Stuttgart liest ein Buch mit Shida Bazyar

11.03.2017 at 9:07
Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Im Schriftstellerhaus haben die Vorbereitungen zu Stuttgart liest ein Buch begonnen. Foto: © S. Martin

 

Im Oktober ist es wieder soweit. Stuttgart liest ein Buch. Zum dritten Mal veranstaltet das Schriftstellerhaus dieses literarische Festival, bei dem ein Buch im Mittelpunkt steht. Dieses Jahr ist es Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Die junge Autorin mit iranischen Familienwurzeln las in der Reihe Literatur im Salon im Sommer letzten Jahres aus ihrem Debütroman und eroberte im Sturm die Herzen der Vorsitzenden des Schriftstellerhaus-Vereins und dessen Geschäftsführerin. Es war leicht, mit diesem Erlebnis die an dem Projekt beteiligten Kooperationspartner für das Buch und das Thema des Buches zu begeistern, das uns seit vielen Monaten beschäftigt: Flucht, Vertreibung, Integration in eine fremde Kultur.

Shida Bazyar verwendet vier Erzählstimmen

Dies alles erzählt Shida Bazyar mit leichter Hand, humorvoll und voller Empathie für ihre vier Protagonisten, die in jeweils einem Abschnitt des Buches ihre Lebenswirklichkeit erzählen. Da ist der Vater, der mit seiner Frau 1979 aus dem Iran fliehen musste, da er als kommunistischer Aktivist den bei den Mullahs in Ungnade fiel. Er erzählt von seinen politischen Aktionen und wie er seine Frau kennen lernte mit der er dann aus dem Iran nach Deutschland flieht. In einer Kleinstadt finden er, seine Frau und seine kleinen Kinder Zuflucht. Zehn Jahre später erzählt seine Frau von den Bemühungen der Familie, sich in Deutschland zu integrieren. Über 4 Jahrzehnte erstreckt sich der erzählerische Bogen, den Shida Bazyar aufspannt, bis hin zur grünen Revolution von 2009. Ausführliche Rezensionen hier und hier.

Das Projekt Stuttgart liest ein Buch nimmt Form an

Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus den VertreterInnen der Projektpartner, hat ihre Arbeit aufgenommen, um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für die Zeit zwischen dem 17. Oktober und dem 27. Oktober 2017 zusammen zu stellen. Im Einzelnen sind dies:

  • das Schriftstellerhaus
  • das Literaturhaus Stuttgart,
  • die Stadtbibliothek Stuttgart
  • die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
  • die Schiller Buchhandlung
  • das Evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart
  • der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
  • die Volkshochschule Stuttgart

Die Projektleitung hat die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, inne. Das Schriftstellerhaus hat für das Projekt bereits einen Internetauftritt gestaltet, siehe hier. Alle Neuigkeiten werden auch über Facebook und Twitter verbreitet.

Christa Lippelt in der Stadtbibliothek Bad Cannstatt

17.01.2017 at 15:34
Christa Lippelt

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Wieder einmal stelle ich fest, ich sehe nur das, was mir bekannt ist. Die Bilder von Christa Lippelt hängen schon seit Oktober in der Stadtteilbibliothek und ich habe sie nie wahr genommen. Erst als mich die Künstlerin auf ihre Ausstellung aufmerksam machte, schaute ich mir die Bilder genauer an.

Christa Lippelt, die in Königsberg geborene, ging in Bremen zur Schule und arbeitete als medizinisch-technische Assistentin in Stuttgart, wo sie auch wohnt. Seit ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben hat sie sich ganz der Malerei gewidmet, besuchte verschiedene Kunstakademien und stellt seit 2000 in Einzel- und Gruppenausstellungen ihre Werke dem Publikum vor.

Collagen, Acryl und Ölkreide

Zuerst fiel mir eine Collage auf, in die sie ein Bild ihres vor einiger Zeit verstorbenen Mannes zentral eingebunden hat. Das Bild ist von 2016, entstanden kurz nach dem Tod ihres Mannes. Das Schriftstellerhaus hatte im Dezember 2014 noch eine Lesung mit bereits schwer erkranken Christoph Lippelt veranstaltet und jeder der Anwesenden konnte sich ein Bild von dem feinsinnigen Schriftsteller und Arzt machen, den hier seine Frau in ihrem Bild verewigt hat.

Die hier ausgestellten Bilder stammen aus der Zeit von 2006 bis 2016, viele in kräftigen Acrylfarben gemalt aber auch Ölkreide setzt Christa Lippelt gerne ein, um Akzente zu setzten. Und immer wieder Collagentechnik wie die fünf Tulpenbilder, bei denen sie mit Acryl und Ölkreide Fotos übermalte und einen völlig neuen visuellen Ausdruck schaffte. Schicht für Schicht muss sich der Betrachter diese Bilder erschließen und setzt sie doch anschließend ganz individuell in seinem Kopf wieder zusammen.

Portraits von Romanfiguren aus dem Jahr 2007 öffnen den Blick auf die Chrakterinterpretation der Künstlerin, die man mit seinen eigenen Vorstellungen von Leyla, Yasmin und Sevgi abgleichen kann, so man den Roman von Feridun Zaimoglu gelesen hat, in dem sie vorkommen. Wenn nicht, kann man ihn gleich an Ort und Stelle ausleihen.

Es ist die gekonnte Verteilung von Form und Farben auf dem Papier, die die gemalten Porträts der literarischen Figuren auch hier im Kopf des Betrachters neu entstehen lässt und somit einen anderen Blick auf die vermeintliche Wirklichkeit erlauben, die ja nur eine literarische ist.

Ausruhen nach dem Streifzug in der besucherfreundlichen Stadtteilbibliothek

Neben den vielen „Portraitbildern“ entdeckt man beim Streifzug durch die Stadtbibliothek großflächige Landschaftsbilder der Künstlerin von nächtlichen Inseln oder den Monte Baldo, diesem imposanten Bergmassiv am Gardasees. Hat man sich an all den Farben und Formen der Künstlerin Christa Lippelt satt gesehen, so bietet die Stadtbibliothek dem Besucher in der Leseecke einen Kaffee oder Espresso an, bei dessen Genuss die Eindrücke nachwirken können.

