Felicitas Andresen erhält für „Sex mit Hermann Hesse“ Thaddäus-Troll-Preis

18.12.2016 at 14:41
Felicitas Andresen erhält von Ingrid Bussmann den Thaddäus-Troll-Preis

Felicitas Andresen erhält von Ingrid Bussmann den Thaddäus-Troll-Preis

 

Felicitas Andresen erhält den diesjährigen mit 10.000 Euro dotierten Thaddäus-Troll-Preis für ihren Roman Sex mit Hermann Hesse. Am 14. Dezember 2016 wurde ihr der Preis in der Stadtbibliothek der Stadt Stuttgart verliehen.

Frau Christine Brunner, die Leiterin der Stadtbibliothek, erinnert in ihrem Grußwort daran, dass alle Thaddäus-Troll-Preisträgerinnen und -Preisträger einen Platz in der Abteilung Literaturszene Stuttgart und Region in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz erhalten. Die diesjährige Preisträgerin wird ganz am Anfang der Werkausstellung stehen und damit zusätzlich geehrt.

Ein Literaturprofessor hält die Laudatio

Peter Blicke hält die Laudatio auf Felicitas Andresen

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Großer Bahnhof für die Preisträgerin: der in den Vereinigten Staaten lehrende Peter Blickle hält die Laudatio auf die 1939 geborene Flelictas Andresen. Der aus dem Schwäbischen stammenden Professor und Autor lobt die direkte Art, über Sex zu schreiben und das in Zusammenhang mit einer Ikone der deutschen Literatur. Peter Blickle lehrt German and Gender and Women’s Studies an der Western Michigan University und ist sicher auch unter diesem Gesichtspunkt eine gute Wahl für die Laudatio. Sex sei ein unzuverlässiger Führer durchs Leben, meint der Professor. Hesse sähe man jenseits von Sex. Und doch hat Felicitas Andresen diese beiden Pole zusammen gebracht und spielt mit zwei Feuern: dem „heiligen Sex“ und dem „Heiligen der Literatur“ Hermann Hesse. Die fiktiver Erzählerin weiß zu gut, was es heißt, wenn Hermann Hesse zum „Sexobjekt“ wird. Wie sie lebt Felicitas Andresen in Gaienhofen, Kultstätte für Hesse-Fans, und arbeitet wie diese im örtlichen Hesse-Museum (als Kassiererin). Und dort kann man erleben, wie weit der Hesse-Kult bei manchen Anhängerinnen gehen kann.

Peter Blickle möchte den Roman nicht auf ein Genre festlegen, zu vielfältig sei er angelegt, als Schelmenroman geht er aber sicher durch. Felicitas Andresen habe ein feines Gespür für Worte, weiß genau um die Wirkung ordinärer Ausdrücke und feinsinniger Beschreibungen, die sie gezielt einsetzt. Und immer bleibt sie eine „Picara“, eine die stichelt und piekst.

Und im realen Leben? Da hat Felicitas Andresen ein „Slut-Shaming“ erlebt. Slut-Shaming fände immer da statt, wenn Frauen öffentlich oder privat eine Frau beleidigten, weil diese ihre Sexualität auf eine Weise ausgedrückt, die nicht mit den patriarchalischen Erwartungen an Frauen übereinstimmt. In Amerika ein weit verbreitetes Phänomen. Felicitas Andresen wurde in Leserbriefen wegen ihrer frechen Literatur attackiert.

Felicitas Andresen liest aus ihrem Roman und gibt damit Einblicke in ihr Schaffen

Felicitas Andresen

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Einen kurzen Einblick erhält das Festaktpublikum durch die Lesung von Felicitas Andresen im Anschluss an die Laudatio. Dabei werden die Erwartungen der Zuhörer aufs eindrücklichste unterlaufen, als die 77jährige Autorin, in klassischem Kostüm gekleidet, in ihrer frechen Sprache liest. Das Buch erzählt von einer ältere Hausfrau, die ja eigentlich nur auf das Hermann-Hesse-Haus in Gaienhofen auf der Höri aufpassen soll, weil sie mit der Museumsarbeit ihr Budget aufstocken will, obwohl sie von Hesse wenig Ahnung hat. Doch zunehmend stellt sie plötzlich Fragen – an sich und andere: Wer war dieser Hermann Hesse, der gesunden Sauerampferpudding aß, aber ständig brieflich seinen bevorstehenden Selbstmord ankündigte? Der drei Frauen und drei Kinder hatte, aber doch Ekel vor der Wollust? Die geistige Anwesenheit dieses jungen alten Herrn wirkt sich immer mehr auf den Alltag der staunenden Betreuerin aus.

Felicitas Andresen arbeit immer noch im Hermann Hesse Museum. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis (aus Mittel des Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg bereit gestellt) wird ihr mehr Spielraum für ihre schriftstellerischen Ambitionen ermöglichen. Und dann erfährt sie an diesem Abend, dass ihr Verleger, Hubert Klöpfer, ihr anbietet, auch ihr neues Manuskript im neuen Jahr in seinem Verlag heraus zu bringen.

Die Begründung der Jury

Die Begründung der Jury für den Roman trägt die Vorsitzende des Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg vor. Darin heißt es:

„Die Jury hat beeindruckt, dass Felicitas Andresen mit ihrem Roman „Sex mit Hermann Hesse“ die nicht gerade umfangreiche deutsche Literatur humoristischen Charakters bereichert. Ihr Buch, das mit viel Understatement daherkommt und sich auf den ersten Blick nur wie das Tagebuch einer subalternen Museumsangestellten liest, ist ein Schelmenroman, der in einem schnoddrig-respektlosen Ton aus der Dienstbotenperspektive auf den großen Dichterhelden Hermann Hesse schaut und dessen menschlich, allzu menschlichen Seiten besser aufspürt als die meisten akademischen Abhandlungen. Gleichzeitig beleuchtet der Roman auf satirische und selbstironische Weise die Gepflogenheiten des bürgerlichen Literaturbetriebs und seiner Dichterverehrung in Geschichte und Gegenwart.“

Dann überreicht sie Felicitas Andresen den Preis. Die bedankt sich mit herzlich und blickt in ihrer Dankesrede noch einmal auf das, was sie mit diesem Roman losgetreten hat. Hören und sehen Sie selbst:

Sex mit Hermann Hesse
Roman
220 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Verneigung vor Christoph Lippelt

18.12.2016 at 12:05

 

Christoph Lippelt Gedächtnislesung

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Kolleginnen und Kollegen aus dem Schriftstellerhaus verneigten sich am 13. Dezember 2016 im Schriftstellerhaus vor Christoph Lippelt mit einer Gedenklesung.

Vieles erinnert bei dieser Lesung an den Abend vor 2 Jahren, als Christoph Lippelt seinen letzten Roman im Schriftstellerhaus vorstellte. Damals wie heute ist der kleine Saal des Schriftstellerhauses bis auf den letzten Platz besetzt. Von schwerer Krankheit gezeichnet, fehlte Christoph Lippelt bereits die Kraft, eine lange Lesung zu bestreiten. Kurz nach der Lesung im Dezember 2014 verstarb der geschätzte Autor. Seine Weggefährten aus dem Schriftstellerhaus lesen, wie vor zwei Jahren Passagen aus seinen Werken und erinnern an ihn. Ein Bild über den Lesenden zeigt den letzten öffentlichen Auftritt von Christoph Lippelt. Wiewohl absehbar, hat uns sein Tod erschüttert. Carmen Kortaski erinnert sich an die letzten Worte, die Christoph an sie richtete. Er war fest davon überzeugt, dass trotz der Anfeindungen der Menschen untereinander und des gegenseitigen aufeinander Einschlagens, vier Dinge Bestand haben werden: „Liebe, Kunst, Religion und Natur, das bleibt!“

So beginnt Carmen Kotarski auch die Lesung mit einem Langgedicht, das Christoph Lippelt, der Hautarzt und Christ, als Dankesrede 1983 anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der Bundesärztekammer hielt. Es ist ein sehr politisches Gedicht in dem aber auch sein christlicher Glaube durchschimmert. Er, der Hautarzt, schreibt angesichts militärischer Bedrohungen, das wir dünnhäutiger werden müssten, nicht dickfellig. Es war die Zeit, als der NATO-Doppelbeschluss um die Stationierung der Pershing II Raketen und die damit einhergehenden atomare Hochrüstung, die außen- und innenpolitischen Debatten bestimmten und die Menschen auf die Straßen gingen.

Rainer Wochele liest an diesem Abend aus dem ersten Kapitel des 2008 erschienen Romans Engelsbühl. Die auf dem Buchumschlag abgebildeten Papageien erinnern ihn immer an die Gelbkopfamazonen, die er beim Schreiben in seiner Schriftstellerklause in Bad Cannstatt hört. In dieser Passage kommt die Bildkraft der Sprache Christoph Lippelts gut zum Ausdruck.

Usch Pfaffinger, langjährige Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, verantwortete lange Zeit die Herausgabe der Anthologien des Hauses. Für die Ausgabe zum zwanzigjährigen Jubiläum hat sie Texte von Christoph Lippelt aufgenommen und sie liest einen Text von ihm aus dieser Anthologie. Sie erinnert sich gut, wie sie mit ihm vor der Veröffentlichung darüber diskutierte.

Eleonore Lindemann hat in ihrer Zeit als Sekretärin von Thaddäus Troll viele Schriftsteller persönlich kennen gelernt, auch Christoph Lippelt. Sie lässt es sie es sich nicht nehmen, an diesem Abend ebenfalls in die Gruppe der Lesenden einzureihen. Den Abschluss der Lesung bestreitet der Lyriker Gilbert Fels, der, wie könnte es anders sein, das lyrische Werk des Christoph Lippelt zum Gegenstand seiner Lesung macht. Ähnlich wie am Abend vor zwei Jahren, kommen Lesende und Zuhörer nach der Lesung bei einem Glas Wein ins Gespräch.

Carolin Callies erhält Thaddäus-Troll-Preis

05.12.2015 at 7:24
Carolin Callies und Ingrid Bussmann

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Am 30. November 2015 wurde im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek Stuttgart die Lyrikerin Carolin Callies mit dem Thaddäus-Troll-Preis 2015 ausgezeichnet. Sie erhielt den mit 10.000 € dotierten Literaturpreis für ihren Gedichtzyklus fünf sinne & nur ein besteckkasten, der im Frühjahr bei Schöffling & Co verlegt wurde.

Ingrid Bussmann vom Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg

Ingrid Bussmann

Ingrid Bussmann, Vorsitzende des Vereins „Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V“, stellte die Preisträgerin als eine junge Lyrikerin vor, die sich in kurzer Zeit einen Namen in der Lyrik gemacht hat. Sie war Teilnehmerin des 17. open mike 2009, hat in wichtigen Zeitschriften veröffentlicht (Bella Triste, Allmende, POET, Neue Rundschau) und ihre Gedichte wurden 2011 und 2013 im Jahrbuch der Lyrik abgedruckt. Ihr Laudator, Richard Kämmerlings, schrieb über sie in der Zeitung Die Welt: „Carolin Callies schreibt das wichtigste lyrische Debüt der Saison.“ So verwundert es nicht, dass Richard Kämmerlings ihr Wunschkandidat für die Laudatio war.

Carolin Callies und das Besteck von Thaddäus Troll

Carolin Callies bezog sich in ihrer Lesung auf Thaddäus Troll. Wie Hans Beyer nahm sie einen neuen Namen an, wählte allerdings kein Pseudonym. Ihr Namenswechsel war das Ergebnis ihrer Heirat. Aus Dabrowski wurde Callies. Zu Beginn ihrer Lesung präsentierte sie den kleinen Werbe-Band „Schöner Essen“ von Thaddäus Troll, den er im Auftrag der Besteckindustrie geschrieben hatte. Eine gute Überleitung zu ihren eigenen Gedichten aus dem Band fünf sinne & nur ein besteckkasten, den sie in einer kleinen Auswahl präsentierte. (Ein kurzer Videoausschnitt hier.) Darin untersucht sie den menschlichen Körper. Den Blick auf die Schönheit des Körpers überlässt sie anderen. Sie seziert den Körper, untersucht die Ausscheidung in ihren Gedichten. Die Zeitlichkeit und Fragilität des menschlichen Körpers ist ein durchgehendes Thema in ihren Gedichten. Ein wohliges Gefühl will sich beim Hören der Gedichte nicht einstellen.

Fortwährende Sezierung

Richard Kämmerlings hält die Laudatio auf Carolin Callies

Richard Kämmerlings, Leitender Feuilletonredakteur der Welt, hält die Laudatio

Es schien, als müsse Richard Kämmerlings sich seines eigenen Körpers bei der Laudatio immer wieder vergewissern: ständig in Bewegung, mit kleinen Schritten vor und zurück, seitwärts, hielt er seine Rede, in der er die lyrischen Feinheiten der Carolin Callies unter das Seziermesser seiner Überlegungen legte. Seine Bewunderung für das Werk der jungen Autorin schwang stets in seinen Worten mit. Richard Kämmerlings las bei Carolin Callis, dass der Körper kein keimfreies, geruchsloses Hochglanzprodukt ist, wie es uns die Schönheitsindustrie verkaufen will. Vielmehr werden die Körper in den Gedichten als wandelnde Wunden, die nässen, die urinieren, die schwitzen und spucken beschrieben. Somit sind die Körper-Grenzen durchlässig zur Welt, in der sie sich bewegen. Die Grenze zwischen innen und außen hebt sie auf. Ihre Verse verbindet sie gerne mit dem Kaufmanns-Und, das sie stilistisch immer wieder einsetzt:

