich-Perspektive aus der Sicht einer Frau oder eines Mannes geschrieben ist. Der Leser muss die Beschreibungen genau lesen, um diese Frage entscheiden zu können. Ulrike Schäfer hat, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete, das Business-Leben einer „Free Lancerin“ gelebt. Die studierte Germanistin und Informatikerin arbeitete lange Zeit als Softwareberaterin, hat große Firmen beraten und lebte während ihrer Aufenthalte in den Städten ihrer Auftraggeber in Hotels, wie ihre Protagonistin in dieser bedrückenden Geschichte: Ein von Schlaflosigkeit geplagte Frau, die einen Übergriff auf eine Frau von ihrem Hotelzimmer aus beobachtet, von dem sie später nicht mehr weiß, ob er sich wirklich zugetragen hat oder nicht. Den Mut einzugreifen hatte sie nicht. Erst viel später meldet sie den Vorfall der Polizei und auf die Frage, wann und wo der Überfall stattgefunden hat, antwortet die Frau der Ich-Erzählung: „Nachts, weit von hier.“

Es ist der besondere Ton ihrer Geschichten, der aufhorchen lässt und große Spannung unter den Zuhörern erzeugt. Immer wieder rhythmisiert sie ihre Geschichten durch Dopplungen und man wünscht sich, die Geschichten mögen nicht aufhören, so einfühlsam schildert sie ihre Figuren. Daher auch die Frage aus der Zuhörerschaft, ob sie an einem Romanprojekt arbeite. Sie liebe die Strenge der Dramaturgie und wie sie auf engstem Raum eine Welt erschaffen könne, antwortete sie, ob sie das in einem umfangreicheren Romanprojekt umsetzten kann, ließ sie offen. Längere Texte verfasst Ulrike Schäfer fürs Theater. Gerade ist ein Stück entstanden, den Auftrag für ein weiteres Theaterstück hat sie soeben erhalten.

Die zweite an diesem Abend gelesen Geschichte, „Nele“ erzählt von der geglaubten, unendlich währenden Freundschaft zweier Mädchen. Bis die Pubertät einsetzt und das Interesse an Jungen die Perspektive – wieder eine Ich-Erzählerin – verschiebt. Und der tödliche Unfall der Freundin lässt sie ihr Leben lang nicht los.

Ein ins ungewisse geöffnetes Herz

Mit einer „hellen Geschichte“ beschloss Ulrike Schäfer ihre Lesung: „Gelika entdeckt die Liebe“. In dreißig alten Briefen an eine verflossene Liebe entdeckt sie die Liebe auf dem Dachboden, die sie vor dreißig Jahren erlebt hat und die sie aus ihrem Leben geschoben hat, um im Alltag funktionieren zu können. Die Lektüre dieser alten Briefe wirft sie aus der Bahn, so sehr, dass sie sich auf den Weg macht zu dem, in einem anderen Kontinent lebenden, Menschen. Und am Ende der Geschichte spürt Gelika, „… dass es anders ist, fühlt, wie es schlägt: ein ins ungewisse geöffnetes Herz.“

Ulrike Schäfer "Nachts, weit von hier"

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Nachts, weit von hier
Erzählungen
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Susanne Stephan präsentiert „Haydns Papagei“

09.10.2015 at 20:58
Susanne Stephan "Haydns Papagei"

Susanne Stephan liest in der Stadtbibliothek Stuttgart

Die Buchpremiere von Susanne Stephans neuem Lyrikband Haydns Papagei am 8. Oktober in der Stadtbibliothek Stuttgart ist ein Heimspiel für die Stuttgarter Autorin: fast der gesamt Vorstand des Schriftstellerhauses, dem sie selber angehört, war anwesend. Mann und Sohn waren gekommen (die Tochter verhindert durch eine Mathematikprüfung in Freiburg, in deren Stresssituation sich Susanne Stephan sehr gut hineinversetzten kann) ebenso wie Weggefährten aus der „Stolpersteingruppe“. Die Erwähnung dieser Gruppe der Zivilgesellschaft wirft ein Licht auf das gesellschaftliche Engagement dieser Lyrikerin, die sich nicht in Abgeschiedenheit der Wortdrechselei hingibt.

Susanne Stephan sei mit ihrem Werk in der Stadtbibliothek seit vielen Jahren präsent, lobt Ingrid Gerlach von der Bibliothek in ihrer Begrüßung das Œvre der Lyrikerin. Für Schriftsteller aus der Region gibt es eine eigene Präsenssammlung, in der sie mit ihrem Werk vertreten ist, ebenso wie in der umfangreichen Lyriksammlung, der Stadtbibliothek.

Walle Sayer führt in seinem einleitenden Essay sehr kenntnisreich in den neuen Lyrikband ein, hebt aber auch die Unterschiede zu den beiden ersten Bänden hervor, die um die Beschreibung von lyrischen Orten kreisten: Tankstellengedichte (2003) und Gegenzauber (2008). In dem neuen Band nimmt die Musik breiten Raum ein. Biografische Elemente sind immer wieder in die Gedichte eingewoben. Eine Rezension des Bandes habe ich hier im Elsternest geschrieben.

Ein Nachruf auf Haydn

Natürlich beginnt Susanne Stephan ihre Lesung mit dem Gedicht „Haydn nachgerufen“. Der darin beschriebene Papagei findet sich im Titel des Bandes wieder. Es ist ein Nachruf in Form einer Ballade, ausgehend von dem Papagei, der aus dem Nachlass des Komponisten zur Versteigerung kam. Weitere Gedichte aus dem Zyklus „Balladen“ trägt sie vor, die sich alle um musikalische Themen drehen, seien es Texte zu Chopin, Mozart oder Beethoven. Der letzte Brief von Schubert, den Susanne Stephan in Wien in einem Museum gesehen hat, war der Ausgangspunkt für das Gedicht „Frontier“. Darin bittet Schubert um einen weiteren Roman von Cooper, einen, wie im Gedicht beschrieben, noch nicht gedruckten und noch nicht einmal geschrieben.

Susanne Stephan verwendet starke lyrische Bilder

Susanne Stephan

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Es sind immer wieder starke Bilder, die Susanne Stephan zum Ausgangspunkt ihres lyrischen Schaffens macht, wie sie im Werkstattgespräch mit Walle Sayer erklärt. Mit Walle Sayer hat sie einen einfühlsamen Gesprächspartner an ihrer Seite. Beide kennen sich seit Jahren, beide veröffentlichen im Klöpfer& Meyer Verlag, beide sind Lyriker. Das hätte auch zu einem Wortwechsel führen können, denn das Feld der Lyrik in der deutschen Literaturlandschaft ist ein kleines und die Konkurrenz lauert zwischen den Zeilen. Ihre kollegiale Freundschaft ist ein Glücksfall für das Werkstattgespräch, das getragen ist von Empathie und Respekt, nicht von Konkurrenz. Im Gegensatz zu einigen zeitgenössigen Autoren, die ihr Schreiben einer von ihnen definierten Poetik ausrichten, kann Susanne Stephan keine Poetik benennen. Ihre Poetik scheint durch ihre Gedichte hindurch wie durch einen feinen Seidenstoff. Auch ihre Gedichte sind fein gewebt.

Susanne Stephan "Haydns Papagei"Haydns Papagei
Gedichte
128 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Ulrike Schäfer – Mit Blattgold malen

31.08.2015 at 17:14
Ulrike Schäfer

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Ulrike Schäfer veröffentlicht im Klöpfer & Meyer Verlag ihren ersten Erzählband. Von Januar bis Ende März 2015 war sie Stipendiatin im Schriftstellerhaus und hat bei einer Lesung im „Häusle“ bereits einige Geschichten vorgestellt, die Eingang in diesen Band gefunden haben. Sie hat das Stipendium im Schriftstellerhaus genutzt, den Band fertig zu stellen und einige Geschichten umzuschreiben. Sie berichtete im Stipendiaten-Blog des Schriftstellerhauses, wie schwer die Geburt der umfangreichsten Geschichte „Stück Land“ gewesen ist, wie sie diese Geschichte noch einmal komplett entkernt hat. Dieses mehrfache Um- und Überarbeiten hat sich gelohnt, die Geschichte hat es in den Band geschafft. Ulrike Schäfer ist für ihre Erzählungen mehrfach ausgezeichnet worden, und so ist es umso erfreulicher, dass mit Nachts, weit von hier ihre Erzählungen in einem Band vorliegen.

Die 1965 in München geborene, heute in Würzburg lebende Autorin, erzählt mit leichter Hand. Zwei drittel der achtzehn Geschichten sind aus der Ich-Perspektive geschrieben. Die Ich-Form erzeugt das Versprechen einer Nähe, die durch das Andeuten, das Tasten der Sprache nicht eingelöst wird. Wo die Sprache ausführlicher, ausufernder Romane den Leser sicher durch die Zeilen führt, entlässt die Sprache von Ulrike Schäfer den Leser immer wieder in die Weiten der Fantasie. Ähnlich der Lyrik, die mit Bildern und Auslassungen arbeitet, beschreib die Icherzählerin ihre Erlebniswelt.

Man hat beim Lesen der Geschichten den Eindruck, Ulrike Schäfer hat ihre Sprache in der Residenz Würzburg gefunden, diesem prächtigen Barockbau der Fürstbischöfe aus dem 18. Jahrhundert. Aber im Gegensatz zu den Bildhauern und Künstlern der damaligen Zeit hat sie nur das zarte Blattgold zur Veredlung ihrer Geschichten verwendet. Die Sprache ist schwebend, leicht wie Spinnennetze in der Sonne. Und wie ein Spinnennetz zerreißt sie auch schnell und plötzlich blickt man in eine ganz andere Wirklichkeit, erschließt sich eine zweite Ebene, von der man zu Beginn der Geschichte nichts ahnte. Sie erzählt von Alltäglichkeiten, z. B. wie „ihre“ Mutter „ihren“ Vater zu lieben begann, veredelt diese Alltäglichkeit liebevoll mit ihrem Sprachgold. Eine große Empathie zu den Figuren scheint durch die Geschichten. Als Leser partizipiert man an der Empathie und so entsteht häufig ein warmes Gefühl in der Herzgegend – ganz anders, viel tiergreifender als in der Trivialliteratur. Und deswegen sind die Geschichten nie trivial. Immer gut gebaut und auf sprachlich hohem Niveau erzählt.

Ulrike Schäfer gewährt uns Einblicke ins Leben

Die achtzehn Geschichten des Bandes von Ulrike Schäfer geben achtzehn Einblicke in das Leben ihrer Figuren. Ihre Geschichten haben keinen großen Umfang, fünf, zwölf Seiten, nie über neunzehn Seiten hinausgehend. Und doch hat man als Leser das Gefühl, mit den Menschen aus den Geschichten verbunden zu sein, Freunde gewonnen zu haben, bzw. aufgefordert zu sein, sich auf die Suche nach diesen Menschen zu machen, um ihnen nahe zu bleiben.

Für die titelgebende Geschichte, „Nachts, weit von hier“, hat die Autorin 2014 den Jurypreis des Irseer Pegasus erhalten. Die Geschichte erzählt von einer Gewalttat gegen ein Frau und die Icherzählerin, die diese Tat von ihrem Hotelzimmer aus beobachtet, ist nicht in der Lage einzugreifen, ist nicht in der Lage die Polizei zu rufen, denn sie ist sich nicht sicher in der Beurteilung des Gesehenen. Auch die Sprache vermittelt diese Undeutlichkeit:
„Ob es diese Frau je gegeben hat, kann ich nicht sagen.“

So beginnt die Geschichte aber dann kann sie die Frau in ihrer Wehrlosigkeit doch beschreiben:
„Die Augen der Frau waren Schatten in ihrem Gesicht und ihre langen Haare flossen um sie herum auf den Gehsteig.“

Und sie tastet sich durch die Wirklichkeit ihrer Protagonistin:
„Immer ist es, wie wenn ich ein Labyrinth betrete ohne die Möglichkeit, Brotkrumen als Wegweiser zu streuen oder einen Faden zu spannen. Ich bin daher wortkarg während dieser Momente des Geführtwerdens und habe mir einen mechanischen Small Talk angewöhnt.“
Geführt wird der Leser der Geschichten in den seltensten Fällen aber immer wieder verführt von ihren federleichten Worten.

