Stuttgart liest ein Buch – Eröffnungsveranstaltung in der Musikhochschule

18.10.2017 at 23:00
Shida Bazyar im Kreise der Veranstalterinnen

Dr. Regular Rapp, Direktorin der HMDK Stuttgart und Bettina Backes von der Heinrich Böll Stiftung links neben Shida Bazyar

 

Mit einem Festakt in der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart wurde das diesjährige Lesefestival „Stuttgart liest ein Buch“ am 17.10.2017 eröffnet. Im Abstand von jeweils zwei Jahren wird dieses Lesefestival nun schon zum dritten Mal vom Schriftstellerhaus auf den Weg gebracht. Dieses Jahr steht der Roman Nachts ist es leise in Teheran der 1988 in der hessischen Kleinstadt Hermeskeil geborenen Shida Bazyar im Mittelpunkt. Ihre literarische Leistung wird an diesem Abend von allen Festrednerinnen gewürdigt. Rückblickend auf die letzten zwei Jahre ist das Thema des Buches angesichts der Entwicklung des Bürgerkrieges in Syrien und in dessen Folge einer Fluchtbewegung aus dem Land nach Europa höchst aktuell. Der Roman bildet einen perfekten Ausgangspunkt für ein vielschichtiges Veranstaltungsprogramm mit vielen unterschiedlichen Akteuren. Der Roman wird die nächsten zwei Wochen Stadtgespräch sein, genau das, was die Projektgruppe unter der Leitung von Astrid Braun vom Schriftstellerhaus bezweckte, als sie sich für diesen Roman entschieden hat.

Ein Ausschnitt der Welt erzählt über vier Jahrzente

Mit ihrem Roman gelingt es der jungen Autorin auf anschauliche Weise einen Ausschnitt von Welt zu zeigen. Sie schöpft dabei aus der Geschichte der eigenen Familie, ihre Eltern sind nach dem Sturz des Shahs als Kommunisten vor den neuen Machthabern, den Mullahs, geflüchtet. Ihr geht es in ihrem Roman um existentielle Fragen wie Heimat und Heimatverlust, um Verrat und Zivilcourage, um Macht und Machtmissbrauch sowie den steten Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung. Der Roman erzählt vielstimmig aus vier Perspektiven von der iranischen Revolution 1979 bis zu den Protesten gegen die Bildungspolitik in Deutschland 2009. Unterschiedliche Schauplätze und gesellschaftliche Rahmenbedingungen nimmt er in den Blick. Die Erzählstimmen im Roman sind die der vier Familienmitgliedern: Eltern und Kindern. Die als Ich-Erzähler agierenden Figuren erinnern sich. und erzählen in der Abfolge von vier Jahrzehnten ihre Geschichten vom Leben im Iran und der Flucht, der Integration in die deutsche Gesellschaft, vom Blick der Tochter auf die iranische Gesellschaft und aus dem Blickwinkel des Sohnes von der grünen Revolution im Iran. Über die puzzleartigen Rückblicke wird offenbar, wie sich die Lebenswelten im Iran und in Deutschland annähern, obwohl die Realitäten der daheimgebliebenen Familienangehörigen und der Exilierten gleichzeitig immer stärker auseinanderlaufen.

Das Rahmenprogramm bestreiten Studierende der HMDK Stuttgart

Janina Picard und Jule Hölzgen sprechen den Text von Shida Bazyar

Janina Picard und Jule Hölzgen sprechen den Text von Shida Bazyar

Auszüge aus dem Buch werden an diesem Abend von den beiden Studentinnen, Janina Picard und Jule Hölzgen, rezitiert. Der aus dem Iran stammende Pinanist Nima Farahmand Bafi breitet mit dem Percussionisten Johannes Werner ein von der persischen Musiktradition inspiriertes Klangspektrum aus. Die beiden spannen den Bogen zwischen exzellentem Klavierspiel und modernem Percussionsspiel.

Shida Bazyar erläutert Hintergründe ihres Romanprojektes im Gespräch mit Thorsten Dönges

Im Gespräch mit Thorsten Dönges vom Literarischen Colloquium Berlin erläutert die Autorin, wie sie bei der Konzeption des Romans vorgegangen ist. Erwartungsgemäß entstanden die Kapitel nicht wie im vorliegenden Buch chronologisch. Für die einzelnen Stimmen der Eltern Behsad und Nahid und die der Kinder Laleh und Morad hat sie lange recherchiert, auch im Iran.

Shida Bazyar möchte sich mit ihrem Roman nicht auf die Themen Flucht und Migration reduzieren lassen. Für sie ist es ein Buch, das viele Themen hat: Es geht darum, was Zeitgeschichte, was geschichtliche Wendepunkte mit Menschen und Menschenleben machen. Und um die Frage: Wie brennen sich diese Erfahrungen in die Gene der Generationen ein? Was macht das mit Geschlechterrollen?

Das Thema Rassismus ist für die Autorin eines, das sie am eigenen Leibe tagtäglich erfährt, ihr aufgrund ihres persischen Aussehen ebenso entgegenschlägt wie den Figuren in ihrem Roman. Sie selber hat aus diesen Erfahrungen die Konsequenz gezogen und ist nach dem Studium des Literarischen Schreibens aus der Kleinstadt Hildesheim in die anonyme Großstadt Berlin gezogen, in der viele Migranten leben. Hier ist sie nicht ein Phänomen, das immerzu angestarrt wird. Ihre Eltern, die als Fremde nach Deutschland kamen, gingen damit ganz anders um. Aber Shida Bazyar ist in Deutschland geboren und hier aufgewachsen, sie war hier nie eine Fremde. Dass sie aufgrund ihres Aussehens so angesehen wird, suggerieren ihr die Menschen von außen.

All das ist Ausgangspunkt für das abwechslungsreich Programm von Stuttgart liest ein Buch. Alle Termine und Veranstaltungsorte sind hier abrufbar.

Neuer Vorsitzender im Verein Stuttgarter Schriftstellerhaus

28.09.2017 at 15:56
Die scheidende Vorsitzende Frau Bussmann und der neue Vorsitzende Moritz Heger

Die scheidende Vorsitzende Frau Bussmann und der neue Vorsitzende Moritz Heger

 

Am 25. September 2017 wurde auf der jährlich stattfindenden Mitgliederversammlung Moritz Heger einstimmig zum neuen 1. Vorsitzenden des Vereins Stuttgarter Schriftstellerhaus gewählt.

Zum stellvertretenden Vorsitzer wurde Wolfgang Tischer ernannt. Als Beisitzer wurde Fabian Neidhardt neu gewählt, weiterhin im Amt sind Michael Seehoff als Schriftführer, Helga Danzer und Susanne Stephan als Beisitzerinnen.

Sehr herzlich und mit großem Dank verabschiedet wurden Ingrid Bussmann (ehemalige 1. Vorsitzende) sowie Signe Sellke (ehemalige 2. Vorsitzende).

Moritz Heger ist zur Zeit mit seiner Ausstellung “Lichtgrau” im Haus zu sehen mit seinen Gedichten und Zeichnungen des Künstlers Christian Lang.

Vers trifft Pinsel

09.07.2017 at 23:23
Moritz Heger

Dichter unter Dichterinnen

 

Am 7. Juli 2017 eröffneten die beiden Künstler Moritz Heger und Christian Lang ihre Ausstellung mit Gedichten und Tuschezeichnungen im Schriftstellerhaus in der Kanalstraße.

Die beiden kennen sich vom Heidehofgymnasium, an dem sie als Lehrer arbeiten. Beide sind ungefähr gleich alt, Moritz Heger ist Jahrgang 1971, Christan Lang Jahrgang 1972. Kollegial arbeiten die beiden auch an diesem Abend zusammen. Während Moritz Heger seine Gedichte vorträgt, projiziert Christian Lang seine – die Gedichte illustrierenden – Zeichnungen an die Wand. Zwei Künste stehen in Beziehung. Es wird deutlich, die Texte von Moritz Heger sind für Christian Lang ein Sprungbrett, um sich auf seine ganz spezielle Art mit dem Gedicht auseinander zu setzen. Dazu bedient er sich der Technik der chinesischen Reibetusche. Zur Illustration dieser These sei das Gedicht Die Rückenschwimmerin sieht den Himmel zitiert:

Stumm auf der letzten halben Bahn
bloß fünfundzwanzig Meter
von der Zeitnahme ließt du
die Schaufelarme sinken

Die Stopuhr los der Strömung
überantwortet glänzt dein Nabel
leicht treibst du Schaumgeburt
als wärs das Tote Meer

Deine Zeit mein Silberfisch
wies auf Weltrecord
die Besten jung die Beeiltesten
sterben just in time

Christian Lang mit Schwimmerin

Christian Lang mit Schwimmerin

 

Die knapp 20 Zuhörerrinnen und Zuhörer leiden unter dem heißen Wetter an diesem Abend. Es sind zum großen Teil Freunde und Kollegen, die den Weg an diesem Juliabend ins Schriftstellerhaus gefunden haben. Die wenigen Regentropfen, die fallen, lassen eher aufatmen, als dass sie ihnen die Laune verderben. Mit einem Glas Wein in der Hand und ein paar Knabbereien werden die gehörten Texte diskutiert.

Der Gedichtband Lichtgrau von Moritz Heger
mit Zeichnungen von Christian Lang ist in der Edition Kanalstraße 4 erschienen.

43 Seiten, Preis 12 €
zu erwerben im Schriftstellerhaus

Stuttgart liest ein Buch mit Shida Bazyar

11.03.2017 at 9:07
Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Im Schriftstellerhaus haben die Vorbereitungen zu Stuttgart liest ein Buch begonnen. Foto: © S. Martin

 

Im Oktober ist es wieder soweit. Stuttgart liest ein Buch. Zum dritten Mal veranstaltet das Schriftstellerhaus dieses literarische Festival, bei dem ein Buch im Mittelpunkt steht. Dieses Jahr ist es Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Die junge Autorin mit iranischen Familienwurzeln las in der Reihe Literatur im Salon im Sommer letzten Jahres aus ihrem Debütroman und eroberte im Sturm die Herzen der Vorsitzenden des Schriftstellerhaus-Vereins und dessen Geschäftsführerin. Es war leicht, mit diesem Erlebnis die an dem Projekt beteiligten Kooperationspartner für das Buch und das Thema des Buches zu begeistern, das uns seit vielen Monaten beschäftigt: Flucht, Vertreibung, Integration in eine fremde Kultur.

