Susanne Stephan präsentiert „Haydns Papagei“

09.10.2015 at 20:58
Susanne Stephan "Haydns Papagei"

Susanne Stephan liest in der Stadtbibliothek Stuttgart

Die Buchpremiere von Susanne Stephans neuem Lyrikband Haydns Papagei am 8. Oktober in der Stadtbibliothek Stuttgart ist ein Heimspiel für die Stuttgarter Autorin: fast der gesamt Vorstand des Schriftstellerhauses, dem sie selber angehört, war anwesend. Mann und Sohn waren gekommen (die Tochter verhindert durch eine Mathematikprüfung in Freiburg, in deren Stresssituation sich Susanne Stephan sehr gut hineinversetzten kann) ebenso wie Weggefährten aus der „Stolpersteingruppe“. Die Erwähnung dieser Gruppe der Zivilgesellschaft wirft ein Licht auf das gesellschaftliche Engagement dieser Lyrikerin, die sich nicht in Abgeschiedenheit der Wortdrechselei hingibt.

Susanne Stephan sei mit ihrem Werk in der Stadtbibliothek seit vielen Jahren präsent, lobt Ingrid Gerlach von der Bibliothek in ihrer Begrüßung das Œvre der Lyrikerin. Für Schriftsteller aus der Region gibt es eine eigene Präsenssammlung, in der sie mit ihrem Werk vertreten ist, ebenso wie in der umfangreichen Lyriksammlung, der Stadtbibliothek.

Walle Sayer führt in seinem einleitenden Essay sehr kenntnisreich in den neuen Lyrikband ein, hebt aber auch die Unterschiede zu den beiden ersten Bänden hervor, die um die Beschreibung von lyrischen Orten kreisten: Tankstellengedichte (2003) und Gegenzauber (2008). In dem neuen Band nimmt die Musik breiten Raum ein. Biografische Elemente sind immer wieder in die Gedichte eingewoben. Eine Rezension des Bandes habe ich hier im Elsternest geschrieben.

Ein Nachruf auf Haydn

Natürlich beginnt Susanne Stephan ihre Lesung mit dem Gedicht „Haydn nachgerufen“. Der darin beschriebene Papagei findet sich im Titel des Bandes wieder. Es ist ein Nachruf in Form einer Ballade, ausgehend von dem Papagei, der aus dem Nachlass des Komponisten zur Versteigerung kam. Weitere Gedichte aus dem Zyklus „Balladen“ trägt sie vor, die sich alle um musikalische Themen drehen, seien es Texte zu Chopin, Mozart oder Beethoven. Der letzte Brief von Schubert, den Susanne Stephan in Wien in einem Museum gesehen hat, war der Ausgangspunkt für das Gedicht „Frontier“. Darin bittet Schubert um einen weiteren Roman von Cooper, einen, wie im Gedicht beschrieben, noch nicht gedruckten und noch nicht einmal geschrieben.

Susanne Stephan verwendet starke lyrische Bilder

Susanne Stephan

.

Es sind immer wieder starke Bilder, die Susanne Stephan zum Ausgangspunkt ihres lyrischen Schaffens macht, wie sie im Werkstattgespräch mit Walle Sayer erklärt. Mit Walle Sayer hat sie einen einfühlsamen Gesprächspartner an ihrer Seite. Beide kennen sich seit Jahren, beide veröffentlichen im Klöpfer& Meyer Verlag, beide sind Lyriker. Das hätte auch zu einem Wortwechsel führen können, denn das Feld der Lyrik in der deutschen Literaturlandschaft ist ein kleines und die Konkurrenz lauert zwischen den Zeilen. Ihre kollegiale Freundschaft ist ein Glücksfall für das Werkstattgespräch, das getragen ist von Empathie und Respekt, nicht von Konkurrenz. Im Gegensatz zu einigen zeitgenössigen Autoren, die ihr Schreiben einer von ihnen definierten Poetik ausrichten, kann Susanne Stephan keine Poetik benennen. Ihre Poetik scheint durch ihre Gedichte hindurch wie durch einen feinen Seidenstoff. Auch ihre Gedichte sind fein gewebt.

Susanne Stephan "Haydns Papagei"Haydns Papagei
Gedichte
128 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Susanne Stephan mit neuem Lyrikband

27.08.2015 at 23:17
Susanne Stephan

Foto: © Dagmar Jerichow, PART, Stuttgart

Mit Haydns Papagei legt die Stuttgarter Autorin Susanne Stephan ihren dritten Gedichtband nach Tankstellengedichte (2003) und Gegenzauber (2008) im Klöpfer & Meyer Verlag vor. Wie auch in den vorangegangenen Bänden, hat Susanne Stephan die Gedichte thematisch geordnet. Sie kreist in ihren acht Kapiteln in ruhigen, genaue Sprachbewegungen um Musik, um Italien, Ägypten, um die Zeit des ersten Weltkriegs, beschreibt in ihrem Trauermarschkapitel verschiedene Friedhöfe von Genua bis Sarajewo, huldigt Kleist in einem Langgedicht, beschreibt die Natur im Kapitel Pastorale und schließt ihren Band mit dem Kapitel Allemande ab, in dem sie ihre Jugend, wieder in einem Langgedicht, beschreibt.

Die lyrische Verführung der Susanne Stephan

Susanne Stephan hat viele literarische Auszeichnungen für ihre Lyrik erhalten. Leider ist die lyrische Form hierzulande immer noch nicht bei einem breiten Publikum angekommen. Abgesehen von einigen Ausnahmen, wie Jan Wagner, der dieses Jahr mit seinem Lyrikband den Leipziger Buchpreis gewonnen hat. Für einen kurzen Augenblick geriet die Lyrik damit in den Blick. Dabei kann die Lyrik, wie Susanne Stephan es so meisterlich zeigt, dem Leser ein ganzes Universum aufschließen, indem sie Leerstellen lässt, rhythmische Wege aufzeigt, die den Leser in unbekannte Welten vordringen lässt und die Fantasie des Lesers anregt. Man lässt sich von Susanne Stephan gerne an die Hand nehmen, weil sie durch ihre genauen Beobachtungen und lyrischen Bilder den Leser eher verführt als anführt. In ihrem Gedicht Warmzeit aus dem Kapitel Allemande blättert sie eine Jugend der sechziger und siebziger Jahre auf, ausgehend von der Beschreibung der Wetterlage, die nur stabil erscheint aber doch durch die gesellschaftlichen Verhältnisse unberechenbar geworden ist. Die Gewissheiten der Kindheit verschwinden, werden überlagert von Zuwanderung und Kritik an den Verhältnissen, Spannungen, die in einer Gegend entstehen, wenn man die falsche christliche Lehre vertritt.

Das titelgebende Gedicht im ersten Zyklus, Haydns Papagei, geht auf eine wahre Begebenheit zurück, die sie in den Anmerkungen am Ende des Bandes erläutert: Haydn hinterließ einen sprechenden Papagei, der auch den Anfang des Kaiserliedes beherrscht haben soll. Nach Haydns Tod wurde der Papagei versteigert. Wie Susanne Stephan den Vogel in lyrische Sprache kleidet zeugt von ihrem eigenen, lyrischen Ton:

und wie er über die Maler gelacht,
die ihn alle schöner machten als er war,
so dass seine Abbilder sich fremd
blieben wie seine Frau und er,
und gütiges Bei-sich-Sein möglich
nur in der Musik, der einen
oder andren schönen Melodie,

die der Vogel erlernen würde,
unfehlbar aus der tierischen Schöpfung
dies himmlisch Echo: Gott erhalte Gott erhalte.

