Günter Guben: Im Doppelpack

08.10.2017 at 20:57
Günter Guben stellt seine neuen Veröffentlichungen vor und das Vocalensemble Exvoco

Günter Guben stellt seine neuen Veröffentlichungen vor und das Vocalensemble Exvoco

 

In vielerlei Hinsicht war das war eine Lesung im Doppelpack, die das Urgestein der Stuttgarter Literaturszene Günter Guben am 28. September 2017 in der LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart auf die Beine stellte: Günter Guben las aus seinen zwei neuen Büchern und er trat mit dem Vocalensemble Exvoco auf, das wiederum aus zwei Personen besteht: Hanna Aurbacher und Ewald Liska.

75 Gedichte aus den Jahren 1970-2015 hat Günter für seinen Lyrikband aus seinem enormen Fundus ausgesucht. Es ist ein Querschnitt seiner lyrischen Produktion aus 45 Jahren. Ihm geht es nicht zuletzt um das Heitere im Gedicht, durchaus auch um die erotische Note, um die abgründigen Hintersinnigkeiten und eben um das lustvolle Spiel mit der Sprache, die neben, unter und über unserem alltäglichen Jargon ungeahnte Möglichkeiten des überraschenden Ausdrucks bereit hält.

Veröffentlicht wurde dieser Band in der Reihe »Edition Hammer + Veilchen«. Einen kleinen Einblick lässt er an diesem Abend das zahlreich anwesende Publikum nehmen.

Elefanten auf dem Tisch ...

Elefanten auf dem Tisch …

Auf dem Lesetisch hat er einen Holzelefanten gestellt, einen von denen, die bei ihm zu Hause über seinen Schreibtisch laufen. Günter Guben kann sich mit diesem herrlichen Tier identifizieren. Im Eingangsgedicht des Bandes heißt es dazu:

Achtzehn Zeilen Schreibtisch-Glück

Eine Herde Elefanten
zieht über meinen Schreibtisch hin.
Sie eilen auch durch den Kopf.
Von ferne ruft ein Afrika:
Ach du, du armer Tropf!
Spielt dir die Phantasie,
wie häufig, Streiche?
. . .

Oft sind es ganz kurze Situationsbeschreibungen, die so typisch für den Lyriker Guben sind, wie in dem Dreizeiler Das hat auch was:

Tee mit Zitrone,
Milch mit Honig,
Kaffee mit Marlene.

Und immer wieder blitzt der Humor hervor, den dieser, 1938 in Hamburg aufgewachsene, wie selbstverständlich mit dem Publikum teilt, als gäbe es unendlich viel davon. Wer eine seiner legendären Lesungen am Aschermittwoch bei den AnStiftern erlebt hat, kann das gut nachvollziehen.

Die Zusammenarbeit mit dem Vocalensemble Exvoco geht auf seine Zeit als Regisseur beim Hörfunk in Stuttgart zurück. In den achtziger Jahren hat er dieses Ensemble für den Hörfunk produziert. Die beiden Künstler, Hanna Aurbacher und Ewald Liska haben mit ihren Vokalstücken, sehr häufig aus lautmalerischen Gedichten bestehend, die ganze Welt bereist.

Hanna Aurbacher ist bekannt als Solistin bei internationalen Festivals für alte und neue Musik. Zahlreiche Uraufführungen und Produktionen in allen Medien kennzeichnen ihr künstlerisches Schaffen. Sie ist Mitglied diverser Ensembles, gibt Seminare in Vokaltechnik und Stimmphysiologie und hat als Professorin an der Musikhochschule Stuttgart gewirkt.

Ewald Liska ist Konzert- und Liedsänger und war Kantor in Stuttgart. Nach Promotion und Habilitation in Physik war er Hochschullehrer und in der Industrie tätig. Er gründete EXVOCO, war als Redakteur beim Süddeutscher Rundfunk tätig und traf dort Günter Guben.

Ein Dada-Gedicht wird wie ein Musikstück in Japan verstanden wie auch in den USA. Mit immer noch frischen Stimmen tragen sie Texte von den großen Dadaisten aber auch Gedichte von Günter Guben vor:

Weiter Videos der Guben-Gedicht-Rezitationen hier,  hier und hier

Günter Guben präsentiert auf langen Tischen die Zeichnungen seines Kollegen und Galeriefreundes Prof. Klaus Bushoff, der diese für den Band Vom Leben, Lieben und Lottern beigesteuert hat. Im dritten Teil des Abends präsentiert Günter Guben einen Ausschnitt aus diesem Band. Hier, auf erotischem Gebiet, zeigt sich noch einmal die Virtuosität des Dichtes, der abseits plumper Anspielungen über Liebe, Sexualität und das Lottern zu schreiben vermag.

Verfügung der Dinge
Reihe »Edition Hammer + Veilchen«
81 Seiten, Preis: 12 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Vom Leben, Lieben und Lottern: erotische Texte und Graphiken
Mit Grafikcollagen von Prof. Klaus Bushoff
Verlag der Studiengalerie Stuttgart, 2016
38 ungezählte Seiten in einer Auflage von 100 Exemplaren

zu erwerben beim Autor oder über den Verlag

Stuttgart liest ein Buch mit Shida Bazyar

11.03.2017 at 9:07
Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Im Schriftstellerhaus haben die Vorbereitungen zu Stuttgart liest ein Buch begonnen. Foto: © S. Martin

 

Im Oktober ist es wieder soweit. Stuttgart liest ein Buch. Zum dritten Mal veranstaltet das Schriftstellerhaus dieses literarische Festival, bei dem ein Buch im Mittelpunkt steht. Dieses Jahr ist es Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Die junge Autorin mit iranischen Familienwurzeln las in der Reihe Literatur im Salon im Sommer letzten Jahres aus ihrem Debütroman und eroberte im Sturm die Herzen der Vorsitzenden des Schriftstellerhaus-Vereins und dessen Geschäftsführerin. Es war leicht, mit diesem Erlebnis die an dem Projekt beteiligten Kooperationspartner für das Buch und das Thema des Buches zu begeistern, das uns seit vielen Monaten beschäftigt: Flucht, Vertreibung, Integration in eine fremde Kultur.

Shida Bazyar verwendet vier Erzählstimmen

Dies alles erzählt Shida Bazyar mit leichter Hand, humorvoll und voller Empathie für ihre vier Protagonisten, die in jeweils einem Abschnitt des Buches ihre Lebenswirklichkeit erzählen. Da ist der Vater, der mit seiner Frau 1979 aus dem Iran fliehen musste, da er als kommunistischer Aktivist den bei den Mullahs in Ungnade fiel. Er erzählt von seinen politischen Aktionen und wie er seine Frau kennen lernte mit der er dann aus dem Iran nach Deutschland flieht. In einer Kleinstadt finden er, seine Frau und seine kleinen Kinder Zuflucht. Zehn Jahre später erzählt seine Frau von den Bemühungen der Familie, sich in Deutschland zu integrieren. Über 4 Jahrzehnte erstreckt sich der erzählerische Bogen, den Shida Bazyar aufspannt, bis hin zur grünen Revolution von 2009. Ausführliche Rezensionen hier und hier.

Das Projekt Stuttgart liest ein Buch nimmt Form an

Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus den VertreterInnen der Projektpartner, hat ihre Arbeit aufgenommen, um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für die Zeit zwischen dem 17. Oktober und dem 27. Oktober 2017 zusammen zu stellen. Im Einzelnen sind dies:

  • das Schriftstellerhaus
  • das Literaturhaus Stuttgart,
  • die Stadtbibliothek Stuttgart
  • die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
  • die Schiller Buchhandlung
  • das Evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart
  • der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
  • die Volkshochschule Stuttgart

Die Projektleitung hat die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, inne. Das Schriftstellerhaus hat für das Projekt bereits einen Internetauftritt gestaltet, siehe hier. Alle Neuigkeiten werden auch über Facebook und Twitter verbreitet.

Christa Lippelt in der Stadtbibliothek Bad Cannstatt

17.01.2017 at 15:34
Christa Lippelt

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Wieder einmal stelle ich fest, ich sehe nur das, was mir bekannt ist. Die Bilder von Christa Lippelt hängen schon seit Oktober in der Stadtteilbibliothek und ich habe sie nie wahr genommen. Erst als mich die Künstlerin auf ihre Ausstellung aufmerksam machte, schaute ich mir die Bilder genauer an.

Christa Lippelt, die in Königsberg geborene, ging in Bremen zur Schule und arbeitete als medizinisch-technische Assistentin in Stuttgart, wo sie auch wohnt. Seit ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben hat sie sich ganz der Malerei gewidmet, besuchte verschiedene Kunstakademien und stellt seit 2000 in Einzel- und Gruppenausstellungen ihre Werke dem Publikum vor.

Collagen, Acryl und Ölkreide

Zuerst fiel mir eine Collage auf, in die sie ein Bild ihres vor einiger Zeit verstorbenen Mannes zentral eingebunden hat. Das Bild ist von 2016, entstanden kurz nach dem Tod ihres Mannes. Das Schriftstellerhaus hatte im Dezember 2014 noch eine Lesung mit bereits schwer erkranken Christoph Lippelt veranstaltet und jeder der Anwesenden konnte sich ein Bild von dem feinsinnigen Schriftsteller und Arzt machen, den hier seine Frau in ihrem Bild verewigt hat.

Die hier ausgestellten Bilder stammen aus der Zeit von 2006 bis 2016, viele in kräftigen Acrylfarben gemalt aber auch Ölkreide setzt Christa Lippelt gerne ein, um Akzente zu setzten. Und immer wieder Collagentechnik wie die fünf Tulpenbilder, bei denen sie mit Acryl und Ölkreide Fotos übermalte und einen völlig neuen visuellen Ausdruck schaffte. Schicht für Schicht muss sich der Betrachter diese Bilder erschließen und setzt sie doch anschließend ganz individuell in seinem Kopf wieder zusammen.

Portraits von Romanfiguren aus dem Jahr 2007 öffnen den Blick auf die Chrakterinterpretation der Künstlerin, die man mit seinen eigenen Vorstellungen von Leyla, Yasmin und Sevgi abgleichen kann, so man den Roman von Feridun Zaimoglu gelesen hat, in dem sie vorkommen. Wenn nicht, kann man ihn gleich an Ort und Stelle ausleihen.

Es ist die gekonnte Verteilung von Form und Farben auf dem Papier, die die gemalten Porträts der literarischen Figuren auch hier im Kopf des Betrachters neu entstehen lässt und somit einen anderen Blick auf die vermeintliche Wirklichkeit erlauben, die ja nur eine literarische ist.

Ausruhen nach dem Streifzug in der besucherfreundlichen Stadtteilbibliothek

Neben den vielen „Portraitbildern“ entdeckt man beim Streifzug durch die Stadtbibliothek großflächige Landschaftsbilder der Künstlerin von nächtlichen Inseln oder den Monte Baldo, diesem imposanten Bergmassiv am Gardasees. Hat man sich an all den Farben und Formen der Künstlerin Christa Lippelt satt gesehen, so bietet die Stadtbibliothek dem Besucher in der Leseecke einen Kaffee oder Espresso an, bei dessen Genuss die Eindrücke nachwirken können.

Die im Oktober 2016 eröffnete Ausstellung ist noch bis Anfang April diesen Jahres in der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt, Überkinger Str. 15 in Stuttgart zu sehen.

Felicitas Andresen erhält für „Sex mit Hermann Hesse“ Thaddäus-Troll-Preis

18.12.2016 at 14:41
Felicitas Andresen erhält von Ingrid Bussmann den Thaddäus-Troll-Preis

Felicitas Andresen erhält von Ingrid Bussmann den Thaddäus-Troll-Preis

 

Felicitas Andresen erhält den diesjährigen mit 10.000 Euro dotierten Thaddäus-Troll-Preis für ihren Roman Sex mit Hermann Hesse. Am 14. Dezember 2016 wurde ihr der Preis in der Stadtbibliothek der Stadt Stuttgart verliehen.

Frau Christine Brunner, die Leiterin der Stadtbibliothek, erinnert in ihrem Grußwort daran, dass alle Thaddäus-Troll-Preisträgerinnen und -Preisträger einen Platz in der Abteilung Literaturszene Stuttgart und Region in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz erhalten. Die diesjährige Preisträgerin wird ganz am Anfang der Werkausstellung stehen und damit zusätzlich geehrt.

Ein Literaturprofessor hält die Laudatio

Peter Blicke hält die Laudatio auf Felicitas Andresen

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Großer Bahnhof für die Preisträgerin: der in den Vereinigten Staaten lehrende Peter Blickle hält die Laudatio auf die 1939 geborene Flelictas Andresen. Der aus dem Schwäbischen stammenden Professor und Autor lobt die direkte Art, über Sex zu schreiben und das in Zusammenhang mit einer Ikone der deutschen Literatur. Peter Blickle lehrt German and Gender and Women’s Studies an der Western Michigan University und ist sicher auch unter diesem Gesichtspunkt eine gute Wahl für die Laudatio. Sex sei ein unzuverlässiger Führer durchs Leben, meint der Professor. Hesse sähe man jenseits von Sex. Und doch hat Felicitas Andresen diese beiden Pole zusammen gebracht und spielt mit zwei Feuern: dem „heiligen Sex“ und dem „Heiligen der Literatur“ Hermann Hesse. Die fiktiver Erzählerin weiß zu gut, was es heißt, wenn Hermann Hesse zum „Sexobjekt“ wird. Wie sie lebt Felicitas Andresen in Gaienhofen, Kultstätte für Hesse-Fans, und arbeitet wie diese im örtlichen Hesse-Museum (als Kassiererin). Und dort kann man erleben, wie weit der Hesse-Kult bei manchen Anhängerinnen gehen kann.

Peter Blickle möchte den Roman nicht auf ein Genre festlegen, zu vielfältig sei er angelegt, als Schelmenroman geht er aber sicher durch. Felicitas Andresen habe ein feines Gespür für Worte, weiß genau um die Wirkung ordinärer Ausdrücke und feinsinniger Beschreibungen, die sie gezielt einsetzt. Und immer bleibt sie eine „Picara“, eine die stichelt und piekst.

Und im realen Leben? Da hat Felicitas Andresen ein „Slut-Shaming“ erlebt. Slut-Shaming fände immer da statt, wenn Frauen öffentlich oder privat eine Frau beleidigten, weil diese ihre Sexualität auf eine Weise ausgedrückt, die nicht mit den patriarchalischen Erwartungen an Frauen übereinstimmt. In Amerika ein weit verbreitetes Phänomen. Felicitas Andresen wurde in Leserbriefen wegen ihrer frechen Literatur attackiert.

Felicitas Andresen liest aus ihrem Roman und gibt damit Einblicke in ihr Schaffen

Felicitas Andresen

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Einen kurzen Einblick erhält das Festaktpublikum durch die Lesung von Felicitas Andresen im Anschluss an die Laudatio. Dabei werden die Erwartungen der Zuhörer aufs eindrücklichste unterlaufen, als die 77jährige Autorin, in klassischem Kostüm gekleidet, in ihrer frechen Sprache liest. Das Buch erzählt von einer ältere Hausfrau, die ja eigentlich nur auf das Hermann-Hesse-Haus in Gaienhofen auf der Höri aufpassen soll, weil sie mit der Museumsarbeit ihr Budget aufstocken will, obwohl sie von Hesse wenig Ahnung hat. Doch zunehmend stellt sie plötzlich Fragen – an sich und andere: Wer war dieser Hermann Hesse, der gesunden Sauerampferpudding aß, aber ständig brieflich seinen bevorstehenden Selbstmord ankündigte? Der drei Frauen und drei Kinder hatte, aber doch Ekel vor der Wollust? Die geistige Anwesenheit dieses jungen alten Herrn wirkt sich immer mehr auf den Alltag der staunenden Betreuerin aus.

Felicitas Andresen arbeit immer noch im Hermann Hesse Museum. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis (aus Mittel des Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg bereit gestellt) wird ihr mehr Spielraum für ihre schriftstellerischen Ambitionen ermöglichen. Und dann erfährt sie an diesem Abend, dass ihr Verleger, Hubert Klöpfer, ihr anbietet, auch ihr neues Manuskript im neuen Jahr in seinem Verlag heraus zu bringen.

Die Begründung der Jury

Die Begründung der Jury für den Roman trägt die Vorsitzende des Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg vor. Darin heißt es:

„Die Jury hat beeindruckt, dass Felicitas Andresen mit ihrem Roman „Sex mit Hermann Hesse“ die nicht gerade umfangreiche deutsche Literatur humoristischen Charakters bereichert. Ihr Buch, das mit viel Understatement daherkommt und sich auf den ersten Blick nur wie das Tagebuch einer subalternen Museumsangestellten liest, ist ein Schelmenroman, der in einem schnoddrig-respektlosen Ton aus der Dienstbotenperspektive auf den großen Dichterhelden Hermann Hesse schaut und dessen menschlich, allzu menschlichen Seiten besser aufspürt als die meisten akademischen Abhandlungen. Gleichzeitig beleuchtet der Roman auf satirische und selbstironische Weise die Gepflogenheiten des bürgerlichen Literaturbetriebs und seiner Dichterverehrung in Geschichte und Gegenwart.“

Dann überreicht sie Felicitas Andresen den Preis. Die bedankt sich mit herzlich und blickt in ihrer Dankesrede noch einmal auf das, was sie mit diesem Roman losgetreten hat. Hören und sehen Sie selbst:

Sex mit Hermann Hesse
Roman
220 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Heinrich Steinfests Spatz ist ein träumender

26.11.2016 at 18:55
Heinrich Steinfest in der Stadtbibliothek Bad Cannstatt

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Heinrich Steinfest ins Elsternest zu tragen ist ein ähnliches Unterfangen, wie Eulen nach Athen zu tragen. Das Team der Stadtbibliothek in Bad Cannstatt hat es am 24. November 2016 gemacht und es ihm auf charmante Art gelungen. In Bad Cannstatt war er zu Gast, las aus seinem neuesten Roman: Das Leben und Sterben der Flugzeuge, der bereits auf die Shortlist für den Bayerischen Buchpreis 2016 gekommen ist.

Heinrich Steinfest wurde 1961 in Albury /Australien geboren. Aufgewachsen in Wien kam er in den neunziger Jahren nach Stuttgart, wo er heute als Autor und bildender Künstler lebt. Er erfand den einarmigen Detektiv Cheng. Heinrich Steinfest wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Sein Roman Der Allesforscher schaffte es sogar auf die renommierte Shortlist des Deutschen Buchpreises. Im Jahr 2010 erhielt er den Heimito von Doderer-Literaturpreis. Nicht abschließend geklärt werden konnte an diesem Abend in der Stadtteilbibliothek Stuttgart Bad Cannstatt die Frage, wie viele Romane und Erzählungen sein Œuvre umfasst, 23 oder 25.

Heinrich Steinfest hat sein äußeres Erscheinungsbild verändert. Nach wie vor tritt er elegant-gepflegt, ganz in schwarz gekleidet, mit Anzug und Polohemd auf, aber sein Gesicht umrahmt seit neuestem ein Vollbart. Unverändert ist seine Fabulierkunst und sein Hang zu philosophischen Betrachtungen in seiner Geschichte. Wer die Romane Heinrich Steinfests kennt, weiß: In seinen Welten ist alles ein Leichtes. Seine Gratwanderung zwischen Phantastischem und Realität gerät ihm auch diesmal wieder zu einem hochliterarischen Drahtseilakt. Schon nach wenigen Minuten gelingt Heinrich Steinfest das Meisterstück, uns in eine Welt zu entführen, in der man keine Sekunde daran zweifelt, dass alles auch wirklich passiert.

Der komplizierte Plot von Heinrich Steinfest lebendig erzählt

In groben Zügen skizziert er den Plot seines neuen Romans: Der Spatz Quimp lebt im Pariser Bahnhof Montparnasse und ernährt sich von den Krümeln der Reisenden. Tatsächlich gab es für Heinrich Steinfest eine solche Begebenheit in Paris, die den Anfang seines Romanprojektes evozierte. Immer wieder sind philosophischen Betrachtungen des Spatzes eingeflochten, der lieber Fast-Food-Reste isst, als selber zu jagen und zu töten. Er wird mit seiner eigenen Unfähigkeit, sich artgerecht zu ernähren, konfrontiert, er versinkt in trotziger Scham, als er es versucht und versagt. Ein folgenschwerer Zusammenstoß mit einem explodierenden Sperling, schickt ihn auf eine geheime Mission nach Wien. Dort soll er einen uralten Sperling aufsuchen, den legendären Pinesits. Heinrich Steinfest kappt die Grenzen jenseits der Vorstellungen des Zuhörers. Es ist eine bizarre Welt, in die er uns eintauchen lässt. Jedoch verlässt er diese Welt immer wieder an diesem Leseabend, um aus seiner realen Welt zu erzählen, wie er beim Schreiben auf die Vögel vor seinem Fenster aufmerksam geworden ist und wie er sie gefüttert hat. Mit Bionüssen, das sei doch klar, er würde sich doch auch gesund ernähren. Im Gegensatz zu den Spatzen vor seinem Fenster ist Quimp aber keineswegs ein normaler Vogel. Wenn er träumt, verwandelt er sich in einen Kommissar, Blind mit Namen, der in dem Roman den vermeintlichen Unfalltod einer jungen Frau aufklären muss. Blind seinerseits träumt, er sei ein Vogel, der Spatz Quimp. So erschafft Steinfest zwei Ich-Erzählstimmen, die er miteinander verschränkt.

Heinrich Steinfest manipuliert die „bekannte“ Realität

Steinfest geht unabhängig von seinem alles überstrahlenden Humor durchaus ernst an seinen Weltentwurf heran. Mit seinem sympathischen wienerisch gefärbten Sprachstiel verrät Heinrich Steinfest, dass die Realität nur bedingt greift, das Träume höheres Gewicht erhalten können als nackte Fakten. Er klärt uns Zuhörer auf, dass beide Hauptdarsteller, die eigentlich nur einer sind, je auf ihre Weise die Dinge ganz anders angehen und dennoch zu ihrem Ziel gelangen werden. Die Welten sind verschränkt, durchdringen einander. Dabei achtetet Steinfest darauf, dass seine phantasierte Welt eine in sich schlüssige bleibt. Er bezeichnet die doppelte Struktur seines Romans, in dem das Fantastische und das Gewöhnliche untrennbar miteinander verwoben sind, als Spiel zweier Leben. Und immer hat man als Zuhörer an diesem Abend das Gefühl, dass Steinfest seinem „Personal“ liebevoll zugewandt ist.

Wegen seiner ungebremsten Fabulierkunst und seinen bildkräftigen Formulierungen kann man Heinrich Steinfest durchaus mit dem großen amerikanischen Autor John Irving vergleichen. Der hielt sich durch Ringen fit, Steinfest hat in seiner Küche ein Laufband aufgestellt, auf dem er sich schon in der Frühe des herannahenden Tages ertüchtigt und den Vögeln zuschaut.