Ulrike Schäfer erzählt von Glücksmomenten im Leben ihrer Protagonisten aber auch von Gefahren, Abstürzen und Tod. Beide Erfahren werden bei ihr nicht ausbuchstabiert,
weder G L Ü C K noch V E R L U S T. Sie ist eine Meisterin der tastenden Beschreibung. Der Leser wünscht sich mehr von der Sprachlabsal dieser Autorin.

Ulrike Schäfer "Nachts, weit von hier"

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Nachts, weit von hier
Erzählungen
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Susanne Stephan mit neuem Lyrikband

27.08.2015 at 23:17
Susanne Stephan

Foto: © Dagmar Jerichow, PART, Stuttgart

Mit Haydns Papagei legt die Stuttgarter Autorin Susanne Stephan ihren dritten Gedichtband nach Tankstellengedichte (2003) und Gegenzauber (2008) im Klöpfer & Meyer Verlag vor. Wie auch in den vorangegangenen Bänden, hat Susanne Stephan die Gedichte thematisch geordnet. Sie kreist in ihren acht Kapiteln in ruhigen, genaue Sprachbewegungen um Musik, um Italien, Ägypten, um die Zeit des ersten Weltkriegs, beschreibt in ihrem Trauermarschkapitel verschiedene Friedhöfe von Genua bis Sarajewo, huldigt Kleist in einem Langgedicht, beschreibt die Natur im Kapitel Pastorale und schließt ihren Band mit dem Kapitel Allemande ab, in dem sie ihre Jugend, wieder in einem Langgedicht, beschreibt.

Die lyrische Verführung der Susanne Stephan

Susanne Stephan hat viele literarische Auszeichnungen für ihre Lyrik erhalten. Leider ist die lyrische Form hierzulande immer noch nicht bei einem breiten Publikum angekommen. Abgesehen von einigen Ausnahmen, wie Jan Wagner, der dieses Jahr mit seinem Lyrikband den Leipziger Buchpreis gewonnen hat. Für einen kurzen Augenblick geriet die Lyrik damit in den Blick. Dabei kann die Lyrik, wie Susanne Stephan es so meisterlich zeigt, dem Leser ein ganzes Universum aufschließen, indem sie Leerstellen lässt, rhythmische Wege aufzeigt, die den Leser in unbekannte Welten vordringen lässt und die Fantasie des Lesers anregt. Man lässt sich von Susanne Stephan gerne an die Hand nehmen, weil sie durch ihre genauen Beobachtungen und lyrischen Bilder den Leser eher verführt als anführt. In ihrem Gedicht Warmzeit aus dem Kapitel Allemande blättert sie eine Jugend der sechziger und siebziger Jahre auf, ausgehend von der Beschreibung der Wetterlage, die nur stabil erscheint aber doch durch die gesellschaftlichen Verhältnisse unberechenbar geworden ist. Die Gewissheiten der Kindheit verschwinden, werden überlagert von Zuwanderung und Kritik an den Verhältnissen, Spannungen, die in einer Gegend entstehen, wenn man die falsche christliche Lehre vertritt.

Das titelgebende Gedicht im ersten Zyklus, Haydns Papagei, geht auf eine wahre Begebenheit zurück, die sie in den Anmerkungen am Ende des Bandes erläutert: Haydn hinterließ einen sprechenden Papagei, der auch den Anfang des Kaiserliedes beherrscht haben soll. Nach Haydns Tod wurde der Papagei versteigert. Wie Susanne Stephan den Vogel in lyrische Sprache kleidet zeugt von ihrem eigenen, lyrischen Ton:

und wie er über die Maler gelacht,
die ihn alle schöner machten als er war,
so dass seine Abbilder sich fremd
blieben wie seine Frau und er,
und gütiges Bei-sich-Sein möglich
nur in der Musik, der einen
oder andren schönen Melodie,

die der Vogel erlernen würde,
unfehlbar aus der tierischen Schöpfung
dies himmlisch Echo: Gott erhalte Gott erhalte.

In der Sprache leben

Susanne Stephan lebt in der Sprache, das zeigt sich in ihrer Biografie: Studium der Germanistik, Geschichte und Romanistik. Nach Praktika bei verschiedenen Verlagen und Assistentin im Lektorat beim Belser Verlag wurde sie freie Autorin, Übersetzerin und Lektorin. Und dieses, ihr Leben, reflektiert sie auf einer höheren, lyrischen Stufe in dem Langgedicht Kleist und Nelken. Sie knüpft an frühe schulische Erfahrungen an, spannt den Bogen über ihre Liebe zu den Klassikern bis hin zur modernen Schriftsprache, die durch SMS und Internet geprägt ist. Dabei scheut sie sich nicht, die Jugendideale kritisch zu hinterfragen, um immer wieder auf die Klassiker zu kommen, die sie ihr Leben lang begleitet haben, von der Schule bis ins Studium. Über die Wohlstandsgeneration schreibt sie angesichts der Frage nach Krieg und Frieden in Kleist und Nelken:

ein Drehzahl-Beben noch in ihrem Schritt,
die alle Freiheit haben: Bundeswehr,
verweigern, mittun oder raus aus allem,
so weit es geht, die Wolle selbst geschoren,
verstrickt, nur um der Leier zu entfliehn,
dass man ja doch, am Ende, lebe von
dem großen Falschen: Wohlstands-Pflanze sei.
Verweigern nur nach peinlichem Verhör:
Was wäre, wenn die Freundin angegriffen
im dunklen Park und wenn darauf ein Messer
dem anderen entgleitet, dergestalt
dass Sie nun im Besitz der Möglichkeit –
wenn das Idyll, der eigne Hof, bedroht
von Panzern, deren Luken sich nicht öffnen
für fairen Dialog, denn lies, mein Sohn,
nur keine Dramen, lies die Aufmarsch-Pläne!

Damit trifft sie wunderbar den Zeitgeist der siebziger Jahre: Auf der einen Seite die Aussteiger, die sich (oft) nach den Mühen des Klassenkampfes aufs Land zurückgezogen haben, auf der anderen Seite die, die immer dem deutschen Militarismus misstrauten und den Wehrdienst verweigerten. Das Lied „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ von Franz Joseph Degenhardt aus dem Jahr 1972 klingt in diesen Zeilen an. In diesem Gedicht zeigt sich die große Kunst von Susanne Stephan, sich gesellschaftskritisch zu äußern, ohne in Plattitüden zu verfallen. Sie bleibt ihrem lyrischen Ton verbunden, schreibt einfühlsam und sehnsuchtsvoll.

Es ist ein Verdienst des Tübinger Klöpfer & Meyer Verlages, dass er neben Belletristik, Sachbücher und Essayistik auch der Lyrik einen großen Raum einräumt. Er verlegt „Büchern fürs Denken & Lesen ohne Geländer“, ein großer Teil seiner Autoren kommt aus Baden-Württemberg. Für seine Verdienste erhielt er 1996 den Landespreis für literarisch ambitionierte Verlage. Auch in Zeiten der Großverlage hat er sich erfolgreich gegen deren Zugriff behauptet. Es ist ihm zu wünschen, dass er auch weiterhin unabhängig bleibt und den sprachlicher Reichtum der Region für eine breite Leserschaft eröffnet.

Susanne Stephan "Haydns Papagei"

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Haydns Papagei
Gedichte
128 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

 

Rainer Wochele mit einer neuen Erzählung

01.03.2015 at 9:37
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Rainer Wochele stellt seinen neues Buch „Der Katzenkönig“ in der Stadtbibliothek Stuttgart vor

 

Rainer Wochele nennt sein neues Buch, „Der Katzenkönig“, eine Erzählung. Am 26. Februar stellte er diese in der Stadtbibliothek Stuttgart vor. Über 850 Titel mit dem Stichwort Katze befinden sich im Bestand der Bibliothek, wie die Direktorin, Frau Brunner, in ihrer Einleitung zur Lesung ausführte. Hubert Klöpfer, sein Verleger, meinte, Rainer Wochele an diesem Ort vorzustellen, sei überflüssig, tat es dann aber doch in einem Schnelldurchlauf, um anschließend das Wort an die Moderatorin des Abends, Lerke von Saalfeld, abzugeben.

Sie wollte wissen, wie Rainer Wochele zu seinem Thema gekommen ist. R. Wochele, der in Bad Cannstatt lebt, fand immer wieder auf seinen Spaziergängen durch Straßen und Kurpark Aushänge, die dem Finder vermisster Katzen hohe Belohnung versprachen. Die Tierliebe treibe tolle Blüten, bis zu 500 € würden als Finderlohn geboten, erzählte er. Dieses Thema hat ihn förmlich angesprungen. Noch dazu, als er ein Thema nie erzwingen könne, es ihm, wie hier, zufliegen muss. Dann befinde er sich in einem Zustand zwischen Blindheit und Bewusstsein und ein erster Satz, der Anfang einer Geschichte kann von ihm geschrieben werden.

Rainer Wochele führt durch Bad Cannstatt

Lerke von Saalfeld kann die Erzählung auch als einen Führer durch Bad Cannstatt lesen. Die Geschichte setzt ein mit dem Katzenkönig, der den Kater „Sauerbruch“ in die Taubenheimstraße zu Frau Doktor Schmückle-Bräuchle bringt. Entlang des Neckars fährt er mit seinem klapprigen Damenfahrrad. Obwohl der Kater nicht der von der Doktorin ist, bringt er ihn zu ihr. Er weiß sehr wohl, ein „frisiertes“ Tier, wenn es sich denn nur einschmeichelnd verhält, wird von der vermeintlichen Besitzerin angenommen. König hat den Kater mit Hilfe seiner Bekannten, einer Frisörin, dem Fahndungsfoto entsprechend herausgeputzt und koloriert. Ihm gelingt, die sehr beschäftigte Frau Dr. Schmückle-Bräuchle zu täuschen, die den Kater Sauerbruch als ihren verlorengeglaubten „Räuber“ annimmt.

Im Gespräch erläutert Rainer Wochele den Plot seiner Erzählung: Der Protagonist, der arbeitslose und sich in ziemlich prekärer Lebenslage befindliche Tierarzt Dr. Karlheinz König, hat sich auf die Rückführung entlaufener Katzen spezialisiert, nachdem er seinen Job aufgegeben hat mit dem er zusehends in Konflikt geraten war. Er wollte nicht weiter in der Forschung arbeiten, die mittels Tierversuchen neue Erkenntnisse zu Tage fördert. Obwohl das Buch ausschließlich in Bad Cannstatt spielt, ist sein Thema alles andere als gemütlich und provinziell. Die Erzählung stellt eine der großen, hochaktuellen ethischen Fragen, die nach der Verantwortbarkeit von Tierversuchen in der medizinischen Forschung. Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Rainer Wochele über solch ein schwergewichtiges Thema zu schreiben vermag. Streckenweise erzählt er aus der Perspektive der Katzen, die den Untergang der Menschen herbeifabulieren. Dabei schreibt er sich in die Nähe von E.T.A. Hoffmann, der in seiner Erzählung „Die Lebensansichten des Kater Murr“ ebenfalls die Katze zu Wort kommen lässt. Die Tiere gewinnen auch bei Wochele eine Eigenmächtigkeit. Das unterstreicht der Autor, indem er den von Dr. König eingefangenen Katzen Namen berühmter Ärzte und Wissenschaftler gibt: Hyppokrates, Pasteur, Röntgen, Semmelweis und eben Sauerbruch. Dabei war es ihm wichtig, den Katzen ihre Tierhaftigkeit zu belassen. Er zeigt, was die moderne Wissenschaft in ihren Laboratorien mit den Tieren anstellt. So ist diese Erzählung auch ein Ausdruck des Protests dagegen. Für Rainer Wochele haben die Tiere eine Seele und er hält die Quälerei der Tiere für ein dunkles Kapitel der Wissenschaft. Wolfgang Schorlau, der Krimiautor aus Stuttgart, ist mit einem Zitat auf dem Buchrücken abgedruckt. Auch er hat sich in seinem letzten Roman der Frage des Umgangs mit Tieren – bei ihm in der Massentierhaltung – angenommen. Zwei Bücher zur Frage nach dem Verhältnis zu den Tieren, zwei ganz unterschiedliche Werke.

Der Katzenkönig
164 Seiten, geb. mit Schutzumschlag und farbigem Vorsatzblatt
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Der Mittelstreckenschreiber

20.07.2014 at 9:00

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Markus Bundi eröffnete seine Lesung mit einer Anekdote aus der Sportredaktion des Schwarzwälder Boten, für die er in Stuttgart während seines Studiums tätig war. Er zeigte einen von ihm verfassten Artikel mit einem Bild, auf dem Jogi Löw als Co-Trainer beim VfB Stuttgart zu erkennen ist. Ein sportlicher Einstieg in die Lesung, zwei Tage nach dem Weltmeistertitel, den Jogi Löw maßgeblich mit gestaltet hat.

Markus Bundi las einen Ausschnitt aus seinem Buch „Emelies Schweigen“. Emelie T. steht vor Gericht, angeklagt des 48fachen Mordes an den ihr anvertrauten Patienten. Ein reiner Indizienprozess, den der Pflichtverteidiger nutzt, seinen Namen bekannt zu machen. Die Angeklagte schweigt beharrlich, keine Möglichkeit für die Staatsanwaltschaft, sie in Widersprüche zu verwickeln. Als M. Bundi diesen Text schrieb, lief parallel der Kachelmannprozess. Er musste sich davon abgrenzen, wie Bundi im Gespräch mit Astrid Braun bekannte. Zu sehr hätte er die prozessuale Wirklichkeit mit seinem Text vermischt.

Ein Indizienprozess ist wie ein Schauspiel, eine Folie, auf der Ideen der Anklage und Verteidigung aufgemalt werden. Es bleibt die Desorientierung als Antwort auf die Frage, was wirklich passiert ist. Sprache, so Bundi, sei wackelig, zudem fiktionalisiert der Leser auch noch. Allerdings hat die Unschärfe der Sprache den Vorteil zu ermöglichen, was man nicht in Worte fassen kann. Wichtig wird, was nicht im Text steht. Damit wird Sprache zur Fülle.

bundi__02Die Verunsicherung über die Wirklichkeit ist auch die Grundierung, auf der der zweite Text sich präsentiert. Das Buch „Die Rezeptionistin“ ist noch schmaler als Emelies Schweigen und handelt von der äußerlich perfekten Mona, die am Empfang eines noblen Hotels steht. Es ist eine Fassade, schön fehlerlos und charmant, die sich Mona aufgebaut hat. Der Text geht ganz in die Figur hinein, die eine zweite Seite hat: Lisa. Lisa ist eine zerrissene Person. Die Erzählung geht der Frage nach, was passieren muss, um die Fassade zu zerstören.

Ursprünglich war der Text als Theaterstück geplant, lag lange unfertig in der Schublade des Autors. Dann hat er ihn zu dieser dichten Erzählung umgearbeitet auf knapp neunzig Seiten breitet er das Portrait dieser Mona-Lisa aus. In Zusammenarbeit mit seinem Freund, dem Gitarristen Nic Niedermann, hat er aus dem Text dann doch so etwas wie ein Bühnenstück gemacht, ein Klangreise. Gemeinsam haben sie ihren Auftritt auf CD heraus gebracht. Die Klangreise sei aber wieder ganz anders als das Buch, versicherte Markus Bundi. Zum Schluss rezitierte er auf Wunsch von Astrid Braun, die ihn vor allem als Lyriker kennt, einige seiner Gedichte.

Emelies Schweigen
Novelle, 120 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2013, 16 €

Die Rezeptionistin
Erzählung, 88 Seiten, Hardcover mit Fadenheftung, eingelegtem Titelschild und Lesebändchen
Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2014, 15 €

Mona kussecht
Nic Niedermann & Markus Bundi
Eine Klangreise, CD, Spielzeit ca. 50 Minuten
Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2014, 15 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens