Stuttgart liest ein Buch mit Shida Bazyar

11.03.2017 at 9:07
Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Im Schriftstellerhaus haben die Vorbereitungen zu Stuttgart liest ein Buch begonnen. Foto: © S. Martin

 

Im Oktober ist es wieder soweit. Stuttgart liest ein Buch. Zum dritten Mal veranstaltet das Schriftstellerhaus dieses literarische Festival, bei dem ein Buch im Mittelpunkt steht. Dieses Jahr ist es Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Die junge Autorin mit iranischen Familienwurzeln las in der Reihe Literatur im Salon im Sommer letzten Jahres aus ihrem Debütroman und eroberte im Sturm die Herzen der Vorsitzenden des Schriftstellerhaus-Vereins und dessen Geschäftsführerin. Es war leicht, mit diesem Erlebnis die an dem Projekt beteiligten Kooperationspartner für das Buch und das Thema des Buches zu begeistern, das uns seit vielen Monaten beschäftigt: Flucht, Vertreibung, Integration in eine fremde Kultur.

Shida Bazyar verwendet vier Erzählstimmen

Dies alles erzählt Shida Bazyar mit leichter Hand, humorvoll und voller Empathie für ihre vier Protagonisten, die in jeweils einem Abschnitt des Buches ihre Lebenswirklichkeit erzählen. Da ist der Vater, der mit seiner Frau 1979 aus dem Iran fliehen musste, da er als kommunistischer Aktivist den bei den Mullahs in Ungnade fiel. Er erzählt von seinen politischen Aktionen und wie er seine Frau kennen lernte mit der er dann aus dem Iran nach Deutschland flieht. In einer Kleinstadt finden er, seine Frau und seine kleinen Kinder Zuflucht. Zehn Jahre später erzählt seine Frau von den Bemühungen der Familie, sich in Deutschland zu integrieren. Über 4 Jahrzehnte erstreckt sich der erzählerische Bogen, den Shida Bazyar aufspannt, bis hin zur grünen Revolution von 2009. Ausführliche Rezensionen hier und hier.

Das Projekt Stuttgart liest ein Buch nimmt Form an

Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus den VertreterInnen der Projektpartner, hat ihre Arbeit aufgenommen, um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für die Zeit zwischen dem 17. Oktober und dem 27. Oktober 2017 zusammen zu stellen. Im Einzelnen sind dies:

  • das Schriftstellerhaus
  • das Literaturhaus Stuttgart,
  • die Stadtbibliothek Stuttgart
  • die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
  • die Schiller Buchhandlung
  • das Evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart
  • der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
  • die Volkshochschule Stuttgart

Die Projektleitung hat die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, inne. Das Schriftstellerhaus hat für das Projekt bereits einen Internetauftritt gestaltet, siehe hier. Alle Neuigkeiten werden auch über Facebook und Twitter verbreitet.

Das Hörspiel zu „Der Hals der Giraffe“

23.05.2015 at 16:38
Günter Guben im Gespräch mit Astrid Braun zum Hörspiel

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Zum Abschluss des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“ wurde im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek die Hörspielfassung des Romans von Judith Schalansky eingespielt. In der Hauptrolle der Inge Lohmark brilliert die Schauspielerin Corinna Harfouch. Die 74minütige Fassung des Romans bildet ihn in seinen wesentlichen Aussagen gut ab. Unter der Regie von Beate Andres, die auch die Bearbeitung vorgenommen hat, sind neben Corinna Harfouch Jürg Löw als Direktor Kattner zu hören. Leider hatte die eingeladene Regisseurin Beate Andres kurzfristig ihre Teilnahme an der anschließenden Diskussion über die Hörspielbearbeitung aus persönlichen Gründen absagen müssen. Die Projektleiterin des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“, Astrid Braun, sprang für sie ein.