Ein gastlicher Ort für eine gelungene Lesung

Als perfekte Gastgeber erweist sich das Team der Stadtteilbibliothek Bad Cannstatt als es dem Autor zum Abschluss ein Geschenk überreicht: Ein aufgeblättertes Buch, auf eine stabile Unterlage aufgeklebt. Darin kann er seine vielen neuen Ideen sammeln, die er auf Zettel aufgeschrieben hat. Heinrich Steinfest schaut überrascht bei der Überreichung des Geschenkes. So aufmerksam wurde er wohl noch nicht bei einer Lesung beschenkt. Aber auch für ihn gilt es an diesem Abend, eine neue Welt zu entdecken. Eine, die ihm wohlgesonnen ist, in der nicht geheime Mächte miteinander kämpfen: die der Stadtteilbibliothek in Bad Cannstatt.

Das Leben und Sterben der Flugzeuge
608 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Zeichnungen des Autors
Piper Verlag, Preis 25,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte

Stuttgarter Lyriknacht mit abwechslungsreichem Programm

18.09.2016 at 14:39
Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste auf der Lyriknacht

Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste

 

Am 9. September 2016 fand in der Stadtbibliothek Stuttgart die 12. Lyriknacht statt. Drei „Schwergewichte“ der Literatur in der Stadt richten jedes Jahr die Veranstaltung aus: Die Stadtbibliothek, das Schriftstellerhaus und das Literaturhaus Stuttgart.

Die Direktorin der Stadtbibliothek, Christine Brunner, eröffnete die Veranstaltung und stellte für die erste Lesung Anna Breitenbachvor, die von ihr zur Stuttgarter Lyriknacht eingeladen wurde. Anna Breitenbach lebt und arbeitet in Esslingen und hat in diesem Jahr ihren neuen Band Haus und Hof, Sachen, Leute im Klöpfer & Meyer Verlag vorgelegt. Er trägt den programmatischen Untertitel Brauchbare Gedichte. Texte, die klar und leichtfüßig daher kommen.

Anna Breitenbach Lyriknacht 2016

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12 Kapitel mit brauchbaren Gedichten

Der Band umfasst zwölf Kapitel, jedes von ihnen enthält zehn Gedichte. In den Kapiteln geht es um die Niederungen und Zumutungen des Alltags. Da tauchen fremde Leute auf, auch Bekannte, jedenfalls Lebewesen: Vampire, Lampentiere, Sammler. Die Kapitel tragen lyrische Namen wie: Sachen und Sammlung, Alltag und Zumutung, Krankheit und Krise und so weiter.

Anna Breitenbach, die auch als Poetry Slammerin arbeitet, ist geübt, ihre Gedichte lebhaft-mitreißend vorzutragen. Ihre Gedichte sind leidenschaftlich lyrisch, dabei aber kunstvoll einfach. Wie zufällig ergeben sich Binnen- und Endreime einfachster Prägung. Sie lassen den Alltag in einem anderen Licht erscheinen, öffnen den Blick auf eine etwas verrückte Sicht. Oft erscheinen die Gedichte, als seien sie leicht daherkommende Bonmots. Scheinen sie auch wie lyrische Appetithäppchen so enthalten sie oft veritable Sprengkörper. So drückt sie die Empfindungen des Feuerwehrmanns im Kapitel Ego und Eigenheit z. B. so aus:

Feuerabend

hört der Brandstifter
sich müde
sagen.

Anna Breitenbach versteht es, Leerstellen zu umreißen, im entscheidenden Moment wird etwas von ihr nicht benannt. Ihre Gedichte sind oft klassisch gebaut, kommen kurz und lang daher, oft lakonisch, häufig lustvoll komisch. Das kürzeste besteht nur aus sechs Worten:

Auf den
Bahnsteigen

immer diese
Zugluft!

Eine gute Wahl der Stadtbibliothek den Abend mit den Gedichten von Anna Breitenbach zu eröffnen. Ein leichtfüßiger Auftakt voller Sprachwitz und Hintersinn.

şiir sokakta – Das Gedicht ist auf der Straße

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Astrid Braun vom Schriftstellerhaus stellte den Lyriker Achim Wagner vor, der den zweiten Teil des Abends bestritt. Er folgte gerne der Einladung des Schriftstellerhauses, eine Wiederbegegnung von ihm mit dem Haus. Im Jahr 2010 weilte er als Stipenditat des Schriftstellerhauses in Stuttgart. Er entführte die Zuhörer in die Poesie auf den Straßen türkischer Großstädte. Ausführlicher Artikel dazu siehe hier.

Nach einer Pause, in der von der Stadtbibliothek für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt wurde und in der lebhafte Diskussionen des lyrikaffinen Publikums stattfanden, ging es im dritten Teil der Lyriknacht mit zwei jungen Lyrikerinnen weiter. Sie lasen auf Einladung des Literaturhauses. Die Leiterin des Literaturhauses, Dr. Stefanie Stegmann, stellte sie vor: Ulrike Almut Sandig und Kerstin Preiwuß.

Zwei junge Lyrikerinnen aus Ostdeutschland mit eigener Sprache

Die Lesungen der zwei in Ostdeutschland geborenen und aufgewachsenen Lyrikerinnen (Preiwuß in Lübz, Sandig in Nauwalde) wurden kommentiert und moderiert von Michael Braun. Er ist ein ausgewiesener Kenner der zeitgenössischen Lyrik und als Lyrikexperte ein gern gesehener Gast im Deutschlandradio, wenn es um neue Lyrikbände geht. Seit 1994 moderiert er das Erlanger Poetenfest und gab zahlreiche Anthologien zeitgenössischer Lyrik heraus.

Kerstin Preiwuß tauchte mit ihren Gedichten aus ihrem neuen Band Gespür für Licht tief in die Märchen und Mythen ein. Höhlenfisch, Aalmutter, Wasserweib und Windsbraut, alles Gestalten aus bekannten Märchen, geistern durch ihre Zeilen. Es sind Schöpfungsgeschichten, von der Sprache der Märchen inspiriert. Ein thematisch hermetisch geschlossener Band. Im Gespräch mit Michael Braun erläuterte sie ihre Poetik. Michael Braun und Kerstin Preiwuß begegneten sich bereits auf dem Erlanger Poetenfest, wo sie sich gegenseitig schätzen lernten. Das ist im Gespräch deutlich zu spüren. Eine Kostprobe zeigt dieses Video.

Das Gedicht als Performance

Ulrike Almut Sandig wurde von ihrem Verleger gedrängt, ihren neuen Lyrikband mit einem Titel zu versehen, der als längster Buchtitel der Saison angesehen werden kann:

ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemäde übereinandergelegt.


Diese Zeilen sind Teil eines Gedichts, das die Lyrikerin, mit Musik unterlegt, an diesem Abend performte. Sie arbeitet mit Musikern zusammen. Sie begreift sich eher als „sprechende Dichterin“, die ihre Gedichte gerne live dem Publikum darbietet. Ihr Einwand, ein solcher Titel würde sich nur schwer verkaufen lassen, wischte ihr Verleger Klaus Schöffling beiseite. Lyrik sei grundsätzlich ein Spartenprodukt und schwer verkaufbar, da wäre ein sperriger Titel gerade für das Lyrikpublikum Lockmittel.

Sie versteht es, ihre Gedichte zu kunstvollen Ohrwürmern zu machen. Wie Kerstin Preiwuß bedient sie sich am Grimm’schen Märchenfundus, wurzeln sie fest in einer Gegenwart. Mit dem Klangorgan ihrer ganz eigenen Sprache erfasst Ulrike Almut Sandig präzise die Untiefen zeitgeschichtlicher Unheimlichkeit und zeichnet den utopischen Gegenentwurf eines Heimatlandes, in dem der Mensch kein „Vieh ohn‘ Seele und Fell“ ist, sondern aufrecht sagen kann: „ich bin“.

Zusammenstellung der Gedichtbände, aus denen an diesem Abend gelesen wurde:

Anna Breitenbach
Haus und Hof, Sachen, Leute
Brauchbare Gedichte
180 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €

Kerstin Preiwuß
Gespür für Licht
Gedichte
128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Berlin Verlag, Preis: 18,00 €

Ulrike Almut Sandig
ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt
Neue Gedichte
96 Seiten, Leinen, Großformat, Lesebändchen
Schöffling & Co, Preis: 22,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Walle Sayer steckt viel in die Streichholzschachtel

07.04.2016 at 1:26
Walle Sayer in der Stadtbibliothek

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Die LesBar der Stadtbibliothek ist keine Streichholzschachtel, trotzdem erstaunlich, wie viele Zuhörer in diesem Kleinod hoch oben in der Stadtbibliothek bei der Lesung von Walle Sayer am 5. April darin Platz fanden. Viel literarische Prominenz aus Stuttgart war vertreten, um dem Autor des Klöpfer & Meyer Verlages zuzuhören. Man kennt sich in der Szene und der Verlag Klöpfer & Meyer ist für einige der im Publikum sitzenden Autoren ebenfalls ein sicherer Hafen, wie er es für Walle Sayer seit nunmehr acht Büchern ist.

Ingrid Gerlach begrüßt Walle Sayer

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Seinen neuen Band untertitelte Walle Sayer mit „Feinarbeiten“. Ein treffender Titel, denn Walle Sayer ist bekannt für seinen genauen Blick auf die kleinen Dinge des Lebens, die er immer wieder zum Ausgangspunkt seiner fein gearbeiteten Texte macht. Der Autor ist seit vielen Jahren dem Schriftstellerhaus verbunden und so verwundert es nicht, dass dessen Geschäftsführerin Astrid Braun diesen Abend moderierte. Die gegenseitige Wertschätzung und Empathie durchzog den Abend von Anfang an, das fing schon mit der herzlichen Begrüßung durch Ingrid Gerlach als Vertreterin der Stadtbibliothek an.

Walle Sayer brennt für das Schreiben

Walle Sayer ist einer, der schon früh für sich entschied, die Schriftstellerei zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Er absolvierte zwar eine Banklehre, aber die Ausbildung konnte seine Liebe zur Literatur nicht verdrängen. Für Astrid Braun ist Walle Sayer ein lebendes Beispiel, wie Literatur ein Leben im wortwörtlichen Sinne verändern kann, wenn man sich ihr ganz und gar hingibt. Aber vom Schreiben allein kann er nicht leben. Und da er Verantwortung für eine Familie hat, musste er sich zwei berufliche „Flügel“ zulegen: er arbeitet als Nachtportier in einem Hotel und als Kellner in einer Kulturgaststätte in Horb. Die Gedichte des Lyrikers und Essayisten Walter Helmut Fritz seien für ihn die Initialzündung gewesen, selber mit dem Schreiben anzufangen, verrät er zu Anfang des Gesprächs. Und er beginnt seine Lesung mit dem Text „Leseausweis“. Darin beschreibt er einen Jungen, der sich lesend neue Welten erschließt.

Walle Sayer Mikrofon

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Walle Sayer hat seinen Band in neun Kapitel aufgeteilt, die lediglich mit römischen Ziffern tragen. Doch er legt Wert auf Überschriften zu seinen Texten. Der erste Text eines Bandes hat für ihn immer etwas Programmatisches, erläutert Walle Sayer. Der erste Text in diesem Band trägt die Überschrift „Photographisch“ und er hat ein Zitat von Fernando Pessoa dem Text voran gestellt: „Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind.“ Und schon in diesem Text tauchen die wunderbaren poetischen Bilder des Autors auf, wenn er von „müden Straßenlampen“ schreibt, von den „Neun Zwergen in einem Vorgarten, die keinerlei Putschplan haben“ und von der „Fellfarbe der Scheunenwand“.

Stetiges Arbeiten am Text verleiht ihm Tiefe

Walle Sayer ist ein Wortesammler. Was er notiert, kann zu einem Text werden, ein Klang als Ausgangspunkt einer nächsten Betrachtung dienen. Die tägliche Zeitungslektüre ist für ihn eine unermessliche Fundgrube. Ein ganzes Kapitel hat er seiner Zeitungsausschnittsammlung gewidmet. Er arbeite lange an seinen Texten, überarbeitet sie ein ums andere Mal. Selbst wenn Texte in Zeitschriften veröffentlicht sind, nimmt er manchmal noch Änderungen vor. Sind sie allerdings als Buch erschienen, dann ist der Prozess auch für ihn endgültig abgeschlossen.

Walle Sayer Detail

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Immer wieder sind es die Kleinigkeiten, die sonst nicht erwähnten Dinge, die Walle Sayer in seinen Texten in ungewöhnliche Worte kleidet, die er an diesem Abend dem Publikum nahe bringt. Diese Liebe zum Detail seine Verbundenheit mit dem Strom des Lebens werden in der Lesung deutlich. In der ihm eigenen Bescheidenheit nimmt er sich die Zeit, die Zuhörer quer durch sein ganzes Buch zu führen und einen Einblick in sein poetisches Schaffen zu geben. Wer ihm an diesem Abend zugehört hat, hat eine Ahnung davon bekommen können, dass es ist nicht immer der ausufernde Roman ist, der dem Leser eine Welt eröffnet, es sind auch die kurzen Texte dieses in der schwäbischen Landschaft fest verankerten Schriftstellers Walle Sayer.

Was in die Steichholzschachtel passte - Walle Sayer

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Was in die Streichholzschachtel paßte
Feinarbeiten
124 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Eine Rezension gibt es hier.

Internationaler Frauentag – bunt und fantasievoll

10.03.2016 at 12:11
Justyna Koeke mit ihren Models gestalten den diesjährigen internationalen Frauentag.

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Völlig aus dem Rahmen zelebrierte die Künstlerin Justyna Koeke mit ihren Models den diesjährigen internationalen Frauentag. Die Stadtbibliothek Stuttgart hatte der Performancekünstlerin ihren zentralen Raum, das „Herz“, für eine Modenshow unter dem Motto „Prinzessinnen und Heilige“ zur Verfügung gestellt. Der Andrang der Zuschauerinnen und Zuschauer war überwältigend. Justyna Koeke hatte nach Kinderzeichnungen von ihr und ihrer Schwester Kostüme gestaltet, die 15 Models präsentierten. Die Models fand die Künstlerin in verschiedenen Altenheimen.

Doch zu Beginn der Fashion Show zeigte die finnische Künstlerin Mimosa Pale ihre „Cotton Candy Performance“:

Die finnische Künstlerin Mimosa Pale

Cotton Candy Performance

Zur Musik tanzend, mit Essstäbchen auf dem Körper, kleidete Mimosa Pale sich zusehends in Zuckerwatte, die in zwei Zuckerwattebottichen hergestellt wurde, wie man sie vom Jahrmarkt her kennt. (Video der Performance hier.) Nach der Cotton Candy Performance rollten zwei Helfer schnell die erste Teppichlage von den Laufstegen, so dass die Seniorinnen befreit von Zuckerwatteresten positiv und energiegeladen ihre farbenprächtigen Kostümen als surreal-fantastische Prinzessinnen und Heilige auf dem Laufsteg präsentieren konnten.

Frau mit Puppe von Justyna Koeke

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Traumwelten von Justyna Koeke

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Justyna Koeke hatte die Kinderzeichnungen in detailverliebten Entwürfe übertragen und Kostüme geschneidert, die ebenso sehr Skulptur sind wie Haute Couture, aber auch als Nachstellung vergangener Träume erscheinen. Die Seniorinnen interagierten als Models mit den Kunstwerken. Als Prinzessinnen und Heilige inszeniert, erweckten sie die Skulptur gewordenen Kindheitsträume zum Leben.

Die Künstlerin Justyna Koeke

Justyna Koeke präsentiert die Beteiligten an der Show

Die Choreografie gestaltete Lisa Thomas, für die musikalische Untermalung sorgten die Musikerinnen Katharina Wibmer an der Geige und Monika Nuber am Kontrabass. Sie mischten osteuropäisch-folkloristischen Klänge mit experimenteller Musik.

Carolin Callies erhält Thaddäus-Troll-Preis

05.12.2015 at 7:24
Carolin Callies und Ingrid Bussmann

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Am 30. November 2015 wurde im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek Stuttgart die Lyrikerin Carolin Callies mit dem Thaddäus-Troll-Preis 2015 ausgezeichnet. Sie erhielt den mit 10.000 € dotierten Literaturpreis für ihren Gedichtzyklus fünf sinne & nur ein besteckkasten, der im Frühjahr bei Schöffling & Co verlegt wurde.

Ingrid Bussmann vom Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg

Ingrid Bussmann

Ingrid Bussmann, Vorsitzende des Vereins „Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V“, stellte die Preisträgerin als eine junge Lyrikerin vor, die sich in kurzer Zeit einen Namen in der Lyrik gemacht hat. Sie war Teilnehmerin des 17. open mike 2009, hat in wichtigen Zeitschriften veröffentlicht (Bella Triste, Allmende, POET, Neue Rundschau) und ihre Gedichte wurden 2011 und 2013 im Jahrbuch der Lyrik abgedruckt. Ihr Laudator, Richard Kämmerlings, schrieb über sie in der Zeitung Die Welt: „Carolin Callies schreibt das wichtigste lyrische Debüt der Saison.“ So verwundert es nicht, dass Richard Kämmerlings ihr Wunschkandidat für die Laudatio war.

Carolin Callies und das Besteck von Thaddäus Troll

Carolin Callies bezog sich in ihrer Lesung auf Thaddäus Troll. Wie Hans Beyer nahm sie einen neuen Namen an, wählte allerdings kein Pseudonym. Ihr Namenswechsel war das Ergebnis ihrer Heirat. Aus Dabrowski wurde Callies. Zu Beginn ihrer Lesung präsentierte sie den kleinen Werbe-Band „Schöner Essen“ von Thaddäus Troll, den er im Auftrag der Besteckindustrie geschrieben hatte. Eine gute Überleitung zu ihren eigenen Gedichten aus dem Band fünf sinne & nur ein besteckkasten, den sie in einer kleinen Auswahl präsentierte. (Ein kurzer Videoausschnitt hier.) Darin untersucht sie den menschlichen Körper. Den Blick auf die Schönheit des Körpers überlässt sie anderen. Sie seziert den Körper, untersucht die Ausscheidung in ihren Gedichten. Die Zeitlichkeit und Fragilität des menschlichen Körpers ist ein durchgehendes Thema in ihren Gedichten. Ein wohliges Gefühl will sich beim Hören der Gedichte nicht einstellen.

Fortwährende Sezierung

Richard Kämmerlings hält die Laudatio auf Carolin Callies

Richard Kämmerlings, Leitender Feuilletonredakteur der Welt, hält die Laudatio

Es schien, als müsse Richard Kämmerlings sich seines eigenen Körpers bei der Laudatio immer wieder vergewissern: ständig in Bewegung, mit kleinen Schritten vor und zurück, seitwärts, hielt er seine Rede, in der er die lyrischen Feinheiten der Carolin Callies unter das Seziermesser seiner Überlegungen legte. Seine Bewunderung für das Werk der jungen Autorin schwang stets in seinen Worten mit. Richard Kämmerlings las bei Carolin Callis, dass der Körper kein keimfreies, geruchsloses Hochglanzprodukt ist, wie es uns die Schönheitsindustrie verkaufen will. Vielmehr werden die Körper in den Gedichten als wandelnde Wunden, die nässen, die urinieren, die schwitzen und spucken beschrieben. Somit sind die Körper-Grenzen durchlässig zur Welt, in der sie sich bewegen. Die Grenze zwischen innen und außen hebt sie auf. Ihre Verse verbindet sie gerne mit dem Kaufmanns-Und, das sie stilistisch immer wieder einsetzt:

„die lippen sind ein seltsamer lappen // & dort, wo sie öffnen, da liegn sie heut noch / & setzen flüssigkeiten frei“

Noch eine Zerlegung/Sezierung an diesem Abend bot der Pianist Andreas Bennend. Gewohnte Hörgewohnheiten stellte er mit den Kompositionen von Georg Crump und eigenen, modernen Kompositionen am Flügel des Festsaals in Frage.

carolin_callies_04Die Lyrikerin Carmen Kotarski begründete das Urteil der Jury, den diesjährigen Thaddäus-Troll-Preis an Carolin Callies zu vergeben. Sie ist selber Mitglied der Jury und eine gewisse Freude, den Preis an eine Kollegin zu vergeben, konnte man aus ihrer Rede heraushören.

fünf sinne & nur ein besteckkasten
Umschlagcollage von Ror Wolf
112 Seiten, in Leinen gebunden, mit Lesebändchen
Schöffling &Co, Preis: 18,95 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Ulrike Schäfer – Nachts, nah bei uns

23.10.2015 at 6:00
ulrike schäfer

Zwei, die sich mögen

 

Ulrike Schäfer stellte in der Stadtbibliothek Stuttgart am 20. November ihren ersten Band mit Erzählungen vor: Nachts, weit von hier. Gerade ist er im Klöpfer & Meyer Verlag erschienen. Obwohl in Würzburg ansässig, war es für sie ein Heimspiel. Sie fühlt sich in Stuttgart heimisch, ein viertel Jahr hat sie Anfang des Jahres im Schriftstellerhaus als Stipendiatin gewohnt.

Mit der Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses Astrid Braun, verbindet sie eine Freudschaft, seit sie während ihres Stipendiums mit ihr über die Geschichten diskutiert hat, die nun den Band füllen. Diese freundschaftliche Beziehung trat in dem Gespräch zutage, das die beiden miteinander an diesem Abend führten. Drei Geschichten aus ihrem Band mit Kurzgeschichten las sie, begann mit der titelgebenden Geschichte „Nachts, weit von hier“.

Die Ich-Perspektive prägen die Geschichten von Ulrike Schäfer

ulrike schäfer Nachts, weit von hier

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Bei Ulrike Schäfer versteht man nicht gleich, ob die Ich-Perspektive aus der Sicht einer Frau oder eines Mannes geschrieben ist. Der Leser muss die Beschreibungen genau lesen, um diese Frage entscheiden zu können. Ulrike Schäfer hat, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete, das Business-Leben einer „Free Lancerin“ gelebt. Die studierte Germanistin und Informatikerin arbeitete lange Zeit als Softwareberaterin, hat große Firmen beraten und lebte während ihrer Aufenthalte in den Städten ihrer Auftraggeber in Hotels, wie ihre Protagonistin in dieser bedrückenden Geschichte: Ein von Schlaflosigkeit geplagte Frau, die einen Übergriff auf eine Frau von ihrem Hotelzimmer aus beobachtet, von dem sie später nicht mehr weiß, ob er sich wirklich zugetragen hat oder nicht. Den Mut einzugreifen hatte sie nicht. Erst viel später meldet sie den Vorfall der Polizei und auf die Frage, wann und wo der Überfall stattgefunden hat, antwortet die Frau der Ich-Erzählung: „Nachts, weit von hier.“

Es ist der besondere Ton ihrer Geschichten, der aufhorchen lässt und große Spannung unter den Zuhörern erzeugt. Immer wieder rhythmisiert sie ihre Geschichten durch Dopplungen und man wünscht sich, die Geschichten mögen nicht aufhören, so einfühlsam schildert sie ihre Figuren. Daher auch die Frage aus der Zuhörerschaft, ob sie an einem Romanprojekt arbeite. Sie liebe die Strenge der Dramaturgie und wie sie auf engstem Raum eine Welt erschaffen könne, antwortete sie, ob sie das in einem umfangreicheren Romanprojekt umsetzten kann, ließ sie offen. Längere Texte verfasst Ulrike Schäfer fürs Theater. Gerade ist ein Stück entstanden, den Auftrag für ein weiteres Theaterstück hat sie soeben erhalten.

Die zweite an diesem Abend gelesen Geschichte, „Nele“ erzählt von der geglaubten, unendlich währenden Freundschaft zweier Mädchen. Bis die Pubertät einsetzt und das Interesse an Jungen die Perspektive – wieder eine Ich-Erzählerin – verschiebt. Und der tödliche Unfall der Freundin lässt sie ihr Leben lang nicht los.

Ein ins ungewisse geöffnetes Herz

Mit einer „hellen Geschichte“ beschloss Ulrike Schäfer ihre Lesung: „Gelika entdeckt die Liebe“. In dreißig alten Briefen an eine verflossene Liebe entdeckt sie die Liebe auf dem Dachboden, die sie vor dreißig Jahren erlebt hat und die sie aus ihrem Leben geschoben hat, um im Alltag funktionieren zu können. Die Lektüre dieser alten Briefe wirft sie aus der Bahn, so sehr, dass sie sich auf den Weg macht zu dem, in einem anderen Kontinent lebenden, Menschen. Und am Ende der Geschichte spürt Gelika, „… dass es anders ist, fühlt, wie es schlägt: ein ins ungewisse geöffnetes Herz.“

Ulrike Schäfer "Nachts, weit von hier"

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Nachts, weit von hier
Erzählungen
184 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Susanne Stephan präsentiert „Haydns Papagei“

09.10.2015 at 20:58
Susanne Stephan "Haydns Papagei"

Susanne Stephan liest in der Stadtbibliothek Stuttgart

Die Buchpremiere von Susanne Stephans neuem Lyrikband Haydns Papagei am 8. Oktober in der Stadtbibliothek Stuttgart ist ein Heimspiel für die Stuttgarter Autorin: fast der gesamt Vorstand des Schriftstellerhauses, dem sie selber angehört, war anwesend. Mann und Sohn waren gekommen (die Tochter verhindert durch eine Mathematikprüfung in Freiburg, in deren Stresssituation sich Susanne Stephan sehr gut hineinversetzten kann) ebenso wie Weggefährten aus der „Stolpersteingruppe“. Die Erwähnung dieser Gruppe der Zivilgesellschaft wirft ein Licht auf das gesellschaftliche Engagement dieser Lyrikerin, die sich nicht in Abgeschiedenheit der Wortdrechselei hingibt.

Susanne Stephan sei mit ihrem Werk in der Stadtbibliothek seit vielen Jahren präsent, lobt Ingrid Gerlach von der Bibliothek in ihrer Begrüßung das Œvre der Lyrikerin. Für Schriftsteller aus der Region gibt es eine eigene Präsenssammlung, in der sie mit ihrem Werk vertreten ist, ebenso wie in der umfangreichen Lyriksammlung, der Stadtbibliothek.

Walle Sayer führt in seinem einleitenden Essay sehr kenntnisreich in den neuen Lyrikband ein, hebt aber auch die Unterschiede zu den beiden ersten Bänden hervor, die um die Beschreibung von lyrischen Orten kreisten: Tankstellengedichte (2003) und Gegenzauber (2008). In dem neuen Band nimmt die Musik breiten Raum ein. Biografische Elemente sind immer wieder in die Gedichte eingewoben. Eine Rezension des Bandes habe ich hier im Elsternest geschrieben.

Ein Nachruf auf Haydn

Natürlich beginnt Susanne Stephan ihre Lesung mit dem Gedicht „Haydn nachgerufen“. Der darin beschriebene Papagei findet sich im Titel des Bandes wieder. Es ist ein Nachruf in Form einer Ballade, ausgehend von dem Papagei, der aus dem Nachlass des Komponisten zur Versteigerung kam. Weitere Gedichte aus dem Zyklus „Balladen“ trägt sie vor, die sich alle um musikalische Themen drehen, seien es Texte zu Chopin, Mozart oder Beethoven. Der letzte Brief von Schubert, den Susanne Stephan in Wien in einem Museum gesehen hat, war der Ausgangspunkt für das Gedicht „Frontier“. Darin bittet Schubert um einen weiteren Roman von Cooper, einen, wie im Gedicht beschrieben, noch nicht gedruckten und noch nicht einmal geschrieben.

Susanne Stephan verwendet starke lyrische Bilder

Susanne Stephan

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Es sind immer wieder starke Bilder, die Susanne Stephan zum Ausgangspunkt ihres lyrischen Schaffens macht, wie sie im Werkstattgespräch mit Walle Sayer erklärt. Mit Walle Sayer hat sie einen einfühlsamen Gesprächspartner an ihrer Seite. Beide kennen sich seit Jahren, beide veröffentlichen im Klöpfer& Meyer Verlag, beide sind Lyriker. Das hätte auch zu einem Wortwechsel führen können, denn das Feld der Lyrik in der deutschen Literaturlandschaft ist ein kleines und die Konkurrenz lauert zwischen den Zeilen. Ihre kollegiale Freundschaft ist ein Glücksfall für das Werkstattgespräch, das getragen ist von Empathie und Respekt, nicht von Konkurrenz. Im Gegensatz zu einigen zeitgenössigen Autoren, die ihr Schreiben einer von ihnen definierten Poetik ausrichten, kann Susanne Stephan keine Poetik benennen. Ihre Poetik scheint durch ihre Gedichte hindurch wie durch einen feinen Seidenstoff. Auch ihre Gedichte sind fein gewebt.

Susanne Stephan "Haydns Papagei"Haydns Papagei
Gedichte
128 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
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Leif Randt – Wo ist die Sonne?

23.07.2015 at 18:03
Leif Randt und Wolfgang Tischer

Leif Randt und Wolfgang Tischer in der Stadtbibliothek Stuttgart

 

Die Vorstellung des neuen Romans von Leif Randt gerät in Konkurrenz zu unserer Sonne. Nur wenige wollen sich offensichtlich in fremde Sonnensystemen entführen lassen, wenn die eigene Sonne den Planeten Erde so heftig aufheizt. Bleiernd schwer die Hitze, die an diesem Abend des 21.07.2014 im Café LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart das Thermometer in die Höhe treibt und die Besucher der Lesung von Leif Randt fest im Griff hat.

Die Welt, die Leif Randt in seinem Roman Planet Magnon erschaffen hat, ist so ganz anders als die uns bekannte. Er hat nicht nur eine Welt erschaffen sondern ein ganzes Sonnensystem, bestehend aus Planeten und Monden. Sechs Planeten werden von menschenähnlichen Wesen bewohnt. Ein postdemokratisches Paradies wird von Leif Randt beschrieben, in dem man Mitgefühl und Begeisterung beseitigt hat.

Das Programm Actual Sanity regiert dieses Sonnensystems und trifft auf Grundlage von perfekter Statistik und totalem Wohlstand die fairsten Entscheidungen für seine Bewohner. Demokratische Strukturen, die auf Veränderung und Verbesserung der Gesellschaft gerichtet sind, werden so überflüssig

Die Kritik lobt Leif Randt

Leif Randt erzählt im Gespräch mit Wolfgang Tischer über seinen Verlagswechsel. Für seinen dritten Roman ging er vom Berlin Verlag zu Kiepenheuer&Witsch. Die Gestalterin, die ihm den Umschlag seines Romans Schimmernder Dunst über Coby County entworfen hat, nahm auch die Gestaltung des neuen Romans in die Hände. Der 1983 in Frankfurt geborene Autor hat in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gewann er 2011 den Ernst-Willner-Preis mit einem Auszug aus Schimmernder Dunst über Coby Country. Das Buch war zum Zeitpunkt des Wettbewerbes schon fertig gestellt. Dieser Roman wie auch sein neues Werk sind von der Literaturkritik positiv aufgenommen worden. Aber auch in Science Fiction Kreisen wird der Roman gelobt, wie Leif Randt berichtet. Sein Roman wurde in verschiedenen SF-Foren lobend besprochen. Der Roman verortet sich im Bereich der Science Fiction ohne die Technikaffinität zu haben, die große Teile der SF-Literatur auszeichnet.

Leif Randt liest

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Mit zwei längeren Textauszügen entführt Leif Randt seine Zuhörer an diesem Abend in seine phantastische Welt. Als die Besucher der Veranstaltung das Gebäude verlassen, wird schlagartig klar, dass sie sich auf der sommerlich aufgeheizten Erde befinden und nicht in fernen Galaxien.

Planet Magnon
304 Seiten, gebunden
Verlag Kiepenheuer&Witsch, Preis 19,99 €

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„3durch3“: Die hohe Kunst der Sprache

18.07.2015 at 11:34
3durch3:

3durch3: Dalibor Markovic, Bas Böttcher und Nora Gomringer unterwegs im Boombastic Lyrikwunderland

 

Die Reihe „3durch3“ lädt die „crème de la crème“ der internationalen Sprachkunst ein. Sie wird von der Stadtbibliothek Stuttgart sowie dem Kunsttempel und der Stiftung Brückner-Kühner in Kassel veranstaltet. Jeweils drei Sprachkünstler aus verschiedenen Ländern und Generationen kommen zu einem gemeinsamen Abend zusammen.

Am 16.07.2015 machen sie sich in der Stadtbibliothek Stuttgart auf, um in den Innenraum der Sprache zu gelangen. Erkunden die weißen Flecken auf der Landkarte der Poesie. An diesem Abend sind die Besten der Szene, Bas Böttcher, Nora Gomringer und Dalibor Markovic, unterwegs im Boombastic Lyrikwunderland.

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3durch3: Sprache für die Jugend

Nora Gomringer hat gerade den Ingeborg Bachmann-Preis gewonnen, zu dem ihr Friedrich Block, Leiter der Stiftung Brückner-Kühner, gratuliert. Er führt in den Abend ein und nennt drei wichtige Elemente der Poetry Slam Szene: Radikalität, Performance (im Sinne von Durchdringung der Bereiche Bühne, Sprache, Wortkunst) und nicht zuletzt Humor. Poetry Slam hat die gesprochene Literatur entscheidend in den zurückliegenden zwanzig Jahren vor allem für die Jugend geöffnet.

Und dann legen die drei Künstler los, zeigen die vielfältigen Möglichkeiten poetischer Sprachgestaltung auf, changieren zwischen experimentell, spielerisch, kritisch und würzen immer wieder mit einer großen Portion Humor. Gemeinsam haben sie mehrfach Veranstaltungen bestritten, sie können sich ganz aufeinander verlassen, geben sich gegenseitig Stichworte und gehen mit ihren Texten auf den Vorredner ein. Poetry Slam lebt vom frei gesprochen Wort und das beherrschen die drei. Nur Nora Gomringer greift immer mal wieder zu ihren Büchern, um daraus zu zitieren.

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Vocal Percussion trifft Lyrik

Die Texte haben durchweg einen hohen sprachlichen Standart. Verblüffend, wie virtuos die drei mit Sprache umgehen können. Dalibor Markovic kommt ursprünglich aus der Musikszene, jahrelang hat er als Beat Boxer gearbeitet. Er streut immer wieder rhythmische Elemente, nur mit dem Mund geformt, in seine Poesie ein (Vocal Percussion). Markovic rhythmisiert die Sprache, wie es viele Slamer machen, zaubert aber auch mal ein Gedicht als Kuchen, mit einem Teig aus Versmaß, einer Glasur aus Lyrik und einer Füllung aus Gesellschaft. Mit schlaff hängender Jeans, das Mikrofon eine Verlängerung seiner lässigen Handbewegungen, steht er mit glatt rasiertem Schädel auf der Bühne.

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Bei dem ganz in Schwarz gekleideten Bas Böttcher lenkt nichts Äußeres von seinen in Reimen gekleideten Texten ab. Seine Texte rappen. Es eröffnet sich eine Dimension der Texte, die ihre Liebe und unendliche Leidenschaft für Konsonanten, Alliterationen und Endungen, andauernde Mehrdeutigkeiten zelebriert. Kurz, er verwandelt Silbenklang in Literatur. Seine unglaublich kompakt und fließend montierten Langzeilen treiben höher und höher, spielen mit Worten und Bedeutungen. Hip Hop als erlesene Reimkunst und Geschichtenerzählen.

Wie eine Opernsängerin steht Nora Gomringer auf der Bühne und schwitzt und lächelt ihre hintergründigen Texte ins Publikum. Sie intoniert regelrecht ihre Gedichte und Texte, flüstert, gestikuliert und drückt somit das pralle Leben aus, das in ihre Textzeilen gegossen ist. Einen Text rezitiert sie zusammen mit Dalibor Markovic, der mit seiner Vocal Percussion den Text zusätzlich rhythmisch anreichert.

Das Publikum im Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek quittiert immer wieder die Texte der drei Wortakrobaten mit langem Beifall. Ungewöhnlich für eine literarische Veranstaltung, dass das Publikum sich am Ende noch eine Zugabe erklatscht.

Einblicke in das Programm Boombastic Lyrikwunderland gewährt der SWR2 hier. Nachhören kann man die Veranstaltungen von 3durch3 auch hier.

Michael Wildenhain in der Stadtbibliothek Stuttgart

22.06.2015 at 14:34
Michael Wildenhain und Silke Arning

Michael Wildenhain und Silke Arning

 

Michael Wildenhain wird von der Kritik als versierter Roman-Konstrukteur bezeichnet, sagte Silke Arning bei der Lesung von ihm in der Stadtbibliothek Stuttgart am 17. Juni 2015. Sein Buch, „Das Lächeln der Alligatoren“, hatte es immerhin bis auf die Short-List zum Preis der Leipziger Buchmesse 2015 geschafft. Er unterlag dem Lyriker Jan Wagner und dessen Band „Regentonnenvariationen“.

Michael Wildenhain, 1958 geboren, veröffentlichte zahlreiche Romane, Kinder- und Jugendbücher, Gedicht- und Erzählbände sowie Theaterstücke. Zuletzt sind von ihm die Romane Russisch Brot (2005) und Träumer des Absoluten (2008) erschienen, zudem ein Auswahlband seiner Theaterstücke (2013). Er wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Alfred-Döblin-Preis, dem Ernst-Willner-Preis und dem Stipendium der Villa Massimo.

Michael Wildenhain benutzt unterschiedliche Sprachen in seinem Roman, abhängig davon, was von wem erzählt wird. Er entwickelt langsam, aber in intensiven Bildern das Verhältnis von Matthias zu seinem behinderten Bruder, der in einem Heim auf Sylt betreut wird. Er selber hatte als kleiner Junge seinen Bruder nächtens aus dem Bett gestoßen. Es ist nichts Böses dabei gewesen, es war nur eine kleine Rangelei, aber der Bruder erlitt ein Hirntrauma, das ihn zum geistig behinderten Autisten machte. Der Vater verließ daraufhin die Familie aus Kummer, die Mutter starb an Krebs.

Ein Besuch im Heim, Jahre später, nimmt eine unerwartete Wendung, als Matthias sich in Marta verliebt, die Betreuerin seines Bruders. Sie führt ihn in Studentenkreise ein, die einer radikalen Gruppierung angehören. Matthias lässt sich auf Marta und ihre Überzeugungen ein, ignoriert Vorzeichen und Zweifel. Was Martas Absichten sind, wird ihm erst allzu spät klar, sie arbeitet für die RAF.

Auf einer zweiten Ebene wird die Vergangenheit seines Onkels verhandelt, Er, der ihn an Vaterstatt aufgenommen hat, ist Neurologe und Psychologe, Spezialist vor allem für die Gehirne von Kindern und bewohnt eine luxuriöse Villa im Berliner Westend. Als er in den Papieren des Verstorbenen liest, muss er erkennen, dass dieser zu NS-Zeiten an Kinderhirnen forschte. Auch Matthias nimmt die Gehirnfunktionen in seinem Studium der Mathematik und Informatik in den Blick. Mit seinen Forschungen zur natürlichen Intelligenz will er die Folgen des Unfalls seines Bruders mindern. Da ist sein Onkel aber längst ins Visier der RAF gekommen, Martha erschießt seinen Onkel.

Michael Wildenhain erzählt in Zeitsprüngen

Diese Geschichte wir in vielen Rückblenden erzählt. Bis auf eine kurze Anfangspassage ist Matthias der Ich-Erzähler. Die Handlung wird in drei großen Zeitsprüngen erzählt: Sie ist im ersten Teil auf Sylt im Jahr 1972 angesiedelt. Dort trifft er im Heim erstmals auf Martha, die Pflegerin seines Bruders. Im zweiten Teil (West Berlin 1977) trifft er Martha wieder. Sie hat sich der RAF angeschlossen. Der dritte Teil ist in der Gegenwart angesiedelt, Handlungsorte sind Hamburg und Sylt.

Der Autor kennt sich aus mit den Motiven von Terror, Gewalt und deutscher Verstrickung. Michael Wildenhain hat den Linksextremismus in der Hausbesetzerszene Berlin-Kreuzbergs am eigenen Leib kennengelernt und hat ihn für seine Literatur genutzt (zum Beispiel k., 1983) Auch setzte er sich mit den einmal erlebten Denkmustern mehrfach in Romanen über die RAF auseinander.

Das Lächeln der Alligatoren
241 Seiten, gebunden
Verlag Klett-Cotta, Preis 19,95 €

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Judith Schalansky liest ein Buch …, auch in der Stadtbibliothek

12.05.2015 at 15:01
Judith Schalansky, Daniela Strigl

Judith Schalansky im Gespräch mit Daniela Strigl

 

Wer am 11.05.2015 der Einladung des Schriftstellerhauses folgte und in der Stadtbibliothek die Eröffnungsveranstaltung zu Stuttgart liest ein Buch erlebte, bekam einen allumfassenden Einblick in das Schaffen von Judith Schalansky.

Astrid Braun, Schriftstellerhaus

Astrid Braun, Geschäftsführerin Schriftstellerhaus und Projektleiterin, eröffnet die Veranstaltung

14 Tage ein großes Lesefest

Die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, erläuterte in ihrer Begrüßungsrede den Titel des Lesefestes. Es heißt eben nicht: Stuttgart liest ein Stuttgart-Buch. Daher muss es auch kein Stuttgarter Autor sein, der im Mittelpunkt des vierzehntägigen Lesefestes steht. Die Auswahl der Jury fiel auf die in Berlin lebende Autorin Judith Schalansky, die mit „Der Hals der Giraffe“ einen verstörenden Bildungsroman vorgelegt hat. Dieses Buch hat Facetten und spricht Themenkomplexe an, die zur intensiven Auseinandersetzung mit dem Text einladen. Dies wird in den nächsten Veranstaltungen vielfältig geboten.

Isabel Fezer

Isabel Fezer begrüßt die Autorin und die Anwesenden im Namen der Stadt Stuttgart

Das Vergnügen des gemeinsamen Lesens strich Isabel Fezer, Bürgermeisterin für Soziales, Jugend und Gesundheit der Stadt Stuttgart, heraus. Sie knüpfte dabei an eigene Erfahrungen aus ihrem Studium an, als sie den Zauberberg las. Isabel Fezer überbrachte Grüße des OB Fritz Kuhn. Die Stadt Stuttgart hat mit ihren Projektmitteln dieses Lesefest überhaupt möglich gemacht.
Im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin und –kritikerin Daniela Strigl wurde das Werk von Judith Schalansky in den Mittelpunkt gerückt. Sie ist nicht nur eine erfolgreiche Autorin sondern auch eine preisgekrönte Buchgestalterin. Für Judith Schalansky ist das Buch immer ein Gesamtkunstwerk. Deshalb gibt die studierte Kommunikationsdesignerin die Gestaltung ihrer Bücher auch nicht in fremde Hände. Die Haptik und die gelungene Typografie des Buches in der gebundenen Fassung lässt den Leser den Roman gerne in die Hand nehmen. Eingebunden mit grobem, grauem Leinen, rutschen die Finger nicht ab. Ein Schutzumschlag wird überflüssig. Dadurch vermittelt es den Eindruck, sich selbst ausreichend schützen zu können. Die Gestaltung der Taschenbuchausgaben hat die Autorin ebenso sorgfältig übernommen. Ihr erstes Werk war eine Liebeserklärung an die Frakturschrift: „Fraktur mon Amour“. Dafür, wie auch für „Der Hals der Giraffe“, hat sie zahlreiche Designpreise erhalten. Die Zeichnungen im Buch führen immer wieder zum Unterrichtsfach der Protagonistin Inge Lohmark: Biologie. Sie unterrichtet am Charles-Darwin-Gymnasium in einer kleinen Stadt im vorpommerschen Hinterland. Es ist ein Landstrich, der vor dem Ausverkauf steht, ohne Zukunft, denn die Menschen ziehen weg aus der ostdeutschen Provinz und damit verliert die Schule ihre Schüler. Judith Schalansky kennt, wovon sie schreibt. Sie ist als Kind eines Lehrers und einer Lehrerin in Greifswald geboren und zur Schule gegangen. Obwohl sie nicht Lehrerin geworden ist, verfügt sie doch über einen „missionarischen Eifer“, wie sie im Gespräch mit Daniala Strigl zugibt. Der Autorin ist wichtig, ihre Ansichten dem Publikum zu vermitteln, durch den Text wie auch durch die Gestaltung. Dabei darf man ihr nicht unterstellen, die Ich-Erzählerin Inge Lohmark sei ihr alter Ego. Ganz im Gegenteil. Umso erstaunlicher, wie sie den Erzählton in dem Roman durchhält und dem Leser die Hauptperson näher bringt. Sympathie wird man für Inge Lohmark nicht aufbringen, aber Verständnis für ein Leben der Brüche und der Abbrüche.

Lesung aus "Der Hals der Giraffe"

Judith Schalansky liest aus „Der Hals der Giraffe“

Judith Schalansky ist nicht Inge Lohmark

Als Judith Schalansky dann aus dem Buch las, sprach sie mit fremder Stimme. Sie schlüpfte mit ihrem Sprachduktus ganz in die Person hinein, die der Roman so wunderbar schildert. Diese Sport- und Biologielehrerin ist verblendet und hartherzig, das wird schon auf den ersten Seiten des Romans deutlich. Aber sie hat eine Leidenschaft für die Natur und eine große Liebe zu ihrem Fach. Beides hat sie herüber gerettet aus der DDR, in der sie auch nicht angepasst war, Stammbäume von Adelsgeschlechtern hat sie zeichnen lassen, um daran die Vererbungslehre zu verdeutlichen. Biologie ist ihre Ersatzreligion. Das Scheitern der „eigenen Brutpflege“ hat sie innerlich verhärten lassen. Normalerweise wird in einem „Bildungsroman“ (so der Untertitel des Buches) der Protagonist zu einem „anderen Menschen“. Hier steht das Scheitern im Mittelpunkt, ein Scheitern, das den Leser verstört und ihn dadurch verändert. „Wichtig ist das, was uns berührt“, so die Autorin. Es drängt sich beim Lesen dieses Romans, der so viel über die Natur verrät, die Frage auf, was den Menschen veranlasst, sich als Krone der Schöpfung zu sehen. Judith Schalansky empfindet es als schwierig, immerzu Entscheidungen treffen zu müssen. Die instinktgesteuerten Tiere haben es da einfacher. Die Natur sei weder gut noch schlecht. So bleibt es auch ein Rätsel, ob die „Krone der Schöpfung“ schön ist. Immerhin haben wir durch die Evolution den aufrechten Gang bekommen. Somit haben wir eine Vorder- und Rückseite. Aber was ist mit unserer Rückseite, die wir mit unserem Augensinn nicht direkt betrachten können. Ist sie schön?
Das kluge und angeregte Gespräch zwischen der Literaturkritikerin und der Autorin ließ viele Fragen offen, die die Stuttgarter sich in den nächsten Tagen in vielen Veranstaltungen rund um den „Hals der Giraffe“ stellen können. Einen ersten Ansatz zur Auseinandersetzung mit dem Thema Natur und Fantasie machten die Gesangstudierenden im Studium für Stimmkunst und Neues Musiktheater der Musikhochschule Stuttgart: Sie boten Ausschnitte aus dem „Klangbuch der imaginären Wesen“ von Mario Verandi im kathedralenartigen Raum, dem Herzstück der Bibliothek, dar. Als das Büffet geöffnet wurde, hatten die Gästen der Eröffnungsveranstaltung zu „Stuttgart liest ein Buch“ Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Nur die Autorin hatte noch zu tun: Liebevoll signierte sie ihre Bücher, verzierte ihre Widmungen mit allerlei Stempeln und gab somit jedem Exemplar einen individuellen Anstrich.

Heute, am 12. Mai 2015, ist Judith Schalansky zu Gast im Literaturhaus Stuttgart.

Stuttgart liest ein Buch – Nun geht es los

11.05.2015 at 14:06

 

Logo Stuttgart liest ein Buch 2015

Logo der Veranstaltungsreihe: © Schriftstellerhaus

 

Mit der Auftaktveranstaltung im der Stadtbibliothek Stuttgart beginnt am 11. Mai 2015 die Veranstaltungsreihe „Stuttgart liest ein Buch“.  Die Projektleiterin und Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, hat mit ihrem Team ein beachtliches Programm rund um das Buch von Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe“, zusammen gestellt. Das Schriftstellerhaus hat sich zahlreiche Kooperationspartner ins Boot geholt, sie finden sich im Logo des Lesefests wieder. In über 20 Veranstaltungen steht der „Hals der Giraffe“ im Mittelpunkt und wird aus unterschiedlicher Sichtweise interpretiert.

Heute Abend wird Judith Schalansky  aus ihrem preisgekrönten Roman lesen und mit der Literaturwissenschaftlerin, Kritikerin, Essayistin aus Wien, Daniela Strigl, über ihren 2011 entstandenen Roman sprechen. Ihre anderen Bücher werden ebenso zu Sprache kommen wie auch ihre Arbeiten als Buchillustratorin und Buchgestalterin.

Das künstlerische Rahmenprogramm gestalten die Gesangstudierenden im Studio für Stimmkunst und Neues Musiktheater der Musikhochschule Stuttgart mit dem »Klangbuch der imaginären Wesen« von Mario Verandi.

Vorab zu „Stuttgart liest ein Buch“ hat die Stuttgarter Zeitung ein Interview mit Judith Schalansky veröffentlicht, in dem sie sich zuum Thema Darwinismus, den Schulsituation im Osten der Republik und über ihre Arbeit als Buchgestalterin äußert.

Ort der Veranstaltung: Stadtbibliothek Stuttgart, Max-Bense-Saal
Beginn: 20 Uhr, Eintritt frei

Alle Termine zu Stuttgart liest ein Buch sind auf der eigens vom Schriftstellerhaus dazu eingerichteten Homepage veröffentlicht.

Joachim Zelter rockt die LesBar

26.03.2015 at 16:05
Joachim Zelter liest aus "Wiedersehen" im Café LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart

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Joachim Zelters Lesungen sind immer amüsant und erheiternd. Das stellte auch Wolfgang Niess vom SWR fest, als er am 25. März den Autor in ein Gespräch verwickelte. Gleich nach ein paar einführenden Fragen las Joachim Zelter aus seiner gerade erschienenen Novelle „Widersehen“ und Wolfgang Niess genoss den satirisch-humoristischen Ton, ebenso wie die zahlreichen Zuhörer in der Stadtbibliothek Stuttgart.

Nach zwanzig Jahre treffen sich der Deutschlehrer Thorsten Korthausen und sein Schüler Arnold Litten wieder. Geplant, nicht spontan. Der ehemalig Schüler Arnold Litten fährt mit seiner Freundin in das Internat, in dem er sein Abitur ablegte und seine universitäre Karriere ihren Ausgangspunkt fand, um seinen Lieblingslehrer wieder zu treffen. Beide betrachten einander als Meilensteine ihres Lebens, denn auch Litten war der Lieblingsschüler von Korthausen, dem kühlen Hanseaten mit den ungewöhnlichen pädagogischen Fähigkeiten und unorthodoxen Unterrichtsmethoden. Joachim Zelter erzählt die Schulerlebnisse von Arnold Litten als Rückblende auf der Fahrt zur Wirkstätte von Arnold Littens Lehrer. Dass der Autor dieses Wiedersehen als zunehmend aus dem Ruder laufende Begegnung schildert, das zu einem bizarren Albtraum auswächst, ist bei Joachim Zelter nicht ungewöhnlich. Er liebt es, auf die Absurditäten des Alltags zu blicken.

Joachim Zelter vertraut seiner Intuition

„Widersehen“ ist, wie es auch die letzten Werke von Zelter sind, ein schmaler Band. Seine innere Intuition sage ihm, wann es genug ist. Beim Verfassen seiner Geschichten schiele er nicht auf den Buchmarkt, der Bücher von 200, 300 oder gar 500 Seiten bevorzugt, um einen hohen Verkaufspreis rechtfertigen zu können. Understatement sei allemal besser als Übertreibungen, meinte Joachim Zelter und erzählt mit Humor von den Auswüchsen im Literaturbetrieb. Sein erstes Buch hätte er etwa hundertfünfzig Mal an unterschiedliche Verlage geschickt, immer Absagen erhalten. Dann hat er angefangen, daraus vorzulesen und stellte fest, seine Zuhörer schliefen nicht ein, waren von seinem ironisch sarkastischen Stil angetan. Um überhaupt als Autor, der noch nichts veröffentlicht hatte, wahrgenommen zu werden, hätte er sich eine Vita zurechtlegen müssen, mit der es funktionieren könnte. Seine Strategie: ein Akademiker, der Schriftsteller sein will und dafür seine Hochschulkarriere aufgibt.

Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern

Viele seiner Werke kreisen um das Thema des Scheiterns. Allerdings sollte man auf hohem Niveau scheitern und das Scheitern steigern, wie Samuel Beckett es zu sagen pflegte. Die Schreiben an die Verlage sowie die Absagebriefe hat Joachim Zelter alle aufbewahrt. Die vielen Ordner sind Zeugnis seines eigenen Scheiterns. Heute ist Joachim Zelter ein etablierter Autor, der es mit seinem 2010 erschienenen Roman „Der Ministerpräsident“ immerhin bis auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hat, obwohl sein Protagonist auch ein Scheiternder ist. Die Frage nach einem Durchbruch auf dem literarischen Parkett verneint er. Für Joachim Zelter sind z. B. die Autorin Sibylle Lewitscharoff oder der Autor Daniel Kehlmann Schriftsteller, die den Durchbruch geschafft haben, die in renommierten Verlagen erscheinen, wiewohl er diesen Verlagen misstraut. Oft würde schwer verständliche Literatur für angeblich gebildete Schichten dort verlegt. Ob man immer seinen Spaß damit hat, bezweifelt er leicht. Großen Spaß hatten auf jeden Fall die Zuhörerinnen und Zuhörer im Café LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart mit „Wiedersehen“. Ein Text, frei von sakraler, sublimer Unverständlichkeit.

Ausschnitte aus der Novelle, vom Autor gelesen, gibt es auf der Homepage von Joachim Zelter.

Wiedersehen
Novelle
128 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Rainer Wochele mit einer neuen Erzählung

01.03.2015 at 9:37
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Rainer Wochele stellt seinen neues Buch „Der Katzenkönig“ in der Stadtbibliothek Stuttgart vor

 

Rainer Wochele nennt sein neues Buch, „Der Katzenkönig“, eine Erzählung. Am 26. Februar stellte er diese in der Stadtbibliothek Stuttgart vor. Über 850 Titel mit dem Stichwort Katze befinden sich im Bestand der Bibliothek, wie die Direktorin, Frau Brunner, in ihrer Einleitung zur Lesung ausführte. Hubert Klöpfer, sein Verleger, meinte, Rainer Wochele an diesem Ort vorzustellen, sei überflüssig, tat es dann aber doch in einem Schnelldurchlauf, um anschließend das Wort an die Moderatorin des Abends, Lerke von Saalfeld, abzugeben.

Sie wollte wissen, wie Rainer Wochele zu seinem Thema gekommen ist. R. Wochele, der in Bad Cannstatt lebt, fand immer wieder auf seinen Spaziergängen durch Straßen und Kurpark Aushänge, die dem Finder vermisster Katzen hohe Belohnung versprachen. Die Tierliebe treibe tolle Blüten, bis zu 500 € würden als Finderlohn geboten, erzählte er. Dieses Thema hat ihn förmlich angesprungen. Noch dazu, als er ein Thema nie erzwingen könne, es ihm, wie hier, zufliegen muss. Dann befinde er sich in einem Zustand zwischen Blindheit und Bewusstsein und ein erster Satz, der Anfang einer Geschichte kann von ihm geschrieben werden.

Rainer Wochele führt durch Bad Cannstatt

Lerke von Saalfeld kann die Erzählung auch als einen Führer durch Bad Cannstatt lesen. Die Geschichte setzt ein mit dem Katzenkönig, der den Kater „Sauerbruch“ in die Taubenheimstraße zu Frau Doktor Schmückle-Bräuchle bringt. Entlang des Neckars fährt er mit seinem klapprigen Damenfahrrad. Obwohl der Kater nicht der von der Doktorin ist, bringt er ihn zu ihr. Er weiß sehr wohl, ein „frisiertes“ Tier, wenn es sich denn nur einschmeichelnd verhält, wird von der vermeintlichen Besitzerin angenommen. König hat den Kater mit Hilfe seiner Bekannten, einer Frisörin, dem Fahndungsfoto entsprechend herausgeputzt und koloriert. Ihm gelingt, die sehr beschäftigte Frau Dr. Schmückle-Bräuchle zu täuschen, die den Kater Sauerbruch als ihren verlorengeglaubten „Räuber“ annimmt.

Im Gespräch erläutert Rainer Wochele den Plot seiner Erzählung: Der Protagonist, der arbeitslose und sich in ziemlich prekärer Lebenslage befindliche Tierarzt Dr. Karlheinz König, hat sich auf die Rückführung entlaufener Katzen spezialisiert, nachdem er seinen Job aufgegeben hat mit dem er zusehends in Konflikt geraten war. Er wollte nicht weiter in der Forschung arbeiten, die mittels Tierversuchen neue Erkenntnisse zu Tage fördert. Obwohl das Buch ausschließlich in Bad Cannstatt spielt, ist sein Thema alles andere als gemütlich und provinziell. Die Erzählung stellt eine der großen, hochaktuellen ethischen Fragen, die nach der Verantwortbarkeit von Tierversuchen in der medizinischen Forschung. Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Rainer Wochele über solch ein schwergewichtiges Thema zu schreiben vermag. Streckenweise erzählt er aus der Perspektive der Katzen, die den Untergang der Menschen herbeifabulieren. Dabei schreibt er sich in die Nähe von E.T.A. Hoffmann, der in seiner Erzählung „Die Lebensansichten des Kater Murr“ ebenfalls die Katze zu Wort kommen lässt. Die Tiere gewinnen auch bei Wochele eine Eigenmächtigkeit. Das unterstreicht der Autor, indem er den von Dr. König eingefangenen Katzen Namen berühmter Ärzte und Wissenschaftler gibt: Hyppokrates, Pasteur, Röntgen, Semmelweis und eben Sauerbruch. Dabei war es ihm wichtig, den Katzen ihre Tierhaftigkeit zu belassen. Er zeigt, was die moderne Wissenschaft in ihren Laboratorien mit den Tieren anstellt. So ist diese Erzählung auch ein Ausdruck des Protests dagegen. Für Rainer Wochele haben die Tiere eine Seele und er hält die Quälerei der Tiere für ein dunkles Kapitel der Wissenschaft. Wolfgang Schorlau, der Krimiautor aus Stuttgart, ist mit einem Zitat auf dem Buchrücken abgedruckt. Auch er hat sich in seinem letzten Roman der Frage des Umgangs mit Tieren – bei ihm in der Massentierhaltung – angenommen. Zwei Bücher zur Frage nach dem Verhältnis zu den Tieren, zwei ganz unterschiedliche Werke.

Der Katzenkönig
164 Seiten, geb. mit Schutzumschlag und farbigem Vorsatzblatt
Klöpfer & Meyer, Preis: 20,00 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Wie Krieg prägt

22.01.2015 at 20:01
Krieg prägt: Podiumsdiskussion und Lesung

v. l. n. r.: Peter Grohmann, August Schmölzer, Michael Seehoff

 

Wie Krieg den Menschen prägt, war Thema einer Doppellesung am 19. Januar 2015 in der LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart. Der Schauspieler und Autor August Schmölzer las aus seinem Roman „Der Totengräber im Buchsbaum“, Peter Grohmann, Kabarettist und Anstifter, aus seiner Autobiografie „Alles Lüge außer ich“. Trotz der literarisch unterschiedlichen Form, zeigten beide Texte, was Krieg mit den Menschen macht.

Der Totengräber im Buchsbaum

Krieg prägt: Lesung August SchmölzerAugust Schmölzers Protagonist Josef kehrt nach vielen Jahren der Abwesenheit als alter Mann in seine Heimatstadt zurück, die er als junger Kriegsfotograf verlassen hatte. In diesem namenlosen Krieg zwischen der Stadt am Meer und Josefs Heimatstadt in den Bergen hatte er die Gräueltaten seiner Armee zu dokumentieren. Ein kleiner Junge, dessen Erschießung Josef mit der Kamera festhalten musste, verfolgt ihn in seinen Wachträumen. Mit ihm hält er immer wieder Zwiesprache.

Wie junge Männer auch mittels sexueller Prägung auf den Krieg vorbereitet und ausgerichtet werden, ließ August Schmölzer in der von ihm gelesenen Passage plastisch werden. Alte, nicht mehr kriegstaugliche Männer führen Josef eine Prostituierte zu, bei der er die ersten Erfahrung der körperlichen Liebe machen soll. Sie wollen ihm damit ein „Ertüchtigungsgeschenk“ machen. Josef wünscht sich hingegen Liebe von seinem Mädchen Ragusa. Es sind immer wieder diese, für den einzelnen gravierenden Erfahrungen, die im Text von Schmölzer durchschimmern.

Das Thema Fremdenfeindlichkeit kam in der zweiten Textpassage zum Ausdruck: Die Ablehnung zugewanderter Menschen war Auslöser für den Krieg zwischen der Stadt am Meer und der Stadt in den Bergen. Der Krieg zwischen den beiden Städten wird vom Autor nicht historisch verortet. Die Auswirkungen auf den einzelnen werden beschrieben, nicht die Schlachten in diesem Krieg. Am Stammtisch schwadronieren die Alten über die heilsame Wirkung eines Krieges, die mit der Erleichterung bei Blähungen nach einem üppigen Mahl verglichen wird. Warum der Krieg vor Jahren ausgebrochen war, haben die Männer längst vergessen, vertreten völlig konträre Meinungen dazu. Das diffuse Gefühl der neuerlichen Überfremdung reicht ihnen, martialische Reden zu schwingen.

Alles Lüge außer ich

Peter Grohmann bei der Lesung über: Krieg prägtPeter Grohmann beschreibt in seiner Autobiografie, unter welchem Krieg er und seine Familie gelitten haben. Er las eine eindrucksvolle Passage über die Wirren von Flucht und Vertreibung im zweiten Weltkrieg. Als Achtjähriger floh er mit seiner Mutter und seinem Bruder vor den herannahenden Russen aus Breslau, die Stadt seiner Großeltern. Erst kurz vorher waren sie dort angekommen. Ebenfalls als Flüchtlinge, geflohen vor den Bomben der Alliierten auf Dresden. Sein Teddy ist Synonym der Zerstörung: Das geliebte Stofftier des Jungen verliert erst den einen, dann den anderen Arm.

Hier trafen sich die beiden Texte wieder: der kleine Junge, der bei seiner Exekution von dem Kriegsfotografen Josef fotografiert wurde und die Erlebnisse des kleinen Jungen, der den Krieg überlebt hat, in dem sein Teddy verstümmelt wurde.

Wie aber lässt sich Krieg, Fremdenfeindlichkeit verhindern? Dieser Frage gingen die beiden Autoren in ihrem Gedankenaustausch nach. Peter Grohmann hat sich Zeit seines Lebens der Aufklärung verschrieben, als Jugendlicher in der sozialistischen Jugend „Die Falken“, als politischer Kabarettist und als Gründer und unermüdlicher Motor des Bürgerprojektes „Die Anstifter“. August Schmölzer unterstrich, wie wichtig es ist, den Fremden in den Blick zu nehmen und ihm vorurteilsfrei zu begegnen und, wenn nötig, seine eigenen Vorbehalte kritisch zu hinterfragen. Der Autor und Schauspieler versucht Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung zu helfen und gründete mit Freunden die Initiative „Gustl58 – Initiative zur Herzensbildung“. Sie unterstützen Menschen, die es körperlich, geistig, gesellschaftlich oder auch finanziell nicht so gut getroffen haben. Auf seiner Homepage schreibt er: „Ich bin nicht so naiv zu glauben, ich könnte die Welt ändern aber ich kann versuchen, MICH zu ändern und so vielleicht Vorbild für andere sein“

Zwei Autoren, die sich einmischen, sind August Schmölzer und Peter Grohmann auf jeden Fall: im Leben und mit ihren Texten.

Der Totengräber im Buchsbaum
150 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Merlin Verlag, Preis 19,95 €

Alles Lüge außer ich – Eine politische Biografie
320 Seiten, gebunden
Silberburg Verlag, Preis 24,90 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Alle Fotos: Hannah Seehoff

Katrin Zipse – Thaddäus Troll Preisträgerin 2014

27.11.2014 at 17:34
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Wo anders sollte ein Preis für den schriftstellerischen Nachwuchs in Baden-Württemberg übergeben werden, wenn nicht in einem „Tempel der Literatur“? So fand die Ehrung der Preisträgerin Katrin Zipse im Café LesBar der Stadtbibliothek Stuttgart vor großem Publikum statt. Es musste kurzfristig aufgestuhlt werden, so groß war der Andrang am 25. November.

Ingrid Bussmann

Ingrid Bussmann

Das freute die Vorsitzende des Vereins „Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V“, Ingrid Bussmann und die Freude konnte man ihr deutlich ansehen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Preisverleihung (immerhin wird der Preis seit 1981 verliehen) wird eine Jugendbuchautorin für ihren Jugendroman geehrt.

Katrin Zipse wurde in 1964 Stuttgart geboren, wuchs in Bad Dürrheim auf, studierte in Berlin Theaterwissenschaft und Germanistik und arbeitete mehrere Jahre lang als Dramaturgin. Seit 1993 arbeitet sie als Redakteurin bei SWR2, schreibt Hörspiele und Radio-Features. Ihren ersten Roman „Glücksdrachenzeit“ schrieb sie in ihrer Freizeit und konnte ihn beim Magellan Verlag veröffentlichen. Dieser noch junge Verlag ist ganz auf Kinder- und Jugendliteratur ausgerichtet.

Die Autorin las an diesem Abend einige Passagen aus ihrem Roman, von dem die Jury sagt: „Eine Geschichte, die zugleich witzig und berührend, auf unkonventionelle Weise verschiedene Generationen miteinander in Berührung bringt“. Zu Beginn erläuterte sie den Zuhörern die Verwendung und die Bedeutung unterschiedlicher Schrifttypen, die die verschiedenen Ebenen der Geschichte optisch trennt und in der Lesung natürlich nicht erkennbar sind.

Katrin Zipse führte die Zuhörer in die Geschichte von Nellie und ihrem Bruder Kolja ein, die als unzertrennlich gelten. Der ältere Bruder gerät immer weiter auf die schiefe Bahn, greift zu Drogen und verlässt schließlich das Elternhaus, trampt nach Südfrankreich. Nelle folgt ihm, will ihn finden und wieder auf die „richtige Spur bringen“. Dabei erlebt sie, begleitet von ihrem Hund Jackson, so manches Abenteuer und lüftet bisher ungeahnte Familiengeheimnisse.

Und da es ein Roman für Jugendliche ist und er sich in weiten Teilen der Jugendsprache bedient, hatten die Veranstalter die Idee, zwei jugendliche Leserinnen auf die Bühne zu bitten und ihre Eindrücke zu diesem Buch zu schildern. Beide lobten die frische Sprache des Romans, die so gar nichts mit den Pflichtlektüren ihres Schulalltags zu tun hat.

Stefanie Groß, Redaktionsleiterin beim SWR und Kollegin von Frau Zipse, lobte in ihrer Laudatio den einfühlsamen und humorvollen Erzählton, den der Roman anschlägt. Die 15jährige Nelli dieser Coming of Age Geschichte verbindet eine tiefe Geschwisterliebe zu ihrem drei Jahre älteren Bruder Kolja. Der, nachdem er in Rauschgiftgeschäfte verstrickt war, einfach abhaut, Richtung Süden, weit weg von allen Problemen, die in der Familie begründet sind. Die Eltern erstarrten nach dem Tod des jüngsten Kindes und Kolja war für Nellie existenziell wichtig, als ihre Eltern in Depressionen verfielen. Diese Familientragödie bietet die Leinwand, auf der sich der Roman entfaltet, der eine Ansprache der Ich-Erzählerin Nelli an ihren verstorbenen Bruder ist.

Carmen Kotarski

Carmen Kotarski

Carmen Kotarski vom Schriftstellerhaus erhellte in ihrer Rede, die Diskussionsstränge und Kriterien, nach denen die Jury die Preisentscheidung gefällt hatte. Die Vielschichtigkeit dieses Romans, in einer für Jugendlichen verständlichen Sprache, war für die Jury ausschlaggebend, den mit 10.000 € dotierten Thaddäus Troll Preis an Katrin Zipse zu geben.

Musikalisch untermalten die Preisverleihung Jenny Thiele und Laura Rajtschan mit ihren klassischen Gitarren.

 

Thaddäus Troll Preis

Die glückliche Preisträgerin mit der Vorsitzenden des Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V und Carmen Kotarski

Glücksdrachenzeit
270 Seiten, gebunden
Magellan Verlag, 16,95 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens