Wolfgang Schorlau im Hospitalhof: Die trüben Wasser von Venedig

05.03.2020 at 23:29
Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo im Hospitalhof

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Wolfgang Schorlau hat ein festes Stammpublikum und das ist am 4. März 2020 in den großen Saal des Hospitalhofs geströmt und hat diesen bis zum letzten Platz gefüllt. An diesem Abend ist er nicht allein mit einem neuen Roman gekommen: Der freie Hund. An seiner Seite der Italiener Claudio Caiolo. Mit dem Schauspieler Claudio verbindet Wolfgang Schorlau eine 25jährige Freundschaft. Seit vielen Jahren wollten sie ein Projekt zusammen machen. Nun liegt das Ergebnis vor: Ein Kriminalroman, in Venedig angesiedelt.

Wolfgang Schorlau ist sehr gut vernetzt

Schorlau, Albath, Caliolo

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Bevor es so richtig mit dem von der ausgewiesenen Italienkennerin Maike Albath moderierten Gespräch los geht, begrüßt Wolfgang Schorlau seine große „Künstlerfamilie“. In dieser Patchworkfamilie tummeln sich mittlerweile eine ganze Reihe illustrer Mitglieder. Seine Lebensgefährtin, die Staatssekretärin und ehemalige Direktorin der Kunstakademie, Petra Olschowski, wurde schon von der Leiterin des Literaturhauses, Stefanie Stegmann, zu Beginn begrüßt. Seine Verlegerin von Kiepenheuer & Witsch, Claudia Häußermann, ebenso wie sein Lektor, Nikolaus Wolters sind zur Buchvorstellung angereist. Auch die Organisatorin seiner Lesereise, Susanne Beck, ließ es sich nicht nehmen, zur Premiere von Köln nach Stuttgart zu kommen. Es ist offensichtlich, dass Wolfgang Schorlau sich als Teil eines Literatur-Produktions-Teams sieht, bei dem er im Mittelpunkt steht.

Venedig wird literarisch von dem Autorenduo angegangen

Vielen gilt Venedig ja als schönste Stadt der Welt. Wolfgang Schorlau erzählt von einer Reise mit seinem Sohn dorthin, wie er all die Sehenswürdigkeiten besucht hatte und dann doch hinter die Fassade schauen wollte. Und so beschreibt er in seinem neuen Roman keine Idylle. Sein Kommissar Morello stammt aus Sizilien (auch Claudio Caiolo stammt aus Sizilien), der nach Venedig versetzt wird, um hier für Recht und Ordnung zu sorgen. In Venedig verfolgt er als erstes einen Taschendieb – wie wir aus der Lesung des ersten Kapitels erfahren – und landet prompt in einem Canale, der natürlich trübe ist. Aber der als „schleimige Brühe“ beschriebene Canale di San Pietro ist alles andere als trübe. In Wirklichkeit kann man bei ihm teilweise sogar bis auf den Grund schauen. Auch kann auch weder am frühen Morgen noch zu irgendeiner anderen Zeit ein Kreuzfahrtschiff seinen Schatten auf den Canal Grande werfen, der im Buch auch mal Canale Grande heißt. Hier prallt die „literarische Freiheit“ auf die Wirklichkeit. Gegen diese Kreuzfahrtinvasion regt sich Widerstand und ein Aktivist wird prompt ermordet.

Eine Zusammenarbeit zweier ganz unterschiedlicher Charaktere

Wie die Zusammenarbeit der beiden Freunde konkret ausgesehen hat, beschreiben die beiden ausführlich an diesem Abend. Maike Albath hat alle Mühe den quirligen Claudio Caiolo zu bremsen, der sie ungehemmt duzt, wiewohl sie – ganz professionell – konsequent beim Sie bleibt. Weil Claudio Caiole Erfahrungen beim Drehbuchschreiben mitbrachte (für seinen Kinospielfilm Birthday erhielt er 2002 den Max Ophüls Preis für das Drehbuch), oblag es ihm, eher dialogisch zu arbeiten. Völlig hemmungslos hat Schorlau seine Texte zusammen gestrichen, damit die Geschichte an Fahrt gewinnt. Das führte zu machen heftigen Diskussionen zwischen den beiden. Meike Albath meint zu dieser Auseinandersetzung, er müsse als Drehbuchautor das eigentlich verstehen, denn es gäbe den Satz unter den Drehbuchautoren: „Kill your baby“. Dem Zuhörer wird an diesem „Disput“ klar, dass die beiden Autoren auf dem Podium als eingespieltes Duo agieren.

Wer hat hier wo und wie recherchiert?

Die Auseinandersetzung mit der Autorin und Mafia-Expertin Petra Reski katapultierte sie aus ihren eingespielten Rolle. Meike Albath klammert in der Diskussion dieses heikle Thema nicht aus: Petra Reski wohnt seit vielen Jahren in Venedig. Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo trafen sie in Venedig bei einem Arbeitsessen. Sie wollten Hintergründe für die Story recherchieren. Die Vorwürfe der Journalistin kann man auf ihrem Blog hier und hier im Detail nachlesen. Darin wirft Reski dem Duo vor, sie hätten ihre eigene Arbeit geplündert. Und das so fehlerhaft, dass sie ihren Namen keineswegs mit dem Ergebnis, selbst nur als Danksagung, in Verbindung gebracht haben möchte. Diese Vorwürfe führten schließlich zu einer Unterlassungsklage, die sie gegen den Verlag anstrengte. Die zielte darauf ab, dass die Danksagung der beiden an sie bei der 2. Auflage gestrichen wird.

Wolfgang Schorlau reagiert schmallippig auf die Plagiatsvorwürfe

Was der Autor Wolfgang Schorlau an diesem Abend sichtlich zerknirscht dazu meint, hatte er in einem Interview auch schon den Stuttgarter Nachrichten gesagt: „Die einstweilige Verfügung ist für mich ein Rätsel. Wir hatten ein wahnsinnig nettes Gespräch in Venedig. Claudio und ich sind große Bewunderer von Petra Reskis Arbeit und haben deshalb eine Figur („Petra Mareschi“) nach ihr benannt. Das war als Hommage und Verbeugung gedacht.“

Schorlau hatte Reski das Manuskript im August 2019 geschickt und zunächst nichts gehört. Dann sei ein Anwaltsschreiben gekommen: „Wir haben die Danksagung entfernt und die Figur der investigative Jounalistin umbenannt. So wie unser Umgang war, hätte dafür ein Anruf auch genügt.“ In Folgeauflagen wird der Namen der investigativen Jounalistin verändert. Nicht aus juristischen Gründen, sondern weil die Autoren der Überzeugung sind, dass eine Hommage wider Willen keinen Sinn macht.

Diese Vorwürfe treffen einen Autor, der sich als ein gewissenhafter Rechercheur einen Namen gemacht hat, natürlich schwer. Das Publikum im Saal ficht das nicht an, wie an der langen Schlange derer zu sehen ist, die sich das Buch von dem Autorenduo signieren lassen wollen.

Der freie Hund: Commissario Morello ermittelt in Venedig
 336 Seiten, Paperback
Kiepenheuer & Witsch, Preis: 16 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Christine Lehmann in der zweiten Welt

22.03.2019 at 14:30
Stephan Raab und Christine Lehmann in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt

Stephan Raab und Christine Lehmann in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt

 

Die Stuttgarter Kriminächte feiern ihr 10jähriges Bestehen. Schön, dass die Stuttgarter Autorin Christine Lehmann mit ihrem neuen Krimi eingeladen wurde. Sie las am 20. März 2019 aus ihrem brandneuen Roman Die zweite Welt in der kleinen, feinen Stadtteilbibliothek in Bad Cannstatt. Diese Stadtteilbibliothek in der Überkinger Straße war schon häufig Kooperationspartner der Stuttgarter Kriminächte.

Moderator und Autorin harmonieren

Der Theaterregisseur Stephan Raab vom Vorstand der Stuttgarter Kriminächte hält mit seiner Begeisterung für den Roman nicht hinter dem Berg, seine Moderation ist geprägt von großer Sympathie für die Autorin. Bescheiden tritt er auf und lässt somit das übliche Mann-Frau-Gefälle hinter sich. Sehr angebracht bei eine Autorin, die sich in Sachen Feminismus exzellent auskennt und ihrer Protagonistin Lisa Nerz einen explizit feministischen Background auf den Leib geschrieben hat und das nun schon in dreizehn Lisa-Nerz-Romanen. Christine Lehmann arbeitete jahrzehntelang als Nachrichten- und Aktuellredakteurin beim SWR. In ihrem neuen Roman bringt der Sender die Geschichte ins Rollen:

Aus dem Radio kommt schon in den Morgenstunden allerlei Wissenswertes zum Thema Feminismus. Was die Sender nicht ausstrahlen, sind die eingehenden Drohanrufe:
„Der Ehrenmann handelt. Schluss mit dem Feminazen-Terror. Ich will heute keine von euch Schlampen auf der Straße sehen“.
Das hat Sally mitgeschrieben, Lisa Nerz’ alte Freundin, die im SWR-Studio am Frauentag Telefondienst macht. Die Wortwahl gemahnt an die Propaganda der PGM, der Partei des gesunden Menschenverstandes, die sich gern über Einwanderung, Genderfragen, die Bedrohung der Familie und die Verkrüppelung der Muttersprache ereifert. Mit Unbehagen erinnert sich Lisa, von den Unfren gehört zu haben, „unfreiwillig enthaltsame“ Männer, die im Internet ihren Frust zelebrieren und sich in Frauenhass hineinsteigern.

Christine Lehmann nutzt die Tageszeiten als Strukturelement

Christine Lehmanns Protagonistin Lisa Nerz hat auch in diesem Roman wieder alle Hände voll zu tun. Der Roman spielt an nur einem Tag, am Weltfrauentag, 8. März. Diese zeitliche Begrenzung hat Christine Lehmann in ihren Roman als ordnendes Merkmal genutzt. Die Abschnitte sind mit den Tageszeiten überschrieben, teils im Minutentakt. Dadurch wird der Druck auf die Ermittlungen strukturell spürbar. Wer steckt hinter den Drohungen? Es ist ein typischer Whodunit-Krimi. Gemeinsam mit der technisch hoch versierten Schülerin Tuana, die bei ihr im Haus wohnt, klappert Lisa Nerz ihre Quellen ab, um Licht in die Sache zu bringen, ehe die Demo losgeht. Wobei die in Hidschab und Abaya gekleidet Tuana Lisa einen ungewohnten Blick auf die Straßenkommunikation verschafft und ihr mit ihren Internetkenntnissen entscheidend bei der Lösung des Falles hilft.

Rechtspopulismus und „Genderwahn“

Routiniert liest Christine Lehmann Ausschnitte aus verschieden Kapiteln. Man spürt, wie tief sie im Thema steckt. Die Autorin hat eigene Erfahrungen als Stadtverordnete der Grünen mit populistischen Positionen verarbeitet. Ihre „Kollegen“ von der AfD unterstützen die Demonstrationen gegen die Bildungspolitik der Landesregierung. Das Demo-Bündnis kämpfte gegen das Vorhaben von Grün-Rot, das Thema sexuelle Vielfalt durch den neuen Bildungsplan stärker im Schulunterricht zu verankern. Rassismus und Genderwahn werden immer wieder in die Redebeiträge der AfD-Abgeordneten im Stadtparlament und im Landtag eingerührt. Mit Hilfe des Kriminalromans taucht Christine Lehmann in dieses Universum der Rechtspopulisten ein.

Können Lisa Nerz und Tuana rechtzeitig herausfinden, wer wirklich hinter den Drohungen steckt? Das muss an diesem Abend offen bleiben. Erfahren kann es die Krimileserschaft, wenn sie sich den neuen Roman von Christine Lehmann kauft, vorzugsweise in einer der vielen lokalen Buchhandlungen.

Die zweite Welt
256 Seiten, Taschenbuch
Argument Verlag mit Ariadne, Preis 13,00 €

Drogen per Drohnen – der neue Krimi von Zoë Beck

10.03.2018 at 12:07

Zoë BeckSchon achtmal kooperierte die Stadtbibliothek Bad Cannstatt mit dem Verein Stuttgarter Kriminächte, um Kriminalautoren einem breiten Publikum vorzustellen. Am 7. März 2018 las Zoë Beck hier aus ihrem neuen Roman. Sichtlich stolz präsentierte Alexandra Kirchner, die Leiterin der Bibliothek, mit ihrem reinen Frauenteam diese Ausnahmeschriftstellerin. Immer wieder eroberte Zoë Beck die Krimibestenliste mit ihren spannenden Romanen, die häufig in Großbritannien spielen. Für ihrer Kurzgeschichte Draußen erhielt sie 2010 den renommierten Friedrich-Glauser-Preis, 2014 gewann sie den Radio-Bremen-Krimipreis, der Autorinnen und Autoren für qualitativ herausragende Werke der Kriminalliteratur auszeichnet und zwei Jahre später den 3. Platz beim Deutschen Krimi Preis in der Kategorie „National“.

Nach dem Brexit kommt der Druxit

Zoë Becks neuer Kriminalroman spielt in London in nicht ferner Zukunft. Nach dem Brexit steht der Druxit auf der Agenda der regierenden Partei der „Rotweißblauen“. Sie hat einen Gesetzesentwurf vorbereitet, der einen Ausstieg aus den Drogen zum Ziel hat. Mit ihrer populistischen Kampagne unter dem Slogan „Großbritannien wird drogenfrei“ macht sie sich nicht nur die Abhängigen zu Feinden sondern vor allem die, die an den Drogen verdienen. Mächtige englische Verbrechersyndikate. Ellie Johnson hat ein besonderes Geschäftsmodel entwickelt, abseits von den Distributionswegen der Kartelle: Über einen von ihr entwickelten App bestellt man Drogen in höchster Qualität, die von Drohnen ausgeliefert werden. Anonym, sicher, perfekt organisiert. Die Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will „Die Lieferantin“ aus dem Weg räumen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen doch ihre Gegner sind mächtig und lauern an jeder Straßenecke. In ihrem Kampf arbeitet sie mit der Rechtsanwältin Catherine Wiltshire zusammen, die sich für eine Legalisierung der Drogen einsetzt. Um an Geld für die Antikampagne zu kommen, schrecken sie auch vor Erpressung eines hochrangigen, drogenabhängigen Ministers nicht zurück.

Zu Beginn des Buches und der Lesung stellt Zoë Beck einen netten jungen Restaurantbesitzer vor, der sich einer Schutzgelderpressung ausgesetzt sieht. Als ihm das zu viel wird, bringt er den Schutzgelderpresser um und betoniert ihn in seinem Haus unter seinem Fußboden ein. Dumm nur, dass er sich fortan einbildet, der Typ klopfe von dort unten und dumm für ihn, dass er damit nie wird sein Haus verkaufen können.

Ein Marktplatz der Abscheulichkeiten

Sehr ausführlich spricht sie über ihre Recherche im Darknet, dort gibt es alles zu kaufen: Von Sex bis zu Drogen. Im Darknet gibt es einen Marktplatz für alle denkbaren Abscheulichkeiten. Auch ihre Protagonistin findet ihre Kunden über das Darknet. Bezahlt wird mit Bitcoins, geliefert wird der Stoff mit Drohnen, die die Übergabe auch noch filmen. Damit sichert sie ihr „Geschäftsmodel“ ab, denn sie hat was gegen ihre Kunden in der Hand. Sollte ein Drohne abstürzen oder eingefangen werden, zerstört sie augenblicklich alle gespeicherten Daten, eine Spur zur Lieferantin ist nicht mehr vorhanden.

Zoë Beck erzählt und schreibt in einem hintergründig-lakonischen Erzählstil, springt bei der Lesung durch das Buch ohne die Gesamtkonstruktion und das Ende der Geschichte zu verraten. Damit ragt sie wie ihre Kollegen Friedrich Ani und Oliver Bottini weit aus der großen Genre-Masse heraus.

Zoë Beck zeigt Kante

Inhaltlich setzt die Autorin mit ihrem halbfuturistischen Drogenthriller Akzente, der mit seinen Anspielungen auf populistische Strömungen als Diskussionsgrundlage durchaus relevant sein könnte für unsere heutige Gesellschaft. Mit Populisten hat die Autorin auch als Verlegerin zu tun: Sie ist eine der Mitinitiatorinnen der Kampagne gegen rechte Verlage, der sich mittlerweile 45 unabhängige Verlage unter dem Hashtag #verlagegegenrechts zusammengeschlossen haben. Damit positioniert sich die Autorin eindeutig für Weltoffenheit und Vielfalt und gegen Ausgrenzung und Hass. Die Kampagne hat es mittlerweile geschafft, dass die rechtspopulistische Zeitung „Junge Freiheit“ sich nicht auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Darauf ist Zoë Beck sichtlich stolz. Bericht siehe hier. Damit zeigt die Autorin, dass sie nicht nur literarisch heiße Eisen anpackt sondern auch bereit ist, sich die Finger im richtigen Leben zu verbrennen.

Die Lieferantin
324 Seiten, Klappenbroschur
Suhrkamp, Preis 14,95 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte

Der Sound des Franz Dobler

27.03.2017 at 23:55
Franz Dobler im Gespräch mit Thomas Klingenmaier

Franz Dobler im Gespräch mit Thomas Klingenmaier

 

Am 25. März 2017 las Franz Dobler im Rahmen der 8. Stuttgarter Kriminächte in Bad Cannstatt. Im hellen Deckenlicht stehend begrüßt die Leiterin der Stadtteilbibliothek, Alexandra Kirchner, die zahlreichen Gäste dieses Abends und Frau Eva Hosemann vom Vorstand des Vereins Stuttgarter Kriminächte e. V. lobt die herzliche Atmosphäre in dieser kleinen Stadtteilbibliothek am Ufer des Neckars. Das Deckenlicht wird ausgeschaltet und von nur zwei Tischlampen beleuchtet beginnen der Moderator, Thomas Klingenmaier, und sein Gast in verhaltenem Ton miteinander ins Gespräch zu kommen. Das ist am Anfang für den Redakteur im Kulturressort der Stuttgarter Zeitung nicht ganz einfach, er hat es mit einem introvertierten Autor zu tun, der sich im Gespräch eher verhalten denn in ausufernden Sätzen äußert. Darin scheint eine große Übereinkunft zwischen Autor und Werk zu bestehen, auch die Sätze in dem Roman Ein Schlag ins Gesicht sind kurz, knapp und präzise, hängen schon mal mit offenem Ende wie kalter Rauch in einer Kneipe im Raum.

Auf dem Buchdeckel steht als Gattungsbezeichnung Kriminalroman

Auf dem Buchdeckel steht zwar Kriminalroman aber Franz Dobler weiß nicht so recht, ob es der passende Gattungsbegriff ist. Es ist auch ein psychologischer Roman und ein Milieuroman. Heute wird ja der größte Teil der Mainstreamliteratur der Gattung Krimi zugeordnet: Die anderen Literaturarten würden wie Fachliteratur auf speziellen Tischen in den Buchhandlungen präsentiert, beschreibt Thomas Klingenmaier die Ordnung in den Buchläden.

Als Franz Dobler seinen ersten Krimi zu schreiben begann, war ihm noch nicht klar, ob es eine Fortsetzung geben würde aber schon bevor er das Manuskript beendet hatte, stand für ihn fest, sein Ermittler Robert Fallner würde ihn weiter beschäftigen. Franz Doblers Freundschaft mit einem Regisseur, mit dem er häufig während des Schreibprozesses diskutierte, trug dazu bei, dass er seine Romane eng an die Schnitttechnik im Film anlehnte.

Am Ende des ersten Fallner Krimis, Ein Bulle im Zug, der seinen Helden auf eine schier endlos lange Zugfahrt quer durch die Republik schickt, stand dessen Entlassung aus dem Polizeidienst. Diese Vorgeschichte zu Ein Schlag ins Gesicht wurde 2015 mit dem ersten Platz beim Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Für die Fortsetzung bekam Franz Dobler 2016 den dritten Platz beim Deutschen Krimipreis.

Nach zwanzig Bullenjahren ist Faller Ex

Zwanzig Jahre war Fallner Polizist, dann hat er hingeschmissen. Er hatte im Dienst einen kriminellen Jugendlichen erschossen, der die Waffe auf ihn gerichtet hatte. Der Ex-Bulle Robert Fallner heuert bei der Securityfirma seines Bruders an und sucht nach dem Stalker eine Ex-Schauspielerin in seinem Ex-Revier. Sie hat den Auftrag an seinen Bruder gegeben, ihr den fiesen Stalker vom Hals zu halten. Die ehemalige Sex-Darstellerin Simone Thomas hat schon einiges hinter sich: zwei Ehemänner, dreiundvierzig Jahre Showgeschäft, dutzende Nacktfotos, diverse Filmproduktionen, Drogenexzesse, Yellow-Press-Skandale. Franz Dobler schickt seinen Held Robert Fallner gefährlich nahe heran an diese exzentrische Diva, deren Stalker unberechenbar ist, eben wie „Ein Schlag ins Gesicht“.

Robert Fallner ist ein Mann mit Problemen. Mit seinen Kumpel Punkarmin, 55 Jahre, führt er Männergespräche in „Bertls Eck“ und sie spülen den Ärger, den sie an den Hacken haben, mit Bier hinunter.

Die Sprache Franz Doblers an dem Sujet angepasst

Franz Dobler erzählt eher mosaikhaft, episodisch, vermischt Narratives mit inneren Monologen, mit Reflexionen und Anekdotischem in kurzen, knappen Sätzen, an denen er lange überlegt hat, wie er an diesem Abend preisgibt. Mit herrlichen Sprüchen und auf den Punkt genau sitzenden Dialogen beschreibt er seine Helden oder besser gesagt, seine Antihelden in der alten Münchner Kneipenszene rund um den Hauptbahnhof. Er ist stets auf der Suche nach dem richtigen Sound in seiner Sprache, hat einen hohen Sinn fürs Komische, fürs Bizarre und fürs Poetische. Und wenn er Brutales beschreibt, ist seine Sprache ungeschliffen. Da ist er ganz nah dran an den Großen des Kriminalromans wie Elmore Leonard, den er als Vorbild angibt. Der hätte einmal gesagt: „Kümmere dich nicht darum, was deine Mutter von deiner Sprache hält“. Franz Dobler ist nicht an Pathologieberichten interessiert, aus denen seine skandinavischen Kollegen bei der Suche nach Serienkillern so gerne und oft zitieren. Auch sind die Crime-Elemente eher spärlich gesät, und mancher Leser hat schon kritisiert, dass das nicht als Krimi bezeichnet werden sollte.

Damit ist er sehr nah an dem Großmeister des lakonischen Krimis, Friedrich Ani, der seinen Ermittler Tabor Süden auch als einen beschreibt, der sich in Kneipen „bebiert“ und eher schweigt als große Reden schwingt.

Ein Schlag ins Gesicht
Roman
365 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klett-Cotta, Tropen, Preis 19,95 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte