Thaddäus-Troll-Preis 2018 an Kai Wieland vergeben

13.12.2018 at 10:16
Auf dem Podium diskurtieren (v.l.n.r): Werner Witt, Kai Wieland, Tom Kraushaar

Auf dem Podium diskurtieren (v.l.n.r): Werner Witt, Kai Wieland, Tom Kraushaar

 

Der Jungautor Kai Wieland (29) erhielt vom Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg am 11. Dezember 2018 in der Stadtbibliothek Stuttgart den mit 10.000 € dotierten Thaddäus-Troll-Preis für seine Erstlingswerk Amerika. Der Vorsitzende des Fördervereins, Werner Witt, überreichte an diesem Abend den Preis an Kai Wieland.

Kai Wieland erhält die Urkunde

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Kai Wieland sinniert in seiner Dankesrede, was er mit dem Preisgeld alles machen könnte: Z. B. in eine Buchhandlung gehen, 500 Bücher kaufen und mit ihnen auf eine einsame Insel fliegen. Für ihn wäre das Traumziel Island. Er hat vorsorglich schon recherchiert, wieviel Kilo Übergepäck und wieviel Gepäckstücke er bei Islandair aufgeben kann, um alle Bücher mitzunehmen. Mit dieser humorvollen Rede zeigt sich Kai Wieland als das, was er ist: ein Geschichtenerzähler.

Anstelle von langen Reden fordert Werner Witt den Autor auf, aus seinem Werk zu lesen, über das die Jury wie folgt geurteilt hat:
„In diesem Kaleidoskop eines verlorenen schwäbischen Dorfes namens Rillingsbach verknüpft der Autor eine Handvoll Schicksale zu einer Chronik, die sich nicht damit brüstet, die einzig wahrhaftige Darstellung der Ereignisse zu sein. Der „Chronist“, der allein mit dieser sperrigen Bezeichnung im Buch auskommen muss, begibt sich aus unbekannten Gründen auf die Jagd nach Typen und Geschichten in dieser gottverlassenen Gegend zwischen Murrhardt und Backnang, und er begibt sich mitten hinein die Brutstätte jeder Legendenbildung, in die Dorfwirtschaft. Hier trifft er auf die oft schon aufgewärmten Erinnerungen an Kriegs- und Nachkriegszeiten, er begegnet Kopfschlächtern, Nazis, Sängern, Dichtern, wilder Dorfschönheit, Rebellen, verpassten Gelegenheiten und unausgelebten Träumen. Kai Wieland gelingt in Amerika eine fein austarierte Melange aus sachlich bilanzierendem Ton, sensiblen Beobachtungen und trockenem Witz und gibt so einer viel erzählten Zeit ein anderes Gesicht.“

In den Textpassagen, die Kai Wieland an diesem Abend liest, wird sehr gut der Sound seines Romans hörbar. Er schreibt in einer ruhigen, etwas antiquierten Sprache aus der Sicht einer namenlosen Person, die „der Chronist“ genannt wird. Über die Entstehung des Romans und wie er zu Klett-Cotta kam, diskutiert er an diesem Abend mit seinem Verleger Tom Kraushaar und Kai Wieland. Interessant, dass sein Versuch, den Roman über den herkömmlichen Weg in einem Verlag unter zu bringen (Versenden des Manuskriptes an die Verlage) gescheitert ist. Aufmerksamkeit hat er bekommen, weil es sein Roman auf die Longlist des Blogbuster-Preises geschafft hat. Das Konzept des Wettbewerbs hatte ihn überzeugt, denn die Marktgängigkeit der Manuskripte für die erste Instanz (die Blogger) spielt eine geringere Rolle als bei der klassischen Verlagssuche. Dass er sein Erstlingswerk bei Klett-Cotta unterbringen konnte, ist ein Glückfall für ihn. Seinen Brotberuf als Redakteur im Verlagsbüro Wais & Partner wird er sicher noch nicht aufgeben.

Passend zum Titel des Romans rahmt die Band Michael & The Hoes mit ihrem akustisch geprägten „Folk’n’Roll“ den Abend ein.

Amerika
Roman
240 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Klett-Cotta, Preis 20,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Drogen per Drohnen – der neue Krimi von Zoë Beck

10.03.2018 at 12:07

Zoë BeckSchon achtmal kooperierte die Stadtbibliothek Bad Cannstatt mit dem Verein Stuttgarter Kriminächte, um Kriminalautoren einem breiten Publikum vorzustellen. Am 7. März 2018 las Zoë Beck hier aus ihrem neuen Roman. Sichtlich stolz präsentierte Alexandra Kirchner, die Leiterin der Bibliothek, mit ihrem reinen Frauenteam diese Ausnahmeschriftstellerin. Immer wieder eroberte Zoë Beck die Krimibestenliste mit ihren spannenden Romanen, die häufig in Großbritannien spielen. Für ihrer Kurzgeschichte Draußen erhielt sie 2010 den renommierten Friedrich-Glauser-Preis, 2014 gewann sie den Radio-Bremen-Krimipreis, der Autorinnen und Autoren für qualitativ herausragende Werke der Kriminalliteratur auszeichnet und zwei Jahre später den 3. Platz beim Deutschen Krimi Preis in der Kategorie „National“.

Nach dem Brexit kommt der Druxit

Zoë Becks neuer Kriminalroman spielt in London in nicht ferner Zukunft. Nach dem Brexit steht der Druxit auf der Agenda der regierenden Partei der „Rotweißblauen“. Sie hat einen Gesetzesentwurf vorbereitet, der einen Ausstieg aus den Drogen zum Ziel hat. Mit ihrer populistischen Kampagne unter dem Slogan „Großbritannien wird drogenfrei“ macht sie sich nicht nur die Abhängigen zu Feinden sondern vor allem die, die an den Drogen verdienen. Mächtige englische Verbrechersyndikate. Ellie Johnson hat ein besonderes Geschäftsmodel entwickelt, abseits von den Distributionswegen der Kartelle: Über einen von ihr entwickelten App bestellt man Drogen in höchster Qualität, die von Drohnen ausgeliefert werden. Anonym, sicher, perfekt organisiert. Die Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will „Die Lieferantin“ aus dem Weg räumen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen doch ihre Gegner sind mächtig und lauern an jeder Straßenecke. In ihrem Kampf arbeitet sie mit der Rechtsanwältin Catherine Wiltshire zusammen, die sich für eine Legalisierung der Drogen einsetzt. Um an Geld für die Antikampagne zu kommen, schrecken sie auch vor Erpressung eines hochrangigen, drogenabhängigen Ministers nicht zurück.

Zu Beginn des Buches und der Lesung stellt Zoë Beck einen netten jungen Restaurantbesitzer vor, der sich einer Schutzgelderpressung ausgesetzt sieht. Als ihm das zu viel wird, bringt er den Schutzgelderpresser um und betoniert ihn in seinem Haus unter seinem Fußboden ein. Dumm nur, dass er sich fortan einbildet, der Typ klopfe von dort unten und dumm für ihn, dass er damit nie wird sein Haus verkaufen können.

Ein Marktplatz der Abscheulichkeiten

Sehr ausführlich spricht sie über ihre Recherche im Darknet, dort gibt es alles zu kaufen: Von Sex bis zu Drogen. Im Darknet gibt es einen Marktplatz für alle denkbaren Abscheulichkeiten. Auch ihre Protagonistin findet ihre Kunden über das Darknet. Bezahlt wird mit Bitcoins, geliefert wird der Stoff mit Drohnen, die die Übergabe auch noch filmen. Damit sichert sie ihr „Geschäftsmodel“ ab, denn sie hat was gegen ihre Kunden in der Hand. Sollte ein Drohne abstürzen oder eingefangen werden, zerstört sie augenblicklich alle gespeicherten Daten, eine Spur zur Lieferantin ist nicht mehr vorhanden.

Zoë Beck erzählt und schreibt in einem hintergründig-lakonischen Erzählstil, springt bei der Lesung durch das Buch ohne die Gesamtkonstruktion und das Ende der Geschichte zu verraten. Damit ragt sie wie ihre Kollegen Friedrich Ani und Oliver Bottini weit aus der großen Genre-Masse heraus.

Zoë Beck zeigt Kante

Inhaltlich setzt die Autorin mit ihrem halbfuturistischen Drogenthriller Akzente, der mit seinen Anspielungen auf populistische Strömungen als Diskussionsgrundlage durchaus relevant sein könnte für unsere heutige Gesellschaft. Mit Populisten hat die Autorin auch als Verlegerin zu tun: Sie ist eine der Mitinitiatorinnen der Kampagne gegen rechte Verlage, der sich mittlerweile 45 unabhängige Verlage unter dem Hashtag #verlagegegenrechts zusammengeschlossen haben. Damit positioniert sich die Autorin eindeutig für Weltoffenheit und Vielfalt und gegen Ausgrenzung und Hass. Die Kampagne hat es mittlerweile geschafft, dass die rechtspopulistische Zeitung „Junge Freiheit“ sich nicht auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Darauf ist Zoë Beck sichtlich stolz. Bericht siehe hier. Damit zeigt die Autorin, dass sie nicht nur literarisch heiße Eisen anpackt sondern auch bereit ist, sich die Finger im richtigen Leben zu verbrennen.

Die Lieferantin
324 Seiten, Klappenbroschur
Suhrkamp, Preis 14,95 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens, die in Bad Cannstatt die Buchhandlung „Wagner“ in der Marktstraße 34 sein könnte

Frauen (nicht nur) der Feder

20.01.2018 at 16:45

 

Vernissage

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Am frühen Abend des 18. Januars lud die Cannstatter Stadteilbibliothek zur Ausstellungseröffnung ein. Die Ausstellung umfasst Portraits und Hinterlassenschaften von 15 in Cannstatt ehemals beheimateten Schriftstellerinnen. Alexandra Kirchner, Leiterin der Stadtbibliothek, führt in diesen Abend ein und lobt die Kooperation mit dem Stadtmuseum Bad Cannstatt und dem Verein Pro Alt-Cannstatt. Noch während der Mittagsstunden hatten Frau Kirchner und der Vereinsvorsitzende Olaf Schulze Hand an die Vitrinen und großflächigen Fahnen gelegt, auf denen die Geschichten der ausgestellten Frauen gezeigt werden.

Die Ausstellung ist Teil einer Gesamtshow von 50 Frauenportraits, die in mühevoller Kleinarbeit zusammen getragen worden sind. Im Laufe der Zeit ist das Biografie-Projekt immer größer geworden, führt Herr Schulze in seiner Begrüßungsansprache aus. Das Projekt wurde durch ein Patenmodel finanziell unterstützt. Mittlerweile liegen ca. 60 Biografien vor von denen 50 gezeigt werden, ein erster Teil wurde und wird bereits im Stadtmuseum Bad Cannstatt ausgestellt. Die Ausstellung in der Stadtteilbibliothek bildet den zweiten Teil. Ein dritter Ausstellungszyklus wird sich Frauen in der Kunst widmen und wird ab 25. Januar 2018 in der Galerie Wiedmann zu sehen sein.

Die Historikerin Claudia Weinschenk führt in die Schicksale einiger der in der Stadteilbibliothek vertretenen Schriftstellerinnen sachkundig ein. Schon an diesen wenigen Beispielen wird klar, es ist etwas besonderes, wie diese Frauen ihr Leben gefunden haben.

Im nächsten Jahr wird der hunderste Jahrestages der Einführung des Frauenwahlrechtes begangen. Das hatten die AusstellungsmacherInnen im Blick, als sie diese Gesamtausstellung konzipierten. Denn die Frauen standen mit ihren sehr spannenden Lebensgeschichten wenig im Mittelpunkt der Forschung. Das hat sich erst mit der in den siebziger Jahren aufkommenden Frauenbewegung geändert. Hier in diesem Stadtteil gilt: „Bis zum 15. April 2018 ist Cannstatt weiblich“. So lange werden die Biografien der Frauen im Stadtmuseum Bad Cannstatt, in der Stadtteilbücherei und in der Galerie Wiedmann zu sehen sein. Am Internationalen Frauentag, 8. März, wird für die Austellungsmacherinnen noch einmal ein Höhepunkt sein, dann soll eine ausführliche Broschüre erscheinen, die die Ausstellung zusammen fasst.

Einen Ehrengast präsentiert Olaf Schulze am Ende der Vernissage: Die Schwiegertochter der Heimatdichterin Else Schlieter ist gekommen und trägt einige Verse ihrer Schwiegermutter vor. Die Geschichte wird somit an diesem Abend auch auf diesem Weg lebendig.

Das zweite Buch – Kat Kaufmann in der StaBi

09.12.2017 at 21:32
Kat Kaufmann in der Stadtbibliothek

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In der neu konzipierten Reihe Secondo präsentierte die Stadtbibliothek Stuttgart am 7. Dezember 2017 Kat Kaufmann. Nach Superposition nun ihr zweiter Roman Die Nacht ist laut, der Tag ist finster. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit dem Theater Rampe durchgeführt. Dort wird im Dezember ihr Stück „Ich distanziere mich von allem (und jetzt gut‘ Nacht)“ aufgeführt.

Die 1981 in Leningrad geborene Autorin ist ein Multitalent, sie arbeitet als Fotografin, Komponistin und ist Dozentin für Gesang. Ihre Fotos veröffentlicht sie auch unter @cokodela auf Instagram. Moderator Andreas Vogel vom Theater Rampe hat ihren Roman in einem Zug am Tag ihrer Lesung zur Vorbereitung auf die Moderation gelesen. Er will das Publikum nicht mit biografischen Details langweilen, zumal Kat ihm verrät, dass sie vorhat, all ihre biografischen Daten zu „faken“. Das passt zu dieser lebhaften Frau, die sich immerzu neu erfindet.

Der Roman Die Nacht ist laut, der Tag ist finster eine Road Novel und ein Buch über die Suche nach sich selbst und einem Platz im Leben. Es ist multiperspektivisch angelegt, wobei der auktoriale Erzähler das Universum himself ist. Sie hätte nie verstanden, wie man z. B. eine Tante als auktoriale Erzählerin einführen kann. Woher soll die alle die Details wissen, die der Protagonist selbst nicht weiß? Diese Schwierigkeit hat das Universum nicht, es ist immer schon da, hat alles mitbekommen und wird immer da sein. Der Prolog, den sie als erstes Lesestück vorträgt, ist aus eben dieser Perspektive geschrieben. Lesend und erzählend führt sie in die Geschichte von Jonas ein. Es ist ein Protagonist nach ihrem Gusto, denn sie schreibt gerne über sensible Menschen, die an sich oder der Welt scheitern. Opa Ernst hinterlässt Jonas 5.000 Euro und eine Notiz, die sagt: Finde diesen Mann. Dazu nur ein Name: Valerij Butzukin. Jonas hat nie von diesem Mann gehört. Hat sich Opa Ernst einen Scherz erlaubt, den er nicht mehr auflösen wird, weil er tot ist? Oder war es das Delirium? Damit beginnt die Odyssee von Jonas, die ihn tief ins russische Land verschlägt. Russland hat sich mittlerweile mit Asien zur Russisch Asiatischen Union verbunden. Diesem Staatengebilde steht die USA, mit Europa vereint, gegenüber. Ein neuer Kalter Krieg droht auszubrechen. Weite Teile des Romans sind aus der Ich-Perspektive von Jonas geschrieben, wobei die Autorin auf das „ich“ verzichtet und in der zweiten Person Singular von Jonas schreibt. Das „du“ ist wohl zugleich Identifikationsangebot und Aufforderung, sich mit der Autorin auf eine Fantasie-Reise zu begeben.

Kat Kaufmann: Lebhaft in der Diskussion

Lebhaft in der Diskussion

Nach den ersten Leserunden gibt Andreas Vogel dem Publikum Gelegenheit, Fragen an die Autorin zu stellen. Und leider gibt es manchmal im Publikum einen, der die Rolle des ewigen Nörglers auszufüllen weiß. An diesem Abend kommen die kritischen Anmerkungen und Fragen von einem jungen Mann, der in dem Roman eine detaillierte Personenzeichnung vermisst. Die Charakteren seien schwach beschrieben. Das kommt so unvermittelt und anklagend, dass Kat Kaufmann kurze Zeit irritiert ist. Ob er den Roman gelesen hätte, fragt sie dann. Nein, aber schon die ersten Stellen hätten ihn zu diesem Urteil kommen lassen. Sie läd ihn ein, doch erst noch ein wenig zuzuhören. Aber er will weiter diskutieren. Statt darauf einzugehen wagt sie ihrerseits eine These: Er sei wohl jemand, der in der Schule nicht gemocht wurde.

Um die Charaktere des Romans dem Publikum näher zu bringen, liest sie eine weitere Passage anstatt sich auf solche Diskussionen einzulassen. Und nach kurzer Zeit wird klar, in dieser Geschichte wird viel geflucht, gefeiert und gezecht. Sie erzählt in diesem Kapitel, wie Jonas die Passfälscher Stass und Juri in einer Diskothek kennen lernt, denn er braucht ein Visum, um seine Odyssee nach Russland antreten zu können.

Er wird viele Grenzen überschreiten, Grenzen die sich öffnen und schließen und begibt er sich in ein Labyrinth, das Urgroßvater, Großvater, Jonas und den Unbekannten Valerij Butzukin für immer verbinden und trennen wird. An dieser Textpassage wird deutlich, Kaufmann schreibt wild. Sie verbindet die Geschichte eines vaterlos aufgewachsenen Antihelden mit denen von prolligen Saufbolden. Und sie erzählt filmisch rasant.

Ob sie mit ihrem zweiten Buch an den Erfolg des ersten anknüpfen kann, bleibt abzuwarten.

Die Nacht ist laut, der Tag ist finster

272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Tempo Verlag, Preis 20,00 €

Zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Olga Tokarczuk in der Stadtbibliothek Stuttgart zu Gast

18.11.2017 at 15:00
Olga Tokarczuk

Olga Tokarczuk im Gespräch mit Manfred Mack

 

Am 13.10.2017 saß eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Polens auf dem Podium der Stuttgarter Bibliothek: Olga Tokarczuk. Sie kam auf Einladung des Vereins Treffpunkt Polen. Im Publikum wurde viel Polnisch gesprochen, Olga Tokarczuk ist auch unter den in Deutschland lebenden Polen eine feste Größe. Die Autorin wurde am 29. Januar 1962 in Sulechów geboren, ca. 100 km von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Sie studierte von 1980 bis 1985 Psychologie an der Universität Warschau. Während ihres Studium arbeitete sie in einem Therapiezentrum für verhaltensauffällige Jugendliche. Bevor sie 1989 ihren ersten Roman veröffentlichte, praktizierte sie als Therapeutin. Seitdem hat sie ununterbrochen publiziert und ist mehrfach mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem mit 25.000 € dotierten Nike-Hauptpreis, ausgezeichnet worden (zweimal Hauptpreis, fünfmal den Nike-Publikumspreis).

Olga Tokarczuk ist eine vielfach ausgezeichnete Autorin

Ihre Werke gerieten immer wieder in die Kritik der in Polen Regierenden. Sie selbst schreibe weder für „das Vaterland“ noch für die Opposition, erläutert der Moderator des Abends, der für den „Verein Treffpunkt Polen“ arbeitende Manfred Mack. Ihre Themen seien allgemein menschliche Themen, doch diese geraten immer wieder in die Kritik der konservativen Katholiken in ihrem Land. Olga Tokarczuk ist neben Andrzej Stasiuk die derzeit erfolgreichste Autorin Polens. Ihre Romane sind in 30 Ländern veröffentlicht worden und wurden auch im Ausland mit Preisen ausgezeichnet.

Einen Ausschnitt aus dem Buch Der Gesang der Fledermäuse liest die Schauspielerin Barbara Stoll. Das Buch wird oft als Krimi beschrieben, m. E. ist das eine verkürztende Kategorisierung dieses Romans. Im Mittelpunkt steht Janina, eine Pensionärin, die ihre Rente als Englisch-Lehrerin und als Hüterin der verlassenen Datschen nebenan aufbessert. Sie ist eine Esoterikerin, die am liebsten Horoskope studiert. Ihr bester Freund heißt Dionyzo und besucht sie regelmäßig, um mit ihr seine William Blake Übersetzungen zu besprechen. Der Roman ist angesiedelt in einer düster romantischen Natur, in der im Winter, entleert von allen Sommerfrischlern, nur ein paar verschrobene Kauze übrig bleiben. Vage erfährt man von ihrem vorigen Leben, in dem sie als Ingenieurin in aller Welt Brücken baute.

Hochstände der Jäger – Vorhöfe der Hölle für die Tierwelt

Mit Hilfe von Horoskopen ist sie in der Lage, die genauen Todesdaten einzelner Personen zu erforschen und mit einem Todesfall beginnt auch das Buch. Ist es ein Unfall, ein Mord? Weitere Morde geschehen, immer an Jägern. Für Janina sind die Kanzeln der Jäger, von denen nicht gepredigt, sondern geschossen wird, die Vorhöfe der Hölle auf Erden. Die Polizei behandelt sie als Wahnsinnige, deren Anzeigen man nicht beachtet. Als langsam klar wird, dass die Leiche am Beginn des Romans eine ganze Serie von Morden nach sich zieht, fragt sich, wem man glauben soll: Der korrupten Welt da draußen, in der die Schöpfung Material ist, aus dem man Pelzkragen züchtet oder einer alten Frau, die einen Ausweg gefunden hat und die Wahrheit kennt? Sie kennt den Mörder: Es waren die Füchse und Rehe, die Vergeltung an Jägern und Züchtern üben!

Im Fadenkreuz der Regierenden

Der Roman hat durch die Verfilmung ein zweites Leben bekommen. Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland hat sich des Stoffs angenommen. Olga Tokarczuk schrieb mit ihr das Drehbuch zum Film Pokot (Die Spur). Der Film erhielt dafür auf der Berlinale 2017 den Alfred-Bauer-Preis.

Gegen den Film wurde in den sozialen Medien eine Hetzkampagne gegen Olga Tokarczuk gestartet. Der Vorwurf der Kritiker: der Film sei antipolnisch und antikatholisch. (In der Kirche wird immer wieder gepredigt, dass die Jäger letztendlich den Willen Gottes ausführen.) Aufgrund von Morddrohungen musste sich die Autorin unter Polizeischutz begeben.

Allgemein menschliche Themen in große Romane gepackt

Ihr Talent, einen philosophisch ambitionierten Stoff in literarische Form zu verpacken, hat Olga Tokarczuk auch in dem zweiten, an diesem Abend vorgestellten Roman unter Beweis gestellt. Es ist das tausendseitige Werk über Jakob Joseph Frank, einem aschkenasischen Juden, der sich als Sabbatianer, Rabbiner und Kabbalist verstand und glaubte, er sei eine Reinkarnation des biblischen Jakobs und des vermeintlichen Messias Schabbtai Zvi. Er zog im 18. Jahrhundert durch Osteuropa. Er konvertierte zum Islam und später zum Christentum. Er ließ sich mit 50-80 Anhängern 1787 in Offenbach am Main im Isenburger Schloss nieder. Bis zu seinem Tod, vier Jahre später, lebte er als unabhängiger Souverän mit dem Titel Baron mit seinem Hofstaat und herrschte über die ungefähr 400 polnischer Kleinadliger, die ihm hierher gefolgt waren.

Acht Jahre hat Olga Tokarczuk an diesem Roman geschrieben. Sie stieß in einem Antiquariat in Toruń (Thorn) auf den Stoff, wollte ursprünglich einen Essay darüber schreiben. Das war ihr aber dann zu wenig, sie wollte mehr aus dem Stoff heraus holen. Ihr schwebten zu Beginn der Arbeit 200 – 300 Seiten vor. Am Ende wurden es tausend Seiten.

Auch als Essayistin erleben die Besucher der Stadtbibliothek Olga Tokarczuk an diesem Abend: Barbara Stoll liest den Essay „Haub keine Angst“. Darin heißt es zum Schluss: „Solange wir schreiben und lesen sind wir zusammen!“ Das möchte man der Autorin als Zuhörer zurufen, nachdem man über die Anfeindungen ihrer Person im modernen Polen gehört hat.

Die Bücher der Autorin sind derzeit in Deutschland nur antiquarisch zu erhalten. Ein Verlag in Gründung wird sie demnächst wieder auflegen. Der historischer Roman über Jakob Joseph Frank, Księgi Jakubowe (Jakobs Bücher), 2014 in Polen erschienen, ist noch nicht auf Deutsch veröffentlicht.