Shida Bazyar verwendet vier Erzählstimmen

Dies alles erzählt Shida Bazyar mit leichter Hand, humorvoll und voller Empathie für ihre vier Protagonisten, die in jeweils einem Abschnitt des Buches ihre Lebenswirklichkeit erzählen. Da ist der Vater, der mit seiner Frau 1979 aus dem Iran fliehen musste, da er als kommunistischer Aktivist den bei den Mullahs in Ungnade fiel. Er erzählt von seinen politischen Aktionen und wie er seine Frau kennen lernte mit der er dann aus dem Iran nach Deutschland flieht. In einer Kleinstadt finden er, seine Frau und seine kleinen Kinder Zuflucht. Zehn Jahre später erzählt seine Frau von den Bemühungen der Familie, sich in Deutschland zu integrieren. Über 4 Jahrzehnte erstreckt sich der erzählerische Bogen, den Shida Bazyar aufspannt, bis hin zur grünen Revolution von 2009. Ausführliche Rezensionen hier und hier.

Das Projekt Stuttgart liest ein Buch nimmt Form an

Die Vorbereitungsgruppe, bestehend aus den VertreterInnen der Projektpartner, hat ihre Arbeit aufgenommen, um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm für die Zeit zwischen dem 17. Oktober und dem 27. Oktober 2017 zusammen zu stellen. Im Einzelnen sind dies:

  • das Schriftstellerhaus
  • das Literaturhaus Stuttgart,
  • die Stadtbibliothek Stuttgart
  • die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
  • die Schiller Buchhandlung
  • das Evangelische Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart
  • der Börsenverein des Deutschen Buchhandels
  • die Volkshochschule Stuttgart

Die Projektleitung hat die Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, Astrid Braun, inne. Das Schriftstellerhaus hat für das Projekt bereits einen Internetauftritt gestaltet, siehe hier. Alle Neuigkeiten werden auch über Facebook und Twitter verbreitet.

Vernissage zur Ausstellung „Wie wir sie sahen“

20.02.2017 at 22:34
Günter Guben und Michael Seehoff

Wir hatten unseren Spaß! Foto: © Tatjana Seehoff

 

Am 16. Februar eröffneten Günter Guben und Michael Seehoff ihre Ausstellung „Wie wir sie sahen“ im Schriftstellerhaus. Das kleine Haus in der Kanalstraße 4 war erwartungsgemäß sehr voll. Bei Sekt und Knabber-Snacks konnten die Gäste die ausgestellten Bilder bewundern.

Michael Seehoff führte in seiner Eröffnungsrede aus, wie er über seinen Blog zur Fotodokumentation von Schriftstellern in Stuttgart gekommen ist. Alle seine Werke präsentiert er in Schwarz/Weiß.

Ein Foto hält den Augenblick fest

Günter Guben verwies in seinen Ausführungen auf den Umstand, das gute Fotos Geschichten erzählen und zu Geschichten werden. Das passt zum Anspruch des Schriftstellerhauses, dem Hort mannigfaltiger Geschichten. Wie der Schriftsteller ist auch der Fotograf verantwortlich für die Ethik seines Tuns. Dabei kann er wählen zwischen Wahrheit, Zynismus, Lauterkeit, Übertreibung, Zurückhaltung, Anteilnahme, Ablehnung und anderen Möglichkeiten. Doch immer sollte er der Wahrhaftigkeit verpflichtet sein. Im Gegensatz zum Text entscheidet sich beim Foto innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde, wie eine Persönlichkeit dargestellt und ihre Geschichte erzählt wird.

Diese Geschichten konnten die Besucherinnen und Besucher an diesem Abend in den Bildern entdecken. Alle anderen haben Gelegenheit, die Fotos noch bis zum 13. April 2017 zu betrachten. Geöffnet ist die Ausstellung Montags bis Donnerstags von 14-18 Uhr.

Ron Segal ist Stipendiat im Schriftstellerhaus

04.02.2017 at 14:22
Astrid Braun im Gespräch mit Ron Segal

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Ron Segal, geb. 1980 in Israel, ist der erste Stipendiat in diesem Jahr im Schriftstellerhaus. Er zog Anfang Januar ins Haus an der Kanalstraße 4 ein. Am 24. Januar 2017 stellte ihn die Geschäftsführerin des Hauses, Astrid Braun, offiziell vor.

Ron Segal hat an der Sam Spiegel Film and Television School Jerusalem studiert. Sein Abschlussfilm wurde auf vielen internationalen Festivals gezeigt, das von ihm verfasste Drehbuch vom Goethe Institut ausgezeichnet. Seit 2009 lebt er mit Unterbrechungen in Berlin, zuletzt als Stipendiat der Akademie der Künste zu Berlin, um einen Animationsfilm zu »Jeder Tag wie heute« fertig zu stellen, dessen Entstehung Ron an diesem Abend skizziert. Ruth Achlama hat den Roman aus seiner Heimatsprache Hebräisch ins Deutsche übersetzt. Ron Segal umreißt vor seiner Lesung dessen Plot.

Das Buch kreist um die Frage, was bleibt am Ende eines Lebens? Sind es Erinnerungen, Mosaiksteinchen, die sich immer schwerer zu einem Gesamtbild fügen lassen. Was passiert mit den Erinnerungen, wenn Alzheimer das Gedächtnis förmlich auszuhöhlen droht?

Er hat dabei auf die Geschichte seiner Großeltern zurück gegriffen. Sie lebten in den dreißiger Jahren in Berlin. Seine Großmutter wurde dort geboren. Beide konnten rechtzeitig fliehen. Die Oma kam mit 16 Jahren nach Israel. An Berlin hatten sie eigentlich gute Erinnerungen, erzählt Ron Segal, wollten jedoch nie zurück. Als ihr Mann 70 wurde, haben die beiden Deutschland noch einmal besucht. Das Tagebuch, das Großmutter damals geführt hat, hatte sie ihm vorgelesen.

Die Hauptfigur des Romans ist ein neunzigjähriger Überlebender der Schoa

Im Mittelpunkt seines Romans steht der neunzigjährige Überlebende der Schoa und erfolgreiche israelische Schriftsteller Adam Schumacher. Sein Werk ist geprägt durch das Schreiben gegen das Vergessen. Doch nach Deutschland wollte er nie wieder fahren und suchte bei seinen Reisen stets Flugrouten, die nicht über das Land flogen, dessen Machthaber ihm einst das Leben nehmen wollten, seine Angehörigen und Millionen andere ermordet haben. Als der Holocaustüberlebende jedoch für ein deutsches Literaturmagazin noch einmal in das Land der Täter zurückkehren muss, um seine Geschichte erneut aufzuschreiben, ergeben sich mehr und mehr Lücken und Irrwege.

Ron Segal – Autor und Filmemacher

Ron Segal liest an diesem Abend den Anfang des Romans: Adams Frau Bella wird zu Hause von einem dicken Buch erschlagen, einem Erfolgsroman Adams, der zur Zeit des Unglücks in Yad Vashem aus eben diesem Buch im Rahmen einer Konferenz »Die Schoa im Spiegel der modernen Literatur« liest. In der Jackentasche Adams finden die Ermittler die C-Saite einer Harfe. Bella war eine erfolgreiche Harfensolistin. Die elfjährige Bella spielte im KZ Harfe und traf dort den vierzehnjährigen (Ich-) Erzähler Adam. Aus dieser Begegnung entstand ein gemeinsamer Lebensweg. Damals haben sich die beiden Liebenden versprochen „Jeder Tag wie heute“.

Auf Grundlage des Romans hat Ron Segal ein Drehbuch verfasst und mit einem befreundeten Zeichner aus Tel Aviv erste Entwürfe für einen Animationsfilm entwickelt. Er zeigt dem anwesenden Publikum diese Entwürfe, wie sie von einer realen Figur ausgehend den alten Adams entwickelt haben, und die Figur der Bella im Vernichtungslager.

Für seine Filmproduktion muss Ron Segal Geld auftreiben

Er rechnet mit einem Budget von 5 Millionen Euro, um den abendfüllenden Animationsfilm produzieren zu können. Derzeit ist er auf der Suche nach Geldgebern. Er ist sich der Herkulesaufgabe bewusst, weiß, dass der Prozess zum fertigen Film deutlich länger dauern wird als der ein Buch zu schreiben.

Jeder Tag wie heute
Roman
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
140 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Wallstein, Preis: 17,90 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Wie wir sie sahen

21.01.2017 at 19:31
Günter Guben von mir gesehen

Günter Guben von mir gesehen

 

Herzlich lade ich zur Vernissage der Fotoausstellung „Wie wir sie sahen“ im Schriftstellerhaus ein.

Donnerstag, 16. Februar 2017 von 19:30 – 21:00 Uhr
Adresse des Stuttgarter Schriftstellerhauses: Kanalstraße 4, Stuttgart

Die Ausstellung ist eine Hommage an lebende und tote Kolleginnen und Kollegen, die mit unserem Haus eng verbunden waren und sind. Die Foto-Dokumente stammen von Günter Guben und mir.

Wir spannen den Bogen von Werner Dürrson bis Karlhans Frank, von Katja Hajek bis Peter O. Chotjewitz von Jaroslav Rudiš über Walle Sayer bis Judith Schalansky. Wir zeigen die Portraits von Schriftstellerinnen und Schriftstellern und Szenen um das Leben im Haus. Die Ausstellung ist vom 17. Februar bis zum 13. April 2017 zu sehen.

Video: © Hans M. Thill

Verneigung vor Christoph Lippelt

18.12.2016 at 12:05

 

Christoph Lippelt Gedächtnislesung

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Kolleginnen und Kollegen aus dem Schriftstellerhaus verneigten sich am 13. Dezember 2016 im Schriftstellerhaus vor Christoph Lippelt mit einer Gedenklesung.

Vieles erinnert bei dieser Lesung an den Abend vor 2 Jahren, als Christoph Lippelt seinen letzten Roman im Schriftstellerhaus vorstellte. Damals wie heute ist der kleine Saal des Schriftstellerhauses bis auf den letzten Platz besetzt. Von schwerer Krankheit gezeichnet, fehlte Christoph Lippelt bereits die Kraft, eine lange Lesung zu bestreiten. Kurz nach der Lesung im Dezember 2014 verstarb der geschätzte Autor. Seine Weggefährten aus dem Schriftstellerhaus lesen, wie vor zwei Jahren Passagen aus seinen Werken und erinnern an ihn. Ein Bild über den Lesenden zeigt den letzten öffentlichen Auftritt von Christoph Lippelt. Wiewohl absehbar, hat uns sein Tod erschüttert. Carmen Kortaski erinnert sich an die letzten Worte, die Christoph an sie richtete. Er war fest davon überzeugt, dass trotz der Anfeindungen der Menschen untereinander und des gegenseitigen aufeinander Einschlagens, vier Dinge Bestand haben werden: „Liebe, Kunst, Religion und Natur, das bleibt!“

So beginnt Carmen Kotarski auch die Lesung mit einem Langgedicht, das Christoph Lippelt, der Hautarzt und Christ, als Dankesrede 1983 anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der Bundesärztekammer hielt. Es ist ein sehr politisches Gedicht in dem aber auch sein christlicher Glaube durchschimmert. Er, der Hautarzt, schreibt angesichts militärischer Bedrohungen, das wir dünnhäutiger werden müssten, nicht dickfellig. Es war die Zeit, als der NATO-Doppelbeschluss um die Stationierung der Pershing II Raketen und die damit einhergehenden atomare Hochrüstung, die außen- und innenpolitischen Debatten bestimmten und die Menschen auf die Straßen gingen.

Rainer Wochele liest an diesem Abend aus dem ersten Kapitel des 2008 erschienen Romans Engelsbühl. Die auf dem Buchumschlag abgebildeten Papageien erinnern ihn immer an die Gelbkopfamazonen, die er beim Schreiben in seiner Schriftstellerklause in Bad Cannstatt hört. In dieser Passage kommt die Bildkraft der Sprache Christoph Lippelts gut zum Ausdruck.

Usch Pfaffinger, langjährige Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, verantwortete lange Zeit die Herausgabe der Anthologien des Hauses. Für die Ausgabe zum zwanzigjährigen Jubiläum hat sie Texte von Christoph Lippelt aufgenommen und sie liest einen Text von ihm aus dieser Anthologie. Sie erinnert sich gut, wie sie mit ihm vor der Veröffentlichung darüber diskutierte.

Eleonore Lindemann hat in ihrer Zeit als Sekretärin von Thaddäus Troll viele Schriftsteller persönlich kennen gelernt, auch Christoph Lippelt. Sie lässt es sie es sich nicht nehmen, an diesem Abend ebenfalls in die Gruppe der Lesenden einzureihen. Den Abschluss der Lesung bestreitet der Lyriker Gilbert Fels, der, wie könnte es anders sein, das lyrische Werk des Christoph Lippelt zum Gegenstand seiner Lesung macht. Ähnlich wie am Abend vor zwei Jahren, kommen Lesende und Zuhörer nach der Lesung bei einem Glas Wein ins Gespräch.

Signe Sellke – Eine Lyrikerin der leisen Töne

06.11.2016 at 18:58
Signe Sellke liest im Schriftstellerhaus

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Am 3. November 2016 las Signe Sellke im Schriftstellerhaus in der Kanalstraße 4. Für sie, langjähriges Mitglied im Vorstand des Vereins, ein Heimspiel.

Signe Sellke, 1942 in Plaue an der Havel in der Mark Brandenburg geboren, wohnt seit vielen Jahren in Schwäbisch Gmünd. Sie war im Schul- und Hochschuldienst tätig und engagierte sich im Friedrich-Bödecker-Kreis Baden-Württemberg, der sich der Leseförderung und Literaturvermittlung für Kinder und Jugendliche verpflichtet sieht.

Signe Sellke stellt neuen Gedichtband vor

Ihr neuer Gedichtband ist in vier Kapitel eingeteilt, wie Astrid Braun in ihrer Einführung erläutert. Ein Teil der Gedichte ist bereits in Signe Sellkes aktiver Zeit im Schuldienst entstanden und sie hat sich erst jetzt entschlossen, sie zu veröffentlichen. Angefangen hat ihr lyrischer Weg mit Protestsongs, die sie gegen die Stationierung der Pershing-Raketen geschrieben hatte. Der nach dem US-General des Ersten Weltkrieges, John Joseph Pershing, benannte Raketetyp wurde durch den NATO-Doppelbeschluss bekannt. Gegen dessen Stationierung protestierte die westdeutsche Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre. Vier Kilometer von Signe Sellkes Haus, in Mutlangen, sollten diese Raketen stationiert werden, die sie als Bedrohung für sich und ihre Kinder ansah.

Eine weitere Bedrohung in den lyrischen Blick genommen

Und das Atomkraftwerk Grundremmingen, ebenso bedrohlich, mit seiner Technologie, die nicht beherrschbar ist. Im ersten Abschnitt ihres neuen Gedichtbandes Das eigensinnige Summen des Lichtes findet sich ein Gedicht eben dazu. Signe Sellke versteht es, Themen in lyrische Sprache zu kleiden, ohne in einen Ton der platten Agitation zu verfallen. In dem Gedicht beschreibt sie die bedrohliche Situation wie folgt:

Morgens über Grundremmingen
windverzweigtes Rotviolett
die Lunte glühend hingestreckt

So viel Zunder über dem Land
das noch schläft

Leichtfüßig hat sie diese Zeilen in ihrem ersten Kapitel Gussenstädter Fahrten untergebracht, in dem sie Beobachtungen auf ihrem Weg zur damaligen Arbeitsstätte beschreibt. Den Titel Fahrtenschreiber, den sie ursprünglich für diesen Zyklus gewählt hatte, wollte sie nicht weiter verwenden, nachdem Jose F. A. Oliver einen seiner Gedichtbände unter diesem Titel veröffentlicht hatte.

Engagement für Geflüchtete

Das zweite Kapitel des Bandes trägt den Titel Die Wiese. Signe Sellke hat in einer Kaserne Flüchtlingskinder unterrichtet und diese Erfahrungen in Lyrik verarbeitet. Ihre Beobachtungen sind die aus der Gitterperspektive eines Kasernenfensters heraus. Wunderbar, wie sie die Anmut einer aus Angola stammenden Frau beschreibt, die in ihrem leuchtenden Kleid durch die Wiesen läuft und wie sie den Rhythmus der afrikanischen Trommeln in ihrem Gang lyrisch erfasst.

Lakonie zeichnet die Überschrift des dritten Teils ihres neuen Bandes aus, aus dem sie liest: Immer ist etwas. Ganz im Gegensatz zu der Überschrift des vierten Teils ihres Bandes, der eine eigene Geschichte zu erzählen scheint. Das rauhaarige Heil aller Schäden. Da beschreibt sie die Sonne, die Zähne kriegt und beschreibt das Land als „aufgeschlagen“. Vom Odermenning ist in einem Gedicht die Rede und Signe Sellke erläutert, Odermenning sei eine Heilpflanze, die sich klettenartig an die Kleidung anhaftet, wenn man durch die Wiesen streift. Und über den Winter liest sie ihre wunderbaren Zeilen:

Der Winter reibt seinen Kern ins Land
Aus den Mähnen der Häuser
wachsen silberne Zöpfe
einsilbige Bäume spreizen ihr Glas
Wir reden uns den Schnee entlang
unsere weißen Wörter
schlagen Wurzeln in der Luft

Kann man schöner den Winter beschreiben? Wahrhaftig, Signe Sellke ist eine Lyrikerin der leisen Töne und hat ihre ZuhörerInnen im Schriftstellerhaus mit ihrer Lesung dafür eingenommen.

Das eigensinnige Summen des Lichtes
64 Seiten, Fadenheftung mit Schutzumschlag
Einhorn-Verlag+Druck GmbH, Preis: 18,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Das Gedicht ist auf der Straße – Das Gedicht als Protestform

18.09.2016 at 15:38
Achim Wagner Lyriknacht 2016

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Achim Wagner stellte im Rahmen der Lyriknacht Stuttgart auf Einladung des Schriftstellerhauses die Lyrik als Protest- und Ausdrucksform in der Türkei vor. Er lebt als Lyriker und engagierter Fotograf für viele Monate im Jahr in der Türkei (vorzugsweise in İstanbul, Eskişehier und Ankara). Seinen deutschen Lebensmittelpunkt hat er in Berlin gefunden.

Stadtzerstörung im Gezi Park, der Protest formiert sich

Als Mitte des Jahres 2013 die Proteste im Gezi-Park in landesweite Demonstrationen gegen die türkische Regierung umschlugen, fand sich ein großer, gesprühter Schriftzug auf der Eingangstür des französischen Generalkonsulats : „La poésie est dans la rue!“ („Die Poesie ist auf der Straße“). Das Generalkonsulat liegt auf der hoch frequentierten Einkaufsstraße İstiklal Caddesi (Straße der Unabhängigkeit) und führt auf den Taksim Platz. Dort schließt sich der Gezi-Park an, der einem städtebaulichen Großprojekt zum Opfer fallen sollte.

Die Parole „La poésie est dans la rue!“ stammt aus der Studentenrevolte von 1968 in Paris und wurde Ausgangspunkt für eine eigene, türkische Protestform: das im öffentlichen Raum angebrachte Gedicht. Die Verbreitung erfolgte mit Hilfe der neuen Internetmedien sehr schnell. Versehen mit immer demselben Hashtag fluteten die Protestierenden Twitter, verbreiteten lyrische Zeilen, verbunden mit einem Bild unter den Protestierenden. Die einfache Möglichkeit, unter einem einzigen Link Informationen zu verbreiten, war die Voraussetzung, dass binnen weniger Wochen eine ganze Bewegung entstehen konnte. Als Hashtag wurde die Übersetzung der französischen Zeile gewählt: șiir sokakta. Die, die den öffentlichen Raum mit Lyrik beschrifteten, nutzen ihn und aus einigen hundert Beteiligten, wurden schnell tausende, zehntausende von „Zeichenschreibern“.

Schließt das Heft, kommt auf die Straße

Der Konzeptkünstler Refet Arslan (sein Pseudonym ist Herr Donnerstag) stellte der Parole „Das Gedicht ist auf der Straße“ den kleinen aber mit „Sprengkraft“ ausgestatteten Halbsatz „Schließt das Heft,“ voran, der als Aufruf verstanden wurde, die Straßen mit Gedichten zu beschriften. Überall tauchten fortan Gedichtzeilen bekannter Lyriker auf. Lyrik wurde bei Protestversammlungen in die Reden eingeflochten. Die auch in Deutschland bekannten Zeilen von Nazim Hikmets:

Leben wie ein Baum, einzeln und frei
und brüderlich wie ein Wald
das ist unsere Sehnsucht

passte programmatisch zu dem Widerstand gegen die Abholzung der Bäume im Gezi-Park, der sich gegen die ungebremste Verwertung gemeinschaftlich genutzter Stadtnatur formierte. Die Bewegung gegen das Stuttgart-21-Projekt wandte sich in seinem Protest in ähnlicher Weise gegen die Interessen der Immobilien-Investoren, und kämpfte für den Erhalt des kommunalen Parks, der durch die Errichtung eines unterirdischen Bahnhofs von Abholzung bedroht war. Ebenfalls phantasievoll und kreativ, allerding ohne diese spezielle „lyrische Protestform“ zu nutzen.

Von der unpolitischen Lyrik zur politischen Aussage

Die von der türkischen Protestbewegung zitierten Lyriker gehörten häufig der lyrischen Avantgardebewegung an, die unter dem Namen „Zweite Neue“ in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt wurden. Sie richtete sich sowohl gegen die Verwendung einer schlichten Sprache in der Lyrik, wie es vorher üblich war als auch gegen die direkte politische Aussage und Stellungnahme im Gedicht. In lyrische Bewegung wollten die Aktivisten vor allem ihren Wunsch nach einer individuellen Lebensführung, ohne staatliche Einmischung und ohne patriarchalisch autoritäre Bevormundung ausdrücken. Es war die Sehnsucht nach einer anderen Welt. Und dieser Wunsch wurde von den surrealen Versen der Dichter der „Zweiten Neuen“ wunderbar in Worte gefasst. Wenn z. B. die Aktivisten schrieben: „Wir sind die Verse Turgut Uyars“, war der Zusammenhang sofort klar, weil der Dichter Turgut Uyar zur lyrischen Avantgarde-Bewegung „Zweite Neue“ gehörte.

Schießt Mensch,  schießt doch so leicht sterbe ich nicht!

Schießt Mensch,
schießt doch
so leicht sterbe ich nicht!

Der Protest fordert die ersten Toten

Als Anfang Juni die ersten Demonstranten bei den Auseinandersetzungen um den Gezi-Park starben, waren es verschiedene Verse des bekanntem Gedichts Hasan Hüseyin Korkmazgil, die sich als Ausdruck der Trauer in den sozialen Medien und im öffentlichen Raum wiederfanden. Sein Gedicht „Es ist schwer im Juni zu sterben“ drückte ursprünglich die Trauer des Dichters über den Tod von Orhan Kemal und Nâzım Hikmet aus.

Mittlerweile ist Lyrik als Straßenkunst in türkischen Städten unübersehbar geworden. Lyrische Metaphern wie der Vogel (der als Träger der Seele in der türkischen Lyrik Verwendung findet) und die Farbe Blau, die für den Wunsch nach Freiheit steht, werden von einer breiten Bevölkerungsschicht, vor allem aus dem universitären Umfeld in den Großstädten, verstanden. Die Verse Cemal Süreyas, z. B. „Das Leben ist kurz, / Die Vögel fliegen“, werden immer wieder an Wände, Stromverteilerkästen und Häuser geschrieben.

Nach dem Ende der Gezi-Proteste brachte eine Studentenorganisation Arslans Spruch „Schließ das Heft, das Gedicht ist auf der Straße!“ immer wieder in Parks und auf Straßen an. Damit riefen sie auf, den öffentlichen Raum weiterhin mit Gedichten zu besetzen.

Mitterlweile kann man sich beinahe die komplette jüngere türkische Lyrik auf der Straße, an Wänden und Mauern erschließen. Das Internet hilft weiterhin deren massenhaften Verbreitung. Zentren dieser Lyrik-Bewegung sind natürlich die drei größten Städte der Türkei: İstanbul, Ankara, İzmir. Hier befinden sich die großen Universitäten. Mancher Universitätscampus ist zur begehbaren Lyriksammlung geworden.

Wird die Bewegung zerschlagen?

Die Repression in der Türkei hat nach dem gescheiterten Militärputsch in den letzten Monaten drastisch zugenommen. Journalisten, Richter, Schriftsteller und Universitätsprofessoren sind von Säuberungswellen betroffen.

Lyrik im öffentlichen Raum kann natürlich keine unmittelbare Handhabe gegen die aktuellen negativen gesellschaftlichen Gegebenheiten bieten. Als Straßenkunst könnte sie aber dazu beitragen, Denkanstöße zu geben und kleine Verschiebungen zum Besseren zu bewirken. Ihr subversiver Charakter und ihre einfach Handhabung mittels wasserfestem Filzstift in möglichst kleingehaltener Schriftgröße, so als ob man in ein Heft schriebe, auf Wänden, Bänken, Telefonhäuschen Lyrik zu schreiben, wären Zeichen des Widerstandes. Ob die Regierung in Ankara die lyrische Bewegung aus den Straßen vertreiben kann, bleibt abzuwarten. Achim Wagner wird sicher auch darüber berichten.

Weitere Videos von seinem Vortrag hier (Teil 2) und hier (Teil 3).

Stuttgarter Lyriknacht mit abwechslungsreichem Programm

18.09.2016 at 14:39
Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste auf der Lyriknacht

Dr. Stefanie Stegmann begrüßt ihre Gäste

 

Am 9. September 2016 fand in der Stadtbibliothek Stuttgart die 12. Lyriknacht statt. Drei „Schwergewichte“ der Literatur in der Stadt richten jedes Jahr die Veranstaltung aus: Die Stadtbibliothek, das Schriftstellerhaus und das Literaturhaus Stuttgart.

Die Direktorin der Stadtbibliothek, Christine Brunner, eröffnete die Veranstaltung und stellte für die erste Lesung Anna Breitenbachvor, die von ihr zur Stuttgarter Lyriknacht eingeladen wurde. Anna Breitenbach lebt und arbeitet in Esslingen und hat in diesem Jahr ihren neuen Band Haus und Hof, Sachen, Leute im Klöpfer & Meyer Verlag vorgelegt. Er trägt den programmatischen Untertitel Brauchbare Gedichte. Texte, die klar und leichtfüßig daher kommen.

Anna Breitenbach Lyriknacht 2016

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12 Kapitel mit brauchbaren Gedichten

Der Band umfasst zwölf Kapitel, jedes von ihnen enthält zehn Gedichte. In den Kapiteln geht es um die Niederungen und Zumutungen des Alltags. Da tauchen fremde Leute auf, auch Bekannte, jedenfalls Lebewesen: Vampire, Lampentiere, Sammler. Die Kapitel tragen lyrische Namen wie: Sachen und Sammlung, Alltag und Zumutung, Krankheit und Krise und so weiter.

Anna Breitenbach, die auch als Poetry Slammerin arbeitet, ist geübt, ihre Gedichte lebhaft-mitreißend vorzutragen. Ihre Gedichte sind leidenschaftlich lyrisch, dabei aber kunstvoll einfach. Wie zufällig ergeben sich Binnen- und Endreime einfachster Prägung. Sie lassen den Alltag in einem anderen Licht erscheinen, öffnen den Blick auf eine etwas verrückte Sicht. Oft erscheinen die Gedichte, als seien sie leicht daherkommende Bonmots. Scheinen sie auch wie lyrische Appetithäppchen so enthalten sie oft veritable Sprengkörper. So drückt sie die Empfindungen des Feuerwehrmanns im Kapitel Ego und Eigenheit z. B. so aus:

Feuerabend

hört der Brandstifter
sich müde
sagen.

Anna Breitenbach versteht es, Leerstellen zu umreißen, im entscheidenden Moment wird etwas von ihr nicht benannt. Ihre Gedichte sind oft klassisch gebaut, kommen kurz und lang daher, oft lakonisch, häufig lustvoll komisch. Das kürzeste besteht nur aus sechs Worten:

Auf den
Bahnsteigen

immer diese
Zugluft!

Eine gute Wahl der Stadtbibliothek den Abend mit den Gedichten von Anna Breitenbach zu eröffnen. Ein leichtfüßiger Auftakt voller Sprachwitz und Hintersinn.

şiir sokakta – Das Gedicht ist auf der Straße

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Astrid Braun vom Schriftstellerhaus stellte den Lyriker Achim Wagner vor, der den zweiten Teil des Abends bestritt. Er folgte gerne der Einladung des Schriftstellerhauses, eine Wiederbegegnung von ihm mit dem Haus. Im Jahr 2010 weilte er als Stipenditat des Schriftstellerhauses in Stuttgart. Er entführte die Zuhörer in die Poesie auf den Straßen türkischer Großstädte. Ausführlicher Artikel dazu siehe hier.

Nach einer Pause, in der von der Stadtbibliothek für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt wurde und in der lebhafte Diskussionen des lyrikaffinen Publikums stattfanden, ging es im dritten Teil der Lyriknacht mit zwei jungen Lyrikerinnen weiter. Sie lasen auf Einladung des Literaturhauses. Die Leiterin des Literaturhauses, Dr. Stefanie Stegmann, stellte sie vor: Ulrike Almut Sandig und Kerstin Preiwuß.

Zwei junge Lyrikerinnen aus Ostdeutschland mit eigener Sprache

Die Lesungen der zwei in Ostdeutschland geborenen und aufgewachsenen Lyrikerinnen (Preiwuß in Lübz, Sandig in Nauwalde) wurden kommentiert und moderiert von Michael Braun. Er ist ein ausgewiesener Kenner der zeitgenössischen Lyrik und als Lyrikexperte ein gern gesehener Gast im Deutschlandradio, wenn es um neue Lyrikbände geht. Seit 1994 moderiert er das Erlanger Poetenfest und gab zahlreiche Anthologien zeitgenössischer Lyrik heraus.

Kerstin Preiwuß tauchte mit ihren Gedichten aus ihrem neuen Band Gespür für Licht tief in die Märchen und Mythen ein. Höhlenfisch, Aalmutter, Wasserweib und Windsbraut, alles Gestalten aus bekannten Märchen, geistern durch ihre Zeilen. Es sind Schöpfungsgeschichten, von der Sprache der Märchen inspiriert. Ein thematisch hermetisch geschlossener Band. Im Gespräch mit Michael Braun erläuterte sie ihre Poetik. Michael Braun und Kerstin Preiwuß begegneten sich bereits auf dem Erlanger Poetenfest, wo sie sich gegenseitig schätzen lernten. Das ist im Gespräch deutlich zu spüren. Eine Kostprobe zeigt dieses Video.

Das Gedicht als Performance

Ulrike Almut Sandig wurde von ihrem Verleger gedrängt, ihren neuen Lyrikband mit einem Titel zu versehen, der als längster Buchtitel der Saison angesehen werden kann:

ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemäde übereinandergelegt.


Diese Zeilen sind Teil eines Gedichts, das die Lyrikerin, mit Musik unterlegt, an diesem Abend performte. Sie arbeitet mit Musikern zusammen. Sie begreift sich eher als „sprechende Dichterin“, die ihre Gedichte gerne live dem Publikum darbietet. Ihr Einwand, ein solcher Titel würde sich nur schwer verkaufen lassen, wischte ihr Verleger Klaus Schöffling beiseite. Lyrik sei grundsätzlich ein Spartenprodukt und schwer verkaufbar, da wäre ein sperriger Titel gerade für das Lyrikpublikum Lockmittel.

Sie versteht es, ihre Gedichte zu kunstvollen Ohrwürmern zu machen. Wie Kerstin Preiwuß bedient sie sich am Grimm’schen Märchenfundus, wurzeln sie fest in einer Gegenwart. Mit dem Klangorgan ihrer ganz eigenen Sprache erfasst Ulrike Almut Sandig präzise die Untiefen zeitgeschichtlicher Unheimlichkeit und zeichnet den utopischen Gegenentwurf eines Heimatlandes, in dem der Mensch kein „Vieh ohn‘ Seele und Fell“ ist, sondern aufrecht sagen kann: „ich bin“.

Zusammenstellung der Gedichtbände, aus denen an diesem Abend gelesen wurde:

Anna Breitenbach
Haus und Hof, Sachen, Leute
Brauchbare Gedichte
180 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Klöpfer & Meyer, Preis: 18,00 €

Kerstin Preiwuß
Gespür für Licht
Gedichte
128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Berlin Verlag, Preis: 18,00 €

Ulrike Almut Sandig
ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt
Neue Gedichte
96 Seiten, Leinen, Großformat, Lesebändchen
Schöffling & Co, Preis: 22,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Carmen Kotarski im Schriftstellerhaus

01.09.2016 at 22:25
Lebhafte Diskussion mit Carmen Kotarski im Schriftstellerhaus

Lebhafte Diskussion mit Carmen Kotarski im Schriftstellerhaus

Die Lyrikerin Carmen Kotarski stellte im Rahmen des Forums der Autoren am 1. September im Schriftstellerhaus neuere Gedichte ihren Schriftstellerkolleginnen und -kollegen vor. Darin knüpft sie teilweise an ihren Zyklus Wedding-Blues an. Dieser hatte die Großstadt Berlin in den Blick genommen. Viele der vorgestellten Gedichte kreisen wieder um das Thema Großstadt, diesmal ist es Stuttgart. Die Autorin, die sich aktiv am Widerstand gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 beteiligt hat, lässt auch dieses Engagement in ihre Stadtgedichte einfließen. Sie hatte vor einiger Zeit im Rosensteinpark bei einer Kulturveranstaltung der Parkschützer Gedichte zur Natur- und Stadtzerstörung vorgetragen.

Carmen Kotarskis Gedichte bewegen sich auf hohem sprachlichem Niveau. Sie wendet unterschiedliche lyrische Verfahren an, um ihre Bilder in Sprache zu bringen. Besonders herausstechend ist ihre Cut-Technik, die sie in einigen Gedichten angewendet hat: Sie schneidet Textstellen ab. Wie im Film muss nicht der ganze Zusammenhang genannt werden, der Geschichte im Film läuft im Kopf des Zuschauers auch ab, auch wenn die Szene geschnitten wurde. Durch die Cut-Technik entstehen beim Zuhörer eigene Assoziationen, ohne dass der Zusammenhang verloren geht.

Ein großer Teil der Gedichte lag den Zuhörern in Kopie vor, so dass sich im anschließenden Werkstattgespräch eine fruchtbare Diskussion entfalten konnte. Carmen Kotarski war dieses Jahr mit ihren Gedichten im oberschwäbischen Wangen beim „Literarische Forum Oberschwaben“ eingeladen. Dort stellten sich zehn Autoren zur Diskussion, mit noch unveröffentlichten Texten. Mal Lyrik, mal Prosa. Jeder Text wurde gelesen und gleich anschließend kritisiert. Der Beitrag von Carmen Kotarski wurde im SWR2 übertragen, hier nachzuhören.

Ein Strauß voller Texte

17.07.2016 at 15:18
Schreibwerkstatt von Simone Regina Adams - Lesung

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Das Schriftstellerhaus Stuttgart hat in Zusammenarbeit seiner ehemaligen Stipendiatin und Autorin Simone Regina Adams eine fortlaufende Schreibwerkstatt aus der Taufe gehoben. Während des Kurses sind unterschiedliche Werke entstanden. Einmal im Jahr stellen die Mitglieder der Schreibwerkstatt ihre Texte der Öffentlichkeit vor. Am 12. Juli war es wieder so weit, das kleine Haus in der Kanalstraße 4 war bis auf den letzten Platz besetzt. Was ist im letzten Jahr entstanden?

Brigitte Liebe beginnt den Abend mit einem Auszug aus ihrem Romanprojekt. Er ist in den fünfziger Jahren angesiedet und berichtet von einer sich anbahnenden Ehe, aus einer, wie man heute sagen würde, Long Distance Relationship.

Romanauszüge und Kurzgeschichten aus der Schreibwerkstatt

Ursula Gangl lässt in ihrer Kurzgeschichte „Begegnung“ im Gegensatz dazu den kurzen Moment einer Begegnung zwischen einer Frau und einem Vogel aufscheinen. Eine Frau im Bahnhofscafé beobachtet einen Spatz, der sich frech an ihren Kuchenteller setzt. Ob die Autorin nur sporadisch Bahn fährt? Sonst hätte sie nicht die Pointe der Geschichte schreiben können, dass die Icherzählerin zum ICE hetzt aber die Tür, nachdem sie verschlossen ist, noch öffnen kann. Ich war schon öfters in einer solchen Situation und hätte mir die Zauberkraft dieser Geschichte gewünscht.

David Paulitschek beweist mit seiner Kurzgeschichte, dass Humor immer gut ist bei einer Textlesung. Sein spritziger Text funktioniert wunderbar im mündlichen Vortrag. Auch zeigt sich an seinem Text, die Zuhörer werden eher mitgenommen bei einer abgeschlossenen Geschichte denn bei einem Romanausschnitt, wie ihn auch Ingrid Reinhard präsentiert.

Tobias Niethammer liest allerdings auch einen Romanausschnitt. Er ist auf die Zielgruppe der jugendlichen Leser ausgerichtet. Und was Tobias Niethammer an diesem Abend präsentiert ist überlegt und gut formuliert und zieht den Zuhörer sofort in die Geschichte hinein. Das mag auch daran liegen, dass der gelesene Ausschnitt mit wenig Personen auskommt und aus der Ich-Perspektive des jugendlichen Protagonisten gelesen ist. Der Zuhörer gerät dadurch nicht in Verwirrung, wie es passiert, wenn viele Personen in dem zu lesenden Romanausschnitt auftauchen, deren Rollen sich erst im Gesamttext erschließen.

Brigitte Maria Jacob liest über einen Küchenschrank, der dem Abend auch seinen Titel gegeben hat: Ich bin 45 Jahre alt und fürchte mich vor meinem Küchenschrank. Darin beschwört sie die Geister des Schankes. Der letzte Text des Abends von Katharina Harter kommt in Form einer Reisegeschichte daher. Auch hier verzaubert der feine Humor das Publikum, ähnlich wie der Text von David Paulitschek.

Es ist zu hoffen, dass die Mitglieder der Schreibgruppe von Simone Regina Adams weiter an ihren Texten arbeiten und wir im nächsten Jahr in einer Lesung Zeugen des weiter fortschreitenden Arbeitsprozesses werden können. Da wird wieder viel zu entdecken sein, denn, so Frau Adams, es wird in der Schreibwerkstatt hart um jedes Wort gekämpft.

Band 2 blättert auf

02.07.2016 at 17:29
Hans Thill vom Band 2 liest "Der Hutmacher"

Hans Thill vom Band 2 liest „Der Hutmacher“

 

Regelmäßig treffen sich im Schriftstellerhaus Schreibende zu Diskussion ihrer Texte und um in werkstattlicher Atmosphäre gemeinsam an Texten zu arbeiten. Der Name der Gruppe: Band 2. Einmal im Jahr stellen sie ihre Texte der Öffentlichkeit vor, dieses Jahr am 1. Juli im Schriftstellerhaus. Das Schriftstellerhaus gilt allgemein als das schmalste Haus in Stuttgart und dementsprechend eng wurde es bei der Lesung der zehn TeilnehmerInnen der Gruppe Band 2. Alle Stühle waren im engen Tagungsraum besetzt, die Treppe zum Büro des Schriftstellerhauses und eine Bierbank im Flur dienten ebenfalls als Sitzgelegenheit für die zuhörenden Gästen. Klar, wenn 10 Mitglieder der Schreibgruppe lesen und jeder auch nur zwei Freunde zum Kommen überreden kann, sind dreißig schnell beieinander und dafür reicht der kleine Raum im Schriftstellerhaus nicht aus, in dem in der Regel intime Werkstattgespräche stattfinden.

Trotz der Enge und der sommerlichen Temperaturen, die die Veranstalter dazu zwangen, die Tür zur Straße offen zu lassen, war es ein Vergnügen, den Beteiligten zuzuhören. Es wurde Lyrik vorgetragen, durchkomponierte Geschichten, historische Familiengeschichten in der Entstehung und all das verband Willi Steinfest galant mit seinen kurzen Zwischenmoderationen.

Sarah Dressel vom Band 2 trägt Lyrik vor

Sarah Dressel trägt Lyrik vor

Erwartungsgemäß sind die Texte einer Arbeitsgruppe von sehr unterschiedlicher Qualität. Das galt sowohl für den eigentlichen Text als auch für den Vortrag. Aber da alles ein Abbild eines laufenden Arbeitsprozesses war, tat das dem Vergnügen der Zuhörer keinen Abbruch, wie es in den Gesprächen während der Pause und am Schluss der Veranstaltung deutlich wurde. Sarah Dressel, die die Gruppe organisatorisch zusammen hält, trug zwei längere Gedichte vor, unterstrich ihren Vortrag mit fein abgestimmten Gesten.

 

Geschichten dem Leben abgeschaut

Band 2: Die feine englische Art

Die feine englische Art

Dass Geschichten im wahren Leben fußen, bewies David Heinze mit seiner Geschichte über einen fünfzehnjährigen Schüler in England, der zur Perfektionierung seiner Sprachkenntnisse auf die Insel reist, in einer englischen Unterschichtfamilie aufgenommen wird und dort so gar nicht die feine englische Art erkennt. Die Hausmutter macht ihm zu allem Überfluss noch eindeutige sexuelle Avancen, mit denen er hoffnungslos überfordert ist. Der Text ist nicht nur humorvoll geschrieben sondern wurde auch von David Heinze perfekt vorgetragen.

Darüber hinaus trugen an diesem Abend ihre Werke vor: Ingeborg Anna Mentor, Hans Thill, Franz Lässig, Renate Philippi, Svenja Bramfeld, Larissa Hieber und Frank Sohler. Die Resonanz auf ihre Lesung ist sicher Ansporn, weiter an ihren Texten zu arbeiten, neue Texte aufs Papier zu bringen und im nächsten Jahr (in einer größeren Raum?) diese wieder einem breiten Publikum vorzustellen.

Karl-Heinz Ott liest im Salon

22.05.2016 at 18:00
Karl-Heinz Ott

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„Komm heim, so schnell es geht, Papa ist tot, hatte Linda frühmorgens, kaum dass es Tag war, ins Telefon gehechelt und am Ende des knappen Gesprächs gestöhnt: Gottlob.“
So beginnt das Buch von Karl-Heinz Ott, aus dem er am 20. Mai las. Es war die Auftaktveranstaltung der Reihe „Literatur im Salon“ des Schriftstellerhauses Stuttgart.

Herrlicher Sonnenschein durchflutete den Garten der Gastgeber in Degerloch. Die Blumenpracht im Garten: üppig. Die Reihe „Literatur im Salon“, als Teil des in ganz Baden-Württemberg veranstalteten Literatursommers, konnte nicht besser beginnen. Aber selbst wenn das Wetter grau und regnerisch gewesen wäre, die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Gastgeber hätte dies wett gemacht.

Astrid Braun, Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, stellte Karl-Heinz Ott vor:
Geboren 1957 in Ehingen bei Ulm studierte Karl-Heinz Ott Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft und arbeitete anschließend als Dramaturg in Freiburg, Basel und Zürich. 1998 erschien sein erster Roman Ins Offene, für den er 1999 den Thaddäus-Troll-Preis erhielt. Seither folgten weitere Romane und Essays, vor allem für den SWR. Karl-Heinz Ott lebt in Freiburg im Breisgau.

„Der hört nichts mehr.“
„Wer weiß?“
Der routinierte Dramaturg Karl-Heinz Ott las eine ganze Stunde aus seinem neuen Werk und schlug die Zuhörerinnen und Zuhörer mit seiner Lesung in Bann. Er schlüpfte in die Rollen der vier längst erwachsenen Kinder des pensionierten Chefarztes der Ulmer Unfallklinik Jan Nido: Linda, Joschi, Uli und Jakob. Der Vater liegt tot in seinem Haus. Die Kinder und zwei ihrer Partner finden sich im Haus ihrer Kindheit ein, um das weitere Vorgehen abzustimmen.

Über dem Haus lag lange der Schatten eines Zerwürfnisses. Vor geraumer Zeit schon hatte der seit zwölf Jahren verwitwete Vater seine Tochter Hausverbot erteilt. Auch seine Söhne ließ er nicht mehr ins Haus. Jan Nido, als Ehemann und Vater eher leidenschaftslos, war an Parkinson erkrankt und hatte erhebliche Schrullen entwickelt: Als Jakob seinen alten Vater einmal überraschend besuchen wollte, hörte er den Alten schon von der Terrasse her laut stöhnen: Im Schlafzimmer erblickte er den nackten Hintern einer Frau, die den alten Vater heftig ritt. Die Wände des Hauses waren mit drallen Porno-Plakaten drapiert, die Linda nach ihrer Ankunft sofort abriss und in den Müll warf.

Die Geschwister warten im Wohnzimmer des Vaters auf den Rechtsanwalt Max Schmeler, in Angst, der Vater hätte seinen Besitz seiner Geliebten vererbt, wie er es auch mit einem Haus im Tessin schon angedeutet hatte. Der Rechtsanwalt war mit Linda eine Weile verlobt, ehe er von einem Mallorca-Urlaub mit einer Laufstegschönheit zurück kam und für Linda zur meistgehassten Person im Hause Nido wurde. Ausgerechnet dem hat sich Vater Nido anvertraut, um sein Erbe zu regeln. Wird es Bares geben, was ist mit dem Haus? Das sind die zentralen Fragen der Kinder des Verstorbenen. Die Rahmenhandlung des Romans streute Ott während seiner Lesung ein, so dass ein plastisches Bild des Werkes entstehen konnte.

Karl-Heinz Ott zeichnet ein Porträt der zwischen 1946 und 1959 Geborenen

Karl-Heinz Ott vermittelt den gesamten Roman

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Ott beschreibt in seinem Roman anhand der Familiengeschichte der Nidos ein Porträt jener etwa von 1946 bis 1959 Geborenen, die sich von den Eltern und der schwäbischen Provinz entfernten und freier leben wollten. Folgt man Otts sprachmächtiger Erzählung der Biografien der Nido-Kinder, fällt die Bilanz dieses Aufbruchs insgesamt kaum optimistisch aus. Jakob hat eine Karriere als freier Fernsehkulturjournalist hinter sich, der es mit Adorno, Baudelaire und Pascal hält, aber mittlerweile, inzwischen selbst um 60 Jahre alt, keine Redakteure mehr findet, die sich für seine Angebote interessieren. Von seiner Sparkassenberaterin wird er über seine prekären finanziellen Situation aufgeklärt, während er in Frankreich an einem neuen Fernsehbeitrag arbeitet, den er aufgrund des Tods seines Vaters sausen lassen musste. Die Vergangenheit von Joschi als linksradikaler Student in Heidelberg, zu Beginn der Siebzigerjahre, erläuterte der Autor in seiner Zwischenmoderation, endet abrupt, als er – inzwischen Geschäftsführer des Studentenwerks – eine halbe Million Mark veruntreut und sich der Haftstrafe durch Flucht nach Ungarn entzieht. Dort schlägt er sich zehn Jahre lang als Penner durch, bis sein Fall verjährt ist. Uli hat nach den Hippie-Jahren eine Stelle als Werklehrer an der Waldorfschule bekommen. Mit dem Geld kommt er für sich, seine Frau Franziska und ihre drei Kinder über die Runden. Besonders Joschi und Jakob könnten ihre prekäre Existenz durch das Erbe aufbessern. Schwester Linda studierte Kunstgeschichte und leitet eine Kunsteinrichtung in Memmingen, ihr Mann ist an der Volkshochschule des Ortes angestellt. Die Schilderung der langen Stunden bis in die Nacht, als Max Schmeler eintrifft, bildet den Erzählrahmen des Romans, in dessen Verlauf die Zuhörer über Dialoge und Rückblenden so spannend wie genau über die Entwicklung dieser Schicksalsgemeinschaft informiert werden. Karl-Heinz Ott gelingt es mit wenigen Attributen, die Figuren zutreffend zu skizzieren, wie zum Beispiel die Geschwister über die Beerdigungsrituale streiten: Friedwald oder Seebestattung, katholischer Friedhof oder Anonymität. Alles ist möglich in diesem mit Situationskomik durchsetzten Roman. Ein Roman, der in seiner Direktheit und Dramaturgie nach einer Verfilmung ruft. Karl-Heinz Ott verriet im Gespräch nach der Lesung bei üppigem Fingerfood und gutem Wein, dass er darüber in Verhandlungen sei.

Heimat trifft Heimat

Karl-Heinz Otts Text passte hervorragend in Reihe „Literatur im Salon“ des Schriftstellerhauses Stuttgart, die dieses Jahr den Titel „Heimat trifft Heimat“ trägt. Von Mai bis zum 10. Oktober wird sie in wechselnden Privatwohnungen in Stuttgart durchgeführt. Die Gastgeber wohnen in ganz unterschiedlichen Orten: im Stuttgarter Zentrum, im Osten, auf der Gänsheide, in Botnang, Uhlbach, Hedelfingen oder in Degerloch. Sie verfügen über ausreichend Platz für 25 Gäste, ob im Wohnzimmer, auf der Terrasse oder im anliegenden Garten. Die Autorinnen und Autoren Jagoda Marinić, Shida Bazyar, Uta-Maria Heim, Regina Scheer, Walle Sayer, Pierre Jarawan und Bov Bjerg werden aus ihren Werken lesen, die das Thema Heimat in den Blick nehmen. Die AutorInnen kommen aus Kroatien, Iran, dem Libanon und aus Baden-Württemberg.

karl-heinz-ott-02Die Auferstehung
352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Carl Hanser, Preis: 22,90 €
zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

Wolfgang Haenle mit neuen Texten

15.05.2016 at 17:35
Wolfgang Haenle im Schriftstellerhaus

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Wolfgang Haenle stellte am 12. Mai im Schriftstellerhaus Stuttgart neue Texte in der Reihe „Forum der Autoren“ vor. Es sind unveröffentlichte Texte, die er dem Publikum präsentierte. Dankenswerter Weise hatte er für die ZuhörerInnen einen großen Teil der Gedichte kopiert, so dass sich eine rege Diskussion über die Texte entwickeln konnte.

Wolfgang Haenle ist ein „spätberufener Lyriker“. 1945 in Altötting geboren, aufgewachsen in Göppingen, studierte er Maschinenbau und Technische Fotografie in Stuttgart. Auf seiner Homepage gewährt er Einblick in sein fotografisches Schaffen. Aber erst gegen Ende seines aktiven Berufslebens begann er sich intensiv mit der Lyrik auseinander zu setzen. 2011 veröffentlichte er seinen ersten Lyrikband mit Liebesgedichten: „eine hand voll du“. Regelmäßig veröffentlichte er in Gedichtanthologien. Die achtzehn Gedichte, die er an diesem Abend mit ins Schriftstellerhaus brachte, sind noch nirgendwo erschienen.  Seine Geburtsstadt Altötting, eine berühmte Pilgerstadt fand Eingang in eines seiner Gedichte. Wir wissen, welche bekannte Persönlichkeit aus der Gegend kam: Papst Benedikt VI., der „Joseph Aloisius“.

Wolfgang Haenle hat sich konsequent der Kleinschreibung in seinen Gedichten verschrieben. Aber auch sonst ist er formal streng, mal verwendet er die Form des Sonetts, dann wieder die der Sestine. Wobei er dem Reim und dem Jambus elegant ausweicht. Er kennt die Formen, folgt ihnen aber nicht streng. Wie viele moderne Lyriker lässt er den Reim links liegen. Und doch ist seine Lyrik von formaler Eleganz. Seine Themen findet er überall: die „Schnapp“-Schildkröte Lotti, die in der Bild-Zeitung Überschrift wurde:  „Ente in die Tiefe gezogen: Alligator-Schildkröte Lotti wieder da“. Oder bei Edgar Degas, dem impressionistischen Maler, dem er ein Gedicht unter dem Namen „leidenschaft“ widmet.

Für Wolfgang Haenle ist die Natur eine Fundgrube

Betrachtungen der Natur wurden bereits von dem von ihm hochgeschätzten Dichterkollegen Jan Wagner zu Lyrik verdichtet. Auch Wolfgang Haenle schreibt Gedichte, die sich diesem Genre verpflichtet fühlt. Ob er den in den in den offenen Savannenlandschaften und bewaldete Flussgebiete des Tief- und Hochlands des südlichen Afrikas beheimateten Kaffernbüffel oder den Kormoran beschreibt, immer findet er eindrucksvolle Bilder. Im Gedicht Kormoran blitzt eine andere Leidenschaft des Autors auf: die Fotografie. Darin heißt es:
... schlaff hängt die sony
ein griff. dann ist sie ganz oben. der gurt zurrt an der schulter

Aber auch eine Wanderung ist es ihm wert, zu Lyrik verdichtet zu werden. Wieder erwähnt er darin die Kamera, die ihm ein ständiger Begleiter scheint. Humorvoll blickt er auf die Esoterikszene, wenn er über „gruppentherapie“ schreibt, und sie dort verortet, wo Bachblüten dreizehn Feen treffen, der Meister ein biegsamer ist.

Immer wieder unterbrach Wolfgang Haenle seinen Vortrag und gab Raum für die Diskussion mit dem Publikum. So entstand fast schon so etwas wie schriftstellerische Arbeitsatmosphäre im Schriftstellerhaus, das mit diesem Format „Forum der Autoren“ genau das beabsichtigt.

Wolfgang Haneles beiden Lyrikbände sind beim Stuttgarter Schweikert-Bonn-Verlag erschienen:

eine hand voll du
Broschiert, 140 Seiten, Preis: 11,50 €

b.antwortet
Gebunden, 136 Seiten, Preis: 17,00 €

zu erwerben in jeder Buchhandlung Ihres Vertrauens

 

Magdalena Schrefel stellt sich vor

19.03.2016 at 17:00
Magdalena Schrefel

Magdalena Schrefel mit Viktor Dallmann bei ihrer szenischen Lesung

 

Schon seit Anfang Februar weilt Magdalena Schrefel als Stipendiatin im Schriftstellerhaus. Am 17. Februar stellte sie sich eben dort vor. Sie hatte den Text mitgebracht, an dem sie während ihres Stipendiums arbeiten will. Die Vorsitzende des Vereins, Ingrid Bussmann, stellte die junge Frau kurz vor. Magdalena Schrefel stammt aus Wien und arbeitet seit 2014 als freie Autorin. Nach ihrer Matura arbeitete sie im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienst ein Jahr in Vukovar, Kroatien, ging dann für ein Jahr nach Göteborg zur Ausbildung im Bereich Projektmanagement für NGO und Sozialen Bewegungen.

Ihren Bachelore im Studium Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig hat sie mit einem Theatertext erlangt. Bisher hat sie noch nicht an längeren Prosatexten gearbeitet, sie will die Zeit ihres Stipendium nutzen, ihren ersten Roman zu beginnen. Als Arbeitstitel hat sie „Reisebleiche Lider“ gewählt, allerdings ist der Titel wie auch der Text ständig im Fluss. Darin beschreibt sie zwei Frauen auf einer Busreise irgendwo in Südeuropa an der Grenze zu Griechenland. Der Bus ist ihnen davon gefahren und die Icherzählerin steht mittellos da, offensichtlich in Griechenland, denn sie kann an keinem Automaten Geld ziehen, das es schlicht nicht mehr gibt.

Die Eingangsszene las Magdalena Schrefel zusammen mit Viktor Dallmann. Er weilt zur Zeit ebenfalls im Schriftstellerhaus, absolviert hier ein Praktikum, bevor sein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig im nächsten Semester beginnt. Da Magdalena Schrefel vom Schreiben fürs Theater kommt, passt die Lesung mit zwei Lesenden gut.

Magdalena Schrefel und ihr Text in kritischer Diskussion

Unter den Zuhörern im Schriftstellerhaus waren einige erfahrene Schriftsteller des Hauses und so entspannte sich eine Art Werkstattgespräch über den Text, es gab sowohl Lob als auch Kritik. Der Text sei sauber erzählt und verließe sich auf die Geschichte, allerdings sei er auch hochredundant. Die Personen bleiben noch schemenhaft, Empathie stellt sich für sie nicht ein. Das sei ein großer Vorsatz von ihr, erläuterte Magdalena Schrefel und ja, es gäbe keinen (oder noch keinen) Plot. Das „Plotten“ hätte ihr noch nie gelegen, auch am Literaturinstitut hätte sie damit immer Probleme gehabt, verriet die angehende Romanautorin. Sie interessiere mehr für die kleinen Risse in einer Geschichte, für das Geheimnis unter der Oberfläche, das dadurch sichtbar würde und die Frage, was passiere, wenn die Risse größer würden.

Der vorgestellte Text sei überwiegend im Konjunktiv geschrieben und behielte doch eine gewisse ästhetische Betulichkeit, so eine kritische Stimme. Aber alle waren sich einig, dass ein begründetes Urteil im gegenwärtigen Stadium des Textes nicht gesprochen werden könne. Auf jeden Fall wäre man auf den fertigen Text gespannt, der sicher ganz anders aussehen wird, wie die Autorin selber einwarf.

Eine weitere Begegnung mit der Stipendiatin ist am Montag, 18. April 2016 um 19 Uhr 30 in der Galerie InterArt vorgesehen. Sie wird mit zwei ehemaligen Kommilitoninnen aus Leipzig eine Lesung fiktiver, fiktionalisierter und faktischer Ansichtskarten unter dem Titel „Das Wetter ist schön. Das Essen schmeckt gut.“ veranstalten. Näheres siehe hier.

Alles Dada oder was?

28.02.2016 at 22:39
dada Faul und Braun

Eckhard Faul und Michael Braun präsentieren Dada-Texte

Dada ist 100 Jahre alt geworden und das Schriftstellerhaus veranstaltete dazu eine Revue mit zwei ausgewiesenen Kennern der Materie. Eckhard Faul und Michael Braun „gastierten“ mit ihrem Vortrag am 25. Februar im Schriftstellerhaus Stuttgart in der Kanalstraße 4. Viele Sendungen haben den Geburtstag des Dadaismus am 5. Februar 1916 in den Blick genommen, hundert Jahre nach der Gründung des legendären Cabaret Voltaire durch Hugo Ball und seiner Freundin Emmy Hennings in Zürich – unweit von Lenins Exilwohnung – in der Spiegelgasse 1. Modern, provokativ und erfinderisch rechnete diese neue Kunstrichtung unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges mit den verlogenen Idealen der Gesellschaft ab, die den Krieg herbeigeführt hatten.

Die Welt versinkt in einem Weltkrieg und die Künstler suchen nach neuen künstlerischen Ausdrucksweisen

Eckard Faul und Michael Braun hatten keinen Schamanenhut dabei wie ihn Hugo Ball am 5. Februar 1916 in der „Künstlerkneipe Voltaire“ trug, die wenig später in Cabaret Voltaire umbenannt wurde. Und sie spannten den zeitlichen Horizont noch einige Jahre weiter auf: Schon 1914 schrieb Hugo Ball unter dem Pseudonym Klarinetta Klaball zusammen mit Klabund und Marietta die Monaco einige Gedichte (Teile aller ihrer Namen finden sich in dem gewählten Pseudonym). In Berlin gehörte er zu der expressionistischen Avantgarde. Hugo Ball entwickelte sich zu einem resoluten Kriegsgegner und beschäftigte sich intensiv mit Revolutionsbewegungen und Anarchismus. 1915 veranstaltete er eine Gedächtnisfeier für gefallene Dichter, deutsche und französische (!). Ende Mai 1915 floh er mit seiner späteren Frau Emmy Hennings in die Schweiz.

Für Hugo Ball wird kreative Entgrenzung zum Programm: „Ich will keine Worte, die andere erfunden haben. Alle Worte haben andere erfunden. Ich will meinen eigenen Unfug, und Vokale und Konsonanten dazu, die ihm entsprechen. Diese vermaledeite Sprache… Das Wort will ich haben, wo es aufhoert und wo es anfängt.“

In Zurüch erblickt Dada das Licht der Welt

In Zürich traten die Künstler Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck auf die Kleinkunstbühnen und formulierten im Juli 1916 im Cabaret Voltaire ihr „Dada-Manifest“, in dem es hieß:
„Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Dada sagt. Wie wird man berühmt? Indem man Dada sagt. Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand. Bis zum Irrsinn. Bis zur Bewußtlosigkeit. Wie kann man alles Journalige, Aalige, alles Nette und Adrette, Bornierte, Vermoralisierte, Europäisierte, Enervierte, abtun? Indem man Dada sagt. Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou. Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.“

Das Lautgedicht wird bei Dada Programm

Nur zu gerne wüsste man, wie Hugo Ball sein Lautgedicht «Karawane» im kubistischen Kostüm als magischer Bischof vorgetragen hat. Es gibt keine Tondokumente aus dem Cabaret Voltaire. In seinem Tagebuch schreib Hugo Ball zu seiner Rezitation:

„Die schweren Vokalreihen und der schleppende Rhythmus der Elefanten hatten mir eben noch eine letzte Steigerung erlaubt. Wie sollte ich’s aber zu Ende führen? Da bemerkte ich, dass meine Stimme, der kein anderer Weg mehr blieb, die uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation annahm, jenen Stil des Messgesangs, wie er durch die katholischen Kirchen des Morgen- und Abendlandes wehklagt. Ich weiss nicht, was mir diese Musik eingab. Aber ich begann, meine Vokalreihen rezitativartig im Kirchenstile zu singen und versuchte es, nicht nur ernst zu bleiben, sondern mir auch den Ernst zu erzwingen.“ (Hugo Ball: „Die Flucht aus der Zeit“, Wallstein-Verlag)

Eckhard Faul rezitierte das Lautgedicht „Karawane“ weder im kubistischen Kostüm noch als magischer Bischof.

Schon nach wenigen aufreibenden Monaten des Cabaretbetriebs zog sich Hans Ball ins Tessin zurück. Mit der Galerie Dada kehrte er dann noch einmal für kurze Zeit nach Zürich und zum Dadaismus zurück. Während Balls Weggefährten DADA zu einem Credo erhoben, von dem sie ihr Künstlerleben lang zehrten, blieb es für Ball nur Episode. Er konvertiert zum Katholizismus, studiert die alten Mystiker hielt Vorträge in Deutschland und der Schweiz. Trotz der kurzen Dada-Phase entstand ein vielfältiges dadaistisches Werk, das die richtungsweisenden 10 Lautgedichte umfasst, ein „bruitistisches Krippenspiel“ und den DADA-Roman „Tenderenda der Phantast“ (beide posthum veröffentlicht).

Von Hans Arp hier das Gedicht Opus Null, veröffentlicht 1924:

Richard Huelsenbeck, der sich in Zürich zu Hugo Ball gesellt und in Hans Arp und Tristan Tzara Gleichgesinnte gefunden hatte, gründet 1918 in Berlin Club Dada. Von ihm stammt das Gedicht die Dada Schalmei:

Tristan Tzara rezitierte im Cabaret Voltaire „Negerlieder“. Sie erfüllen sicher nicht mehr den Tatbestand sprachpolitischer Korrektheit. Aus manchem Reim funkelt der Glanz vergangener Epochen. Seine Lautgedichte nahmen die Neugierde der Zeit nach Exotik auf und verwandelten sie in priesterlichen Singsang, mit fremden Lauten spielend. Auch damals schon: die Kleinschreibung als Stilmittel.

Michael Braun trug ein Gedicht aus dem Negerliedzyklus vor, den Sotho-Neger:

Der deutsche Künstler, Maler, Dichter und Werbegrafiker Kurt Schwitters gehörte ebenfalls zum Kreis der Dadaisten. In Stuttgart ist er mit seinem grafischen Werk in der Staatsgalerie vertreten. Für den Dichter Schwitters war das Jahr 1919 der Durchbruch zu einem eigenständigen Stil mit dem Gedicht „An Anna Blume“:

Mit der Revue DADA 100 hat das Schriftstellerhaus an diesem Abend durch die beiden Kenner der Materie, Michael Braun und Eckard Faul, einen guten und amüsanten Einblick in diese wichtige Kunstform aus dem Anfang des vorherigen Jahrhunderts geben.

Harro Zimmermanns Biografie über Friedrich Sieburg

02.02.2016 at 1:00
Friedrich Sieburg

Die Buchvorstellung der Biografie über Friedrich Sieburg von Harro Zimmermann sorgt für engagierte Diskussion

 

Der Autor Harro Zimmermann war am 26. Januar zu Gast im Schriftstellerhaus. Sein neues Werk ist die Biographie eines glänzenden Stilisten und bedeutenden konservativen Literaturkritikers der frühen Bundesrepublik: Friedrich Sieburg. Aber schon bei dieser Beschreibung erhitzte sich die Diskussion im Schriftstellerhaus. Die Urteile einiger geachteten literarischen Persönlichkeiten waren nicht zimperlich:

„ … die größte, stinkende Kanalratte.“ (Alfred Andersch)
„Ein Letterngefräßiger, Formsüchtiger, Fabelverliebter.“ (Fritz J. Raddatz)
„ … ein großer Lump, … ein Arschloch.“(Arno Schmidt)

Aber auch Bewunderung wurde ihm immer wieder entgegengebracht:
„Der große Sieburg, … der verehrteste Deuter des Traditionellen wie des Zukünftigen.“ (Gottfried Benn)
„Ein Weltjournalist mit angenehmer Leichtigkeit.“ (Ernst Jünger)

Er hat sich als Nazikollaborateur durch den Faschismus gebracht. War im auswärtigen Dienst und auch sein Autobiograf attestiert ihm menschlich eher zweifelhafte Eigenschaften, sowohl als Pariser Korrespondent für die „Frankfurter Zeitung“ (FZ) (seit 1926), als auch als Mitglied des Auswärtigen Amtes während der Besatzung Frankreichs. Vier Ehefrauen hat er verschlissen, von einer weiß man aus ihren Tagebüchern von seinen sadomasochistischen Neigungen.

Zahlreichen deutschen Emigranten in Paris konnten nach 1933 keine Hilfe von dem FZ- Korrespondenten erwarten, der mondän-herablassend auftrat. Wenn sein Biograf auch viele seiner Eskapaden relativiert, das kreidet er ihm an.

Friedrich Sieburg – Kollaborateur des Nazi-Regimes

Der frühere Friedrich Sieburg-Freund Kurt Tucholsky schrieb über ihn:
„Ein Talent, doch kein Charakter. Die Franzosen glauben es ihm nicht mehr. Er soll Botschafter werden. Und uns in Ruhe lassen“.
Und so kam es: 1939 wird der Ex-Journalist Botschaftsrat für das Ribbentropsche Außenamt in Brüssel und Paris. Damit gehörte er zur Elite-Formation des deutschen Besatzungspersonals. Ihm obliegt die Vermittlungsarbeit für die Nazipropaganda in Frankreich. Er ist sich nicht zu schade, gegen Heinrich Heine antisemitisch zu polemisieren.

Friedrich Sieburg erlebte das Kriegsende in der französischen Besatzungszone und wurde umgehend mit einem Publikationsverbot belegt, das bis 1948 andauerte. 1948 begann seine Rehabilitation. Er wurde er Mitarbeiter der Wochenzeitschrift Die Gegenwart, seit 1949 auch ihr Mitherausgeber. Seit 1956 arbeitete er für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, er war bis zu seinem Tode einer der bedeutendsten Zeit- und Literaturkritiker Deutschlands. Friedrich Sieburg war rehabilitiert. Ironie der Geschichte: der von den Nazis verfolgte Marcel Reich-Ranicki folgte ihm auf diesem Posten.

Vom Mitläufer der Nazis zur einflussreichen Persönlichkeit der Adenauerära

Friedrich Sieburg unterstützte die Regierung Adenauer. Er war ein vehementer Gegner der Nachkriegsliteratur: Zur Gruppe 47 stand er in heftiger Opposition, kritisierte ihren Versuch eines Neuanfangs nach dem Untergang des Faschismus mehrfach in scharfer bis polemischer Form.

Baden-Württemberg ernannte Sieburg 1953 zum Professor und er wurde Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. In meinen Augen ein weiterer Skandal in der jungen Demokratie: Nicht nur Juristen, Politiker und Militärs fassten wieder Fuß in der neuen Bundesrepublik sondern auch Propagandisten des faschistischen Regimes kamen in Schlüsselstellungen der Meinungsführerschaft. Es ist ein schier unendliches Kapitel der Nichtbestrafung und Rehabilitation der Täter in der jungen deutschen Nachkriegsdemokratie. Mit diesem intellektuellen Stilisten wird eine weitere Seite aufgeschlagen.

Mit Friedrich Sieburg vollendete Harro Zimmermann seine Trilogie über Persönlichkeiten des deutschen Konservativismus. Er hat über Friedrich Schlegel und Friedrich Gentz geschrieben, nun der „dritte Friedrich“. Warum der deutsche Literaturwissenschaftler, Publizist und Rundfunkredakteur, der zur Zeit der Aufbruchstimmung der Achtundsechziger studierte und heute Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland ist, sich so ausführlich mit dem konservativen Denken beschäftigt, bleibt mir rätselhaft.

Die Literaturredakteurin Silke Behl von Radio Bremen hat im August 2015 mit Harro Zimmermann über sein Buch gesprochen. In weiten Teilen breitet er seine Gedanken zu Friedrich Zimmermann in dem Interview so aus, wie er es im Schriftstellerhaus getan hat. Hier kann man das Interview nachhören.

Friedrich Sieburg – Ästhet und Provokateur
Eine Biographie
488 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Wallstein Verlag, Preis: 34,90 €

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Thomas Rosenlöcher und die Pflastersteine

19.11.2015 at 18:28
Thomas Rosenlöcher

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Thomas Rosenlöcher, derzeitig noch Stipendiat im Schriftstellerhaus, las aus seinem Tagebuch der Wendezeit Die verkauften Pflastersteine am 18. November in der Kanalstraße 4. Er hatte schon zu Beginn seines Stipendiums an diesem Ort aus seinem lyrischen Werk gelesen. Er ist ein Lyriker, der sich zeitlebens eingemischt hat. Der widersprochen hat. Dass dieser Abend von lebhaften Diskussionen geprägt war, verwundert daher nicht. Was, so wurde gefragt, ist heute mit den Menschen in Dresden los, die sich zu tausenden einem rechtspopulistischen Bündnis anschließen? Was ist aus dem demokratischen Aufbruch im Herbst 89 geworden? Nationale Töne herrschten auch 89, erzählte Rosenlöcher. Wie im Dezember 1989 beim Besuch von Helmut Kohl in Dresden, werden bei Pegida schwarz-rot-goldene Fahnen geschwenkt. Ihm ist diese Bewegung genauso unheimlich wie uns.

Gehen oder bleiben

In seinen Textpassagen wird sein genauer, gelassener und ironisch-skeptischer Blick auf die Tage der Wende deutlich. Doch auch sein Selbstzweifel. Kollegen von ihm hatten die DDR Jahre vorher Richtung Westdeutschland verlassen. Sollte er ihnen nachfolgen? Er überlegte, sich um ein Stipendium in Worpswede zu bewerben. Er fürchtete, der Kummer mache ihn provinziell und das immer gleiche Gejammer über Unfreundlichkeit und Verfall mache ihn utopie- und kunstunfähig. Er verließ nicht die DDR. Lakonisch urteilt er über die Gegangenen: „Keiner ist besser geworden.“

Er blieb und schrieb über diese Zeit. Die Redaktion der Dresdner Tageszeitung Union fragte im Herbst 89 bei ihm an, ob er ihnen seine Texte zum Abdruck geben würde. Er fragte ungläubig, ob sie das unzensiert tun wollten. „Ja“. Da wusste er, eine neue Zeit ist angebrochen. Auch nach dem Fall der Mauer, 9. Oktober, notierte er weiter in seinem Tagebuch seine Gedanken und Beobachtungen zum Übergang.

Biere sind der Generalsekretär des kleinen Mannes

Von Prügeleien mit Polizisten erzählte er, den anfänglich verhaltenen Spaziergängen durch die Stadt. Die Teilnehmer wurden mehr, obwohl sie nie die Zahl der in Leipzig demonstrierenden erreichten. Leipzig war das Zentrum der Montagsdemos, Dresden eher eine Randerscheinung. Bei Pegida ist das heute umgekehrt. Die größten Massen mobilisiert das Dresdner Bündnis. Er mischt sich immer wieder unter die Demonstranten, um zu erfahren, was sie treibt, diesen Demagogen hinter her zu laufen. Es sind keine strammen Rechtsradikale, die fahnenschwingend durch die Innenstadt ziehen. Eher verängstigte Kleinbürger, die in Scharen aus den umliegenden Ortschaften angereist kommen, Schilder mit den Namen ihrer Orte in die Höhe recken. Verängstigte, die um ihren Besitz fürchten, die ihr Bier in Ruhe im Garten trinken wollen und die auf die Frage, was sie von der Vereinigung gehabt haben antworten: „Den Schaden!“ Verunsichert wie auch 1989. Damals schrieb Thomas Rosenlöcher über den hohen Bierkonsum der Leute: Biere sind der Generalsekretär des kleinen Mannes. Er bezeichnet das als „muffig“, für ihn der schlimmste Begriff überhaupt für die Zustände. Muffig war die DDR und muffig sind die Anhänger von Pegida.

Thomas Rosenlöcher spürt im heutigen Dresden, was wir auch in Stuttgart spüren: Die Stadt ist gespalten. Dort stehen den Pegida-Anhängern ebenso viele Menschen gegenüber, die für ein tolerantes Miteinander eintreten. Hier hat die Frage nach dem Neubau des Bahnhofs die Bevölkerung gespalten. Bei aller Freude über das Geschenk des Neuanfangs 1989 hat er das Verdummungspotential der Menschen bei weitem unterschätzt.

Die verkauften Pflastersteine
Taschenbuch, 115 Seiten
Suhrkamp Verlag, Preis: 7,00 €

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