„die lippen sind ein seltsamer lappen // & dort, wo sie öffnen, da liegn sie heut noch / & setzen flüssigkeiten frei“

Noch eine Zerlegung/Sezierung an diesem Abend bot der Pianist Andreas Bennend. Gewohnte Hörgewohnheiten stellte er mit den Kompositionen von Georg Crump und eigenen, modernen Kompositionen am Flügel des Festsaals in Frage.

carolin_callies_04Die Lyrikerin Carmen Kotarski begründete das Urteil der Jury, den diesjährigen Thaddäus-Troll-Preis an Carolin Callies zu vergeben. Sie ist selber Mitglied der Jury und eine gewisse Freude, den Preis an eine Kollegin zu vergeben, konnte man aus ihrer Rede heraushören.

fünf sinne & nur ein besteckkasten
Umschlagcollage von Ror Wolf
112 Seiten, in Leinen gebunden, mit Lesebändchen
Schöffling &Co, Preis: 18,95 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Thaddäus-Troll-Preis 2015 vergeben

12.10.2015 at 19:56

thaddäus troll preis vom förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-württemberg e. V.Wie der Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V. heute bekannt gab, wird der diesjährige Thaddäus-Troll-Preis an die Lyrikerin Carolin Callies vergeben.

Den mit 10.000 € dotierten Preis erhält Carolin Callies für ihre erste Monographie “fünf sinne & nur ein besteckkasten“, die beim Schöffling Verlag erschienen ist. Vorwiegend werden mit dem Preis Autoren ausgezeichnet, die ein Arbeitsstipendium durch den Verein erhalten und ein abgeschlossenes Manuskript oder Buch vorlegen können. Auch Carolin Callies Buchprojekt wurde vom Förderkreis mit einem Arbeitsstipendium unterstützt.

Carolin Callies, geboren 1980 in Mannheim, lebt in Ladenburg bei Heidelberg. Sie veröffentlichte ihre Lyrik in Zeitschriften (Bella triste, Allmende, POET, Neue Rundschau) und Anthologien („Jahrbuch der Lyrik“ 2011 und 2013). 2009 nahm sie am open mike teil. Der open mike – Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik – ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation. Er wird seit 1993 jährlich ausgeschrieben und hat sich seitdem zum wichtigsten Literatur-Nachwuchswettbewerb im deutschsprachigen Raum entwickelt. Näheres zur Autorin auf ihrer Homepage.

Die Welt schrieb über ihr Erstlingswerk: „Das wichtigste lyrische Debüt der Saison.” und auch in SWR2 Forzum Buch wurde ihr Debüt als beeindruckend bezeichnet. Man darf auf ihre Lesung in der Stadtbibliothek gespannt sein, die anlässlich der Preisverleihung am 30. November um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz in Stuttgart stattfindet.

Ein Netzwerker für die Literatur

28.03.2014 at 15:28
v. l. n. r.: Peter Conradi, Imre Török, Rainer Wochele, Matthias Kehle, Martin Theuer

v. l. n. r.: Peter Conradi, Imre Török, Rainer Wochele, Matthias Kehle, Martin Theuer

Der hundertjährige Geburtstag von Thaddäus Troll gibt Anlass, mannigfaltig dem Schriftsteller Troll zu gedenken. Im Verdi-Haus lud Rainer Wochele zu einem Gespräch über diesen großartigen Schriftsteller und Netzwerker ein. Sein gesellschaftliches und politisches Engagement standen am 20. März 2014 Abend im Mittelpunkt. Prominent vertreten durch das SPD-Urgestein Peter Conradi. Er berichtete, wie Thaddäus Troll sich zusammen mit Günter Grass, Heinrich Böll und anderen Intellektuellen im neunundsechziger Bundeswahlkampf für eine neue Politik in die Bresche warf, mit aller ihm gegebenen Sprachgewalt. Denn Troll verstand sich stets auch ohne Parteibuch als (berufs-)politisch aktiver Autor. Als der Sieg errungen, lud die SPD die Wahlhelfer in „Die Kiste“ ein, Thaddäus Troll kochte dort für sie alle. Im Wahlkampf 1972 unterstützte er Conradi väterlich, öffnete ihm, dem „Reingeschmeckten“, die Türen der Altenheime und Vereine indem er Cornadis’ westfälischen Sprachduktus mit seiner urschwäbischen Sprachfertigkeit verwischte.

