Der Nahe Osten zu Gast im Welthaus

28.10.2017 at 19:37

Laiea Nekoufar und Odile Néri-Kaiser mit der Gruppe Hindukusch

 

Odile Néri-Kaiser und Laiea Nekoufar verstehen sich darauf, Geschichten lebendig zu erzählen. Zwei Frauen, zwei Herkunftsländer. Odile Néri-Kaiser ist in Frankreich geboren und Laiea Nekoufar im Iran, dem Land, in dem das erste Kapitel aus Nachts ist es leise in Teheran der Autorin Shida Bazyar spielt. Wie Bazyars Protagonisten – fünf Familienmitglieder – ist Laiea Nekoufar aus dem Iran zu uns gekommen und hat ihre Geschichten mitgebracht, die sie am 25. Oktober 2017 im Weltcafé vor über vierzig ZuhörerInnen erzählt.

Ein breites Bündnis

Alle drei Kooperationspartner dieses Abends: Das Welthaus, Die AnStifter, Kontext Wochenzeitung und das Schriftstellerhaus als Initiator des Lesefestivals „Stuttgart liest ein Buch“ hatten die Idee, die Geschichten des Landes nach Stuttgart zu bringen, aus der die Familie der Autorin stammt. Mit Odile Néri-Kaiser und Laiea Nekoufar brachten sie zwei Vollblutprofis der oralen Erzählkunst auf die Bühne des „Globalen Klassenzimmers“ des Welthauses. Mit wenigen Requisiten, ein paar Teppichen, einem reich verzierten Windlicht, schaffen die beiden Erzählerinnen eine warme Atmosphäre.

Beim mündlichen Erzählen pulsiert etwas Wesentliches und Flüchtiges zugleich. Es hat eine besondere Herzenskraft, verwandelt unseren Alltag und lässt immer wieder neue Geschichten entstehen. Das wurde an diesem Abend erlebbar. Die Geschichten, die Odile Néri-Kaiser und Laiea Nekoufar erzählen funktionieren, wie auch die Märchen funktionieren, die in den unterschiedlichen Kulturen erzählt werden.

Geschichten und Musik in Harmonie

Die Lieder der Gruppe Hindukusch um den Sänger und Gitarristen Qasem Heidary passen perfekt auf die Erzählungen, denn beide Gattungen sind in der oralen Tradition verankert. Die Themen seiner Lieder haben alle vor Beginn der Veranstaltung in Deutsch und Farsi ausgehändigt bekommen, so dass die ZuhörerInnen mit den in Farsi vorgetragenen Liedern über den rein akustischen Genuss etwas verbinden können. Das Lied hat in unserer Gesellschaft einen großen Stellenwert: vor einem Jahr hat ein Sänger, Bob Dylan, verdient für seine „Poesie für die Ohren“, den Literaturnobelpreis erhalten.

Aber Geschichten werden bei uns nicht mehr oder nur selten mündlich erzählt (z. B. in der Poetry-Slam-Szene). Es ist schön, an diesem Abend an dieser Tradition teilhaben zu können. Viele Geschichten sind auch in anderen Gegenden in leicht variierter Form bekannt, so z. B. die von dem Schmuggler, der sein Leben lang über die Grenze geht und auf seinem Esel eine Kiste mit unwichtigen Dingen mitführt. Am Ende wird er gefragt, was er denn nun die vielen Jahre geschmuggelt hat und er antwortet: „Esel!“

Geschichte aus 1001 Nacht

Odile Néri-Kaiser und Laiea Nekoufar

Odile Néri-Kaiser und Laiea Nekoufar

Dervishe sind im vorderen Orient Männer, die starke Geschichten erzählen, erfahren wir an diesem Abend von Laiea Nekoufar. Hinter Dervishe brauchen sich diese beiden selbstbewussten Frauen nicht verstecken. Und wenn wir der Geschichte von Scheherazade lauschen, die ihren König mit Geschichten von seinem grausigen Tun, dem Töten seiner Frauen abbringt, so begreifen wir, wie wirkmächtig Geschichten sind. Scheherazade ist die Tochter des Wesirs des persischen Königs Schahrayâr, der von seiner Frau mit einem schwarzen Sklaven betrogen wurde. Davon überzeugt, dass es keine treue Frau auf Erden gibt, fasst Schahrayâr den Entschluss, sich nie wieder von einer Frau betrügen zu lassen. Deshalb heiratet er jeden Tag eine neue Frau, die er am nächsten Morgen töten lässt. Um diesem Treiben ein Ende zu bereiten, lässt Scheherazade sich selbst von ihrem Vater dem König zur Frau geben. In der Nacht beginnt sie, dem König eine Geschichte zu erzählen, deren Handlung am nächsten Morgen abbricht. Neugierig auf das Ende der Geschichte lässt König Schahrayâr sie am Leben.

Anna Hunger von der KONTEXT Wochenzeitung eröffnete den Abend mit dem Hinweis, dass sie als Journalistin ebenfalls Geschichten erzählt unter anderem Geschichten von Menschen, die die Welt verändern. Wenn wir auf die Weisheit der Geschichten hören würden, könnte sich die Welt ein wenig zum besseren wenden.

Grenzüberwindungen mit Wajiha Said

28.10.2017 at 14:00
Wajiah Said in lebhaftem Gespräch, rechts neben ihr die Stuttgarter Künstlerin Christa Lippelt

Wajiah Said in lebhaftem Gespräch, rechts neben ihr die Stuttgarter Künstlerin Christa Lippelt.
Foto © T. Seehoff

 

Die aus Syrien geflohene Autorin Wajiha Said las am 24. Oktober 2017 im Rahme des Lesefestivals „Stuttgart liest ein Buch“ in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt. In Syrien ist sie eine bekannte Autorin und Frauenrechtlerin und hat bereits im arabischen Sprachraum dreizehn Bücher veröffentlicht.

Über die Balkanroute kamen Wajiha Said, ihr Mann, ihre Tochter Lounar und ihr Sohn Souyar nach Weinstadt, wo sie nach anfänglicher Unterbringung in einer Massenunterkunft Heimat gefunden haben. Sie sind zwei Wochen lang durch sechs Länder gelaufen. Angekommen in Deutschland hat Frau Said begonnen, ihre Erfahrungen dieser Flucht aufzuschreiben. Mittlerweile ist es als Buch unter dem Titel: Die fünfte Durchreise auf Arabisch erschienen.

Musikalische Begleitung durch die Kinder der Autorin

Souyar und Lounar Said begleiten die Lesung musikalisch

Souyar und Lounar Said begleiten die Lesung musikalisch
Foto © T. Seehoff

An diesem Abend in Cannstatt ist die ganze Familie anwesend und gestaltet das Programm: Wajiha Said liest aus ihrem Buch, die Tochter Lounar singt Lieder aus ihrer kurdischen Heimat, begleitet von ihrem Bruder Souyar auf der Saz, der siebensaitigen, langhalsigen Laute, die überall in den Ländern des vorderen Orients gespielt wird.

Hier in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt erklingt die Musik der beiden jungen Leute, ähnlich wie vor fünfzig Jahren in diesem Stadtteil die Musik der Arbeitsmigranten aus Griechenland, Italien und der Türkei in den Kneipen erklang, denn Bad Cannstatt hat einen extrem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergund. Das war auch ein Grund, warum die Stadtbibliothek Stuttgart das Ansinnen der Leiterin dieser Dependance, Frau Kirchner, von Anfang an unterstützt hat, als Kooperationspartner des Lesefestivals neben der Bibliothek am Mailänder Platz einen eigenen Programmpunkt zu gestalten. Dazu gehörte nicht nur die Einladung an eine Autorin und ihrer musikalischen Kinder, sondern auch eine Kooperation mit der evangelischen Pfarrerin Friederike Weltzien und der Flüchtlingsgruppe „Hand in Hand“ anzubahnen, die die Übersetzungen machten und die Zuhörer am Schluss mit in Weinblätter gerolletem Reis beköstigten. Süßspeisen aus Syrien und mit Minze gewürzter Kartoffelkuchen brachten Freunde der Autorin mit.

Im Visier des Staates wird Wajiha Said zur Flucht gezwungen

An diesem Abend wird im Gespräch klar, warum Wajiha Said aus ihrer Heimat fliehen musste. Sie floh aus ähnlichen Gründen wie der jungen Mann in Shida Bazyars Roman Nachts ist es leise in Teheran, der als Kommunist vor der Machtübernahme der Mullahs floh. Auch sie ist mit ihrer Kritik an dem politischen System in ihrem Land ins Visier des Assads-Regimes geraten: Sie schilderte in ihren Büchern die Situation politischer Gefangener und schrieb über die inhaftierten Frauen im Frauengefängnis in Al-Hassaki.

Wajiha Saids Buch Die fünfte Durchreise ist nicht nur Tatsachenbeschreibung der schwierigen Situation in den Grenzgebieten Syriens und der Flucht aus ihrer Heimat. Es ist vielmehr ein lyrisch stark verdichteter Stoff, der sehr intime Passagen enthält, die sie in einer ungewöhnlichen Form abgefasst hat. Die Gewalt, die ihr angetan wurde wird von ihr personalisiert in einer fiktiven männlichen Person, ja diese Erlebnisse werden zum Mann. Ihr lebhafter Diskussionsstil erfordert einen hohen Einsatz von der Übersetzerin, Frau Weltzin, die dabei von Syrern aus der Flüchtlings-Gruppe „Hand in Hand“ unterstützt wird.

Lesung und Gespräch: zweisprachig

Vier Passagen liest Wajiha Said in arabischer Sprache. Die Zuhörer haben so Gelegenheit, die arabische Sprachmelodie zu erleben. Die deutsche Übersetzung liest die Stuttgarter Künstlerin Christa Lippelt gleich im Anschluss eines jeden Teils. Die deutschen Besucher können so dem Gelesenen und der Diskussion mit der Autorin folgen.

Wajiah Said mit ihren Kindern Souyar und Lounar Foto © A. Kirchner

Wajiah Said mit ihren Kindern Souyar und Lounar
Foto © A. Kirchner

Nach Lesung, Gespräch und Diskussion mit dem Publikum und dem musikalischen Abschluss überreicht Frau Kirchner der Autorin einen großen Blumenstrauß und bedankt sich im Namen ihres gesamten Teams. Blumen, die bei uns bei solchen Anlässen gerne übergeben werden, sind in der vom Bürgerkrieg zerrütteten Region des nahen Ostens eine Seltenheit geworden. Es bleibt zu hoffen, dass der Krieg bald zu Ende geht und Blumen auch in der Heimat der Familie Said wieder blühen können. Dann kann Wajiha Said wieder in ihrer Heimat publizieren und muss sich nicht auf den steinigen Weg machen, der mit der Übersetzung und der Verlagssuche verbunden ist. Wenn ihr Buch übersetzt einen Verlag findet, was wir ihr wünschen, dann wird das für sie die sechste Überquerung.

Wajiha Said BuchcoverDie fünfte Überquerung
arabische Ausgabe

zu beziehen über die Autorin (Anfragen bitte an Michael Seehoff stellen, Kontaktdaten im Impressum)

Fiktion & Gesellschaft – Über Feminismus heute

19.10.2017 at 22:00
Shida Bazyar und Lena Vöcklinghaus im Literaturhaus Stuttgart

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So war die Veranstaltung am Mittwoch, 18. Oktober 2017 im Literaturhaus überschrieben. Geplant war ein moderiertes Gespräch zwischen der Autorin Shida Bazyar und der Autorin und Kolumnistin Margarete Stokowski. Gerade hat sie ein Buch mit dem Titel untenrum frei veröffentlicht, in dem sie gewohnt scharf die Beweglichkeiten und Beharrungskräfte unserer heutigen Konzepte von Männlich- und Weiblichkeit analysiert und die sich daraus ergebenen politischen Implikationen beschreibt. Im Gespräch mit der Moderatorin Lena Vöcklinghaus wollten die beiden Autorinnen der Frage nachgehen, warum der Feminismus gerade heute von großer Bedeutung ist. Leider musste die Leiterin des Literaturhauses Stuttgart, Dr. Stefanie Stegmann, Margarete Stokowski entschuldigen, sie ist erkrankt. Das Feminismusthema ist dem Literaturhaus sehr wichtig, so dass eine eigene kleine Reihe geplant ist, zu der Margarete Stokowski eingeladen wird.

Shida Bazyar liest einen Ausschnitt aus dem dritten Teil ihres Romans Nachts ist es leise in Teheran. In diesem Teil wird aus der Sicht der Tochter Laleh die Situation der Frauen im Iran beschrieben. Nach Jahren des Exils ist das die erste Reise die die Mutter mit ihrer Tochter dorthin unternimmt.

Das anschließende Gespräch kreist mehr oder weniger um ein Dossier des »Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken«, in dem über strukturelle Probleme, Sexismus und Machtgefälle an Schreibschulen geschrieben worden ist. Auch Shida Bazyar hatte einen Artikel zu dem Dossier geliefert. Lena Vöcklinghaus hatte das Dossier heraus gebracht und war wie auch Frau Bazyar an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Beide haben dort literarisches Schreiben studiert. Shida Bazyar richtet in ihrem Artikel mehr den Blick auf den Rassismus denn auf den Sexismus.

Die Rassismuserfahrungen, von denen die deutsche Autorin Shida Bazyar berichtet und über die sie auch in ihrem Text: Bastelstunde in Hildesheim oder warum ich in Hildesheim lernte, dass der eine –ismus mich davon abhält über den anderen zu reden schreibt, sind erschreckend. Sie liest den ihren gesamten Beitrag aus dem Dossier. Schon der Eingangssatz beschreibt Shida Bazyars ganze Wut:

„In den fünf Jahren Lebenszeit, die ich in Hildesheim studiert habe, habe ich meine Dreads verloren, aufgehört bunte Röcke über Ringelstrumpfhosen zu tragen und angefangen, ziemlich wütend zu werden. Ich hatte einen schmerzhaften und traurigen Prozess zu verarbeiten, in dem ich einsah, wie die Strukturen aussehen, in denen wir leben und inwiefern sie mich, als nicht-weiße Frau, strukturelles Arbeiterkind mit Migrationsgeschichte, beeinflussen.“

Sie beschreibt in dem Artikel den täglichen Rassismus, den sie als nichtweiße Frau (so bezeichnet sie sich) erleben muss. Dass sie am Institut die einzige nicht-weiße Person in den Seminaren ist, in denen keine Texte von anderen nicht-weißen Menschen oder über andere nicht-weiße Menschen gelesen werden. Dass sie meistens drei Mal ihre Meinung sagen muss, um gehört zu werden, was ihren weißen Mitstudierenden nicht passiert. Es sind offensichtlich diese subtilen unter der Oberfläche verankerten Strukturen, die zeigen, dass Deutschland weit davon entfernt ist, Rassismus überwunden zu haben. Ein Rassismus, der Kinder von Migranten, obwohl sie seit Generationen bei uns leben und Deutsche sind, ausgrenzt. Über die Haut- oder Haarfarbe, fast immer über den Namen („der klingt aber fremdländisch, wo kommen Sie denn her?“)

Man hätte an diesem Abend nicht nur etwas über Rassismus lernen können, sondern auch über Sexismus, dem anderen –ismus, den Shida Bazyar erwähnte, wäre Margarete Stokowski an der Diskussion beteiligt. So bleibt zu bedauern, dass dem Gespräch eine echte Gegenposition fehlt Die beiden Frauen kennen sich einfach zu gut aus Hildesheim. So hatte man streckenweise den Eindruck, das Gespräch ähnelt einer Fahrt mit dem Landrover durch die Sahara, bei dem sich die Räder langsam aber sicher mehr und mehr im Sand festfahren.

Stuttgart liest ein Buch – Eröffnungsveranstaltung in der Musikhochschule

18.10.2017 at 23:00
Shida Bazyar im Kreise der Veranstalterinnen

Dr. Regular Rapp, Direktorin der HMDK Stuttgart und Bettina Backes von der Heinrich Böll Stiftung links neben Shida Bazyar. Andrea Klett-Einiger von der Stadtverwaltung Stuttgart rechts im Bild

 

Mit einem Festakt in der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart wurde das diesjährige Lesefestival „Stuttgart liest ein Buch“ am 17.10.2017 eröffnet. Im Abstand von jeweils zwei Jahren wird dieses Lesefestival nun schon zum dritten Mal vom Schriftstellerhaus auf den Weg gebracht. Dieses Jahr steht der Roman Nachts ist es leise in Teheran der 1988 in der hessischen Kleinstadt Hermeskeil geborenen Shida Bazyar im Mittelpunkt. Ihre literarische Leistung wird an diesem Abend von allen Festrednerinnen gewürdigt. Rückblickend auf die letzten zwei Jahre ist das Thema des Buches angesichts der Entwicklung des Bürgerkrieges in Syrien und in dessen Folge einer Fluchtbewegung aus dem Land nach Europa höchst aktuell. Der Roman bildet einen perfekten Ausgangspunkt für ein vielschichtiges Veranstaltungsprogramm mit vielen unterschiedlichen Akteuren. Der Roman wird die nächsten zwei Wochen Stadtgespräch sein, genau das, was die Projektgruppe unter der Leitung von Astrid Braun vom Schriftstellerhaus bezweckte, als sie sich für diesen Roman entschieden hat.

Ein Ausschnitt der Welt erzählt über vier Jahrzente

Mit ihrem Roman gelingt es der jungen Autorin auf anschauliche Weise einen Ausschnitt von Welt zu zeigen. Sie schöpft dabei aus der Geschichte der eigenen Familie, ihre Eltern sind nach dem Sturz des Shahs als Kommunisten vor den neuen Machthabern, den Mullahs, geflüchtet. Ihr geht es in ihrem Roman um existentielle Fragen wie Heimat und Heimatverlust, um Verrat und Zivilcourage, um Macht und Machtmissbrauch sowie den steten Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung. Der Roman erzählt vielstimmig aus vier Perspektiven von der iranischen Revolution 1979 bis zu den Protesten gegen die Bildungspolitik in Deutschland 2009. Unterschiedliche Schauplätze und gesellschaftliche Rahmenbedingungen nimmt er in den Blick. Die Erzählstimmen im Roman sind die der vier Familienmitgliedern: Eltern und Kindern. Die als Ich-Erzähler agierenden Figuren erinnern sich. und erzählen in der Abfolge von vier Jahrzehnten ihre Geschichten vom Leben im Iran und der Flucht, der Integration in die deutsche Gesellschaft, vom Blick der Tochter auf die iranische Gesellschaft und aus dem Blickwinkel des Sohnes von der grünen Revolution im Iran. Über die puzzleartigen Rückblicke wird offenbar, wie sich die Lebenswelten im Iran und in Deutschland annähern, obwohl die Realitäten der daheimgebliebenen Familienangehörigen und der Exilierten gleichzeitig immer stärker auseinanderlaufen.

Das Rahmenprogramm bestreiten Studierende der HMDK Stuttgart

Janina Picard und Jule Hölzgen sprechen den Text von Shida Bazyar

Janina Picard und Jule Hölzgen sprechen den Text von Shida Bazyar

Auszüge aus dem Buch werden an diesem Abend von den beiden Studentinnen, Janina Picard und Jule Hölzgen, rezitiert. Der aus dem Iran stammende Pinanist Nima Farahmand Bafi breitet mit dem Percussionisten Johannes Werner ein von der persischen Musiktradition inspiriertes Klangspektrum aus. Die beiden spannen den Bogen zwischen exzellentem Klavierspiel und modernem Percussionsspiel.

Shida Bazyar erläutert Hintergründe ihres Romanprojektes im Gespräch mit Thorsten Dönges

Im Gespräch mit Thorsten Dönges vom Literarischen Colloquium Berlin erläutert die Autorin, wie sie bei der Konzeption des Romans vorgegangen ist. Erwartungsgemäß entstanden die Kapitel nicht wie im vorliegenden Buch chronologisch. Für die einzelnen Stimmen der Eltern Behsad und Nahid und die der Kinder Laleh und Morad hat sie lange recherchiert, auch im Iran.

Shida Bazyar möchte sich mit ihrem Roman nicht auf die Themen Flucht und Migration reduzieren lassen. Für sie ist es ein Buch, das viele Themen hat: Es geht darum, was Zeitgeschichte, was geschichtliche Wendepunkte mit Menschen und Menschenleben machen. Und um die Frage: Wie brennen sich diese Erfahrungen in die Gene der Generationen ein? Was macht das mit Geschlechterrollen?

Das Thema Rassismus ist für die Autorin eines, das sie am eigenen Leibe tagtäglich erfährt, ihr aufgrund ihres persischen Aussehen ebenso entgegenschlägt wie den Figuren in ihrem Roman. Sie selber hat aus diesen Erfahrungen die Konsequenz gezogen und ist nach dem Studium des Literarischen Schreibens aus der Kleinstadt Hildesheim in die anonyme Großstadt Berlin gezogen, in der viele Migranten leben. Hier ist sie nicht ein Phänomen, das immerzu angestarrt wird. Ihre Eltern, die als Fremde nach Deutschland kamen, gingen damit ganz anders um. Aber Shida Bazyar ist in Deutschland geboren und hier aufgewachsen, sie war hier nie eine Fremde. Dass sie aufgrund ihres Aussehens so angesehen wird, suggerieren ihr die Menschen von außen.

All das ist Ausgangspunkt für das abwechslungsreich Programm von Stuttgart liest ein Buch. Alle Termine und Veranstaltungsorte sind hier abrufbar.

Stuttgart liest ein Buch mit Shida Bazyar

11.03.2017 at 9:07
Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Im Schriftstellerhaus haben die Vorbereitungen zu Stuttgart liest ein Buch begonnen. Foto: © S. Martin

 

Im Oktober ist es wieder soweit. Stuttgart liest ein Buch. Zum dritten Mal veranstaltet das Schriftstellerhaus dieses literarische Festival, bei dem ein Buch im Mittelpunkt steht. Dieses Jahr ist es Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Die junge Autorin mit iranischen Familienwurzeln las in der Reihe Literatur im Salon im Sommer letzten Jahres aus ihrem Debütroman und eroberte im Sturm die Herzen der Vorsitzenden des Schriftstellerhaus-Vereins und dessen Geschäftsführerin. Es war leicht, mit diesem Erlebnis die an dem Projekt beteiligten Kooperationspartner für das Buch und das Thema des Buches zu begeistern, das uns seit vielen Monaten beschäftigt: Flucht, Vertreibung, Integration in eine fremde Kultur.

Shida Bazyar verwendet vier Erzählstimmen

Dies alles erzählt Shida Bazyar mit leichter Hand, humorvoll und voller Empathie für ihre vier Protagonisten, die in jeweils einem Abschnitt des Buches ihre Lebenswirklichkeit erzählen. Da ist der Vater, der mit seiner Frau 1979 aus dem Iran fliehen musste, da er als kommunistischer Aktivist den bei den Mullahs in Ungnade fiel. Er erzählt von seinen politischen Aktionen und wie er seine Frau kennen lernte mit der er dann aus dem Iran nach Deutschland flieht. In einer Kleinstadt finden er, seine Frau und seine kleinen Kinder Zuflucht. Zehn Jahre später erzählt seine Frau von den Bemühungen der Familie, sich in Deutschland zu integrieren. Über 4 Jahrzehnte erstreckt sich der erzählerische Bogen, den Shida Bazyar aufspannt, bis hin zur grünen Revolution von 2009. Ausführliche Rezensionen hier und hier.

Das Projekt Stuttgart liest ein Buch nimmt Form an

Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus den VertreterInnen der Projektpartner, hat ihre Arbeit aufgenommen, um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für die Zeit zwischen dem 17. Oktober und dem 27. Oktober 2017 zusammen zu stellen. Im Einzelnen sind dies:

  • das Schriftstellerhaus
  • das Literaturhaus Stuttgart,
  • die Stadtbibliothek Stuttgart
  • die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
  • die Schiller Buchhandlung
  • das Evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart
  • der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
  • die Volkshochschule Stuttgart

Die Projektleitung hat die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, inne. Das Schriftstellerhaus hat für das Projekt bereits einen Internetauftritt gestaltet, siehe hier. Alle Neuigkeiten werden auch über Facebook und Twitter verbreitet.

Das Hörspiel zu „Der Hals der Giraffe“

23.05.2015 at 16:38
Günter Guben im Gespräch mit Astrid Braun zum Hörspiel

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Zum Abschluss des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“ wurde im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek die Hörspielfassung des Romans von Judith Schalansky eingespielt. In der Hauptrolle der Inge Lohmark brilliert die Schauspielerin Corinna Harfouch. Die 74minütige Fassung des Romans bildet ihn in seinen wesentlichen Aussagen gut ab. Unter der Regie von Beate Andres, die auch die Bearbeitung vorgenommen hat, sind neben Corinna Harfouch Jürg Löw als Direktor Kattner zu hören. Leider hatte die eingeladene Regisseurin Beate Andres kurzfristig ihre Teilnahme an der anschließenden Diskussion über die Hörspielbearbeitung aus persönlichen Gründen absagen müssen. Die Projektleiterin des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“, Astrid Braun, sprang für sie ein.

Ein Hörspiel ist immer die Interpretation der Romanvorlage

Günter Guben im Gespräch mit Astrid Braun zum Hörspiel

Günter Guben im Gespräch mit Astrid Braun

Günter Guben, langjähriger Vorsitzender des Schriftstellerhauses und ehemaliger Regisseur beim SWR, analysierte die Adaption des Romans für das Hörspiel. Er berichtete über die veränderten Produktionsbedingungen, die heute bei der Erstellung eines Hörspiels herrschen. Die veranschlagte Zeit für eine Produktion sei gegenüber seiner aktiven Zeit deutlich nach unten korrigiert worden. Das hat zur Folge, dass die Sprecher nicht immer alle zusammen bei der Produktion anwesend seien. Kompromisse bei der Aufzeichnung seien dadurch unabdingbar. Nicht alle dramaturgischen Ausprägungen fanden seine Zustimmung, z.B. hat ihn die Einspielung der Musik an verschiedenen Stellen gestört. Die Regisseurin hätte ihm sicher eine profunde Begründung für diesen Einsatz der Musik geben können. Insgesamt, so meinte der ehemalige Regisseur Günter Guben, habe die Hörspielfassung ihm besser gefallen als der Roman selbst. Das ist ein großes Lob an die Arbeit des SWR als Produzent dieses Hörspiels.

Gewinner der Buchpakete bei der Hörspiel Präsentation

Die glücklichen Gewinner der Buchpakete mit Astrid Braun und Günter Guben

Die Besucher und Besucherinnen der Veranstaltung hatte die Gelegenheit, an der Verlosung dreier Buchpakete im Wert von je 150 € teilzunehmen, die der Suhrkamp Verlag für die Veranstaltungsreihe gespendet hatte. Günter Guben spielte die gute Fee und zog aus den abgegebenen Zettelen die glücklichen Gewinnerinnen und den glücklichen Gewinner. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass ohne Sponsoren ein solches Programm nicht hätte durchgeführt werden können. Deshalb ist allen zu danken, die dieses Lesefest ermöglicht haben, das mit der Aufführung des Hörspiels am 22. Mai zuende ging, an der Stelle, an der es auch begonnen hatte.

Inge Lohmark und der Glaube

22.05.2015 at 13:38
Inge Lohmark und der Glaube

Die drei Stadtpfarrer diskutieren in der Hospitalkirche über Inge Lohmark: Christoph Hildebrandt-Ayasse, Eberhard Schwarz, Matthias Vosseler (v.l.n.r.)

 

Gibt es für Inge Lohmark einen Glauben? Das fragte sich das Pfarrertrio der evangelischen Stadtkirchen am 21.05. in der Hospitalkirche. Der Hospitalhof hatte den Pfarrer der Leonardskirche, Christoph Hildebrandt-Ayasse, den der Stiftskirche, Matthias Vosseler, und seinen eigenen, Eberhard Schwarz, gebeten, einen theologischen Streifzug durch das Buch „Der Hals der Giraffe“ zu unternehmen. Man spürte gleich, diese Pfarrer hatten sich intensiv mit dem Buch beschäftigt und stehen als Seelsorger der städtischen Kerngemeinden mit beiden Füßen im Leben. Theologische Spitzfindigkeiten brachten die drei nicht zur Sprache, wohl aber die Bezüge zu ihrem Glaubensgebäude, das so scheinbar gar nicht im Buch vorzukommen schein. Drei wesentliche Aspekte nahm Pfarrer Schwarz in den Blick: Das Verhältnis von Schöpfung und Evolution, die deutsch-deutsche Geschichte und den Themenbereich Wunder, Trost und Hoffnung.

Mit der lyrischen Sprache der polnischen Nobelpreisautorin Wislawa Szymborska setzte er einen Kontrapunkt zu der, wie er meinte, teils schwer zu ertragende Sprache des Buches. Der Titel des Gedichtes passte: „Trost“.

Die modernen Wissenschaften und die Bibel

Martin Vosseler verriet, Biologie hätte nie zu seinen Lieblingsfächern in der Schule gezählt. Trotzdem hat die Naturgeschichte einen festen Platz auf seinem Schreibtisch in Gestalt eines Ammoniten. Seine Eltern fanden ihn beim Hausbau in Trossingen. In Trossingen findet man nicht nur die Versteinerung der Kopffüßer sondern der Ort ist berühmt für seine großartigen Funde von Dinosauriern. Da war er schnell bei der Frage, wo kommen wir her, wie ist die Welt entstanden. Fragen, die auch Inge Lohmark umtreiben.

Als Religionslehrer am Gymnasium hat er seine Schüler zu den Unterschieden und den Übereinstimmungen von Schöpfungsgeschichte und modernen Wissenschaften gefragt. Der biblische Schöpfungsbericht ist ein mythologisches Bild, das, wie die Schülerinnen und Schüler ausführten, nicht immer im Widerspruch zu den Wissenschaften steht, denen Inge Lohmark verhaftet ist.

Inge Lohmark zwischen DDR und Bundesrepublik

Pfarrer Christoph Hildebrandt-Ayasse ging auf das Verhältnis von Kirche und Staat in der DDR und die Auswirkungen einer Staatsideologie auf den Glauben ein. Als Gegenpol zur Bibel wurde den Jugendlichen bei der Jugendweihe seit 1955 das Buch „Weltall Erde Mensch“ überreicht. Es postuliert die Überlegenheit der sozialistisch geprägten Wissenschaften und Erkenntnisse gegenüber den christlichen Überzeugungen und bürgerlichen Weltanschauungen. Inge Lohmark ihrerseits hatte sich auch gegen die einseitig sozialistisch verortetet Wissenschaft gestellt, indem sie z. B. Stammbäume von Adelsgeschlechtern ihre Schüler hatte zeichnen lassen. Und überhaupt: In Greifswald ist aller Darwinismus futsch, wenn man Caspar David Friedrichs Sonnenuntergang sieht und ihn mit der Ostsee im Rücken in der Natur erlebt. Geschickt hätte Judith Schalansky einige Motive dieses, aus ihrem Geburtsort Greifswald stammenden, großartigen Malers in ihrem Roman untergebracht, sie hätte sich bestimmt in ihrem kunsthistorischen Studium mit ihm beschäftigt.

Der Pfarrerssohn Jakob bliebe im Roman blass, für Inge Lohmark geht es in ihrem Glaubenssystem weniger um Entwicklung sondern vor allem darum, mit dabei zu sein und nicht unter zu gehen. Religion ist bei ihr nur als Lücke vorhanden. Und doch geht ihr das Staunen nicht aus. Und die Auflösung käme am Schluss des Romans: die naturwissenschaftlich geprägte Antipädagogin sieht die Strauße tanzen, der Schlusssatz lautet: „Inge Lohmark stand am Zaun und schaute.“ Damit, so die drei Pfarrer, wäre für die Protagonistin der Beginn einer Entwicklung gelegt, die sie so gänzlich in diesem „Entwicklungsroman“ vermisst hätten.

Das Theater im Polygon bringt Inge Lohmark auf die Bühne

20.05.2015 at 13:40
Das Theater im Polygon hat den Roman "Der Hals der Giraffe" szenisch gelesen

Das Theater im Polygon hat den Roman „Der Hals der Giraffe“ szenisch gelesen

 

Im Gewölbekeller unter der Buchhandlung Bücher-Lack brachte das Theater im Polygon den Roman „Der Hals der Giraffe“ auf die Bühne.

Schauspielerin vom Theater im Polygon

Zwei Schauspielerinnen vom Theater im Polygon schlüpften in die Rolle der Inge Lohmark (Janina Wissmann)

Als fester Bestandteil gehört das Theater im Polygon seit 1987 zum Jugendhaus Fellbach. Der Theaterpädagoge Peter Hauser hat mit den Darstellerinnen und Darstellern die Schlüsselstellen des Romans herausgearbeitet und in einer szenischen Lesung am 19. Mai im Rahmen des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“ auf die Bühne gebracht. Ein paar Stühle deuten das Klassenzimmer an, in dem die Pädagogin Inge Lohmark den Schülerinnen und Schülern des Charles-Darwin-Gymnasiums in einem nicht näher genannten Ort in Vorpommern ihre Weltsicht von der Natur vermittelt. Den feinen Humor der Romanvorlage setzten die Jugendlichen gekonnt in Szene.

Gedoppelte Inge Lohmark

Die Rolle der Lehrerin wurde von zwei Schauspielerinnen übernommen. Sie wechselten sich ab beim innerer Monolog der Inge Lohmark, der in weiten Teilen den Roman bestimmt.

Schauspielerin vom Theater im Polygon

Die zweite „Inge Lohmark“ (Timea Farkas)

Nicht nur die dem Darwinismus und dem Lamarckismus verhaftete Weltsicht der Lehrerin trat dabei zutage sondern auch ihre Auseinandersetzungen mit ihrer Kollegin Karola Schwanneke und ihrem Direktor. Das Kollegium befürchtet, dass durch Bevölkerungsschwund das Gymnasium an den Rand seiner Existenz gedrängt wird.

Ein Trio in der Besetzung Gesang (Linda Dorittke), Gitarre (Jonatan Tropea) und Bass (Jonah Reuß) aus der Gruppe der Schauspieler umrahmte die Aufführung musikalisch. Videos dazu gibt es hier und hier.

Die szenische Lesung zeigte einmal mehr die große Bandbreite der Annäherungen an den Roman von Judith Schalansky, der im Mittelpunkt des vom Schriftstellerhaus organisierten Lesefestes in diesem Jahr stand.

Das Ensemble vom Theater im Polygon bedankt sich für den Applaus

Das Ensemble vom Theater im Polygon bedankt sich für den Applaus: Peter Hauser, Timea Farkas, Janina Wissmann, Maria Ferent, Linda Dorittke, Jonah Reuß, Jonatan Tropea (v.l.n.r.)

Der Hals der Giraffe hat sieben Wirbel

19.05.2015 at 22:00
Der Hals der Giraffe - Evolutionsbiologie

Evolutionsbiologie zum Anfassen

 

Eine spannende Diskussion über die Evolutionsbiologie veranstaltete das Rosensteinmuseum am 18. Mai mit der Autorin von „Der Hals der Giraffe“, Judith Schalansky.

Dr. Arnold Staniczek und Ulrich Schmid hatten die Autorin eingeladen, um die Thesen über ihre Biologielehrerin Inge Lohmark zu diskutieren. Das Theoriegebäude der Helden der Hauptfigur des Romans – Charles Darwin, Jean-Baptiste de Lamarck und Ernst Haeckel – wurden unter das intellektuelle Mikroskop gelegt. Sie gehören zu den Vordenkern und Gründern der Evolutionstheorie und diese wiederum bildet das unverrückbare Fundament des Weltbilds Inge Lohmarks.

Judith Schalansky war schon als Kind fasziniert von der Natur. Für ihr Buch wollte sie ein naturwissenschaftliches Fach untersuchen und das Darwin-Jahr 2009 ließ sie elektrisiert zurück. Sie las alle Aufsätze über den Naturforscher, die ihr in die Hände kamen. Biologie ist ein Fachgebiet, das nicht nur einen von außen zu betrachtenden Gegenstand in den Blick nimmt. Nein, sie schließt den Betrachter als Teil der Natur unmittelbar ein. Im Darwin-Jahr begann Frau Schalansky mit den Arbeiten zu dem Roman „Der Hals der Giraffe“ und schloss ihn 2011 ab.

Evolutionsbiologie im Roman

Sie las an diesem Abend in der großen Rotunde des Rosensteinmuseums die Szene, in der Inge Lohmark ihren Schülern erklärt, wie die Giraffe zu ihrem langen Hals kam. Dabei wird deutlich, die Lehrerin ist viel mehr dem Naturforscher Jean-Baptiste de Lamarck (1744-1829) zugetan ist als seinem britischen Kollegen Charles Darwin (1809-1882). Das war ein Einstiegspunkt für Dr. Arnold Staniczek, der sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Rosensteinmuseums mit der faszinierenden Vielfalt des Lebens beschäftigt. Sein Spezialgebiet sind allerdings nicht die Säugetiere. Er ist Spezialist für Wasserinsekten am Museum für Naturkunde Stuttgart. Trotzdem konnte er profund die Abstammungslinien der Tierrassen referieren und zur Klärung der Vererbung und den beiden widersprüchlichen Theorien von Lamarck und Darwin beitragen.

Diskussion über Evolutionstheorie im Rosensteinmuseum

Über Evolutionstheorie diskutieren: v. l. n. r.: Dr. Arnold Staniczek, Judith Schalansky, Ulrich Schmid

Lamarck postulierte: Bei jedem Tier, welches den Höhepunkt seiner Entwicklung noch nicht überschritten hat, wird ein Organ allmählich durch seinen dauernden Gebrauch gestärkt. Es entwickelt und vergrößert sich je länger es gebraucht wird. Um an gutes Futter zu kommen haben die Giraffen die Hälse immer wieder gereckt. Heute ist diese Theorie längst wiederlegt. So fand man durch Beobachtungen heraus, dass die Giraffen etwa 50 % ihrer Futtersuchzeit die Hälse nicht nach oben recken sonder ganz „normal“ grasen. Die moderne Evolutionsbiologie hat für den langen Hals ganz andere Erklärungsansätze. Das sei das schöne an Naturwissenschaften, so der Moderator des Abends, Ulrich Schmid: eine Theorie sei nur solange haltbar, solange Beobachtungen und Experimente sie belegen. Im Gegensatz zu den Geisteswissenschaften.

Judith Schalansky hatte noch eine ganz andere Erklärung für den langen Hals der Giraffe: Sie habe nur deshalb einen so langen Hals, um auf der Arche Noah vom Unterdeck hinausgucken zu können. Diese Bemerkung zeigte den Humor der Autorin, die es immer wieder verstand, den Abend literarisch zu unterlaufen.

Wissenschaft in der Sowjetunion

Judith Schalansky ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Da wundert es nicht, dass auch die Helden der Sowjetunion in ihrem Roman erwähnt werden: Wissenschaftler, die den Hunger in einer neuen, sozialistischen Gesellschaft bekämpfen wollten. Dem einen gelang es, ideologisch unvoreingenommen zu arbeiten: Iwan Wladimirowitsch Mitschurin. Der russische Botaniker züchtete erfolgreich frostresistente Obstsorten für das russische Klima. Der andere, Trofim Denissowitsch Lyssenko, war ein sowjetischer Biologe und Agronom, der unter Josef Stalin großen politischen Einfluss erlangte. Seine Theorie, nach der Erbeigenschaften durch Umweltbedingungen bestimmt werden, war wissenschaftlich unhaltbar und widersprach bereits zu seiner Zeit den bekannten Grundlagen der Genetik. Trotzdem wurden seine Theorien vom stalinistischen Regime als wichtig angesehen und gefördert. Dadurch kam es zu Missernten und Verschärfung der Hungersnot in der UdSSR. (Hier das Video der Lesung dieser Stelle.)

Der Abend hat gezeigt, wie vielfältig die Themen im Roman von Judith Schalansky sind und wie gut die Entscheidung der Jury im Schriftstellerhaus war, diesen Roman für das diesjährige Lesefest auszuwählen.

Giraffe trifft Krähe und Esel im Literaturhaus

13.05.2015 at 12:36
Literaturhaus Stuttgart

Judith Schalansky, Cord Riechelmann, Petra von Olschowski und Jutta Person im Literaturhaus Stuttgart

 

Judith Schalansky, deren Roman „Der Hals der Giraffe“ im Zentrum des Lesefestes „Stuttgart liest ein Buch“ steht, ist Herausgeberin der Reihe „Naturkunden“. Das Literaturhaus Stuttgart hatte sie zusammen mit der Autorin Jutta Person und dem Autor Cord Riechelmann zu einem Gespräch über ihre Werke eingeladen. Die Moderation lag in den Händen der Rektorin der Akademie der bildenden Künste Stuttgart, Petra von Olschowski.

Die Bücher „Esel Ein Portrait“ (Person) und „Krähen – Ein Portrait“ (Riechelmann) sind hochwertig mit Fadenheftung verarbeitet und in dunklen Farben gehalten. Daraus auf eine dunkle Zukunft für das gedruckte Buch zu schließen, wäre fatal, wie der vergnügliche Diskussionsabend im Literaturhaus am 12. Mai bewies.

Cord Riechelmann

Cord Riechelmann spricht über die Familie der Krähen

Cord Riechelmann erzählt lebendig vom den klugen Krähen

Als Betreiber des Blogs „Elsternest“ war ich natürlich hocherfreut, dass die Elstern im Buch von Cord Riechelmann einen festen Stellenwert haben. Die Elster ist eine Krähenart aus der 123 Arten umfassenden Familie der Krähen (Corvidae). Auch, dass die Krähen die Paradiesvögel zu ihren engsten Verwandten zählten, erfuhr ich an diesem Abend. Die Mythen, die die Krähen von jeher begleiten, sind ebenso dunkel wie sie und handeln fast immer von Übel und Tod. Selbst die zunehmende Erforschung ihrer herausragenden Intelligenz konnte sie nicht von ihrem schlechten Ruf befreien. Im Gegenteil: Dass Krähen über ein Gedächtnisvermögen verfügen, das sogar jede menschliche Kapazität übersteigt, scheint nur ein weiterer Beweis ihrer Unheimlichkeit zu sein. All das vermittelte Cord Riechelmann auf humorvolle und äußerst lebendige Art.

Jutta Person liest aus ihrem Buch "Esel"

Jutta Person liest aus ihrem Buch „Esel“

Ein Lob auf den Esel

Ein Lob des Eigensinns stimmte Jutta Person in ihrem Buch über die Esel an. Sie gelten als störrisch, dumm, eigensinnig und geil. Und doch spielt kaum ein Tier in der Kulturgeschichte eine so bedeutende Rolle wie der Esel. Die Autorin zeigte, entgegen den landläufigen Vorurteilen, wie klug dieses vermeintlich dumme Tier mit den schönen Augen ist, welches Spiel seine Ohren veranstalten und wie viel wir von ihm lernen können.

Obwohl Esel und Krähe keine Freunde sind, wie Cord Riechelmann betonte, herrschte unter den Gästen auf dem Podium ein kollegiales Verhältnis. Judith Schalansky verantwortet die Reihe Naturkunden, die es in den zwei Jahren ihres Bestehens auf 19 Bände gebracht hat. Die Reihe erscheint im Verlag Matthes & Seitz. In ihr erscheinen Bücher, die von der Natur erzählen, von Tieren und Pflanzen, von Pilzen und Menschen, von Landschaften, Steinen und Himmelskörpern, von belebter und unbelebter, fremder und vertrauter Natur. Die Zusammenarbeit mit dem Verlag ergab sich aus einer zufälligen Begegnung in Taipeh(!) zwischen Judith Schalansky und dem Geschäftsführer des Verlages, Andreas Rötzer.

Ein Video der Lesung von Cord Richelmann auf dem youtube-Kanal Lerchenflug, die Lesung von Jutta Person hier und hier.

Jutta Person, Judith Schalansky (Hg.)
Esel
Ein Portrait
Mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Kleinoktav-Format
144 Seiten, flexibler Einband, fadengeheftet und mit Kopfschnitt
Matthes & Seitz, Preis: 18,00 €

Cord Riechelmann, Judith Schalansky (Hg.)
Krähen
Ein Portrait
Mit zahlreichen Abbildungen, Kleinoktav-Format
155 Seiten, flexibler Einband, fadengeheftet und mit schwarzem Kopfschnitt, 5. Auflage
Matthes & Seitz, Preis: 18,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, ebenso wie alle anderen Titel aus der Reihe „Naturen“