Ein Hörspiel ist immer die Interpretation der Romanvorlage

Günter Guben im Gespräch mit Astrid Braun zum Hörspiel

Günter Guben im Gespräch mit Astrid Braun

Günter Guben, langjähriger Vorsitzender des Schriftstellerhauses und ehemaliger Regisseur beim SWR, analysierte die Adaption des Romans für das Hörspiel. Er berichtete über die veränderten Produktionsbedingungen, die heute bei der Erstellung eines Hörspiels herrschen. Die veranschlagte Zeit für eine Produktion sei gegenüber seiner aktiven Zeit deutlich nach unten korrigiert worden. Das hat zur Folge, dass die Sprecher nicht immer alle zusammen bei der Produktion anwesend seien. Kompromisse bei der Aufzeichnung seien dadurch unabdingbar. Nicht alle dramaturgischen Ausprägungen fanden seine Zustimmung, z.B. hat ihn die Einspielung der Musik an verschiedenen Stellen gestört. Die Regisseurin hätte ihm sicher eine profunde Begründung für diesen Einsatz der Musik geben können. Insgesamt, so meinte der ehemalige Regisseur Günter Guben, habe die Hörspielfassung ihm besser gefallen als der Roman selbst. Das ist ein großes Lob an die Arbeit des SWR als Produzent dieses Hörspiels.

Gewinner der Buchpakete bei der Hörspiel Präsentation

Die glücklichen Gewinner der Buchpakete mit Astrid Braun und Günter Guben

Die Besucher und Besucherinnen der Veranstaltung hatte die Gelegenheit, an der Verlosung dreier Buchpakete im Wert von je 150 € teilzunehmen, die der Suhrkamp Verlag für die Veranstaltungsreihe gespendet hatte. Günter Guben spielte die gute Fee und zog aus den abgegebenen Zettelen die glücklichen Gewinnerinnen und den glücklichen Gewinner. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass ohne Sponsoren ein solches Programm nicht hätte durchgeführt werden können. Deshalb ist allen zu danken, die dieses Lesefest ermöglicht haben, das mit der Aufführung des Hörspiels am 22. Mai zuende ging, an der Stelle, an der es auch begonnen hatte.

Inge Lohmark und der Glaube

22.05.2015 at 13:38
Inge Lohmark und der Glaube

Die drei Stadtpfarrer diskutieren in der Hospitalkirche über Inge Lohmark: Christoph Hildebrandt-Ayasse, Eberhard Schwarz, Matthias Vosseler (v.l.n.r.)

 

Gibt es für Inge Lohmark einen Glauben? Das fragte sich das Pfarrertrio der evangelischen Stadtkirchen am 21.05. in der Hospitalkirche. Der Hospitalhof hatte den Pfarrer der Leonardskirche, Christoph Hildebrandt-Ayasse, den der Stiftskirche, Matthias Vosseler, und seinen eigenen, Eberhard Schwarz, gebeten, einen theologischen Streifzug durch das Buch „Der Hals der Giraffe“ zu unternehmen. Man spürte gleich, diese Pfarrer hatten sich intensiv mit dem Buch beschäftigt und stehen als Seelsorger der städtischen Kerngemeinden mit beiden Füßen im Leben. Theologische Spitzfindigkeiten brachten die drei nicht zur Sprache, wohl aber die Bezüge zu ihrem Glaubensgebäude, das so scheinbar gar nicht im Buch vorzukommen schein. Drei wesentliche Aspekte nahm Pfarrer Schwarz in den Blick: Das Verhältnis von Schöpfung und Evolution, die deutsch-deutsche Geschichte und den Themenbereich Wunder, Trost und Hoffnung.

Mit der lyrischen Sprache der polnischen Nobelpreisautorin Wislawa Szymborska setzte er einen Kontrapunkt zu der, wie er meinte, teils schwer zu ertragende Sprache des Buches. Der Titel des Gedichtes passte: „Trost“.

Die modernen Wissenschaften und die Bibel

Martin Vosseler verriet, Biologie hätte nie zu seinen Lieblingsfächern in der Schule gezählt. Trotzdem hat die Naturgeschichte einen festen Platz auf seinem Schreibtisch in Gestalt eines Ammoniten. Seine Eltern fanden ihn beim Hausbau in Trossingen. In Trossingen findet man nicht nur die Versteinerung der Kopffüßer sondern der Ort ist berühmt für seine großartigen Funde von Dinosauriern. Da war er schnell bei der Frage, wo kommen wir her, wie ist die Welt entstanden. Fragen, die auch Inge Lohmark umtreiben.

Als Religionslehrer am Gymnasium hat er seine Schüler zu den Unterschieden und den Übereinstimmungen von Schöpfungsgeschichte und modernen Wissenschaften gefragt. Der biblische Schöpfungsbericht ist ein mythologisches Bild, das, wie die Schülerinnen und Schüler ausführten, nicht immer im Widerspruch zu den Wissenschaften steht, denen Inge Lohmark verhaftet ist.

Inge Lohmark zwischen DDR und Bundesrepublik

Pfarrer Christoph Hildebrandt-Ayasse ging auf das Verhältnis von Kirche und Staat in der DDR und die Auswirkungen einer Staatsideologie auf den Glauben ein. Als Gegenpol zur Bibel wurde den Jugendlichen bei der Jugendweihe seit 1955 das Buch „Weltall Erde Mensch“ überreicht. Es postuliert die Überlegenheit der sozialistisch geprägten Wissenschaften und Erkenntnisse gegenüber den christlichen Überzeugungen und bürgerlichen Weltanschauungen. Inge Lohmark ihrerseits hatte sich auch gegen die einseitig sozialistisch verortetet Wissenschaft gestellt, indem sie z. B. Stammbäume von Adelsgeschlechtern ihre Schüler hatte zeichnen lassen. Und überhaupt: In Greifswald ist aller Darwinismus futsch, wenn man Caspar David Friedrichs Sonnenuntergang sieht und ihn mit der Ostsee im Rücken in der Natur erlebt. Geschickt hätte Judith Schalansky einige Motive dieses, aus ihrem Geburtsort Greifswald stammenden, großartigen Malers in ihrem Roman untergebracht, sie hätte sich bestimmt in ihrem kunsthistorischen Studium mit ihm beschäftigt.

Der Pfarrerssohn Jakob bliebe im Roman blass, für Inge Lohmark geht es in ihrem Glaubenssystem weniger um Entwicklung sondern vor allem darum, mit dabei zu sein und nicht unter zu gehen. Religion ist bei ihr nur als Lücke vorhanden. Und doch geht ihr das Staunen nicht aus. Und die Auflösung käme am Schluss des Romans: die naturwissenschaftlich geprägte Antipädagogin sieht die Strauße tanzen, der Schlusssatz lautet: „Inge Lohmark stand am Zaun und schaute.“ Damit, so die drei Pfarrer, wäre für die Protagonistin der Beginn einer Entwicklung gelegt, die sie so gänzlich in diesem „Entwicklungsroman“ vermisst hätten.

Das Theater im Polygon bringt Inge Lohmark auf die Bühne

20.05.2015 at 13:40
Das Theater im Polygon hat den Roman "Der Hals der Giraffe" szenisch gelesen

Das Theater im Polygon hat den Roman „Der Hals der Giraffe“ szenisch gelesen

 

Im Gewölbekeller unter der Buchhandlung Bücher-Lack brachte das Theater im Polygon den Roman „Der Hals der Giraffe“ auf die Bühne.

Schauspielerin vom Theater im Polygon

Zwei Schauspielerinnen vom Theater im Polygon schlüpften in die Rolle der Inge Lohmark (Janina Wissmann)

Als fester Bestandteil gehört das Theater im Polygon seit 1987 zum Jugendhaus Fellbach. Der Theaterpädagoge Peter Hauser hat mit den Darstellerinnen und Darstellern die Schlüsselstellen des Romans herausgearbeitet und in einer szenischen Lesung am 19. Mai im Rahmen des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“ auf die Bühne gebracht. Ein paar Stühle deuten das Klassenzimmer an, in dem die Pädagogin Inge Lohmark den Schülerinnen und Schülern des Charles-Darwin-Gymnasiums in einem nicht näher genannten Ort in Vorpommern ihre Weltsicht von der Natur vermittelt. Den feinen Humor der Romanvorlage setzten die Jugendlichen gekonnt in Szene.

Gedoppelte Inge Lohmark

Die Rolle der Lehrerin wurde von zwei Schauspielerinnen übernommen. Sie wechselten sich ab beim innerer Monolog der Inge Lohmark, der in weiten Teilen den Roman bestimmt.

Schauspielerin vom Theater im Polygon

Die zweite „Inge Lohmark“ (Timea Farkas)

Nicht nur die dem Darwinismus und dem Lamarckismus verhaftete Weltsicht der Lehrerin trat dabei zutage sondern auch ihre Auseinandersetzungen mit ihrer Kollegin Karola Schwanneke und ihrem Direktor. Das Kollegium befürchtet, dass durch Bevölkerungsschwund das Gymnasium an den Rand seiner Existenz gedrängt wird.

Ein Trio in der Besetzung Gesang (Linda Dorittke), Gitarre (Jonatan Tropea) und Bass (Jonah Reuß) aus der Gruppe der Schauspieler umrahmte die Aufführung musikalisch. Videos dazu gibt es hier und hier.

Die szenische Lesung zeigte einmal mehr die große Bandbreite der Annäherungen an den Roman von Judith Schalansky, der im Mittelpunkt des vom Schriftstellerhaus organisierten Lesefestes in diesem Jahr stand.

Das Ensemble vom Theater im Polygon bedankt sich für den Applaus

Das Ensemble vom Theater im Polygon bedankt sich für den Applaus: Peter Hauser, Timea Farkas, Janina Wissmann, Maria Ferent, Linda Dorittke, Jonah Reuß, Jonatan Tropea (v.l.n.r.)

Der Hals der Giraffe hat sieben Wirbel

19.05.2015 at 22:00
Der Hals der Giraffe - Evolutionsbiologie

Evolutionsbiologie zum Anfassen

 

Eine spannende Diskussion über die Evolutionsbiologie veranstaltete das Rosensteinmuseum am 18. Mai mit der Autorin von „Der Hals der Giraffe“, Judith Schalansky.

Dr. Arnold Staniczek und Ulrich Schmid hatten die Autorin eingeladen, um die Thesen über ihre Biologielehrerin Inge Lohmark zu diskutieren. Das Theoriegebäude der Helden der Hauptfigur des Romans – Charles Darwin, Jean-Baptiste de Lamarck und Ernst Haeckel – wurden unter das intellektuelle Mikroskop gelegt. Sie gehören zu den Vordenkern und Gründern der Evolutionstheorie und diese wiederum bildet das unverrückbare Fundament des Weltbilds Inge Lohmarks.

Judith Schalansky war schon als Kind fasziniert von der Natur. Für ihr Buch wollte sie ein naturwissenschaftliches Fach untersuchen und das Darwin-Jahr 2009 ließ sie elektrisiert zurück. Sie las alle Aufsätze über den Naturforscher, die ihr in die Hände kamen. Biologie ist ein Fachgebiet, das nicht nur einen von außen zu betrachtenden Gegenstand in den Blick nimmt. Nein, sie schließt den Betrachter als Teil der Natur unmittelbar ein. Im Darwin-Jahr begann Frau Schalansky mit den Arbeiten zu dem Roman „Der Hals der Giraffe“ und schloss ihn 2011 ab.

Evolutionsbiologie im Roman

Sie las an diesem Abend in der großen Rotunde des Rosensteinmuseums die Szene, in der Inge Lohmark ihren Schülern erklärt, wie die Giraffe zu ihrem langen Hals kam. Dabei wird deutlich, die Lehrerin ist viel mehr dem Naturforscher Jean-Baptiste de Lamarck (1744-1829) zugetan ist als seinem britischen Kollegen Charles Darwin (1809-1882). Das war ein Einstiegspunkt für Dr. Arnold Staniczek, der sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Rosensteinmuseums mit der faszinierenden Vielfalt des Lebens beschäftigt. Sein Spezialgebiet sind allerdings nicht die Säugetiere. Er ist Spezialist für Wasserinsekten am Museum für Naturkunde Stuttgart. Trotzdem konnte er profund die Abstammungslinien der Tierrassen referieren und zur Klärung der Vererbung und den beiden widersprüchlichen Theorien von Lamarck und Darwin beitragen.

Diskussion über Evolutionstheorie im Rosensteinmuseum

Über Evolutionstheorie diskutieren: v. l. n. r.: Dr. Arnold Staniczek, Judith Schalansky, Ulrich Schmid

Lamarck postulierte: Bei jedem Tier, welches den Höhepunkt seiner Entwicklung noch nicht überschritten hat, wird ein Organ allmählich durch seinen dauernden Gebrauch gestärkt. Es entwickelt und vergrößert sich je länger es gebraucht wird. Um an gutes Futter zu kommen haben die Giraffen die Hälse immer wieder gereckt. Heute ist diese Theorie längst wiederlegt. So fand man durch Beobachtungen heraus, dass die Giraffen etwa 50 % ihrer Futtersuchzeit die Hälse nicht nach oben recken sonder ganz „normal“ grasen. Die moderne Evolutionsbiologie hat für den langen Hals ganz andere Erklärungsansätze. Das sei das schöne an Naturwissenschaften, so der Moderator des Abends, Ulrich Schmid: eine Theorie sei nur solange haltbar, solange Beobachtungen und Experimente sie belegen. Im Gegensatz zu den Geisteswissenschaften.

Judith Schalansky hatte noch eine ganz andere Erklärung für den langen Hals der Giraffe: Sie habe nur deshalb einen so langen Hals, um auf der Arche Noah vom Unterdeck hinausgucken zu können. Diese Bemerkung zeigte den Humor der Autorin, die es immer wieder verstand, den Abend literarisch zu unterlaufen.

Wissenschaft in der Sowjetunion

Judith Schalansky ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Da wundert es nicht, dass auch die Helden der Sowjetunion in ihrem Roman erwähnt werden: Wissenschaftler, die den Hunger in einer neuen, sozialistischen Gesellschaft bekämpfen wollten. Dem einen gelang es, ideologisch unvoreingenommen zu arbeiten: Iwan Wladimirowitsch Mitschurin. Der russische Botaniker züchtete erfolgreich frostresistente Obstsorten für das russische Klima. Der andere, Trofim Denissowitsch Lyssenko, war ein sowjetischer Biologe und Agronom, der unter Josef Stalin großen politischen Einfluss erlangte. Seine Theorie, nach der Erbeigenschaften durch Umweltbedingungen bestimmt werden, war wissenschaftlich unhaltbar und widersprach bereits zu seiner Zeit den bekannten Grundlagen der Genetik. Trotzdem wurden seine Theorien vom stalinistischen Regime als wichtig angesehen und gefördert. Dadurch kam es zu Missernten und Verschärfung der Hungersnot in der UdSSR. (Hier das Video der Lesung dieser Stelle.)

Der Abend hat gezeigt, wie vielfältig die Themen im Roman von Judith Schalansky sind und wie gut die Entscheidung der Jury im Schriftstellerhaus war, diesen Roman für das diesjährige Lesefest auszuwählen.

Giraffe trifft Krähe und Esel im Literaturhaus

13.05.2015 at 12:36
Literaturhaus Stuttgart

Judith Schalansky, Cord Riechelmann, Petra von Olschowski und Jutta Person im Literaturhaus Stuttgart

 

Judith Schalansky, deren Roman „Der Hals der Giraffe“ im Zentrum des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“ steht, ist Herausgeberin der Reihe „Naturkunden“. Das Literaturhaus Stuttgart hatte sie zusammen mit der Autorin Jutta Person und dem Autor Cord Riechelmann zu einem Gespräch über ihre Werke eingeladen. Die Moderation lag in den Händen der Rektorin der Akademie der bildenden Künste Stuttgart, Petra von Olschowski.

Die Bücher „Esel Ein Portrait“ (Person) und „Krähen – Ein Portrait“ (Riechelmann) sind hochwertig mit Fadenheftung verarbeitet und in dunklen Farben gehalten. Daraus auf eine dunkle Zukunft für das gedruckte Buch zu schließen, wäre fatal, wie der vergnügliche Diskussionsabend im Literaturhaus am 12. Mai bewies.

Cord Riechelmann

Cord Riechelmann spricht über die Familie der Krähen

Cord Riechelmann erzählt lebendig vom den klugen Krähen

Als Betreiber des Blogs „Elsternest“ war ich natürlich hocherfreut, dass die Elstern im Buch von Cord Riechelmann einen festen Stellenwert haben. Die Elster ist eine Krähenart aus der 123 Arten umfassenden Familie der Krähen (Corvidae). Auch, dass die Krähen die Paradiesvögel zu ihren engsten Verwandten zählten, erfuhr ich an diesem Abend. Die Mythen, die die Krähen von jeher begleiten, sind ebenso dunkel wie sie und handeln fast immer von Übel und Tod. Selbst die zunehmende Erforschung ihrer herausragenden Intelligenz konnte sie nicht von ihrem schlechten Ruf befreien. Im Gegenteil: Dass Krähen über ein Gedächtnisvermögen verfügen, das sogar jede menschliche Kapazität übersteigt, scheint nur ein weiterer Beweis ihrer Unheimlichkeit zu sein. All das vermittelte Cord Riechelmann auf humorvolle und äußerst lebendige Art.

Jutta Person liest aus ihrem Buch "Esel"

Jutta Person liest aus ihrem Buch „Esel“

Ein Lob auf den Esel

Ein Lob des Eigensinns stimmte Jutta Person in ihrem Buch über die Esel an. Sie gelten als störrisch, dumm, eigensinnig und geil. Und doch spielt kaum ein Tier in der Kulturgeschichte eine so bedeutende Rolle wie der Esel. Die Autorin zeigte, entgegen den landläufigen Vorurteilen, wie klug dieses vermeintlich dumme Tier mit den schönen Augen ist, welches Spiel seine Ohren veranstalten und wie viel wir von ihm lernen können.

Obwohl Esel und Krähe keine Freunde sind, wie Cord Riechelmann betonte, herrschte unter den Gästen auf dem Podium ein kollegiales Verhältnis. Judith Schalansky verantwortet die Reihe Naturkunden, die es in den zwei Jahren ihres Bestehens auf 19 Bände gebracht hat. Die Reihe erscheint im Verlag Matthes & Seitz. In ihr erscheinen Bücher, die von der Natur erzählen, von Tieren und Pflanzen, von Pilzen und Menschen, von Landschaften, Steinen und Himmelskörpern, von belebter und unbelebter, fremder und vertrauter Natur. Die Zusammenarbeit mit dem Verlag ergab sich aus einer zufälligen Begegnung in Taipeh(!) zwischen Judith Schalansky und dem Geschäftsführer des Verlages, Andreas Rötzer.

Ein Video der Lesung von Cord Richelmann auf dem youtube-Kanal Lerchenflug, die Lesung von Jutta Person hier und hier.

Jutta Person, Judith Schalansky (Hg.)
Esel
Ein Portrait
Mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Kleinoktav-Format
144 Seiten, flexibler Einband, fadengeheftet und mit Kopfschnitt
Matthes & Seitz, Preis: 18,00 €

Cord Riechelmann, Judith Schalansky (Hg.)
Krähen
Ein Portrait
Mit zahlreichen Abbildungen, Kleinoktav-Format
155 Seiten, flexibler Einband, fadengeheftet und mit schwarzem Kopfschnitt, 5. Auflage
Matthes & Seitz, Preis: 18,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, ebenso wie alle anderen Titel aus der Reihe „Naturen“

Judith Schalansky liest ein Buch …, auch in der Stadtbibliothek

12.05.2015 at 15:01
Judith Schalansky, Daniela Strigl

Judith Schalansky im Gespräch mit Daniela Strigl

 

Wer am 11.05.2015 der Einladung des Schriftstellerhauses folgte und in der Stadtbibliothek die Eröffnungsveranstaltung zu Stuttgart liest ein Buch erlebte, bekam einen allumfassenden Einblick in das Schaffen von Judith Schalansky.

Astrid Braun, Schriftstellerhaus

Astrid Braun, Geschäftsführerin Schriftstellerhaus und Projektleiterin, eröffnet die Veranstaltung

14 Tage ein großes Lesefest

Die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, erläuterte in ihrer Begrüßungsrede den Titel des Lesefestes. Es heißt eben nicht: Stuttgart liest ein Stuttgart-Buch. Daher muss es auch kein Stuttgarter Autor sein, der im Mittelpunkt des vierzehntägigen Lesefestes steht. Die Auswahl der Jury fiel auf die in Berlin lebende Autorin Judith Schalansky, die mit „Der Hals der Giraffe“ einen verstörenden Bildungsroman vorgelegt hat. Dieses Buch hat Facetten und spricht Themenkomplexe an, die zur intensiven Auseinandersetzung mit dem Text einladen. Dies wird in den nächsten Veranstaltungen vielfältig geboten.

Isabel Fezer

Isabel Fezer begrüßt die Autorin und die Anwesenden im Namen der Stadt Stuttgart

Das Vergnügen des gemeinsamen Lesens strich Isabel Fezer, Bürgermeisterin für Soziales, Jugend und Gesundheit der Stadt Stuttgart, heraus. Sie knüpfte dabei an eigene Erfahrungen aus ihrem Studium an, als sie den Zauberberg las. Isabel Fezer überbrachte Grüße des OB Fritz Kuhn. Die Stadt Stuttgart hat mit ihren Projektmitteln dieses Lesefest überhaupt möglich gemacht.
Im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin und –kritikerin Daniela Strigl wurde das Werk von Judith Schalansky in den Mittelpunkt gerückt. Sie ist nicht nur eine erfolgreiche Autorin sondern auch eine preisgekrönte Buchgestalterin. Für Judith Schalansky ist das Buch immer ein Gesamtkunstwerk. Deshalb gibt die studierte Kommunikationsdesignerin die Gestaltung ihrer Bücher auch nicht in fremde Hände. Die Haptik und die gelungene Typografie des Buches in der gebundenen Fassung lässt den Leser den Roman gerne in die Hand nehmen. Eingebunden mit grobem, grauem Leinen, rutschen die Finger nicht ab. Ein Schutzumschlag wird überflüssig. Dadurch vermittelt es den Eindruck, sich selbst ausreichend schützen zu können. Die Gestaltung der Taschenbuchausgaben hat die Autorin ebenso sorgfältig übernommen. Ihr erstes Werk war eine Liebeserklärung an die Frakturschrift: „Fraktur mon Amour“. Dafür, wie auch für „Der Hals der Giraffe“, hat sie zahlreiche Designpreise erhalten. Die Zeichnungen im Buch führen immer wieder zum Unterrichtsfach der Protagonistin Inge Lohmark: Biologie. Sie unterrichtet am Charles-Darwin-Gymnasium in einer kleinen Stadt im vorpommerschen Hinterland. Es ist ein Landstrich, der vor dem Ausverkauf steht, ohne Zukunft, denn die Menschen ziehen weg aus der ostdeutschen Provinz und damit verliert die Schule ihre Schüler. Judith Schalansky kennt, wovon sie schreibt. Sie ist als Kind eines Lehrers und einer Lehrerin in Greifswald geboren und zur Schule gegangen. Obwohl sie nicht Lehrerin geworden ist, verfügt sie doch über einen „missionarischen Eifer“, wie sie im Gespräch mit Daniala Strigl zugibt. Der Autorin ist wichtig, ihre Ansichten dem Publikum zu vermitteln, durch den Text wie auch durch die Gestaltung. Dabei darf man ihr nicht unterstellen, die Ich-Erzählerin Inge Lohmark sei ihr alter Ego. Ganz im Gegenteil. Umso erstaunlicher, wie sie den Erzählton in dem Roman durchhält und dem Leser die Hauptperson näher bringt. Sympathie wird man für Inge Lohmark nicht aufbringen, aber Verständnis für ein Leben der Brüche und der Abbrüche.

Lesung aus "Der Hals der Giraffe"

Judith Schalansky liest aus „Der Hals der Giraffe“

Judith Schalansky ist nicht Inge Lohmark

Als Judith Schalansky dann aus dem Buch las, sprach sie mit fremder Stimme. Sie schlüpfte mit ihrem Sprachduktus ganz in die Person hinein, die der Roman so wunderbar schildert. Diese Sport- und Biologielehrerin ist verblendet und hartherzig, das wird schon auf den ersten Seiten des Romans deutlich. Aber sie hat eine Leidenschaft für die Natur und eine große Liebe zu ihrem Fach. Beides hat sie herüber gerettet aus der DDR, in der sie auch nicht angepasst war, Stammbäume von Adelsgeschlechtern hat sie zeichnen lassen, um daran die Vererbungslehre zu verdeutlichen. Biologie ist ihre Ersatzreligion. Das Scheitern der „eigenen Brutpflege“ hat sie innerlich verhärten lassen. Normalerweise wird in einem „Bildungsroman“ (so der Untertitel des Buches) der Protagonist zu einem „anderen Menschen“. Hier steht das Scheitern im Mittelpunkt, ein Scheitern, das den Leser verstört und ihn dadurch verändert. „Wichtig ist das, was uns berührt“, so die Autorin. Es drängt sich beim Lesen dieses Romans, der so viel über die Natur verrät, die Frage auf, was den Menschen veranlasst, sich als Krone der Schöpfung zu sehen. Judith Schalansky empfindet es als schwierig, immerzu Entscheidungen treffen zu müssen. Die instinktgesteuerten Tiere haben es da einfacher. Die Natur sei weder gut noch schlecht. So bleibt es auch ein Rätsel, ob die „Krone der Schöpfung“ schön ist. Immerhin haben wir durch die Evolution den aufrechten Gang bekommen. Somit haben wir eine Vorder- und Rückseite. Aber was ist mit unserer Rückseite, die wir mit unserem Augensinn nicht direkt betrachten können. Ist sie schön?
Das kluge und angeregte Gespräch zwischen der Literaturkritikerin und der Autorin ließ viele Fragen offen, die die Stuttgarter sich in den nächsten Tagen in vielen Veranstaltungen rund um den „Hals der Giraffe“ stellen können. Einen ersten Ansatz zur Auseinandersetzung mit dem Thema Natur und Fantasie machten die Gesangstudierenden im Studium für Stimmkunst und Neues Musiktheater der Musikhochschule Stuttgart: Sie boten Ausschnitte aus dem „Klangbuch der imaginären Wesen“ von Mario Verandi im kathedralenartigen Raum, dem Herzstück der Bibliothek, dar. Als das Büffet geöffnet wurde, hatten die Gästen der Eröffnungsveranstaltung zu „Stuttgart liest ein Buch“ Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Nur die Autorin hatte noch zu tun: Liebevoll signierte sie ihre Bücher, verzierte ihre Widmungen mit allerlei Stempeln und gab somit jedem Exemplar einen individuellen Anstrich.

Heute, am 12. Mai 2015, ist Judith Schalansky zu Gast im Literaturhaus Stuttgart.

Stuttgart liest ein Buch – Nun geht es los

11.05.2015 at 14:06

 

Logo Stuttgart liest ein Buch 2015

Logo der Veranstaltungsreihe: © Schriftstellerhaus

 

Mit der Auftaktveranstaltung im der Stadtbibliothek Stuttgart beginnt am 11. Mai 2015 die Veranstaltungsreihe „Stuttgart liest ein Buch“.  Die Projektleiterin und Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, hat mit ihrem Team ein beachtliches Programm rund um das Buch von Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe“, zusammen gestellt. Das Schriftstellerhaus hat sich zahlreiche Kooperationspartner ins Boot geholt, sie finden sich im Logo des Lesefests wieder. In über 20 Veranstaltungen steht der „Hals der Giraffe“ im Mittelpunkt und wird aus unterschiedlicher Sichtweise interpretiert.

Heute Abend wird Judith Schalansky  aus ihrem preisgekrönten Roman lesen und mit der Literaturwissenschaftlerin, Kritikerin, Essayistin aus Wien, Daniela Strigl, über ihren 2011 entstandenen Roman sprechen. Ihre anderen Bücher werden ebenso zu Sprache kommen wie auch ihre Arbeiten als Buchillustratorin und Buchgestalterin.

Das künstlerische Rahmenprogramm gestalten die Gesangstudierenden im Studio für Stimmkunst und Neues Musiktheater der Musikhochschule Stuttgart mit dem »Klangbuch der imaginären Wesen« von Mario Verandi.

Vorab zu „Stuttgart liest ein Buch“ hat die Stuttgarter Zeitung ein Interview mit Judith Schalansky veröffentlicht, in dem sie sich zuum Thema Darwinismus, den Schulsituation im Osten der Republik und über ihre Arbeit als Buchgestalterin äußert.

Ort der Veranstaltung: Stadtbibliothek Stuttgart, Max-Bense-Saal
Beginn: 20 Uhr, Eintritt frei

Alle Termine zu Stuttgart liest ein Buch sind auf der eigens vom Schriftstellerhaus dazu eingerichteten Homepage veröffentlicht.