Vers trifft Pinsel

09.07.2017 at 23:23
Moritz Heger

Dichter unter Dichterinnen

 

Am 7. Juli 2017 eröffneten die beiden Künstler Moritz Heger und Christian Lang ihre Ausstellung mit Gedichten und Tuschezeichnungen im Schriftstellerhaus in der Kanalstraße.

Die beiden kennen sich vom Heidehofgymnasium, an dem sie als Lehrer arbeiten. Beide sind ungefähr gleich alt, Moritz Heger ist Jahrgang 1971, Christan Lang Jahrgang 1972. Kollegial arbeiten die beiden auch an diesem Abend zusammen. Während Moritz Heger seine Gedichte vorträgt, projiziert Christian Lang seine – die Gedichte illustrierenden – Zeichnungen an die Wand. Zwei Künste stehen in Beziehung. Es wird deutlich, die Texte von Moritz Heger sind für Christian Lang ein Sprungbrett, um sich auf seine ganz spezielle Art mit dem Gedicht auseinander zu setzen. Dazu bedient er sich der Technik der chinesischen Reibetusche. Zur Illustration dieser These sei das Gedicht Die Rückenschwimmerin sieht den Himmel zitiert:

Stumm auf der letzten halben Bahn
bloß fünfundzwanzig Meter
von der Zeitnahme ließt du
die Schaufelarme sinken

Die Stopuhr los der Strömung
überantwortet glänzt dein Nabel
leicht treibst du Schaumgeburt
als wärs das Tote Meer

Deine Zeit mein Silberfisch
wies auf Weltrecord
die Besten jung die Beeiltesten
sterben just in time

Christian Lang mit Schwimmerin

Christian Lang mit Schwimmerin

 

Die knapp 20 Zuhörerrinnen und Zuhörer leiden unter dem heißen Wetter an diesem Abend. Es sind zum großen Teil Freunde und Kollegen, die den Weg an diesem Juliabend ins Schriftstellerhaus gefunden haben. Die wenigen Regentropfen, die fallen, lassen eher aufatmen, als dass sie ihnen die Laune verderben. Mit einem Glas Wein in der Hand und ein paar Knabbereien werden die gehörten Texte diskutiert.

Der Gedichtband Lichtgrau von Moritz Heger
mit Zeichnungen von Christian Lang ist in der Edition Kanalstraße 4 erschienen.

43 Seiten, Preis 12 €
zu erwerben im Schriftstellerhaus

Stuttgart liest ein Buch mit Shida Bazyar

11.03.2017 at 9:07
Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Im Schriftstellerhaus haben die Vorbereitungen zu Stuttgart liest ein Buch begonnen. Foto: © S. Martin

 

Im Oktober ist es wieder soweit. Stuttgart liest ein Buch. Zum dritten Mal veranstaltet das Schriftstellerhaus dieses literarische Festival, bei dem ein Buch im Mittelpunkt steht. Dieses Jahr ist es Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Die junge Autorin mit iranischen Familienwurzeln las in der Reihe Literatur im Salon im Sommer letzten Jahres aus ihrem Debütroman und eroberte im Sturm die Herzen der Vorsitzenden des Schriftstellerhaus-Vereins und dessen Geschäftsführerin. Es war leicht, mit diesem Erlebnis die an dem Projekt beteiligten Kooperationspartner für das Buch und das Thema des Buches zu begeistern, das uns seit vielen Monaten beschäftigt: Flucht, Vertreibung, Integration in eine fremde Kultur.

Shida Bazyar verwendet vier Erzählstimmen

Dies alles erzählt Shida Bazyar mit leichter Hand, humorvoll und voller Empathie für ihre vier Protagonisten, die in jeweils einem Abschnitt des Buches ihre Lebenswirklichkeit erzählen. Da ist der Vater, der mit seiner Frau 1979 aus dem Iran fliehen musste, da er als kommunistischer Aktivist den bei den Mullahs in Ungnade fiel. Er erzählt von seinen politischen Aktionen und wie er seine Frau kennen lernte mit der er dann aus dem Iran nach Deutschland flieht. In einer Kleinstadt finden er, seine Frau und seine kleinen Kinder Zuflucht. Zehn Jahre später erzählt seine Frau von den Bemühungen der Familie, sich in Deutschland zu integrieren. Über 4 Jahrzehnte erstreckt sich der erzählerische Bogen, den Shida Bazyar aufspannt, bis hin zur grünen Revolution von 2009. Ausführliche Rezensionen hier und hier.

Das Projekt Stuttgart liest ein Buch nimmt Form an

Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus den VertreterInnen der Projektpartner, hat ihre Arbeit aufgenommen, um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für die Zeit zwischen dem 17. Oktober und dem 27. Oktober 2017 zusammen zu stellen. Im Einzelnen sind dies:

  • das Schriftstellerhaus
  • das Literaturhaus Stuttgart,
  • die Stadtbibliothek Stuttgart
  • die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
  • die Schiller Buchhandlung
  • das Evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart
  • der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
  • die Volkshochschule Stuttgart

Die Projektleitung hat die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, inne. Das Schriftstellerhaus hat für das Projekt bereits einen Internetauftritt gestaltet, siehe hier. Alle Neuigkeiten werden auch über Facebook und Twitter verbreitet.

Vernissage zur Ausstellung „Wie wir sie sahen“

20.02.2017 at 22:34
Günter Guben und Michael Seehoff

Wir hatten unseren Spaß! Foto: © Tatjana Seehoff

 

Am 16. Februar eröffneten Günter Guben und Michael Seehoff ihre Ausstellung „Wie wir sie sahen“ im Schriftstellerhaus. Das kleine Haus in der Kanalstraße 4 war erwartungsgemäß sehr voll. Bei Sekt und Knabber-Snacks konnten die Gäste die ausgestellten Bilder bewundern.

Michael Seehoff führte in seiner Eröffnungsrede aus, wie er über seinen Blog zur Fotodokumentation von Schriftstellern in Stuttgart gekommen ist. Alle seine Werke präsentiert er in Schwarz/Weiß.

Ein Foto hält den Augenblick fest

Günter Guben verwies in seinen Ausführungen auf den Umstand, das gute Fotos Geschichten erzählen und zu Geschichten werden. Das passt zum Anspruch des Schriftstellerhauses, dem Hort mannigfaltiger Geschichten. Wie der Schriftsteller ist auch der Fotograf verantwortlich für die Ethik seines Tuns. Dabei kann er wählen zwischen Wahrheit, Zynismus, Lauterkeit, Übertreibung, Zurückhaltung, Anteilnahme, Ablehnung und anderen Möglichkeiten. Doch immer sollte er der Wahrhaftigkeit verpflichtet sein. Im Gegensatz zum Text entscheidet sich beim Foto innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde, wie eine Persönlichkeit dargestellt und ihre Geschichte erzählt wird.

Diese Geschichten konnten die Besucherinnen und Besucher an diesem Abend in den Bildern entdecken. Alle anderen haben Gelegenheit, die Fotos noch bis zum 13. April 2017 zu betrachten. Geöffnet ist die Ausstellung Montags bis Donnerstags von 14-18 Uhr.

Ron Segal ist Stipendiat im Schriftstellerhaus

04.02.2017 at 14:22
Astrid Braun im Gespräch mit Ron Segal

.

 

Ron Segal, geb. 1980 in Israel, ist der erste Stipendiat in diesem Jahr im Schriftstellerhaus. Er zog Anfang Januar ins Haus an der Kanalstraße 4 ein. Am 24. Januar 2017 stellte ihn die Geschäftsführerin des Hauses, Astrid Braun, offiziell vor.

Ron Segal hat an der Sam Spiegel Film and Television School Jerusalem studiert. Sein Abschlussfilm wurde auf vielen internationalen Festivals gezeigt, das von ihm verfasste Drehbuch vom Goethe Institut ausgezeichnet. Seit 2009 lebt er mit Unterbrechungen in Berlin, zuletzt als Stipendiat der Akademie der Künste zu Berlin, um einen Animationsfilm zu »Jeder Tag wie heute« fertig zu stellen, dessen Entstehung Ron an diesem Abend skizziert. Ruth Achlama hat den Roman aus seiner Heimatsprache Hebräisch ins Deutsche übersetzt. Ron Segal umreißt vor seiner Lesung dessen Plot.

Das Buch kreist um die Frage, was bleibt am Ende eines Lebens? Sind es Erinnerungen, Mosaiksteinchen, die sich immer schwerer zu einem Gesamtbild fügen lassen. Was passiert mit den Erinnerungen, wenn Alzheimer das Gedächtnis förmlich auszuhöhlen droht?

Er hat dabei auf die Geschichte seiner Großeltern zurück gegriffen. Sie lebten in den dreißiger Jahren in Berlin. Seine Großmutter wurde dort geboren. Beide konnten rechtzeitig fliehen. Die Oma kam mit 16 Jahren nach Israel. An Berlin hatten sie eigentlich gute Erinnerungen, erzählt Ron Segal, wollten jedoch nie zurück. Als ihr Mann 70 wurde, haben die beiden Deutschland noch einmal besucht. Das Tagebuch, das Großmutter damals geführt hat, hatte sie ihm vorgelesen.

Die Hauptfigur des Romans ist ein neunzigjähriger Überlebender der Schoa

Im Mittelpunkt seines Romans steht der neunzigjährige Überlebende der Schoa und erfolgreiche israelische Schriftsteller Adam Schumacher. Sein Werk ist geprägt durch das Schreiben gegen das Vergessen. Doch nach Deutschland wollte er nie wieder fahren und suchte bei seinen Reisen stets Flugrouten, die nicht über das Land flogen, dessen Machthaber ihm einst das Leben nehmen wollten, seine Angehörigen und Millionen andere ermordet haben. Als der Holocaustüberlebende jedoch für ein deutsches Literaturmagazin noch einmal in das Land der Täter zurückkehren muss, um seine Geschichte erneut aufzuschreiben, ergeben sich mehr und mehr Lücken und Irrwege.

Ron Segal – Autor und Filmemacher

Ron Segal liest an diesem Abend den Anfang des Romans: Adams Frau Bella wird zu Hause von einem dicken Buch erschlagen, einem Erfolgsroman Adams, der zur Zeit des Unglücks in Yad Vashem aus eben diesem Buch im Rahmen einer Konferenz »Die Schoa im Spiegel der modernen Literatur« liest. In der Jackentasche Adams finden die Ermittler die C-Saite einer Harfe. Bella war eine erfolgreiche Harfensolistin. Die elfjährige Bella spielte im KZ Harfe und traf dort den vierzehnjährigen (Ich-) Erzähler Adam. Aus dieser Begegnung entstand ein gemeinsamer Lebensweg. Damals haben sich die beiden Liebenden versprochen „Jeder Tag wie heute“.

Auf Grundlage des Romans hat Ron Segal ein Drehbuch verfasst und mit einem befreundeten Zeichner aus Tel Aviv erste Entwürfe für einen Animationsfilm entwickelt. Er zeigt dem anwesenden Publikum diese Entwürfe, wie sie von einer realen Figur ausgehend den alten Adams entwickelt haben, und die Figur der Bella im Vernichtungslager.

Für seine Filmproduktion muss Ron Segal Geld auftreiben

Er rechnet mit einem Budget von 5 Millionen Euro, um den abendfüllenden Animationsfilm produzieren zu können. Derzeit ist er auf der Suche nach Geldgebern. Er ist sich der Herkulesaufgabe bewusst, weiß, dass der Prozess zum fertigen Film deutlich länger dauern wird als der ein Buch zu schreiben.

Jeder Tag wie heute
Roman
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
140 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Wallstein, Preis: 17,90 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Wie wir sie sahen

21.01.2017 at 19:31
Günter Guben von mir gesehen

Günter Guben von mir gesehen

 

Herzlich lade ich zur Vernissage der Fotoausstellung „Wie wir sie sahen“ im Schriftstellerhaus ein.

Donnerstag, 16. Februar 2017 von 19:30 – 21:00 Uhr
Adresse des Stuttgarter Schriftstellerhauses: Kanalstraße 4, Stuttgart

Die Ausstellung ist eine Hommage an lebende und tote Kolleginnen und Kollegen, die mit unserem Haus eng verbunden waren und sind. Die Foto-Dokumente stammen von Günter Guben und mir.

Wir spannen den Bogen von Werner Dürrson bis Karlhans Frank, von Katja Hajek bis Peter O. Chotjewitz von Jaroslav Rudiš über Walle Sayer bis Judith Schalansky. Wir zeigen die Portraits von Schriftstellerinnen und Schriftstellern und Szenen um das Leben im Haus. Die Ausstellung ist vom 17. Februar bis zum 13. April 2017 zu sehen.

Video: © Hans M. Thill

Verneigung vor Christoph Lippelt

18.12.2016 at 12:05

 

Christoph Lippelt Gedächtnislesung

.

 

Kolleginnen und Kollegen aus dem Schriftstellerhaus verneigten sich am 13. Dezember 2016 im Schriftstellerhaus vor Christoph Lippelt mit einer Gedenklesung.

Vieles erinnert bei dieser Lesung an den Abend vor 2 Jahren, als Christoph Lippelt seinen letzten Roman im Schriftstellerhaus vorstellte. Damals wie heute ist der kleine Saal des Schriftstellerhauses bis auf den letzten Platz besetzt. Von schwerer Krankheit gezeichnet, fehlte Christoph Lippelt bereits die Kraft, eine lange Lesung zu bestreiten. Kurz nach der Lesung im Dezember 2014 verstarb der geschätzte Autor. Seine Weggefährten aus dem Schriftstellerhaus lesen, wie vor zwei Jahren Passagen aus seinen Werken und erinnern an ihn. Ein Bild über den Lesenden zeigt den letzten öffentlichen Auftritt von Christoph Lippelt. Wiewohl absehbar, hat uns sein Tod erschüttert. Carmen Kortaski erinnert sich an die letzten Worte, die Christoph an sie richtete. Er war fest davon überzeugt, dass trotz der Anfeindungen der Menschen untereinander und des gegenseitigen aufeinander Einschlagens, vier Dinge Bestand haben werden: „Liebe, Kunst, Religion und Natur, das bleibt!“

So beginnt Carmen Kotarski auch die Lesung mit einem Langgedicht, das Christoph Lippelt, der Hautarzt und Christ, als Dankesrede 1983 anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der Bundesärztekammer hielt. Es ist ein sehr politisches Gedicht in dem aber auch sein christlicher Glaube durchschimmert. Er, der Hautarzt, schreibt angesichts militärischer Bedrohungen, das wir dünnhäutiger werden müssten, nicht dickfellig. Es war die Zeit, als der NATO-Doppelbeschluss um die Stationierung der Pershing II Raketen und die damit einhergehenden atomare Hochrüstung, die außen- und innenpolitischen Debatten bestimmten und die Menschen auf die Straßen gingen.

Rainer Wochele liest an diesem Abend aus dem ersten Kapitel des 2008 erschienen Romans Engelsbühl. Die auf dem Buchumschlag abgebildeten Papageien erinnern ihn immer an die Gelbkopfamazonen, die er beim Schreiben in seiner Schriftstellerklause in Bad Cannstatt hört. In dieser Passage kommt die Bildkraft der Sprache Christoph Lippelts gut zum Ausdruck.

Usch Pfaffinger, langjährige Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, verantwortete lange Zeit die Herausgabe der Anthologien des Hauses. Für die Ausgabe zum zwanzigjährigen Jubiläum hat sie Texte von Christoph Lippelt aufgenommen und sie liest einen Text von ihm aus dieser Anthologie. Sie erinnert sich gut, wie sie mit ihm vor der Veröffentlichung darüber diskutierte.

Eleonore Lindemann hat in ihrer Zeit als Sekretärin von Thaddäus Troll viele Schriftsteller persönlich kennen gelernt, auch Christoph Lippelt. Sie lässt es sie es sich nicht nehmen, an diesem Abend ebenfalls in die Gruppe der Lesenden einzureihen. Den Abschluss der Lesung bestreitet der Lyriker Gilbert Fels, der, wie könnte es anders sein, das lyrische Werk des Christoph Lippelt zum Gegenstand seiner Lesung macht. Ähnlich wie am Abend vor zwei Jahren, kommen Lesende und Zuhörer nach der Lesung bei einem Glas Wein ins Gespräch.

Signe Sellke – Eine Lyrikerin der leisen Töne

06.11.2016 at 18:58
Signe Sellke liest im Schriftstellerhaus

.

 

Am 3. November 2016 las Signe Sellke im Schriftstellerhaus in der Kanalstraße 4. Für sie, langjähriges Mitglied im Vorstand des Vereins, ein Heimspiel.

Signe Sellke, 1942 in Plaue an der Havel in der Mark Brandenburg geboren, wohnt seit vielen Jahren in Schwäbisch Gmünd. Sie war im Schul- und Hochschuldienst tätig und engagierte sich im Friedrich-Bödecker-Kreis Baden-Württemberg, der sich der Leseförderung und Literaturvermittlung für Kinder und Jugendliche verpflichtet sieht.

Signe Sellke stellt neuen Gedichtband vor

Ihr neuer Gedichtband ist in vier Kapitel eingeteilt, wie Astrid Braun in ihrer Einführung erläutert. Ein Teil der Gedichte ist bereits in Signe Sellkes aktiver Zeit im Schuldienst entstanden und sie hat sich erst jetzt entschlossen, sie zu veröffentlichen. Angefangen hat ihr lyrischer Weg mit Protestsongs, die sie gegen die Stationierung der Pershing-Raketen geschrieben hatte. Der nach dem US-General des Ersten Weltkrieges, John Joseph Pershing, benannte Raketetyp wurde durch den NATO-Doppelbeschluss bekannt. Gegen dessen Stationierung protestierte die westdeutsche Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre. Vier Kilometer von Signe Sellkes Haus, in Mutlangen, sollten diese Raketen stationiert werden, die sie als Bedrohung für sich und ihre Kinder ansah.

Eine weitere Bedrohung in den lyrischen Blick genommen

Und das Atomkraftwerk Grundremmingen, ebenso bedrohlich, mit seiner Technologie, die nicht beherrschbar ist. Im ersten Abschnitt ihres neuen Gedichtbandes Das eigensinnige Summen des Lichtes findet sich ein Gedicht eben dazu. Signe Sellke versteht es, Themen in lyrische Sprache zu kleiden, ohne in einen Ton der platten Agitation zu verfallen. In dem Gedicht beschreibt sie die bedrohliche Situation wie folgt:

Morgens über Grundremmingen
windverzweigtes Rotviolett
die Lunte glühend hingestreckt

So viel Zunder über dem Land
das noch schläft

Leichtfüßig hat sie diese Zeilen in ihrem ersten Kapitel Gussenstädter Fahrten untergebracht, in dem sie Beobachtungen auf ihrem Weg zur damaligen Arbeitsstätte beschreibt. Den Titel Fahrtenschreiber, den sie ursprünglich für diesen Zyklus gewählt hatte, wollte sie nicht weiter verwenden, nachdem Jose F. A. Oliver einen seiner Gedichtbände unter diesem Titel veröffentlicht hatte.

Engagement für Geflüchtete

Das zweite Kapitel des Bandes trägt den Titel Die Wiese. Signe Sellke hat in einer Kaserne Flüchtlingskinder unterrichtet und diese Erfahrungen in Lyrik verarbeitet. Ihre Beobachtungen sind die aus der Gitterperspektive eines Kasernenfensters heraus. Wunderbar, wie sie die Anmut einer aus Angola stammenden Frau beschreibt, die in ihrem leuchtenden Kleid durch die Wiesen läuft und wie sie den Rhythmus der afrikanischen Trommeln in ihrem Gang lyrisch erfasst.

Lakonie zeichnet die Überschrift des dritten Teils ihres neuen Bandes aus, aus dem sie liest: Immer ist etwas. Ganz im Gegensatz zu der Überschrift des vierten Teils ihres Bandes, der eine eigene Geschichte zu erzählen scheint. Das rauhaarige Heil aller Schäden. Da beschreibt sie die Sonne, die Zähne kriegt und beschreibt das Land als „aufgeschlagen“. Vom Odermenning ist in einem Gedicht die Rede und Signe Sellke erläutert, Odermenning sei eine Heilpflanze, die sich klettenartig an die Kleidung anhaftet, wenn man durch die Wiesen streift. Und über den Winter liest sie ihre wunderbaren Zeilen:

Der Winter reibt seinen Kern ins Land
Aus den Mähnen der Häuser
wachsen silberne Zöpfe
einsilbige Bäume spreizen ihr Glas
Wir reden uns den Schnee entlang
unsere weißen Wörter
schlagen Wurzeln in der Luft

Kann man schöner den Winter beschreiben? Wahrhaftig, Signe Sellke ist eine Lyrikerin der leisen Töne und hat ihre ZuhörerInnen im Schriftstellerhaus mit ihrer Lesung dafür eingenommen.

Das eigensinnige Summen des Lichtes
64 Seiten, Fadenheftung mit Schutzumschlag
Einhorn-Verlag+Druck GmbH, Preis: 18,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Das Gedicht ist auf der Straße – Das Gedicht als Protestform

18.09.2016 at 15:38
Achim Wagner Lyriknacht 2016

.

Achim Wagner stellte im Rahmen der Lyriknacht Stuttgart auf Einladung des Schriftstellerhauses die Lyrik als Protest- und Ausdrucksform in der Türkei vor. Er lebt als Lyriker und engagierter Fotograf für viele Monate im Jahr in der Türkei (vorzugsweise in İstanbul, Eskişehier und Ankara). Seinen deutschen Lebensmittelpunkt hat er in Berlin gefunden.

Stadtzerstörung im Gezi Park, der Protest formiert sich

Als Mitte des Jahres 2013 die Proteste im Gezi-Park in landesweite Demonstrationen gegen die türkische Regierung umschlugen, fand sich ein großer, gesprühter Schriftzug auf der Eingangstür des französischen Generalkonsulats : „La poésie est dans la rue!“ („Die Poesie ist auf der Straße“). Das Generalkonsulat liegt auf der hoch frequentierten Einkaufsstraße İstiklal Caddesi (Straße der Unabhängigkeit) und führt auf den Taksim Platz. Dort schließt sich der Gezi-Park an, der einem städtebaulichen Großprojekt zum Opfer fallen sollte.

Die Parole „La poésie est dans la rue!“ stammt aus der Studentenrevolte von 1968 in Paris und wurde Ausgangspunkt für eine eigene, türkische Protestform: das im öffentlichen Raum angebrachte Gedicht. Die Verbreitung erfolgte mit Hilfe der neuen Internetmedien sehr schnell. Versehen mit immer demselben Hashtag fluteten die Protestierenden Twitter, verbreiteten lyrische Zeilen, verbunden mit einem Bild unter den Protestierenden. Die einfache Möglichkeit, unter einem einzigen Link Informationen zu verbreiten, war die Voraussetzung, dass binnen weniger Wochen eine ganze Bewegung entstehen konnte. Als Hashtag wurde die Übersetzung der französischen Zeile gewählt: șiir sokakta. Die, die den öffentlichen Raum mit Lyrik beschrifteten, nutzen ihn und aus einigen hundert Beteiligten, wurden schnell tausende, zehntausende von „Zeichenschreibern“.

Schließt das Heft, kommt auf die Straße

Der Konzeptkünstler Refet Arslan (sein Pseudonym ist Herr Donnerstag) stellte der Parole „Das Gedicht ist auf der Straße“ den kleinen aber mit „Sprengkraft“ ausgestatteten Halbsatz „Schließt das Heft,“ voran, der als Aufruf verstanden wurde, die Straßen mit Gedichten zu beschriften. Überall tauchten fortan Gedichtzeilen bekannter Lyriker auf. Lyrik wurde bei Protestversammlungen in die Reden eingeflochten. Die auch in Deutschland bekannten Zeilen von Nazim Hikmets:

Leben wie ein Baum, einzeln und frei
und brüderlich wie ein Wald
das ist unsere Sehnsucht

passte programmatisch zu dem Widerstand gegen die Abholzung der Bäume im Gezi-Park, der sich gegen die ungebremste Verwertung gemeinschaftlich genutzter Stadtnatur formierte. Die Bewegung gegen das Stuttgart-21-Projekt wandte sich in seinem Protest in ähnlicher Weise gegen die Interessen der Immobilien-Investoren, und kämpfte für den Erhalt des kommunalen Parks, der durch die Errichtung eines unterirdischen Bahnhofs von Abholzung bedroht war. Ebenfalls phantasievoll und kreativ, allerding ohne diese spezielle „lyrische Protestform“ zu nutzen.

Von der unpolitischen Lyrik zur politischen Aussage

Die von der türkischen Protestbewegung zitierten Lyriker gehörten häufig der lyrischen Avantgardebewegung an, die unter dem Namen „Zweite Neue“ in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt wurden. Sie richtete sich sowohl gegen die Verwendung einer schlichten Sprache in der Lyrik, wie es vorher üblich war als auch gegen die direkte politische Aussage und Stellungnahme im Gedicht. In lyrische Bewegung wollten die Aktivisten vor allem ihren Wunsch nach einer individuellen Lebensführung, ohne staatliche Einmischung und ohne patriarchalisch autoritäre Bevormundung ausdrücken. Es war die Sehnsucht nach einer anderen Welt. Und dieser Wunsch wurde von den surrealen Versen der Dichter der „Zweiten Neuen“ wunderbar in Worte gefasst. Wenn z. B. die Aktivisten schrieben: „Wir sind die Verse Turgut Uyars“, war der Zusammenhang sofort klar, weil der Dichter Turgut Uyar zur lyrischen Avantgarde-Bewegung „Zweite Neue“ gehörte.

Schießt Mensch,  schießt doch so leicht sterbe ich nicht!

Schießt Mensch,
schießt doch
so leicht sterbe ich nicht!

Der Protest fordert die ersten Toten

Als Anfang Juni die ersten Demonstranten bei den Auseinandersetzungen um den Gezi-Park starben, waren es verschiedene Verse des bekanntem Gedichts Hasan Hüseyin Korkmazgil, die sich als Ausdruck der Trauer in den sozialen Medien und im öffentlichen Raum wiederfanden. Sein Gedicht „Es ist schwer im Juni zu sterben“ drückte ursprünglich die Trauer des Dichters über den Tod von Orhan Kemal und Nâzım Hikmet aus.

Mittlerweile ist Lyrik als Straßenkunst in türkischen Städten unübersehbar geworden. Lyrische Metaphern wie der Vogel (der als Träger der Seele in der türkischen Lyrik Verwendung findet) und die Farbe Blau, die für den Wunsch nach Freiheit steht, werden von einer breiten Bevölkerungsschicht, vor allem aus dem universitären Umfeld in den Großstädten, verstanden. Die Verse Cemal Süreyas, z. B. „Das Leben ist kurz, / Die Vögel fliegen“, werden immer wieder an Wände, Stromverteilerkästen und Häuser geschrieben.

Nach dem Ende der Gezi-Proteste brachte eine Studentenorganisation Arslans Spruch „Schließ das Heft, das Gedicht ist auf der Straße!“ immer wieder in Parks und auf Straßen an. Damit riefen sie auf, den öffentlichen Raum weiterhin mit Gedichten zu besetzen.

Mitterlweile kann man sich beinahe die komplette jüngere türkische Lyrik auf der Straße, an Wänden und Mauern erschließen. Das Internet hilft weiterhin deren massenhaften Verbreitung. Zentren dieser Lyrik-Bewegung sind natürlich die drei größten Städte der Türkei: İstanbul, Ankara, İzmir. Hier befinden sich die großen Universitäten. Mancher Universitätscampus ist zur begehbaren Lyriksammlung geworden.

Wird die Bewegung zerschlagen?

Die Repression in der Türkei hat nach dem gescheiterten Militärputsch in den letzten Monaten drastisch zugenommen. Journalisten, Richter, Schriftsteller und Universitätsprofessoren sind von Säuberungswellen betroffen.

Lyrik im öffentlichen Raum kann natürlich keine unmittelbare Handhabe gegen die aktuellen negativen gesellschaftlichen Gegebenheiten bieten. Als Straßenkunst könnte sie aber dazu beitragen, Denkanstöße zu geben und kleine Verschiebungen zum Besseren zu bewirken. Ihr subversiver Charakter und ihre einfach Handhabung mittels wasserfestem Filzstift in möglichst kleingehaltener Schriftgröße, so als ob man in ein Heft schriebe, auf Wänden, Bänken, Telefonhäuschen Lyrik zu schreiben, wären Zeichen des Widerstandes. Ob die Regierung in Ankara die lyrische Bewegung aus den Straßen vertreiben kann, bleibt abzuwarten. Achim Wagner wird sicher auch darüber berichten.

Weitere Videos von seinem Vortrag hier (Teil 2) und hier (Teil 3).

Stuttgarter Lyriknacht mit abwechslungsreichem Programm

18.09.2016 at 14:39
Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste auf der Lyriknacht

Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste

 

Am 9. September 2016 fand in der Stadtbibliothek Stuttgart die 12. Lyriknacht statt. Drei „Schwergewichte“ der Literatur in der Stadt richten jedes Jahr die Veranstaltung aus: Die Stadtbibliothek, das Schriftstellerhaus und das Literaturhaus Stuttgart.

Die Direktorin der Stadtbibliothek, Christine Brunner, eröffnete die Veranstaltung und stellte für die erste Lesung Anna Breitenbachvor, die von ihr zur Stuttgarter Lyriknacht eingeladen wurde. Anna Breitenbach lebt und arbeitet in Esslingen und hat in diesem Jahr ihren neuen Band Haus und Hof, Sachen, Leute im Klöpfer & Meyer Verlag vorgelegt. Er trägt den programmatischen Untertitel Brauchbare Gedichte. Texte, die klar und leichtfüßig daher kommen.

Anna Breitenbach Lyriknacht 2016

.

12 Kapitel mit brauchbaren Gedichten

Der Band umfasst zwölf Kapitel, jedes von ihnen enthält zehn Gedichte. In den Kapiteln geht es um die Niederungen und Zumutungen des Alltags. Da tauchen fremde Leute auf, auch Bekannte, jedenfalls Lebewesen: Vampire, Lampentiere, Sammler. Die Kapitel tragen lyrische Namen wie: Sachen und Sammlung, Alltag und Zumutung, Krankheit und Krise und so weiter.

Anna Breitenbach, die auch als Poetry Slammerin arbeitet, ist geübt, ihre Gedichte lebhaft-mitreißend vorzutragen. Ihre Gedichte sind leidenschaftlich lyrisch, dabei aber kunstvoll einfach. Wie zufällig ergeben sich Binnen- und Endreime einfachster Prägung. Sie lassen den Alltag in einem anderen Licht erscheinen, öffnen den Blick auf eine etwas verrückte Sicht. Oft erscheinen die Gedichte, als seien sie leicht daherkommende Bonmots. Scheinen sie auch wie lyrische Appetithäppchen so enthalten sie oft veritable Sprengkörper. So drückt sie die Empfindungen des Feuerwehrmanns im Kapitel Ego und Eigenheit z. B. so aus:

Feuerabend

hört der Brandstifter
sich müde
sagen.

Anna Breitenbach versteht es, Leerstellen zu umreißen, im entscheidenden Moment wird etwas von ihr nicht benannt. Ihre Gedichte sind oft klassisch gebaut, kommen kurz und lang daher, oft lakonisch, häufig lustvoll komisch. Das kürzeste besteht nur aus sechs Worten:

Auf den
Bahnsteigen

immer diese
Zugluft!

Eine gute Wahl der Stadtbibliothek den Abend mit den Gedichten von Anna Breitenbach zu eröffnen. Ein leichtfüßiger Auftakt voller Sprachwitz und Hintersinn.

şiir sokakta – Das Gedicht ist auf der Straße

.

.

Astrid Braun vom Schriftstellerhaus stellte den Lyriker Achim Wagner vor, der den zweiten Teil des Abends bestritt. Er folgte gerne der Einladung des Schriftstellerhauses, eine Wiederbegegnung von ihm mit dem Haus. Im Jahr 2010 weilte er als Stipenditat des Schriftstellerhauses in Stuttgart. Er entführte die Zuhörer in die Poesie auf den Straßen türkischer Großstädte. Ausführlicher Artikel dazu siehe hier.

Nach einer Pause, in der von der Stadtbibliothek für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt wurde und in der lebhafte Diskussionen des lyrikaffinen Publikums stattfanden, ging es im dritten Teil der Lyriknacht mit zwei jungen Lyrikerinnen weiter. Sie lasen auf Einladung des Literaturhauses. Die Leiterin des Literaturhauses, Dr. Stefanie Stegmann, stellte sie vor: Ulrike Almut Sandig und Kerstin Preiwuß.

Zwei junge Lyrikerinnen aus Ostdeutschland mit eigener Sprache

Die Lesungen der zwei in Ostdeutschland geborenen und aufgewachsenen Lyrikerinnen (Preiwuß in Lübz, Sandig in Nauwalde) wurden kommentiert und moderiert von Michael Braun. Er ist ein ausgewiesener Kenner der zeitgenössischen Lyrik und als Lyrikexperte ein gern gesehener Gast im Deutschlandradio, wenn es um neue Lyrikbände geht. Seit 1994 moderiert er das Erlanger Poetenfest und gab zahlreiche Anthologien zeitgenössischer Lyrik heraus.

Kerstin Preiwuß tauchte mit ihren Gedichten aus ihrem neuen Band Gespür für Licht tief in die Märchen und Mythen ein. Höhlenfisch, Aalmutter, Wasserweib und Windsbraut, alles Gestalten aus bekannten Märchen, geistern durch ihre Zeilen. Es sind Schöpfungsgeschichten, von der Sprache der Märchen inspiriert. Ein thematisch hermetisch geschlossener Band. Im Gespräch mit Michael Braun erläuterte sie ihre Poetik. Michael Braun und Kerstin Preiwuß begegneten sich bereits auf dem Erlanger Poetenfest, wo sie sich gegenseitig schätzen lernten. Das ist im Gespräch deutlich zu spüren. Eine Kostprobe zeigt dieses Video.

Das Gedicht als Performance

Ulrike Almut Sandig wurde von ihrem Verleger gedrängt, ihren neuen Lyrikband mit einem Titel zu versehen, der als längster Buchtitel der Saison angesehen werden kann:

ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemäde übereinandergelegt.


Diese Zeilen sind Teil eines Gedichts, das die Lyrikerin, mit Musik unterlegt, an diesem Abend performte. Sie arbeitet mit Musikern zusammen. Sie begreift sich eher als „sprechende Dichterin“, die ihre Gedichte gerne live dem Publikum darbietet. Ihr Einwand, ein solcher Titel würde sich nur schwer verkaufen lassen, wischte ihr Verleger Klaus Schöffling beiseite. Lyrik sei grundsätzlich ein Spartenprodukt und schwer verkaufbar, da wäre ein sperriger Titel gerade für das Lyrikpublikum Lockmittel.

Sie versteht es, ihre Gedichte zu kunstvollen Ohrwürmern zu machen. Wie Kerstin Preiwuß bedient sie sich am Grimm’schen Märchenfundus, wurzeln sie fest in einer Gegenwart. Mit dem Klangorgan ihrer ganz eigenen Sprache erfasst Ulrike Almut Sandig präzise die Untiefen zeitgeschichtlicher Unheimlichkeit und zeichnet den utopischen Gegenentwurf eines Heimatlandes, in dem der Mensch kein „Vieh ohn‘ Seele und Fell“ ist, sondern aufrecht sagen kann: „ich bin“.

Zusammenstellung der Gedichtbände, aus denen an diesem Abend gelesen wurde:

Anna Breitenbach
Haus und Hof, Sachen, Leute
Brauchbare Gedichte
180 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €

Kerstin Preiwuß
Gespür für Licht
Gedichte
128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Berlin Verlag, Preis: 18,00 €

Ulrike Almut Sandig
ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt
Neue Gedichte
96 Seiten, Leinen, Großformat, Lesebändchen
Schöffling & Co, Preis: 22,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Carmen Kotarski im Schriftstellerhaus

01.09.2016 at 22:25
Lebhafte Diskussion mit Carmen Kotarski im Schriftstellerhaus

Lebhafte Diskussion mit Carmen Kotarski im Schriftstellerhaus

Die Lyrikerin Carmen Kotarski stellte im Rahmen des Forums der Autoren am 1. September im Schriftstellerhaus neuere Gedichte ihren Schriftstellerkolleginnen und -kollegen vor. Darin knüpft sie teilweise an ihren Zyklus Wedding-Blues an. Dieser hatte die Großstadt Berlin in den Blick genommen. Viele der vorgestellten Gedichte kreisen wieder um das Thema Großstadt, diesmal ist es Stuttgart. Die Autorin, die sich aktiv am Widerstand gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 beteiligt hat, lässt auch dieses Engagement in ihre Stadtgedichte einfließen. Sie hatte vor einiger Zeit im Rosensteinpark bei einer Kulturveranstaltung der Parkschützer Gedichte zur Natur- und Stadtzerstörung vorgetragen.

Carmen Kotarskis Gedichte bewegen sich auf hohem sprachlichem Niveau. Sie wendet unterschiedliche lyrische Verfahren an, um ihre Bilder in Sprache zu bringen. Besonders herausstechend ist ihre Cut-Technik, die sie in einigen Gedichten angewendet hat: Sie schneidet Textstellen ab. Wie im Film muss nicht der ganze Zusammenhang genannt werden, der Geschichte im Film läuft im Kopf des Zuschauers auch ab, auch wenn die Szene geschnitten wurde. Durch die Cut-Technik entstehen beim Zuhörer eigene Assoziationen, ohne dass der Zusammenhang verloren geht.

Ein großer Teil der Gedichte lag den Zuhörern in Kopie vor, so dass sich im anschließenden Werkstattgespräch eine fruchtbare Diskussion entfalten konnte. Carmen Kotarski war dieses Jahr mit ihren Gedichten im oberschwäbischen Wangen beim „Literarische Forum Oberschwaben“ eingeladen. Dort stellten sich zehn Autoren zur Diskussion, mit noch unveröffentlichten Texten. Mal Lyrik, mal Prosa. Jeder Text wurde gelesen und gleich anschließend kritisiert. Der Beitrag von Carmen Kotarski wurde im SWR2 übertragen, hier nachzuhören.