In der Sprache leben

Susanne Stephan lebt in der Sprache, das zeigt sich in ihrer Biografie: Studium der Germanistik, Geschichte und Romanistik. Nach Praktika bei verschiedenen Verlagen und Assistentin im Lektorat beim Belser Verlag wurde sie freie Autorin, Übersetzerin und Lektorin. Und dieses, ihr Leben, reflektiert sie auf einer höheren, lyrischen Stufe in dem Langgedicht Kleist und Nelken. Sie knüpft an frühe schulische Erfahrungen an, spannt den Bogen über ihre Liebe zu den Klassikern bis hin zur modernen Schriftsprache, die durch SMS und Internet geprägt ist. Dabei scheut sie sich nicht, die Jugendideale kritisch zu hinterfragen, um immer wieder auf die Klassiker zu kommen, die sie ihr Leben lang begleitet haben, von der Schule bis ins Studium. Über die Wohlstandsgeneration schreibt sie angesichts der Frage nach Krieg und Frieden in Kleist und Nelken:

ein Drehzahl-Beben noch in ihrem Schritt,
die alle Freiheit haben: Bundeswehr,
verweigern, mittun oder raus aus allem,
so weit es geht, die Wolle selbst geschoren,
verstrickt, nur um der Leier zu entfliehn,
dass man ja doch, am Ende, lebe von
dem großen Falschen: Wohlstands-Pflanze sei.
Verweigern nur nach peinlichem Verhör:
Was wäre, wenn die Freundin angegriffen
im dunklen Park und wenn darauf ein Messer
dem anderen entgleitet, dergestalt
dass Sie nun im Besitz der Möglichkeit –
wenn das Idyll, der eigne Hof, bedroht
von Panzern, deren Luken sich nicht öffnen
für fairen Dialog, denn lies, mein Sohn,
nur keine Dramen, lies die Aufmarsch-Pläne!

Damit trifft sie wunderbar den Zeitgeist der siebziger Jahre: Auf der einen Seite die Aussteiger, die sich (oft) nach den Mühen des Klassenkampfes aufs Land zurückgezogen haben, auf der anderen Seite die, die immer dem deutschen Militarismus misstrauten und den Wehrdienst verweigerten. Das Lied „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ von Franz Joseph Degenhardt aus dem Jahr 1972 klingt in diesen Zeilen an. In diesem Gedicht zeigt sich die große Kunst von Susanne Stephan, sich gesellschaftskritisch zu äußern, ohne in Plattitüden zu verfallen. Sie bleibt ihrem lyrischen Ton verbunden, schreibt einfühlsam und sehnsuchtsvoll.

Es ist ein Verdienst des Tübinger Klöpfer & Meyer Verlages, dass er neben Belletristik, Sachbücher und Essayistik auch der Lyrik einen großen Raum einräumt. Er verlegt „Büchern fürs Denken & Lesen ohne Geländer“, ein großer Teil seiner Autoren kommt aus Baden-Württemberg. Für seine Verdienste erhielt er 1996 den Landespreis für literarisch ambitionierte Verlage. Auch in Zeiten der Großverlage hat er sich erfolgreich gegen deren Zugriff behauptet. Es ist ihm zu wünschen, dass er auch weiterhin unabhängig bleibt und den sprachlicher Reichtum der Region für eine breite Leserschaft eröffnet.

Susanne Stephan "Haydns Papagei"

.

Haydns Papagei
Gedichte
128 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

 

Wer wird schon 100?

22.03.2014 at 19:27
tt_leiste

.

Um es vorweg zu nehmen: Thaddäus Troll nicht. Er hat im Alter von 66 Jahren seinem Leben ein Ende gesetzt. Einem Leben im Dienst des geschriebenen Wortes, im Dienst an vielen Schriftstellern, denen er unter die Arme gegriffen und deren literarischen Weg er geebnet hat. Ob in gewerkschaftlichen Organisationen oder schriftstellerischen Vereinigungen wie dem „Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V.“, den er 1973 mit gründete. Am 14. März wäre dieser großartige Schriftsteller und „Netzwerker“ 100 Jahre alt geworden, Anlass zu feiern.

Der Förderkreis vergibt seit 1981 einen zu seinen Ehren genannten Preis, beschlossen im Juli 1980, auf der ersten Sitzung nach dem Tod von Thaddäus Troll. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst alimentiert das Preisgeld. Jedes Jahr werden Autoren mit diesem Preis ausgezeichnet, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Vierzehn Preisträger lasen am Tag des hundertsten Geburtstag im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek.

Thaddäus Troll 100. Geburtstag: Eröffnung durch Frau Eleonore Lindenberg

Eröffnung durch Frau Eleonore Lindenberg

Ich hadere mit diesem Saal, er liegt unter der Erde, bar jeden Tageslichts, funktional aber nicht gemütlich. Was das Team der Leiterin der Bibliothek, Christine Brunner, aus dem Saal an diesem Abend gemacht hat, ließen meine Vorbehalte wie Schnee in der Frühlingssonne schmelzen: locker aufgestellte Tische, darauf Blumen, ein frühjahrsgemäßer, blühender Forsitienzweig in der Vase neben dem Rednerpult, Essen und Getränke zur Stärkung in den Pausen des Lesemarathons.

Die langjährige Sekretärin von Thaddäus Troll, Eleonore Lindenberg, sprach die einführenden Worte zur Veranstaltung, die den sprechenden Titel „Schriftstellen“ trug, bevor die erste Staffel des Lesemarathons begann.

tt_gue_bay_zel_brei

.

Der Preisträger von 2013, Martin Gülich, machte den Anfang mit einer Lesung aus seinem 2003 erschienen Werk Bagatellen. Es ist, wie er sagte, ein altes Werk und durchbrach mit diesen Worten die erste Regel an diesem Abend. Es sind kurze, humorvolle Texte, über die ein Thaddäus Troll sicher geschmunzelt hätte.

Thommie Bayer trat als nächster ans Rednerpult, ihm wurde der Preis 1992 zugesprochen. Bevor er mit dem Schreiben von Romanen begann, zog er als Liedermacher mit seiner 12seitigen Gitarre und Bernhard Lassahn durch die Lande. Ich liebte ihren Song vom letzten Cowboy, der aus Gütersloh kommt und Thommie Bayer fasste im Roman zusammen, was ich damals häufig empfand: Das Herz ist eine miese Gegend. An diesem Abend las er aus seinem gerade erschienen neuen Roman Die kurzen und die langen Jahre. Zum Cowboy passt das Zitat aus dem neuen Roman: „Kennedy starb vor Winnetou. In einem Blaupunkt Radio der eine und im Scala beim Bahnhof der andere“.

Mit einem humorvollen Text erwies Joachim Zelter Thaddäus Troll seine Reverenz. 2000 bekam er den Preis für sein Werk Die Würde des Lügens. Die Textpassage aus Briefe aus Amerika hatte mich schon bei seiner letzten Lesung in Stuttgart beeindruckt. Ich konnte ein Exemplar bei ihm erwerben, leider ist es im Handel nicht mehr erhältlich. Was ist Lüge, was ist Wahrheit? Eine Frage, um die Joachim Zelter in seinen Werken kreist. Zelter gehört zu den Autoren, die sich erfolgreich dagegen sträuben, Romane ausufern zu lassen. 300, 400 oder gar 900 Seiten überlässt er anderen, wie jüngst wieder Schätzing. Ich bezweifle allerdings, ob Schätzing mit seinem neuen Buch ähnlich bered ist wie Joachim Zelter mit seinen kurzen, dichten Romanen auf sprachlich hohem Niveau.

Zum Schluss des ersten Teils las Anna Breitenbach Lyrik. Sie hatte den Preis ein Jahr später als Joachim Zelter erhalten, so passt die Reihenfolge an dieser Stelle. Trotz der strengen lyrischen Form bestach ihr Vortrag durch Humor und Leichtigkeit.

tt_saal

.

Die Pause gab Raum nicht nur für Snacks und ein Glas Wein sondern auch für anregende Gespräche und Stöbern auf dem langen Tisch mit Werken der Preisträger. Alte und neue Werke der Preisträger präsentierte die Stadtbibliothek. Sowohl die alte Bücherei am Charlottenplatz zeigte, als auch die neue Bibliothek zeigt in ihrer Präsenzabteilung die Schriftsteller aus Baden-Württemberg im Besonderen die Thaddäus-Troll-Preisträger. Eine Etage, auf der ich mich gerne lesend und stöbernd aufhalte.

tt_zell_bus_woch_keh

.

Eva Christiana Zeller eröffnete den zweiten Leseteil mit ihren Gedichten, für die sie als 9. Preisträgerin den Preis 1989 erhielt. Sie veröffentlicht im Tübinger Klöpfer & Meyer Verlag, der sich noch eine Lyriksparte leistet. Viele Verlage haben mittlerweile die Lyrik wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Leider finden sich auch nur wenige Lyrikbände im Buchhandel trotz des Umstands, dass die lyrische Szene in den letzten Jahren sehr starke Impulse durch Festivals, Leseabende und Performances erhalten hat.

Michael Buselmeier las aus seinem Dantezyklus, den er, inspiriert von Dante-Lesungen seiner schauspielernden Schwester, entwickelt hat. In den Gedichten durchschreitet er Dantes Hölle, den Holocaust, den Gulag, kommt in den letzten Gedichten im Paradies an, ein erleichterndes Ende.
Rainer Wochele setzt sich – ähnlich wie Thaddäus Troll – für die Belange der Schriftsteller ein, ist Mitglied im P.E.N und Schriftstellerverband, deren Vorsitzender er lange war. Und: er schreibt wunderbare Romane in einer ihm eigenen, rhythmisierten Sprache. Sein letzter Roman, Sand und Seide, ist noch nicht versandet, da zieht er schon wieder aus seinem karierten Jackett ein neues Manuskript hervor, Arbeitstitel Der Katzenkönig. Passend die von ihm gelesene Szene im Klösterle, das schwäbische Lokal im ältesten Haus in Bad Cannstatt, direkt neben dem nach Thaddäus Troll benannten Platz. Hans Bayer, alias Thaddäus Troll, wuchs in Bad Cannstatt auf, sein Vater hatte ein Seifensiedergeschäft in der Marktstraße.
Matthias Kehle ist der letzte Preisträger, er bekam den Preis 2013 für sein lyrisches Werk aus den Händen von Frau Bussmann. Ingrid Bussmann hat 12 Jahre die Stadtbibliothek geleitet. Heute ist sie Vorsitzende des Förderkreises deutscher Schriftsteller. Matthias Kehle las aus seinem 2012 bei Klöpfer & Meyer erschienen Gedichtband Scherbenballett. Beeindruckend, wie er in wenigen Zeilen ein Bild seines Großvaters entwirft. Dessen ganze Tragödie als Soldat einer faschistischen Armee kommt darin zum Ausdruck und die Unfähigkeit, mit der Vergangenheit abzuschließen.
Markus R. Weber veröffentlichte 1998 seinen Prosaband Extremisten, für den er den Preis im gleichen Jahr zugesprochen bekam. Es scheint ein Thema zu sein, das ihn immer noch beschäftigt, das kommt in den Texten, die er an diesem Abend las, zum Ausdruck.

tt_we_ko_va

.

Er zitierte auf seiner Projektion einen Satz aus den Tagebüchern von Musil: „Solange man in Sätzen mit Endpunkten denkt, lassen sich gewisse Dinge nicht sagen, höchstens vage fühlen.“

Carmen Kotarski brachte einen Text mit, den sie für Thaddäus zum 100. Geburtstag geschrieben hat: Von Sprache, von Worten, ein Abschied. Kein Jubeltext, das hätte ich ihr auch nicht unterstellt. Nachdenklich, ins Wortholz der Lyrik geschnitten. Ihre an diesem Abend präsentierten Haiku, hatte sie mir vorab geschickt. Es war schön, sie nun von ihr gelesen zu hören. Sie trat im gleichen Kostüm auf wie damals, als sie den Preis erhalten hat: Lederjacke und Baskenmütze. Eine Wortperformerin:
„Was sich auch um sich selbst dreht
im Inneren erwarten sie momentan lebende Akteure

Martin von Arndt hat den Preis 2010 für seinen Roman Der Tod ist ein Postmann mit Hut bekommen (auch bei Klöpfer & Meyer). Ich erinnere mich an die Diskussion beim Bachmann-Wettbewerb, heftig wurde er für den gelesenen Ausschnitt kritisiert. Die Endfassung war preiswürdig. In seinem Roman Oktoberplatz, der im weißrussischen Minsk und in Budapest spielt, erzählte er von der schwierigen Suche seiner Protagonisten nach einer neuen Sicht vom Leben in Osteuropa nach dem Zerfall der Sowjetunion. Sein neuer Textauszug nimmt dieses Thema wieder auf. Diesmal angesiedelt auf dem südlichen Balkan.

Vor sechs Jahren bekam Annette Pehnt den Preis für ihren Roman Mobbing.
tt_peh_ste_say
Dass sie auch die kurze Form beherrscht, zeigte sie mit Ausschnitten aus ihrem Lexikon der Angst. Sie berichtet gekonnt von einem Gefühl das jeder kennt, aber auf völlig unterschiedliche Art und Weise. Es nimmt jede nur erdenkliche Gestalt an, lauert uns auf oder schlägt uns in die Magengrube. Mit schriftstellerischer Leidenschaft nimmt sie im Lexikon alles auf, was das Leben zu bieten hat: von der Existenzangst bis zur Todesangst. Sie las einige dieser kurzen Geschichten.
Zwei der lyrischen Form Verbundene bildeten den Abschluss des Abends. Es ist immer schwierig, zum Schluss eines solchen Marathons zu lesen, lässt doch die Konzentration bei dem ein oder anderen Zuhörer nach oder es wirkt schon der Trollinger, in der Pause getrunken.

Susanne Stephan und Walle Sayer schafften es noch einmal, die Gedanken auf diese kurze literarische Form zu fokussieren. Beide haben im Klöpfer und Meyer Verlag eine beträchtliche Anzahl von Lyrik-Bänden vorgelegt. Als passionierter Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs habe ich mich vor Jahren gefragt, wie man einen ganzen Band mit Gedichten zum Thema Tankstellen füllen kann. Susanne Stephan hat es mühelos geschafft, führte mich mit ihrer Lyrik auf eine völlig andere Art und Weise an die Tränken der modernen Karawanen. Sie hatte den Preis 2007 auf Grund eines noch nicht veröffentlichten Manuskriptes erhalten, das sie ein Jahr später unter dem Titel Gegenzauber veröffentlichte.

Walle Sayer schreibt, ja was denn? Kurzprosa? Gedichte? Er hat eine ganz eigene Form entwickelt, mischt beide in eins. Dabei entstehen hoch verdichtet Sprachstücke. Mal nennt er sie Gedichte, dann wieder Miniaturen oder bescheiden Notate aber auch Panoptikum. Sein letztes Buch trägt diese Bandbreite schon im Titel: Strohhalm, Stützbalken.

Vier Stunden Lesungen und Gespräche neigten sich nach den Texten von Walle Sayer dem Ende zu. Dem Dank der Vorsitzenden des Fördervereins der Schriftsteller in Baden-Württemberg, Ingrid Bussmann, an das Team der Bibliothek und die vielen Helfer kann ich mich nur anschließen. Ich bin sicher, wir müssen nicht 100 Jahre warten, um in Stuttgart wieder mit einer so hochkarätigen Literaturveranstaltung beglückt zu werden.

tt_saal2

.

Ergänzung: Die im Text nicht mit Jahreszahl des Preises erwähnten Autoren
Michael Buselmeier, Preisträger 1995
Eva Christiana Zeller, Preisträgerin 1989
Carmen Kotarski, Preisträgerin 1988
Rainer Wochele, Preisträger 1984
Walle Sayer, Preisträger 1994