Thaddäus Troll litt aber auch an „seiner SPD“. Legendär sein Auftritt vor der SPD-Bundestagsfraktion, als er ihr die Leviten las. Wie aktuell ist heute sein Postulat: „Ausgewogenheit ist Langeweile!“, angesichts des Zustandes auch und vor allem in der SPD? Das führte in den letzten Jahrzehnten zur Abkehr einer großen Mehrheit der Bevölkerung von politischen Parteien und zu einer diffusen Politikerschelte, die Conradi in dieser Pauschalität kritisierte. Für wen würden sich heute die Schriftsteller engagieren?

Menschen haben Thaddäus Troll immer interessiert, deswegen hat er sich immer für Menschen engagiert, namentlich die Schriftsteller. Er war Vorsitzender des Schriftstellerverbandes, saß im PEN und für die Gewerkschaft im Rundfunkrat. Troll war ein Bewunderer von Gustav Heinemann. Wenn man heute auf die Gesetze schaut, die Heinemann als Justizminister im Kabinett von Kiesinger (Große Koalition) als Bundesminister der Justiz auf den Weg brachte, reibt man sich verwundert die Augen. Als Heinemann das Gesetz zur bürgerlichen Ehe änderte und aus „uneheliche Kinder“ „nichteheliche Kinder“ machte, tobte die CDU.

Thaddäus Troll gründete den FdS (Förderkreis deutscher Schriftsteller) als Verein. Er wusste, schlauer Fuchs, der er war, dass ein Verband der Gewerkschaft keine öffentlichen Gelder bekommen kann. So konnte 1975 zum ersten Mal 20.000 DM für die Schriftstellerförderung beantragt und bewilligt werden. Rainer Wochele hofft, dass die kulturelle Eiszeit mit dem Literaturliebhaber Kuhn als neuer Oberbürgermeister weicht. Ein erstes Signal gab die Stadtverwaltung mit dem Festakt zum hundertsten Geburtstag im Rathaus. Schmerzlich vermisste Wochele in der Vergangenheit eine Würdigung der in den letzten Jahren verstorbenen großen Schriftsteller Peter O. Chotjewitz und Helmut Pfisterer.

Als der Schriftsteller Jürgen Lodemann, Weggefährte von Thaddäus Troll, in seinem Festvortrag im Rathaus am Montag den Wirkkreis von Thaddäus Troll auf die Gegenwart fiktional beschrieb und ihm unterstellte, er hätte sich in der Frage von Stuttgart 21 wieder gegen die SPD positioniert und sie zur Haltung in dem Projekt als Kritiker skizzierte, erntete Lodemann im Publikum nicht nur Zustimmung. Ja, Troll war ein Bußprediger, der den Schwaben die Leviten gelesen hat wobei er deren Dialekt nicht als Abgrenzung sondern aufklärend einsetzte. Von Troll ist das Zitat überliefert: „Die Lage ist ernst, deswegen müssen die Forderungen kühn sein.“
Schöne Beispiele dazu las an diesem Abend der Schauspieler Martin Theuer.

Troll/Bayer verstand sich stets auch ohne Parteibuch als (berufs-)politisch aktiver Autor. 1959 wurde Troll/Bayer vom Süddeutschen Schriftstellerverband in den Rundfunkrat des Süddeutschen Rundfunks delegiert und wirkte von 1970 bis 1979 als stellvertretender Rundfunkratsvorsitzender, im Anschluss daran als Vorsitzender des Fernsehausschusses und Mitglied des Programmbeirats der ARD, um zum einen die Berücksichtigung von Programmen in Dialekt zu unterstützen und zum anderen die Auftragsvergabe für Hör- und Fernsehspiele an junge Autoren zu initiieren. Von 1968 bis 1977 war Troll auch erster Vorsitzender des baden-württembergischen Schriftstellerverbands, den er in den 1970 in den neu gegründeten Gesamtverband deutscher Schriftsteller (VS) führte. Ab 1970 stellvertretender Vorsitzender im VS-Bundesvorstand wurde auf seine Initiative hin im gleichen Jahr der Schriftstellerkongress unter dem Böllschen Motto „Einigkeit der Einzelgänger” in Stuttgart abgehalten. Auf internationaler Ebene war Troll/Bayer seit 1971 Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. 1975 wurde er ins Präsidium gewählt und war von 1978 an PEN-Vizepräsident.

Imre Török, der aktuelle Bundesvorsitzender des VS sprach von dem großen Engagement seines Vorgängers für die Schriftsteller auf diesem Posten. Er half, die Künstler-Sozialkasse zu gründen, entwickelte einen Normvertrag für die Schriftsteller und vieles andere mehr. Matthias Kehle ist seit Mai 2012 Mitglied im deutschen PEN-Zentrum des Internationalen PEN-Clubs. Wieweit Schriftsteller sich in ihren Werken explizit politisch äußern sollen, da gingen an diesem Abend die Meinungen weit auseinander. Ein Thaddäus Troll hätte sich eingemischt.tt_verdi2

Wer wird schon 100?

22.03.2014 at 19:27
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Um es vorweg zu nehmen: Thaddäus Troll nicht. Er hat im Alter von 66 Jahren seinem Leben ein Ende gesetzt. Einem Leben im Dienst des geschriebenen Wortes, im Dienst an vielen Schriftstellern, denen er unter die Arme gegriffen und deren literarischen Weg er geebnet hat. Ob in gewerkschaftlichen Organisationen oder schriftstellerischen Vereinigungen wie dem „Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V.“, den er 1973 mit gründete. Am 14. März wäre dieser großartige Schriftsteller und „Netzwerker“ 100 Jahre alt geworden, Anlass zu feiern.

Der Förderkreis vergibt seit 1981 einen zu seinen Ehren genannten Preis, beschlossen im Juli 1980, auf der ersten Sitzung nach dem Tod von Thaddäus Troll. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst alimentiert das Preisgeld. Jedes Jahr werden Autoren mit diesem Preis ausgezeichnet, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Vierzehn Preisträger lasen am Tag des hundertsten Geburtstag im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek.

Thaddäus Troll 100. Geburtstag: Eröffnung durch Frau Eleonore Lindenberg

Eröffnung durch Frau Eleonore Lindenberg

Ich hadere mit diesem Saal, er liegt unter der Erde, bar jeden Tageslichts, funktional aber nicht gemütlich. Was das Team der Leiterin der Bibliothek, Christine Brunner, aus dem Saal an diesem Abend gemacht hat, ließen meine Vorbehalte wie Schnee in der Frühlingssonne schmelzen: locker aufgestellte Tische, darauf Blumen, ein frühjahrsgemäßer, blühender Forsitienzweig in der Vase neben dem Rednerpult, Essen und Getränke zur Stärkung in den Pausen des Lesemarathons.

Die langjährige Sekretärin von Thaddäus Troll, Eleonore Lindenberg, sprach die einführenden Worte zur Veranstaltung, die den sprechenden Titel „Schriftstellen“ trug, bevor die erste Staffel des Lesemarathons begann.

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Der Preisträger von 2013, Martin Gülich, machte den Anfang mit einer Lesung aus seinem 2003 erschienen Werk Bagatellen. Es ist, wie er sagte, ein altes Werk und durchbrach mit diesen Worten die erste Regel an diesem Abend. Es sind kurze, humorvolle Texte, über die ein Thaddäus Troll sicher geschmunzelt hätte.

Thommie Bayer trat als nächster ans Rednerpult, ihm wurde der Preis 1992 zugesprochen. Bevor er mit dem Schreiben von Romanen begann, zog er als Liedermacher mit seiner 12seitigen Gitarre und Bernhard Lassahn durch die Lande. Ich liebte ihren Song vom letzten Cowboy, der aus Gütersloh kommt und Thommie Bayer fasste im Roman zusammen, was ich damals häufig empfand: Das Herz ist eine miese Gegend. An diesem Abend las er aus seinem gerade erschienen neuen Roman Die kurzen und die langen Jahre. Zum Cowboy passt das Zitat aus dem neuen Roman: „Kennedy starb vor Winnetou. In einem Blaupunkt Radio der eine und im Scala beim Bahnhof der andere“.

Mit einem humorvollen Text erwies Joachim Zelter Thaddäus Troll seine Reverenz. 2000 bekam er den Preis für sein Werk Die Würde des Lügens. Die Textpassage aus Briefe aus Amerika hatte mich schon bei seiner letzten Lesung in Stuttgart beeindruckt. Ich konnte ein Exemplar bei ihm erwerben, leider ist es im Handel nicht mehr erhältlich. Was ist Lüge, was ist Wahrheit? Eine Frage, um die Joachim Zelter in seinen Werken kreist. Zelter gehört zu den Autoren, die sich erfolgreich dagegen sträuben, Romane ausufern zu lassen. 300, 400 oder gar 900 Seiten überlässt er anderen, wie jüngst wieder Schätzing. Ich bezweifle allerdings, ob Schätzing mit seinem neuen Buch ähnlich bered ist wie Joachim Zelter mit seinen kurzen, dichten Romanen auf sprachlich hohem Niveau.

Zum Schluss des ersten Teils las Anna Breitenbach Lyrik. Sie hatte den Preis ein Jahr später als Joachim Zelter erhalten, so passt die Reihenfolge an dieser Stelle. Trotz der strengen lyrischen Form bestach ihr Vortrag durch Humor und Leichtigkeit.

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Die Pause gab Raum nicht nur für Snacks und ein Glas Wein sondern auch für anregende Gespräche und Stöbern auf dem langen Tisch mit Werken der Preisträger. Alte und neue Werke der Preisträger präsentierte die Stadtbibliothek. Sowohl die alte Bücherei am Charlottenplatz zeigte, als auch die neue Bibliothek zeigt in ihrer Präsenzabteilung die Schriftsteller aus Baden-Württemberg im Besonderen die Thaddäus-Troll-Preisträger. Eine Etage, auf der ich mich gerne lesend und stöbernd aufhalte.

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Eva Christiana Zeller eröffnete den zweiten Leseteil mit ihren Gedichten, für die sie als 9. Preisträgerin den Preis 1989 erhielt. Sie veröffentlicht im Tübinger Klöpfer & Meyer Verlag, der sich noch eine Lyriksparte leistet. Viele Verlage haben mittlerweile die Lyrik wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Leider finden sich auch nur wenige Lyrikbände im Buchhandel trotz des Umstands, dass die lyrische Szene in den letzten Jahren sehr starke Impulse durch Festivals, Leseabende und Performances erhalten hat.

Michael Buselmeier las aus seinem Dantezyklus, den er, inspiriert von Dante-Lesungen seiner schauspielernden Schwester, entwickelt hat. In den Gedichten durchschreitet er Dantes Hölle, den Holocaust, den Gulag, kommt in den letzten Gedichten im Paradies an, ein erleichterndes Ende.
Rainer Wochele setzt sich – ähnlich wie Thaddäus Troll – für die Belange der Schriftsteller ein, ist Mitglied im P.E.N und Schriftstellerverband, deren Vorsitzender er lange war. Und: er schreibt wunderbare Romane in einer ihm eigenen, rhythmisierten Sprache. Sein letzter Roman, Sand und Seide, ist noch nicht versandet, da zieht er schon wieder aus seinem karierten Jackett ein neues Manuskript hervor, Arbeitstitel Der Katzenkönig. Passend die von ihm gelesene Szene im Klösterle, das schwäbische Lokal im ältesten Haus in Bad Cannstatt, direkt neben dem nach Thaddäus Troll benannten Platz. Hans Bayer, alias Thaddäus Troll, wuchs in Bad Cannstatt auf, sein Vater hatte ein Seifensiedergeschäft in der Marktstraße.
Matthias Kehle ist der letzte Preisträger, er bekam den Preis 2013 für sein lyrisches Werk aus den Händen von Frau Bussmann. Ingrid Bussmann hat 12 Jahre die Stadtbibliothek geleitet. Heute ist sie Vorsitzende des Förderkreises deutscher Schriftsteller. Matthias Kehle las aus seinem 2012 bei Klöpfer & Meyer erschienen Gedichtband Scherbenballett. Beeindruckend, wie er in wenigen Zeilen ein Bild seines Großvaters entwirft. Dessen ganze Tragödie als Soldat einer faschistischen Armee kommt darin zum Ausdruck und die Unfähigkeit, mit der Vergangenheit abzuschließen.
Markus R. Weber veröffentlichte 1998 seinen Prosaband Extremisten, für den er den Preis im gleichen Jahr zugesprochen bekam. Es scheint ein Thema zu sein, das ihn immer noch beschäftigt, das kommt in den Texten, die er an diesem Abend las, zum Ausdruck.

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Er zitierte auf seiner Projektion einen Satz aus den Tagebüchern von Musil: „Solange man in Sätzen mit Endpunkten denkt, lassen sich gewisse Dinge nicht sagen, höchstens vage fühlen.“

Carmen Kotarski brachte einen Text mit, den sie für Thaddäus zum 100. Geburtstag geschrieben hat: Von Sprache, von Worten, ein Abschied. Kein Jubeltext, das hätte ich ihr auch nicht unterstellt. Nachdenklich, ins Wortholz der Lyrik geschnitten. Ihre an diesem Abend präsentierten Haiku, hatte sie mir vorab geschickt. Es war schön, sie nun von ihr gelesen zu hören. Sie trat im gleichen Kostüm auf wie damals, als sie den Preis erhalten hat: Lederjacke und Baskenmütze. Eine Wortperformerin:
„Was sich auch um sich selbst dreht
im Inneren erwarten sie momentan lebende Akteure

Martin von Arndt hat den Preis 2010 für seinen Roman Der Tod ist ein Postmann mit Hut bekommen (auch bei Klöpfer & Meyer). Ich erinnere mich an die Diskussion beim Bachmann-Wettbewerb, heftig wurde er für den gelesenen Ausschnitt kritisiert. Die Endfassung war preiswürdig. In seinem Roman Oktoberplatz, der im weißrussischen Minsk und in Budapest spielt, erzählte er von der schwierigen Suche seiner Protagonisten nach einer neuen Sicht vom Leben in Osteuropa nach dem Zerfall der Sowjetunion. Sein neuer Textauszug nimmt dieses Thema wieder auf. Diesmal angesiedelt auf dem südlichen Balkan.

Vor sechs Jahren bekam Annette Pehnt den Preis für ihren Roman Mobbing.
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Dass sie auch die kurze Form beherrscht, zeigte sie mit Ausschnitten aus ihrem Lexikon der Angst. Sie berichtet gekonnt von einem Gefühl das jeder kennt, aber auf völlig unterschiedliche Art und Weise. Es nimmt jede nur erdenkliche Gestalt an, lauert uns auf oder schlägt uns in die Magengrube. Mit schriftstellerischer Leidenschaft nimmt sie im Lexikon alles auf, was das Leben zu bieten hat: von der Existenzangst bis zur Todesangst. Sie las einige dieser kurzen Geschichten.
Zwei der lyrischen Form Verbundene bildeten den Abschluss des Abends. Es ist immer schwierig, zum Schluss eines solchen Marathons zu lesen, lässt doch die Konzentration bei dem ein oder anderen Zuhörer nach oder es wirkt schon der Trollinger, in der Pause getrunken.

Susanne Stephan und Walle Sayer schafften es noch einmal, die Gedanken auf diese kurze literarische Form zu fokussieren. Beide haben im Klöpfer und Meyer Verlag eine beträchtliche Anzahl von Lyrik-Bänden vorgelegt. Als passionierter Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs habe ich mich vor Jahren gefragt, wie man einen ganzen Band mit Gedichten zum Thema Tankstellen füllen kann. Susanne Stephan hat es mühelos geschafft, führte mich mit ihrer Lyrik auf eine völlig andere Art und Weise an die Tränken der modernen Karawanen. Sie hatte den Preis 2007 auf Grund eines noch nicht veröffentlichten Manuskriptes erhalten, das sie ein Jahr später unter dem Titel Gegenzauber veröffentlichte.

Walle Sayer schreibt, ja was denn? Kurzprosa? Gedichte? Er hat eine ganz eigene Form entwickelt, mischt beide in eins. Dabei entstehen hoch verdichtet Sprachstücke. Mal nennt er sie Gedichte, dann wieder Miniaturen oder bescheiden Notate aber auch Panoptikum. Sein letztes Buch trägt diese Bandbreite schon im Titel: Strohhalm, Stützbalken.

Vier Stunden Lesungen und Gespräche neigten sich nach den Texten von Walle Sayer dem Ende zu. Dem Dank der Vorsitzenden des Fördervereins der Schriftsteller in Baden-Württemberg, Ingrid Bussmann, an das Team der Bibliothek und die vielen Helfer kann ich mich nur anschließen. Ich bin sicher, wir müssen nicht 100 Jahre warten, um in Stuttgart wieder mit einer so hochkarätigen Literaturveranstaltung beglückt zu werden.

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Ergänzung: Die im Text nicht mit Jahreszahl des Preises erwähnten Autoren
Michael Buselmeier, Preisträger 1995
Eva Christiana Zeller, Preisträgerin 1989
Carmen Kotarski, Preisträgerin 1988
Rainer Wochele, Preisträger 1984
Walle Sayer, Preisträger 1994