Die im Oktober 2016 eröffnete Ausstellung ist noch bis Anfang April diesen Jahres in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt, Überkinger Str. 15 in Stuttgart zu sehen.

Felicitas Andresen erhält für „Sex mit Hermann Hesse“ Thaddäus-Troll-Preis

18.12.2016 at 14:41
Felicitas Andresen erhält von Ingrid Bussmann den Thaddäus-Troll-Preis

Felicitas Andresen erhält von Ingrid Bussmann den Thaddäus-Troll-Preis

 

Felicitas Andresen erhält den diesjährigen mit 10.000 Euro dotierten Thaddäus-Troll-Preis für ihren Roman Sex mit Hermann Hesse. Am 14. Dezember 2016 wurde ihr der Preis in der Stadtbibliothek der Stadt Stuttgart verliehen.

Frau Christine Brunner, die Leiterin der Stadtbibliothek, erinnert in ihrem Grußwort daran, dass alle Thaddäus-Troll-Preisträgerinnen und -Preisträger einen Platz in der Abteilung Literaturszene Stuttgart und Region in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz erhalten. Die diesjährige Preisträgerin wird ganz am Anfang der Werkausstellung stehen und damit zusätzlich geehrt.

Ein Literaturprofessor hält die Laudatio

Peter Blicke hält die Laudatio auf Felicitas Andresen

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Großer Bahnhof für die Preisträgerin: der in den Vereinigten Staaten lehrende Peter Blickle hält die Laudatio auf die 1939 geborene Flelictas Andresen. Der aus dem Schwäbischen stammenden Professor und Autor lobt die direkte Art, über Sex zu schreiben und das in Zusammenhang mit einer Ikone der deutschen Literatur. Peter Blickle lehrt German and Gender and Women’s Studies an der Western Michigan University und ist sicher auch unter diesem Gesichtspunkt eine gute Wahl für die Laudatio. Sex sei ein unzuverlässiger Führer durchs Leben, meint der Professor. Hesse sähe man jenseits von Sex. Und doch hat Felicitas Andresen diese beiden Pole zusammen gebracht und spielt mit zwei Feuern: dem „heiligen Sex“ und dem „Heiligen der Literatur“ Hermann Hesse. Die fiktiver Erzählerin weiß zu gut, was es heißt, wenn Hermann Hesse zum „Sexobjekt“ wird. Wie sie lebt Felicitas Andresen in Gaienhofen, Kultstätte für Hesse-Fans, und arbeitet wie diese im örtlichen Hesse-Museum (als Kassiererin). Und dort kann man erleben, wie weit der Hesse-Kult bei manchen Anhängerinnen gehen kann.

Peter Blickle möchte den Roman nicht auf ein Genre festlegen, zu vielfältig sei er angelegt, als Schelmenroman geht er aber sicher durch. Felicitas Andresen habe ein feines Gespür für Worte, weiß genau um die Wirkung ordinärer Ausdrücke und feinsinniger Beschreibungen, die sie gezielt einsetzt. Und immer bleibt sie eine „Picara“, eine die stichelt und piekst.

Und im realen Leben? Da hat Felicitas Andresen ein „Slut-Shaming“ erlebt. Slut-Shaming fände immer da statt, wenn Frauen öffentlich oder privat eine Frau beleidigten, weil diese ihre Sexualität auf eine Weise ausgedrückt, die nicht mit den patriarchalischen Erwartungen an Frauen übereinstimmt. In Amerika ein weit verbreitetes Phänomen. Felicitas Andresen wurde in Leserbriefen wegen ihrer frechen Literatur attackiert.

Felicitas Andresen liest aus ihrem Roman und gibt damit Einblicke in ihr Schaffen

Felicitas Andresen

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Einen kurzen Einblick erhält das Festaktpublikum durch die Lesung von Felicitas Andresen im Anschluss an die Laudatio. Dabei werden die Erwartungen der Zuhörer aufs eindrücklichste unterlaufen, als die 77jährige Autorin, in klassischem Kostüm gekleidet, in ihrer frechen Sprache liest. Das Buch erzählt von einer ältere Hausfrau, die ja eigentlich nur auf das Hermann-Hesse-Haus in Gaienhofen auf der Höri aufpassen soll, weil sie mit der Museumsarbeit ihr Budget aufstocken will, obwohl sie von Hesse wenig Ahnung hat. Doch zunehmend stellt sie plötzlich Fragen – an sich und andere: Wer war dieser Hermann Hesse, der gesunden Sauerampferpudding aß, aber ständig brieflich seinen bevorstehenden Selbstmord ankündigte? Der drei Frauen und drei Kinder hatte, aber doch Ekel vor der Wollust? Die geistige Anwesenheit dieses jungen alten Herrn wirkt sich immer mehr auf den Alltag der staunenden Betreuerin aus.

Felicitas Andresen arbeit immer noch im Hermann Hesse Museum. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis (aus Mittel des Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg bereit gestellt) wird ihr mehr Spielraum für ihre schriftstellerischen Ambitionen ermöglichen. Und dann erfährt sie an diesem Abend, dass ihr Verleger, Hubert Klöpfer, ihr anbietet, auch ihr neues Manuskript im neuen Jahr in seinem Verlag heraus zu bringen.

Die Begründung der Jury

Die Begründung der Jury für den Roman trägt die Vorsitzende des Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg vor. Darin heißt es:

„Die Jury hat beeindruckt, dass Felicitas Andresen mit ihrem Roman „Sex mit Hermann Hesse“ die nicht gerade umfangreiche deutsche Literatur humoristischen Charakters bereichert. Ihr Buch, das mit viel Understatement daherkommt und sich auf den ersten Blick nur wie das Tagebuch einer subalternen Museumsangestellten liest, ist ein Schelmenroman, der in einem schnoddrig-respektlosen Ton aus der Dienstbotenperspektive auf den großen Dichterhelden Hermann Hesse schaut und dessen menschlich, allzu menschlichen Seiten besser aufspürt als die meisten akademischen Abhandlungen. Gleichzeitig beleuchtet der Roman auf satirische und selbstironische Weise die Gepflogenheiten des bürgerlichen Literaturbetriebs und seiner Dichterverehrung in Geschichte und Gegenwart.“

Dann überreicht sie Felicitas Andresen den Preis. Die bedankt sich mit herzlich und blickt in ihrer Dankesrede noch einmal auf das, was sie mit diesem Roman losgetreten hat. Hören und sehen Sie selbst:

Sex mit Hermann Hesse
Roman
220 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Heinrich Steinfests Spatz ist ein träumender

26.11.2016 at 18:55
Heinrich Steinfest in der Stadtbibliothek Bad Cannstatt

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Heinrich Steinfest ins Elsternest zu tragen ist ein ähnliches Unterfangen, wie Eulen nach Athen zu tragen. Das Team der Stadtbibliothek in Bad Cannstatt hat es am 24. November 2016 gemacht und es ihm auf charmante Art gelungen. In Bad Cannstatt war er zu Gast, las aus seinem neuesten Roman: Das Leben und Sterben der Flugzeuge, der bereits auf die Shortlist für den Bayerischen Buchpreis 2016 gekommen ist.

Heinrich Steinfest wurde 1961 in Albury /Australien geboren. Aufgewachsen in Wien kam er in den neunziger Jahren nach Stuttgart, wo er heute als Autor und bildender Künstler lebt. Er erfand den einarmigen Detektiv Cheng. Heinrich Steinfest wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Sein Roman Der Allesforscher schaffte es sogar auf die renommierte Shortlist des Deutschen Buchpreises. Im Jahr 2010 erhielt er den Heimito von Doderer-Literaturpreis. Nicht abschließend geklärt werden konnte an diesem Abend in der Stadtteilbibliothek Stuttgart Bad Cannstatt die Frage, wie viele Romane und Erzählungen sein Œuvre umfasst, 23 oder 25.

Heinrich Steinfest hat sein äußeres Erscheinungsbild verändert. Nach wie vor tritt er elegant-gepflegt, ganz in schwarz gekleidet, mit Anzug und Polohemd auf, aber sein Gesicht umrahmt seit neuestem ein Vollbart. Unverändert ist seine Fabulierkunst und sein Hang zu philosophischen Betrachtungen in seiner Geschichte. Wer die Romane Heinrich Steinfests kennt, weiß: In seinen Welten ist alles ein Leichtes. Seine Gratwanderung zwischen Phantastischem und Realität gerät ihm auch diesmal wieder zu einem hochliterarischen Drahtseilakt. Schon nach wenigen Minuten gelingt Heinrich Steinfest das Meisterstück, uns in eine Welt zu entführen, in der man keine Sekunde daran zweifelt, dass alles auch wirklich passiert.

Der komplizierte Plot von Heinrich Steinfest lebendig erzählt

In groben Zügen skizziert er den Plot seines neuen Romans: Der Spatz Quimp lebt im Pariser Bahnhof Montparnasse und ernährt sich von den Krümeln der Reisenden. Tatsächlich gab es für Heinrich Steinfest eine solche Begebenheit in Paris, die den Anfang seines Romanprojektes evozierte. Immer wieder sind philosophischen Betrachtungen des Spatzes eingeflochten, der lieber Fast-Food-Reste isst, als selber zu jagen und zu töten. Er wird mit seiner eigenen Unfähigkeit, sich artgerecht zu ernähren, konfrontiert, er versinkt in trotziger Scham, als er es versucht und versagt. Ein folgenschwerer Zusammenstoß mit einem explodierenden Sperling, schickt ihn auf eine geheime Mission nach Wien. Dort soll er einen uralten Sperling aufsuchen, den legendären Pinesits. Heinrich Steinfest kappt die Grenzen jenseits der Vorstellungen des Zuhörers. Es ist eine bizarre Welt, in die er uns eintauchen lässt. Jedoch verlässt er diese Welt immer wieder an diesem Leseabend, um aus seiner realen Welt zu erzählen, wie er beim Schreiben auf die Vögel vor seinem Fenster aufmerksam geworden ist und wie er sie gefüttert hat. Mit Bionüssen, das sei doch klar, er würde sich doch auch gesund ernähren. Im Gegensatz zu den Spatzen vor seinem Fenster ist Quimp aber keineswegs ein normaler Vogel. Wenn er träumt, verwandelt er sich in einen Kommissar, Blind mit Namen, der in dem Roman den vermeintlichen Unfalltod einer jungen Frau aufklären muss. Blind seinerseits träumt, er sei ein Vogel, der Spatz Quimp. So erschafft Steinfest zwei Ich-Erzählstimmen, die er miteinander verschränkt.

Heinrich Steinfest manipuliert die „bekannte“ Realität

Steinfest geht unabhängig von seinem alles überstrahlenden Humor durchaus ernst an seinen Weltentwurf heran. Mit seinem sympathischen wienerisch gefärbten Sprachstiel verrät Heinrich Steinfest, dass die Realität nur bedingt greift, das Träume höheres Gewicht erhalten können als nackte Fakten. Er klärt uns Zuhörer auf, dass beide Hauptdarsteller, die eigentlich nur einer sind, je auf ihre Weise die Dinge ganz anders angehen und dennoch zu ihrem Ziel gelangen werden. Die Welten sind verschränkt, durchdringen einander. Dabei achtetet Steinfest darauf, dass seine phantasierte Welt eine in sich schlüssige bleibt. Er bezeichnet die doppelte Struktur seines Romans, in dem das Fantastische und das Gewöhnliche untrennbar miteinander verwoben sind, als Spiel zweier Leben. Und immer hat man als Zuhörer an diesem Abend das Gefühl, dass Steinfest seinem „Personal“ liebevoll zugewandt ist.

Wegen seiner ungebremsten Fabulierkunst und seinen bildkräftigen Formulierungen kann man Heinrich Steinfest durchaus mit dem großen amerikanischen Autor John Irving vergleichen. Der hielt sich durch Ringen fit, Steinfest hat in seiner Küche ein Laufband aufgestellt, auf dem er sich schon in der Frühe des herannahenden Tages ertüchtigt und den Vögeln zuschaut.

Ein gastlicher Ort für eine gelungene Lesung

Als perfekte Gastgeber erweist sich das Team der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt als es dem Autor zum Abschluss ein Geschenk überreicht: Ein aufgeblättertes Buch, auf eine stabile Unterlage aufgeklebt. Darin kann er seine vielen neuen Ideen sammeln, die er auf Zettel aufgeschrieben hat. Heinrich Steinfest schaut überrascht bei der Überreichung des Geschenkes. So aufmerksam wurde er wohl noch nicht bei einer Lesung beschenkt. Aber auch für ihn gilt es an diesem Abend, eine neue Welt zu entdecken. Eine, die ihm wohlgesonnen ist, in der nicht geheime Mächte miteinander kämpfen: die der Stadtteilbibliothek in Bad Cannstatt.

Das Leben und Sterben der Flugzeuge
608 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Zeichnungen des Autors
Piper Verlag, Preis 25,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte

Stuttgarter Lyriknacht mit abwechslungsreichem Programm

18.09.2016 at 14:39
Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste auf der Lyriknacht

Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste

 

Am 9. September 2016 fand in der Stadtbibliothek Stuttgart die 12. Lyriknacht statt. Drei „Schwergewichte“ der Literatur in der Stadt richten jedes Jahr die Veranstaltung aus: Die Stadtbibliothek, das Schriftstellerhaus und das Literaturhaus Stuttgart.

Die Direktorin der Stadtbibliothek, Christine Brunner, eröffnete die Veranstaltung und stellte für die erste Lesung Anna Breitenbachvor, die von ihr zur Stuttgarter Lyriknacht eingeladen wurde. Anna Breitenbach lebt und arbeitet in Esslingen und hat in diesem Jahr ihren neuen Band Haus und Hof, Sachen, Leute im Klöpfer & Meyer Verlag vorgelegt. Er trägt den programmatischen Untertitel Brauchbare Gedichte. Texte, die klar und leichtfüßig daher kommen.

Anna Breitenbach Lyriknacht 2016

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12 Kapitel mit brauchbaren Gedichten

Der Band umfasst zwölf Kapitel, jedes von ihnen enthält zehn Gedichte. In den Kapiteln geht es um die Niederungen und Zumutungen des Alltags. Da tauchen fremde Leute auf, auch Bekannte, jedenfalls Lebewesen: Vampire, Lampentiere, Sammler. Die Kapitel tragen lyrische Namen wie: Sachen und Sammlung, Alltag und Zumutung, Krankheit und Krise und so weiter.

Anna Breitenbach, die auch als Poetry Slammerin arbeitet, ist geübt, ihre Gedichte lebhaft-mitreißend vorzutragen. Ihre Gedichte sind leidenschaftlich lyrisch, dabei aber kunstvoll einfach. Wie zufällig ergeben sich Binnen- und Endreime einfachster Prägung. Sie lassen den Alltag in einem anderen Licht erscheinen, öffnen den Blick auf eine etwas verrückte Sicht. Oft erscheinen die Gedichte, als seien sie leicht daherkommende Bonmots. Scheinen sie auch wie lyrische Appetithäppchen so enthalten sie oft veritable Sprengkörper. So drückt sie die Empfindungen des Feuerwehrmanns im Kapitel Ego und Eigenheit z. B. so aus:

Feuerabend

hört der Brandstifter
sich müde
sagen.

Anna Breitenbach versteht es, Leerstellen zu umreißen, im entscheidenden Moment wird etwas von ihr nicht benannt. Ihre Gedichte sind oft klassisch gebaut, kommen kurz und lang daher, oft lakonisch, häufig lustvoll komisch. Das kürzeste besteht nur aus sechs Worten:

Auf den
Bahnsteigen

immer diese
Zugluft!

Eine gute Wahl der Stadtbibliothek den Abend mit den Gedichten von Anna Breitenbach zu eröffnen. Ein leichtfüßiger Auftakt voller Sprachwitz und Hintersinn.

şiir sokakta – Das Gedicht ist auf der Straße

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Astrid Braun vom Schriftstellerhaus stellte den Lyriker Achim Wagner vor, der den zweiten Teil des Abends bestritt. Er folgte gerne der Einladung des Schriftstellerhauses, eine Wiederbegegnung von ihm mit dem Haus. Im Jahr 2010 weilte er als Stipenditat des Schriftstellerhauses in Stuttgart. Er entführte die Zuhörer in die Poesie auf den Straßen türkischer Großstädte. Ausführlicher Artikel dazu siehe hier.

Nach einer Pause, in der von der Stadtbibliothek für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt wurde und in der lebhafte Diskussionen des lyrikaffinen Publikums stattfanden, ging es im dritten Teil der Lyriknacht mit zwei jungen Lyrikerinnen weiter. Sie lasen auf Einladung des Literaturhauses. Die Leiterin des Literaturhauses, Dr. Stefanie Stegmann, stellte sie vor: Ulrike Almut Sandig und Kerstin Preiwuß.

Zwei junge Lyrikerinnen aus Ostdeutschland mit eigener Sprache

Die Lesungen der zwei in Ostdeutschland geborenen und aufgewachsenen Lyrikerinnen (Preiwuß in Lübz, Sandig in Nauwalde) wurden kommentiert und moderiert von Michael Braun. Er ist ein ausgewiesener Kenner der zeitgenössischen Lyrik und als Lyrikexperte ein gern gesehener Gast im Deutschlandradio, wenn es um neue Lyrikbände geht. Seit 1994 moderiert er das Erlanger Poetenfest und gab zahlreiche Anthologien zeitgenössischer Lyrik heraus.

Kerstin Preiwuß tauchte mit ihren Gedichten aus ihrem neuen Band Gespür für Licht tief in die Märchen und Mythen ein. Höhlenfisch, Aalmutter, Wasserweib und Windsbraut, alles Gestalten aus bekannten Märchen, geistern durch ihre Zeilen. Es sind Schöpfungsgeschichten, von der Sprache der Märchen inspiriert. Ein thematisch hermetisch geschlossener Band. Im Gespräch mit Michael Braun erläuterte sie ihre Poetik. Michael Braun und Kerstin Preiwuß begegneten sich bereits auf dem Erlanger Poetenfest, wo sie sich gegenseitig schätzen lernten. Das ist im Gespräch deutlich zu spüren. Eine Kostprobe zeigt dieses Video.

Das Gedicht als Performance

Ulrike Almut Sandig wurde von ihrem Verleger gedrängt, ihren neuen Lyrikband mit einem Titel zu versehen, der als längster Buchtitel der Saison angesehen werden kann:

ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemäde übereinandergelegt.


Diese Zeilen sind Teil eines Gedichts, das die Lyrikerin, mit Musik unterlegt, an diesem Abend performte. Sie arbeitet mit Musikern zusammen. Sie begreift sich eher als „sprechende Dichterin“, die ihre Gedichte gerne live dem Publikum darbietet. Ihr Einwand, ein solcher Titel würde sich nur schwer verkaufen lassen, wischte ihr Verleger Klaus Schöffling beiseite. Lyrik sei grundsätzlich ein Spartenprodukt und schwer verkaufbar, da wäre ein sperriger Titel gerade für das Lyrikpublikum Lockmittel.

Sie versteht es, ihre Gedichte zu kunstvollen Ohrwürmern zu machen. Wie Kerstin Preiwuß bedient sie sich am Grimm’schen Märchenfundus, wurzeln sie fest in einer Gegenwart. Mit dem Klangorgan ihrer ganz eigenen Sprache erfasst Ulrike Almut Sandig präzise die Untiefen zeitgeschichtlicher Unheimlichkeit und zeichnet den utopischen Gegenentwurf eines Heimatlandes, in dem der Mensch kein „Vieh ohn‘ Seele und Fell“ ist, sondern aufrecht sagen kann: „ich bin“.

Zusammenstellung der Gedichtbände, aus denen an diesem Abend gelesen wurde:

Anna Breitenbach
Haus und Hof, Sachen, Leute
Brauchbare Gedichte
180 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €

Kerstin Preiwuß
Gespür für Licht
Gedichte
128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Berlin Verlag, Preis: 18,00 €

Ulrike Almut Sandig
ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt
Neue Gedichte
96 Seiten, Leinen, Großformat, Lesebändchen
Schöffling & Co, Preis: 22,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Walle Sayer steckt viel in die Streichholzschachtel

07.04.2016 at 1:26
Walle Sayer in der Stadtbibliothek

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Die LesBar der Stadtbibliothek ist keine Streichholzschachtel, trotzdem erstaunlich, wie viele Zuhörer in diesem Kleinod hoch oben in der Stadtbibliothek bei der Lesung von Walle Sayer am 5. April darin Platz fanden. Viel literarische Prominenz aus Stuttgart war vertreten, um dem Autor des Klöpfer & Meyer Verlages zuzuhören. Man kennt sich in der Szene und der Verlag Klöpfer & Meyer ist für einige der im Publikum sitzenden Autoren ebenfalls ein sicherer Hafen, wie er es für Walle Sayer seit nunmehr acht Büchern ist.

Ingrid Gerlach begrüßt Walle Sayer

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Seinen neuen Band untertitelte Walle Sayer mit „Feinarbeiten“. Ein treffender Titel, denn Walle Sayer ist bekannt für seinen genauen Blick auf die kleinen Dinge des Lebens, die er immer wieder zum Ausgangspunkt seiner fein gearbeiteten Texte macht. Der Autor ist seit vielen Jahren dem Schriftstellerhaus verbunden und so verwundert es nicht, dass dessen Geschäftsführerin Astrid Braun diesen Abend moderierte. Die gegenseitige Wertschätzung und Empathie durchzog den Abend von Anfang an, das fing schon mit der herzlichen Begrüßung durch Ingrid Gerlach als Vertreterin der Stadtbibliothek an.

Walle Sayer brennt für das Schreiben

Walle Sayer ist einer, der schon früh für sich entschied, die Schriftstellerei zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Er absolvierte zwar eine Banklehre, aber die Ausbildung konnte seine Liebe zur Literatur nicht verdrängen. Für Astrid Braun ist Walle Sayer ein lebendes Beispiel, wie Literatur ein Leben im wortwörtlichen Sinne verändern kann, wenn man sich ihr ganz und gar hingibt. Aber vom Schreiben allein kann er nicht leben. Und da er Verantwortung für eine Familie hat, musste er sich zwei berufliche „Flügel“ zulegen: er arbeitet als Nachtportier in einem Hotel und als Kellner in einer Kulturgaststätte in Horb. Die Gedichte des Lyrikers und Essayisten Walter Helmut Fritz seien für ihn die Initialzündung gewesen, selber mit dem Schreiben anzufangen, verrät er zu Anfang des Gesprächs. Und er beginnt seine Lesung mit dem Text „Leseausweis“. Darin beschreibt er einen Jungen, der sich lesend neue Welten erschließt.

Walle Sayer Mikrofon

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Walle Sayer hat seinen Band in neun Kapitel aufgeteilt, die lediglich mit römischen Ziffern tragen. Doch er legt Wert auf Überschriften zu seinen Texten. Der erste Text eines Bandes hat für ihn immer etwas Programmatisches, erläutert Walle Sayer. Der erste Text in diesem Band trägt die Überschrift „Photographisch“ und er hat ein Zitat von Fernando Pessoa dem Text voran gestellt: „Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind.“ Und schon in diesem Text tauchen die wunderbaren poetischen Bilder des Autors auf, wenn er von „müden Straßenlampen“ schreibt, von den „Neun Zwergen in einem Vorgarten, die keinerlei Putschplan haben“ und von der „Fellfarbe der Scheunenwand“.

Stetiges Arbeiten am Text verleiht ihm Tiefe

Walle Sayer ist ein Wortesammler. Was er notiert, kann zu einem Text werden, ein Klang als Ausgangspunkt einer nächsten Betrachtung dienen. Die tägliche Zeitungslektüre ist für ihn eine unermessliche Fundgrube. Ein ganzes Kapitel hat er seiner Zeitungsausschnittsammlung gewidmet. Er arbeite lange an seinen Texten, überarbeitet sie ein ums andere Mal. Selbst wenn Texte in Zeitschriften veröffentlicht sind, nimmt er manchmal noch Änderungen vor. Sind sie allerdings als Buch erschienen, dann ist der Prozess auch für ihn endgültig abgeschlossen.

Walle Sayer Detail

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Immer wieder sind es die Kleinigkeiten, die sonst nicht erwähnten Dinge, die Walle Sayer in seinen Texten in ungewöhnliche Worte kleidet, die er an diesem Abend dem Publikum nahe bringt. Diese Liebe zum Detail seine Verbundenheit mit dem Strom des Lebens werden in der Lesung deutlich. In der ihm eigenen Bescheidenheit nimmt er sich die Zeit, die Zuhörer quer durch sein ganzes Buch zu führen und einen Einblick in sein poetisches Schaffen zu geben. Wer ihm an diesem Abend zugehört hat, hat eine Ahnung davon bekommen können, dass es ist nicht immer der ausufernde Roman ist, der dem Leser eine Welt eröffnet, es sind auch die kurzen Texte dieses in der schwäbischen Landschaft fest verankerten Schriftstellers Walle Sayer.

Was in die Steichholzschachtel passte - Walle Sayer

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Was in die Streichholzschachtel paßte
Feinarbeiten
124 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Eine Rezension gibt es hier.

Internationaler Frauentag – bunt und fantasievoll

10.03.2016 at 12:11
Justyna Koeke mit ihren Models gestalten den diesjährigen internationalen Frauentag.

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Völlig aus dem Rahmen zelebrierte die Künstlerin Justyna Koeke mit ihren Models den diesjährigen internationalen Frauentag. Die Stadtbibliothek Stuttgart hatte der Performancekünstlerin ihren zentralen Raum, das „Herz“, für eine Modenshow unter dem Motto „Prinzessinnen und Heilige“ zur Verfügung gestellt. Der Andrang der Zuschauerinnen und Zuschauer war überwältigend. Justyna Koeke hatte nach Kinderzeichnungen von ihr und ihrer Schwester Kostüme gestaltet, die 15 Models präsentierten. Die Models fand die Künstlerin in verschiedenen Altenheimen.

Doch zu Beginn der Fashion Show zeigte die finnische Künstlerin Mimosa Pale ihre „Cotton Candy Performance“:

Die finnische Künstlerin Mimosa Pale

Cotton Candy Performance

Zur Musik tanzend, mit Essstäbchen auf dem Körper, kleidete Mimosa Pale sich zusehends in Zuckerwatte, die in zwei Zuckerwattebottichen hergestellt wurde, wie man sie vom Jahrmarkt her kennt. (Video der Performance hier.) Nach der Cotton Candy Performance rollten zwei Helfer schnell die erste Teppichlage von den Laufstegen, so dass die Seniorinnen befreit von Zuckerwatteresten positiv und energiegeladen ihre farbenprächtigen Kostümen als surreal-fantastische Prinzessinnen und Heilige auf dem Laufsteg präsentieren konnten.

Frau mit Puppe von Justyna Koeke

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Traumwelten von Justyna Koeke

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Justyna Koeke hatte die Kinderzeichnungen in detailverliebten Entwürfe übertragen und Kostüme geschneidert, die ebenso sehr Skulptur sind wie Haute Couture, aber auch als Nachstellung vergangener Träume erscheinen. Die Seniorinnen interagierten als Models mit den Kunstwerken. Als Prinzessinnen und Heilige inszeniert, erweckten sie die Skulptur gewordenen Kindheitsträume zum Leben.

Die Künstlerin Justyna Koeke

Justyna Koeke präsentiert die Beteiligten an der Show

Die Choreografie gestaltete Lisa Thomas, für die musikalische Untermalung sorgten die Musikerinnen Katharina Wibmer an der Geige und Monika Nuber am Kontrabass. Sie mischten osteuropäisch-folkloristischen Klänge mit experimenteller Musik.

Carolin Callies erhält Thaddäus-Troll-Preis

05.12.2015 at 7:24
Carolin Callies und Ingrid Bussmann

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Am 30. November 2015 wurde im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek Stuttgart die Lyrikerin Carolin Callies mit dem Thaddäus-Troll-Preis 2015 ausgezeichnet. Sie erhielt den mit 10.000 € dotierten Literaturpreis für ihren Gedichtzyklus fünf sinne & nur ein besteckkasten, der im Frühjahr bei Schöffling & Co verlegt wurde.

Ingrid Bussmann vom Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg

Ingrid Bussmann

Ingrid Bussmann, Vorsitzende des Vereins „Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V“, stellte die Preisträgerin als eine junge Lyrikerin vor, die sich in kurzer Zeit einen Namen in der Lyrik gemacht hat. Sie war Teilnehmerin des 17. open mike 2009, hat in wichtigen Zeitschriften veröffentlicht (Bella Triste, Allmende, POET, Neue Rundschau) und ihre Gedichte wurden 2011 und 2013 im Jahrbuch der Lyrik abgedruckt. Ihr Laudator, Richard Kämmerlings, schrieb über sie in der Zeitung Die Welt: „Carolin Callies schreibt das wichtigste lyrische Debüt der Saison.“ So verwundert es nicht, dass Richard Kämmerlings ihr Wunschkandidat für die Laudatio war.

Carolin Callies und das Besteck von Thaddäus Troll

Carolin Callies bezog sich in ihrer Lesung auf Thaddäus Troll. Wie Hans Beyer nahm sie einen neuen Namen an, wählte allerdings kein Pseudonym. Ihr Namenswechsel war das Ergebnis ihrer Heirat. Aus Dabrowski wurde Callies. Zu Beginn ihrer Lesung präsentierte sie den kleinen Werbe-Band „Schöner Essen“ von Thaddäus Troll, den er im Auftrag der Besteckindustrie geschrieben hatte. Eine gute Überleitung zu ihren eigenen Gedichten aus dem Band fünf sinne & nur ein besteckkasten, den sie in einer kleinen Auswahl präsentierte. (Ein kurzer Videoausschnitt hier.) Darin untersucht sie den menschlichen Körper. Den Blick auf die Schönheit des Körpers überlässt sie anderen. Sie seziert den Körper, untersucht die Ausscheidung in ihren Gedichten. Die Zeitlichkeit und Fragilität des menschlichen Körpers ist ein durchgehendes Thema in ihren Gedichten. Ein wohliges Gefühl will sich beim Hören der Gedichte nicht einstellen.

Fortwährende Sezierung

Richard Kämmerlings hält die Laudatio auf Carolin Callies

Richard Kämmerlings, Leitender Feuilletonredakteur der Welt, hält die Laudatio

Es schien, als müsse Richard Kämmerlings sich seines eigenen Körpers bei der Laudatio immer wieder vergewissern: ständig in Bewegung, mit kleinen Schritten vor und zurück, seitwärts, hielt er seine Rede, in der er die lyrischen Feinheiten der Carolin Callies unter das Seziermesser seiner Überlegungen legte. Seine Bewunderung für das Werk der jungen Autorin schwang stets in seinen Worten mit. Richard Kämmerlings las bei Carolin Callis, dass der Körper kein keimfreies, geruchsloses Hochglanzprodukt ist, wie es uns die Schönheitsindustrie verkaufen will. Vielmehr werden die Körper in den Gedichten als wandelnde Wunden, die nässen, die urinieren, die schwitzen und spucken beschrieben. Somit sind die Körper-Grenzen durchlässig zur Welt, in der sie sich bewegen. Die Grenze zwischen innen und außen hebt sie auf. Ihre Verse verbindet sie gerne mit dem Kaufmanns-Und, das sie stilistisch immer wieder einsetzt:

„die lippen sind ein seltsamer lappen // & dort, wo sie öffnen, da liegn sie heut noch / & setzen flüssigkeiten frei“

Noch eine Zerlegung/Sezierung an diesem Abend bot der Pianist Andreas Bennend. Gewohnte Hörgewohnheiten stellte er mit den Kompositionen von Georg Crump und eigenen, modernen Kompositionen am Flügel des Festsaals in Frage.

carolin_callies_04Die Lyrikerin Carmen Kotarski begründete das Urteil der Jury, den diesjährigen Thaddäus-Troll-Preis an Carolin Callies zu vergeben. Sie ist selber Mitglied der Jury und eine gewisse Freude, den Preis an eine Kollegin zu vergeben, konnte man aus ihrer Rede heraushören.

fünf sinne & nur ein besteckkasten
Umschlagcollage von Ror Wolf
112 Seiten, in Leinen gebunden, mit Lesebändchen
Schöffling &Co, Preis: 18,95 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Ulrike Schäfer – Nachts, nah bei uns

23.10.2015 at 6:00
ulrike schäfer

Zwei, die sich mögen

 

Ulrike Schäfer stellte in der Stadtbibliothek Stuttgart am 20. November ihren ersten Band mit Erzählungen vor: Nachts, weit von hier. Gerade ist er im Klöpfer & Meyer Verlag erschienen. Obwohl in Würzburg ansässig, war es für sie ein Heimspiel. Sie fühlt sich in Stuttgart heimisch, ein viertel Jahr hat sie Anfang des Jahres im Schriftstellerhaus als Stipendiatin gewohnt.

Mit der Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses Astrid Braun, verbindet sie eine Freudschaft, seit sie während ihres Stipendiums mit ihr über die Geschichten diskutiert hat, die nun den Band füllen. Diese freundschaftliche Beziehung trat in dem Gespräch zutage, das die beiden miteinander an diesem Abend führten. Drei Geschichten aus ihrem Band mit Kurzgeschichten las sie, begann mit der titelgebenden Geschichte „Nachts, weit von hier“.

Die Ich-Perspektive prägen die Geschichten von Ulrike Schäfer

ulrike schäfer Nachts, weit von hier

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Bei Ulrike Schäfer versteht man nicht gleich, ob die Ich-Perspektive aus der Sicht einer Frau oder eines Mannes geschrieben ist. Der Leser muss die Beschreibungen genau lesen, um diese Frage entscheiden zu können. Ulrike Schäfer hat, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete, das Business-Leben einer „Free Lancerin“ gelebt. Die studierte Germanistin und Informatikerin arbeitete lange Zeit als Softwareberaterin, hat große Firmen beraten und lebte während ihrer Aufenthalte in den Städten ihrer Auftraggeber in Hotels, wie ihre Protagonistin in dieser bedrückenden Geschichte: Ein von Schlaflosigkeit geplagte Frau, die einen Übergriff auf eine Frau von ihrem Hotelzimmer aus beobachtet, von dem sie später nicht mehr weiß, ob er sich wirklich zugetragen hat oder nicht. Den Mut einzugreifen hatte sie nicht. Erst viel später meldet sie den Vorfall der Polizei und auf die Frage, wann und wo der Überfall stattgefunden hat, antwortet die Frau der Ich-Erzählung: „Nachts, weit von hier.“

Es ist der besondere Ton ihrer Geschichten, der aufhorchen lässt und große Spannung unter den Zuhörern erzeugt. Immer wieder rhythmisiert sie ihre Geschichten durch Dopplungen und man wünscht sich, die Geschichten mögen nicht aufhören, so einfühlsam schildert sie ihre Figuren. Daher auch die Frage aus der Zuhörerschaft, ob sie an einem Romanprojekt arbeite. Sie liebe die Strenge der Dramaturgie und wie sie auf engstem Raum eine Welt erschaffen könne, antwortete sie, ob sie das in einem umfangreicheren Romanprojekt umsetzten kann, ließ sie offen. Längere Texte verfasst Ulrike Schäfer fürs Theater. Gerade ist ein Stück entstanden, den Auftrag für ein weiteres Theaterstück hat sie soeben erhalten.

Die zweite an diesem Abend gelesen Geschichte, „Nele“ erzählt von der geglaubten, unendlich währenden Freundschaft zweier Mädchen. Bis die Pubertät einsetzt und das Interesse an Jungen die Perspektive – wieder eine Ich-Erzählerin – verschiebt. Und der tödliche Unfall der Freundin lässt sie ihr Leben lang nicht los.

Ein ins ungewisse geöffnetes Herz

Mit einer „hellen Geschichte“ beschloss Ulrike Schäfer ihre Lesung: „Gelika entdeckt die Liebe“. In dreißig alten Briefen an eine verflossene Liebe entdeckt sie die Liebe auf dem Dachboden, die sie vor dreißig Jahren erlebt hat und die sie aus ihrem Leben geschoben hat, um im Alltag funktionieren zu können. Die Lektüre dieser alten Briefe wirft sie aus der Bahn, so sehr, dass sie sich auf den Weg macht zu dem, in einem anderen Kontinent lebenden, Menschen. Und am Ende der Geschichte spürt Gelika, „… dass es anders ist, fühlt, wie es schlägt: ein ins ungewisse geöffnetes Herz.“

Ulrike Schäfer "Nachts, weit von hier"

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Nachts, weit von hier
Erzählungen
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Susanne Stephan präsentiert „Haydns Papagei“

09.10.2015 at 20:58
Susanne Stephan "Haydns Papagei"

Susanne Stephan liest in der Stadtbibliothek Stuttgart

Die Buchpremiere von Susanne Stephans neuem Lyrikband Haydns Papagei am 8. Oktober in der Stadtbibliothek Stuttgart ist ein Heimspiel für die Stuttgarter Autorin: fast der gesamt Vorstand des Schriftstellerhauses, dem sie selber angehört, war anwesend. Mann und Sohn waren gekommen (die Tochter verhindert durch eine Mathematikprüfung in Freiburg, in deren Stresssituation sich Susanne Stephan sehr gut hineinversetzten kann) ebenso wie Weggefährten aus der „Stolpersteingruppe“. Die Erwähnung dieser Gruppe der Zivilgesellschaft wirft ein Licht auf das gesellschaftliche Engagement dieser Lyrikerin, die sich nicht in Abgeschiedenheit der Wortdrechselei hingibt.

Susanne Stephan sei mit ihrem Werk in der Stadtbibliothek seit vielen Jahren präsent, lobt Ingrid Gerlach von der Bibliothek in ihrer Begrüßung das Œvre der Lyrikerin. Für Schriftsteller aus der Region gibt es eine eigene Präsenssammlung, in der sie mit ihrem Werk vertreten ist, ebenso wie in der umfangreichen Lyriksammlung, der Stadtbibliothek.

Walle Sayer führt in seinem einleitenden Essay sehr kenntnisreich in den neuen Lyrikband ein, hebt aber auch die Unterschiede zu den beiden ersten Bänden hervor, die um die Beschreibung von lyrischen Orten kreisten: Tankstellengedichte (2003) und Gegenzauber (2008). In dem neuen Band nimmt die Musik breiten Raum ein. Biografische Elemente sind immer wieder in die Gedichte eingewoben. Eine Rezension des Bandes habe ich hier im Elsternest geschrieben.

Ein Nachruf auf Haydn

Natürlich beginnt Susanne Stephan ihre Lesung mit dem Gedicht „Haydn nachgerufen“. Der darin beschriebene Papagei findet sich im Titel des Bandes wieder. Es ist ein Nachruf in Form einer Ballade, ausgehend von dem Papagei, der aus dem Nachlass des Komponisten zur Versteigerung kam. Weitere Gedichte aus dem Zyklus „Balladen“ trägt sie vor, die sich alle um musikalische Themen drehen, seien es Texte zu Chopin, Mozart oder Beethoven. Der letzte Brief von Schubert, den Susanne Stephan in Wien in einem Museum gesehen hat, war der Ausgangspunkt für das Gedicht „Frontier“. Darin bittet Schubert um einen weiteren Roman von Cooper, einen, wie im Gedicht beschrieben, noch nicht gedruckten und noch nicht einmal geschrieben.

Susanne Stephan verwendet starke lyrische Bilder

Susanne Stephan

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Es sind immer wieder starke Bilder, die Susanne Stephan zum Ausgangspunkt ihres lyrischen Schaffens macht, wie sie im Werkstattgespräch mit Walle Sayer erklärt. Mit Walle Sayer hat sie einen einfühlsamen Gesprächspartner an ihrer Seite. Beide kennen sich seit Jahren, beide veröffentlichen im Klöpfer& Meyer Verlag, beide sind Lyriker. Das hätte auch zu einem Wortwechsel führen können, denn das Feld der Lyrik in der deutschen Literaturlandschaft ist ein kleines und die Konkurrenz lauert zwischen den Zeilen. Ihre kollegiale Freundschaft ist ein Glücksfall für das Werkstattgespräch, das getragen ist von Empathie und Respekt, nicht von Konkurrenz. Im Gegensatz zu einigen zeitgenössigen Autoren, die ihr Schreiben einer von ihnen definierten Poetik ausrichten, kann Susanne Stephan keine Poetik benennen. Ihre Poetik scheint durch ihre Gedichte hindurch wie durch einen feinen Seidenstoff. Auch ihre Gedichte sind fein gewebt.

Susanne Stephan "Haydns Papagei"Haydns Papagei
Gedichte
128 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens